Der doppelte Boden der Lüge

Im letz­ten Bei­trag habe ich beschrie­ben, wie durch elter­li­che Infra­ge­stel­lung des Kin­des erst kein Selbst­ver­trau­en ent­ste­hen kann und sich dann – qua­si als Ret­tungs­ver­such in exis­ten­ti­el­ler Not – ein Ersatz-Selbst­bild ent­wi­ckelt. Indem sich das Kind als unge­liebt erfährt oder Lie­be an bestimm­te Leis­tun­gen geknüpft wird, lernt das Kind, nicht sich selbst zu ach­ten und zu ver­trau­en, son­dern es baut ein qua­si „kom­pen­sa­to­ri­sches“ Wunsch-Bild von sich auf. Die­ses Wunsch-Bild ist hei­le, ver­kör­pert aber nicht die Rea­li­tät. Betrof­fe­ne han­deln vor allem aus ihrem Wunsch-Bild her­aus, um ihre Unsi­cher­heit in Bezug auf sich selbst nicht spü­ren zu müs­sen und um für sol­che Reak­tio­nen aus ihrem Umfeld zu sor­gen, die ihrem Wunsch-Selbst­bild ent­spre­chen. Im Grun­de belü­gen sie sich selbst: „Indem ich Leis­tung brin­ge, wer­de ich aner­kannt.“ könn­te ein Schlüs­sel­satz lau­ten. Gera­de jenen, die ihr Selbst­bild mit einer hohen Leis­tungs­mo­ti­va­ti­on ersetzt haben, fällt es sehr leicht, ihre Unzu­läng­lich­kei­ten in unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft zu ver­ste­cken. „Wenn die Arbeit ruft, bleibt ein Schwei­zer nie daheim.“, singt Faber. Und das gilt nicht nur für vie­le Schwei­zer, son­dern auch für vie­le Deut­sche. Leis­tung und Kar­rie­re sind „sozi­al erwünsch­te“ Din­ge. Maaz behaup­tet sogar, dass die Mehr­heit der Deut­schen fal­sche Selbst-Bil­der hät­ten, sich also nicht ver­trau­ten und statt­des­sen Ersatz-Bil­dern von sich hin­ter­her­jag­ten. Die­se Men­schen belü­gen sich selbst und machen dadurch ande­ren per­ma­nent vor, wie erfolg­reich, selbst­si­cher, aus­ge­gli­chen oder unver­letzt sie sei­en. Sie legen sich sozia­le Mas­ken zu, damit sie sich selbst glau­ben kön­nen, sie sei­en so tol­le Hel­fer oder mach­ten eine so tol­le Kar­rie­re oder sei­en so auf­op­fe­rungs­vol­le Fami­li­en­men­schen oder, oder, oder. Nur damit sie ihre Unsi­cher­heit und ihre Angst nicht spü­ren müs­sen.

Man kann sich den Pro­zess des Ent­ste­hens oder Erler­nens eines Wunsch-Selbst­bil­des und der dazu­ge­hö­ri­gen Hand­lun­gen in etwa so vor­stel­len: Ein Kind fühlt sich unver­stan­den oder gar unge­liebt von sei­nen Eltern. Es wird nach Gele­gen­hei­ten suchen, trotz­dem aner­kannt zu wer­den. Es merkt bspw. bei außer­ge­wöhn­li­chen Leis­tun­gen, dass es dafür gelobt wird. Oder es bemerkt, dass, wenn es sich brav und ange­passt zeigt, es im Ver­gleich zu sonst eher in Ruhe gelas­sen oder sogar gemocht wird. Die­se zunächst eher ein­zel­nen Ver­su­che und Erfah­run­gen wer­den spä­ter – dann aller­dings weni­ger unab­sicht­lich, son­dern bewuss­ter – wie­der­holt. Das Kind lernt, nicht es selbst zu sein, son­dern Rol­len aus­zu­pro­bie­ren. Die Reak­tio­nen auf die ver­schie­de­nen Rol­len wer­den aller­dings nicht ein­fach erfah­ren wie in einem belie­bi­gen selbst­ver­ständ­li­chen Inter­ak­ti­ons­fluss – wenn sich das Kind selbst ver­traut, han­delt es ein­fach, die Eltern reagie­ren dar­auf usw. -, son­dern die Kin­der begin­nen zu beob­ach­ten, wel­che Hand­lun­gen wel­che Kon­se­quen­zen haben und erler­nen die ent­spre­chen­den Mus­ter. Die­se Beob­ach­tung der eige­nen Hand­lun­gen und ins­be­son­de­re der Reak­tio­nen dar­auf ist ein wesent­li­ches kom­mu­ni­ka­ti­ves Merk­mal bei Men­schen, die sich nicht selbst ver­trau­en. Betrof­fe­ne han­deln nicht ein­fach auf der Basis ihrer Emo­tio­nen oder Über­le­gun­gen, son­dern die Reak­tio­nen der ande­ren wer­den zunächst ana­ly­siert, um dar­auf­hin die eige­nen Hand­lun­gen zu pla­nen. Es han­delt sich also um ein mehr oder min­der absichts­vol­les Thea­ter­stück, was im Hand­lungs­voll­zug geschrie­ben wird.

Ein beob­acht­ba­res Kenn­zei­chen sol­cher Thea­ter­stü­cke sind „prü­fen­de Bli­cke“, die ande­ren Men­schen wäh­rend der beschrie­be­nen absichts­vol­len Hand­lun­gen zuge­wor­fen wer­den. Die­se Bli­cke tau­chen bis­wei­len mit­ten im Hand­lungs­voll­zug auf und fügen sich nicht so recht in den Kon­text bzw. pas­sen nicht in den Inter­ak­ti­ons­fluss. So kann es bspw. sein, dass ein Kind weint, dabei aber sei­ne Eltern beob­ach­tet. Oder ein Kind han­delt beson­ders ange­passt und beob­ach­tet ver­stoh­len, ob sei­ne ggf. unter­wür­fi­gen Hand­lun­gen die gewünsch­te Reak­ti­on erzeu­gen. Oder ein ehe­ma­li­ger Straf­ge­fan­ge­ner zeigt nach einer ver­ba­len Eska­la­ti­on, auf die hin er von sei­nem Bewäh­rungs­hel­fer stark kon­fron­tiert wur­de, auf ein­mal Reue, sein Blick geht zu Boden und er gibt zu, dass er noch ler­nen müs­se, sei­ne Impul­se unter Kon­trol­le zu brin­gen, und dass ihn der Herr Bewäh­rungs­hel­fer gera­de sehr „erwischt“ und „getrof­fen“ habe und dass er ja Recht habe mit sei­ner Ermah­nung. Blitzt zwi­schen­durch ein eher kal­ter, prü­fen­der Blick auf, kann man zumin­dest skep­tisch blei­ben, ob es sich hier nicht um ein „dees­ka­lie­ren­des Rol­len­spiel“ han­delt.

Mensch­li­che Hand­lun­gen bekom­men auf die­se Wei­se einen „dop­pel­ten Boden“. Eigent­lich flie­ßen die Inter­ak­tio­nen – eine Äuße­rung löst beim Gegen­über eine Reak­ti­on aus. Die­se Reak­ti­on hat eine emo­tio­na­le, eine kogni­ti­ve und eine hand­lungs­be­zo­ge­ne Dimen­si­on. „Nor­ma­ler­wei­se“ fließt die emo­tio­na­le Bewer­tung der Situa­ti­on mehr oder min­der auto­ma­tisch und unre­flek­tiert in die Reak­ti­on ein. Es kann aber auch sein, dass die reagie­ren­de Per­son – etwa in als sehr wich­tig emp­fun­de­nen Gesprä­chen – den Kogni­tio­nen eine stär­ke­re Bedeu­tung ver­leiht, indem sie nicht „auto­ma­tisch“ reagiert, son­dern die eige­ne emo­tio­na­le Reak­ti­on wahr­nimmt und über­legt, was das genau bedeu­tet und wie sie wei­ter han­deln möch­te. Dann haben wir es mit bewuss­te­ren Hand­lun­gen zu tun. Men­schen, die sich nicht ver­trau­en, haben aber gelernt, ihre eige­nen Emo­tio­nen gar nicht erst ein­zu­be­zie­hen. Für sie sind die Emo­tio­nen des Gegen­übers wich­ti­ger. Es geht ja dar­um, das eige­ne Wunsch-Selbst­bild bestä­ti­gen zu las­sen. Also steht nicht die eige­ne Emo­ti­on im Vor­der­grund, son­dern die des Gegen­übers. Ich darf qua­si gar nicht so han­deln, wie ich wol­len wür­de, son­dern ich hand­le qua­si so, dass mein Gegen­über mein Wunsch-Selbst­bild bestä­tigt. Das führt mehr oder min­der kon­se­quent dazu, die eige­nen Emo­tio­nen zu igno­rie­ren. Der „eigent­li­che“ Inter­ak­ti­ons­fluss fin­det somit gar nicht statt, weil die eige­nen Emo­tio­nen ja aus­ge­blen­det wer­den. Was hin­ge­gen statt­fin­det, ist ein „Als-ob-Inter­ak­ti­ons­fluss“. Ich tue qua­si so, als wäre alles ganz nor­mal. Ich ver­su­che, mei­nem Gegen­über die­ses Gefühl zu geben. Gleich­zei­tig ana­ly­sie­re ich des­sen Hand­lun­gen nicht unter Hin­zu­nah­me mei­ner Emo­tio­nen, son­dern mit der Maß­ga­be, was ich tun muss, damit mich mein Gegen­über als den leis­tungs­star­ken oder erfolg­rei­chen oder hilf­rei­chen oder so lie­be­vol­len oder so hil­fe­be­dürf­ti­gen Men­schen wahr­nimmt, der ich gern sein will.

Inter­es­sant wird es, wenn zwei Men­schen auf­ein­an­der­tref­fen, die bei­de kom­pen­sa­to­ri­sche Selbst­bil­der ent­wi­ckelt haben und dazu nei­gen, sich nicht auf ihre Emo­tio­nen zu ver­las­sen, son­dern statt­des­sen gewohnt sind, ihr Gegen­über mehr oder min­der zu beob­ach­ten und ihre Reak­tio­nen auf der Basis die­ser Beob­ach­tun­gen hin zu pla­nen. Stel­len Sie sich bit­te ein­mal das fol­gen­de Bei­spiel vor:

Eine Psy­cho­lo­gin, Ende drei­ßig und seit sechs Jah­ren als The­ra­peu­tin tätig, hat sich den Ruf erar­bei­tet, mit „Här­te­fäl­len“ gut arbei­ten zu kön­nen. Sie ten­diert dazu, nicht lan­ge um den hei­ßen Brei her­um­zu­re­den. Vie­le ihrer vor­nehm­lich männ­li­chen Kli­en­ten schät­zen ihre direk­te Art und brin­gen dies auch zum Aus­druck. Manch­mal hat die The­ra­peu­tin das Gefühl, selbst ein eher har­ter Mensch zu sein. Aber, denkt sie dann, so lan­ge es hilft, passt es schon, und ich habe mich lan­ge genug mit mir selbst aus­ein­an­der­ge­setzt. Selbst­er­fah­rung wäh­rend der The­ra­pie­aus­bil­dung, eine eige­ne The­ra­pie, häu­fi­ge Wei­ter­bil­dun­gen. Dass sie im Pri­vat­le­ben zwar glück­lich scheint, es aber nicht ist, spielt kei­ne Rol­le, denkt sie. Das wird schon, man muss sich um Bezie­hun­gen immer wie­der küm­mern. Wann sie das zuletzt getan hat? Naja. Es ist ja bald Urlaub.

Die­se The­ra­peu­tin bekommt eine neue Kli­en­tin, eine jun­ge Frau, der vom loka­len Job­cen­ter drin­gend gera­ten wur­de, sich in psy­cho­lo­gi­sche Behand­lung zu bege­ben. Die Kli­en­tin lei­det an Angst­stö­run­gen und lehnt psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe eigent­lich ab. Begrün­dung: nega­ti­ve Erfah­run­gen wäh­rend sta­tio­nä­rer Auf­ent­hal­te in der Psych­ia­trie. Nun sei sie aber trotz­dem hier, irgend­et­was müs­se ja pas­sie­ren, so kön­ne es nicht wei­ter­ge­hen, sie kön­ne noch nicht ein­mal mehr ohne Beglei­tung das Haus ver­las­sen, um etwa einen mög­li­chen Aus­bil­dungs­be­trieb oder das Berufs­schul­zen­trum anzu­schau­en.

Die ers­ten Gesprä­che ver­lau­fen weder gut noch schlecht, man ana­ly­siert gemein­sam die Kind­heit, frü­he­re Erfolgs- und Miss­erfolgs­er­leb­nis­se, die The­ra­peu­tin lässt sich aus­führ­lich das Erle­ben der jun­gen Frau schil­dern. Nach dem zwei­ten Gespräch beginnt die The­ra­peu­tin zu zwei­feln und nach dem drit­ten Gespräch will die The­ra­peu­tin die Kli­en­tin – Zitat – „eigent­lich nur noch los­wer­den“. In der Super­vi­si­on sagt die The­ra­peu­tin, dass sie das Gefühl habe, die Kli­en­tin lüge sie an. Es sei, als ob die Kli­en­tin sich gar nicht ändern wol­le. Sie sage zwar, dass sie Hil­fe bräuch­te, und dass sie sich wün­sche, eine Berufs­aus­bil­dung zu machen. Aber dann sit­ze die Kli­en­tin nur da und gucke vor sich hin. Sie, die The­ra­peu­tin, schwan­ke zwi­schen Hilf­lo­sig­keit und Wut, weil die Kli­en­tin so gar kei­nen Wil­len hät­te. Sie wür­de nur dasit­zen wie ein – Zitat – „dickes Reh, das sich die Bei­ne gebro­chen hat, nur gro­ße Augen und Selbst­mit­leid“.

Nach einer Ana­ly­se der Emo­tio­nen der The­ra­peu­tin wird klar, dass die wie zur Schau getra­ge­ne Ver­letz­lich­keit der Kli­en­tin in der The­ra­peu­tin Aggres­sio­nen geweckt hat. Die­se Aggres­sio­nen macht die The­ra­peu­tin an dem Gefühl fest, die Kli­en­tin spie­le ihr etwas vor. Nach einer Wei­le wird jedoch der „dop­pel­te Boden“ der Inter­ak­ti­on klar: Die Kli­en­tin hat tat­säch­lich Sym­pto­me und ver­sucht, damit zu leben. Sie hat aller­dings gro­ße Angst vor Panik­at­ta­cken und lebt mit dem stän­di­gen Gefühl, vom All­tag über­for­dert zu sein. Sie hat gelernt, ihre Angst offen anzu­spre­chen – und hat auch gelernt, dass es an man­chen Stel­len wie bspw. im Job­cen­ter, leich­ter wird, wenn sie ihre Angst­stö­run­gen betont. Die The­ra­peu­tin bemerk­te zu Recht die zur Schau getra­ge­ne Ängst­lich­keit und Antriebs­lo­sig­keit ihrer Kli­en­tin. Aber statt damit zu arbei­ten wur­de sie wütend, weil die demons­tra­ti­ve Ver­letz­lich­keit sie an ihre eige­nen, mehr oder min­der ver­dräng­ten „wei­chen Sei­ten“ erin­ner­te. Ihr Wunsch-Selbst­bild war das einer star­ken, eher domi­nan­ten Frau, die mit Klar­heit und einer gewis­sen „Kan­te“, wie sie sich aus­zu­drü­cken pflegt, beruf­lich erfolg­reich ist. Mensch­li­che Schwä­che hat sie immer ange­ekelt, aber sie habe sich damit aus­ein­an­der­ge­setzt und habe das im Griff. Auf die Fra­ge hin, wann sie das letz­te Mal lieb zu sich selbst war, begann die The­ra­peu­tin zu wei­nen.