Freundliche Verwahrlosung: „angenehm“ ist nicht immer „angemessen“

War­um Lais­sez-fai­re einer Orga­ni­sa­ti­on mehr scha­den kann als auto­ri­tä­re Führung

Im Grun­de genom­men gibt es drei gro­ße Füh­rungs­sti­le. Zwar haben Gene­ra­tio­nen von Wis­sen­schaft­lern eine kaum noch über­schau­ba­re Men­ge von Füh­rungs­mo­del­len ent­wi­ckelt, aber bei genaue­rem Hin­se­hen han­delt es sich dabei über­wie­gend um Bin­nen­dif­fe­ren­zie­run­gen eini­ger weni­ger Grund­for­men. Man kann zwi­schen dem (a) auto­ri­tä­ren, sach­be­zo­ge­nen oder direk­ti­ven Füh­rungs­stil, dem (b) men­schen­be­zo­ge­nen, grup­pen­ori­en­tier­ten, Rück­halt geben­den oder ent­wick­lungs­ori­en­tier­ten Füh­rungs­stil und schließ­lich dem (c) Lais­sez-fai­re-Füh­rungs­stil unter­schei­den. Die Häu­fig­keit der Füh­rungs­sti­le und ihre Akzep­tanz und ganz sicher auch die ver­wen­de­ten Begrif­fe haben sich im Lau­fe der Jahr­zehn­te ver­än­dert; die Grund­mus­ter sind m.E. jedoch weit­ge­hend die­sel­ben geblieben.

Inter­es­sant ist dabei, dass aus­ge­rech­net der direk­ti­ve Füh­rungs­stil, der heu­te in den meis­ten Dar­stel­lun­gen ziem­lich schlecht weg­kommt, kei­nes­wegs der pro­ble­ma­tischs­te sein muss. Im Gegen­teil. Ich hal­te den Lais­sez-fai­re-Füh­rungs­stil für den­je­ni­gen, der einer Orga­ni­sa­ti­on den größ­ten Scha­den zufü­gen kann. Und ich glau­be, dass die­se Form der Füh­rung nicht nur häu­fig unter­schätzt, son­dern mit­un­ter sogar mit guter, moder­ner Füh­rung ver­wech­selt wird.

In der gegen­wär­ti­gen Füh­rungs­leh­re wird vor allem der „trans­for­ma­tio­na­le“ Füh­rungs­stil pro­pa­giert. Er wird mit­un­ter als eine Art eier­le­gen­de Woll­milch­sau dar­ge­stellt, mit der sich die bekann­ten Pro­ble­me von Füh­rung und Zusam­men­ar­beit gleich­sam auf­lö­sen las­sen. Men­schen sol­len ent­wi­ckelt, moti­viert, befä­higt und in ihrer Ent­fal­tung unter­stützt wer­den. Füh­rungs­kräf­te sol­len Rück­halt geben, Sinn ver­mit­teln, indi­vi­du­el­le Poten­zia­le erken­nen und Mit­ar­bei­ter dazu brin­gen, über sich selbst hin­aus­zu­wach­sen. Im Grun­de genom­men ist das nichts ande­res als eine moder­ne Vari­an­te des seit Jahr­zehn­ten bekann­ten per­so­nen­ori­en­tier­ten bezie­hungs­wei­se Rück­halt geben­den Füh­rungs­stils, ergänzt um eine star­ke Entwicklungsorientierung.

Dage­gen ist zunächst nichts ein­zu­wen­den. Nur liegt die­sem Füh­rungs­ver­ständ­nis eine gleich­sam gene­ra­li­sie­ren­de Annah­me zugrun­de, die ich für pro­ble­ma­tisch hal­te: dass Men­schen sich ent­wi­ckeln wol­len, dass sie sich ent­fal­ten möch­ten und dass ihre Moti­va­ti­on und Leis­tungs­be­reit­schaft im Wesent­li­chen davon abhän­gen, ob man sie rich­tig führt. Als müss­te man nur die geeig­ne­ten Füh­rungs­in­stru­men­te ein­set­zen, um die Moti­va­ti­on, die Bin­dung und die Schaf­fens­kraft der Mit­ar­bei­ter gewis­ser­ma­ßen zu entfesseln.

Das funk­tio­niert bei einem Teil der Men­schen. Es funk­tio­niert aber nicht bei allen. Und ich hal­te es für einen Feh­ler, allen mög­li­chen Men­schen eine gleich­ar­ti­ge Moti­va­ti­ons­la­ge bzw. „Moti­vier­bar­keit durch Füh­rung“ zu unter­stel­len. Es gibt Men­schen, die sich ent­wi­ckeln wol­len, die sich mit ihrer Arbeit iden­ti­fi­zie­ren und Ver­ant­wor­tung über­neh­men möch­ten. Ande­re haben ein aus­ge­spro­chen prag­ma­ti­sches Ver­hält­nis zu ihrer Arbeit. Sie gehen arbei­ten, weil sie Geld ver­die­nen müs­sen, weil sie kei­ne ande­ren Mög­lich­kei­ten sehen oder weil Arbeit für sie schlicht nicht der zen­tra­le Lebens­in­halt ist. Wie­der ande­re machen Dienst nach Vor­schrift, haben sich in einer Kom­fort­zo­ne ein­ge­rich­tet oder emp­fin­den weder gegen­über ihrer Tätig­keit noch gegen­über ihrem Arbeit­ge­ber eine beson­de­re Bin­dung. Die Unter­schie­de zwi­schen Men­schen sind dafür schlicht zu groß, als dass man ihnen mit einem ein­zi­gen Füh­rungs­ver­ständ­nis gerecht wer­den könnte.

Hin­zu kommt, dass die Bin­dung von Mit­ar­bei­tern an ihre Arbeit­ge­ber nach mei­nen Beob­ach­tun­gen erheb­lich abge­nom­men hat. Ich kann mich jeden­falls nicht an Zei­ten erin­nern, in denen die durch­schnitt­li­che Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit in bun­des­wei­ten Befra­gun­gen schlech­ter aus­ge­fal­len wäre als heu­te. In mei­nen eige­nen Unter­su­chun­gen sehe ich eine ähn­li­che Ent­wick­lung. Im Jahr 2016 haben wir in Mit­tel­deutsch­land, also in Sach­sen, Sach­sen-Anhalt und Thü­rin­gen, einen Anteil von neun Pro­zent unge­bun­de­ner Mit­ar­bei­ter gemes­sen. In einer wei­te­ren Unter­su­chung waren es 2022 bereits 19 Pro­zent. Im Jahr 2026 liegt die­ser Anteil in einer für Ost­deutsch­land (ohne Ber­lin) reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gung bei 22 Pro­zent. Ich ver­mu­te, dass wir uns lang­fris­tig bei etwa einem Vier­tel unge­bun­de­ner Mit­ar­bei­ter ein­pen­deln werden. 

Ich glau­be nicht, dass sich die­ses Phä­no­men allein durch eine ande­re Füh­rungs­kul­tur oder durch die ver­meint­lich rich­ti­gen Moti­va­ti­ons­in­stru­men­te besei­ti­gen lässt. Die Vor­stel­lung, dass alle Men­schen eigent­lich leis­tungs­be­reit und ent­wick­lungs­ori­en­tiert sei­en und nur auf die pas­sen­de Füh­rung war­te­ten, hal­te ich für eine roman­ti­sche Ver­kür­zung der Wirklichkeit.

Des­we­gen gibt es auch nicht den rich­ti­gen Führungsstil.

Natür­lich brin­gen Füh­rungs­kräf­te bestimm­te, über­dau­ern­de Ver­hal­tens­mus­ter mit. Das ist zunächst eine Fra­ge ihrer Per­sön­lich­keit. Men­schen unter­schei­den sich dar­in, wie sie Ent­schei­dun­gen tref­fen, wie sie mit Kon­flik­ten umge­hen, wie viel Kon­trol­le sie benö­ti­gen, wie sie Nähe und Distanz regu­lie­ren und wie sie auf Unsi­cher­heit reagie­ren. Füh­rungs­kräf­te haben eine Per­sön­lich­keit, und die­se Per­sön­lich­keit wird sich in ihrem Füh­rungs­ver­hal­ten zeigen.

Aber die geführ­ten Per­so­nen haben eben­falls Per­sön­lich­kei­ten. Sie unter­schei­den sich in ihrer Kom­pe­tenz, ihrer Moti­va­ti­ons­la­ge, ihrer Selbst­stän­dig­keit und ihrer Bin­dung an die Arbeit, an das Team, an die Füh­rungs­kraft und an den Arbeit­ge­ber ins­ge­samt. Und sie haben jeweils einen eige­nen psy­cho­lo­gi­schen Ver­trag mit der Organisation.

Unter dem psy­cho­lo­gi­schen Ver­trag wird die Sum­me der gegen­sei­ti­gen, häu­fig unaus­ge­spro­che­nen Erwar­tun­gen zwi­schen Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber ver­stan­den. Der Arbeit­ge­ber erwar­tet bestimm­te Leis­tun­gen, Ver­hal­tens­wei­sen und eine gewis­se Ver­bind­lich­keit. Die Mit­ar­bei­te­rin erwar­tet ihrer­seits bei­spiels­wei­se Sicher­heit, Aner­ken­nung, Bezah­lung, Unter­stüt­zung, Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten oder ein­fach nur ver­nünf­ti­ge Arbeits­be­din­gun­gen. Zwi­schen bei­den Sei­ten ent­wi­ckelt sich ein Geflecht von Erwar­tun­gen, Ver­pflich­tun­gen und Ent­täu­schungs­mög­lich­kei­ten, das kei­nes­wegs bei allen Mit­ar­bei­tern gleich aussieht.

Die Füh­rungs­kraft ist in die­sem Zusam­men­hang gewis­ser­ma­ßen die Mana­ge­rin die­ses psy­cho­lo­gi­schen Ver­trags. Sie muss Erwar­tun­gen klä­ren, Wider­sprü­che bear­bei­ten, Ver­bind­lich­keit her­stel­len und dafür sor­gen, dass die Bezie­hung zwi­schen Mit­ar­bei­ter und Orga­ni­sa­ti­on funk­tio­niert. Dabei geht es nicht nur um die Bezie­hung zwi­schen zwei Men­schen, son­dern auch um die Bezie­hung des Mit­ar­bei­ters zu sei­ner Arbeit. Es gibt Men­schen, denen ihre Tätig­keit aus­ge­spro­chen wich­tig ist, wäh­rend der Arbeit­ge­ber für sie aus­tausch­bar bleibt. Ande­re füh­len sich ihrem Team ver­pflich­tet, inter­es­sie­ren sich aber wenig für die Orga­ni­sa­ti­on. Wie­der ande­re sind vor allem an ihrer eige­nen beruf­li­chen Ent­wick­lung inter­es­siert. Und man­che wol­len ein­fach in Ruhe gelas­sen werden.

Man soll­te nicht unter­schät­zen, wie kom­plex die­ses Geflecht ist. Füh­rung voll­zieht sich min­des­tens in einem Drei­eck aus Füh­rungs­kraft, Mit­ar­bei­ter und Situa­ti­on. Vor dem Hin­ter­grund der Per­sön­lich­keit der Füh­rungs­kraft, der Per­sön­lich­keit und Moti­va­ti­ons­la­ge des Mit­ar­bei­ters, sei­nes psy­cho­lo­gi­schen Ver­trags und der kon­kre­ten Anfor­de­run­gen einer Situa­ti­on ergibt sich, was ange­mes­se­ne Füh­rung sein könn­te. Ein Füh­rungs­stil muss des­halb hin­rei­chend varia­bel sein, um unter­schied­li­chen Men­schen und unter­schied­li­chen Situa­tio­nen gerecht zu wer­den. Wer dar­aus ein all­ge­mein­gül­ti­ges Ide­al ablei­ten möch­te, unter­schätzt die Kom­ple­xi­tät des Gegenstands.

Gera­de des­halb bin ich skep­tisch, wenn der trans­for­ma­tio­na­le oder ent­wick­lungs­ori­en­tier­te Füh­rungs­stil all­zu sehr zum Ide­al erklärt wird. Was pas­siert denn, wenn Mit­ar­bei­ter sich gar nicht ent­wi­ckeln wol­len? Was pas­siert, wenn sie sich trotz aller Unter­stüt­zung in ihren Kom­fort­zo­nen ein­ge­rich­tet haben? Wenn Arbeits­auf­trä­ge nicht erfüllt, Ver­ein­ba­run­gen igno­riert und Regeln sys­te­ma­tisch unter­lau­fen wer­den? Wenn eine Orga­ni­sa­ti­on von Schlen­dri­an geprägt ist, Mit­ar­bei­ter regel­mä­ßig zu spät kom­men, ihre Arbeit nur unzu­rei­chend erle­di­gen, aus­ge­dehn­te Rauch­pau­sen machen — oder sich sogar eine gewis­se Men­ta­li­tät akti­ver Sabo­ta­ge ent­wi­ckelt hat?

Und was geschieht, wenn eine Fusi­on geschei­tert ist, sich wider­sprüch­li­che Struk­tu­ren ver­fes­tigt haben oder in einer Orga­ni­sa­ti­on Kor­rup­ti­on geherrscht hat?

In sol­chen Situa­tio­nen brau­che ich kei­ne Füh­rungs­kraft, die in ers­ter Linie Ver­ständ­nis signa­li­siert, Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten eröff­net und die Mit­ar­bei­te­rin­nen dabei unter­stützt, ihre Poten­zia­le zu ent­fal­ten. Ich brau­che eine Füh­rungs­kraft, die ent­schei­det, Vor­ga­ben macht, Ver­bind­lich­keit her­stellt und not­falls gegen Wider­stän­de inter­ve­niert. Ich brau­che gera­de dann einen direk­ti­ven Führungsstil.

Der auto­ri­tä­re oder direk­ti­ve Füh­rungs­stil hat in der heu­ti­gen Füh­rungs­dis­kus­si­on einen schlech­ten Ruf. Er gilt als unan­ge­nehm und wenig zeit­ge­mäß. Er scheint nicht so recht in eine Arbeits­welt zu pas­sen, in der sich alle betei­li­gen, ent­fal­ten und mög­lichst wohl­füh­len sol­len. Dabei wird gele­gent­lich über­se­hen, dass direk­ti­ve Füh­rung einen ent­schei­den­den Vor­teil hat: Man weiß, wor­an man ist. Es gibt Vor­ga­ben, Ent­schei­dun­gen, Ver­ant­wort­lich­kei­ten und eine gewis­se Ordnung.

Natür­lich hat das sei­nen Preis. Unter einer stark direk­ti­ven Füh­rung wer­den Men­schen weni­ger Eigen­in­itia­ti­ve ent­wi­ckeln. Sie machen eher Dienst nach Vor­schrift, ver­mei­den Risi­ken und rich­ten sich nach den Erwar­tun­gen ihrer Vor­ge­setz­ten, statt eige­ne Ideen oder Vor­stel­lun­gen ein­zu­brin­gen. Es kön­nen Kon­flik­te ent­ste­hen, Wider­stän­de wach­sen und sich rebel­li­sche Hal­tun­gen her­aus­bil­den. Wer Men­schen stän­dig sagt, was sie zu tun haben, darf sich nicht wun­dern, wenn sie irgend­wann auf­hö­ren, selbst zu denken.

Aber dar­aus folgt nicht, dass direk­ti­ve Füh­rung grund­sätz­lich schlecht wäre. Sie kann unan­ge­nehm sein, sie kann uner­wünscht sein und sie kann Men­schen in ihrer Ent­wick­lung begren­zen. Nur ist sie damit noch lan­ge nicht die­je­ni­ge Form von Füh­rung, die einer Orga­ni­sa­ti­on den größ­ten Scha­den zufügt. In bestimm­ten Situa­tio­nen kann sie wie gesagt sogar die ein­zi­ge ange­mes­se­ne Form von Füh­rung sein.

Auch der per­so­nen­ori­en­tier­te, Rück­halt geben­de Füh­rungs­stil hat näm­lich eine Kehr­sei­te. Wer sich vor allem dar­an ori­en­tiert, Mit­ar­bei­ter zu unter­stüt­zen, Ver­ständ­nis auf­zu­brin­gen und Ent­wick­lung zu ermög­li­chen, gerät in Schwie­rig­kei­ten, wenn die­se Ange­bo­te nicht ange­nom­men wer­den. Was macht eine Füh­rungs­kraft, die sich als Unter­stüt­ze­rin ver­steht, mit Mit­ar­bei­te­rin­nen, die sich nicht unter­stüt­zen las­sen wol­len? Wie reagiert sie auf Men­schen, die ihre Frei­räu­me aus­nut­zen, Ver­ein­ba­run­gen igno­rie­ren oder ihre Pflich­ten nicht erfüllen?

Gera­de Füh­rungs­kräf­te mit einem stark Rück­halt geben­den Füh­rungs­ver­ständ­nis nei­gen dann mit­un­ter dazu, sich selbst zu über­for­dern. Sie über­neh­men Auf­ga­ben, die eigent­lich von ihren Mit­ar­bei­tern erle­digt wer­den müss­ten. Sie ver­su­chen, man­geln­de Moti­va­ti­on durch eige­ne Anstren­gung zu kom­pen­sie­ren, brin­gen immer mehr Ver­ständ­nis auf und erschöp­fen sich dabei zuneh­mend. Im ungüns­tigs­ten Fall las­sen sie sich aus­nut­zen, weil ihnen die Mit­tel feh­len oder weil sie sich inner­lich dage­gen sper­ren, ver­bind­li­che Anfor­de­run­gen durchzusetzen.

Der eigent­lich pro­ble­ma­ti­sche Füh­rungs­stil ist mei­nes Erach­tens aller­dings der drit­te: Lais­sez-fai­re. Also das Lau­fen­las­sen, das Nicht­in­ter­ve­nie­ren, das Füh­ren an der all­zu lan­gen Lei­ne, das in Wirk­lich­keit häu­fig über­haupt kein Füh­ren mehr ist.

Lais­sez-fai­re bedeu­tet dabei nicht unbe­dingt, dass eine Füh­rungs­kraft über­haupt nichts tut. Mit­un­ter greift sie sogar aus­ge­spro­chen ener­gisch ein. Aller­dings tut sie das vor allem dann, wenn Pro­ble­me bereits eska­liert sind oder wenn etwas pas­siert, das sie per­sön­lich stört. Ansons­ten lässt sie die Din­ge lau­fen. Sie inter­es­siert sich nicht son­der­lich dafür, was die Mit­ar­bei­ter tun, wie sie ihre Auf­ga­ben erle­di­gen oder wel­che Schwie­rig­kei­ten dabei ent­ste­hen. Wenn es Ärger gibt, taucht sie auf, inter­ve­niert mög­li­cher­wei­se sogar sehr direk­tiv und ver­schwin­det anschlie­ßend wieder.

Manch­mal wird die­se Art der Füh­rung sogar mit guten Absich­ten prak­ti­ziert. Die Füh­rungs­kraft glaubt, sie gebe ihren Mit­ar­bei­tern viel Hand­lungs­spiel­raum, ver­traue auf deren gesun­den Men­schen­ver­stand und ermög­li­che selbst­stän­di­ges Arbei­ten. Sie möch­te nicht kon­trol­lie­ren, nicht bevor­mun­den und nicht stän­dig in die Arbeit ande­rer Men­schen hin­ein­re­gie­ren. Sie betrach­tet ihr Ver­hal­ten mög­li­cher­wei­se sogar als Aus­druck eines moder­nen, part­ner­schaft­li­chen Führungsverständnisses.

Nur kommt bei den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern häu­fig etwas ganz ande­res an.

Sie erle­ben nicht unbe­dingt Ver­trau­en, son­dern Des­in­ter­es­se. Sie erle­ben nicht Hand­lungs­spiel­raum, son­dern feh­len­de Ori­en­tie­rung. Sie erle­ben eine Füh­rungs­kraft, die sie zwar machen lässt, sich aber auch aus Ent­schei­dun­gen her­aus­hält, die eigent­lich ihre Ent­schei­dun­gen wären. Und wenn etwas schief­geht, taucht die­sel­be Füh­rungs­kraft plötz­lich auf, erklärt, was falsch gelau­fen ist, und wird viel­leicht sogar laut. 

Nach mei­ner Beob­ach­tung gibt es im Wesent­li­chen drei Ursa­chen für einen sol­chen Führungsstil.

Die ers­te ist schlicht Des­in­ter­es­se. Eine Füh­rungs­kraft inter­es­siert sich nicht aus­rei­chend für ihre Mit­ar­bei­ter, ihre Arbeit oder die Pro­ble­me, mit denen sie beschäf­tigt sind. Sie hat viel­leicht eine for­mal höhe­re Posi­ti­on, nimmt aber die damit ver­bun­de­ne Ver­ant­wor­tung nicht wirk­lich wahr. Sie ist dann im Grun­de genom­men nichts wei­ter als ein „distan­zier­ter Kol­le­ge mit einer höhe­ren Stellung“.

Dabei gehört es zum Wesen von Füh­rung, sich für das zu inter­es­sie­ren, was in der Orga­ni­sa­ti­on geschieht. Die Arbeit einer Orga­ni­sa­ti­on hat einen Zweck, und die Füh­rungs­kraft ist dafür ver­ant­wort­lich, dass die Tätig­kei­ten ihrer Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter auf die­sen Zweck ein­zah­len. Sie muss sich des­halb zumin­dest für die Ergeb­nis­se der Arbeit und für die Pro­ble­me inter­es­sie­ren, die bei ihrer Erle­di­gung ent­ste­hen. Wenn ein Pro­blem mit­ten auf der Wie­se sitzt, kann ich als Füh­rungs­kraft nicht auf die ande­re Sei­te der Wie­se gehen und mich damit beschäf­ti­gen, wie schön es dort im Schat­ten eines Bau­mes ist. Es ist mei­ne Auf­ga­be, mich um das Pro­blem zu küm­mern. Gera­de dafür bin ich ja Führungskraft.

Die zwei­te Ursa­che ist feh­len­de Füh­rungs­kom­pe­tenz oder man­geln­de Bereit­schaft, tat­säch­lich zu füh­ren. Man­che Füh­rungs­kräf­te kön­nen sich nicht durch­set­zen. Ande­re erken­nen nicht, was ihre Mit­ar­bei­ter von ihnen erwar­ten. Wie­der ande­re wol­len bestimm­te Ent­schei­dun­gen nicht tref­fen oder haben eine Vor­stel­lung von Füh­rung ent­wi­ckelt, die mit den Bedürf­nis­sen ihrer Mit­ar­bei­ter wenig zu tun hat.

Dabei ist die Fra­ge, wie viel ein Mit­ar­bei­ter selbst ent­schei­det, wie viel gemein­sam ent­schie­den wird und wel­che Ent­schei­dun­gen die Füh­rungs­kraft trifft, kei­nes­wegs tri­vi­al. Sie muss (ggf. immer wie­der) aus­ge­han­delt wer­den. Mit­ar­bei­ter wol­len Hand­lungs­spiel­räu­me, aber sie wol­len eben auch Ori­en­tie­rung. Sie wol­len betei­ligt wer­den, erwar­ten aber zugleich, dass die Füh­rungs­kraft Ent­schei­dun­gen über­nimmt, für die sie ver­ant­wort­lich ist. Wer stän­dig alles zur Dis­kus­si­on stellt, kann sei­ne Mit­ar­bei­ter damit eben­so über­for­dern wie jemand, der über­haupt kei­ne Betei­li­gung zulässt, den enga­gier­ten Teil sei­ner Mit­ar­bei­ter frustriert.

Man­che Füh­rungs­kräf­te ver­ste­hen das nicht. Sie glau­ben, dass sie schon des­halb gut füh­ren, weil sie mög­lichst wenig ent­schei­den und ihren Mit­ar­bei­tern mög­lichst viel über­las­sen. Dass die­se Mit­ar­bei­ter mit­un­ter aus­drück­lich erwar­ten, dass end­lich jemand eine Vor­ga­be macht, einen Kon­flikt löst, eine Ent­schei­dung trifft oder eine Rich­tung fest­legt, wird von ihnen über­se­hen oder ignoriert.

Die drit­te Ursa­che liegt außer­halb der eigent­li­chen Füh­rungs­tä­tig­keit. Es gibt Füh­rungs­kräf­te, die durch ande­re Din­ge so sehr bean­sprucht sind, dass ihnen für ihre Füh­rungs­auf­ga­be die Kraft fehlt. Das kön­nen pri­va­te Pro­ble­me sein, fami­liä­re Belas­tun­gen oder ande­re Vor­ha­ben, die ihre Auf­merk­sam­keit bin­den. Viel­leicht baut jemand gera­de ein Haus, beschäf­tigt sich wäh­rend der Arbeits­zeit gedank­lich vor allem mit die­sem Bau und bringt für sei­ne eigent­li­che Auf­ga­be nur noch einen Teil sei­ner Kapa­zi­tät auf. Bespre­chun­gen wer­den ver­ges­sen, Ent­schei­dun­gen ver­scho­ben und Pro­ble­me nicht mehr wahr­ge­nom­men. Die Füh­rungs­kraft ist zwar for­mal anwe­send, aber nicht wirk­lich präsent.

Aus die­ser feh­len­den Prä­senz und Auf­merk­sam­keit ent­ste­hen Fol­gen, die oft erst nach län­ge­rer Zeit sicht­bar wer­den. Ein Bei­spiel: In einem Team gibt es zwei Mit­ar­bei­te­rin­nen, die unter­schied­li­che, aber eng mit­ein­an­der ver­floch­te­ne Auf­ga­ben umsetz­ten und sich im Bedarfs­fall gegen­sei­tig ver­tre­ten. Es gibt ein bestimm­tes Mee­ting bei der Geschäfts­lei­tung, an dem je nach Bedarf die eine oder die ande­re Kol­le­gin teil­nimmt, sel­ten bei­de gemein­sam. Mit der Zeit ent­steht bei der Geschäfts­lei­tung der Ein­druck, dass sich die bei­den Kol­le­gin­nen nicht mit­ein­an­der abstim­men, weil sie ihr Auf­ga­ben­ge­biet, sei­ne Prio­ri­tä­ten usw. völ­lig unter­schied­lich dar­stel­len. Inten­si­ve­re Nach­fra­gen för­dern zuta­ge, dass sich die bei­den Kol­le­gin­nen von sich aus kaum abstim­men, und dass die Füh­rungs­kraft auch nicht dafür sorgt, dass eine sol­che Abstim­mung statt­fin­det. Es gibt kei­ne aus­rei­chen­den Bespre­chun­gen, kei­ne gemein­sa­me Ver­stän­di­gung und kei­ne Klä­rung wider­sprüch­li­cher Auf­fas­sun­gen — und das, obwohl die Geschäfts­lei­tung mehr­fach eine stär­ke­re Abstim­mung in dem Team ange­regt hatte.

Das Pro­blem lag in dem kon­kre­ten Fall nicht dar­in, dass die Mit­ar­bei­te­rin­nen inkom­pe­tent gewe­sen wären. Es lag eher dar­in, dass nie­mand dafür gesorgt hat, dass ihre Arbeit auf­ein­an­der abge­stimmt wird. Die Füh­rungs­kraft hat dar­auf ver­traut, dass sich die Din­ge schon irgend­wie regeln wer­den. Sie hat die bei­den Kol­le­gin­nen machen las­sen, ohne aus­rei­chend dafür zu sor­gen, dass aus ihren ein­zel­nen Tätig­kei­ten eine gemein­sa­me Leis­tung ent­steht. Die bei­den Kol­le­gin­nen wie­der­um waren nicht unbe­dingt „ein Herz und eine See­le“, son­dern stan­den ein klein wenig in Kon­kur­renz zuein­an­der, waren aber durch­aus in der Lage, nach ent­spre­chen­den Impul­sen enger abge­stimmt zu arbeiten.

Eine noch gra­vie­ren­de­re Fol­ge des Lais­sez-fai­re-Füh­rungs­stils betrifft die Verbindlichkeit.

Wenn eine Füh­rungs­kraft weder kon­trol­liert noch Rück­mel­dun­gen gibt, wenn sie Feh­ler nicht anspricht und Ver­säum­nis­se fol­gen­los blei­ben, ver­än­dert sich all­mäh­lich das Ver­hält­nis der Mit­ar­bei­ter zu ihren Pflich­ten. Zunächst stellt der Ein­zel­ne viel­leicht nur fest, dass es kei­nen Unter­schied macht, ob er eine Auf­ga­be ganz ordent­lich erle­digt oder nur halb­wegs. Er bekommt weder Lob noch sonst eine Rück­mel­dung. Er erlebt kein beson­de­res Inter­es­se an sei­nen Leis­tun­gen, aber auch kei­ne Reak­ti­on auf man­geln­de Leis­tun­gen. Und selbst wenn es zu gra­vie­ren­de­ren Feh­lern kommt, pas­siert irgend­wie nichts.

Dann sieht der betref­fen­de Mit­ar­bei­ter mög­li­cher­wei­se, dass Kol­le­gen ihre Auf­ga­ben eben­falls nicht ordent­lich erfül­len, ohne dass dies irgend­wel­che Kon­se­quen­zen hät­te. Feh­ler wer­den nicht aus­ge­wer­tet, Ver­säum­nis­se nicht bespro­chen und Ver­ein­ba­run­gen nicht eingefordert. 

Dabei müs­sen Feh­ler kei­nes­wegs bestraft wer­den. Im Gegen­teil: Eine Kul­tur, in der Feh­ler sofort geahn­det wer­den, ist für die Ent­wick­lung einer Orga­ni­sa­ti­on aus­ge­spro­chen pro­ble­ma­tisch. Aber wenn Feh­ler nicht ein­mal bespro­chen wer­den, wenn sich nie­mand dafür inter­es­siert, war­um etwas schief­ge­gan­gen ist und was man dar­aus ler­nen könn­te, dann ent­steht zwangs­läu­fig der Ein­druck, dass es letzt­lich gleich­gül­tig ist, wie man arbeitet.

Und wenn es gleich­gül­tig ist, war­um soll­te man sich dann noch beson­de­re Mühe geben?

Auf die­se Wei­se kann sich eine regel­rech­te Pflicht­ver­wahr­lo­sung ent­wi­ckeln. Das ist nicht unbe­dingt eine bewuss­te Pflicht­ver­wei­ge­rung. Die Mit­ar­bei­ter beschlie­ßen nicht eines Mor­gens, ihre Auf­ga­ben künf­tig nicht mehr ordent­lich zu erfül­len. Viel­mehr ent­wi­ckelt sich all­mäh­lich eine Men­ta­li­tät, in der Ver­bind­lich­keit an Bedeu­tung ver­liert. Die Arbeit wird irgend­wie erle­digt, Pro­ble­me wer­den hin­ge­nom­men und Feh­ler als Nor­ma­li­tät betrach­tet. Es gibt kei­nen Anlass, sich beson­ders anzu­stren­gen, weil es ohne­hin nie­man­den interessiert.

Aus anfäng­li­chem „Machen­las­sen“ wird lang­sam eine Alles-egal-Men­ta­li­tät. Eine Art orga­ni­sa­to­ri­scher Schlen­dri­an, in dem sich immer weni­ger Men­schen dafür ver­ant­wort­lich füh­len, ob das, was sie tun, auch tat­säch­lich zu einem ver­nünf­ti­gen Ergeb­nis führt. Im ungüns­tigs­ten Fall kön­nen sich dar­aus sogar sabo­tie­ren­de Ver­hal­tens­wei­sen ent­wi­ckeln, weil die Mit­ar­bei­ter gelernt haben, dass weder Leis­tung noch Fehl­ver­hal­ten beson­de­re Auf­merk­sam­keit erfah­ren und Kon­se­quen­zen ohne­hin aus­blei­ben. (Noch ein­mal, um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den: Mit Kon­se­quen­zen mei­ne ich nicht „Stra­fe“, son­dern die sys­te­ma­ti­sche Aus­wer­tung von Abwei­chun­gen, Feh­lern usw.) 

Das eigent­lich Bemer­kens­wer­te dar­an ist, dass sich die Hal­tung der Füh­rungs­kraft auf ihre Mit­ar­bei­ter über­trägt. Die Füh­rungs­kraft nimmt gewis­ser­ma­ßen Abstand von ihren Pflich­ten, und die Mit­ar­bei­ter begin­nen, sich eben­falls von ihren Pflich­ten zu ent­fer­nen. Die Unver­bind­lich­keit der Füh­rung erzeugt eine Unver­bind­lich­keit der Arbeit.

Des­halb hal­te ich Lais­sez-fai­re für den pro­ble­ma­tischs­ten Füh­rungs­stil. Er ver­ur­sacht mei­nes Erach­tens die höchs­ten Kos­ten für die Orga­ni­sa­ti­on, jeden­falls dann, wenn wir Kos­ten nicht nur rein betriebs­wirt­schaft­lich und kurz­fris­tig, son­dern mit­tel- bis lang­fris­tig auch im Sin­ne ver­lo­re­ner Leis­tung, feh­len­der Abstim­mung, sin­ken­der Ver­bind­lich­keit und einer all­mäh­lich ver­fal­len­den Arbeits­kul­tur ver­ste­hen, was indi­rekt auch gra­vie­ren­de betriebs­wirt­schaft­li­che Fol­gen hat. Ich habe die­se Kos­ten nicht in Euro gemes­sen, aber ich hal­te die Fol­gen für erheblich.

Ein direk­ti­ver Füh­rungs­stil kann Men­schen ein­engen, Unzu­frie­den­heit erzeu­gen und Eigen­in­itia­ti­ve unter­drü­cken. Ein stark per­so­nen­ori­en­tier­ter Füh­rungs­stil kann dazu füh­ren, dass Füh­rungs­kräf­te sich über­for­dern und Mit­ar­bei­ter ihre Frei­räu­me aus­nut­zen. Aber bei bei­den Vari­an­ten fin­det Füh­rung wenigs­tens statt. Es wer­den Erwar­tun­gen for­mu­liert, Bezie­hun­gen gestal­tet oder Ent­schei­dun­gen getrof­fen. Bei Lais­sez-fai­re dage­gen wer­den wesent­li­che Füh­rungs­auf­ga­ben über­haupt nicht mehr wahrgenommen.

In gewis­ser Wei­se fin­det sich eine ähn­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­keit auch in der Dis­kus­si­on über Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tu­ren wieder.

Grund­le­gen­de Model­le unter­schei­den vier Vari­an­ten von Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur: Unter­neh­mer­kul­tur, ratio­na­le Kul­tur, hier­ar­chi­sche Kul­tur und Team­kul­tur. Unter­neh­mer­kul­tu­ren sind stark von ihren Grün­dern oder den­je­ni­gen Per­so­nen geprägt, die ein Unter­neh­men besit­zen und füh­ren. Ratio­na­le Kul­tu­ren ori­en­tie­ren sich vor allem an Regeln, For­ma­li­en, Zustän­dig­kei­ten und sach­li­chen Anfor­de­run­gen. Hier­ar­chi­sche Kul­tu­ren sind stär­ker durch Rang­ord­nun­gen und Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se bestimmt, wäh­rend in Team­kul­tu­ren die Zusam­men­ar­beit, der zwi­schen­mensch­li­che Umgang und die Bezie­hun­gen inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on eine beson­de­re Bedeu­tung haben.

Wenn man nun die Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit, die Bin­dung an den Arbeit­ge­ber oder die wahr­ge­nom­me­ne Qua­li­tät des Umgangs mit­ein­an­der betrach­tet, kommt die Team­kul­tur ins­ge­samt am bes­ten weg. Men­schen erle­ben es als ange­nehm, wenn der Ton stimmt, sie sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen und die Zusam­men­ar­beit funk­tio­niert. Das ist zunächst wenig überraschend.

Nur ist Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit nicht das­sel­be wie Organisationsleistung.

Was die Leis­tung einer Orga­ni­sa­ti­on betrifft, kön­nen ratio­na­le Kul­tu­ren und Unter­neh­mer­kul­tu­ren mit­un­ter bes­ser abschnei­den. Eine Orga­ni­sa­ti­on, in der sich die Mit­ar­bei­ter aus­ge­spro­chen wohl­füh­len, muss des­halb noch lan­ge kei­ne beson­ders leis­tungs­fä­hi­ge Orga­ni­sa­ti­on sein. Freund­lich­keit, Har­mo­nie und ein ange­neh­mes Arbeits­kli­ma wer­den zwar gewünscht und posi­tiv bewer­tet, sie füh­ren aber nicht auto­ma­tisch zu Höchst­leis­tun­gen. Die höchs­ten Leis­tun­gen kön­nen durch­aus in Kul­tu­ren ent­ste­hen, die für die Mit­ar­bei­ter weni­ger ange­nehm sind.

Auch hier kommt es also dar­auf an, was eine Orga­ni­sa­ti­on errei­chen möch­te und unter wel­chen Bedin­gun­gen sie arbei­tet. Und auch hier hal­te ich es für pro­ble­ma­tisch, eine bestimm­te Kul­tur zum all­ge­mei­nen Ide­al zu erklären.

Gera­de in Zei­ten des Fach­kräf­te­man­gels hat sich die Auf­merk­sam­keit vie­ler Unter­neh­men stark auf die Fra­ge ver­scho­ben, wie sie für Mit­ar­bei­ter mög­lichst attrak­tiv wer­den kön­nen. Man beschäf­tigt Feel­good-Mana­ger, ent­wi­ckelt Maß­nah­men zur Mit­ar­bei­ter­bin­dung, ver­bes­sert das Arbeits­kli­ma und ver­sucht, die Wei­ter­emp­feh­lungs­be­reit­schaft zu erhö­hen. Es soll den Men­schen gut gehen, der Umgang mit­ein­an­der soll freund­lich sein, und die Mit­ar­bei­ter sol­len mög­lichst vie­le Gele­gen­hei­ten erhal­ten, sich zu entfalten.

Dahin­ter steht häu­fig die­sel­be Grund­an­nah­me wie beim trans­for­ma­tio­na­len Füh­rungs­stil: Wenn sich Men­schen wohl­füh­len, wenn sie moti­viert sind und wenn man ihnen aus­rei­chend Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten bie­tet, dann wer­den sie sich auch beson­ders für das Unter­neh­men enga­gie­ren und Höchst­leis­tun­gen erbringen.

Nur ist die­ser Zusam­men­hang kei­nes­wegs so ein­deu­tig, wie er gele­gent­lich dar­ge­stellt wird. Die empi­ri­sche Lage ist nach mei­ner Les­art wesent­lich kom­ple­xer. Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit, Bin­dung, Moti­va­ti­on und Leis­tung hän­gen mit­ein­an­der zusam­men, aber sie sind nicht iden­tisch. Ihre Bezie­hun­gen wer­den von zahl­rei­chen Fak­to­ren beein­flusst: von den Per­sön­lich­kei­ten der Betei­lig­ten, von den Arbeits­auf­ga­ben, der Bran­che, den Anfor­de­run­gen der Situa­ti­on, der Dau­er der Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit, dem psy­cho­lo­gi­schen Ver­trag und nicht zuletzt von den Erwar­tun­gen, die ein Mensch über­haupt an sei­ne Arbeit stellt.

Es ist des­halb kei­nes­wegs aus­ge­macht, dass die ange­nehms­te Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur auch die leis­tungs­fä­higs­te ist. Eben­so wenig ist aus­ge­macht, dass der­je­ni­ge Füh­rungs­stil, den Mit­ar­bei­ter am liebs­ten erle­ben, auch unter allen Bedin­gun­gen der wirk­sams­te wäre.

Viel­leicht besteht ein grund­le­gen­des Miss­ver­ständ­nis der heu­ti­gen Füh­rungs­dis­kus­si­on dar­in, dass wir die Fra­ge, wel­che Füh­rung Men­schen ange­nehm fin­den, immer häu­fi­ger mit der Fra­ge ver­wech­seln, wel­che Füh­rung ange­mes­sen ist. Natür­lich möch­ten Mit­ar­bei­ter respek­tiert, betei­ligt und unter­stützt wer­den. Natür­lich ist es ange­neh­mer, mit einer freund­li­chen, ver­ständ­nis­vol­len Füh­rungs­kraft zusam­men­zu­ar­bei­ten als mit einer, die stän­dig Anwei­sun­gen erteilt und Ent­schei­dun­gen durch­setzt. Aber Füh­rung hat nicht in ers­ter Linie die Auf­ga­be, ange­nehm zu sein. Sie hat dafür zu sor­gen, dass die Orga­ni­sa­ti­on ihren Zweck erfüllt, dass Mit­ar­bei­ter ihre Auf­ga­ben wahr­neh­men und dass Zusam­men­ar­beit funktioniert.

Dazu kann es gehö­ren, Frei­räu­me zu eröff­nen und Men­schen in ihrer Ent­wick­lung zu unter­stüt­zen. Es kann aber eben­so erfor­der­lich sein, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, Gren­zen zu set­zen, Leis­tun­gen ein­zu­for­dern und gegen Wider­stän­de zu inter­ve­nie­ren. Ent­schei­dend ist nicht, wel­chem Ide­al­bild eine Füh­rungs­kraft ent­spricht, son­dern ob sie den Anfor­de­run­gen ihrer Mit­ar­bei­ter, ihrer Auf­ga­ben und ihrer Orga­ni­sa­ti­on gerecht wird.

Und genau dar­in liegt das fun­da­men­ta­le Pro­blem des Lais­sez-fai­re-Füh­rungs­stils. Er ver­wech­selt die Abwe­sen­heit von Füh­rung mit der Gewäh­rung von Frei­heit. Er ver­wech­selt feh­len­de Kon­trol­le mit Ver­trau­en und die Ver­mei­dung von Ent­schei­dun­gen mit Betei­li­gung. Im Ergeb­nis müs­sen die Mit­ar­bei­ter nicht nur ihre eige­nen Auf­ga­ben erle­di­gen, son­dern häu­fig auch jene Füh­rungs­auf­ga­ben kom­pen­sie­ren, die ihre Vor­ge­setz­ten nicht wahrnehmen.

Die Füh­rungs­kraft mag dabei aus­ge­spro­chen freund­lich sein. Sie mag ihren Mit­ar­bei­tern viel zutrau­en, sie sel­ten kri­ti­sie­ren und ihnen kaum Vor­schrif­ten machen. Viel­leicht ist sie sogar beliebt, weil sie nie­man­den stört und nie­man­dem auf die Füße tritt. Nur macht sie damit noch lan­ge kei­ne gute Arbeit.

Man muss den auto­ri­tä­ren Füh­rungs­stil des­halb nicht reha­bi­li­tie­ren und den trans­for­ma­tio­na­len nicht ver­wer­fen. Man soll­te aber auf­hö­ren, den einen grund­sätz­lich zu ver­dam­men und den ande­ren zum Ide­al zu erklä­ren. Bei­de haben ihren Platz, bei­de haben ihre Gren­zen, und bei­de kön­nen unter bestimm­ten Bedin­gun­gen ange­mes­sen oder unan­ge­mes­sen sein.

Lais­sez-fai­re dage­gen ist in sei­ner Kon­se­quenz vor allem eines: der Ver­zicht auf Füh­rung. Und wer auf Füh­rung ver­zich­tet, obwohl er die Ver­ant­wor­tung dafür trägt, darf sich nicht wun­dern, wenn irgend­wann auch sei­ne Mit­ar­bei­ter begin­nen, auf die Wahr­neh­mung ihrer Ver­ant­wor­tung zu verzichten.

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.