Wie können Polizisten mit Menschen umgehen, die an psychischen Störungen leiden?

Zunächst ist fest­zu­stel­len, dass die Tech­ni­ken dees­ka­lie­ren­der und stres­s­prä­ven­ti­ver Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Regel hilf­reich sind. Aus­nah­men sind bei­spiels­wei­se: Men­schen unter Alko­hol- oder Dro­gen­ein­fluss, Per­so­nen mit anti­so­zia­ler Per­sön­lich­keits­stö­rung und mit­un­ter Men­schen mit para­noi­der Schi­zo­phre­nie.

Her­manutz & Her­manutz (2016, S. 216f.) emp­feh­len in Anleh­nung an Rupp (2010) fol­gen­den Leit­fa­den zum Umgang mit psy­chisch gestör­ten Men­schen:

  1. Vor­feld: Soll­ten Sie bereits vor einem Ein­satz wis­sen, dass Sie mit psy­chisch gestör­ten Men­schen in Kon­takt kom­men wer­den, soll­ten Sie sich die ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen beschaf­fen (las­sen). Vor einem Erst­kon­takt kann es zudem hilf­reich sein, Kon­takt zu Ange­hö­ri­gen auf­zu­neh­men, nach Mög­lich­keit aller­dings abseits der betrof­fe­nen Per­son.
  2. Ers­ter Ein­druck, Eigen­si­che­rung: Machen Sie sich zunächst einen ers­ten eige­nen Ein­druck. For­dern Sie ggf. Unbe­tei­lig­te auf, den Raum/Platz zu ver­las­sen. Wah­ren Sie in jedem Fall zunächst Abstand und ent­fer­nen Sie poten­ti­ell gefähr­li­che Gegen­stän­de. For­dern Sie Ihr Gegen­über auf, sich hin­zu­set­zen. Letz­te­res gilt aller­dings NICHT für Men­schen mit para­noi­der Schi­zo­phre­nie, bei denen eine Auf­for­de­rung zum Hin­set­zen unter Umstän­den zur Eska­la­ti­on füh­ren könn­te.
  3. Dees­ka­lie­ren­de Gesprächs­füh­rung: Fra­gen Sie nach dem Befin­den. Spre­chen Sie in kur­zen Sät­zen (hand­lungs­be­zo­ge­ne Haupt­sät­ze). Erfra­gen Sie ggf. eine mög­li­che Gewalt­be­reit­schaft. Blei­ben Sie nach Mög­lich­keit ruhig und über­hö­ren Sie Belei­di­gun­gen.
  4. Gege­be­nen­falls Zugriff: Wenn not­wen­dig, lei­ten Sie den Zugriff ein.

Neben die­sen all­ge­mei­nen Metho­den gibt es eine Rei­he von stö­rungs­spe­zi­fi­schen Hin­wei­sen, die im Fol­gen­den näher dar­ge­stellt wer­den sol­len:

Umgang mit alko­ho­li­sier­ten Per­so­nen

Die für Poli­zis­ten bedeut­sams­te Art psy­chi­scher Stö­run­gen sind wahr­schein­lich die so genann­ten Alko­hol­kon­sum­stö­run­gen, denn zwi­schen 60 und 80 Pro­zent der Angrif­fe auf Poli­zis­ten erfol­gen durch berausch­te Per­so­nen, wobei der größ­te Teil dem Alko­hol­ein­fluss zuzu­rech­nen ist. Es gibt einen direk­ten Zusam­men­hang zwi­schen Alko­hol­kon­sum und ver­min­der­ter Angst, Ent­hem­mung und Aggres­si­on. Die­ser Effekt tritt sogar auf, wenn die kon­su­mie­ren­den Per­so­nen glau­ben, sie trän­ken Alko­hol, in Wirk­lich­keit aber ein geschmacks­glei­ches Pla­ce­bo-Getränk zu sich neh­men. (Vgl. Her­manutz & Her­manutz 2016, S. 220)

Durch die ver­stärk­te Nei­gung zu aggres­si­ven Hand­lun­gen unter Alko­hol­ein­fluss ver­sa­gen die her­kömm­li­chen und in der Regel ange­wand­ten Dees­ka­la­ti­ons­stra­te­gi­en weit­ge­hend. Des­halb steht die Eigen­si­che­rung deut­lich im Vor­der­grund – ins­be­son­de­re des­halb, weil oft nicht auf den ers­ten Blick zu erken­nen ist, wie gefähr­lich eine berausch­te Per­son wirk­lich wer­den kann bzw. wie weit man ggf. mit Kom­mu­ni­ka­ti­on noch kommt. (Vgl. Her­manutz & Her­manutz 2016, S. 222)

Her­manutz & Her­manutz (2016, S. 222) emp­feh­len fol­gen­de Hand­lungs­stra­te­gie:

Wäh­rend des direk­ten Kon­tak­tes mit berausch­ten Per­so­nen soll­te stets die Eigen­si­che­rung erhöht wer­den, bei­spiels­wei­se soll­te auf genu­gend Abstand und auf die Hän­de des ‚Stö­rers‘ geach­tet wer­den (…). Wen­lge Fra­gen oder Auf­for­de­run­gen hel­fen, die Auf­merk­sam­keit des Betrof­fe­nen zu prü­fen:

  1. Die berausch­te Per­son soll­te gege­be­nen­falls gebe­ten wer­den, sich in einen sit­zen­den Zustand zu bege­ben oder ihre Posi­ti­on zu ändern,
  2. ihre Hän­de sicht­bar zu machen und
  3. even­tu­el­le Gegen­stän­de weg­zu­le­gen.

Wird auf mehr­ma­li­ge Anspra­che hin kei­ne Reak­ti­on ersicht­lich und dem Poli­zei­be­am­ten schon hier eine nega­ti­ve Reak­ti­on ent­ge­gen­ge­bracht, etwa In Form gegen­tei­li­gen Han­delns, so ist ein Zugriff anzu­dro­hen und gege­be­nen­falls im Rah­men der recht­li­chen Vor­ga­ben auch durch­zu­füh­ren.”

Umgang mit Depres­si­ven

Die Kenn­zei­chen der Depres­si­on sind an ande­rer Stel­le auf die­sem Blog dar­ge­stellt wor­den. Zwei Aspek­te sind mei­nes Erach­tens im Zusam­men­hang mit Depres­sio­nen für die Poli­zei hand­lungs­re­le­vant – ers­tens, wenn Kol­le­gin­nen oder Kol­le­gen im Lau­fe ihrer Dienst­zeit depres­si­ve Epi­so­den durch­le­ben oder wenn Poli­zis­ten im Dienst auf depres­si­ve Men­schen tref­fen, die sich selbst töten möch­ten.

1. Umgang mit Kol­le­gin­nen oder Kol­le­gen, die depres­si­ve Epi­so­den durch­le­ben

Ein Gedan­ke hat sich im Umgang mit depres­si­ven Men­schen immer wie­der als hilf­reich erwie­sen: man kann die Depres­si­on als „Erkäl­tung der Psy­che“ ver­ste­hen, die im Lau­fe eines (Berufs-)Lebens durch­aus vor­kom­men kann. Damit „nor­ma­li­siert“ man die­se sehr häu­fig vor­kom­men­de Form psy­chi­scher Stö­run­gen ein wenig – was den Umgang mit Betrof­fe­nen in der Regel etwas erleich­tert. Damit will ich nicht zu einer Ver­harm­lo­sung der Depres­si­on bei­tra­gen. Eine schwe­re Depres­si­on bleibt eine schwe­re Depres­si­on, aber nicht alle Betrof­fe­nen haben gleich eine schwe­re Depres­si­on, und häu­fig schwan­ken die Sym­pto­me im Zeit­ver­lauf. Wenn eine Kol­le­gin oder ein Kol­le­ge also über eine gewis­se Zeit hin­weg einen freud­lo­sen, zurück­ge­zo­ge­nen, antriebs­lo­sen Ein­druck macht, an sich selbst zu zwei­feln scheint oder gar den Sinn zu leben an sich bezwei­felt, dann trau­en Sie sich ruhig, Inter­es­se an die­ser Kol­le­gin oder die­sem Kol­le­gen zu zei­gen, ihn dar­über zu befra­gen, wie es ihm geht, ihn ein­zu­be­zie­hen usw. Baut sich dann – oder besteht bereits – ein gewis­ses Ver­trau­en, wird die Belas­tung durch die Depres­si­on an sich besprech­bar („Bin ich krank?“), und man kann ggf. hilf­rei­che Hin­wei­se lie­fern, den Kol­le­gen unter­stüt­zen oder ähn­li­ches.

2. Was kön­nen Poli­zis­ten tun, die auf eine Per­son sto­ßen, die sich töten will oder dies vor­gibt?

Haben Sie bit­te kei­ne Angst vor den Selbst­mor­ge­dan­ken depres­si­ver Men­schen. Der Grund­satz für aku­te Lagen heißt: so lan­ge sie reden, tun sie es nicht. Begin­nen Sie ein Gespräch, erkun­di­gen Sie sich nach der Selbst­mord­ab­sicht, las­sen Sie sich die Geschich­te erzäh­len und nut­zen Sie sich ggf. bie­ten­de „the­ma­ti­sche Aus­fahr­ten“ aus dem Gespräch, um die Auf­merk­sam­keit der Per­son auf ande­re Din­ge zu len­ken. Bin­den Sie in jedem Fall die Auf­merk­sam­keit, so gut es eben geht. Sie dür­fen sich dabei aber nicht unter Druck set­zen, denn sonst besteht die Gefahr, dass Sie die­sen Druck unbe­wusst (in der Stim­me, durch gro­ße Besorg­nis zei­gen­de For­mu­lie­run­gen) wei­ter­ge­ben. Bau­en Sie bit­te in kei­nem Fall Druck auf.

Hier hilft, sich selbst zu sagen: „Es ist nicht mein Leben. Ich bin hier und kann ver­su­chen zu hel­fen, wenn die Per­son mich lässt. Aber ich kann es nicht ver­hin­dern, wenn es doch pas­sie­ren soll­te. So etwas kann pas­sie­ren. Es soll zwar nicht pas­sie­ren, aber hin und wie­der pas­siert es trotz­dem. Ich bin dafür nicht ver­ant­wort­lich. Ich ken­ne den Her­gang nicht und kann nur hier und jetzt alle Metho­den anwen­den, die ich ken­ne, um die Selbst­tö­tung zu ver­hin­dern.“

Mit einer sol­chen Hal­tung soll­te es Ihnen gelin­gen, kei­nen Druck auf­zu­bau­en und den Umstän­den ent­spre­chend eini­ger­ma­ßen gelas­sen zu blei­ben.

Gehen Sie in eine sol­che Situa­ti­on nie­mals allein, und wenn Sie zu zweit sind, wech­seln Sie sich in der Gesprächs­füh­rung ab. Über­las­sen Sie es in kei­nem Fall der oder dem ande­ren, das Gespräch allein zu füh­ren. Beob­ach­ten Sie, hel­fen Sie sich gegen­sei­tig. Sie wer­den sehen: das Gespräch dreht sich mit der Zeit, nimmt Wen­dun­gen, zeigt eine Ent­wick­lung. In der Regel flaut der unmit­tel­ba­re Tötungs­wunsch nach einer Wei­le ab. Las­sen Sie sich auf die Per­son ein, zei­gen Sie Inter­es­se, las­sen Sie sich kein The­ma pein­lich wer­den, dann haben Sie die bes­ten Chan­cen, das Gespräch in die rich­ti­ge Rich­tung zu füh­ren.

Umgang mit para­no­id-schi­zo­phre­nen Per­so­nen

Her­manutz & Her­manutz (2016, S. 231f.) emp­feh­len, para­no­id-schi­zo­phre­ne Men­schen ernst zu neh­men. Berich­te eine sol­che Per­son etwa von Strah­lun­gen, dann sei es rat­sam zuzu­ge­ben, dass es durch­aus sol­che Din­ge gebe, die man wahr­neh­men kön­ne. Dann sol­le man etwa den Raum abschrei­ten und sagen, dass man selbst aber nichts wahr­neh­men kön­ne.

Es geht also Mischung aus Akzep­tanz und Respekt einer­seits bzw. Authen­ti­zi­tät bezüg­lich der eige­nen Wahr­neh­mun­gen ande­rer­seits. Man sol­le, so die Autoren (ebd.) wei­ter, sich kei­nes­falls in eine Art Rol­len­spiel bege­ben, etwa das Funk­ge­rät vor­geb­lich als Strah­lungs­de­tek­tor benut­zen und die Per­son auf die­se Wei­se zu etwas bewe­gen. Das wür­de bei den­je­ni­gen, die ledig­lich einen psy­cho­ti­schen Schub durch­le­ben und sich nach dem Abklin­gen an den Poli­zei­ein­satz erin­nern, spä­ter zu hef­ti­gen Emo­tio­nen füh­ren (etwa: Scham, Wut). Auch wür­den Poli­zis­ten, die sich im Ein­satz so ver­hiel­ten, bei Ange­hö­ri­gen kei­nen guten Ein­druck hin­ter­las­sen.

Was Her­manutz & Her­manutz (2016, S. 231f.) hier beschrei­ben, ist m. E. voll­kom­men rich­tig, lässt aber den – sel­te­nen, aber umso gefähr­li­che­ren – Fall gewalt­be­rei­ter Men­schen mit para­noi­der Schi­zo­phre­nie außer Acht. Hal­ten wir noch ein­mal fest, was Para­noia eigent­lich ist: eine Stö­rung, bei der völ­lig rich­ti­ge Schluss­fol­ge­run­gen (Flucht, Schutz vor etwas) auf der Basis völ­lig fal­scher (wahn­haf­ter, böse Absich­ten unter­stel­len­der) Wahr­neh­mun­gen gemacht wer­den. Das bedeu­tet, dass Betrof­fe­ne sich in ihrer jewei­li­gen Welt völ­lig rich­tig ver­hal­ten: wenn es ein Kon­sor­ti­um gäbe, das die betref­fen­de Per­son ver­folgt, dann wäre Flucht das rich­ti­ge Mit­tel. Han­delt es sich nun um eine „nor­ma­le“ para­no­id-schi­zo­phre­ne Per­son, die in ihrer Welt lebt und sich in die­ser Welt ange­mes­sen han­delt – in der tat­säch­li­chen Welt aber völ­lig unan­ge­mes­sen – dann sind die obi­gen Hand­lungs­an­wei­sun­gen alle rich­tig. Ent­hält die jewei­li­ge eige­ne Welt aber Gewalt­sze­na­ri­en, so ist davon aus­zu­ge­hen, dass die betref­fen­de Per­son womög­lich auch selbst gewalt­sam han­deln könn­te – und wenn, dann mit allen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten jener, nicht die­ser Welt. Kommt dann noch die ent­hem­men­de und aggres­si­ons­stei­gern­de Wir­kung etwa von Alko­hol hin­zu, ist weni­ger Ver­ständ­nis, son­dern eher höchs­te Vor­sicht gebo­ten. Gera­de die Wech­sel­wir­kun­gen von berau­schen­den Sub­stan­zen und Schi­zo­phre­nie sind schwer zu erken­nen und wer­den des­halb oft unter­schätzt.

Das bedeu­tet schließ­lich: wenn Sie nicht wis­sen, mit wem Sie es zu tun haben, sind zunächst alle Kri­te­ri­en der Eigen­si­che­rung ange­zeigt. Selbst wenn Sie die Situa­ti­on nach einer Wei­le bes­ser ein­schät­zen kön­nen, soll­ten Sie bei Men­schen mit para­noi­der Schi­zo­phre­nie vor­sich­tig blei­ben. Ich wür­de sogar so weit gehen: die oben dar­ge­stell­ten Hand­lungs­richt­li­ni­en von Her­manutz & Her­manutz (2016, S. 231f.) gel­ten nur für den Fall, dass Sie (oder Ihre Kol­le­gen) die betref­fen­de Per­son bereits ken­nen und/oder es in Ihrer Dienst­stel­le bereits Erfah­rungs­wis­sen mit die­ser Per­son gibt, Sie also über ent­spre­chen­de Infor­ma­tio­nen ver­fü­gen. Ansons­ten blei­ben Sie erst ein­mal vor­sich­tig, hal­ten Abstand, ach­ten auf die Hän­de. Machen Sie kei­nen Druck, wenn Sie nicht unbe­dingt müs­sen. Bit­ten Sie die Per­son nicht, sich hin­zu­set­zen. Aber hal­ten Sie Abstand. Las­sen Sie sich erklä­ren, was los ist. Wenn Sie den Ver­dacht haben, die Per­son könn­te gewalt­tä­tig wer­den, fra­gen Sie die Gewalt­be­reit­schaft ab. Erst wenn Sie ein Gefühl für „jene Welt“ bekom­men und die Per­son lang­sam ein­schät­zen kön­nen, soll­ten Sie die zunächst hohen Gren­zen der Eigen­si­che­rung her­ab­set­zen, aber nur stu­fen­wei­se und lang­sam. Letzt­lich ist es ein „Her­an­tas­ten“, bei dem der Selbst­schutz immer beach­tet wer­den muss.