Über Prioritäten, die vielleicht doch keine sind, und den Druck, den man sich selber macht

Eigent­lich sieht alles gut aus im Leben mei­ner Kli­en­tin. Vie­le wür­den sie benei­den. Sie ist erfolg­reich, das Ein­kom­men stimmt, sie bezeich­net sich selbst als Fami­lien­er­näh­re­rin, weil ihr Mann weni­ger ver­dient. Die Kin­der kom­men so lang­sam „aus dem Gröbs­ten raus“. „Eigent­lich sieht alles gut aus.“, hat sie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren immer wie­der zu sich selbst gesagt.

Der Satz klingt wie eine Beschwö­rungs­for­mel, wenn sie ihn aus­spricht. Als ob sie ihn schon oft aus­ge­spro­chen hät­te in der Hoff­nung, dass er irgend­wann stimmt.

Sie schil­dert ihre Arbeit. Pro­jek­te, Lei­tungs­auf­ga­ben, Team­pro­ble­me, Druck, ein vol­ler Kalen­der. Das ist der Nor­mal­be­trieb. Dann kom­men Pro­ble­me mit den Geld­ge­bern hin­zu, Anträ­ge wol­len geschrie­ben und über­ar­bei­tet wer­den, das Geld wird knapp und knap­per. Man­gel ist man schon gewohnt, aber lang­sam wird es kri­tisch. Sie will aber das gera­de etwas geschrumpf­te Team wie­der ver­grö­ßern, die frei gewor­de­ne Stel­le wie­der aus­schrei­ben. Zäh­ne zusam­men­bei­ßen, durch­hal­ten, das wird schon wie­der: „Es kann doch nicht sein, dass aus­ge­rech­net bei den Schwächs­ten, also bei Kul­tur und Bil­dung, gespart wird. Lang­fris­tig ist das am teu­ers­ten.“

So geht es eine gan­ze Wei­le.

Irgend­wann sagt sie: „Ich kann nicht mehr.“ Und dann sind wir schnell beim „eigent­li­chen“ Pro­blem: Eigent­lich kann sie nicht mehr, weil sie immer alles gibt, weil sie gute Pro­jek­te macht, nicht Nein sagen kann, weil sie sich für ihre Mit­ar­bei­ter ver­ant­wort­lich fühlt und, als die Mit­tel für die Stel­len der Kol­le­gen nicht mehr rei­chen, zusätz­lich noch Wei­ter­bil­dun­gen gibt, damit Geld rein­kommt. „Eigent­lich will ich das nicht mehr. Ich will nicht mehr so viel Ver­ant­wor­tung. Ich hal­te das nicht mehr durch.“

Wir arbei­ten dar­an, dass die Anfangs­zei­ten, in denen man alles macht, weil man bekannt wer­den, sich etwas auf­bau­en und Erfah­run­gen machen will, längst vor­bei sind. Dass man irgend­wann wirk­lich kann, was man macht. Dass man irgend­wann eine Mar­ke ist und „es geschafft“ hat. Dass die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung in Ost­deutsch­land nicht danach aus­sieht, dass kul­tu­rel­le, sozia­le und Bil­dungs­dienst­leis­tun­gen in den nächs­ten zwan­zig Jah­ren ein groß­ar­ti­ger Wachs­tums­markt sein wer­den.

Dann stan­den zwei Mög­lich­kei­ten im Raum:

  1. Schus­ter, bleib bei Dei­nen Leis­ten. Tue, was Du am bes­ten kannst. Backe klei­ne­re Bröt­chen. Sag auch mal Nein. Lebe mit der Unsi­cher­heit. Ent­span­ne Dich. Genie­ße, dass Du Erfah­rung hast.
  2. Mach wei­ter, stel­le Anträ­ge, wach­se, suche nach neu­en Optio­nen, siche­re Dich ab gegen die Unsi­cher­heit. Mach dem gro­ßen Chef Dampf, behaup­te Dei­ne Posi­ti­on, ver­tei­di­ge Kul­tur und Sozia­les in Zei­ten, in denen alle nur Man­gel ver­wal­ten.

Aber die Ent­schei­dung fiel schwer. Bis eine ein­fa­che Visua­li­sie­rungs­me­tho­de eine selt­sa­me Ord­nung in die Pro­jekt- und Arbeits­welt brach­te:

Man zeich­ne ein Dia­gramm. Waa­ge­recht der Bei­trag, den die Pro­jek­te zum finan­zi­el­len Gesamt­be­darf lie­fern. Leit­fra­ge: Was von dem, was Sie tun, bringt Geld? Die Sta­tio­nen auf der Ach­se: Minus­ge­schäf­te, plus/minus Null, gut aus­ge­stat­te­te Pro­jek­te. Senk­recht der Spaß, den man bei den betref­fen­den Pro­jek­ten hat. Sta­tio­nen auf der Ach­se: kei­ne Freu­de, mit­tel­mä­ßi­ge Erfül­lung, viel Freude/hohes Sin­nerle­ben. Dar­aus ergab sich ein Sche­ma mit vier Fel­dern:

  • kein Geld/keine Freu­de
  • kein Geld/viel Freu­de
  • viel Geld/keine Freu­de
  • viel Geld/viel Freu­de
Prioritätendiagramm

Dann ord­ne­te mei­ne Gespräch­part­ne­rin ihre Pro­jek­te in das Sche­ma ein. Inter­es­san­ter­wei­se ergab es sich, dass eini­ge der grö­ße­ren Pro­jek­te in dem Seg­ment rechts oben (viel Geld/viel Freu­de) ein­ge­ord­net wer­den konn­ten. Eigent­lich eine gute Aus­gangs­ba­sis für zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen: Mache, was Freu­de macht und Geld bringt, dele­gie­re an Kol­le­gen oder Auf­trag­neh­mer, was Geld bringt, aber kei­nen Spaß mehr macht – frü­her hat­te es das in vie­len Fäl­len wohl getan, aber man­ches wur­de öde mit der Zeit. Las­se, was kein Geld bringt. Die Fra­ge war nun, was eigent­lich nervt. Die Fül­le der Auf­ga­ben, die Gesamt­last, dazu die Ver­ant­wor­tung, auch die Finan­zie­rung der Kol­le­gen sicher­zu­stel­len.

Die Ant­wort lag dann auf der Hand: „Ich muss mich mehr auf mei­ne Kern­auf­ga­ben kon­zen­trie­ren, muss die gro­ße Ver­ant­wor­tung redu­zie­ren; die Abtei­lung muss ein biß­chen klei­ner wer­den, darf nicht mehr wach­sen.“

Wenn da die Angst nicht wäre. Die Angst, nicht mehr genug zu machen, um im Spiel zu blei­ben: „Man macht das alles, weil man ja Optio­nen ver­lie­ren könn­te.“

Wie lan­ge hal­ten Sie das durch?“ lau­te­te mei­ne Fra­ge.

Die Ant­wort fiel schwer, war aber, ein­mal aus­ge­spro­chen, sehr klar. Am Ende ging es um die Kunst, den eige­nen Erfolg im Griff zu behal­ten und sich – gera­de wegen die­ses Erfolgs – an die denk­bar schwie­ri­gen Umstän­de der Finan­zie­rung sozia­ler, kul­tu­rel­ler und bil­dungs­be­zo­ge­ner Auf­ga­ben in ost­deut­schen Pro­vinz­la­gen anzu­pas­sen.

Jörg Hei­dig




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