Über falsche Selbstbilder und die Fähigkeit zu lügen

Der Ver­dacht, nicht echt zu sein

Es ist ein Ver­dacht, der einen beschleicht. Ein komi­sches Gefühl, das man nicht haben möch­te. Gegen­über ein guter Freund. Das Gespräch wird erns­ter, offe­ner. Es geht dar­um, was wirk­lich los ist. Ein Gedan­ke: „Das pas­siert sel­ten genug. Sei froh, dass Du so einen Freund hast. Einen, der Dich lei­den kann, obwohl er Dich kennt. Einen, der Dich aus­hält.“ Doch dann die­ses Gefühl zu lügen. Nein, das kann nicht sein. Ich sage doch die Wahr­heit. Irgend­wie traut man sich selbst nicht über den Weg. Die ret­ten­den Reak­tio­nen des Gegen­übers: „Mir wür­de es genau­so gehen. Ich ver­ste­he Dich da. Was hät­test Du machen sol­len?“ Erleich­te­rung. Als hät­te man dar­auf gewar­tet.

Was ist da los? Woher kommt das Gefühl, sich selbst nicht zu trau­en? Als brau­che man den ande­ren, um sich selbst zu glau­ben.

Ich will nur Dein Bes­tes, und Du benimmst Dich so unmög­lich, dass ich ganz trau­rig bin und nicht mehr weiß, was ich noch mit Dir machen soll! Am liebs­ten wür­de ich mir einen Strick neh­men, so böse, wie Du bist. Ich schä­me mich, dass Du mein Kind bist. Ich habe mir das anders vor­ge­stellt!“

Wie man lernt, sich selbst nicht zu ver­trau­en

Selbst­ver­trau­en ist etwas, das in der Kind­heit ent­steht. Es kommt dar­auf an, ob Eltern ihrem Kind ver­mit­teln, dass es ange­nom­men ist. Oder ob sie ihr Kind hin­ter­fra­gen, ihre Lie­be an Bedin­gun­gen knüp­fen oder ihm ver­mit­teln, es sei nicht in Ord­nung so, wie es ist. Die Ent­wick­lung der kind­li­chen Per­sön­lich­keit strebt nach Ent­fal­tung. Die­se Erkennt­nis wird heu­te oft miss­ver­stan­den, indem Kin­dern kei­ne Auto­ri­tät mehr gegen­über­ge­stellt wird. Doch ohne Ori­en­tie­rung kann sich ein Kind nicht ent­fal­ten. Doch hier geht es nicht um das Feh­len von Auto­ri­tät, son­dern um die Ver­hin­de­rung der Ent­fal­tung. Man darf – und soll­te – einem Kind sagen, wenn es etwas falsch macht. Aber man darf ihm nicht ver­mit­teln, dass es falsch ist. Für Din­ge, die ein Kind tut, kann man das Kind kri­ti­sie­ren. Man darf ihm aber nicht das Gefühl geben, dass es gene­rell uner­wünscht oder unmög­lich ist. Man soll­te nicht mit dem Ent­zug der Bezie­hung dro­hen oder die­sen gar durch­füh­ren. „Wir brin­gen Dich jetzt ins Kin­der­heim, wenn Du nicht auf­hörst, uns zu ner­ven.“ ist eine pro­to­ty­pi­sche Vari­an­te einer weit­ge­hen­den Infra­ge­stel­lung der Exis­tenz eines Kin­des.

Mein Gefühl stimmt nicht.“ ist ein Satz, zu einer exis­ten­ti­el­len Hin­ter­fra­gung der eige­nen Per­son führt. Anders aus­ge­drückt: Man kann mit die­sem Satz nicht leben.

Weil man aber trotz­dem lebt und mit sich und der Welt klar­kom­men möch­te, wird die­se exis­ten­ti­el­le Hin­ter­fra­gung ver­drängt. Man lernt, sich selbst nicht zu ver­trau­en und sich statt­des­sen ein Wunsch­bild von sich auf­zu­bau­en – in der Hoff­nung, so nach außen das Bild eines lie­bens­wer­ten Men­schen zu erzeu­gen.

Die­ses Wunsch­bild ent­spricht nicht der Rea­li­tät, man han­delt aber zuneh­mend so, als ob es der Rea­li­tät ent­sprä­che. Man sorgt also in der äuße­ren Welt für Reak­tio­nen, die das Wunsch­bild bestä­ti­gen, und zwar solan­ge, bis wir selbst glau­ben, dass wir die­se Per­son sind.

Wie sich Lebens­lü­gen ver­er­ben

An die­ser Stel­le sei ange­merkt, dass wir alle mehr oder weni­ger star­ke Wunsch-Selbst­bil­der haben und ent­spre­chen­de Bestä­ti­gung brau­chen. Es geht hier um die Fra­ge, wo die Gren­ze zwi­schen einem gesun­den Selbst­ver­trau­en und der Abhän­gig­keit von der Bestä­ti­gung des Ersatz-Selbst­bil­des durch ande­re ver­läuft. Im Fal­le gesun­den Selbst­ver­trau­ens ertra­ge ich es, mit mei­ner Mei­nung auch ein­mal allein zu blei­ben. Im Fal­le der Abhän­gig­keit von der Bestä­ti­gung durch ande­re ken­ne ich mich kaum und lebe mehr oder weni­ger fremd­be­stimmt, indem ich mich an dem Ziel ori­en­tie­re, in ande­ren mög­lichst sol­che Reak­tio­nen her­vor­zu­ru­fen, die eben nicht mich, wie ich bin, son­dern mein selbst geschaf­fe­nes kom­pen­sa­to­ri­sches Bild von mir bestä­ti­gen.

Bei­spiel Hel­fer­syn­drom: Weil ich mich nicht so aus­hal­te, wie ich bin, und weil ich die Unsi­cher­heit, die mich in der Nähe ande­rer Men­schen befällt, kaum ertra­ge, suche ich mir eine Rol­le, in der ich einen her­aus­ge­ho­be­nen Sta­tus genie­ße. Hel­fern ist man dank­bar. Bleibt die Dank­bar­keit aber aus, reagie­re ich ent­spre­chend unsi­cher bzw. ver­är­gert. Man bestä­tigt mich nicht – was mich ent­we­der anspornt, noch mehr zu hel­fen, oder, falls dies nicht funk­tio­niert, das jewei­li­ge Gegen­über abzu­wer­ten („Die haben so vie­le Pro­ble­me, sehen das aber gar nicht ein!“) oder mich kom­plett abzu­wen­den („So ein undank­ba­rer Mensch! Was ich alles für ihn gemacht habe. Dafür kann ich doch min­des­tens ein biß­chen Dank­bar­keit erwar­ten, oder?“).

Im Grun­de wie­der­holt man dann, was die Eltern einem vor­ge­lebt haben, und zwar eben­so unbe­ab­sich­tigt wie unbe­merkt. Vie­le han­deln sogar in dem Glau­ben, dass sie völ­lig anders als ihre Eltern sei­en. Und sind von der Erkennt­nis, dass dem nicht so ist, so geschockt, dass sie dies nicht wahr­ha­ben wol­len und dem­je­ni­gen, der die ent­spre­chen­de Kon­fron­ta­ti­on aus­ge­spro­chen hat, mit dem Abbruch der Bezie­hung dro­hen. Ihrer­seits haben es die Eltern in der Regel nicht böse gemeint. Sie wuss­ten es ihrer­seits zumeist nicht bes­ser und haben selbst nur ver­sucht, ihre eige­nen Wun­den zu ver­ber­gen. Auch die Eltern hat­ten in der Regel Wunsch­bil­der von sich, also – dras­tisch for­mu­liert – Lebens­lü­gen, die sie auf­recht erhal­ten woll­ten.

Die schwers­te Lek­ti­on

Dein Gefühl stimmt nicht!“ heißt im Grun­de: „Ich stel­le Dich in Fra­ge, weil ich dadurch an mei­ner Welt fest­hal­ten kann. Ich weiß, dass ich über­for­dert und genervt bin, aber das gebe ich nicht zu. Ich will auch nicht wis­sen, war­um ich so bin. Ich will, dass Du mir das Gefühl gibst, dass alles in Ord­nung ist. Des­halb kann es nicht sein, dass Du so fühlst, wie Du fühlst. Schau, was ich alles für Dich getan habe! Ich mei­ne es doch gut! Dafür darf ich auch erwar­ten, dass Du sorg­sam mit mir umgehst. Ach, ich weiß, Du bist zu jung dazu. Aber das lernst Du schon noch. Komm, sei schön lieb, setz Dich her, Dein Anfall geht schon wie­der vor­bei. Ich habe Dich lieb, wenn Du lieb zu mir bist. Alles ande­re wür­de mich umbrin­gen, und Du willst doch nicht, dass ich mir einen Strick neh­me, oder?“

Die­se Sät­ze sind eine Mischung aus Gedan­ken, die kaum jemand so aus­spre­chen wür­de, und Sät­zen, die Kin­dern tat­säch­lich gesagt wer­den. Durch sol­che Gedan­ken und Sät­ze wer­den Kin­der mani­pu­liert und dazu gebracht, die Welt des betref­fen­den Eltern­teils zu bestä­ti­gen. Und das alles, weil sich jemand selbst nicht lieb haben kann! Weil es ihm aus­ge­trie­ben bzw. „weg­ma­ni­pu­liert“ wur­de. Sich selbst lieb haben – klingt ein­fach, aber ist wohl die schwers­te Lek­ti­on, die ein Mensch im Leben ler­nen kann.

Men­schen mit Wunsch-Selbst­bil­dern brau­chen die Bestä­ti­gung von außen und machen sich vom Urteil ande­rer abhän­gig. Sie leben qua­si für die Mei­nung ande­rer und nicht für sich selbst. Weil man nicht weiß, wer man selbst ist, lässt man das von sich geschaf­fe­ne Bild von ande­ren bestä­ti­gen. Des­halb sind die Gefüh­le ande­rer wich­ti­ger als die eige­nen Gefüh­le. Daher der Ver­dacht, im Grun­de nicht echt zu sein.

Inne­re Käl­te als Preis für das Ersatz-Selbst­bild

Ein Ersatz-Selbst­bild zu schaf­fen und zu sei­ner Erhal­tung sich selbst und ande­re zu belü­gen, bedeu­tet letzt­lich eine Ent­fer­nung von sich selbst. Weil sich jemand nicht so anneh­men kann, wie er ist und sich nicht ver­traut, geht er in die Distanz zu sich selbst – aber nicht im Sin­ne eines reflek­tie­ren­den Nach­den­kens über sich, son­dern im Sin­ne eines vom „Anders-Sein“ träu­men­den, das eigent­li­che Selbst ver­leug­nen­den Ersatz-Selbst­bil­des. Man sorgt durch ent­spre­chen­de Hand­lun­gen für die Bestä­ti­gung durch ande­re und sta­bi­li­siert so das Ersatz-Selbst immer mehr, bis man sich soweit von sei­nem eigent­li­chen Selbst ent­fernt hat, dass man nicht mehr dar­auf zugrei­fen kann. Das Resul­tat ist eine bei­na­he voll­stän­di­ge Fokus­sie­rung auf die Emo­tio­nen ande­rer unter Ver­nach­läs­si­gung der eige­nen Emo­tio­nen. Man „erkal­tet“ in Bezug auf sich selbst – und damit auch ande­ren gegen­über. 

Das klingt zunächst para­dox, rich­ten Betrof­fe­ne doch ihren Fokus auf die Emo­tio­nen ande­rer. Sie tun dies aber nicht in ers­ter Linie empa­thisch, son­dern zunächst in gewis­ser Wei­se „berech­nend“, denn sie beob­ach­ten die Reak­tio­nen ihres Gegen­übers, um ihre eige­nen Hand­lun­gen auf das Gegen­über „abzu­stim­men“. Wirk­li­che Empa­thie wür­de ein „ech­tes Selbst“ vor­aus­set­zen, genau die­sem traut man aber nicht – und damit auch nicht den eige­nen Emo­tio­nen. Der Preis für das Ersatz-Selbst ist also eine mehr oder weni­ger „kal­te Berech­nung“ des Mit­ein­an­ders. Sein fal­sches Selbst zu erken­nen wür­de zur Fol­ge haben, tief­grei­fend über sein Leben nach­zu­den­ken und es ggf. zu ändern. Weil man sich aber selbst nicht traut und die Reak­tio­nen des Umfelds auf das eigent­li­che, unsi­che­re, aus der Erfah­rung der Nicht­ak­zep­tanz oder des Unge­liebt­seins resul­tie­ren­de Selbst kaum ertra­gen kann, hat man sich ja das ande­re, das gute, geach­te­te, ange­se­he­ne usw. Ersatz-Selbst­bild oder Wunsch-Selbst­bild geschaf­fen. Und damit man nie mehr die Erfah­rung machen muss, nicht geliebt zu wer­den, hält man an die­sem Ersatz-Selbst­bild fest und lebt, zuge­spitzt for­mu­liert, sei­ne ganz eige­ne Lebens­lü­ge – aller­dings um den Preis einer gewis­sen Käl­te zu sich selbst und zu ande­ren.

Wie kommt man da her­aus?

Man­che der bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen könn­ten den Ein­druck erwe­cken, die Schaf­fung eines Ersatz-Selbst­bil­des sei ein absicht­li­cher Pro­zess, der mit einer bewuss­ten Ent­schei­dung beginnt. Dem ist nicht so. Nie­mand ent­schei­det das, es geschieht ein­fach, und zwar durch ganz selbst­ver­ständ­li­che, all­täg­li­che Inter­ak­ti­on. Allein der Umstand, all das in sol­cher Aus­führ­lich­keit zu beschrei­ben und Wor­te zu fin­den für etwas, das unbe­wusst abläuft, könn­te den besag­ten Ein­druck hin­ter­las­sen. Auch die spä­ter wirk­sa­men Ersatz-Selbst­bil­der sind nicht bewusst – sie erset­zen ja das Selbst um den Preis der beschrie­be­nen Selbst-Ent­frem­dung bzw. emo­tio­na­len „Erkal­tung“. Was bewusst wer­den kann, ist ein gewis­ses Unbe­ha­gen, sind Fremd­heits­ge­füh­le in Bezug auf sich selbst, sind ggf. Sym­pto­me. Dass es sich um einen bei­na­he voll­stän­di­gen Ersatz han­delt und die damit ver­bun­de­nen Reak­tio­nen „auto­ma­tisch“ ablau­fen, zum Wunsch- oder Ersatz-Selbst­bild oder „fal­schen Selbst“ (Maaz) auch eben­sol­che „fal­schen“ Emo­tio­nen gehö­ren, wird anhand des fol­gen­den Abschnitts über die „sym­bio­ti­sche Krän­kung“ klar. 

Emo­tio­nen kön­nen ja eigent­lich nicht falsch sein – sie sind ja da. Aber wenn die gan­ze Iden­ti­tät durch die Erfah­rung des Unge­liebt­seins, der exis­ten­ti­el­len Hin­ter­fra­gung usw. regel­recht ersetzt wur­de, dann han­delt es sich auch bei den Emo­tio­nen um zu einer Mas­ke pas­sen­den bzw. ent­spre­chend „berech­ne­ten“ Ersatz. Nur mit dem Umstand, dass man das dann nicht bemerkt. Aus dem Bedürf­nis, mit einer exis­ten­ti­el­len Hin­ter­fra­gung ein­her­ge­hen­den Schmerz zu ver­mei­den, erwächst eine Selbst-Ent­frem­dung, die zum Ver­lust des Selbst­ver­trau­ens führt. Die viel­ver­spre­chen­de Lösung ist ein Ersatz-Selbst­bild, das mühe­voll auf­ge­baut und auf­recht­erhal­ten wer­den muss. Man bleibt qua­si in der Ver­ban­nung der Selbst-Ent­frem­dung, tut aber so, als wäre dem nicht so, son­dern als wäre alles „hei­le“. Der Preis dafür ist erkal­te­tes oder „berech­ne­tes“ Leben. Der Aus­weg wäre, aus der Ver­ban­nung zurück­zu­keh­ren, das eige­ne Selbst zu ertra­gen und lang­sam zu ler­nen, dass die ande­ren einen den­noch mögen – auch wenn man nicht über­durch­schnitt­lich leis­tet, hilft, liebt usw. Indem man sich selbst erträgt und lernt, dass man lieb zu sich selbst sein darf, sind Kor­rek­tu­ren mög­lich. 

Die sym­bio­ti­sche Krän­kung

Zu einer „sym­bio­ti­schen Krän­kung“ kommt es, wenn man sei­nem Gegen­über sein Ersatz-Selbst­bild zwar prä­sen­tiert, das Gegen­über die­ses Bild aber nicht oder nicht voll­stän­dig bestä­tigt, also „bei sich“ bleibt und nicht in die sym­bio­ti­sche Ver­schmel­zung mit dem Ersatz-Selbst­bild geht. Man erzählt also von sei­nen beson­de­ren Leis­tun­gen oder tut beson­ders viel für sein Gegen­über oder will jeden Aspekt sei­nes Lebens (bspw. jede ein­zel­ne Sekun­de des gemein­sa­men Lebens) mit dem Gegen­über tei­len. Das Gegen­über geht dar­auf aber nur teil­wei­se ein und han­delt in ande­ren Tei­len „abge­grenzt“, unter­nimmt also wei­ter­hin etwas allein, will nicht alles tei­len oder betont, dass es ihm gar nicht auf die Leis­tun­gen ankom­me, son­dern auf einen selbst, und dass er einen als Men­schen möge und weni­ger wegen der beson­de­ren Leis­tun­gen. 

Sol­che Erfah­run­gen wer­den für Betrof­fe­ne zur exis­ten­ti­el­len Irri­ta­ti­on – was man unbe­dingt ver­mei­den woll­te (die exis­ten­ti­el­le Hin­ter­fra­gung), geschieht wie­der. Die Fol­ge: Man hat das Gefühl, sich selbst zu ver­lie­ren, wenn das Gegen­über das Wunsch­bild nicht bestä­tigt. Man fühlt sich per­sön­lich ange­grif­fen.

Aber so ist es ja nicht. Das meint das Gegen­über gewiss nicht. Es stellt sich nur in der eige­nen Erfah­rung so dar. Und die Erfah­rung ist in sol­chen Momen­ten „exis­ten­ti­ell“, das heißt, man kann sich dem nicht oder nur sehr schwer ent­zie­hen. Jenes Thea­ter­stück, das einen eigent­lich „hei­len“ soll­te, fällt einem nun „voll und ganz“ auf die Füße. Das ist die Erfah­rungs­qua­li­tät. 

Was ist aber tat­säch­lich pas­siert? Das Gegen­über hat nur wie ein nor­ma­ler Mensch gehan­delt – ist auf man­ches ein­ge­gan­gen und auf ande­res nicht. Tat­säch­lich wur­de nur ein wenig Luft aus dem Wunsch­bild gelas­sen.

Beson­ders deut­lich wird dies, wenn man sich vor­stellt, was geschieht, wenn Men­schen mit Ersatz-Selbst­bil­dern lie­ben. Das Ersatz-Ich geht dann im Gegen­über auf, sehnt sich nach voll­stän­di­ger Ver­schmel­zung und meint, end­lich die eine Part­ne­rin oder den einen Part­ner gefun­den zu haben. Es geht einem end­lich gut, man ist nicht mehr unsi­cher, man fühlt sich auf­ge­ho­ben, bestä­tigt, geliebt – aber eben nicht aus sich selbst her­aus, son­dern nur durch den ande­ren.

Wenn sich nun her­aus­stellt, dass der ande­re (der gelieb­te Mensch!) noch ein eige­nes Leben hat, es ihm offen­sicht­lich auch ohne mich gut geht, dann kommt es zur Krän­kung: Er braucht mich nicht so, wie ich ihn brau­che! 

Das Gegen­über fragt man dann: „War­um brauchst Du mich nicht genau­so, wie ich Dich brau­che?“ 

Eigent­lich heißt das aber: „Ich brau­che dich so sehr, ich will Zeit mit dir ver­brin­gen, will, dass du da bist und mich bestä­tigst, ich brau­che dich als Selbst­wert­stüt­ze! Ich bin gekränkt dar­über, dass Du noch eine eige­ne Mei­nung hast. Ich habe doch auch kei­ne Mei­nung mehr, bin mit Dir ver­schmol­zen, will nur mit Dir, für Dich sein!“

Und dann sagt man: „Ich ver­let­ze Dich doch auch nicht so, wie Du mich!“ Was das Gegen­über frei­lich nicht ver­steht.

Man liebt das Gegen­über also nicht um sei­ner selbst wil­len. Es geht bei sol­cher Lie­be viel­mehr um die eige­ne Per­son. Um Bestä­ti­gung. Um See­len­frie­den. Dar­um, dass end­lich Ruhe ist. Dass es kei­ne exis­ten­ti­el­len Hin­ter­fra­gun­gen mehr gibt. Das weiß das Gegen­über aber nicht. Man selbst weiß es ja auch nicht. Und wenn, dann wür­de man es nicht sagen.

Der Aus­weg liegt dar­in, das Gegen­über frei­zu­las­sen. Aus der unaus­ge­spro­che­nen Ver­pflich­tung zu ent­las­sen, qua sym­bio­ti­scher Ver­schmel­zung das eige­ne Wunsch­bild zu bestä­ti­gen. Was auf Dau­er ohne­hin nicht funk­tio­nie­ren wür­de, denn irgend­wann merkt jedes Gegen­über, dass etwas nicht stimmt. Dass es sich um ein Thea­ter­stück han­delt, in dem das Gegen­über eine Rol­le spielt. Dass es nicht um das Gegen­über, son­dern um mein Thea­ter­stück geht. Lässt man das Gegen­über nicht frei, geht es irgend­wann selbst. Oder wird gegan­gen. Dann sucht man sich ein neu­es Gegen­über und ent­wi­ckelt neue Ver­schmel­zungs­phan­ta­si­en.

Lässt man das Gegen­über hin­ge­gen wirk­lich frei, so lebt man plötz­lich unsi­cher. Man muss sich dann selbst ertra­gen, ist auf sich und sei­ne gan­ze erleb­te exis­ten­ti­el­le Hin­ter­fra­gung zurück­ge­wor­fen. Wenn man sich dann nicht wie­der Halt in der Bestä­ti­gung von außen sucht, kann man ler­nen, sich zu fin­den, sich aus­zu­hal­ten, sich mögen zu dür­fen, sich zu ach­ten, sich zu ver­trau­en. Aber das ist ein denk­bar schmerz­haf­ter Weg.

Gefan­gen in der Psy­cho­lo­gi­sie­rung: Die end­lo­se Hin­ter­fra­gung sei­ner selbst

Der soeben beschrie­be­ne Weg kann gelin­gen, aber ihn zu gehen, ist wie gesagt sehr schmerz­haft. Und es gibt unter­wegs vie­le Ablen­kun­gen und Ver­lo­ckun­gen, sich ein­zu­bil­den, man hät­te es schon geschafft und dann doch wie­der in die alten Mus­ter zu ver­fal­len. Betrach­ten wir noch ein­mal den Ent­ste­hungs- und Kor­rek­tur­pro­zess ins­ge­samt:

  1. Irri­ta­ti­on der eige­nen Exis­tenz durch die Erfah­rung, nicht geliebt zu wer­den oder nur für bestimm­te Leis­tun­gen Zuwen­dung zu erfah­ren / Erfah­rung einer „exis­ten­ti­el­len Hin­ter­fra­gung“
  2. Auf­bau eines „kom­pen­sa­to­ri­schen“ oder „Ersatz-Selbst­bil­des“
  3. Inter­ak­ti­on mit ande­ren vor allem zur Bestä­ti­gung des Ersatz-Selbst­bil­des, zuneh­mend Erfah­rung von Sicher­heit in die­sem Ersatz-Selbst­bild ver­bun­den mit ent­spre­chen­den Erfol­gen, Sta­tus­ge­win­nen, Bezie­hun­gen etc.
  4. Ggf. Ent­de­ckung des Ersatz-Selbst­bil­des und der damit ver­bun­de­nen Mus­ter im Zuge etwa einer Lebens­kri­se ver­bun­den mit der Erkennt­nis, sich selbst und ande­re zu belü­gen
  5. Erkennt­nis, dass man selbst eigent­lich immer noch so unsi­cher ist wie in jenen Situa­tio­nen, die man nie wie­der erle­ben woll­te
  6. Ver­su­che, die Unsi­cher­heit zu ertra­gen, sich selbst aus­zu­hal­ten, die ent­spre­chen­den Mus­ter zu ändern, lieb zu sich selbst zu sein 

Letz­te­re Ver­su­che kön­nen vor allem gelin­gen, wenn man lernt, allein zu sein, sei­ne eige­ne Ver­letz­lich­keit zu erken­nen und den­noch zu han­deln. Bei sich zu blei­ben, die eige­ne Ver­letz­lich­keit nicht mehr schüt­zen zu wol­len, die Har­ni­sche der Ersatz-Selbst­bil­der abzu­le­gen und für sich selbst ein­zu­ste­hen. Gelingt dies nicht – Allein­sein ist eine exis­ten­ti­el­le Erfah­rung, bspw. wenn man in einer Team­sit­zung eine abwei­chen­de Mei­nung hat und auf die­ser behar­ren will, weil man gute Argu­men­te hat und obwohl das Team als Gan­zes dage­gen zu sein scheint – kann es sein, dass man in einer Spi­ra­le der per­ma­nen­ten Selbst­hin­ter­fra­gung oder des andau­ern­den Psy­cho­lo­gi­sie­rens lan­det. Man hat ja ein­mal erkannt, dass man sich und ande­ren etwas vor­macht. Das bedeu­tet auch, dass man dies wie­der erken­nen wird. Hält man sich dann aber nicht aus – fin­det man sich nicht, weil der Weg dahin zu scherz­haft ist und man nicht lernt, allein zu sein – bleibt man in einer Art Zwi­schen­welt gefan­gen. Die­se Zwi­schen­welt besteht aus fal­schen Selbst­bil­dern und ent­spre­chend geknüpf­ten Bezie­hun­gen auf der einen Sei­te und der Erkennt­nis, dass die­se falsch sind, und sich dar­an anschlie­ßen­der Such- und Ori­en­tie­rungs­pro­zes­se auf der ande­ren Sei­te. Führt man die­se Such- und Ori­en­tie­rungs­pro­zes­se nicht zuen­de, ist die Gefahr groß, dass alles wie­der von vorn beginnt und dass dabei die sym­bio­ti­schen Phan­ta­si­en mit der Zeit immer grö­ßer und bun­ter bzw. die „Hei­lungs­hoff­nun­gen“ immer unrea­lis­ti­scher (und nicht sel­ten: eso­te­ri­scher) wer­den.