Leitfaden für Kindertagesstätten

Wie kann man traumatisierten Kindern aus der Ukraine helfen?

Seit­dem Mil­lio­nen Men­schen die Ukrai­ne ver­las­sen haben und inner­halb von weni­gen Wochen bereits deut­lich mehr als 200.000 Per­so­nen nach Deutsch­land gekom­men sind (zum Ver­gleich: wäh­rend des Bos­ni­en­kriegs waren etwa 320.000 Men­schen aus Bos­ni­en in Deutsch­land), fra­gen sich Ange­hö­ri­ge von Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Kin­der­ein­rich­tun­gen zuneh­mend, wie man Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter dar­auf vor­be­rei­ten kann, mit trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern zu arbei­ten. Man­che ver­fü­gen über ent­spre­chen­de Erfah­run­gen aus den Jah­ren 2015 und 2016. Den­noch ist es hilf­reich, sich die wich­tigs­ten Hal­tun­gen und Metho­den in Erin­ne­rung zu rufen.

Es wird in den kom­men­den Mona­ten sicher vie­le Miss­ver­ständ­nis­se im Umgang mit (mög­li­cher­wei­se) trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern aus der Ukrai­ne geben. Der Anteil tat­säch­lich trau­ma­ti­sier­ter Men­schen wird mit der Zeit zuneh­men, was jedoch kein Grund ist, gene­rell von Trau­ma­ti­sie­run­gen aus­zu­ge­hen. Eine über­trie­be­ne Trau­ma­ti­sie­rungs­ver­mu­tung ist eben­so wenig hilf­reich wie die Wei­ge­rung, sich mit dem The­ma prak­tisch aus­ein­an­der­zu­set­zen, nach dem Mot­to: “Da muss jemand Pro­fes­sio­nel­les ran!” Wer soll denn kom­men? Und wer soll bit­te pro­fes­sio­nell genug sein und noch Ukrai­nisch oder Rus­sisch spre­chen, um die Sprach­bar­rie­re unmit­tel­bar zu über­win­den? Nein, mit einer sol­chen Aus­sa­ge macht man es sich zu ein­fach. Es ist weder mög­lich noch not­wen­dig, in jedem Fall the­ra­peu­ti­sche Hil­fe anzu­wen­den. Die Fra­ge ist die nach einer geeig­ne­ten Umgangs­form im Kita-All­tag. Der Erzie­her­be­ruf ist unter ande­rem auch ein Hel­fer­be­ruf. Also los.

Zusam­men­fas­sung:

Beim Umgang mit (mög­li­cher­wei­se) trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern kommt es in Kitas vor allem dar­auf an, Sicher­heit zu ver­mit­teln und Über­for­de­rung zu ver­mei­den. Ggf. sind (anfangs) unter­schied­li­che Regel­sys­te­me anzu­wen­den. Das Ankom­men soll­te lang­sam und sanft erfol­gen. Eben­so sen­si­bel ist zunächst mit der Sprach­bar­rie­re umzu­ge­hen. Die wich­tigs­ten Din­ge sind auch kör­per­sprach­lich mach­bar – und Erzie­he­rin­nen und Erzie­her wis­sen, was damit gemeint ist, denn sie sind auch für die Betreu­ung von Kin­dern aus­ge­bil­det, die noch gar nicht spre­chen können. 

Was ist ein Trauma?

Ein Trau­ma kann durch ver­schie­de­ne Ereig­nis­se oder Umstän­de aus­ge­löst wer­den. In vie­len Fäl­len waren die Men­schen einer unmit­tel­ba­ren Bedro­hung oder Gefahr aus­ge­setzt – manch­mal über län­ge­re Zeit. Es kann aber auch sein, dass man, bspw. als Kind, gese­hen hat, dass ande­re, bspw. die Eltern, unmit­tel­bar bedroht wur­den und nichts “tun” konn­ten. Das Aus­hal­ten von Bom­ben­an­grif­fen in Kel­lern, der Ein­druck bren­nen­der Häu­ser, die andau­ern­de Gefahr für Leib und Leben, wenn man sich durch Stra­ßen bewegt, Hun­ger, Durst, die Unmög­lich­keit, ruhig zu schla­fen, das Aus­har­ren in ver­dun­kel­ten Zügen, die nachts anhal­ten müs­sen, Müt­ter, die ihren Kin­dern stun­den­lang den Mund zuhal­ten, damit sie nicht schrei­en, wäh­rend der Zug stoppt, die Tren­nung von Ver­wand­ten, ins­be­son­de­re von Vätern, Söh­nen oder Brü­dern, die all­ge­gen­wär­ti­ge Unge­wiss­heit, wo Ver­wand­te sind, die von der Kom­mu­ni­ka­ti­on abge­schnit­ten sind – und so wei­ter. Für ein Trau­ma reicht mit­un­ter ein Bruch­teil die­ser Auf­zäh­lung, gleich­zei­tig gibt es Men­schen, die trotz vie­ler ent­spre­chen­der Erleb­nis­se nur in gerin­gem Maße trau­ma­tisch reagie­ren. Ein und das sel­be Ereig­nis kann völ­lig unter­schied­li­che Reak­tio­nen her­vor­ru­fen, wäh­rend völ­lig unter­schied­li­che Situa­tio­nen ganz ähn­li­che Reak­tio­nen her­vor­ru­fen kön­nen. Reak­ti­ons­mus­ter las­sen sich schwer vor­her­sa­gen und sind indi­vi­du­ell sehr unter­schied­lich. Ob es sich um eine trau­ma­ti­sche Reak­ti­on han­delt, wird vor allem mit der Zeit deut­lich. Im Grun­de geht es um Folgendes:

Zunächst ein­mal gibt es ein aus­lö­sen­des Ereig­nis. Das kann von kur­zer Dau­er sein, manch­mal ist ein Moment genug. Sol­da­ten kom­men in die Woh­nung, bedro­hen die Fami­lie, und nach eini­ger Schreie­rei las­sen sich die Sol­da­ten mit den letz­ten Nah­rungs­re­ser­ven der Fami­lie bestechen und ver­las­sen die Woh­nung wie­der. Gelingt es der Fami­lie anschlie­ßend, für sie siche­res Ter­ri­to­ri­um zu errei­chen, mag das Ereig­nis irgend­wie sin­gu­lär blei­ben, poten­ti­ell trau­ma­ti­sie­rend ist es alle­mal. Gerät die Fami­lie aller­dings zwi­schen die Fron­ten und muss dort – ohne Schutz und Nah­rung – tage­lang aus­har­ren, kann nicht mehr von einem sin­gu­lä­ren Ereig­nis aus­ge­gan­gen wer­den. Zum Grau­en des Moments kommt das Grau­en, das nicht enden will. Bereits ein sin­gu­lä­res Ereig­nis kann als Reak­ti­on einen Zustand her­vor­ru­fen, der bedeu­tet, dass man nicht mehr zu sei­nen “nor­ma­len” Reak­ti­ons­mus­tern zurück­keh­ren kann – ein anhal­ten­des Grau­en löst dies mit einer noch höhe­ren Wahr­schein­lich­keit aus. Die Fol­ge: Min­des­tens Rück­zug und ten­den­ti­el­le “Fühl­lo­sig­keit”, im kras­se­ren Fall kom­plet­te “Dis­so­zia­ti­on” und die Wei­ge­rung, über­haupt etwas zu füh­len, ver­bun­den mit ent­spre­chen­den Reak­ti­ons­mus­tern in spä­te­ren, schein­bar all­täg­li­chen Situa­tio­nen: Gefühls­käl­te und, wenn der Druck grö­ßer wird, plötz­li­che Aus­ras­ter. Die “nor­ma­le Reak­ti­on­s­kla­via­tur” ist kaputt, es sind kaum mehr Tas­ten übrig, nur noch die ganz lei­sen und die ganz lauten.

Zunächst geht es um Sicher­heit und Ruhe. Dann zeigt sich, ob sich die Reak­ti­ons­mus­ter nach ein paar Tagen oder Wochen wie­der nor­ma­li­sie­ren (unmit­tel­bar trau­ma­ti­sche Reak­ti­on) oder ob die Mus­ter blei­ben und sich spä­ter viel­leicht sogar ver­schlim­mern (post­trau­ma­ti­sche Reak­ti­on). Wie auch immer die Men­schen, die gera­de nach Deutsch­land kom­men, reagie­ren – die wenigs­ten wer­den das erhal­ten, was wir “pro­fes­sio­nel­le Hil­fe” nen­nen. Ein Trost mag sein, dass bei Wei­tem nicht alle, son­dern nur ein gewis­ser Teil der Men­schen tat­säch­lich trau­ma­ti­sie­ren­de Erleb­nis­se hat­ten. In der ers­ten Wel­le von Flücht­lin­gen aus der Ukrai­ne hält sich der Anteil sicher in Gren­zen, in der zwei­ten Wel­le wird er deut­lich grö­ßer sein, die sekun­dä­re Trau­ma­ti­sie­rung durch lang anhal­ten­de Unsi­cher­heit über den Ver­bleib gelieb­ter Per­so­nen ein­mal aus­ge­nom­men. Selbst wenn die Regis­trie­rung schnel­ler geht als wahr­schein­lich ist – die Zugäng­lich­keit pro­fes­sio­nel­ler Hil­fe bleibt begrenzt. Ers­tens sind da die Restrik­tio­nen bei der Kos­ten­über­nah­me, zwei­tens ist da die ohne­hin begrenz­te Ver­füg­bar­keit von Ter­mi­nen bei ent­spre­chen­den Stel­len, und drit­tens hat ein nicht unwe­sent­li­cher Teil der in Deutsch­land ansäs­si­gen The­ra­peu­ten kaum oder kei­ne Erfah­rung mit den ent­spre­chen­den Trau­ma­ti­sie­run­gen. In einem Groß­teil der Fäl­le bedeu­tet das, dass die ent­spre­chen­de Hil­fe ent­we­der nicht geleis­tet wird, oder aber von Stel­len über­nom­men wird, die pri­mär nicht dafür zustän­dig sind. Wenn die­se Stel­len, also vor allem das Per­so­nal in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen und in Kitas und Schu­len, ihre Rol­le for­mal kor­rekt aus­üben, müs­sen sie sich nicht damit beschäf­ti­gen. Aber das wäre eben­so unan­ge­mes­sen wie unrea­lis­tisch, denn die­se Stel­len sind ohne­hin damit kon­fron­tiert. Also geht es um die Fra­ge, was man kon­kret tun kann. Und wenn man genau hin­sieht, kann man vie­les tun – und dabei mit ein­fa­chen Mit­teln oft schon sehr viel errei­chen. Es braucht dafür etwas Fach­wis­sen und vor allem Mut. Wenn man dar­auf war­tet, dass die offi­zi­el­len Stel­len “gro­ße” Ver­än­de­run­gen bewir­ken, kommt die Hil­fe oft zu spät. 

Ein Trau­ma ist eine Reak­ti­on des mensch­li­chen Kör­pers auf Ereig­nis­se, die so viel Angst aus­lö­sen, dass Men­schen die Hand­lungs­kon­trol­le bzw. ‑fähig­keit ver­lie­ren. Die Angst ist so stark, dass die bewuss­te Hand­lungs­kon­trol­le aus­setzt und der Kör­per eine Art “ele­men­ta­ren Schutz­me­cha­nis­mus’ ” akti­viert. Man gerät unter Umstän­den in eine Art “zwang­haf­ter Wie­der­ho­lungs­schlei­fe”, d.h. man wie­der­holt die Reak­tio­nen auf das Erleb­te auch in Situa­tio­nen, die nicht bedroh­lich sind. Ein ein­fa­ches Bei­spiel: War man lan­ge Gra­na­ten­an­grif­fen aus­ge­setzt, hat man gelernt, sich SEHR schnell zu ver­ste­cken. Mona­te oder Jah­re spä­ter kann es sein, dass die betrof­fe­nen Per­so­nen sich ver­ste­cken, wenn eine Tür uner­war­tet und sehr laut knallt. Trau­ma­ti­siert zu sein bedeu­tet, dass man auf für ande­re ganz “nor­ma­le” Situa­tio­nen mit den (ele­men­ta­ren) Mus­tern reagiert, die einem gehol­fen haben, die trau­ma­ti­sche Situa­ti­on zu über­le­ben. Das muss nicht stän­dig der Fall sein. Im Gegen­teil: Ins­be­son­de­re die post-trau­ma­ti­schen Reak­tio­nen sind davon gekenn­zeich­net, dass man mit­un­ter erst ein­mal gar nicht oder nur “gedimmt” reagiert – die Reak­ti­ons­mus­ter aber bei Ver­lust der Hand­lungs­kon­trol­le abrupt wech­seln. Jemand kann also mit einer andau­ern­den Bedro­hung so umge­gan­gen sein, kaum mehr etwas zu füh­len – und behält die­ses Mus­ter bei, reagiert also auch in siche­ren Situa­tio­nen mit Fühl­lo­sig­keit, nur um bei einem plötz­li­chen Wech­sel der Situa­ti­on oder einem Anstieg der Anfor­de­run­gen in den Bereich einer emp­fun­de­nen Über­for­de­rung plötz­lich ärger­lich oder aggres­siv zu reagie­ren. In Kitas kann das durch den abrup­ten Wech­sel und die “feh­len­den Zwi­schen­tö­ne” in der Reak­ti­on auf den ers­ten Blick leicht wie eine nicht alters­ge­mä­ße Reak­ti­on aus­se­hen. Fakt ist: Die Reak­ti­ons­mus­ter waren im Moment oder wäh­rend der Dau­er der trau­ma­ti­sie­ren­den Situa­ti­on sinn­voll. In spä­te­ren siche­ren Situa­tio­nen sind die­se Mus­ter nicht mehr sinn­voll, aber es ist eben das Wesen des Trau­mas, dass ein Lern­pro­zess ver­hin­dert wird und man sich in der besag­ten Wie­der­ho­lungs­schlei­fe befin­det, wobei es oft kei­nes­wegs so ein­fach zu erken­nen ist wie bei dem all­zu pla­ka­ti­ven Bei­spiel mit der laut knal­len­den Tür. Die in der trau­ma­ti­schen Situa­ti­on erlern­ten Reak­ti­ons­mus­ter wer­den in als bedroh­lich erleb­ten Situa­tio­nen wie­der ange­wen­det, und es kann sein, dass die Betrof­fe­nen vor dem erneu­ten Ver­lust der Hand­lungs­kon­trol­le Angst haben, das nicht erle­ben wol­len und des­halb qua­si vor­beu­gend poten­ti­ell unsi­che­re oder her­aus­for­dern­de Situa­tio­nen ver­mei­den oder auf Kita-Mit­ar­bei­te­rin­nen “irgend­wie distan­ziert” oder “teil­nahms­los” wir­ken. Das Pro­blem ist oft: Wir wis­sen es nicht. Wir kön­nen im Fal­les des Auf­tre­tens nur sehen, dass eine Reak­ti­on vor dem Hin­ter­grund unse­rer her­kömm­li­chen Erfah­run­gen “unan­ge­mes­sen” erscheint. Gleich­zei­tig kön­nen wir im Fal­le trau­ma­ti­sier­ter Kin­der unse­re “her­kömm­li­chen” Ver­mu­tun­gen nicht anwen­den, denn dann wür­den wir min­des­tens “Anpas­sungs­pro­ble­me” sehen; die trau­ma­ti­sche Reak­ti­on stellt aber eben einen Anpas­sungs­ver­such an etwas dar, an das man sich kaum anpas­sen kann. Im Grun­de muss man sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass eine Trau­ma­ti­sie­rung eine gewis­se Distan­zie­rung vom eige­nen Kör­per bedeu­tet. Man “wei­gert” sich qua­si zu spü­ren, und zwar aus gutem Grund, schließ­lich ging es ums Überleben.

Metho­di­scher Ansatz beim Umgang mit trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern in Kitas

Die metho­di­schen Haupt­ele­men­te beim Umgang mit mög­li­cher­wei­se trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern zie­len dar­auf ab, ein Gefühl der Sicher­heit ent­ste­hen zu las­sen (wes­halb eine zen­tra­le Unter­brin­gung in gro­ßen Räu­men mit vie­len Per­so­nen als für trau­ma­ti­sier­te Per­so­nen ungüns­tig bis schäd­lich ein­zu­schät­zen ist). Es geht zunächst auch und vor allem um die Erfah­rung, dass Beru­hi­gung mög­lich ist. Durch die Erfah­rung von Sicher­heit kann ein gewis­ses Zutrau­en in die Umstän­de und ein gewis­ses Ver­trau­en in die betreu­en­den Per­so­nen entstehen.

Bevor wir aller­dings näher auf Metho­den ein­ge­hen, sei hier auf grund­le­gen­de Unter­schei­dun­gen hin­ge­wie­sen. Bei einer Trau­ma­ti­sie­rung geht es um eine Angst­re­ak­ti­on. Hier muss zwi­schen Ängs­ten bei Eltern und Kin­dern unter­schie­den wer­den. Gleich­zei­tig gibt es auch Ängs­te beim betreu­en­den Per­so­nal in den Kitas: Wie kann ich mit mög­li­cher­wei­se trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern in mei­ner Einrichtung/Gruppe umge­hen? Wie kann ich mit den Kin­dern in mei­ner Grup­pe über Krieg reden? Soll ich das über­haupt machen – und was wür­den man­che Eltern sagen, wenn ich es tue? Nicht zuletzt: Wie kann ich mit mei­ner eige­nen Unsi­cher­heit umgehen? 

Die Eltern zu sta­bi­li­sie­ren ist wahr­schein­lich die nach­hal­tigs­te Hil­fe (in gro­ßen Ein­rich­tun­gen: für ruhi­ge Berei­che sor­gen, schla­fen las­sen, Fremd­be­treu­ungs­zei­ten für die Kin­der zur Erho­lung der Eltern sicher­stel­len), weil Kin­der sich selbst­ver­ständ­lich zuerst an ihren Eltern ori­en­tie­ren. Die Eltern ste­hen aber selbst oft so unter Druck, dass sie mit­un­ter unan­ge­mes­sen auf ihre Kin­der reagieren.

Hier kommt den betreu­en­den Per­so­nen in Kin­der­ta­ges­stät­ten eine wich­ti­ge Funk­ti­on zu, denn sie wis­sen, wie man “sicher” und “sta­bil” reagiert. Die wich­tigs­te Auf­ga­be ist, Bezie­hungs­an­ge­bo­te zu machen und einen siche­ren Rah­men für die ankom­men­den Kin­der zu schaf­fen. Das funk­tio­niert auch trotz der Sprach­bar­rie­re, denn Zuwen­dung und Sicher­heit sind Din­ge, die vor allem kör­per­sprach­lich funk­tio­nie­ren. Auch der Ver­trau­ens­auf­bau kann durch eine ent­spre­chen­de Kör­per­spra­che gewähr­leis­tet werden.

In Bezug auf die ankom­men­den Kin­der erst ein­mal einen Inte­gra­ti­ons­sta­tus für die Kin­der­ta­ges­ein­rich­tung zu for­dern, geht am Ziel vor­bei. Hin­ter der For­de­rung nach dem Inte­gra­ti­ons­sta­tus steckt zumeist der Wunsch, mehr Zeit für die neu­en Her­aus­for­de­run­gen zu haben. So ver­ständ­lich die­ser Wunsch auch ist: wenn man sich ein­mal ansieht, was wirk­lich not­wen­dig ist, um ange­mes­sen auf die Kin­der zu reagie­ren, wird man mer­ken, dass es ganz all­täg­li­che päd­ago­gi­sche Din­ge sind, die getan wer­den müss­ten – natür­lich mit einer erhöh­ten Auf­merk­sam­keit und Sen­si­bi­li­tät, aber nicht zwin­gend mit mehr Zeit­auf­wand. Man soll ja kei­ne Extra-Stun­den an den ankom­men­den Kin­dern leis­ten, son­dern man soll adäquat reagie­ren und ggf. Rück­sicht neh­men, sich sei­ner Reak­tio­nen bewusst sein, auf Bezie­hungs­an­ge­bo­te ach­ten und ent­spre­chend kör­per­sprach­lich reagie­ren. Mit vor Ort auf­ge­wach­se­nen Kin­dern tun Erzie­he­rin­nen und Erzie­her das ja auch ganz selbst­ver­ständ­lich, wenn die­se Kin­der noch in einem Alter sind, in dem sie noch kaum spre­chen. Zumal die Errei­chung des Inte­gra­ti­ons­sta­tus’ so lan­ge dau­ert, dass die jetzt ankom­men­den Kin­der die ent­schei­den­de Pha­se der Ein­ge­wöh­nung in die Ein­rich­tung ohne­hin schon längst hin­ter sich hät­ten. Es geht dar­um, kurz­fris­tig hilf­reich zu sein und zu tun, was not­wen­dig ist. Es geht hier nicht um irgend eine Form von “Trau­ma­the­ra­pie”, son­dern es geht um ganz nor­ma­le Bezie­hungs­ar­beit mit dem Fokus auf bzw. der Sen­si­bi­li­tät für eini­ge Besonderheiten. 

Eine ten­den­ti­el­le Distan­zie­rung von der Beschäf­ti­gung mit dem The­ma durch die gera­de geschil­der­ten Argu­men­te ist eben­so wenig hilf­reich wie eine “Über­dra­ma­ti­sie­rung”. Die trau­ma­ti­sie­ren­den Ereig­nis­se sind ja schon gesche­hen. Manch­mal sind die Hel­fer-Reak­tio­nen (sehr betrof­fe­ne Reak­ti­ons­mus­ter) nicht hilf­reich, son­dern dra­ma­ti­sie­ren das Gan­ze noch. Trau­ma­ti­sie­run­gen haben wie gesagt oft mit einer Art “Fühl­lo­sig­keit” zu tun. Über­trie­be­nes “Empa­thie-Thea­ter” hilft nichts, son­dern macht die Sache nur schlim­mer. Ruhig blei­ben, Bezie­hungs­an­ge­bo­te machen, Inter­es­se zei­gen, Ver­trau­en auf­bau­en, Eigen­stän­dig­keit för­dern, nicht über­for­dern und bei Rück­zug des Gegen­übers nicht ärger­lich reagie­ren. Ins­be­son­de­re bei Kin­dern geht es dar­um, Situa­tio­nen zu ver­mei­den, die nicht bewäl­tigt wer­den kön­nen. Hier sind in grö­ße­ren Grup­pen ggf. ver­schie­de­ne Regeln anzu­wen­den. Ein klas­si­sches deut­sches Regel­ver­ständ­nis auf hin­zu­kom­men­de, poten­ti­ell trau­ma­ti­sier­te Kin­der anzu­wen­den, kann leicht zu sekun­dä­ren Trau­ma­ti­sie­run­gen (also einer Art “Bestä­ti­gung” des pri­mä­ren Trau­mas) füh­ren. Das Trau­ma wur­de ja durch das Erle­ben einer nicht zu bewäl­ti­gen­den Situa­ti­on her­vor­ge­ru­fen. Das war ver­bun­den mit extrem star­ker Angst, dem Ver­lust der Hand­lungs­fä­hig­keit und dem Her­un­ter­fah­ren der kogni­ti­ven Akti­vi­tät auf ein sehr ein­fa­ches Ver­hal­tens­le­vel als Reak­ti­on dar­auf. Wenn es in einer Grup­pe ver­schie­de­ne Regeln und Anfor­de­rungs­le­vel geben muss, kann das mit den ande­ren Kin­dern ent­spre­chend bespro­chen wer­den. Aber Vor­sicht: Auch hier soll­te nichts über­trie­ben oder über­dra­ma­ti­siert wer­den. Zudem soll­ten Sie kei­ne Angst haben, mit Kin­dern zu bespre­chen, was Krieg ist. Natür­lich soll­ten Sie kei­ne “expli­zi­ten” Bil­der zei­gen, aber Sie soll­ten dar­über reden – auch wenn man­che (ein­zel­ne) Eltern ihre Kin­der lie­ber in einer Art “Traum­zau­ber­wald” wüss­ten. Kita soll Kin­der auf das Leben vor­be­rei­ten, und wenn Krieg zum Leben gehört (auch wenn vie­le von uns ein­schließ­lich mei­ner Per­son nicht gedacht hät­ten, dass so etwas in Euro­pa noch mög­lich wäre, die Rea­li­tät lehrt uns: Es ist mög­lich!), dann soll­te auch mit Kin­dern dar­über gespro­chen werden. 

Da es vor allem um die Begrif­fe Sicher­heit, Sta­bi­li­tät und Bin­dung geht, sei hier noch auf zwei ggf. bedeut­sa­me Aspek­te hingewiesen:

Wenn abseh­bar ist, dass die poten­ti­el­len Bin­dungs­per­so­nen ohne­hin bald wech­seln (abseh­ba­rer oder geplan­ter Betreu­erwech­sel in der Grup­pe, abseh­ba­re län­ge­re Krank­keits­aus­fäl­le, etwa durch geplan­te Ope­ra­tio­nen, bereits for­mu­lier­te Ent­schei­dun­gen, das Team zu ver­las­sen o.ä.), soll­ten poten­ti­ell trau­ma­ti­sier­te Kin­der nach Mög­lich­keit nicht sol­chen Grup­pen zuge­wie­sen, son­dern in Grup­pen inte­griert wer­den, deren Betreu­ungs­struk­tur auf abseh­ba­re Zeit sta­bil bleibt.

Es gibt wie in allen Hel­fer­be­ru­fen auch unter Erzie­he­rin­nen und Erzie­hern Men­schen, die nicht nur eine star­ke Moti­va­ti­on zu hel­fen an den Tag legen, son­dern das Feed­back der betreu­ten Per­so­nen (z.B. die Erfah­rung, auch schwie­ri­ge Her­aus­for­de­run­gen zu meis­tern oder Dank­bar­keit von den­je­ni­gen, denen gehol­fen wird) bis­wei­len “brau­chen”. Die­ser Per­so­nen­kreis neigt mit­un­ter dazu, sich (anfangs) sehr stark zu enga­gie­ren, Bin­dun­gen auf­zu­bau­en usw. Spä­ter kann es pas­sie­ren, dass dem zunächst sehr hohen (ggf. zu hohen) Enga­ge­ment Pha­sen der Erschöp­fung oder/und der vor­ran­gi­gen Selbst­sor­ge fol­gen. Hat man zunächst ten­den­ti­ell zu weni­ge Gren­zen, setzt aber spä­ter wel­che (oft aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den), kann dies gera­de im Umgang mit trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern nega­ti­ve Fol­gen haben. Man hat sich qua­si zum “Leucht­turm” (= siche­res Gegen­über, zu dem man Bin­dung ent­wi­ckelt hat) auf­ge­baut, dann ist der Leucht­turm jedoch mehr oder weni­ger plötz­lich “weg”. In sol­chen Fäl­len soll­te dar­auf geach­tet wer­den, wie inten­siv über­haupt Bin­dun­gen zu poten­ti­ell trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern auf­ge­baut wer­den, wenn abseh­bar ist, dass der “Leucht­turm” sowie­so irgend­wann nicht mehr sta­bil ver­füg­bar ist. 

Wie kann ich mit Kin­dern über Krieg sprechen?

Regel Nr. 1: Kin­der schau­en immer zuerst auf ihre Eltern, um ein Gefühl der Sicher­heit zu bekom­men – und das umso mehr in Kri­sen­si­tua­tio­nen. Man soll­te also mög­lichst kei­ne Angst davor haben, das The­ma auf­zu­grei­fen, wenn es auf­taucht. Man muss es nicht selbst auf die Tages­ord­nung set­zen, aber im Fal­le eines uns so nahen Krie­ges wie in der Ukrai­ne wird es frü­her oder spä­ter sowie­so eine Rol­le spie­len. Und in der Ein­rich­tung obliegt es Erzie­he­rin­nen und Erzie­hern, anstel­le der Eltern sicher zu han­deln. Denn dar­um geht es in unsi­che­ren Zei­ten: um die Ver­mitt­lung von Sicher­heit gegen­über den Kleins­ten und Klei­nen, die noch kei­ne eige­nen Mecha­nis­men ent­wi­ckelt haben (kön­nen), Sicher­heit her­zu­stel­len. Um das The­ma anzu­spre­chen, emp­fiehlt UNICEF die fol­gen­den Schritte:

1. Erfra­gen Sie, was die Kin­der wis­sen und wie sie sich dies­be­züg­lich fühlen

2. The­ma­ti­sie­ren Sie das auf ruhi­ge und alters­an­ge­mes­se­ne Art und Wei­se. Ver­wen­den Sie dabei eine alters­an­ge­mes­se­ne Spra­che, beob­ach­ten Sie die Reak­tio­nen und reagie­ren Sie empa­thisch, wenn es zu Angst­re­ak­tio­nen kommt.

3. Ver­mit­teln Sie Mit­ge­fühl und kei­ne Vorurteile.

4. Fokus­sie­ren Sie das Gespräch auf die Hil­fe bzw. die Hel­fer. Das Gefühl, etwas tun zu kön­nen, so wenig es auch sein mag, macht einen Unter­schied, auch und vor allem bei Kindern.

5. Been­den Sie die Gesprä­che acht­sam und fürsorglich.

6. Fra­gen Sie wie­der nach, the­ma­ti­sie­ren Sie von Zeit zu Zeit wie­der, wie die Kin­der dar­über den­ken und wie sie sich fühlen.

7. Begren­zen Sie die Infor­ma­ti­ons­flut, wenn es geht. (Das gilt weni­ger für Kin­der­gär­ten, mehr für Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen und ande­re Unterkünfte.)

8. Sor­gen Sie in ange­mes­se­ner Wei­se für sich selbst.

Grund­sätz­lich soll­te man direkt und klar auf das The­ma Krieg reagie­ren. Ent­spre­chen­de Äuße­run­gen könn­ten etwa wie folgt for­mu­liert wer­den: Es gibt gera­de Krieg in der Ukrai­ne. Die­ses Land liegt nicht direkt neben Deutsch­land, aber neben Polen. Dort kämp­fen Sol­da­ten. Man­che der Müt­ter, Frau­en und Kin­der die­ser Sol­da­ten kom­men gera­de nach Deutsch­land, so wie … . Wir sind hier sicher.” Wenn Reaktionen/Nachfragen fol­gen, ant­wor­ten Sie kurz und bün­dig auf der Grund­la­ge Ihrer Wer­te bzw. der Wer­te Ihrer Orga­ni­sa­ti­on. Der in Punkt 4 vor­ge­schla­ge­ne Fokus auf die Hel­fer macht das The­ma in jedem Fall besprechbar.

(Die in die­sem Abschnitt dar­ge­stell­ten Inhal­te wur­den vom Ver­fas­ser aus dem Eng­li­schen über­tra­gen und durch eige­ne Über­le­gun­gen ergänzt. Pas­sa­gen­wei­se han­delt es sich im indi­rek­ten Sin­ne um Zita­te. Da aber der ent­spre­chen­de Text ori­gi­nal auf Eng­lisch erschie­nen ist und es nach Kennt­nis des Ver­fas­sers kei­ne deut­sche Fas­sung des Tex­tes gibt, wird nicht direkt zitiert, son­dern auf die Quel­le hin­ge­wie­sen und die Über­tra­gung als indi­rek­tes Zitat verstanden.)

Aus­lö­sen­de Ereig­nis­se und Umstände

Die ankom­men­den Kin­der wur­den wenn, dann wahr­schein­lich durch eines oder meh­re­re der fol­gen­den Ereig­nis­se oder Umstän­de traumatisiert:

  • bedroh­li­che oder lebens­ge­fähr­li­che Ereig­nis­se (z.B. Bombardierungen)
  • die Flucht selbst 
  • Tren­nung von Tei­len der Fami­lie (bspw. vom Vater) bei gleich­zei­ti­ger Unge­wiss­heit über den Verbleib

Reak­ti­ons­mus­ter

Es sind grund­sätz­lich fol­gen­de Reak­ti­ons­mus­ter auf die­se Ereig­nis­se denkbar:

Schock: Die­ses Reak­ti­ons­mus­ter bedeu­tet im glück­li­chen Fall eine tem­po­rä­re Anpas­sung an ein trau­ma­ti­sches Erleb­nis und lässt nach eini­gen Tagen in einem siche­ren Umfeld wie­der nach.

Unmit­tel­ba­re trau­ma­ti­sche Reak­ti­on: Das trau­ma­ti­sie­ren­de Ereig­nis oder die ent­spre­chen­den Umstän­de wir­ken so stark, dass die Hand­lungs­kon­trol­le ver­lo­ren geht und die­ser Zustand eine Zeit lang anhält. Die trau­ma­ti­sche Belas­tungs­re­ak­ti­on redu­ziert sich jedoch inner­halb weni­ger Wochen, wenn (wie­der) siche­re Umfeld­be­din­gun­gen gege­ben sind und es (gera­de anfangs) nicht zu Über­for­de­run­gen kommt.

Post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­re­ak­ti­on: Die trau­ma­ti­sche Situa­ti­on führt nicht nur zum tem­po­rä­ren Ver­lust der Hand­lungs­kon­trol­le, son­dern auch zur “Dis­si­zia­ti­on”, das heißt zur kogni­ti­ven Abspal­tung des Ereig­nis­ses oder der Umstän­de. Weil es so lebensbedrohlich/angstauslösend war, dass man es nicht bewäl­ti­gen konn­te, spal­tet man die Erin­ne­rung dar­an ab. Wenn hier eine Inter­ven­ti­on inner­halb weni­ger Stun­den erfolgt, kann es sein, dass die bewuss­te Kogni­ti­on zurück­kehrt und der “Flu­tung des Gehirns mit Angst” etwas ent­ge­gen­setzt und damit die Auf­tre­tens­wahr­schein­lich­keit post-trau­ma­ti­scher Reak­tio­nen ver­rin­gert. Das ist im Fal­le der Men­schen aus der Ukrai­ne aber unwahr­schein­lich. Wenn jemand also die Hand­lungs­kon­trol­le auf Dau­er ver­lo­ren und über­lebt hat, indem sie oder er das jewei­li­ge Ereig­nis “abge­spal­ten” hat, ist eine post-trau­ma­ti­sche Reak­ti­on nicht zwangs­läu­fig (es kann auch nach dem Mus­ter einer unmit­tel­bar trau­ma­ti­schen Reak­ti­on ablau­fen), aber wahrscheinlich.

Aus der neue­ren For­schung weiß man, dass sich die Wahr­schein­lich­keit post­trau­ma­ti­scher Belas­tungs­re­ak­tio­nen stark ver­min­dert, wenn inner­halb weni­ger Stun­den nach dem Ereig­nis sta­bi­li­sie­rend auf die betrof­fe­ne Per­son ein­ge­wirkt wird. Hier kommt es dar­auf an, wie das jeweils ver­füg­ba­re Umfeld (Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, ande­re Anwe­sen­de) im Fal­le eines Ereig­nis­ses auf das Kind reagiert haben. Ist dies sta­bil erfolgt, kann u.U. davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die Wahr­schein­lich­keit post­trau­ma­ti­scher Reak­tio­nen in Gren­zen hält. Han­del­te es sich jedoch nicht nur um ein Ereig­nis, son­dern mehr um län­ger anhal­ten­de bedroh­li­che Situa­tio­nen und haben die ver­füg­ba­ren Erwach­se­nen nicht sta­bil reagiert, stei­gert das die Wahr­schein­lich­keit einer post-trau­ma­ti­schen Reaktion.

Was hilft bei wel­chem Reaktionsmuster?

Bei Schock und unmit­tel­bar trau­ma­ti­scher Belas­tungs­re­ak­ti­on: Ruhe, Sta­bi­li­tät, Sicher­heit, Ver­mei­dung von Über­for­de­rung, viel Zeit zum Schla­fen, wenig Medi­en­kon­sum (Letz­te­res wird immer unwahr­schein­li­cher, seit man fast im Minu­ten­takt aktu­el­le Infor­ma­tio­nen über Kriegs­ver­läu­fe emp­fan­gen kann. Man soll­te es des­halb weder erwar­ten noch for­dern; es ist zwar der unmit­tel­ba­ren Gesun­dung nicht zuträg­lich, aber ver­ständ­lich und kaum zu vermeiden.)

In jedem Fall kommt es dar­auf an zu ver­ste­hen, dass es sich um eine neue Situa­ti­on han­delt, die – anders als wir es gewohnt sind und trotz­dem wir nach unse­rem Dafür­hal­ten alles rich­tig machen – als her­aus­for­dernd oder poten­ti­ell unsi­cher oder gar poten­ti­ell bedroh­lich wir­ken kann. Des­halb soll­ten wir es mit Anfor­de­run­gen, Regeln usw. am Anfang nicht über­trei­ben, im Gegenteil.

Post-trau­ma­ti­sche Belas­tungs­re­ak­ti­on: Man stel­le sich fol­gen­des Bei­spiel vor: Die Fami­lie stammt aus einem Gebiet, das von Beginn des Krie­ges an mit Bom­ben und Rake­ten ange­grif­fen wur­de. Man hat Näch­te um Näch­te in einem Kel­ler ver­bracht. Es hat gedon­nert, die Erde hat gezit­tert, nach län­ge­rem Aus­har­ren hat man die Flucht ergrif­fen, der Vater ist aber geblie­ben. Die Mut­ter hat mit den Kin­dern einen Zug nach Wes­ten bekom­men, muss­te den Kin­dern aber unter­wegs wäh­rend eines lan­gen nächt­li­chen Halts des ver­dun­kel­ten Zuges den Mund zuhal­ten, damit sie nicht schrei­en. Von Polen ist man wei­ter nach Deutsch­land gereist – und lan­det in einer Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung. Der ers­te Ein­druck ist der eines sehr gro­ßen Rau­mes mit sehr vie­len Men­schen. Ist das ruhig? Ist das sicher? Die Kin­der schrei­en, die Mut­ter beginnt zu wei­nen. Eine abge­schlos­se­ne Woh­nung mit “lang­sa­mem Ankom­men” wäre, wenn es um die Reduk­ti­on trau­ma­ti­scher Reak­tio­nen geht, bes­ser. Aber klar, die Umstän­de: Es geht erst­mal nicht bes­ser. Die Situa­ti­on ist nicht geeig­net, muss aber irgend­wie gehen. Und dann kom­men die Kin­der in Ihre Einrichtung.

Ver­ste­hen Sie?

Es geht dar­um, sekun­dä­re Trau­ma­ti­sie­run­gen zu ver­mei­den. Die Näch­te im Kel­ler kön­nen bei den Kin­dern nicht nur eine unmit­tel­bar trau­ma­ti­sche Reak­ti­on her­vor­ge­ru­fen haben (kön­nen, nicht: müs­sen), son­dern sie kön­nen (wie­der­um nicht: müs­sen) so schwer­wie­gend gewe­sen sein, dass die Kin­der die Erin­ne­rung dar­an abspal­ten, aber auf stress­aus­lö­sen­de (= unsi­che­re, über­for­dern­de = als bedroh­lich erleb­te) Situa­tio­nen qua­si “auto­ma­tisch” (= eben­so unbe­wusst wie “zwangs­läu­fig”, erin­nern Sie sich bit­te an die “qua­si zwang­haf­te Wie­der­ho­lungs­schlei­fe”) mit dem Mus­ter reagie­ren, das ihnen in der trau­ma­ti­sie­ren­den Situa­ti­on (= nicht bewäl­tig­bar) gehol­fen hat. Kom­plet­ter Rück­zug oder schein­ba­re Fühl­lo­sig­keit mit plötz­li­chen “Aus­ras­tern” bei gleich­zei­ti­ger Unfä­hig­keit, im unmit­tel­ba­ren Gesche­hen aus der Reak­ti­ons­schlei­fe  her­aus­zu­kom­men… All das sind nur Mus­ter­be­schrei­bun­gen. Der kon­kre­te Fall kann davon abwei­chen, über vie­le Fäl­le betrach­tet wird es aber Gemein­sam­kei­ten geben, deren wesent­li­che Ele­men­te ich hier zu beschrei­ben ver­sucht habe, wohl wis­send, dass ich damit kei­nes­wegs eine Beschrei­bung jeden mög­li­chen Falls gelie­fert habe.

Im Umgang mit trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern geht es dar­um, es aus Sicht der Kin­der nicht zu über­trei­ben. Aus der eige­nen Sicht mag man es viel­leicht gar nicht über­trei­ben, aber aus der Sicht eines trau­ma­ti­sier­ten Kin­des viel­leicht schon. Wenn die­ser Text für etwas gut sein soll, dann dafür, die­sen Unter­schied zu ver­deut­li­chen: Gute Absicht schützt nicht davor, dass es schief gehen kann. Wenn poten­ti­ell (wir wis­sen es ja zunächst nicht, son­dern müs­sen es uns aus Beob­ach­tun­gen erschlie­ßen, und die “pro­fes­sio­nel­le Hil­fe” ist auf kur­ze Sicht und im kon­kre­ten Ein­rich­tungs­all­tag min­des­tens unwahr­schein­lich) trau­ma­ti­sier­te Kin­der am Grup­pen­ge­sche­hen in einer Kita teil­neh­men, soll­te ich, zumin­dest am Anfang, adäquat dar­auf reagie­ren: sicher struk­tu­rier­ter Tages­ab­lauf, Zeit für direk­te Betreu­ung, Infor­ma­tio­nen begren­zen, Ruhe schaf­fen, Ange­bo­te kre­ieren, die den mög­li­cher­wei­se trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern, die zudem aller Wahr­schein­lich­keit nach von einer Sprach­bar­rie­re betrof­fen sind, posi­ti­ve Erfah­run­gen ermög­li­chen, Hil­fe anbie­ten, aber nicht auf­drän­gen, mit der Zeit die Selb­stän­dig­keit för­dern. Und: nicht den­ken, dass ALLE trau­ma­ti­siert sind. Und: sel­ber han­deln und nicht damit argu­men­tie­ren, dass dies nur durch “pro­fes­sio­nel­le” Per­so­nen zu behan­deln ist. Spä­tes­tens bei ukrai­ni­schen Kin­dern ist von einem gewis­sen Anteil Trau­ma­ti­sier­ter aus­zu­ge­hen. Nur ein klei­ner Teil kann an ent­spre­chen­den Spe­zi­al­pro­gram­men teil­neh­men. Und nur ein klei­ner Teil muss das auch im exis­ten­ti­el­len Sin­ne. Die ande­ren sind aber auch da. Und denen kön­nen wir hel­fen, mit ihren Trau­ma­ta klar­zu­kom­men – wenn wir den Mut dazu haben und uns in den Ein­rich­tun­gen dar­auf einstellen.

PS: Ein Nach­satz zu eini­gen mög­li­chen Metho­den, die im obi­gen Text bewusst weg­ge­las­sen wurden

Eine Dar­stel­lung der im Umgang mit trau­ma­ti­sier­ten Kin­dern hilf­rei­chen Metho­den wäre nicht voll­stän­dig, wenn nicht auch von kör­per- und aus­drucks­be­zo­ge­nen Metho­den die Rede wäre. Aber sol­che Metho­den sind im Kon­text von Kin­der­ta­ges­stät­ten min­des­tens mit Vor­sicht anzu­wen­den, wenn nicht weg­zu­las­sen. Dies hat zwei Grün­de: Ers­tens liegt die Anwen­dung sol­cher Metho­den im Grau­be­reich zwi­schen ver­schie­de­nen Aus­bil­dun­gen. In die­sem Text geht es um die Din­ge, die aus­ge­bil­de­tes päd­ago­gi­sches Fach­per­so­nal anwen­den kann, ohne über traum­a­päd­ago­gi­sche Zusatz­aus­bil­dun­gen zu ver­fü­gen. Zwei­tens erge­ben sich ohne ent­spre­chen­de Zusatz­aus­bil­dung womög­lich Situa­tio­nen, die von Beob­ach­tern falsch gedeu­tet wer­den und/oder die schief gehen können. 

Kör­per­be­zo­ge­ne Metho­den: Gemeint sind hier bspw. das Fest­hal­ten in ent­spre­chen­den emo­tio­na­len Grenz­si­tua­tio­nen, bei­spiels­wei­se beim Wie­der­erle­ben der trau­ma­ti­schen Situa­ti­on (“Flash­backs”) oder Mas­sa­gen. Bei­de Metho­den sind hilf­reich und kön­nen bei ent­spre­chend sta­bi­ler Bin­dung bzw. ent­spre­chen­der Nähe ange­wandt wer­den. ABER: Das muss man ers­tens nicht nur indi­vi­du­ell wol­len und kön­nen, son­dern im Team abge­stimmt haben und zwei­tens gut reflek­tie­ren. Es müss­ten zudem min­des­tens ereig­nis­be­zo­gen expli­zi­te Ein­wil­li­gun­gen und bes­ten­falls ver­trag­li­che Absi­che­run­gen vor­lie­gen, und es müss­te im Vor­feld dar­über gespro­chen wer­den, was wie und in wel­chen Fäl­len anzu­wen­den wäre. Hin­zu kommt: Eine Kita ist kein geschütz­ter The­ra­pie­raum, und alles, was geschieht, pas­siert min­des­tens “halb­öf­fent­lich”. Zudem sind Grenz­fäl­le aus­zu­schlie­ßen. Geschlech­ter­über­grei­fen­de Inter­ven­tio­nen wären mei­nes Erach­tens vor­her im Team zu bespre­chen (UND ggf. nicht allein durch­zu­füh­ren) oder eben­falls auszuschließen.

Aus­drucks­be­zo­ge­ne Metho­den: Hier­mit ist alles gemeint, was zum Aus­druck trau­ma­ti­scher Erleb­nis­se führt (Bil­der malen las­sen, Anwen­dung pro­jek­ti­ver Metho­den, bspw. das “sze­ni­sche” Nach­er­zäh­len von Ereig­nis­sen unter Ver­wen­dung von Tier­fi­gu­ren; Ver­wen­dung psy­cho­dra­ma­ti­scher Metho­den). Die­se Metho­den bewe­gen sich zwar weit weni­ger als die kör­per­be­zo­ge­nen Inter­ven­tio­nen in inter­pre­ta­ti­ven (Beob­ach­tun­gen falsch gedeu­tet) oder recht­li­chen Grau­zo­nen, dafür haben sie gra­vie­ren­de­re Aus­wir­kun­gen, wenn sie nicht funk­tio­nie­ren oder nicht rich­tig oder im über­trie­be­nen Sin­ne ange­wandt wer­den. Man­che Mons­ter ver­schwin­den, wenn man ihre Gesich­ter auf mit Heli­um gefüll­te Luft­bal­lons malen lässt und die­se zum Fens­ter hin­aus­wirft und dann dabei zusieht, wie sie ver­schwin­den. Aber um im Umgang mit sol­chen Metho­den sicher zu han­deln, ist viel Erfah­rung, Refle­xi­on und ent­spre­chen­de Aus­bil­dung not­wen­dig. Sicher kann und soll­te man Kin­der Bil­der malen las­sen, aber man soll­te sol­che Akti­vi­tä­ten im nor­ma­len Anwen­dungs­be­reich belas­sen und ohne ent­spre­chen­de Aus­bil­dung mit den Bil­dern nichts anstel­len, was man nicht auch mit allen ande­ren Bil­dern tun würde.

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.