Einige grundlegende Sätze über Kommunikation

Die Ursprün­ge der Kommunikation
Pri­ma­ten haben wahr­schein­lich durch ers­te Anfän­ge von Arbeits­tei­lung bzw. ers­ten Ansät­zen gemein­sam koor­di­nier­ter Hand­lun­gen Frei­räu­me geschaf­fen, durch die es zur Ent­wick­lung kom­mu­ni­ka­ti­ver Fähig­kei­ten kom­men konn­te. Indem die ers­ten Men­schen Sym­bo­le zur Abbil­dung der Rea­li­tät erfan­den, wur­de es ihnen mög­lich, nicht nur direkt auf Rei­ze zu reagie­ren (instink­ti­ves Ver­hal­ten ande­rer Säu­ge­tie­re), son­dern sich auch bei Abwe­sen­heit der Rei­ze über ver­gan­ge­ne Ereig­nis­se oder zukünf­tig viel­leicht ein­tre­ten­de Situa­tio­nen auszutauschen.
Indem ein Mensch Objek­te aus der Umwelt sprach­lich reprä­sen­tiert, kann er – gleich­sam aus der Distanz bzw. bei Nicht­an­we­sen­heit der Objek­te – ver­schie­de­ne Kon­stel­la­tio­nen und alter­na­ti­ve Hand­lungs­ab­läu­fe simu­lie­ren, das heißt, er kann den­ken. Des­halb hat Freud das mensch­li­che Den­ken als Pro­be­han­deln bezeich­net. Das mensch­li­che Den­ken ist unmit­tel­bar an die Fähig­keit zur Spra­che bzw. zur sprach­li­chen Reprä­sen­ta­ti­on von Objek­ten in der Umwelt geknüpft.
Am Anfang waren also die ers­ten Ansät­ze koor­di­nier­ter Hand­lun­gen im Ver­band (der Sip­pe o. ä.). Die­se Koor­di­na­ti­on führ­te zu eini­gen Frei­räu­men – man saß viel­leicht am Abend am Lager­feu­er und hat­te den Frei­raum, die Ereig­nis­se des Tages zu sym­bo­li­sie­ren. Auf der Grund­la­ge die­ser Sym­bo­li­sie­run­gen konn­te man nun alter­na­ti­ve Hand­lungs­ab­läu­fe durch­den­ken und neue Stra­te­gien (bspw. für die Jagd) „pla­nen“. Mit Slo­ter­di­jk (1995, S. 14ff.) kön­nen wir uns die­se Lager­feu­er­si­tua­ti­on als „psy­cho-akus­ti­sche Zau­ber­ku­gel“ vor­stel­len, aus der die mensch­li­che Fähig­keit zur Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­stan­den ist. Das Zusam­men­wir­ken von Koope­ra­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on bil­det die Vor­aus­set­zung für die Ent­ste­hung von Kul­tur, und Kul­tur wie­der­um kann als das zen­tra­le Unter­schei­dungs­merk­mal der Men­schen von ande­ren Säu­ge­tie­ren ange­se­hen wer­den (Vgl. Bischof 1991, S. 35ff.; Hall 1976, S. 15).

Wir kom­mu­ni­zie­ren auf der Grund­la­ge von Bedeutungen
Wir kön­nen zwar allein bzw. als Ein­zel­ne den­ken, aber wie wir bereits gese­hen haben, ist die Fähig­keit zu den­ken direkt an Spra­che und damit an Kom­mu­ni­ka­ti­on geknüpft; die Fähig­keit zu den­ken hat sich qua­si erst durch Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­wi­ckelt. Wenn wir den­ken, bleibt die­ser kol­lek­ti­ve Ursprung der Kom­mu­ni­ka­ti­on erhal­ten, und zwar wie folgt:
Wenn wir kom­mu­ni­zie­ren, dann geht es nicht etwa um die Din­ge selbst, son­dern um deren Sym­bo­li­sie­run­gen. Ein Ding und sein Sym­bol kön­nen weit aus­ein­an­der­lie­gen, wie schon dar­an deut­lich wird, dass ein Gegen­stand für ver­schie­de­ne Men­schen ganz unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen haben kann und ent­spre­chend anders bezeich­net wird. Man kann dies an den Pro­ble­men erken­nen, die Ange­hö­ri­ge unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen oder Bran­chen haben, ein­an­der zu ver­ste­hen. Man muss sich dann oft zunächst auf eine „gemein­sa­me Spra­che“ eini­gen. Eine Vor­aus­set­zung, dass wir ein­an­der über­haupt ver­ste­hen, ist, dass wir über ein geteil­tes Reper­toire an Bedeu­tun­gen bzw. Sym­bo­len ver­fü­gen. Wenn ich kom­mu­ni­zie­re, habe ich eine Annah­me dar­über, was der ande­re ver­steht. Ich muss also wis­sen, was der ande­re, dem ich etwas sage, über­haupt ver­ste­hen kann. Der Phi­lo­soph Geor­ge Her­bert Mead hat die­sen Vor­gang ein­mal so beschrieben:

»Was ist nun der grund­le­gen­de Mecha­nis­mus, durch den der gesell­schaft­li­che Pro­zeß ange­trie­ben wird? Es ist der Mecha­nis­mus der Ges­te, der die pas­sen­den Reak­tio­nen auf das Ver­hal­ten der ver­schie­de­nen indi­vi­du­el­len Orga­nis­men ermög­licht, die in einen sol­chen Pro­zeß ein­ge­schal­tet sind. Inner­halb jeder gesell­schaft­li­chen Hand­lung wird durch Ges­ten eine Anpas­sung der Hand­lun­gen eines Orga­nis­mus an die Tätig­keit ande­rer Orga­nis­men ver­ur­sacht. Ges­ten sind Bewe­gun­gen des ers­ten Orga­nis­mus, die als spe­zi­fi­sche Rei­ze auf den zwei­ten Orga­nis­mus wir­ken und die (gesell­schaft­lich) ange­mes­se­nen Reak­tio­nen aus­lö­sen. Die Geburt und Ent­wick­lung der mensch­li­chen Intel­li­genz spiel­te sich im Bereich der Ges­ten ab, durch den Pro­zess der Sym­bo­li­sie­rung von Erfah­run­gen, den die Ges­ten – ins­be­son­de­re voka­le Ges­ten – mög­lich mach­ten. Die Spe­zia­li­sie­rung des Men­schen auf die­sem Gebiet der Ges­ten war im End­ef­fekt ver­ant­wort­lich für die Ent­wick­lung und das Wachs­tum der gegen­wär­ti­gen mensch­li­chen Gesell­schaft und des mensch­li­chen Wis­sens mit der gan­zen Kon­trol­le über die Natur und die mensch­li­che Umwelt, wie sie durch die Wis­sen­schaft ermög­licht wird.« (Mead 1973, S. 46)

Die Vor­aus­set­zung für Kom­mu­ni­ka­ti­on: der gene­ra­li­sier­te Andere
Mei­ne Ges­ten, das, was ich etwa zei­ge oder sage, löst also bei mei­nem Gegen­über bestimm­te Reak­tio­nen aus. Wel­che Ges­ten oder Wor­te in einer Situa­ti­on ange­mes­sen sind und bestimm­te Wir­kun­gen ent­fal­ten, ist dabei in der Regel allen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mern bekannt. Das Wis­sen dar­um, was in einer Gemein­schaft kom­mu­ni­ka­tiv ange­mes­sen ist, was mög­li­che oder schick­li­che Reak­tio­nen etc. sind, ist laut Mead (1973) im „gene­ra­li­sier­ten Ande­ren“ orga­ni­siert. Ich weiß, was eine bestimm­te Aus­sa­ge bei mei­nem Gegen­über bewir­ken kann, weil ich in der Lage bin, auf der Grund­la­ge der gemein­sam geteil­ten Sym­bo­le die Rol­le des ande­ren ein­zu­neh­men. Ich kann mich fra­gen – und unbe­wusst tun wir das andau­ernd –, was mei­ne Hand­lun­gen bei mei­nem Gegen­über aus­lö­sen. Indem ich die glei­chen Bedeu­tun­gen ken­ne wie mein Gegen­über, kann ich, indem ich mich in ihn hin­ein­ver­set­ze (qua­si über den „gene­ra­li­sier­ten Ande­ren“) mei­ne eige­nen Hand­lun­gen ana­ly­sie­ren. Dadurch wer­de ich mir selbst über­haupt ver­ständ­lich. Den­ken kann ich zwar allei­ne, aber so lan­ge ich über sozia­le Din­ge nach­den­ke und spä­tes­tens sobald ich etwas sage, impli­ziert dies die (gedach­te oder rea­le) Anwe­sen­heit eines Ande­ren, in den ich mich hin­ein­ver­set­ze und über des­sen ange­nom­me­ne (und spä­ter tat­säch­li­che) Reak­tio­nen ich mei­ne eige­nen Hand­lun­gen ver­ste­hen kann. Wir haben die­sen Ande­ren soweit ver­in­ner­licht, dass er immer anwe­send ist, eben als „gene­ra­li­sier­ter Ande­rer“. Wir unter­stel­len in jedem Gespräch, dass uns unser Gegen­über jeweils ver­steht, und wir struk­tu­rie­ren unse­re Äuße­run­gen auf der Grund­la­ge unse­rer Annah­men dar­über, wie unse­re Hand­lun­gen bei ihr oder ihm ankom­men. Wir fra­gen nicht erst, was er ver­steht oder wis­sen möch­te, son­dern wir han­deln auf der Grund­la­ge unse­rer Annah­men dar­über, wie unse­re Hand­lun­gen bei ihm oder ihr ankommen.
Salopp for­mu­liert heißt das, dass wir nie allein sind. Wir haben min­des­tens den gene­ra­li­sier­ten Ande­ren immer „mit­lau­fen“. Wir schät­zen die Kon­se­quen­zen unse­rer Hand­lun­gen ein, indem wir vor­weg­neh­men, was unse­re Hand­lun­gen beim ande­ren aus­lö­sen. Wir betrach­ten unse­re eige­nen Hand­lun­gen gleich­sam durch die Bril­le unse­res Gegen­übers, indem wir ver­su­chen vor­weg­zu­neh­men, wie die oder der ande­re auf unse­re Hand­lun­gen reagie­ren wird. Das bedeu­tet auch, dass wir in der Regel nicht das sagen, was wir wirk­lich den­ken oder mei­nen. Viel­mehr drü­cken wir uns so aus, dass wir beim ande­ren das errei­chen, was wir wol­len – dass er gut über uns denkt bei­spiels­wei­se oder sich von uns über­zeu­gen lässt.

War­um es bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on auch und vor allem um den Sta­tus geht
Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner kom­mu­ni­zie­ren auf Augen­hö­he, wenn es kei­ne Sta­tus­un­ter­schie­de gibt (bei­de Sei­ten stre­ben nach Gleich­heit; Part­ner sind etwa gleich stark). Beruht die Kom­mu­ni­ka­ti­on ande­rer­seits auf einem Ungleich­heits­ver­hält­nis, nennt man sie kom­ple­men­tär (eine Sei­te hat die Ober­hand; die ande­re Sei­te ord­net sich unter; die Hand­lun­gen bei­der Sei­ten ergän­zen ein­an­der: „zu jeman­dem, der domi­niert, gehört auch immer jemand, der sich domi­nie­ren lässt“).
Die­ses Merk­mal der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, wenn es um Bezie­hun­gen – pri­va­te eben­so wie beruf­li­che – geht, das bedeut­sams­te, denn es erklärt eine gan­ze Rei­he von Stö­run­gen. Wenn sich eine Sei­te „oben“ wähnt, die ande­re Sei­te aber von Augen­hö­he aus­geht, kommt es zur Eska­la­ti­on, denn kei­ne der bei­den Sei­ten macht mit, was die ande­re Sei­te „anlei­ert“. Im Gegen­teil: bei­de Sei­ten füh­len sich jeweils nicht akzep­tiert (die Sei­te, die sich „oben“ wähnt) oder her­ab­ge­setzt (die Sei­te, die sich auf Augen­hö­he wähnt). Am deut­lichs­ten wird dies an so genann­ten „hel­fen­den Beziehungen“.
Ver­ge­gen­wär­ti­gen wir uns die Bedeut­sam­keit die­ses Merk­mals am Bei­spiel hel­fen­der Bezie­hun­gen: Hil­fe impli­ziert, dass es eine Sei­te gibt, die etwas kann oder weiß, was der ande­ren Sei­te hel­fen kann bzw. das letz­te­re nicht weiß. Die­se bei­den Rol­len füh­ren zu dem cha­rak­te­ris­ti­schen Über- bzw. Unter­ord­nungs­ver­hält­nis von Hil­fe – die­je­ni­ge Sei­te, wel­che die Hil­fe gewährt, steht, was den sozia­len Sta­tus betrifft, über der die Hil­fe emp­fan­gen­de Sei­te. Nor­ma­ler­wei­se sind Men­schen in ihren Bezie­hun­gen dar­auf aus, ihren sozia­len Sta­tus zu erhö­hen, min­des­tens jedoch zu wah­ren. Zuzu­ge­ben, dass ich Hil­fe brau­che, macht mich hin­ge­gen ver­letz­lich und zwingt mich zur Dank­bar­keit gegen­über der Per­son, die mir Hil­fe gewährt. Also ste­he ich für den Zeit­raum der Hil­fe und auch danach, was mei­nen sozia­len Sta­tus betrifft, unter der ande­ren Per­son. Genau des­halb ist es für vie­le so schwie­rig, über­haupt um Hil­fe zu bit­ten. Ande­rer­seits erklä­ren sich auch die Emo­tio­nen, die ent­ste­hen, wenn man Hil­fe gewährt, aber kei­nen Dank dafür erhal­ten hat. Des Wei­te­ren wird auch deut­lich, war­um es vie­le Men­schen als Her­ab­set­zung emp­fin­den, Hil­fe ange­bo­ten oder gar auf­ge­nö­tigt zu bekom­men, um die man nicht gebe­ten hat. Wie vie­le Eltern oder auch Vor­ge­setz­te mei­nen es nur gut, wenn sie hel­fen wol­len. Sie bie­ten Hil­fe an, und insis­tie­ren, wenn die ande­re Sei­te die Hil­fe ablehnt, weil die Hil­fe anbie­ten­de Sei­te meint, die Hil­fe­be­dürf­tig­keit sei doch offen­sicht­lich. So hilf­los jemand auch wir­ken mag – das Pro­blem gehört immer dem, der es hat, und wenn er meint, keins zu haben oder selbst damit klar­zu­kom­men, hilft es nicht, Hil­fe anzu­bie­ten, weil die Per­son, die das Ange­bot erhält, eine Sta­tus­stu­fe nach unten tre­ten und sich damit ver­letz­lich machen müss­te. Des­halb ist es so schwie­rig, Hil­fe anzu­neh­men. Es wird als Anma­ßung emp­fun­den – die Hil­fe anbie­ten­de Sei­te erhebt sich qua­si über die ande­re, ver­meint­lich hil­fe­be­dürf­ti­ge Sei­te. (Vgl. Schein 2010)
Ein Bei­spiel: Vie­le jun­ge Men­schen sind es heu­te auf­grund ihrer (zumeist part­ner­schaft­li­chen) Erzie­hung gewohnt, ande­ren Men­schen auf Augen­hö­he zu begeg­nen. Wer mit drei Jah­ren ent­schei­den konn­te, was er essen möch­te und in der Schu­le und erst recht beim Stu­di­um vie­les hin­ter­fra­gen durf­te, ja sogar soll­te, der begeg­net ande­ren Men­schen in der Regel zunächst auf Augen­hö­he. In die­sem Fall reicht es nicht, gegen­über die­sen jun­gen Men­schen Auto­ri­tät zu behaup­ten, denn damit kön­nen vie­le nichts mehr anfan­gen. Auto­ri­tät (eines Vor­ge­setz­ten oder Lehr­meis­ters) ist nicht mehr selbst­ver­ständ­lich (= nicht hin­ter­frag­bar), son­dern muss sich tat­säch­lich erar­bei­tet wer­den. Beginnt ein sol­cher jun­ger Mensch, sich im Pro­zess bewei­sen­de Auto­ri­tät zu respek­tie­ren, geht er frei­wil­lig auf der Sta­tus­lei­ter eine Stu­fe nach unten und lässt sich füh­ren, aus­bil­den und hel­fen. Die Aner­ken­nung vie­ler jun­ger Men­schen muss man sich, so para­dox das klin­gen mag, erar­bei­ten. Ande­ren­falls mag sich ein jun­ger Mensch zwar zunächst in die sta­tus­mä­ßig unter­ge­ord­ne­te Rol­le fügen. Spä­tes­tens jedoch, wenn es Pro­ble­me gibt und Druck ent­steht, ist er (wie jeder ande­re Mensch auch) kaum oder nicht mehr in der Lage, bewusst und über­legt zu han­deln, son­dern akti­viert unter Druck die in der Kind­heit erlern­ten Mus­ter, die in der Regel auf Selbst­schutz aus­ge­rich­tet sind. Wenn nun mein in der Kind­heit gelern­te Mecha­nis­mus der ist, dass ich mich im Zwei­fels­fall gegen mei­ne Eltern durch­set­zen konn­te, so wer­de ich auch bei Pro­ble­men in der Aus­bil­dung oder an mei­nem ers­ten Arbeits­platz unter ent­spre­chen­dem Druck ver­su­chen, mich durch­zu­set­zen. Das erklärt die von vie­len Aus­bil­dern, Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen und Hoch­schul­leh­rern heu­te als „Arro­ganz“ oder „über­stei­ger­tes Selbst­be­wusst­sein“ beschrie­be­nen Ver­hal­tens­wei­sen man­cher Azu­bis, Stu­den­ten, Prak­ti­kan­ten oder Berufs­an­fän­ger in pro­ble­ma­ti­schen Situa­tio­nen. Die jun­gen Leu­te wie­der­ho­len gleich­sam ihre wäh­rend der Kind­heit in der Inter­ak­ti­on mit ihren Eltern erlern­ten Muster.

Kom­mu­ni­ka­ti­on ist in der Regel auf Selbst­schutz ausgerichtet
Um zu ver­ste­hen, war­um Selbst­schutz eines der grund­le­gen­den Merk­ma­le mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, gestat­ten Sie uns eini­ge klei­ne Aus­flü­ge. Über­all, wo Men­schen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, gibt es spe­zi­fi­sche „Ver­tei­di­gungs­me­cha­nis­men“, die in der Regel zu Pro­ble­men in der Kom­mu­ni­ka­ti­on und – nach viel­fa­chen frus­trie­ren­den Erfah­run­gen – fast zwin­gend zu stra­te­gi­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on füh­ren. Die stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on soll hier nicht dis­kre­di­tiert wer­den, wird sie jedoch von der „mani­pu­lier­ten“ Sei­te bemerkt, führt dies gege­be­nen­falls zu noch mehr Ablen­kungs­ma­nö­vern und noch mehr ver­deck­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der Gegen­sei­te und damit wie­der­um auch auf unse­rer Sei­te. Dar­aus kann schnell ein eska­lie­ren­der Teu­fels­kreis wer­den. Doch dazu spä­ter noch ein­mal aus­führ­li­cher. Wie gesagt: Gestat­ten Sie uns hier zunächst eini­ge klei­ne Aus­flü­ge, die kla­re Sicht am Ende lohnt sich.

Das Ich und die Abwehrmechanismen
Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Win­ter­hoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürf­nis­se, und der Mensch ver­fügt zunächst über kei­ner­lei „Gewahr-Sein“ sei­ner selbst oder gar ande­rer Per­so­nen im Sin­ne des­sen, was als Bewusst­sein bezeich­net wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deut­lich, war­um die ers­ten – voll­stän­dig vor­sprach­li­chen und des­halb ratio­nal über­haupt nicht zugäng­li­chen – Erfah­run­gen so prä­gend sind. Wenn der Mensch sein Bedürf­nis ist, dann sind sein gan­zes Sein und sei­ne gesam­ten Erfah­run­gen zunächst von der Befrie­di­gung sei­ner Bedürf­nis­se abhän­gig. Bei Nicht­be­frie­di­gung hin­ge­gen ent­ste­hen Ängs­te von exis­ten­ti­el­lem Aus­maß. Es kann wohl als eine der Urfor­men von Angst ange­se­hen wer­den, wenn ein Säug­ling Hun­ger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfah­rung, gegen die Kin­der noch kei­ne Schutz­me­cha­nis­men haben. Die­sen ursprüng­li­chen Zustand hat Mela­nie Klein den para­no­id-schi­zo­iden Modus genannt. Die­se Bezeich­nung ist hier nicht mit den gleich­na­mi­gen Stö­rungs­be­grif­fen zu ver­wech­seln. Viel­mehr meint Klein damit die Ver­letz­bar­keit der see­li­schen Ent­wick­lung durch zu weni­ge posi­ti­ve bzw. zu vie­le nega­ti­ve Erfah­run­gen. Alle Erfah­rung in die­ser Pha­se ist vor­sprach­lich, und das Kind ver­fügt noch über kei­ner­lei Kon­zept davon, dass die Mut­ter eine ande­re Per­son ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürf­nis des Kin­des bzw. des­sen Befrie­di­gung oder Nicht-Befrie­di­gung ent­spricht der Welt des Kin­des. Das Kind ist also psy­chisch in gewis­ser Wei­se auf sich allei­ne gestellt, ist sich des­sen aller­dings nicht gewahr, denn es hat noch kei­ne kogni­ti­ve Instanz, die all dies regeln könn­te. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spek­trum zwi­schen der Befrie­di­gung von Bedürf­nis­sen und exis­ten­ti­el­len Bedro­hun­gen. Durch den Kon­takt mit der als bedroh­lich erleb­ten Welt tre­ten ers­te psy­chi­sche Dif­fe­ren­zie­run­gen auf. Indem die Psy­che ver­sucht, mit den Bedro­hun­gen umzu­ge­hen bzw. sie zu kon­trol­lie­ren, ent­wi­ckelt sich aus einem Teil des Es eine zwei­te Instanz. Das Ich tritt fort­an als Mitt­ler zwi­schen den Bedürf­nis­sen des Kin­des und der Umwelt auf. Die Her­aus­bil­dung des Ichs bil­det auch die Vor­aus­set­zung für die Kon­zep­tua­li­sie­rung des Selbst und des Ande­ren, also die Erfah­rung, dass die Mut­ter eine ande­re Per­son ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürf­nis­se des Kin­des manch­mal befrie­digt und manch­mal nicht.
Wenn (a) sich die Instanz des Ichs lang­sam vom Es dif­fe­ren­ziert und das Kind die Grund­la­gen des Ver­ständ­nis­ses ver­schie­de­ner Per­so­nen ent­wi­ckelt, und wenn (b) wäh­rend der ers­ten Pha­se (para­no­id-schi­zo­ider Grund­mo­dus) genü­gend posi­ti­ve Erfah­run­gen gesam­melt wur­den, dann besteht die Chan­ce für einen wei­te­ren wich­ti­gen Ent­wick­lungs­schritt. Die­ser Schritt besteht dar­in, die Ambi­va­lenz der Erfah­run­gen mit der Mut­ter zu bewäl­ti­gen. Mal ist die Mut­ter anwe­send und damit die Quel­le von Nähe und Bedürf­nis­be­frie­di­gung. Mal ist sie abwe­send und dadurch furcht­ein­flö­ßen­de Aus­lö­se­rin exis­ten­ti­el­ler Bedro­hun­gen. Bei­de Erfah­run­gen müs­sen in ein und der­sel­ben Per­son ver­or­tet wer­den. Wenn die­se Her­aus­for­de­rung gelingt, ist der Grund­stein für das gelegt, was als Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz bezeich­net wird – eine der zen­tra­len Funk­tio­nen des Ichs als der psy­chi­schen Instanz, die zwi­schen den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen und der Außen­welt ver­mit­telt. Mela­nie Klein hat die­se Ent­wick­lungs­stu­fe den depres­si­ven Modus genannt und damit die Fähig­keit zur Inte­gra­ti­on äußerst ambi­va­len­ter Erfah­run­gen (sowohl posi­ti­ver als auch nega­ti­ver Erleb­nis­se) in das­sel­be Kon­zept (die Per­son der Mut­ter) bezeich­net. Das Adjek­tiv „depres­siv“ hat hier wie­der­um nichts mit dem gleich­na­mi­gen Stö­rungs­bild zu tun.
Das psy­chi­sche Gesche­hen wäh­rend des ers­ten und zum Teil auch des zwei­ten Lebens­jah­res ver­läuft voll­stän­dig vor­sprach­lich. Gesche­hen in die­ser Zeit psy­chi­sche Ver­let­zun­gen, so wie­gen die­se beson­ders schwer, denn sie betref­fen die psy­chi­sche Ent­wick­lung in ihrer grund­le­gen­den Pha­se und sind spä­ter mit sprach­li­chen Mit­teln kaum bearbeitbar.
Aus den bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen wird deut­lich, wie wich­tig aus­rei­chend posi­ti­ve Erfah­run­gen eines Kin­des wäh­rend der ers­ten Lebens­jah­re sind. Aller­dings – und dies wird oft weni­ger betont – ist die Erfah­rung der eige­nen Gren­zen eben­falls von ele­men­ta­rer Bedeu­tung für die Ent­wick­lung. Die Welt des Kin­des ent­spricht, wie wir gese­hen haben, am Anfang mehr oder min­der sei­nen Bedürf­nis­sen – das Kind ist, was es bekommt. In die­ser Zeit wer­den die ers­ten Grund­la­gen für eine psy­chi­sche Dif­fe­ren­zie­rung gelegt, die in die Her­aus­bil­dung des Ichs als zwei­te psy­chi­sche Instanz neben dem Es mün­det. Ein ande­rer psy­cho­ana­ly­ti­scher Begriff für die Selbst­be­zo­gen­heit ins­be­son­de­re des ers­ten Lebens­jah­res ist der des pri­mä­ren Nar­ziss­mus‘. Der pri­mä­re Nar­ziss­mus bezeich­net die zwangs­läu­fi­ge Auf-sich-selbst-Gewor­fen­heit des Kin­des in den frü­hen Ent­wick­lungs­sta­di­en – das Kind ist gleich­sam sei­ne Welt, weil es noch über kei­ne psy­chi­schen Dif­fe­ren­zie­run­gen ver­fügt, die zwi­schen sich und ande­ren bzw. der äuße­ren Welt unter­schei­den könn­ten. Wenn nun aus­rei­chend posi­ti­ve Erfah­run­gen mög­lich sind, ver­läuft die Ent­wick­lung ohne Beein­träch­ti­gun­gen, möch­te man mei­nen. Doch dem ist nicht immer so, wie Micha­el Win­ter­hoff (2008) ein­drucks­voll dar­stellt. Über die posi­ti­ven Grund­er­fah­run­gen hin­aus sind auch Grenz­erfah­run­gen für eine gelin­gen­de psy­chi­sche Ent­wick­lung not­wen­dig. Wer­den die­se Grenz­erfah­run­gen im Sin­ne all­ge­mein gül­ti­ger Regeln bzw. des­sen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, ver­bleibt das Kind im Zustand des pri­mä­ren Nar­ziss­mus. Dies äußert sich, indem ande­re Men­schen nicht als eigen­stän­di­ge Wesen, son­dern als Teil der eige­nen Welt betrach­tet wer­den. Ursa­che dafür ist der feh­len­de Ent­wick­lungs­schritt, über die Inte­gra­ti­on von ambi­va­len­ten Erfah­run­gen – zunächst mit der Mut­ter und dann mit ande­ren Men­schen – Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz zu erler­nen. Wer­den dem Kind kei­ne Gren­zen gesetzt, kann es kei­ne oder zu weni­ge der besag­ten ambi­va­len­ten Erfah­run­gen machen, und die Inte­gra­ti­on der Ambi­va­lenz in ein Kon­zept („Die Mut­ter ist manch­mal da, dann ist alles gut. Aber manch­mal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotz­dem die­sel­be Per­son, die mich liebt und die ich lie­be.“) kann nicht erreicht wer­den. Nach Win­ter­hoff (2008) kann sol­che eine fehl­ge­hen­de Ent­wick­lung in die Unfä­hig­keit, ande­re Men­schen als selbst­stän­di­ge, gleich­be­rech­tig­te Wesen zu behan­deln, mün­den. Ande­re Per­so­nen wer­den dann behan­delt, als sei­en sie Teil der eige­nen Welt. Eine Ten­denz zur Unfä­hig­keit sich unter­zu­ord­nen und ein gering aus­ge­präg­tes Durch­hal­te­ver­mö­gen auf­grund feh­len­der Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz sind dann ent­spre­chen­de Folgen.
Das Bei­spiel des Ver­blei­bens im pri­mä­ren Nar­ziss­mus ver­weist auf einen wei­te­ren wich­ti­gen psy­chi­schen Ent­wick­lungs­schritt. Der zuneh­men­de Kon­takt mit der Umwelt führt immer wie­der zu Kon­flik­ten zwi­schen den Impul­sen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfah­run­gen mit die­sen Kon­flik­ten füh­ren mit der Zeit (etwa zwi­schen dem zwei­ten und drit­ten Lebens­jahr) zu einer wei­te­ren Dif­fe­ren­zie­rung des psy­chi­schen Appa­rats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Ver­bo­te, der Moral und der gesell­schaft­li­chen Nor­men aus dem Ich her­vor. Nach der Vor­stel­lung Freuds übt das Über-Ich dau­ernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kon­trol­le zu halten.
Das Es löst nach der psy­cho­ana­ly­ti­schen Vor­stel­lung mehr oder min­der dau­ernd Kon­flik­te aus, und zwar in zwei­er­lei Hin­sicht. Zunächst rich­ten sich die Impul­se auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpas­sungs­in­stanz die Auf­ga­be, zwi­schen den Impul­sen des Es und der – ggf. bedroh­li­chen – Umwelt zu „ver­mit­teln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine wei­te­re psy­chi­sche Instanz her­vor, die dem Ich bei der Anpas­sungs­leis­tung mit Regeln und Nor­men behilf­lich ist: Im Über-Ich wer­den die nor­mie­ren­den Ein­flüs­se von Eltern, Erzie­hern und Gesell­schaft wirk­sam. Dem Ich obliegt nun die immense Auf­ga­be, die Bedro­hun­gen der Umwelt, die Impul­se des Es und den Druck des Über-Ichs zu inte­grie­ren. Zum Umgang mit die­sen in ihrem Aus­maß angst­aus­lö­sen­den Impul­sen bzw. zur Reduk­ti­on des durch die Gegen­sätz­lich­keit der Anfor­de­run­gen ent­ste­hen­den Drucks ent­wi­ckelt das Ich Abwehr­me­cha­nis­men, die ver­hin­dern, dass das gan­ze ambi­va­len­te Aus­maß der Impul­se bewusst wird. Abwehr­me­cha­nis­men sind dem­nach im posi­ti­ven Sin­ne als Anpas­sun­gen an die Rea­li­tät zu ver­ste­hen. So macht ein Kind bspw. mehr­fach die Erfah­rung der Ableh­nung und wird dar­auf­hin schritt­wei­se Mecha­nis­men ent­wi­ckeln, sich fort­an anders zu ver­hal­ten. Der wohl bekann­tes­te Abwehr­me­cha­nis­mus ist die Ver­drän­gung – „was zu gro­ße Angst aus­löst, fin­det fort­an nicht mehr statt“, zumin­dest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furcht­erre­gen­de Fak­to­ren der Rea­li­tät, indem angst­aus­lö­sen­de Ele­men­te gleich­sam aus dem bewuss­ten Abbild der Wirk­lich­keit ent­fernt und ins Unbe­wuss­te ver­drängt wer­den, als auch auf die­je­ni­gen Impul­se des Es, die zu star­ken Kon­flik­ten füh­ren – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu ver­drän­gen, die Mut­ter zu has­sen, um wie­der Zunei­gung zu erfahren.

Ver­drän­gung: Auf der Grund­la­ge unan­ge­neh­mer oder sogar schmerz­haf­ter Erfah­run­gen lernt ein Mensch, Vor­stel­lun­gen, die ent­we­der mit einem bestimm­ten, in der betref­fen­den Situa­ti­on nicht aus­leb­ba­ren Bedürf­nis ver­bun­den sind oder die mit mora­li­schen Maß­ga­ben in Kon­flikt ste­hen, ins Unbe­wuss­te zu ver­drän­gen. Da die Vor­stel­lun­gen und Impul­se dadurch jedoch nicht ein­fach ver­schwin­den, ist immer ein gewis­ser Auf­wand an psy­chi­scher Ener­gie not­wen­dig, die Ver­drän­gung auf­recht zu erhalten.

Pro­jek­ti­on: Der Abwehr­me­cha­nis­mus der Pro­jek­ti­on bewirkt, dass eine Per­son Emp­fin­dun­gen und Wün­sche, die sie an sich selbst uner­träg­lich fin­det, zunächst leug­net. Bis hier­her ähnelt der Vor­gang der Ver­drän­gung. Das Spe­zi­fi­sche an der Pro­jek­ti­on ist, dass die (im Unbe­wuss­ten wirk­sam blei­ben­den) Gefüh­le und Impul­se unbe­wusst einer ande­ren Per­son zuge­schrie­ben wer­den. Bei­na­he klas­si­sche Bei­spie­le sind beson­ders domi­nan­te Men­schen, die ihre eige­ne Aggres­si­vi­tät leug­nen und dafür ande­re Men­schen als beson­ders domi­nant und aggres­siv kri­ti­sie­ren. Den Mecha­nis­mus der Pro­jek­ti­on gibt es auch in umge­kehr­ter Rich­tung (Intro­jek­ti­on), indem sich eine Per­son, um bestimm­te Situa­tio­nen zu bewäl­ti­gen, Gefüh­le und Ver­hal­tens­wei­sen ande­rer Per­so­nen in sich hin­ein­pro­ji­ziert und so emp­fin­det und han­delt, wie die ande­re Per­son ver­meint­lich emp­fun­den und gehan­delt hätte.

Sub­li­mie­rung: Man­che Impul­se kön­nen aus mora­li­schen (ethi­sche Ver­bo­te, gesell­schaft­li­che Nor­men oder Tra­di­tio­nen) oder sozia­len (bspw. wenn Ableh­nung oder gar Aus­schluss dro­hen) Grün­den nicht aus­ge­lebt wer­den. Gibt man die­sen Impul­sen hin­ge­gen ein sozi­al akzep­tier­tes Ziel, wird es mög­lich, die­sen Wün­schen den­noch nach­zu­ge­ben – bspw. in dem man sie mit einer beruf­li­chen Rol­le „umhüllt“. Die klas­si­sche Vari­an­te: Sadis­mus „läßt sich zum Bei­spiel in Beru­fen wie Metz­ger, Chir­urg oder Poli­zist abre­agie­ren“ (Muc­chiel­li 1980, S. 14).

Ver­schie­bung: Man­che Impul­se kön­nen gegen­über bestimm­ten „Objek­ten“ – zumeist Per­so­nen, es kann sich aber auch um Insti­tu­tio­nen oder Grup­pen oder Objek­te aus ande­ren Kate­go­rien han­deln – nicht rea­li­siert wer­den – ggf. weil dies nach­tei­li­ge Kon­se­quen­zen für die betref­fen­de Per­son hät­te. Die mit dem betref­fen­den Objekt ver­bun­de­nen Affek­te und Hand­lungs­im­pul­se wer­den von die­sem Objekt gelöst und auf ein ande­res über­tra­gen. So kann es bspw. sein, dass ein Mit­ar­bei­ter wütend über einen Kol­le­gen ist. Der betref­fen­de Kol­le­ge wird aber vom Team sehr geschätzt. Ihn anzu­grei­fen hät­te also ggf. nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Stand des Mit­ar­bei­ters. Die­ser nun „ver­schiebt“ sei­ne Wut auf einen ande­ren Kol­le­gen, den zu beschul­di­gen im Kreis der Kol­le­gen ohne Gefahr für den eige­nen Sta­tus mög­lich ist. Die­se Per­son dient nun als Sün­den­bock. Der Abwehr­me­cha­nis­mus der Ver­schie­bung funk­tio­niert nicht nur mit aggres­si­ven Affek­ten, son­dern auch mit Angst, etwa indem die Angst vor einem Vor­ge­setz­ten auf eine ande­re Per­son oder die Angst vor einem Fami­li­en­mit­glied auf eine bestimm­te Klas­se von Objek­ten (bspw. alle Tie­re, die ein Fell haben) über­tra­gen wird. Ist die Angst­über­tra­gung beson­ders mani­fest, spricht man auch von „pho­bi­scher Fixierung“.

Von erfolg­rei­cher Pro­blem­lö­sung zu unbe­wuss­ten Handlungsmustern
Im Lau­fe ihrer Ent­wick­lung – wäh­rend der Kind­heit und des Her­an­wach­sens und wäh­rend der ers­ten beruf­li­chen Lern­pro­zes­se – sind Men­schen mit einer Viel­zahl von Pro­ble­men kon­fron­tiert, die sie lösen müs­sen. Aus den ers­ten Ver­su­chen der Pro­blem­lö­sung bil­den sich lang­sam Mus­ter her­aus, wie ein Mensch an die ihm gestell­ten Auf­ga­ben her­an­geht. Die erfolg­rei­chen Mus­ter – zu denen auch Abwehr­me­cha­nis­men gehö­ren – fes­ti­gen sich mit der Zeit und geben der betref­fen­den Per­son ein Gefühl von Sicher­heit in Bezug auf kom­men­de Her­aus­for­de­run­gen. Es liegt in der Natur des Men­schen, nicht an jede neue beruf­li­che Situa­ti­on oder jede neue Bezie­hung – sei es Freund­schaft oder Lie­be – auch neu her­an­zu­ge­hen. Viel­mehr greift man auf das bereits erlern­te Reper­toire an Hand­lungs­stra­te­gien zurück. Vie­les in die­sem Reper­toire fes­tigt sich mit den Jah­ren soweit, dass es nicht mehr in Fra­ge gestellt wird. Aus erfolg­rei­chen Hand­lungs­stra­te­gien wer­den habitu­ier­te – und damit weni­ger bewuss­te Hand­lungs­stra­te­gien. Kommt es nun zu einer Situa­ti­on des Wan­dels und damit zu neu­en Her­aus­for­de­run­gen, so wer­den Men­schen zunächst auf ihre geläu­fi­gen Hand­lungs­wei­sen zurück­grei­fen und die­je­ni­gen Aspek­te der Her­aus­for­de­rung, die tat­säch­lich neu sind, aus­blen­den bzw. ver­mei­den. Der Anreiz für ein der­ar­ti­ges Ver­mei­dungs­ver­hal­ten liegt in der Redu­zie­rung von Angst, die durch neue Situa­tio­nen zwangs­läu­fig aus­ge­löst wird. Wider­stän­de bei Ver­än­de­run­gen haben also eine Schutz­funk­ti­on – indem man die ver­meint­li­chen Risi­ken der Ver­än­de­rung aus­blen­det, lebt man angstfreier.

Die Kon­for­mi­sie­rung der Kom­mu­ni­ka­ti­on in Gruppen
Die Zuge­hö­rig­keit zu Grup­pen erscheint als ein para­do­xes Phä­no­men: Auf der einen Sei­te ste­hen das Zuge­hö­rig­keits­mo­tiv des Indi­vi­du­ums und die gene­rel­le Ver­hei­ßung von Grup­pen, für bestimm­te Bedürf­nis­se des Indi­vi­du­ums zu sor­gen. Grup­pen gehö­ren zu den urtüm­lichs­ten und unab­ding­bars­ten Erschei­nungs­for­men mensch­li­chen Lebens, was ins­be­son­de­re dar­an deut­lich wird, dass jeder Mensch (a) stän­dig in Bezie­hung mit Grup­pen steht und (b) die Ein­stel­lun­gen die­ser Grup­pen ihm gegen­über – zumeist mehr unbe­wusst als bewusst – ein­schätzt. Ande­rer­seits wei­sen Grup­pen ein star­kes Eigen­le­ben auf, was sich dadurch äußert, dass Grup­pen vor allem dazu ten­die­ren, sich selbst zu erhal­ten. Die­se Selbst­er­hal­tung geht aller­dings zu Las­ten der indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se der Grup­pen­mit­glie­der. Inso­fern ste­hen indi­vi­du­el­le Inter­es­sen (Zuge­hö­rig­keit, Bedürf­nis­be­frie­di­gung) und Grup­pen­be­lan­ge (mög­lichst span­nungs­frei­er Selbst­er­halt, Ver­mei­dung von Ver­än­de­run­gen) im Gegen­satz zuein­an­der. Es ist das Wesen von Grup­pen, eini­ge Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen und ande­re nicht, wor­in der spe­zi­fisch „kon­ser­va­ti­ve“ Cha­rak­ter (Lazar 2004) des Phä­no­mens Grup­pe liegt. Der kol­lek­tiv nor­mie­ren­de und das Indi­vi­du­um zur Anpas­sung zwin­gen­de Cha­rak­ter wird beson­ders am Begriff der Grup­pen­men­ta­li­tät deut­lich. Dem­nach ver­hin­dern Grup­pen das dif­fe­ren­zier­te Den­ken ein­zel­ner Per­so­nen (und damit auch das Ler­nen von Indi­vi­du­en aus den Bezie­hun­gen zur Grup­pe) durch eine spe­zi­fi­sche Form anony­men Drucks. Man­che Äuße­run­gen kön­nen offen vor­ge­bracht wer­den, ande­re wer­den ver­deckt geäu­ßert. Es ent­ste­hen plötz­lich Stim­mun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen, die nicht direkt ein­zel­nen Per­so­nen zuge­ord­net wer­den kön­nen. Auf die­ser anony­men Ebe­ne der Grup­pen­men­ta­li­tät fin­det die Selbst­er­hal­tung von Grup­pen statt: Das Den­ken des Ein­zel­nen tritt hin­ter das genorm­te Den­ken der „Grup­pe als Gan­zes“ zurück. Dabei ist die Akzep­tanz der Grup­pen­men­ta­li­tät durch das Indi­vi­du­um impli­zi­ter Natur – man trägt ja anonym und groß­teils unbe­wusst zur Grup­pen­men­ta­li­tät bei. Expli­zit danach gefragt, wer­den Men­schen meist behaup­ten, die Grup­pe habe kei­nen oder allen­falls einen sehr gerin­gen Ein­fluss auf ihr Den­ken. (Vgl. Bion 2001, S. 31ff.; Lazar 2004, S. 48ff.)
Grup­pen kön­nen als mensch­heits­ge­schicht­lich sehr alte For­men der Daseins­vor­sor­ge ver­stan­den wer­den. Kom­men Men­schen zu einer Grup­pe oder einem Team zusam­men, bil­den sich sehr schnell (oft unaus­ge­spro­che­ne) Grup­pen­re­geln. Die Belan­ge der Grup­pe wer­den wich­ti­ger als die des ein­zel­nen Grup­pen­mit­glieds. Prak­tisch bedeu­tet das, dass Grup­pen die Akti­vi­tä­ten Ein­zel­ner nur dann beloh­nen, wenn sie der Grup­pe als Gan­zer nut­zen. Die Bedürf­nis­se nach Wert­schät­zung und Sta­tus der ein­zel­nen Grup­pen­mit­glie­der wer­den also nur dann befrie­digt, wenn die­se sich der Grup­pen­men­ta­li­tät fügen, was auf Dau­er zu einer – psy­cho­lo­gisch gespro­chen – Ver­en­gung des Fokus der Grup­pe füh­ren kann. Prak­tisch heißt das, dass in Grup­pen nicht mehr alles sag­bar ist, son­dern sich eine unbe­wuss­te Selbst­zen­sur der Grup­pen­mit­glie­der ent­wi­ckelt. Damit sind eine Rei­he von die Viel­falt der ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen und zum Aus­druck gebrach­ten Mei­nun­gen ein­schrän­ken­den Effek­ten ver­bun­den, deren bekann­tes­ter das so genann­te „Grup­pen­den­ken“ ist.
Falls Sie ein Team über­neh­men, dass Ihnen, aus wel­chen Grün­den auch immer, zunächst feind­lich gegen­über­steht, wer­den Sie die­sen Grup­pen­druck zunächst als Wider­stand zu spü­ren bekom­men. Mit Wider­stand kön­nen Sie dann nicht anders umge­hen, als ihn zu akzep­tie­ren. Ober­hand­tech­ni­ken oder Dro­hun­gen wür­den das Pro­blem nur ver­schär­fen. Die betref­fen­den Men­schen sind dann durch Fra­gen und Dia­log lang­sam in einen Ver­än­de­rungs- und Erkennt­nis­pro­zess zu zie­hen. Das kann zunächst dau­ern. Ande­rer­seits führt es in der Regel zu einer Ver­stär­kung der Ableh­nung, wenn man ver­sucht, dem Wider­stand mit eige­nen Argu­men­ten ent­ge­gen­zu­tre­ten (etwa: „Was Sie da sagen, ist ein Gerücht. Das stimmt nicht. Es ist so und so.“; bes­ser funk­tio­niert: „Ich ver­ste­he Ihre Beden­ken, und auch wenn nicht alles ganz genau stim­men mag, was Sie gesagt haben, möch­te ich Sie ein­la­den, sich selbst ein Bild zu machen.“). Die bes­te Stra­te­gie, die star­re Homo­ge­ni­tät von Grup­pen­mei­nun­gen zu ver­än­dern, ist das geziel­te Erfra­gen und För­dern von Min­der­hei­ten­mei­nun­gen. Wenn Sie Beob­ach­tun­gen anstel­len und fra­gen, wer­den Sie bemer­ken, dass die Land­schaft in einem kei­nes­wegs so homo­gen ist, wie es Ihnen zunächst vor­ge­kom­men sein mag. Ein Rat an Team­lei­ter: Küm­mern Sie sich um Min­der­hei­ten! Sie sichern die Mei­nungs­viel­falt – auch wenn die Min­der­hei­ten­mei­nung in der Sache sogar „falsch“ sein soll­te. Psy­cho­lo­gi­sche Expe­ri­men­te haben ein­drucks­voll gezeigt, dass die aller­meis­ten Men­schen – wir reden von rund 90 Pro­zent – vor anony­mem Grup­pen­druck kapi­tu­lie­ren. Gibt es aber bereits eine Min­der­heit, steigt die Wahr­schein­lich­keit enorm, dass Ein­zel­ne eine von der Grup­pen­mei­nung abwei­chen­de Sicht vor­tra­gen. Wich­tig dabei ist nur die Exis­tenz einer Min­der­heit, unab­hän­gig davon, wie objek­tiv kom­pe­tent oder inkom­pe­tent (bis hin zu offen­sicht­lich falsch) der Stand­punkt der Min­der­heit ist. Schlie­ßen Sie also Bünd­nis­se mit den­je­ni­gen, die offen für Ver­än­de­run­gen sind, aber auch mit allen ande­ren, die nach „Min­der­heit“ aus­se­hen. Das hilft Ihnen, im Bedarfs­fall den Lern­pro­zess schnel­ler vor­an­zu­brin­gen. Ein gro­ßer Teil der prak­ti­schen Arbeit in Tea­ment­wick­lun­gen besteht im (Wieder-)Herstellen von Mei­nungs­viel­falt und im Ermu­ti­gen von Min­der­hei­ten. Für die betrof­fe­nen Akteu­re ist es eine har­te Erfah­rung – für die Per­so­nen mit abwei­chen­den Mei­nun­gen ist es alles ande­re als ein­fach, ange­fein­det zu wer­den, und für die Grup­pen­mit­glie­der ist es schmerz­haft, die Erfah­rung zu machen, dass sie die Anony­mi­tät und Sicher­heit der Grup­pe einer wirk­lich offe­nen Suche nach Lösun­gen vor­zie­hen. Schaf­fen die Betei­lig­ten die­se Hür­de, fin­den sie fort­an zu bes­se­ren Ent­schei­dun­gen und kön­nen aus Erfah­run­gen lernen.

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.