Bewusstsein – aus physiologischer Perspektive

Eine der viel­leicht ursprüng­lichs­ten Fra­gen der Psy­cho­lo­gie ist die nach der Natur des Bewusst­seins. Bewusst­sein ist ver­bun­den mit einer (1) gewis­sen Wach­heit, einem (2) Gewahr­sein sei­ner selbst und der (3) Fähig­keit, Gedan­ken und Gefüh­le mit­zu­tei­len. Aus einer rein phy­sio­lo­gi­schen Per­spek­ti­ve muss nun fest­ge­stellt wer­den, dass das Phä­no­men des Bewusst­seins auf che­mi­sche Pro­zes­se im Gehirn zurück­zu­füh­ren sein muss. Es gibt einen bestimm­ten Bereich in der lin­ken Gehirn­hälf­te, der sich mit der Fähig­keit zur Spra­che in Ver­bin­dung brin­gen lässt und der – phy­lo­ge­ne­tisch betrach­tet – sei­ne Funk­tio­na­li­tät erst ver­gleichs­wei­se spät erhal­ten hat. Phy­sio­lo­gi­sche Psy­cho­lo­gen gehen davon aus, dass die Fähig­keit zum Bewusst­sein eine Neben­funk­ti­on des Sprach­zen­trums ist. Das lässt sich ein­drucks­voll anhand von zwei Phä­no­me­nen bele­gen, dem so genann­ten Blind­se­hen und den Erleb­nis­sen von Spalthirn-Patienten.

Blind­se­hen: Gemein­hin neh­men wir an, dass Wahr­neh­mun­gen bewusst sein müs­sen, um unser Ver­hal­ten zu beein­flus­sen. Dies stimmt jedoch nicht ganz, denn mensch­li­ches Ver­hal­ten kann durch völ­lig unbe­wuss­te Wahr­neh­mun­gen gelei­tet wer­den, wie am Bei­spiel des Blind­se­hens deut­lich wird. Der Mensch ver­fügt nicht nur über ein, son­dern meh­re­re visu­el­le Sys­te­me. Das phy­lo­ge­ne­tisch älte­re Sys­tem ähnelt dem der Fische und Frö­sche. Säu­ge­tie­re haben spä­ter noch ein deut­lich kom­ple­xe­res Sys­tem ent­wi­ckelt. Die­ses jün­ge­re Sys­tem ist bewusst­seins­fä­hig, das älte­re hin­ge­gen nicht. Das älte­re Sys­tem „kon­trol­liert haupt­säch­lich Augen­be­we­gun­gen und rich­tet die Augen­be­we­gung auf plötz­li­che Bewe­gun­gen in der Peri­phe­rie unse­res Blick­felds“ (Carl­son 2004, S. 5), und es hat sich lan­ge vor der For­mie­rung des Bewusst­seins entwickelt.

Dar­aus folgt: „Bewusst­sein ist kei­ne gene­rel­le Eigen­schaft aller Hirn­tei­le, eini­ge Hirn­tei­le spie­len offen­bar eine beson­de­re Rol­le für das Bewusst­sein. Obwohl wir nicht sicher sind, wo sich die­se Tei­le befin­den oder wie sie genau funk­tio­nie­ren, schei­nen sie mit unse­rer Fähig­keit, zu kom­mu­ni­zie­ren – mit ande­ren Men­schen und mit uns selbst –, ver­bun­den zu sein. (…) Unter­su­chun­gen an Per­so­nen, die sich einer spe­zi­el­len hirn­chir­ur­gi­schen Ope­ra­ti­on unter­zo­gen haben, zei­gen auf dra­ma­ti­sche Wei­se, wie das Ent­kop­peln wahr­neh­mungs-rele­van­ter und sprachr­e­le­van­ter Hirn­an­tei­le zugleich auch zu einer Ent­bin­dung vom Bewusst­sein führt. Die Befun­de machen wahr­schein­lich, dass die für ver­ba­les Ver­hal­ten zustän­di­gen Hirn­an­tei­le auch die­je­ni­gen sind, wel­che für das Bewusst­sein zustän­dig sind.“ (Carl­son 2004, S. 5)

Spalt­hir­ne: Bei einer beson­ders schwe­ren Form der Epi­lep­sie hat man frü­her durch einen ope­ra­ti­ven Ein­griff das Cor­pus cal­lo­s­um, die Ver­bin­dung zwi­schen rech­ter und lin­ker Gehirn­hälf­te durch­trennt. Ergeb­nis war eine Lin­de­rung der epi­lep­ti­schen Sym­pto­me, denn die Hirn­hälf­ten konn­ten sich nicht mehr gegen­sei­tig erre­gen. In der Fol­ge sol­cher Ope­ra­tio­nen beob­ach­te­ten die Pati­en­ten an sich, dass die rech­te und lin­ke Kör­per­hälf­te teil­wei­se getrennt von­ein­an­der agier­ten: „Nach der Ope­ra­ti­on bemer­ken die Pati­en­ten zunächst, dass ihre lin­ke Hand schein­bar eine eige­ne See­le hat.“ (Carl­son 2004, S. 7) Bei­spie­le: Die lin­ke Hand legt ein Buch weg, das von der Per­son gera­de mit gro­ßem Inter­es­se gele­sen wur­de, denn die rech­te Hirn­hälf­te kann nicht lesen, kon­trol­liert aber die lin­ke Hand. Man­che Pati­en­ten beob­ach­te­ten an sich, wie die lin­ke Hand völ­lig unbe­ab­sich­tigt obs­zö­ne Ges­ten macht. In einem Fall habe die lin­ke Hand sogar jeman­den geschla­gen, wäh­rend die rech­te Hand ver­such­te, die lin­ke dar­an zu hin­dern. „Weil nur eine Hälf­te des Gehirns dar­über spre­chen kann, was das Gehirn erfährt, spre­chen Spalt­hirn-Pati­en­ten nur mit einer Hemi­sphä­re, näm­lich der lin­ken. Die Pro­zes­se in der rech­ten Hemi­sphä­re sind schwie­ri­ger zu ent­de­cken. Selbst des Pati­en­ten lin­ke Hemi­sphä­re muss erst ler­nen, dass die rech­te Hemi­sphä­re unab­hän­gig von ihr exis­tiert.“ (Carl­son 2004, S. 7)

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.