Überblick zum Seminar „Einführung in die Psychologie”

Wenn man eine brauch­ba­re Wis­sens­ba­sis zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­lo­gie sucht, lan­det man schnell bei Zim­bar­dos „Psy­cho­lo­gy and Life” (deutsch: Psy­cho­lo­gie), das einen Über­blick über die sie­ben zeit­ge­nös­si­schen Per­spek­ti­ven der Psy­cho­lo­gie (psy­cho­dy­na­misch, beha­vio­ris­tisch, huma­nis­tisch, kogni­tiv, kul­tur­ver­glei­chend, evo­lu­tio­när, physiologisch/biologisch) gibt. Dem­entspre­chend bil­det Zim­bar­dos Buch auch die Grund­la­ge vie­ler Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­lo­gie.

Hier soll hin­ge­gen ein etwas ande­rer Ansatz gewählt wer­den. Anstel­le eines ori­en­tie­ren­den Über­blicks zum Stand der Wis­sen­schaft sol­len der Mensch selbst und die Fak­to­ren, die sei­ne Ent­wick­lung beein­flus­sen, in den Mit­tel­punkt der Betrach­tun­gen gerückt wer­den. Es geht dabei nicht so sehr um das rei­ne psy­cho­lo­gi­sche Wis­sen, son­dern eher um den psy­cho­lo­gi­schen Blick­win­kel selbst. Die Leit­fra­ge ist, wie der Mensch in die Welt kommt und wel­che Fak­to­ren sein Dasein in der Welt bedin­gen – wie er sich selbst ent­wi­ckelt und was pas­siert, wenn er mit sei­nes­glei­chen grö­ße­re sozia­le Ein­hei­ten zu bil­den beginnt.

Es gibt zwei Prä­mis­sen, die mei­nen Dar­stel­lun­gen zur Ein­füh­rung in das psy­cho­lo­gi­sche Den­ken zugrun­de lie­gen:

  1. Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät: Mit der expo­nen­ti­el­len Ver­meh­rung des Wis­sens und der Zunah­me der Kom­ple­xi­tät in bei­na­he allen Lebens­be­rei­chen steigt auch die inter­dis­zi­pli­nä­re Ver­net­zung des Wis­sens. So kommt man, wenn man Psy­cho­lo­gie nicht nur auf der Ebe­ne ein­zel­ner Fra­gen oder Hypo­the­sen bear­bei­ten möch­te, ohne eine gewis­se Per­spek­ti­ven­viel­falt nicht aus. Betrach­tet man die sie­ben zeit­ge­nös­si­schen Per­spek­ti­ven nach Zim­bar­do, so fällt auf, dass auch die­se nicht rein „psy­cho-logisch” sind, son­dern häu­fig erst durch die Ver­knüp­fung mit ande­ren Per­spek­ti­ven (Bio­lo­gie, Kul­tur­wis­sen­schaft, Sozio­lo­gie, Phi­lo­so­phie…) ent­ste­hen. Auf einer Meta­ebe­ne könn­te man es mit Ger­hard de Haan und Robert W. Kates (sie­he das Vor­wort im ver­link­ten PDF-Doku­ment) so zusam­men­fas­sen: Gera­de wegen der stei­gen­den Kom­ple­xi­tät der Umstän­de sind nach­hal­ti­ge (und steue­rungs­re­le­van­te!) Erkennt­nis­se nur durch die Ver­bin­dung von for­sche­ri­schen Rou­ti­nen mit sozia­ler Rele­vanz mög­lich. Ziel einer sol­chen hand­lungs­re­le­van­ten Wis­sen­schaft ist es, Akteu­re mit unter­schied­li­chen Stra­te­gi­en (die aus ver­schie­de­nen Wis­sens­wel­ten stam­men) in die Lage zu ver­set­zen, unter unsi­che­ren Bedin­gun­gen gemein­sam zu han­deln. Inter- und trans­dis­zi­pli­nä­res Den­ken bil­det dafür eine ele­men­ta­re Vor­aus­set­zung.
  2. Begrenz­te Hand­lungs­re­le­vanz des vor­herr­schen­den For­schungs­pa­ra­dig­mas in der Psy­cho­lo­gie: Wäh­rend man in den 50er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts im Rah­men eines ordent­li­chen Psy­cho­lo­gie­stu­di­ums noch Gra­pho­lo­gie lehr­te (Bischof 2009), hat sich die Auf­fas­sung von der Psy­cho­lo­gie in den letz­ten sech­zig Jah­ren grund­le­gend gewan­delt: Die Psy­cho­lo­gie ist eine Dis­zi­plin mit natur­wis­sen­schaft­li­chen Metho­den gewor­den, mit allen Impli­ka­tio­nen, die die Über­le­gen­heit der Metho­de (Nietz­sche) mit sich bringt. Bedeu­ten­de Kenn­zei­chen die­ser Ent­wick­lung kön­nen in der aus­ge­präg­ten Spe­zi­fi­tät von For­schungs­fra­gen und der para­dig­ma­ti­schen Homo­ge­ni­tät der Publi­ka­ti­ons­land­schaf­ten gese­hen wer­den. Eine Fra­ge, die immer wie­der Zwei­fel weckt, ist die : Was tut eine hoch spe­zia­li­sier­te Wis­sen­schaft, wenn sich die Her­aus­for­de­run­gen und Fra­gen ändern? Gibt es nicht eine gan­ze Rei­he von Fra­gen, die wir mit quan­ti­ta­ti­ven Metho­den gar nicht bear­bei­ten kön­nen, deren Rele­vanz für die Pra­xis gera­de ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Ver­än­de­run­gen aber sehr hoch ist? Neh­men wir das Bei­spiel der Orga­ni­sa­ti­ons­wis­sen­schaf­ten. In den 90er Jah­ren gab es eine scharf geführ­te para­dig­ma­ti­sche Debat­te unter eini­gen nam­haf­ten Wis­sen­schaft­lern. Die eine Sei­te beton­te die Not­wen­dig­keit eines ein­heit­li­chen For­schungs­pa­ra­dig­mas (Pfef­fer), wäh­rend die ande­re Sei­te gera­de die para­dig­ma­ti­sche Viel­falt als ele­man­t­are Vor­aus­set­zung für eine pro­duk­ti­ve und sich selbst fort­ent­wi­ckeln­de Wis­sen­schaft ansah (Van Maa­nen). Unter den Befür­wor­tern eines ein­heit­li­chen Para­dig­mas gab es sogar Stim­men, die beton­ten, ein ein­heit­li­ches Para­dig­ma sei not­wen­dig, weil es die beruf­li­che Ent­wick­lung von Wis­sen­schaft­lern in ihrer jewei­li­gen Dis­zi­plin ver­ein­fa­che (Glick et al. 2008). Das gegen­wär­tig vor­herr­schen­de Para­dig­ma hat viel für die Ent­wick­lung der Psy­cho­lo­gie bei­getra­gen und soll hier auch nicht in Fra­ge gestellt wer­den. Viel­mehr sind die hier vor­ge­tra­ge­nen Fra­gen und Zwei­fel als Argu­men­te für mehr Para­dig­men­viel­falt auch in der Psy­cho­lo­gie zu ver­ste­hen. Denn es gibt, um mit Edgar H. Schein (2010) zu spre­chen, vie­le Fra­gen gera­de in Bezug auf das orga­ni­sier­te Zusam­men­le­ben von Men­schen, von denen noch so wenig bekannt ist, als dass wir uns auf ein Para­dig­ma ver­las­sen könn­ten. Die aktu­el­len Fra­gen zur Wand­lungs- und Zukunfts­fä­hig­keit von Orga­ni­sa­tio­nen sind der­art kom­plex, dass sie sich quan­ti­ta­ti­ven Annä­he­run­gen weit­ge­hend ver­schlie­ßen. Auch kom­men die unter Orga­ni­sa­ti­ons­ex­per­ten sehr ver­brei­te­ten sys­te­mi­schen Ansät­ze an ihre Gren­zen, weil sie zwar die Wand­lungs­fä­hig­keit beto­nen, aber eine wirk­li­che Pro­blem­ori­en­tie­rung des Vor­ge­hens ver­mei­den. Mut zur Deu­tung und ein mög­lichst offe­ner Dis­kurs über unter­schied­li­che Deu­tun­gen führt – im inter- bzw. sogar trans­dis­zi­pli­nä­ren Sin­ne – zumeist wei­ter als das blo­ße Ver­har­ren inner­halb eines (siche­ren) Para­dig­mas.

Die Bei­trä­ge unter der Rubrik „Ein­füh­rung in die Psy­cho­lo­gie” sind als eine „Rei­se” ent­lang der fol­gen­den Fra­ge­stel­lun­gen zu ver­ste­hen:

Bei die­ser „Rei­se” wer­den immer wie­der eini­ge der klas­si­schen sie­ben Per­spek­ti­ven „besucht”, aber auch ande­re Dis­zi­pli­nen wie die Anthro­po­lo­gie und die Sozio­lo­gie.




Ein Kommentar für “Überblick zum Seminar „Einführung in die Psychologie”

    Eine Antwort von andreas lohfink

    Psy­cho­lo­gie ist heut­zu­ta­ge ein Teil des Lebens­stan­dards. Sie muss in den All­tag. Man kann bei Pro­ble­men auch mit Hil­fe von Psy­cho­lo­gie den Gedan­ken frei machen und das Pro­blem somit been­den. Was ich damit sagen will ist, dass Psy­cho­lo­gie nicht ein­ge­führt wer­den muss, son­dern bereits seit Jahr­hun­der­ten ein­ge­führt wur­de.

Schreibe einen Kommentar