Das aktuelle Corona-Dilemma: In der zweiten Welle ist die individuelle Verantwortung viel mehr gefordert als im Frühjahr — kann das noch gutgehen oder führt es direkt in einen zweiten Lockdown?

Erin­nern Sie sich noch an die Zeit vor der ers­ten Coro­na-Wel­le? Damals wuss­te kaum jemand genau, was auf uns zukommt. Ent­spre­chend unsi­cher war die Lage, und was getan wur­de, ent­sprach im bes­ten Sin­ne einer Kri­sen­re­ak­ti­on.

Heu­te ken­nen wir das Virus bes­ser und wir ahnen nicht nur, son­dern wir wis­sen, dass, wenn es sich unkon­trol­liert aus­brei­tet, mehr Men­schen ster­ben, als wenn wir die Aus­brei­tung halb­wegs im Griff behal­ten.

Es sei denn, man bezwei­fel­te die Exis­tenz des Virus’ oder hiel­te es für eine schlich­te Grip­pe — was, wenn man auf dem Boden der ver­füg­ba­ren Fak­ten bleibt, mitt­ler­wei­le als wider­legt gel­ten soll­te. Wenn man hin­ge­gen den ver­füg­ba­ren „alter­na­ti­ven Fak­ten“ zum The­ma folgt, führt das in ein kom­mu­ni­ka­ti­ves Dilem­ma, aus dem man nicht mehr her­aus­fin­det. COVID-19 ist weder eine Grip­pe, noch ist es die Pest; es trifft eine Mehr­zahl kaum oder nicht beson­ders hart, aber die­je­ni­gen, die es „rich­tig erwischt“, trifft es hart (schwe­rer Ver­lauf und/oder Lang­zeit­fol­gen) oder final (töd­lich).

Gleich­zei­tig wis­sen wir aber auch, was ein Lock­down kos­tet — wie ent­setz­lich hoch der Preis war. Gan­ze Bran­chen sind unter Druck gera­ten, vie­len Fami­li­en und vor allem Kin­dern hat die lan­ge Zeit auf engem Raum und ohne Schu­le bzw. sozia­len Aus­tausch nicht gut getan. Vie­le Selb­stän­di­ge und klei­ne Unter­neh­men sind nach wie vor ange­schla­gen oder in ihrer Exis­tenz bedroht. Im kom­men­den Jahr wer­den wir zudem sehen, wie sich die Sui­zid­ra­te ent­wi­ckelt hat und wel­che Lang­zeit­fol­gen zu ver­zeich­nen sind. Aber so ist das mit Kri­sen­re­ak­tio­nen: Die Kos­ten sind sehr hoch und die Fol­gen nicht unbe­dingt kal­ku­lier­bar.

Die Kri­sen­re­ak­ti­on erfolg­te damals ver­gleichs­wei­se umfas­send und schnell — immer­hin wur­de ein gan­zes Land weit­ge­hend ange­hal­ten! Heu­te wird lang­sa­mer und regio­na­ler reagiert. Die Gesund­heits­äm­ter sind die Dreh- und Angel­punk­te der Maß­nah­men, die Län­der und der Bund beschrän­ken sich auf Leit­li­ni­en, was letzt­lich zu eini­ger Ver­wir­rung ob des Fli­cken­tep­pichs aus unter­schied­li­chen Rege­lun­gen und Maß­nah­men führt.

Die­se bei­den unter­schied­li­chen Reak­ti­ons­wei­sen auf anstei­gen­de Infek­ti­ons­zah­len — der umfas­sen­de Lock­down am Anfang und die jet­zi­ge regio­na­le­re und reak­ti­ve­re Vor­ge­hens­wei­se — erfor­dern ver­schie­de­ne Gra­de indi­vi­du­el­ler Ver­ant­wor­tung. Durch einen gene­rel­len Lock­down wird dem Indi­vi­du­um die Ver­ant­wor­tung weit­ge­hend abge­nom­men. Bei der aktu­el­len Rege­lung kommt es hin­ge­gen umso mehr auf die indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung an — ich muss selbst ent­schei­den, ob ich eine Rei­se antre­te, eine Fei­er besu­che, mich mit Freun­den tref­fe usw.

Etwas zuge­spitzt könn­te man es so for­mu­lie­ren: Wir üben jetzt, wie das „schwe­di­sche Modell“ bei uns funk­tio­nie­ren könn­te. Wir set­zen dabei auf einen Lern­pro­zess bei jeder und jedem Ein­zel­nen — und das bei deut­lich höhe­ren täg­li­chen Infi­zier­ten­zah­len als im März zu Beginn des ers­ten Lock­downs.

Das Para­do­xe an der aktu­el­len Situa­ti­on ist, dass die indi­vi­du­el­le Bereit­schaft, Maß­nah­men zu akzep­tie­ren, sich an Regeln zu hal­ten und in eine Art kol­lek­ti­ven Lern­pro­zes­ses ein­zu­wil­li­gen, in Ver­bin­dung mit dem Unsi­cher­heits­ge­fühl wäh­rend der ers­ten Wel­le viel höher war als jetzt.

Das bedeu­tet im Grun­de, dass die Ver­ant­wor­tungs­be­reit­schaft wäh­rend des Lock­downs im Früh­jahr viel höher war als heu­te, wäh­rend die Ver­ant­wor­tungs­not­wen­dig­keit viel gerin­ger war als jetzt — und dass es heu­er umge­kehrt ist: die indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tungs­er­for­der­nis ist heu­te viel höher als sei­ner­zeit, wäh­rend die Ver­ant­wor­tungs­be­reit­schaft zu wün­schen übrig lässt.

Nach­her ist man immer schlau­er, könn­te man sagen.

Der Preis für einen kol­lek­ti­ven Lern­pro­zess wäre wäh­rend der zwei­ten Wel­le min­des­tens genau­so hoch, wahr­schein­lich aber viel höher, als er wäh­rend der ers­ten Wel­le gewe­sen wäre, wenn wir gleich auf indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung gesetzt hät­ten. Und frei­lich wür­de ein sol­cher Lern­pro­zess wesent­lich mehr direk­te Opfer­zah­len for­dern als ein Lock­down.

Die seit dem Lock­down zu ver­zeich­nen­den Gewöh­nungs­ef­fek­te und eine ver­min­der­te Bereit­schaft, sein Leben noch ein­mal stär­ker ein­zu­schrän­ken, bewir­ken aber, dass der Lern­pro­zess nun wahr­schein­lich sehr lang wird.

Wird der Lern­pro­zess „poli­tisch gefühlt“ zu lang, führt das sehr wahr­schein­lich direkt in einen wei­te­ren Lock­down, denn ein „Durch­marsch“ des Virus hät­te — wahr­schein­lich tat­säch­lich, min­des­tens aber in den Augen der han­deln­den Per­so­nen — noch unab­seh­ba­re­re Fol­gen als ein wei­te­rer Lock­down.

Inso­fern beißt sich die sprich­wört­li­che Kat­ze in den Schwanz: Die eigent­lich not­wen­di­ge ethi­sche Dis­kus­si­on — eine Abwä­gung zwi­schen mehr kurz­fris­tig zu ret­ten­den Leben (Lock­down) und län­ger­fris­ti­ger Sen­kung der Anste­ckungs­ra­te UND Ver­mei­dung lang­fris­ti­ger nega­ti­ver Fol­gen eines Lock­downs unter Inkauf­nah­me einer mit­tel­fris­tig höhe­ren Todes­ra­te (kol­lek­ti­ver Lern­pro­zess) — wird, so steht zu befürch­ten, ange­sichts der momen­tan zu beob­ach­ten­den dra­ma­ti­schen Zuspit­zung der Lage nicht geführt.

Wenn die­se Annah­me nicht falsch ist und es also bald zu einem wei­te­ren Lock­down kommt, hät­te das — neben der posi­ti­ven Wir­kung in Gestalt gerin­ge­rer Todes­zah­len und allen bereits bekann­ten nega­ti­ven „Neben­wir­kun­gen“ eines Lock­downs — ziem­lich sicher einen wei­te­ren uner­wünsch­ten Effekt, näm­lich einen „indi­rek­ten Lern­ef­fekt“ bei poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern: dass der deut­schen Bevöl­ke­rung außer mit strik­ten Vor­ga­ben von oben kaum bei­zu­kom­men ist.

Jörg Hei­dig