Was am Ende bleibt oder: Welche Fragen wirklich helfen, die persönliche Work-Life-Balance zu finden

In der ver­gan­ge­nen Woche frag­ten die Teil­neh­mer eines Füh­rungs­kräf­te­trai­nings nach Stra­te­gien für eine funk­tio­nie­ren­de Work-Life-Balance.

Eine aktu­el­le Stu­die zeigt, dass Bur­nout offen­sicht­lich doch kei­ne so gro­ße Bedeu­tung hat, wie viel­fach befürch­tet wur­de. Also doch nur ein Mode­the­ma? Die Dia­gno­se Bur­nout ist sehr spe­zi­fisch und des­halb nicht ein­fach zu stel­len. Es liegt daher näher, die Ent­wick­lung depres­si­ver Sym­pto­me und ande­rer psy­chi­scher Belas­tun­gen ins­ge­samt zu betrach­ten. Und da stellt man fest, dass psy­chi­sche Lei­den mitt­ler­wei­le die zweit­häu­figs­te Krank­schrei­bungs­ur­sa­che dar­stel­len. Auch das ist jedoch nicht mit einem Anstieg an psy­chi­schen Belas­tungs­er­schei­nun­gen ins­ge­samt, son­dern mit einer Ver­schie­bung von Dia­gno­sen zu erklä­ren. Was frü­her viel­leicht ein chro­ni­sches Rücken­lei­den war, wird heu­te viel öfter als psy­chi­sches Lei­den erkannt.

Den­noch ist das The­ma ernst zu neh­men. Es geht nach unse­rer Erfah­rung nicht so oft um wirk­lich „gro­ße“ Beein­träch­ti­gun­gen der Leis­tungs­fä­hig­keit oder aus­ge­präg­te, dia­gnos­tisch mess­ba­re Sym­pto­me. Viel­mehr sind es die eher klei­nen, all­täg­li­chen, dau­ern­den „Okku­pa­tio­nen“ des Den­kens durch noch bes­se­re Erreich­bar­keit, noch effek­ti­ve­re Pro­jekt­ma­nage­ment-Tools, noch dezen­tra­le­re Lösun­gen für noch mehr eigen­ver­ant­wort­li­ches Arbei­ten. Das ist alles gut, solan­ge die Betref­fen­den ihre Gren­zen intakt hal­ten. Wo die Arbeit auf­hört und die ande­ren Lebens­be­rei­che anfan­gen, ist die eigent­lich inter­es­san­te Frage.

Ich habe daher mit den Semi­nar­teil­neh­mern eini­ge grund­sätz­li­che Din­ge bespro­chen. Kein Zeit­ma­nage­ment, kei­ne noch bes­se­ren Tools, kei­nen Sofort-erle­di­gen-dele­gie­ren-lie­gen­las­sen-Spaß, son­dern wirk­lich grund­le­gen­de Din­ge. Zunächst hieß die Auf­ga­be, die Inhal­te eines Nach­rufs auf die eige­ne Per­son zu erar­bei­ten und zu über­le­gen, wer die Trau­er­re­de hal­ten könn­te. Anschlie­ßend wur­den nicht etwa die Inhal­te der ein­zel­nen Nach­ru­fe bespro­chen, son­dern viel­mehr die Erfah­rung, die es bedeu­tet, sich damit zu beschäf­ti­gen. Es ging dar­um, die Per­spek­ti­ve auf das Gan­ze zu öff­nen und die Gren­zen zwi­schen den ein­zel­nen Lebens­be­rei­chen sicht­bar zu machen wie Fluss­läu­fe auf einer Land­kar­te. Als dann haben wir auf der Grund­la­ge des in weni­gen Tagen in deut­scher Spra­che erschei­nen­den Buches von Bron­nie Ware über die Din­ge gespro­chen, von denen Men­schen am Ende ihres Lebens sagen, dass sie sie gern anders gemacht hät­ten.

Es geht dabei nicht etwa um Din­ge, die man nicht mehr machen konn­te, oder um Orte, die man nicht mehr sehen konn­te. Men­schen wün­schen sich, dass sie den Mut gehabt hät­ten, ihr eige­nes Leben zu füh­ren, Gefüh­le aus­zu­drü­cken und weni­ger zu arbeiten.

Fazit: Die Fra­ge ist nicht, mit wel­chen Tech­ni­ken Sie Bur­nout vor­beu­gen kön­nen. Die Ant­wort auf die­se Fra­ge hilft nur bei der Kom­pen­sa­ti­on von All­tags­stress – man­che trei­ben Sport, ande­re sin­gen oder schrei­ben Tage­buch -, nicht aber bei der Klä­rung der Fra­ge, wie Sie Ihre per­sön­li­che Work-Life-Balan­ce fin­den. Das ist wie mit den Glücks­for­meln – die hel­fen wem auch immer, nur nicht dem, der Glück gera­de drin­gend braucht. Die Fra­ge ist auch nicht, mit wel­chen Zeit­ma­nage­ment-Metho­den Sie das Leben effi­zi­en­ter machen kön­nen. Leben und Effi­zi­enz ver­tra­gen sich sowie­so nicht, und die gewon­ne­nen „Times­lots“ fül­len sich schnell mit noch mehr effi­zi­ent zu erle­di­gen­den Auf­ga­ben. Die Fra­ge ist viel­mehr, wo Sie die Gren­ze zie­hen und wie kon­se­quent Sie die Grenz­kon­trol­len durch­füh­ren. Bei­spiel gefäl­lig? Men­schen, die in ihrer Frei­zeit beruf­lich viel tele­fo­nie­ren, haben mehr Belas­tungs­sym­pto­me als sol­che, die es nicht tun.

Jörg Hei­dig

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Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.

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