Fährst du deinen Porsche gegen die Wand?

Ich sit­ze gera­de am Küchen­tisch, habe mir auf dem Weg von der Hoch­schu­le einen Ber­li­ner geholt und trin­ke Kaf­fee. Die letz­te Vor­le­sung behan­del­te das The­ma Umwelt­schutz, genau­er gesagt Grund­la­gen der Öko­lo­gie. Das hat eigent­lich nichts mit mei­nem Stu­di­um zu tun, son­dern läuft unter dem Mot­to Stu­di­um Gene­ra­le – man soll qua­si über den Tel­ler­rand hin­aus gucken. Drau­ßen scheint die Son­ne und es ist ein schö­ner Früh­lings­tag, kurz habe ich über­legt, ob ich die Vor­le­sung aus­fal­len las­sen soll, da unser Stun­den­plan eh bis unter den Rand voll ist. Aber ich habe eben doch nur kurz über­legt und bin dann geschlos­sen mit den ande­ren in den Hör­saal gegan­gen. Wir waren ca. 40 Stu­den­ten in unse­rem größ­ten Hör­saal, vie­le sind nicht gekom­men. Das The­ma der Vor­le­sung lau­te­te “Risi­ken und Her­aus­for­de­run­gen, die die Mensch­heit bedro­hen und für eine Ener­gie­wen­de spre­chen”. Die­ses The­ma inter­es­siert mich eigent­lich sehr und ich pro­bie­re immer, im Rah­men mei­ner Mög­lich­kei­ten und Bequem­lich­kei­ten, Umwelt­schutz in mei­nem All­tag aktiv umzu­set­zen.

Ich ver­zich­te auf Plas­tik­tü­ten, neh­me, wenn es mir passt, das Rad anstatt des Autos und ernäh­re mich seit eini­ger Zeit mit weni­ger Fleisch. An sich bin ich damit eigent­lich schon gut zufrie­den. Wenn ich dran den­ke, mache ich hin­ter mir sogar das Licht aus, wenn ich aus dem Raum gehe, obwohl ich in fünf Minu­ten wie­der­kom­me und selbst an Fair-Tra­de Klei­dung traue ich mich lang­sam her­an.

Also was soll man noch machen? Und die Grün­de war­um sind mir doch eigent­lich bekannt!!!

Eigent­lich sind sie doch jedem bekannt? Durch zu viel Ener­gie­ver­brauch erzeu­gen wir C02, dies erwärmt unse­re Erde, die Erde wird wär­mer, das Eis schmilzt und und und?

Ein­tau­send­mal gehört, jedes Mal bleibt es uns auch für eini­ge Sekun­den in Erin­ne­rung, aber wenn man mal ehr­lich ist, pro­biert man die­sen Gedan­ken so schnell wie mög­lich zu ver­drän­gen, denn was soll man sel­ber noch tun? Und im schlimms­ten Fall läuft dann “nur” Hol­land über? Also sind wir hier sicher? War­um sich dann Gedan­ken machen? Wenn es mich nicht betrifft und ich nichts ändern kann, dann genie­ße ich doch lie­ber den Son­nen­schein oder guck auf Face­book, wel­che Par­ty am Wochen­en­de ansteht!

Naja nun, eine Stun­de nach der Vor­le­sung, sit­ze ich hier in mei­ner Küche und mei­ne Gedan­ken krei­sen. Anschei­nend lässt es mich doch nicht so kalt! Ich habe mir den Kaf­fee vom Vor­tag auf­ge­wärmt anstatt, wie ich es sonst immer mache, ihn weg­zu­kip­pen, um dann neu­en zu kochen, ich will halt fri­schen Kaf­fee und das “ulti­ma­ti­ve Geschmacks­er­leb­nis” genie­ßen und nicht den alten Kaf­fee trin­ken, man gönnt sich ja sonst nichts?

Umwelt­schutz? Wo fängt das an? Wo hört das auf? Durch was hört es auf?

Die letz­ten Wor­te unse­res Pro­fes­sors waren: “Ich habe den größ­ten Teil mei­nes Trau­mes, dass wir Men­schen ver­nünf­tig genug sind, recht­zei­tig zu reagie­ren, um unse­ren Pla­ne­ten zu ret­ten, auf­ge­ge­ben.”

WAS HAT ER DA GESAGT? Ein Fach­mann auf die­sem Gebiet, ein gebil­de­ter und erfah­re­ner Pro­fes­sor? Wir wer­den die Kur­ve nicht bekom­men? Kein Hap­py End?

Naja, wenn wir eh alle ster­ben, dann kann ich auch wie­der anfan­gen zu rau­chen! War­um mache ich mir dann über­haupt noch Sor­gen?

Das waren eini­ge mei­ner Gedan­ken­gän­ge, die mir auf dem Nach­hau­se­weg kamen. Gepaart mit Gedan­ken wie: “Aber wir müs­sen doch unse­ren Kin­dern eine hei­le Welt hin­ter­las­sen?” Allein der Satz : “Aber wir müs­sen doch unse­ren Kin­der eine hei­le Welt hin­ter­las­sen!” hängt mir aus den Ohren raus – der all­täg­li­che Brei, den jeder durch Medi­en oder durch die Unter­hal­tung auf Fei­er­lich­kei­ten regel­mä­ßig vor­ge­kaut bekommt oder vor allem sel­ber kaut.

Und dann fal­len mir die gan­zen neu­en Autos auf, die am Stra­ßen­rand ste­hen, eines schi­cker als das ande­re.

Mal im Ernst, wenn man ein­fach so einen Por­sche geschenkt bekä­me, dann wür­de man ihn doch hegen und pfle­gen, ihn teu­er ver­si­chern, viel­leicht sogar noch eine extra Gara­ge anmie­ten, damit er nachts gut behü­tet und tro­cken steht.

Aber auf kei­nen Fall wür­de man ihn mit Voll­gas vor die Wand fah­ren!

Man weiß ja, was pas­sie­ren wür­de, man ist ja schließ­lich nicht doof!!!!

Das Auto wäre Kern­schrott und wir wären höchst wahr­schein­lich schwer ver­letzt und hät­ten ziem­li­che Schmer­zen!

Doch war­um machen wir genau das mit unse­rer Welt? War­um fah­ren wir unse­re Welt mit vol­lem Bewusst­sein gegen die Wand?

Eigent­lich soll­te ich jetzt gera­de eine Haus­ar­beit über Lese­tech­ni­ken schrei­ben, aber der Gedan­ke lässt mich ein­fach nicht los.

Wahr­schein­lich ist auch genau das das Pro­blem. Wir haben immer irgend­was zu tun! Unser All­tag ist von vor­ne bis hin­ten durch­ge­tak­tet. Wir pro­bie­ren, alles unter einen Hut zu bekom­men – Schu­le, Arbeit, Freun­de, Fami­lie, Kin­der, und vor allem müs­sen wir uns auch um uns selbst küm­mern!

Wer hat schon Bock, sich nach der Arbeit oder nach der Schu­le noch mit “Umwelt­schutz” oder “Pol­schmel­ze” zu beschäf­ti­gen? Und vor allem: Wenn man wirk­lich mal Zeit hat, wo soll man anfan­gen? Es gibt ein Über­maß an Ange­bo­ten! Habe ich wirk­lich Zeit, mich ein­mal in der Woche bei einer Orga­ni­sa­ti­on zu betä­ti­gen? Und habe ich da in zwei Wochen auch immer noch Lust drauf? Noch mehr Ver­pflich­tun­gen? Und wenn ich Urlaub habe, will ich doch ein­fach mal aus­span­nen, schließ­lich will ich ja was vom Leben haben.

Wahr­schein­lich will jeder Mensch doch ein­fach nur glück­lich sein. Aber das Glück sieht für jeden auch anders aus. Für den einen ist Glück ein schö­ner Sport­wa­gen, der ande­re freut sich über eine Welt­rei­se, über das Ken­nen­ler­nen ande­rer Kul­tu­ren oder er möch­te sich unbe­dingt ein gro­ßes schö­nes Haus für sich und sei­ne Fami­lie leis­ten. Jeder hat sei­ne eige­nen Zie­le, und Reich­tum ist weder gut noch schlecht aber wo will man sein Haus erbau­en, wenn es kei­nen geeig­ne­ten Platz mehr gibt, auf wel­chen Stra­ßen will man mit sei­nem Sport­wa­gen fah­ren, wenn die­se mit Was­ser über­flu­tet sind?

Umwelt­schutz fängt im Klei­nen an.

Und auch die gro­ßen Fir­men, die immer für die Umwelt­ver­schmut­zung ver­ant­wort­lich gemacht wer­den, bestehen aus Men­schen. Es sind die ein­zel­nen Ange­stell­ten einer Fir­ma, die den Aus­schlag geben. Egal ob Mana­ge­rin oder Ange­stell­ter, ob voll­zeit­be­schäf­tigt oder erwerbs­los, egal ob Fami­li­en-Vater oder Schü­le­rin, jeder oder jede kann in sei­nem Maße etwas ver­än­dern und dazu bei­tra­gen.

Genie­ße dein Leben aber den­ke dran, dass dies auch in Zukunft noch mög­lich sein soll­te.

Gestal­te Umwelt­schutz in dei­nem Leben, wie es dir mög­lich ist.

Also, wo fängst du an?

 

David Nie­mann