Wir werden die gewesen sein, die alles wussten, aber kaum etwas gemacht haben. (Roger Willemsen)

Man mag mich einen hoff­nungs­lo­sen Idea­lis­ten schimp­fen, und man hät­te Recht. Ich könn­te, anstatt mir ein Was­ser­stoff-Auto zu kau­fen, das vie­le Geld, das es kos­tet, neh­men und in mei­ne Ren­te inves­tie­ren. Ich wäre dann nach heu­ti­ger Ratio­na­li­tät ver­nünf­tig. 

Wir wer­den die gewe­sen sein, die alles wuss­ten, aber kaum etwas gemacht haben. Wir haben eine Welt geschaf­fen, die im Ver­gleich zu frü­he­ren Wel­ten her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Wir ster­ben nicht mehr mas­sen­wei­se. Wir sind viel fried­li­cher als frü­he­re Men­schen. Wir sind (man­che wer­den sagen: nur ein biß­chen!) sozia­ler, gesün­der und älter gewor­den, und wir haben den Hun­ger auf der Welt zurück­ge­drängt. Vor „unse­rem“ Hin­ter­grund (also vor den Maß­stä­ben unse­rer Phi­lo­so­phie, unse­rer Wer­te und Glau­bens­sät­ze) haben wir alles rich­tig gemacht.

Ein böser und gera­de­zu unmensch­li­cher Gedan­ke, hier an Tho­mas Robert Mal­thus zu erin­nern, der bereits Ende des 18. Jahr­hun­derts zu wis­sen glaub­te, dass jed­we­de Hil­fe letzt­lich zu mehr Men­schen führt. Dann müss­ten wir auch in Betracht zie­hen, dass all unse­re Anstren­gun­gen nur noch mehr von uns gemacht haben. Die Hoff­nung lau­tet: Wenn, wie heu­er vie­ler­orts zu beob­ach­ten ist, erst ein­mal eine gewis­se „Sät­ti­gung“ ein­ge­tre­ten ist, wer­den wir auch wie­der weni­ger. Andern­falls blie­be uns nur ent­spre­chen­de Poli­tik, und dass auch sol­che Poli­tik zu mas­si­ven gesell­schaft­li­chen Pro­ble­men füh­ren kann, sehen wir spä­tes­tens in Chi­na.

Waren wir gute Men­schen? Oder bes­ser: Wer­den wir gute Men­schen gewe­sen sein? Ja, wir waren gute Men­schen — gemes­sen an dem, was frü­he­ren Genera­tio­nen wich­tig war zu ver­än­dern.

Aber es ist nicht mehr frü­her. Die Welt sieht heu­te anders aus. Klar kann man alles infra­ge stel­len, bspw. ob Koh­len­di­oxid „die Wäh­rung“ ist, mit der man Nach­hal­tig­keit mana­gen kann. Die ein­zel­nen The­men im Zusam­men­hang mit der Nach­hal­tig­keit mögen angreif­bar sein, ob der Kli­ma­wan­del tat­säch­lich so schnell statt­fin­det, wie eini­ge ver­mu­ten, ob die Tem­pe­ra­tur­er­hö­hung blei­bend ist usw.

Aber wenn man das Gesamt­bild betrach­tet — den Rück­gang der Insek­ten und Vögel, die Ver­än­de­rung der Mee­re, die Brän­de, die Ver­dich­tung der Böden durch die Land­wirt­schaft, die immer noch gras­sie­ren­de Abhol­zung, die Ver­sie­ge­lung der Böden, die hier und da pas­sie­ren­den Kata­stro­phen durch kaput­te Öltan­ker oder hava­rie­ren­de Kraft­wer­ke oder explo­die­ren­de Indus­trie­an­la­gen — dann kommt man viel­leicht zu ande­ren Schlüs­sen. Dann haben die jun­gen Leu­te viel­leicht Recht.

Apro­pos jun­ge Leu­te: Frei­lich ist es nicht beson­ders schlau (auch und vor allem mit Blick auf das Schick­sal der betrof­fe­nen jun­gen Frau), eine Sech­zehn­jäh­ri­ge zur Iko­ne zu machen, und frei­lich muss der Mensch immer etwas glau­ben, sich irgend­was ein­bil­den. Aber wahr ist auch, dass wer sich von den aktu­el­len Bil­dern aus Bra­si­li­en oder Aus­tra­li­en nicht anrüh­ren lässt, kein Herz hat. 

Wann sind wir zuletzt vor Ehr­furcht vor einem alten Baum oder dem Ruf eines wil­den Tiers erstarrt? Wann hat­ten wir zuletzt ein Gefühl von Ach­tung vor der Schöp­fung? Viel­leicht hat­ten „wir“ das nie, viel­leicht waren es immer nur ein­zel­ne Gärt­ner, Jäger, Natur­for­scher, Roman­ti­ker oder Spin­ner. Viel­leicht bin auch ich so ein Spin­ner. 

Ich will fra­gen: Was wird wich­tig gewe­sen sein, wenn wir ster­ben? Wir neh­men nichts mit, wenn es ein­mal soweit ist; wir wer­den als Ein­zel­ne gebo­ren, und wir ster­ben als Ein­zel­ne, und unse­re All­tags­prio­ri­tä­ten sind vor dem Hori­zont eines gan­zen Lebens alles ande­re als wich­tig. Wir könn­ten auch anders leben. 

Könn­ten… aber wie? Das ist fürch­ter­lich schwer. Wie soll man die ein­mal ein­ge­schla­ge­nen Pfa­de ver­las­sen? Wie soll man unse­re heu­ti­gen Gewohn­hei­ten, die auf hoch­gra­dig kom­ple­xen logis­ti­schen Ket­ten beru­hen, ändern? Wir kön­nen nicht „ein­fach so“ gan­ze Indus­tri­en umbau­en. Wir kön­nen man­che Sachen las­sen, man­che Aus­flugs­damp­fer ver­schrot­ten und man­che Unter­neh­men zusper­ren (aber wel­che genau?). Und wir kön­nen for­schen und uns anstren­gen. Denn das kön­nen wir gut: in gro­ßen Zusam­men­hän­gen koor­di­niert arbei­ten. Wir brau­chen dafür eine gute Vor­stel­lung von der Zukunft, Zeit und Mut.

Ich hel­fe von Berufs wegen Orga­ni­sa­tio­nen dabei, bes­ser zu funk­tio­nie­ren. Ist das gut? Vor dem Hin­ter­grund unse­rer heu­ti­gen Wert­vor­stel­lun­gen: ja. Aber was wird das Fazit am Ende mei­nes Lebens sein? Wer­de ich mei­nen Kun­den „rich­tig“ gehol­fen haben? Oder wer­de ich nur man­che ohne­hin schon effi­zi­en­ten „Maschi­nen“ nur noch effi­zi­en­ter gemacht haben? Das Schick­sal vie­ler Effi­zi­enz­ge­win­ne ist die­ses: Sie wer­den vom Wachs­tum ein­fach auf­ge­fres­sen — oder kor­rek­ter for­mu­liert: Mehr Effi­zi­enz hat oft­mals nicht weni­ger Res­sour­cen­ver­brauch, son­dern mehr Wachs­tum zur Fol­ge.

Wir haben zwei Maß­stä­be übrig, nach­dem die „gro­ßen Erzäh­lun­gen“ (Reli­gio­nen, Ideo­lo­gi­en, Staa­ten…) immer wei­ter mar­gi­na­li­siert wur­den — wir haben das, was uns zusam­men­hält, und wir haben den Pla­ne­ten. Sonst gibt es, fürch­te ich, nichts mehr von (glo­ba­ler) Bedeu­tung. Ach ja, da ist ja noch das Ich mit sei­nen Bedürf­nis­sen und sei­ner Selbst­ver­wirk­li­chung. Aber wenn wir die­se Ansamm­lung von Kom­fort­zo­nen­op­ti­mie­rern blei­ben, die wir sind, wird es nix mehr mit uns und dem Pla­ne­ten, das scheint immer siche­rer zu wer­den. Dann fah­ren wir noch ein paar Jah­re drei, vier Mal im Jahr in den Urlaub und über­las­sen die Zukunft unse­ren Kin­dern.

Ich fürch­te, dass wir tat­säch­lich „allein“ sind (= es kei­nen Gott gibt) — und dass wir nicht „erleuch­tet“ sind, son­dern uns anstren­gen müs­sen. So lan­ge es noch Gren­zen (Reli­gio­nen, orga­ni­sier­te Bor­niert­heit oder rohe Gewalt) gab, war der wirk­lich freie Mensch ein Traum. Jetzt ist er da (zumin­dest in Tei­len der Welt) — nur um wie­der­um mit (neu­en) Limi­tie­run­gen zu tun zu haben. 

Erst hat­ten wir uns die Limi­tie­run­gen selbst auf­er­legt, ohne uns des­sen bewusst zu sein. Als sich der Mensch sei­ner selbst „bewusst“ wur­de (durch die Spra­che), ent­stand Kul­tur. Die bis­he­ri­gen Begren­zun­gen unse­rer Frei­heit — im Wesent­li­chen Herr­schaft und Reli­gi­on — sind Arte­fak­te unse­rer Kul­tu­ren. Jetzt haben wir uns gleich­sam von vie­len Limi­tie­run­gen unse­rer Kul­tur befreit — nur um neue Limi­tie­run­gen durch die Fol­gen unse­res kol­lek­ti­ven Han­delns auf­er­legt zu bekom­men. Die Frei­heit von Auto­ri­tät, Zwang und Kon­ven­tio­nen fällt uns leicht. Aber nun, da wir frei sind, hapert es mit der Frei­heit zu einer uns alle ver­bin­den­den Ver­ant­wor­tung. Es gibt nichts mehr, was uns begrenzt — außer uns selbst. Wir müss­ten uns als freie Men­schen selbst Limi­tie­run­gen auf­er­le­gen. Statt­des­sen fei­ern wir uns selbst — auf Kreuz­fahrt­schif­fen oder mit der vier­ten Urlaubs­rei­se im Jahr — und wer­den dabei unge­wollt wie­der unfrei, näm­lich zu Opfern unse­rer eige­nen Hand­lun­gen — inso­fern man die öko­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen als Fol­gen unse­rer Hand­lun­gen ansieht oder aner­kennt.

Viel­leicht war der Mensch das schon immer — zugleich Wun­der­werk und Zer­stö­rer sei­ner selbst. Nur ist der Modus nicht mehr stam­mes­be­zo­gen oder auf einen Herr­scher oder Staat oder eine Regi­on beschränkt, son­dern glo­bal.

Jörg Hei­dig

PS: Die­ser Text ist ursprüng­lich auf 3mag.eu in tsche­chi­scher, pol­ni­scher und deut­scher Spra­che erschie­nen.