Wie kann man mit Vorurteilen umgehen?

Die Leit­fra­ge die­ses Tex­tes lau­tet nicht: Kann man mit Vor­ur­tei­len umge­hen? Die Fra­ge lau­tet viel­mehr: Wie kann man mit Vor­ur­tei­len umgehen?

Wie ist Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lich, wenn sie – zumin­dest auf den ers­ten Blick – nicht mög­lich scheint? Ich möch­te behaup­ten, dass Kom­mu­ni­ka­ti­on in vie­len Fäl­len auch gar nicht mög­lich sein soll, denn die Vor­ein­stel­lun­gen der Betei­lig­ten sind meis­tens der­art, dass zwar vor­ge­tra­gen wird, dass man ja gern kom­mu­ni­zie­ren wür­de, dies aber aus Grün­den, die meis­tens an der jeweils ande­ren Sei­te fest­ge­macht wer­den, nicht könn­te. Wenn aber Kom­mu­ni­ka­ti­on schon durch die Vor­ein­stel­lung ver­hin­dert wird, wird die Fra­ge nach einer geeig­ne­ten Art und Wei­se der Kom­mu­ni­ka­ti­on sinnlos.

Genau das ist nach mei­ner Beob­ach­tung die selbst­er­fül­len­de Pro­phe­zei­ung, die jeden Tag hun­dert­fach statt­fin­det: da dis­ku­tie­ren Men­schen mit völ­lig unter­schied­li­chen – und oft von vorn­her­ein gegen­läu­fi­gen oder gar feind­se­li­gen – Vor­ein­stel­lun­gen mit­ein­an­der. Es offen­bart sich, dass nicht nur ihre Mei­nun­gen, son­dern auch ihre Sicht­wei­sen auf die Welt ins­ge­samt völ­lig unver­ein­bar sind. Mag anfäng­lich noch Dia­log­be­reit­schaft signa­li­siert wor­den sein, füh­ren die Dis­kus­sio­nen dann zur Pola­ri­sie­rung – und damit indi­rekt zur Bestä­ti­gung der jewei­li­gen, in der Regel bereits vor­her vor­han­de­nen Über­zeu­gung, dass man mit der jeweils ande­ren Sei­te nicht reden könne.

Wie soll da Dia­log mög­lich sein?

Wirk­li­cher Dia­log erfor­dert zunächst, dass man ande­re Mei­nun­gen erträgt, dass man die jeweils ande­re Sei­te nicht vor-ver­ur­teilt. Doch genau das geschieht. Anhän­ger des rech­ten Spek­trums mögen in Will­kom­mens­kul­tur-Ver­tre­tern „links­grün ver­si­ff­te Akti­vis­ten“ sehen, wäh­rend Ange­hö­ri­ge des lin­ken Spek­trums vie­ler­orts „All­tags­ras­sis­mus“ oder gar „Nazis“ wittern.

Nun wer­den man­che Leser mei­nen: wie soll das gehen? Man kann mit „denen“ doch unmög­lich spre­chen. Hier bin ich ande­rer Mei­nung: man kann wohl. Und ich gehe sogar noch wei­ter: wir müs­sen sogar. Nicht, um Ras­sis­ten zu bekeh­ren. Vor­ur­tei­le gehen nicht durch Beleh­rung weg. Wirk­li­che Ras­sis­ten wird man womög­lich auch nicht durch Dia­log ändern. Und Straf­tä­ter gehö­ren hin­ter Schloss und Rie­gel. Aller­dings mei­ne ich, dass dies für Ver­tre­ter aller poli­ti­schen Extre­me gel­ten sollte.

Las­sen Sie mich die­se Sicht­wei­se ein wenig genau­er erläu­tern: stel­len Sie sich bit­te ein­mal unse­re Ver­fas­sung als einen Boden vor, auf dem man ste­hen kann. Die meis­ten Ein­woh­ner Deutsch­lands ste­hen auf die­sem Boden der Ver­fas­sung. Wenn einer jedoch Poli­zis­ten ver­let­zen will, mit dem LKW in eine Ansamm­lung von Men­schen fährt oder ein Flücht­lings­wohn­heim anzün­det, dann steht er ganz und gar nicht auf dem Boden der Ver­fas­sung. Wir haben einen Grad der Zivi­li­sa­ti­on erreicht, auf dem wir – im Sin­ne der Mehr­heit der Gesell­schaft – sol­che Men­schen nicht ein­fach töten, son­dern nach Mög­lich­keit ver­haf­ten und qua­si per Gerichts­ver­fah­ren auf den Boden der Ver­fas­sung zurück­zer­ren. Das ist ein wich­ti­ger Unter­schied: wir ver­las­sen nicht den Boden der Ver­fas­sung, son­dern wir hal­ten uns auch bei der Ver­fol­gung schwers­ter Straf­ta­ten an die ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Vorgaben.

Nun sind die wenigs­ten Men­schen bereit, ihre radi­ka­len Sicht­wei­sen in sol­che Taten umzu­set­zen. Zwi­schen dem Boden der Ver­fas­sung und jenen, die so weit drau­ßen ste­hen, dass sie sol­che Taten bege­hen, ist es ein wei­ter Weg. Und die­ser Weg führt durch das unweg­sa­me Gelän­de der Radi­ka­li­sie­rung. Die ers­ten Meter stel­len qua­si den Rand des Bodens der Ver­fas­sung dar. Die Wege sind hier noch gut aus­ge­tre­ten, das ist die Welt der Demons­tran­ten, die einen Gal­gen zur Demons­tra­ti­on mit­brin­gen, mit Tril­ler­pfei­fen den Tag der Ein­heit ver­mie­sen, oder die in Ham­burg gegen den G20-Gip­fel „demons­trie­ren“ und ande­ren Men­schen gezielt Angst ein­ja­gen. Die Letz­te­ren ver­las­sen den Boden der Ver­fas­sung voll­ends, wenn sie sich, qua­si an sich selbst auf­ge­putscht, dar­an machen, im Namen der Kapi­ta­lis­mus­kri­tik Autos und Geschäf­te zu demo­lie­ren und Poli­zis­ten anzu­grei­fen. Sol­che Hand­lun­gen bege­hen noch ver­gleichs­wei­se vie­le Men­schen. Deut­lich weni­ger an Zahl sind jene, die sich trau­en, Anschlä­ge auf Infra­struk­tur zu ver­üben. Das mag noch ohne expli­zi­te Tötungs­ab­sicht gesche­hen. Von hier aus ist es dann aber nicht mehr weit zu geziel­ten Angrif­fen auf Poli­zis­ten und Zivi­lis­ten mit der Absicht, min­des­tens schwer zu ver­let­zen, wenn nicht gar zu töten. Dann spre­chen wir von Terror.

Ich möch­te das Gelän­de zwi­schen dem Boden der Ver­fas­sung und dem Gebiet des tat­säch­li­chen Ter­rors als „Grau­zo­ne“ bezeich­nen. In die­ser Grau­zo­ne gibt es vie­le Men­schen. Die Fra­ge ist nun: wie kom­men die­se Men­schen zurück auf den Boden der Verfassung?

Wir kön­nen die­se Auf­ga­be nicht der Poli­zei und den Gerich­ten über­las­sen. Wir leben in einer Demo­kra­tie, und Demo­kra­tie bedeu­tet nicht nur Mei­nungs­frei­heit, son­dern auch die „Hoff­nung auf Dialog“.

Para­dox ist, dass heu­er viel von „Zivil­ge­sell­schaft“ gespro­chen wird, aber anstatt Zivil­ge­sell­schaft wirk­lich zu leben, wird der Begriff oft dazu ver­wen­det, min­des­tens Ver­wun­de­rung über jene zu pro­du­zie­ren, die sich der sich an den Begriff impli­zit anschlie­ßen­den „Mul­ti­kul­ti-Annah­me“ wider­set­zen. Oft wird von Vor­ur­tei­len gespro­chen – mit der Kon­se­quenz, dass mit dem Vor­wurf des Vor­ur­teils selbst eine Vor-Ver­ur­tei­lung geschieht. Wenn ein Leh­rer in einer Klas­se das The­ma Migra­ti­on bespricht und abwei­chen­de – ggf. auch ten­den­zi­ell ras­sis­ti­sche – Aus­sa­gen mit dem Vor­wurf des Vor­ur­teils abtut, ist nichts gewonnen.

Die meis­ten Trai­nings, die zum The­ma Tole­ranz und Demo­kra­ti­sie­rung, gegen Ras­sis­mus und Men­schen­feind­lich­keit durch­ge­führt wer­den, haben nach mei­nem Dafür­hal­ten kei­ne Wir­kung. War­um nicht? Weil die besag­ten Trai­nings vor allem beleh­ren und damit vor allem die­je­ni­gen zufrie­den­stel­len, die sie durch­füh­ren oder finan­zie­ren. Beleh­run­gen hel­fen nichts.

Stel­len Sie sich bit­te ein­mal vor, Sie sei­en Ras­sist. Kein rich­ti­ger, kein Akti­vist oder so, aber eben jemand, der Men­schen ande­rer Ras­sen nicht lei­den kann. Kön­nen Sie sich das über­haupt vor­stel­len? Nein? Ganz und gar nicht? Und Sie wüss­ten auch nicht, war­um Sie so etwas tun soll­ten? Und über­haupt, wer heu­te noch ras­sis­tisch sei, dem feh­le es an Bil­dung und an Empa­thie sowieso!

Sehen Sie, Sie kön­nen es ja auch.

Wie jetzt?

Naja, Sie kön­nen das mit den Vor­ur­tei­len auch.

Beleh­rung ändert an Vor­ur­tei­len lei­der gar nichts. Vor­ur­tei­le haben blitz­ge­schei­te Men­schen eben­so wie dum­me. Die Blitz­ge­schei­ten kön­nen ihre Vor­ur­tei­le nur bes­ser ver­klei­den – oder sie tun das, was Psy­cho­ana­ly­ti­ker Sub­li­mie­rung nen­nen: wenn es sozi­al uner­wünscht ist, einen bestimm­ten Trieb aus­zu­le­ben, wird nicht etwa der Trieb ein­ge­dämmt, son­dern der betref­fen­de Mensch sucht sich einen Bereich, in dem er sei­nen Trieb halb­wegs unge­zwun­gen aus­le­ben kann. Klas­si­sches Bei­spiel: wer etwa alles zwang­haft unter Kon­trol­le haben muss, damit aber im nor­ma­len Leben unan­ge­nehm auf­fal­len wür­de, sucht sich einen Beruf, in dem er sei­nem Kon­troll­zwang frei­en Lauf las­sen kann. Und so kommt es, dass die Into­le­ranz nicht ver­schwin­det, son­dern sich neue The­men sucht. Zuge­spitzt könn­te man behaup­ten, dass die Block­war­te der Neu­zeit u. a. jene sind, die immer und über­all Dis­kri­mi­nie­run­gen, fal­sche Erzie­hungs­sti­le, nicht-inklu­si­ve Sprach­ver­wen­dun­gen etc. regis­trie­ren und anpran­gern. Immer­hin in der ZEIT war kürz­lich von einer queer-femi­nis­ti­schen Gen­der-Sta­si die Rede.

Um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den, sei hier ange­merkt, dass es mir nicht um den Umgang mit radi­ka­len Straf­tä­tern und schon gar nicht um die Ver­harm­lo­sung von Straf­ta­ten geht. Wofür ich plä­die­re, ist mehr Offen­heit und Dia­log­be­reit­schaft unter Dis­kus­si­ons­part­nern. Wir müs­sen in der Lage sein und blei­ben, unser Zusam­men­le­ben zu orga­ni­sie­ren. Vor-Ver­ur­tei­lun­gen hel­fen da wenig. Wenn die einen mei­nen, dass Deutsch­land außer der gemein­sa­men Spra­che kei­ne näher defi­nier­ba­re Kul­tur besit­ze, dann erscheint das eben­so wenig hilf­reich wie die Ein­las­sung, dass man über­haupt kei­ne Migran­ten mehr her­ein­las­sen sol­le. Wäh­rend die einen sagen, dass der Kapi­ta­lis­mus tie­fe Fur­chen der Unge­rech­tig­keit hin­ter­las­sen habe und sich – nicht zuletzt genau des­halb – die Welt im Umbruch befin­de und man mit den neu­en (migran­ti­schen) Rea­li­tä­ten leben müs­se, mei­nen die ande­ren, dass wir uns gera­de jetzt auf eine Leit­kul­tur besin­nen und als Wes­ten zusam­men­rü­cken soll­ten, um Migra­ti­on und ande­re – oft als Gefah­ren ver­stan­de­ne – The­men bes­ser in den Griff zu krie­gen. Die ent­spre­chen­den Dis­kus­sio­nen wer­den der­zeit in der Regel so geführt, dass am Ende pola­ri­sier­te­re Mei­nun­gen herr­schen als vor­her. Dabei wäre das Gegen­teil not­wen­dig, wenn wir lang­fris­tig hand­lungs­fä­hig blei­ben wol­len – von der kom­mu­na­len bis hin­auf zur euro­päi­schen Ebene.

Neh­men wir ein­mal das Bei­spiel der Flücht­lings­the­ma­tik: in Dis­kus­sio­nen beob­ach­te ich vor allem zwei Grup­pen. Die ers­te Grup­pe sind die Ver­tre­ter der Will­kom­mens­kul­tur. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen die Geg­ner. Die Sicht­wei­sen bei­der Sei­ten kran­ken mei­nes Erach­tens dar­an, dass sie die Rea­li­tät nicht voll­stän­dig aner­ken­nen bzw. jeweils einen signi­fi­kan­ten Teil der Rea­li­tät aus­blen­den. Wäh­rend die Ver­tre­ter der Will­kom­mens­kul­tur vor allem auf die posi­ti­ven Sei­ten der Migra­ti­on schau­en und bspw. die Unter­schei­dung zwi­schen Flücht­lin­gen und Migran­ten weit­ge­hend ableh­nen, igno­rie­ren sie das „migran­ti­sche Bin­nen­spek­trum“ und ver­or­ten ver­fehl­te Inte­gra­ti­on ins­be­son­de­re beim (unter­stell­ten) Ras­sis­mus der deut­schen Mehr­heit, bei der Schwie­rig­keit, sich durch den deut­schen Behör­den­dschun­gel zu fin­den etc. Zum besag­ten „migran­ti­schen Bin­nen­spek­trum“ gehö­ren aber nicht nur Flücht­lin­ge, die vor­über­ge­hend Schutz vor Krieg suchen oder sich hier inte­grie­ren möch­ten. Es sind – auch – wenig wün­schens­wer­te Moti­va­tio­nen vor­han­den – von der geplan­ten Aus­nut­zung des deut­schen Sozi­al­sys­tems über Par­ti­sa­nen, die zur Orga­ni­sa­ti­on der Dia­spo­ra-Finan­zie­rung ihrer Ver­bän­de her­ge­schickt wer­den, über die geziel­te Orga­ni­sa­ti­on von kri­mi­nel­len Akti­vi­tä­ten bis hin zu per­spek­tiv­lo­sen Men­schen, die, mit einer Dul­dung aus­ge­stat­tet, eben­so ange­trun­ken wie aggres­siv in Innen­städ­ten maro­die­ren. Ter­ro­ris­ten blei­ben die abso­lu­te Aus­nah­me, aber auch die­se sind dar­un­ter. Das ist Teil der Rea­li­tät – ein Teil nur, aber eben ein Teil, der exis­tiert, und mit dem man sich befas­sen muss. Die ande­re Sei­te ist in der Regel „gene­rell dage­gen“, und zwar gleich­falls unter Aus­blen­dung eines Teils der Rea­li­tät. Die­se besagt, dass sich die Welt tat­säch­lich wan­delt, und dass man sich dazu ver­hal­ten muss. Egal, wer gewählt wird – das The­ma Migra­ti­on wird in den nächs­ten Jahr­zehn­ten aktu­ell blei­ben. Eine kom­plet­te Abschot­tung ist wahr­schein­lich unmög­lich – die Steue­rung der Migra­ti­on und ein ver­nünf­ti­ges Ein­wan­de­rungs­ge­setz hin­ge­gen nicht.

Was wäre, wenn bei­de Sei­ten den aus­ge­blen­de­ten Teil der Rea­li­tät jeweils aner­ken­nen und anschlie­ßend nach Gemein­sam­kei­ten suchen würden?

Nun zum Prak­ti­schen: Vor­ur­tei­le gehö­ren zum Men­schen wie Augen, Nase oder Hän­de. Sie sind so selbst­ver­ständ­lich, dass man sie nicht hin­ter­fra­gen kann. Und wenn jemand von sich annimmt, dass sie oder er kei­ne Vor­ur­tei­le habe, dann trägt die­se Annah­me selbst die Gestalt eines Vor­ur­teils. Der Grund für Vor­ur­tei­le liegt in den Eigen­hei­ten unse­res Den­kens. Wenn wir etwas wahr­neh­men, kate­go­ri­sie­ren wir es. Die­ser Vor­gang wird auf Grund­la­ge des­sen vor­ge­nom­men, was wir bereits wis­sen. Wird etwas wahr­ge­nom­men, für das man bereits eine Kate­go­rie besitzt, wer­den die vor­ab erlern­ten Eigen­schaf­ten der betref­fen­den Kate­go­rie auf das Wahr­neh­mungs­ob­jekt ange­wandt. Wich­tig ist eine Unter­schei­dung: Kate­go­ri­sie­rung basiert auf Wis­sen. Erfah­rung kann als Kri­te­ri­um hin­zu­kom­men, muss aber nicht. Wis­sen ist also not­wen­dig und hin­rei­chend, Erfah­rung ist allen­falls ein Zusatz­kri­te­ri­um. Aber ein ent­schei­den­des, denn gera­de das Wis­sen über Men­schen ande­rer Spra­che, Haut­far­be etc. ist oft impli­zit über­tra­gen wor­den und basiert eben nicht auf Erfah­rung. Dass Afri­ka­ner anders rie­chen, Afgha­nen sich nicht waschen, Polen steh­len usw. sind Annah­men, die vie­le Men­schen tei­len, ohne sich die­ses „Wis­sen“ jemals bewusst ange­eig­net zu haben. Vor­ur­tei­le kön­nen bewusst sein, etwa wenn jemand sagt: „Polen klau­en.“ oder weni­ger bewusst, etwa wenn die Leh­re­rin ihrer Klas­se vor dem Besuch der pol­ni­schen Part­ner­schu­le sagt: „Lasst die Brot­büch­sen lie­ber hier.“ Wäh­rend die bewuss­ten Vor­ur­tei­le durch Erfah­rung mit Men­schen aus ande­ren Kul­tu­ren gemil­dert wer­den oder sogar ganz ver­schwin­den, zei­gen sich die weni­ger bewuss­ten Vor­ur­tei­le viel hart­nä­cki­ger und sind sogar bei Men­schen zu fin­den, die bereits lan­ge in Misch­ehen leben.

Wie aber kann man nun mit Vor­ur­tei­len umge­hen – und das ins­be­son­de­re ange­sichts des Umstands, dass zumin­dest die unbe­wuss­ten Vor­ur­tei­le kaum je ver­schwin­den? Die ein­fachs­te Ant­wort lau­tet: indem ein Mensch direk­te Erfah­run­gen mit Indi­vi­du­en aus einer ande­ren Kul­tur macht, lernt er Din­ge, die dem Vor­ur­teil ent­ge­gen­wir­ken. Dem bereits vor­han­de­nen Wis­sen wer­den also gleich­sam gegen­läu­fi­ge Infor­ma­tio­nen ent­ge­gen­ge­stellt. Der ande­re Mensch ist dann nicht mehr „ein Afgha­ne“ oder „der Syrer“, son­dern er bekommt einen Namen und ein Gesicht. Er ist dann Had­ja­tul­lah, der aus Herat stammt, einen Vater und eine Mut­ter hat und drei Brü­der und so weiter.

Nun wer­den wenig oder nicht dia­log­be­rei­te Men­schen nicht zwin­gend auf Migran­ten zuge­hen und sich nach ihrer Her­kunft, ihrer Geschich­te usw. erkun­di­gen. Sol­che Begeg­nun­gen sind sel­ten. Wenn sie jedoch orga­ni­siert wer­den, dann ist es weni­ger hilf­reich, lan­ge Reden zu füh­ren, von Inte­gra­ti­on zu spre­chen oder Migran­ten auf Podi­en aus­zu­fra­gen. Hilf­rei­cher ist es, bspw. gemein­sam zu essen. Es gibt kaum eine ande­re auf der gan­zen Welt all­täg­li­che Tätig­keit, die mehr dazu geeig­net wäre, die Erfah­rung einer – zumin­dest rudi­men­tä­ren – Gleich­heit zu erzeu­gen und die Vor­aus­set­zun­gen für per­sön­li­che Kon­takt­auf­nah­me, gegen­sei­ti­ges Inter­es­se und ggf. spä­te­res Ver­trau­en zu schaf­fen, als das gemein­sa­me Essen. Essen schafft die nor­ma­ler­wei­se vor­han­de­ne Macht­di­stanz unter den Anwe­sen­den für eine Wei­le aus dem Weg und sorgt für „Augen­hö­he“ im wahrs­ten Sin­ne des Wortes.

Doch hier geht es weni­ger um die Fra­ge nach der Begeg­nung zwi­schen ange­stamm­ter Bevöl­ke­rung und (tem­po­rär) Zuge­wan­der­ten, son­dern eher um den Umgang mit Vor­ur­tei­len in Gesprä­chen unter Men­schen, die sich nicht mit Migran­ten, son­dern über Migra­ti­on, Migran­ten usw. unter­hal­ten. Man kann das The­men­spek­trum auch weit über das The­ma Migra­ti­on hin­aus erwei­tern und ande­re pola­ri­sie­ren­de The­men ein­be­zie­hen, bspw. den G20-Gip­fel in Ham­burg. Bei der­art pola­ri­sie­ren­den The­men fin­det man sich schnell in kon­tro­ver­sen Dis­kus­sio­nen wie­der. Hier geht es um die Fra­ge, wel­che Tech­ni­ken in pola­ri­sier­ten Gesprä­chen helfen.

Ver­ste­hen Sie die fol­gen­den Dar­stel­lun­gen bit­te als Kata­log mit einer Rei­he von Mög­lich­kei­ten. Ob eine bestimm­te Tech­nik passt, ist von drei Fak­to­ren abhän­gig: der han­deln­den Per­son, dem Gegen­über (oder: Audi­to­ri­um) und dem The­ma, um das es geht. Ihre Auf­ga­be ist es, die­ses „Drei­eck“ in ein funk­tio­nie­ren­des Gleich­ge­wicht zu brin­gen. Ich möch­te hier einen klei­nen Werk­zeug­kas­ten jener Din­ge vor­stel­len, die in pola­ri­sie­ren­den Dis­kus­sio­nen hel­fen kön­nen – wohl wis­send, dass die Wirk­sam­keit die­ser Werk­zeu­ge auch Gren­zen hat, denn wer Dis­kus­sio­nen nur zur Selbst­be­stä­ti­gung führt, will und kann sei­nen Stand­punkt nicht ändern.

Das ist das Pro­blem bei Radi­ka­li­sie­rungs­pro­zes­sen: erst gibt es nur weni­ge Radi­ka­le und vie­le Gemä­ßig­te, und die Eli­ten ver­su­chen, die betref­fen­den Ent­wick­lun­gen aus­zu­sit­zen. Dann nimmt der Anteil der Radi­ka­len zu, die Gemä­ßig­ten wer­den lei­ser. Die Eli­ten schwen­ken nun mehr und mehr auf den Kurs der Gemä­ßig­ten ein und wer­fen einen grö­ße­ren Teil ihrer ange­stamm­ten Über­zeu­gun­gen dem Zeit­geist hin­ter­her. Tun sie das zu spät, haben die Radi­ka­len den Spal­tungs­pro­zess soweit vor­an­ge­trie­ben, dass die Situa­ti­on „umkippt“. Dann hel­fen Dis­kus­sio­nen gar nichts mehr, dann „kracht“ es, die Gemä­ßig­ten ver­stum­men, und Mob und (Bürger-)Kriegsteufel toben sich aus. Sind die Kräf­te erschöpft und wur­de genug gestor­ben, ver­lie­ren die Radi­ka­len den Rück­halt, die Gemä­ßig­ten fin­den ihre Spra­che wie­der und über­neh­men das Ruder. Ich glau­be nicht, dass es in Deutsch­land soweit kom­men kann. Aber ich glau­be, dass es Zeit ist, den Spal­tungs­ten­den­zen Ein­halt zu gebie­ten, indem wir anders mit­ein­an­der spre­chen. Die fol­gen­den Tech­ni­ken kön­nen dabei helfen:

Die mei­nes Erach­tens hilf­reichs­te Tech­nik besteht dar­in, das Mit­tei­len der eige­nen Posi­ti­on zu ver­zö­gern und erst ein­mal Fra­gen zu stel­len. Kon­flik­te eska­lie­ren ins­be­son­de­re dann, wenn sich die Betei­lig­ten ihre jewei­li­gen Stand­punk­te abwech­selnd und in von Run­de zu Run­de hef­ti­ge­rer Ton­art mit­tei­len. Wird der eige­nen Posi­ti­on hin­ge­gen erst ein­mal weni­ger Rele­vanz bei­gemes­sen und dem ande­ren Inter­es­se ent­ge­gen­ge­bracht, wirkt sich das in der Regel dees­ka­lie­rend auf die Gesprächs­füh­rung aus. Sol­ches Inter­es­se signa­li­sie­re ich mit Fra­gen, auf die ich die Ant­wort noch nicht ken­ne: Was mei­nen Sie genau? Was wol­len Sie errei­chen? Von wel­chen Annah­men gehen Sie aus? Wie sind Sie dar­auf gekom­men? Was haben Sie erlebt? Ich bewer­te also nicht die Mei­nung der ande­ren Sei­te, son­dern ich inter­es­sie­re mich dafür. Das ver­hin­dert eska­lie­ren­de Dis­kus­si­on und zeigt eine vor­ur­teils­ar­me Grund­hal­tung mei­ner­seits. Wür­de ich andern­falls die Dar­stel­lun­gen der ande­ren Sei­te bewer­ten, führ­te dies mit bei­na­he ein­hun­dert­pro­zen­ti­ger Sicher­heit in die Eska­la­ti­on. Hier gelan­gen wir zum Kern vie­ler Kon­flik­te: wir han­deln ja nicht nur ratio­nal, son­dern wir haben auch Emo­tio­nen, und wenn die stark sind, kommt es schnell zu auto­ma­ti­sier­tem Ver­hal­ten. Emo­tio­nen sind vor allem dann sehr stark, wenn wir uns in unse­rem Sta­tus ver­letzt füh­len oder uns im eigent­li­chen Wort­sinn zu nahe getre­ten wird. Wenn ich also die Aus­sa­gen mei­nes Gegen­übers von Vorn­her­ein als „falsch“ o. ä. bezeich­ne, muss ich mich nicht wun­dern, wenn der Ton schär­fer wird. Habe ich hin­ge­gen vor der Per­son einen grund­le­gen­den Respekt, der sich dar­in äußert, dass ich nicht von vorn­her­ein bewer­te, son­dern Inter­es­se zei­ge, dann tren­ne ich die Mei­nung von der Per­son und neh­me eine vor­ur­teils­ar­me Grund­hal­tung ein.

Eine zwei­te wirk­sa­me Tech­nik besteht dar­in, sich selbst ande­re Fra­gen zu stel­len. Gerät man in einer Dis­kus­si­on unter Druck (= die Emo­tio­nen wer­den so stark, dass ich nur noch reagie­re und nicht mehr agie­re), dann stellt man sich in Gedan­ken Fra­gen wie: „War­um sind die so blöd?“ oder: „Was mache ich falsch?“ oder: „Wie kann ich die ande­ren bes­ser über­zeu­gen?“ Sol­cher­lei Gedan­ken füh­ren in einen Teu­fels­kreis auch (ver­meint­lich) noch bes­se­ren Argu­men­ten und Gegen­ar­gu­men­ten und enden in Frus­tra­ti­on. Hier hilft es, sich zurück­zu­neh­men, durch­zu­at­men, eini­ge Sekun­den Pau­se zu machen und sich zu fra­gen: „Was weiß ich noch nicht?“ oder: „Was wol­len die ande­ren wirk­lich?“ oder: „Wie kann ich anders den­ken?“ oder: „Wel­che Optio­nen habe ich?“ Sie wer­den sehen: sol­che Gedan­ken füh­ren zu ande­ren Gesprächs­ver­läu­fen und zu der Über­le­gung, dass man sich nicht eini­gen muss, wohl aber Respekt vor­ein­an­der haben kann.

Was hilft, sind Gelas­sen­heit, Ruhe und die Fähig­keit, sich selbst nicht zu ernst zu neh­men. Man muss eine Dis­kus­si­on nicht „gewin­nen“. Aber man kann Respekt haben und Fra­gen stel­len. Man kann anders den­ken. Das bleibt nicht ohne Wir­kung auf die ande­re Sei­te und führt eher zum Nach­den­ken als Dis­kus­si­on oder gar Beleh­rung. Das Fazit lau­tet, dass man nur die eige­ne Ein­stel­lung, nicht aber die Ein­stel­lung ande­rer ändern kann.

Ver­ge­gen­wär­ti­gen wir uns, wie viel Geld für Wer­bung, PR, Lob­by­ar­beit, Pro­pa­gan­da usw. aus­ge­ge­ben wird, um Ein­stel­lun­gen zu ändern. Dabei muss man sagen: Pro­pa­gan­da ist umso wirk­sa­mer, je öfter sie gesen­det wird und je weni­ger Ahnung die Emp­fän­ger haben. Jetzt kön­nen wir über­le­gen, wo hohe Fre­quenz und Ahnungs­lo­sig­keit zusam­men­tref­fen: vor dem Fern­se­her und in den sozia­len Medi­en. Doch es hilft wenig, die­se Din­ge auf einer Grund­satz­ebe­ne zu kri­ti­sie­ren. Was wir wirk­lich beein­flus­sen kön­nen, ist die Qua­li­tät und die Vor­ur­teils­ar­mut unse­rer eige­nen Gesprä­che. Eben indem ich mit Vor­ur­tei­len umge­he und sie nicht auf Grund­la­ge eige­ner Vor­ur­tei­le ablehne.

Nein, nein, wir sind ja die Guten, wir haben kei­ne Vorurteile!

Aber eben die Annah­me, auf der „guten Sei­te“ zu ste­hen, ist eine Bewer­tung und damit eine Vor-Ver­ur­tei­lung der ande­ren Seite.

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.