Wie sieht eine Krisenintervention in einem Team nach einer schweren Verletzung aus?

Da gab es einen Unfall. Jemand aus dem Team ist schwer ver­letzt. Die ande­ren haben es gese­hen und sind geschockt. Du sollst hin­ge­hen, um dem Team zu hel­fen.

Wenn der Unfall gera­de erst pas­siert ist, sprich heu­te oder ges­tern, dann gehst Du hin und hörst Dir die Geschich­ten und die Bil­der an. Du stellst Dich vor und fragst, wie Du hilf­reich sein kannst. Dann stellst Du Fra­gen: Was habt Ihr gese­hen? Was gehört? Was macht das mit Euch? Wel­che Fra­gen habt Ihr? Was könnt Ihr Euch erklä­ren, was nicht? Du lässt sie erzäh­len. Aber Du steigst nicht tie­fer ein. Es geht um das Aus­spre­chen, nicht ums Ver­ar­bei­ten. Das kommt spä­ter, mit­un­ter viel spä­ter. In der Dis­kus­si­on wird es zur Ursa­chen- oder gar Schuld­fra­ge kom­men. Es geht nicht dar­um, die Ursa­chen- oder Schuld­fra­ge zu klä­ren. Die unter­schied­li­chen Mei­nun­gen und Ver­sio­nen der Din­ge wer­den neben­ein­an­der­ge­stellt, nicht aus­dis­ku­tiert. Du wirst sehen: das hilft. Es geht um das Aus­spre­chen, nicht um das Auf­klä­ren. An die­sem Punkt musst Du kon­se­quent blei­ben. Du bist kein Ermitt­ler. Du bist Inter­ven­tio­nist.

Wenn „erst­mal“ alles aus­ge­spro­chen ist, bringst Du die Run­de zuen­de. Die nächs­ten Schrit­te wer­den geklärt. Du kannst den Anwe­sen­den auch sagen, was ihnen nun pas­sie­ren wird: eini­gen wird gar nichts pas­sie­ren, sie wer­den viel­leicht vor­sich­ti­ger sein, aber ohne Ein­schrän­kun­gen wei­ter­ma­chen. Eini­ge wer­den träu­men und mehr Angst haben, wei­ter­zu­ma­chen, aber sie wer­den es tun. Die Träu­me wer­den mit der Zeit weg­ge­hen, wenn sie noch ab und an dar­über reden. Und eini­ge wer­den die Angst nicht so schnell wie­der los. Sie wer­den auch träu­men, aber die Träu­me wer­den nicht weg­ge­hen, son­dern sich erst lang­sam ver­än­dern. Die­se Men­schen wer­den erst ein­mal nicht wei­ter­ma­chen, son­dern sie müs­sen sich das Ter­rain erst lang­sam „zurück­er­obern“ – Stu­fe für Stu­fe, nicht gleich die gan­ze Trep­pe auf ein­mal. Ein­zel­nen hilft es, ins sprich­wört­li­che „kal­te Was­ser“ zu sprin­gen, aber die meis­ten gehen Schritt für Schritt. Sie müs­sen gehen, nicht ver­har­ren. Lang­sam, aber gehen. Sonst ent­ste­hen blin­de Fle­cken. Sie wer­den ein biß­chen Beglei­tung brau­chen und Geduld von­sei­ten der Füh­rung. Dann klappt das schon wie­der.

Nach einer Woche machst Du noch eine sol­che Run­de. Dies­mal gehst Du rich­tig rein: wie schlaft Ihr? Was träumt Ihr? Wie geht es Euch? Kom­men die Bil­der auch am Tag? Wie ver­än­dern sich die Bil­der? Du hörst nun, wer zu wel­cher der eben beschrie­be­nen drei Grup­pen gehört. Wich­tig: las­se sie nicht dis­ku­tie­ren. Die einen wer­den sagen, dass man sich doch nun mal zusam­men­rei­ßen müs­se (die ers­te Grup­pe). Die ande­ren wer­den sich kaum trau­en zu sagen, dass man die Angst nicht so schnell über­win­den kön­ne (die drit­te Grup­pe). Lass die Leu­te zu Wort kom­men, aber lass sie nicht ihre Sicht­wei­sen gegen­ein­an­der stel­len, denn dann besteht die Gefahr, dass sie sich unver­stan­den füh­len, sich in ihren Posi­tio­nen „ein­gra­ben“ und sich „fest­dis­ku­tie­ren“. Wenn Du sol­chen Dis­kus­sio­nen Ein­halt gebie­test und die ver­schie­de­nen Sicht­wei­sen neben­ein­an­der gestellt wer­den, ler­nen die aus der ers­ten Grup­pe, dass sie Rück­sicht neh­men müs­sen. Und die aus der drit­ten Grup­pe ler­nen, dass sie nicht „falsch“ ticken, nicht an sich selbst zwei­feln müs­sen oder dar­an, ob sie für den Job mög­li­cher­wei­se geeig­net sind. Sie ler­nen, sich gegen­sei­tig bes­ser zu ver­ste­hen und zu unter­stüt­zen.

Du wirst sehen: irgend­wann geht ein tie­fes Aus­at­men durch die Run­de und die Leu­te fan­gen an zu lächeln.

Wenn die Per­son, die vom Unfall betrof­fen war, wie­der da ist, machst Du noch eine Run­de. Dies­mal redet vor allem die betrof­fe­ne Per­son. Du wirst Schmerz hören und Zwei­fel, wie es wei­ter­ge­hen soll. Aber Du wirst auch Kraft sehen und den Wil­len, wei­ter­zu­ma­chen, sich das Ter­rain zurück­zu­er­obern, das Schock, Angst und Schmerz genom­men haben. Du erkennst die­sen Wil­len an, bleibst aber nicht dort ste­hen. Du explo­rierst auch die Zwei­fel. Am Ende ist die Offen­heit dafür, wie es wei­ter­geht, die heil­sams­te Sicht­wei­se. Mög­li­cher­wei­se geht es für die betrof­fe­ne Per­son in die­sem Team wei­ter, aber nicht so wie bis­her. Die Gene­sung von den Ver­let­zun­gen nach einem schwe­ren Unfall geht oft mit per­sön­li­chen Rei­fungs­pro­zes­sen ein­her. Wenn sich die betrof­fe­ne Per­son offen mit ihrer Zukunft aus­ein­an­der­set­zen kann, ist das ein Zei­chen sol­cher Rei­fe. Wich­tig ist, dass die Run­de das hört. Die ande­ren Team­mit­glie­der sol­len heu­te weni­ger die eige­nen Erleb­nis­se noch ein­mal durch­ge­hen. Wenn es not­wen­dig ist, soll das natür­lich Raum fin­den, aber eher kurz. Aus­führ­li­cher lässt Du sie hin­ge­gen ihre Gedan­ken zur Zukunft reflek­tie­ren.

Wenn Du Poli­zist bist und es in Dei­ner Grup­pe einen schwe­ren Ein­satz oder eine Ver­let­zung o. ä. gege­ben hat, dann kannst Du aus den bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen fol­gen­de Leh­ren zie­hen:

Grun­dätz­lich gilt: ver­don­ne­re die Leu­te nicht dazu, sich zu öff­nen, son­dern set­ze auf Frei­wil­lig­keit. Es gibt auch in sol­chen Run­den wie den oben beschrie­be­nen immer Leu­te, die wenig oder gar nichts sagen. For­cie­re nichts, denn das kann nach hin­ten los­ge­hen. Oft öff­nen sich Men­schen erst für sol­che „Psy­cho-The­men“, wenn sie durch Erfah­run­gen gelernt haben, wo man­che ihrer Gren­zen lie­gen.

Unmit­tel­bar nach dem Ereig­nis (am glei­chen Tag oder am Tag danach) holst Du die Grup­pe zusam­men. Du sagst, dass Dir das wich­tig ist. Du sagst, dass so etwas hel­fen kann, aber nicht muss. Dass Du nie­man­den ver­don­nern willst, dass die Sache frei­wil­lig ist, dass die Leu­te nur sagen sol­len, was sie wol­len. Wenn Du jetzt ein­fach los­legst, blei­ben auch die, die sonst nicht gekom­men wären. Sie blei­ben und hören zu. Wenn jemand gehen will, soll sie oder er gehen. Aber Du bie­test es nicht expli­zit an. Du hast gesagt, dass es frei­wil­lig ist und dass jeder nur sagen soll, was er oder sie sagen will. Das ist eine Grat­wan­de­rung zwi­schen Auto­ri­tät und Frei­wil­lig­keit. Dafür kann man Dich kri­ti­sie­ren. Aber ich sage Dir: ich wür­de es so machen, weil ich weiß, dass es für das Team bes­ser ist, wenn sol­che Din­ge im Team geteilt wer­den – wenn die, die nichts sagen, trotz­dem zuhö­ren. Du bist ja am Ende die Füh­rungs­kraft für die gan­ze Grup­pe. Das ist ein ganz zen­tra­ler Punkt: Du führst die gan­ze Grup­pe, nicht eine Ansamm­lung ein­zel­ner Per­so­nen. Also gehö­ren wich­ti­ge Din­ge in die gesam­te Grup­pe. Nie­mand muss sich öff­nen, aber dabei sein ist gut.

Für die Run­de unmit­tel­bar nach dem Ereig­nis (am glei­chen Tag oder am Tag danach) planst Du etwa 60 Minu­ten ein. Wenn Du 70 brauchst, ist das nicht schlimm, wenn es nach einer hal­ben Stun­de erst ein­mal nichts mehr zu sagen gibt, erst recht nicht. Du fragst, was pas­siert ist, was die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen gese­hen haben, wie sie das erlebt haben. Wich­tig sind hier erst ein­mal Beschrei­bun­gen, kei­ne Dis­kus­sio­nen oder Ursa­chen­for­schun­gen. Es geht wie oben beschrie­ben um das Aus­spre­chen, nicht um Auf­klä­rung. Wenn Gefüh­le zur Spra­che kom­men, ist das gut. Oft sind Men­schen, die direkt Emo­tio­nen zei­gen, im Nach­hin­ein bes­ser dran als die­je­ni­gen, die das ver­drän­gen oder zu stark ver­sach­li­chen. Wenn nur wenig oder kei­ne Gefüh­le zur Spra­che kom­men, ist das auch gut. Wich­tig ist, dass sich im Team eine Kul­tur des Aus­tauschs über schwie­ri­ge Situa­tio­nen ent­wi­ckelt, dass die Kol­le­gen ein­an­der zuhö­ren und ver­ste­hen, dass es unter­schied­li­che Arten und Gra­de der Betrof­fen­heit und des Umgangs mit schwie­ri­gen Situa­tio­nen gibt und dass man die­se unter­schied­li­chen Erle­bens­ar­ten, Sicht­wei­sen und Hand­lungs­mus­ter nicht gegen­ein­an­der auf­wie­gen kann. Wächst das gegen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis, wächst auch die gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung. Denn dar­um geht es: schwie­ri­ge Lagen im Team so zu bewäl­ti­gen, dass das Team leis­tungs­fä­hig bleibt und die Aus­wir­kun­gen der ein­satz­be­ding­ten Belas­tun­gen in einem erträg­li­chen Rah­men blei­ben.

Wenn jemand aus der Grup­pe ins Kran­ken­haus gekom­men ist, besprichst Du am Ende die­ser ers­ten Run­de noch, wer wann Kran­ken­be­su­che über­nimmt. Das darfst Du nicht ver­ges­sen! Und Du gehst auch selbst ins Kran­ken­haus. Da gibt es kei­ne Aus­nah­me. Das ist für die Per­son, die es getrof­fen hat, wirk­lich wich­tig. Wie wich­tig, kannst Du Dir nur vor­stel­len, wenn Du selbst mal in einer sol­chen Lage warst. Auch wenn die Per­son das ggf. nie sagen wird, Du sie nicht so rich­tig lei­den kannst oder, oder, oder. Du gehst hin. Du musst ja im Zwei­fel nicht allein hin­ge­hen. Und: Du gehst bei län­ge­ren Auf­ent­hal­ten bit­te nicht nur ein­mal hin, son­dern zwei­mal (bspw. rela­tiv am Anfang und rela­tiv am Ende des Kran­ken­haus­auf­ent­halts).

Du wirst in den Tagen nach dem frag­li­chen Ein­satz mer­ken, ob Dei­ne Leu­te noch eine wei­te­re Run­de brau­chen oder nicht. Wor­an Du das mer­ken wirst? Dar­an, dass der Ein­satz immer noch The­ma ist. Dar­an, dass die Leu­te anders an die Arbeit her­an­ge­hen. Dar­an, dass sie bei man­chen Din­gen leicht zögern oder beson­ders lang­sam zum Ein­satz fah­ren. Du siehst es viel­leicht auch in ihren Augen. Du musst nicht Psy­cho­lo­gie stu­diert haben, um das zu mer­ken. In der Regel wirst Du es hören: es bleibt The­ma; ein­zel­ne spre­chen Dich viel­leicht auch an.

Dann machst Du eine zwei­te Run­de, bspw. eine Woche spä­ter. Es kann sein, dass nicht alle kom­men. Das ist ok. Du nimmst Dir für die zwei­te Run­de mehr Zeit. Dies­mal geht es dar­um, was das mit den Leu­ten gemacht hat, wie es ihnen geht, wie sie schla­fen, wel­che Bil­der sie sehen, was sie ggf. träu­men. Wie es Ihnen auf Arbeit geht, wie sie über den Ein­satz den­ken, wie sich sich seit­her in Ein­sät­zen füh­len, was sie brau­chen, damit es ihnen bes­ser geht, was man als Grup­pe aus dem Ein­satz ler­nen kann. Pla­ne ruhig zwei, drei Stun­den ein und gib die Run­de nicht gleich auf, nur weil mal zehn Sekun­den am Stück nichts gesagt wird. Das ist in sol­chen Run­den so. Du bist als Füh­rungs­kraft der Mode­ra­tor. Du stellst Fra­gen, spie­gelst, fasst zusam­men, malst viel­leicht etwas auf. Du dis­ku­tierst nicht. Wenn jemand Dei­ne Rol­le im Ein­satz in Fra­ge stellt, wirst Du Dich nicht recht­fer­ti­gen. Du stellst Fra­gen, Du fragst, was das für zukünf­ti­ge Ein­sät­ze heißt, was das Team ler­nen kann, was Du ler­nen kannst. Aber Du lässt kei­ne län­ge­ren Dis­kus­sio­nen über den Sinn des Ein­sat­zes zu. Hier musst Du kon­se­quent blei­ben. In einer Art „Aus­kotz­run­de“ ist es in Ord­nung, den Sinn eines Ein­sat­zes zu hin­ter­fra­gen. Aber das muss Teil einer ers­ten Aus­spra­che blei­ben und darf sich nicht „fest­set­zen“. Ansons­ten hin­ter­fra­gen die Kol­le­gen fort­an nicht nur die Ein­sät­ze (was sich direkt nega­tiv auf das Stres­ser­le­ben wäh­rend des Ein­sat­zes aus­wirkt), son­dern spä­ter auch Dich und Dei­ne Vor­ge­setz­ten. Du darfst auch nie in das „Vor­ge­setz­ten­ba­shing“ ein­stim­men. Hier musst Du kla­re Gren­zen zie­hen, sonst höhlt das die Moral der Grup­pe aus und belas­tet Dei­ne Bezie­hung zu Dei­nen Leu­ten. Mer­ke: Sol­che Din­ge sind immer Lern­pro­zes­se. Zu jeman­dem, der sich aus­gie­big über vor­ge­ord­ne­te Ebe­nen aus­lässt, gehört auch immer jemand, der das zulässt. Sach­li­che Kri­tik ist in Ord­nung und – hof­fent­lich – erwünscht. Nur sind end­lo­se Bewer­tun­gen und Trat­sche­rei­en eben kei­ne sach­li­che Kri­tik. Des­halb: nicht dis­ku­tie­ren oder gar recht­fer­ti­gen, son­dern kon­kre­ti­sie­rend nach­fra­gen („Was mei­nen Sie genau?“ oder: „Was kön­nen wir für den nächs­ten Ein­satz dar­aus ler­nen?“) und, wenn es zu viel wird, kon­se­quent Gren­zen zie­hen („Es geht hier nicht dar­um, dass … ein dum­mer Befehl war. Bit­te sagen Sie, was Sie zu sagen haben, damit wir dar­aus ler­nen kön­nen.“).

Auch in der zwei­ten Run­de geht es nicht dar­um, abschlie­ßen­de Ursa­chen­for­schung zu betrei­ben. Es geht eher dar­um, die Din­ge aus­zu­spre­chen und die Wir­kun­gen auf die eige­ne Per­son und die Grup­pe zu reflek­tie­ren. Du wirst sehen – nach ein bis zwei Stun­den „kippt“ die Stim­mung in posi­ti­ve Rich­tung um. Die Leu­te sind erleich­tert, fas­sen Mut, unter­stüt­zen sich, hal­ten zusam­men, wol­len wei­ter­ma­chen… Falls dies in der zwei­ten Run­de nicht klappt, soll­test Du die Grup­pe wei­ter beob­ach­ten und über eine drit­te Run­de nach­den­ken. Spä­tes­tens wenn die ggf. ver­letz­te Per­son in den Dienst zurück­kehrt, ist es Zeit für eine sol­che drit­te und letz­te Run­de.

Ein Rat zum Schluss: Bit­te nimm nicht jede Stim­mungs­schwan­kung in der Grup­pe als Zei­chen dafür, dass etwas von dem, was Du initi­iert hast, nicht geklappt hat. Es ist die Natur der Pro­zes­se nach schwer­wie­gen­den Ereig­nis­sen, auf und ab zu schwan­ken. Hier ist Dei­ne Sicher­heit gefragt. Und wenn Du kei­ne Sicher­heit spürst, weil Du sol­che Pro­zes­se noch nie erlebt hast, dann ist Dein Mut gefragt, Dich in die­se Pro­zes­se zu bege­ben in dem Wis­sen, dass (frei­wil­lig) dar­über zu reden hilf­reich ist und dass Stim­mungs­schwan­kun­gen nor­mal sind.

Jörg Hei­dig