Einige grundlegende Sätze über Kommunikation

Die Ursprün­ge der Kom­mu­ni­ka­ti­on
Pri­ma­ten haben wahr­schein­lich durch ers­te Anfän­ge von Arbeits­tei­lung bzw. ers­ten Ansät­zen gemein­sam koor­di­nier­ter Hand­lun­gen Frei­räu­me geschaf­fen, durch die es zur Ent­wick­lung kom­mu­ni­ka­ti­ver Fähig­kei­ten kom­men konn­te. Indem die ers­ten Men­schen Sym­bo­le zur Abbil­dung der Rea­li­tät erfan­den, wur­de es ihnen mög­lich, nicht nur direkt auf Rei­ze zu reagie­ren (instink­ti­ves Ver­hal­ten ande­rer Säu­ge­tie­re), son­dern sich auch bei Abwe­sen­heit der Rei­ze über ver­gan­ge­ne Ereig­nis­se oder zukünf­tig viel­leicht ein­tre­ten­de Situa­tio­nen aus­zu­tau­schen.
Indem ein Mensch Objek­te aus der Umwelt sprach­lich reprä­sen­tiert, kann er – gleich­sam aus der Distanz bzw. bei Nicht­an­we­sen­heit der Objek­te – ver­schie­de­ne Kon­stel­la­tio­nen und alter­na­ti­ve Hand­lungs­ab­läu­fe simu­lie­ren, das heißt, er kann den­ken. Des­halb hat Freud das mensch­li­che Den­ken als Pro­be­han­deln bezeich­net. Das mensch­li­che Den­ken ist unmit­tel­bar an die Fähig­keit zur Spra­che bzw. zur sprach­li­chen Reprä­sen­ta­ti­on von Objek­ten in der Umwelt geknüpft.
Am Anfang waren also die ers­ten Ansät­ze koor­di­nier­ter Hand­lun­gen im Ver­band (der Sip­pe o. ä.). Die­se Koor­di­na­ti­on führ­te zu eini­gen Frei­räu­men – man saß viel­leicht am Abend am Lager­feu­er und hat­te den Frei­raum, die Ereig­nis­se des Tages zu sym­bo­li­sie­ren. Auf der Grund­la­ge die­ser Sym­bo­li­sie­run­gen konn­te man nun alter­na­ti­ve Hand­lungs­ab­läu­fe durch­den­ken und neue Stra­te­gi­en (bspw. für die Jagd) „pla­nen“. Mit Slo­ter­di­jk (1995, S. 14ff.) kön­nen wir uns die­se Lager­feu­er­si­tua­ti­on als „psy­cho-akus­ti­sche Zau­ber­ku­gel“ vor­stel­len, aus der die mensch­li­che Fähig­keit zur Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­stan­den ist. Das Zusam­men­wir­ken von Koope­ra­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on bil­det die Vor­aus­set­zung für die Ent­ste­hung von Kul­tur, und Kul­tur wie­der­um kann als das zen­tra­le Unter­schei­dungs­merk­mal der Men­schen von ande­ren Säu­ge­tie­ren ange­se­hen wer­den (Vgl. Bischof 1991, S. 35ff.; Hall 1976, S. 15).

Wir kom­mu­ni­zie­ren auf der Grund­la­ge von Bedeu­tun­gen
Wir kön­nen zwar allein bzw. als Ein­zel­ne den­ken, aber wie wir bereits gese­hen haben, ist die Fähig­keit zu den­ken direkt an Spra­che und damit an Kom­mu­ni­ka­ti­on geknüpft; die Fähig­keit zu den­ken hat sich qua­si erst durch Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­wi­ckelt. Wenn wir den­ken, bleibt die­ser kol­lek­ti­ve Ursprung der Kom­mu­ni­ka­ti­on erhal­ten, und zwar wie folgt:
Wenn wir kom­mu­ni­zie­ren, dann geht es nicht etwa um die Din­ge selbst, son­dern um deren Sym­bo­li­sie­run­gen. Ein Ding und sein Sym­bol kön­nen weit aus­ein­an­der­lie­gen, wie schon dar­an deut­lich wird, dass ein Gegen­stand für ver­schie­de­ne Men­schen ganz unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen haben kann und ent­spre­chend anders bezeich­net wird. Man kann dies an den Pro­ble­men erken­nen, die Ange­hö­ri­ge unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen oder Bran­chen haben, ein­an­der zu ver­ste­hen. Man muss sich dann oft zunächst auf eine „gemein­sa­me Spra­che“ eini­gen. Eine Vor­aus­set­zung, dass wir ein­an­der über­haupt ver­ste­hen, ist, dass wir über ein geteil­tes Reper­toire an Bedeu­tun­gen bzw. Sym­bo­len ver­fü­gen. Wenn ich kom­mu­ni­zie­re, habe ich eine Annah­me dar­über, was der ande­re ver­steht. Ich muss also wis­sen, was der ande­re, dem ich etwas sage, über­haupt ver­ste­hen kann. Der Phi­lo­soph Geor­ge Her­bert Mead hat die­sen Vor­gang ein­mal so beschrie­ben:

»Was ist nun der grund­le­gen­de Mecha­nis­mus, durch den der gesell­schaft­li­che Pro­zeß ange­trie­ben wird? Es ist der Mecha­nis­mus der Ges­te, der die pas­sen­den Reak­tio­nen auf das Ver­hal­ten der ver­schie­de­nen indi­vi­du­el­len Orga­nis­men ermög­licht, die in einen sol­chen Pro­zeß ein­ge­schal­tet sind. Inner­halb jeder gesell­schaft­li­chen Hand­lung wird durch Ges­ten eine Anpas­sung der Hand­lun­gen eines Orga­nis­mus an die Tätig­keit ande­rer Orga­nis­men ver­ur­sacht. Ges­ten sind Bewe­gun­gen des ers­ten Orga­nis­mus, die als spe­zi­fi­sche Rei­ze auf den zwei­ten Orga­nis­mus wir­ken und die (gesell­schaft­lich) ange­mes­se­nen Reak­tio­nen aus­lö­sen. Die Geburt und Ent­wick­lung der mensch­li­chen Intel­li­genz spiel­te sich im Bereich der Ges­ten ab, durch den Pro­zess der Sym­bo­li­sie­rung von Erfah­run­gen, den die Ges­ten – ins­be­son­de­re voka­le Ges­ten – mög­lich mach­ten. Die Spe­zia­li­sie­rung des Men­schen auf die­sem Gebiet der Ges­ten war im End­ef­fekt ver­ant­wort­lich für die Ent­wick­lung und das Wachs­tum der gegen­wär­ti­gen mensch­li­chen Gesell­schaft und des mensch­li­chen Wis­sens mit der gan­zen Kon­trol­le über die Natur und die mensch­li­che Umwelt, wie sie durch die Wis­sen­schaft ermög­licht wird.« (Mead 1973, S. 46)

Die Vor­aus­set­zung für Kom­mu­ni­ka­ti­on: der gene­ra­li­sier­te Ande­re
Mei­ne Ges­ten, das, was ich etwa zei­ge oder sage, löst also bei mei­nem Gegen­über bestimm­te Reak­tio­nen aus. Wel­che Ges­ten oder Wor­te in einer Situa­ti­on ange­mes­sen sind und bestimm­te Wir­kun­gen ent­fal­ten, ist dabei in der Regel allen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mern bekannt. Das Wis­sen dar­um, was in einer Gemein­schaft kom­mu­ni­ka­tiv ange­mes­sen ist, was mög­li­che oder schick­li­che Reak­tio­nen etc. sind, ist laut Mead (1973) im „gene­ra­li­sier­ten Ande­ren“ orga­ni­siert. Ich weiß, was eine bestimm­te Aus­sa­ge bei mei­nem Gegen­über bewir­ken kann, weil ich in der Lage bin, auf der Grund­la­ge der gemein­sam geteil­ten Sym­bo­le die Rol­le des ande­ren ein­zu­neh­men. Ich kann mich fra­gen – und unbe­wusst tun wir das andau­ernd –, was mei­ne Hand­lun­gen bei mei­nem Gegen­über aus­lö­sen. Indem ich die glei­chen Bedeu­tun­gen ken­ne wie mein Gegen­über, kann ich, indem ich mich in ihn hin­ein­ver­set­ze (qua­si über den „gene­ra­li­sier­ten Ande­ren“) mei­ne eige­nen Hand­lun­gen ana­ly­sie­ren. Dadurch wer­de ich mir selbst über­haupt ver­ständ­lich. Den­ken kann ich zwar allei­ne, aber so lan­ge ich über sozia­le Din­ge nach­den­ke und spä­tes­tens sobald ich etwas sage, impli­ziert dies die (gedach­te oder rea­le) Anwe­sen­heit eines Ande­ren, in den ich mich hin­ein­ver­set­ze und über des­sen ange­nom­me­ne (und spä­ter tat­säch­li­che) Reak­tio­nen ich mei­ne eige­nen Hand­lun­gen ver­ste­hen kann. Wir haben die­sen Ande­ren soweit ver­in­ner­licht, dass er immer anwe­send ist, eben als „gene­ra­li­sier­ter Ande­rer“. Wir unter­stel­len in jedem Gespräch, dass uns unser Gegen­über jeweils ver­steht, und wir struk­tu­rie­ren unse­re Äuße­run­gen auf der Grund­la­ge unse­rer Annah­men dar­über, wie unse­re Hand­lun­gen bei ihr oder ihm ankom­men. Wir fra­gen nicht erst, was er ver­steht oder wis­sen möch­te, son­dern wir han­deln auf der Grund­la­ge unse­rer Annah­men dar­über, wie unse­re Hand­lun­gen bei ihm oder ihr ankom­men.
Salopp for­mu­liert heißt das, dass wir nie allein sind. Wir haben min­des­tens den gene­ra­li­sier­ten Ande­ren immer „mit­lau­fen“. Wir schät­zen die Kon­se­quen­zen unse­rer Hand­lun­gen ein, indem wir vor­weg­neh­men, was unse­re Hand­lun­gen beim ande­ren aus­lö­sen. Wir betrach­ten unse­re eige­nen Hand­lun­gen gleich­sam durch die Bril­le unse­res Gegen­übers, indem wir ver­su­chen vor­weg­zu­neh­men, wie die oder der ande­re auf unse­re Hand­lun­gen reagie­ren wird. Das bedeu­tet auch, dass wir in der Regel nicht das sagen, was wir wirk­lich den­ken oder mei­nen. Viel­mehr drü­cken wir uns so aus, dass wir beim ande­ren das errei­chen, was wir wol­len – dass er gut über uns denkt bei­spiels­wei­se oder sich von uns über­zeu­gen lässt.

War­um es bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on auch und vor allem um den Sta­tus geht
Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner kom­mu­ni­zie­ren auf Augen­hö­he, wenn es kei­ne Sta­tus­un­ter­schie­de gibt (bei­de Sei­ten stre­ben nach Gleich­heit; Part­ner sind etwa gleich stark). Beruht die Kom­mu­ni­ka­ti­on ande­rer­seits auf einem Ungleich­heits­ver­hält­nis, nennt man sie kom­ple­men­tär (eine Sei­te hat die Ober­hand; die ande­re Sei­te ord­net sich unter; die Hand­lun­gen bei­der Sei­ten ergän­zen ein­an­der: „zu jeman­dem, der domi­niert, gehört auch immer jemand, der sich domi­nie­ren lässt“).
Die­ses Merk­mal der mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, wenn es um Bezie­hun­gen – pri­va­te eben­so wie beruf­li­che – geht, das bedeut­sams­te, denn es erklärt eine gan­ze Rei­he von Stö­run­gen. Wenn sich eine Sei­te „oben“ wähnt, die ande­re Sei­te aber von Augen­hö­he aus­geht, kommt es zur Eska­la­ti­on, denn kei­ne der bei­den Sei­ten macht mit, was die ande­re Sei­te „anlei­ert“. Im Gegen­teil: bei­de Sei­ten füh­len sich jeweils nicht akzep­tiert (die Sei­te, die sich „oben“ wähnt) oder her­ab­ge­setzt (die Sei­te, die sich auf Augen­hö­he wähnt). Am deut­lichs­ten wird dies an so genann­ten „hel­fen­den Bezie­hun­gen“.
Ver­ge­gen­wär­ti­gen wir uns die Bedeut­sam­keit die­ses Merk­mals am Bei­spiel hel­fen­der Bezie­hun­gen: Hil­fe impli­ziert, dass es eine Sei­te gibt, die etwas kann oder weiß, was der ande­ren Sei­te hel­fen kann bzw. das letz­te­re nicht weiß. Die­se bei­den Rol­len füh­ren zu dem cha­rak­te­ris­ti­schen Über- bzw. Unter­ord­nungs­ver­hält­nis von Hil­fe – die­je­ni­ge Sei­te, wel­che die Hil­fe gewährt, steht, was den sozia­len Sta­tus betrifft, über der die Hil­fe emp­fan­gen­de Sei­te. Nor­ma­ler­wei­se sind Men­schen in ihren Bezie­hun­gen dar­auf aus, ihren sozia­len Sta­tus zu erhö­hen, min­des­tens jedoch zu wah­ren. Zuzu­ge­ben, dass ich Hil­fe brau­che, macht mich hin­ge­gen ver­letz­lich und zwingt mich zur Dank­bar­keit gegen­über der Per­son, die mir Hil­fe gewährt. Also ste­he ich für den Zeit­raum der Hil­fe und auch danach, was mei­nen sozia­len Sta­tus betrifft, unter der ande­ren Per­son. Genau des­halb ist es für vie­le so schwie­rig, über­haupt um Hil­fe zu bit­ten. Ande­rer­seits erklä­ren sich auch die Emo­tio­nen, die ent­ste­hen, wenn man Hil­fe gewährt, aber kei­nen Dank dafür erhal­ten hat. Des Wei­te­ren wird auch deut­lich, war­um es vie­le Men­schen als Her­ab­set­zung emp­fin­den, Hil­fe ange­bo­ten oder gar auf­ge­nö­tigt zu bekom­men, um die man nicht gebe­ten hat. Wie vie­le Eltern oder auch Vor­ge­setz­te mei­nen es nur gut, wenn sie hel­fen wol­len. Sie bie­ten Hil­fe an, und insis­tie­ren, wenn die ande­re Sei­te die Hil­fe ablehnt, weil die Hil­fe anbie­ten­de Sei­te meint, die Hil­fe­be­dürf­tig­keit sei doch offen­sicht­lich. So hilf­los jemand auch wir­ken mag – das Pro­blem gehört immer dem, der es hat, und wenn er meint, keins zu haben oder selbst damit klar­zu­kom­men, hilft es nicht, Hil­fe anzu­bie­ten, weil die Per­son, die das Ange­bot erhält, eine Sta­tus­stu­fe nach unten tre­ten und sich damit ver­letz­lich machen müss­te. Des­halb ist es so schwie­rig, Hil­fe anzu­neh­men. Es wird als Anma­ßung emp­fun­den – die Hil­fe anbie­ten­de Sei­te erhebt sich qua­si über die ande­re, ver­meint­lich hil­fe­be­dürf­ti­ge Sei­te. (Vgl. Schein 2010)
Ein Bei­spiel: Vie­le jun­ge Men­schen sind es heu­te auf­grund ihrer (zumeist part­ner­schaft­li­chen) Erzie­hung gewohnt, ande­ren Men­schen auf Augen­hö­he zu begeg­nen. Wer mit drei Jah­ren ent­schei­den konn­te, was er essen möch­te und in der Schu­le und erst recht beim Stu­di­um vie­les hin­ter­fra­gen durf­te, ja sogar soll­te, der begeg­net ande­ren Men­schen in der Regel zunächst auf Augen­hö­he. In die­sem Fall reicht es nicht, gegen­über die­sen jun­gen Men­schen Auto­ri­tät zu behaup­ten, denn damit kön­nen vie­le nichts mehr anfan­gen. Auto­ri­tät (eines Vor­ge­setz­ten oder Lehr­meis­ters) ist nicht mehr selbst­ver­ständ­lich (= nicht hin­ter­frag­bar), son­dern muss sich tat­säch­lich erar­bei­tet wer­den. Beginnt ein sol­cher jun­ger Mensch, sich im Pro­zess bewei­sen­de Auto­ri­tät zu respek­tie­ren, geht er frei­wil­lig auf der Sta­tus­lei­ter eine Stu­fe nach unten und lässt sich füh­ren, aus­bil­den und hel­fen. Die Aner­ken­nung vie­ler jun­ger Men­schen muss man sich, so para­dox das klin­gen mag, erar­bei­ten. Ande­ren­falls mag sich ein jun­ger Mensch zwar zunächst in die sta­tus­mä­ßig unter­ge­ord­ne­te Rol­le fügen. Spä­tes­tens jedoch, wenn es Pro­ble­me gibt und Druck ent­steht, ist er (wie jeder ande­re Mensch auch) kaum oder nicht mehr in der Lage, bewusst und über­legt zu han­deln, son­dern akti­viert unter Druck die in der Kind­heit erlern­ten Mus­ter, die in der Regel auf Selbst­schutz aus­ge­rich­tet sind. Wenn nun mein in der Kind­heit gelern­te Mecha­nis­mus der ist, dass ich mich im Zwei­fels­fall gegen mei­ne Eltern durch­set­zen konn­te, so wer­de ich auch bei Pro­ble­men in der Aus­bil­dung oder an mei­nem ers­ten Arbeits­platz unter ent­spre­chen­dem Druck ver­su­chen, mich durch­zu­set­zen. Das erklärt die von vie­len Aus­bil­dern, Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen und Hoch­schul­leh­rern heu­te als „Arro­ganz“ oder „über­stei­ger­tes Selbst­be­wusst­sein“ beschrie­be­nen Ver­hal­tens­wei­sen man­cher Azu­bis, Stu­den­ten, Prak­ti­kan­ten oder Berufs­an­fän­ger in pro­ble­ma­ti­schen Situa­tio­nen. Die jun­gen Leu­te wie­der­ho­len gleich­sam ihre wäh­rend der Kind­heit in der Inter­ak­ti­on mit ihren Eltern erlern­ten Mus­ter.

Kom­mu­ni­ka­ti­on ist in der Regel auf Selbst­schutz aus­ge­rich­tet
Um zu ver­ste­hen, war­um Selbst­schutz eines der grund­le­gen­den Merk­ma­le mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, gestat­ten Sie uns eini­ge klei­ne Aus­flü­ge. Über­all, wo Men­schen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, gibt es spe­zi­fi­sche „Ver­tei­di­gungs­me­cha­nis­men“, die in der Regel zu Pro­ble­men in der Kom­mu­ni­ka­ti­on und – nach viel­fa­chen frus­trie­ren­den Erfah­run­gen – fast zwin­gend zu stra­te­gi­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on füh­ren. Die stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on soll hier nicht dis­kre­di­tiert wer­den, wird sie jedoch von der „mani­pu­lier­ten“ Sei­te bemerkt, führt dies gege­be­nen­falls zu noch mehr Ablen­kungs­ma­nö­vern und noch mehr ver­deck­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der Gegen­sei­te und damit wie­der­um auch auf unse­rer Sei­te. Dar­aus kann schnell ein eska­lie­ren­der Teu­fels­kreis wer­den. Doch dazu spä­ter noch ein­mal aus­führ­li­cher. Wie gesagt: Gestat­ten Sie uns hier zunächst eini­ge klei­ne Aus­flü­ge, die kla­re Sicht am Ende lohnt sich.

Das Ich und die Abwehr­me­cha­nis­men
Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Win­ter­hoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürf­nis­se, und der Mensch ver­fügt zunächst über kei­ner­lei „Gewahr-Sein“ sei­ner selbst oder gar ande­rer Per­so­nen im Sin­ne des­sen, was als Bewusst­sein bezeich­net wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deut­lich, war­um die ers­ten – voll­stän­dig vor­sprach­li­chen und des­halb ratio­nal über­haupt nicht zugäng­li­chen – Erfah­run­gen so prä­gend sind. Wenn der Mensch sein Bedürf­nis ist, dann sind sein gan­zes Sein und sei­ne gesam­ten Erfah­run­gen zunächst von der Befrie­di­gung sei­ner Bedürf­nis­se abhän­gig. Bei Nicht­be­frie­di­gung hin­ge­gen ent­ste­hen Ängs­te von exis­ten­ti­el­lem Aus­maß. Es kann wohl als eine der Urfor­men von Angst ange­se­hen wer­den, wenn ein Säug­ling Hun­ger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfah­rung, gegen die Kin­der noch kei­ne Schutz­me­cha­nis­men haben. Die­sen ursprüng­li­chen Zustand hat Mela­nie Klein den para­no­id-schi­zoi­den Modus genannt. Die­se Bezeich­nung ist hier nicht mit den gleich­na­mi­gen Stö­rungs­be­grif­fen zu ver­wech­seln. Viel­mehr meint Klein damit die Ver­letz­bar­keit der see­li­schen Ent­wick­lung durch zu weni­ge posi­ti­ve bzw. zu vie­le nega­ti­ve Erfah­run­gen. Alle Erfah­rung in die­ser Pha­se ist vor­sprach­lich, und das Kind ver­fügt noch über kei­ner­lei Kon­zept davon, dass die Mut­ter eine ande­re Per­son ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürf­nis des Kin­des bzw. des­sen Befrie­di­gung oder Nicht-Befrie­di­gung ent­spricht der Welt des Kin­des. Das Kind ist also psy­chisch in gewis­ser Wei­se auf sich allei­ne gestellt, ist sich des­sen aller­dings nicht gewahr, denn es hat noch kei­ne kogni­ti­ve Instanz, die all dies regeln könn­te. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spek­trum zwi­schen der Befrie­di­gung von Bedürf­nis­sen und exis­ten­ti­el­len Bedro­hun­gen. Durch den Kon­takt mit der als bedroh­lich erleb­ten Welt tre­ten ers­te psy­chi­sche Dif­fe­ren­zie­run­gen auf. Indem die Psy­che ver­sucht, mit den Bedro­hun­gen umzu­ge­hen bzw. sie zu kon­trol­lie­ren, ent­wi­ckelt sich aus einem Teil des Es eine zwei­te Instanz. Das Ich tritt fort­an als Mitt­ler zwi­schen den Bedürf­nis­sen des Kin­des und der Umwelt auf. Die Her­aus­bil­dung des Ichs bil­det auch die Vor­aus­set­zung für die Kon­zep­tua­li­sie­rung des Selbst und des Ande­ren, also die Erfah­rung, dass die Mut­ter eine ande­re Per­son ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürf­nis­se des Kin­des manch­mal befrie­digt und manch­mal nicht.
Wenn (a) sich die Instanz des Ichs lang­sam vom Es dif­fe­ren­ziert und das Kind die Grund­la­gen des Ver­ständ­nis­ses ver­schie­de­ner Per­so­nen ent­wi­ckelt, und wenn (b) wäh­rend der ers­ten Pha­se (para­no­id-schi­zoi­der Grund­mo­dus) genü­gend posi­ti­ve Erfah­run­gen gesam­melt wur­den, dann besteht die Chan­ce für einen wei­te­ren wich­ti­gen Ent­wick­lungs­schritt. Die­ser Schritt besteht dar­in, die Ambi­va­lenz der Erfah­run­gen mit der Mut­ter zu bewäl­ti­gen. Mal ist die Mut­ter anwe­send und damit die Quel­le von Nähe und Bedürf­nis­be­frie­di­gung. Mal ist sie abwe­send und dadurch furcht­ein­flö­ßen­de Aus­lö­se­rin exis­ten­ti­el­ler Bedro­hun­gen. Bei­de Erfah­run­gen müs­sen in ein und der­sel­ben Per­son ver­or­tet wer­den. Wenn die­se Her­aus­for­de­rung gelingt, ist der Grund­stein für das gelegt, was als Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz bezeich­net wird – eine der zen­tra­len Funk­tio­nen des Ichs als der psy­chi­schen Instanz, die zwi­schen den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen und der Außen­welt ver­mit­telt. Mela­nie Klein hat die­se Ent­wick­lungs­stu­fe den depres­si­ven Modus genannt und damit die Fähig­keit zur Inte­gra­ti­on äußerst ambi­va­len­ter Erfah­run­gen (sowohl posi­ti­ver als auch nega­ti­ver Erleb­nis­se) in das­sel­be Kon­zept (die Per­son der Mut­ter) bezeich­net. Das Adjek­tiv „depres­siv“ hat hier wie­der­um nichts mit dem gleich­na­mi­gen Stö­rungs­bild zu tun.
Das psy­chi­sche Gesche­hen wäh­rend des ers­ten und zum Teil auch des zwei­ten Lebens­jah­res ver­läuft voll­stän­dig vor­sprach­lich. Gesche­hen in die­ser Zeit psy­chi­sche Ver­let­zun­gen, so wie­gen die­se beson­ders schwer, denn sie betref­fen die psy­chi­sche Ent­wick­lung in ihrer grund­le­gen­den Pha­se und sind spä­ter mit sprach­li­chen Mit­teln kaum bear­beit­bar.
Aus den bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen wird deut­lich, wie wich­tig aus­rei­chend posi­ti­ve Erfah­run­gen eines Kin­des wäh­rend der ers­ten Lebens­jah­re sind. Aller­dings – und dies wird oft weni­ger betont – ist die Erfah­rung der eige­nen Gren­zen eben­falls von ele­men­ta­rer Bedeu­tung für die Ent­wick­lung. Die Welt des Kin­des ent­spricht, wie wir gese­hen haben, am Anfang mehr oder min­der sei­nen Bedürf­nis­sen – das Kind ist, was es bekommt. In die­ser Zeit wer­den die ers­ten Grund­la­gen für eine psy­chi­sche Dif­fe­ren­zie­rung gelegt, die in die Her­aus­bil­dung des Ichs als zwei­te psy­chi­sche Instanz neben dem Es mün­det. Ein ande­rer psy­cho­ana­ly­ti­scher Begriff für die Selbst­be­zo­gen­heit ins­be­son­de­re des ers­ten Lebens­jah­res ist der des pri­mä­ren Nar­ziss­mus‘. Der pri­mä­re Nar­ziss­mus bezeich­net die zwangs­läu­fi­ge Auf-sich-selbst-Gewor­fen­heit des Kin­des in den frü­hen Ent­wick­lungs­sta­di­en – das Kind ist gleich­sam sei­ne Welt, weil es noch über kei­ne psy­chi­schen Dif­fe­ren­zie­run­gen ver­fügt, die zwi­schen sich und ande­ren bzw. der äuße­ren Welt unter­schei­den könn­ten. Wenn nun aus­rei­chend posi­ti­ve Erfah­run­gen mög­lich sind, ver­läuft die Ent­wick­lung ohne Beein­träch­ti­gun­gen, möch­te man mei­nen. Doch dem ist nicht immer so, wie Micha­el Win­ter­hoff (2008) ein­drucks­voll dar­stellt. Über die posi­ti­ven Grund­er­fah­run­gen hin­aus sind auch Grenz­erfah­run­gen für eine gelin­gen­de psy­chi­sche Ent­wick­lung not­wen­dig. Wer­den die­se Grenz­erfah­run­gen im Sin­ne all­ge­mein gül­ti­ger Regeln bzw. des­sen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, ver­bleibt das Kind im Zustand des pri­mä­ren Nar­ziss­mus. Dies äußert sich, indem ande­re Men­schen nicht als eigen­stän­di­ge Wesen, son­dern als Teil der eige­nen Welt betrach­tet wer­den. Ursa­che dafür ist der feh­len­de Ent­wick­lungs­schritt, über die Inte­gra­ti­on von ambi­va­len­ten Erfah­run­gen – zunächst mit der Mut­ter und dann mit ande­ren Men­schen – Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz zu erler­nen. Wer­den dem Kind kei­ne Gren­zen gesetzt, kann es kei­ne oder zu weni­ge der besag­ten ambi­va­len­ten Erfah­run­gen machen, und die Inte­gra­ti­on der Ambi­va­lenz in ein Kon­zept („Die Mut­ter ist manch­mal da, dann ist alles gut. Aber manch­mal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotz­dem die­sel­be Per­son, die mich liebt und die ich lie­be.“) kann nicht erreicht wer­den. Nach Win­ter­hoff (2008) kann sol­che eine fehl­ge­hen­de Ent­wick­lung in die Unfä­hig­keit, ande­re Men­schen als selbst­stän­di­ge, gleich­be­rech­tig­te Wesen zu behan­deln, mün­den. Ande­re Per­so­nen wer­den dann behan­delt, als sei­en sie Teil der eige­nen Welt. Eine Ten­denz zur Unfä­hig­keit sich unter­zu­ord­nen und ein gering aus­ge­präg­tes Durch­hal­te­ver­mö­gen auf­grund feh­len­der Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz sind dann ent­spre­chen­de Fol­gen.
Das Bei­spiel des Ver­blei­bens im pri­mä­ren Nar­ziss­mus ver­weist auf einen wei­te­ren wich­ti­gen psy­chi­schen Ent­wick­lungs­schritt. Der zuneh­men­de Kon­takt mit der Umwelt führt immer wie­der zu Kon­flik­ten zwi­schen den Impul­sen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfah­run­gen mit die­sen Kon­flik­ten füh­ren mit der Zeit (etwa zwi­schen dem zwei­ten und drit­ten Lebens­jahr) zu einer wei­te­ren Dif­fe­ren­zie­rung des psy­chi­schen Appa­rats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Ver­bo­te, der Moral und der gesell­schaft­li­chen Nor­men aus dem Ich her­vor. Nach der Vor­stel­lung Freuds übt das Über-Ich dau­ernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kon­trol­le zu hal­ten.
Das Es löst nach der psy­cho­ana­ly­ti­schen Vor­stel­lung mehr oder min­der dau­ernd Kon­flik­te aus, und zwar in zwei­er­lei Hin­sicht. Zunächst rich­ten sich die Impul­se auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpas­sungs­in­stanz die Auf­ga­be, zwi­schen den Impul­sen des Es und der – ggf. bedroh­li­chen – Umwelt zu „ver­mit­teln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine wei­te­re psy­chi­sche Instanz her­vor, die dem Ich bei der Anpas­sungs­leis­tung mit Regeln und Nor­men behilf­lich ist: Im Über-Ich wer­den die nor­mie­ren­den Ein­flüs­se von Eltern, Erzie­hern und Gesell­schaft wirk­sam. Dem Ich obliegt nun die immense Auf­ga­be, die Bedro­hun­gen der Umwelt, die Impul­se des Es und den Druck des Über-Ichs zu inte­grie­ren. Zum Umgang mit die­sen in ihrem Aus­maß angst­aus­lö­sen­den Impul­sen bzw. zur Reduk­ti­on des durch die Gegen­sätz­lich­keit der Anfor­de­run­gen ent­ste­hen­den Drucks ent­wi­ckelt das Ich Abwehr­me­cha­nis­men, die ver­hin­dern, dass das gan­ze ambi­va­len­te Aus­maß der Impul­se bewusst wird. Abwehr­me­cha­nis­men sind dem­nach im posi­ti­ven Sin­ne als Anpas­sun­gen an die Rea­li­tät zu ver­ste­hen. So macht ein Kind bspw. mehr­fach die Erfah­rung der Ableh­nung und wird dar­auf­hin schritt­wei­se Mecha­nis­men ent­wi­ckeln, sich fort­an anders zu ver­hal­ten. Der wohl bekann­tes­te Abwehr­me­cha­nis­mus ist die Ver­drän­gung – „was zu gro­ße Angst aus­löst, fin­det fort­an nicht mehr statt“, zumin­dest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furcht­erre­gen­de Fak­to­ren der Rea­li­tät, indem angst­aus­lö­sen­de Ele­men­te gleich­sam aus dem bewuss­ten Abbild der Wirk­lich­keit ent­fernt und ins Unbe­wuss­te ver­drängt wer­den, als auch auf die­je­ni­gen Impul­se des Es, die zu star­ken Kon­flik­ten füh­ren – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu ver­drän­gen, die Mut­ter zu has­sen, um wie­der Zunei­gung zu erfah­ren.

Ver­drän­gung: Auf der Grund­la­ge unan­ge­neh­mer oder sogar schmerz­haf­ter Erfah­run­gen lernt ein Mensch, Vor­stel­lun­gen, die ent­we­der mit einem bestimm­ten, in der betref­fen­den Situa­ti­on nicht aus­leb­ba­ren Bedürf­nis ver­bun­den sind oder die mit mora­li­schen Maß­ga­ben in Kon­flikt ste­hen, ins Unbe­wuss­te zu ver­drän­gen. Da die Vor­stel­lun­gen und Impul­se dadurch jedoch nicht ein­fach ver­schwin­den, ist immer ein gewis­ser Auf­wand an psy­chi­scher Ener­gie not­wen­dig, die Ver­drän­gung auf­recht zu erhal­ten.

Pro­jek­ti­on: Der Abwehr­me­cha­nis­mus der Pro­jek­ti­on bewirkt, dass eine Per­son Emp­fin­dun­gen und Wün­sche, die sie an sich selbst uner­träg­lich fin­det, zunächst leug­net. Bis hier­her ähnelt der Vor­gang der Ver­drän­gung. Das Spe­zi­fi­sche an der Pro­jek­ti­on ist, dass die (im Unbe­wuss­ten wirk­sam blei­ben­den) Gefüh­le und Impul­se unbe­wusst einer ande­ren Per­son zuge­schrie­ben wer­den. Bei­na­he klas­si­sche Bei­spie­le sind beson­ders domi­nan­te Men­schen, die ihre eige­ne Aggres­si­vi­tät leug­nen und dafür ande­re Men­schen als beson­ders domi­nant und aggres­siv kri­ti­sie­ren. Den Mecha­nis­mus der Pro­jek­ti­on gibt es auch in umge­kehr­ter Rich­tung (Intro­jek­ti­on), indem sich eine Per­son, um bestimm­te Situa­tio­nen zu bewäl­ti­gen, Gefüh­le und Ver­hal­tens­wei­sen ande­rer Per­so­nen in sich hin­ein­pro­ji­ziert und so emp­fin­det und han­delt, wie die ande­re Per­son ver­meint­lich emp­fun­den und gehan­delt hät­te.

Sub­li­mie­rung: Man­che Impul­se kön­nen aus mora­li­schen (ethi­sche Ver­bo­te, gesell­schaft­li­che Nor­men oder Tra­di­tio­nen) oder sozia­len (bspw. wenn Ableh­nung oder gar Aus­schluss dro­hen) Grün­den nicht aus­ge­lebt wer­den. Gibt man die­sen Impul­sen hin­ge­gen ein sozi­al akzep­tier­tes Ziel, wird es mög­lich, die­sen Wün­schen den­noch nach­zu­ge­ben – bspw. in dem man sie mit einer beruf­li­chen Rol­le „umhüllt“. Die klas­si­sche Vari­an­te: Sadis­mus „läßt sich zum Bei­spiel in Beru­fen wie Metz­ger, Chir­urg oder Poli­zist abre­agie­ren“ (Muc­chiel­li 1980, S. 14).

Ver­schie­bung: Man­che Impul­se kön­nen gegen­über bestimm­ten „Objek­ten“ – zumeist Per­so­nen, es kann sich aber auch um Insti­tu­tio­nen oder Grup­pen oder Objek­te aus ande­ren Kate­go­ri­en han­deln – nicht rea­li­siert wer­den – ggf. weil dies nach­tei­li­ge Kon­se­quen­zen für die betref­fen­de Per­son hät­te. Die mit dem betref­fen­den Objekt ver­bun­de­nen Affek­te und Hand­lungs­im­pul­se wer­den von die­sem Objekt gelöst und auf ein ande­res über­tra­gen. So kann es bspw. sein, dass ein Mit­ar­bei­ter wütend über einen Kol­le­gen ist. Der betref­fen­de Kol­le­ge wird aber vom Team sehr geschätzt. Ihn anzu­grei­fen hät­te also ggf. nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Stand des Mit­ar­bei­ters. Die­ser nun „ver­schiebt“ sei­ne Wut auf einen ande­ren Kol­le­gen, den zu beschul­di­gen im Kreis der Kol­le­gen ohne Gefahr für den eige­nen Sta­tus mög­lich ist. Die­se Per­son dient nun als Sün­den­bock. Der Abwehr­me­cha­nis­mus der Ver­schie­bung funk­tio­niert nicht nur mit aggres­si­ven Affek­ten, son­dern auch mit Angst, etwa indem die Angst vor einem Vor­ge­setz­ten auf eine ande­re Per­son oder die Angst vor einem Fami­li­en­mit­glied auf eine bestimm­te Klas­se von Objek­ten (bspw. alle Tie­re, die ein Fell haben) über­tra­gen wird. Ist die Angst­über­tra­gung beson­ders mani­fest, spricht man auch von „pho­bi­scher Fixie­rung“.

Von erfolg­rei­cher Pro­blem­lö­sung zu unbe­wuss­ten Hand­lungs­mus­tern
Im Lau­fe ihrer Ent­wick­lung – wäh­rend der Kind­heit und des Her­an­wach­sens und wäh­rend der ers­ten beruf­li­chen Lern­pro­zes­se – sind Men­schen mit einer Viel­zahl von Pro­ble­men kon­fron­tiert, die sie lösen müs­sen. Aus den ers­ten Ver­su­chen der Pro­blem­lö­sung bil­den sich lang­sam Mus­ter her­aus, wie ein Mensch an die ihm gestell­ten Auf­ga­ben her­an­geht. Die erfolg­rei­chen Mus­ter – zu denen auch Abwehr­me­cha­nis­men gehö­ren – fes­ti­gen sich mit der Zeit und geben der betref­fen­den Per­son ein Gefühl von Sicher­heit in Bezug auf kom­men­de Her­aus­for­de­run­gen. Es liegt in der Natur des Men­schen, nicht an jede neue beruf­li­che Situa­ti­on oder jede neue Bezie­hung – sei es Freund­schaft oder Lie­be – auch neu her­an­zu­ge­hen. Viel­mehr greift man auf das bereits erlern­te Reper­toire an Hand­lungs­stra­te­gi­en zurück. Vie­les in die­sem Reper­toire fes­tigt sich mit den Jah­ren soweit, dass es nicht mehr in Fra­ge gestellt wird. Aus erfolg­rei­chen Hand­lungs­stra­te­gi­en wer­den habitu­ier­te – und damit weni­ger bewuss­te Hand­lungs­stra­te­gi­en. Kommt es nun zu einer Situa­ti­on des Wan­dels und damit zu neu­en Her­aus­for­de­run­gen, so wer­den Men­schen zunächst auf ihre geläu­fi­gen Hand­lungs­wei­sen zurück­grei­fen und die­je­ni­gen Aspek­te der Her­aus­for­de­rung, die tat­säch­lich neu sind, aus­blen­den bzw. ver­mei­den. Der Anreiz für ein der­ar­ti­ges Ver­mei­dungs­ver­hal­ten liegt in der Redu­zie­rung von Angst, die durch neue Situa­tio­nen zwangs­läu­fig aus­ge­löst wird. Wider­stän­de bei Ver­än­de­run­gen haben also eine Schutz­funk­ti­on – indem man die ver­meint­li­chen Risi­ken der Ver­än­de­rung aus­blen­det, lebt man angst­frei­er.

Die Kon­for­mi­sie­rung der Kom­mu­ni­ka­ti­on in Grup­pen
Die Zuge­hö­rig­keit zu Grup­pen erscheint als ein para­do­xes Phä­no­men: Auf der einen Sei­te ste­hen das Zuge­hö­rig­keits­mo­tiv des Indi­vi­du­ums und die gene­rel­le Ver­hei­ßung von Grup­pen, für bestimm­te Bedürf­nis­se des Indi­vi­du­ums zu sor­gen. Grup­pen gehö­ren zu den urtüm­lichs­ten und unab­ding­bars­ten Erschei­nungs­for­men mensch­li­chen Lebens, was ins­be­son­de­re dar­an deut­lich wird, dass jeder Mensch (a) stän­dig in Bezie­hung mit Grup­pen steht und (b) die Ein­stel­lun­gen die­ser Grup­pen ihm gegen­über – zumeist mehr unbe­wusst als bewusst – ein­schätzt. Ande­rer­seits wei­sen Grup­pen ein star­kes Eigen­le­ben auf, was sich dadurch äußert, dass Grup­pen vor allem dazu ten­die­ren, sich selbst zu erhal­ten. Die­se Selbst­er­hal­tung geht aller­dings zu Las­ten der indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se der Grup­pen­mit­glie­der. Inso­fern ste­hen indi­vi­du­el­le Inter­es­sen (Zuge­hö­rig­keit, Bedürf­nis­be­frie­di­gung) und Grup­pen­be­lan­ge (mög­lichst span­nungs­frei­er Selbst­er­halt, Ver­mei­dung von Ver­än­de­run­gen) im Gegen­satz zuein­an­der. Es ist das Wesen von Grup­pen, eini­ge Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen und ande­re nicht, wor­in der spe­zi­fisch „kon­ser­va­ti­ve“ Cha­rak­ter (Lazar 2004) des Phä­no­mens Grup­pe liegt. Der kol­lek­tiv nor­mie­ren­de und das Indi­vi­du­um zur Anpas­sung zwin­gen­de Cha­rak­ter wird beson­ders am Begriff der Grup­pen­men­ta­li­tät deut­lich. Dem­nach ver­hin­dern Grup­pen das dif­fe­ren­zier­te Den­ken ein­zel­ner Per­so­nen (und damit auch das Ler­nen von Indi­vi­du­en aus den Bezie­hun­gen zur Grup­pe) durch eine spe­zi­fi­sche Form anony­men Drucks. Man­che Äuße­run­gen kön­nen offen vor­ge­bracht wer­den, ande­re wer­den ver­deckt geäu­ßert. Es ent­ste­hen plötz­lich Stim­mun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen, die nicht direkt ein­zel­nen Per­so­nen zuge­ord­net wer­den kön­nen. Auf die­ser anony­men Ebe­ne der Grup­pen­men­ta­li­tät fin­det die Selbst­er­hal­tung von Grup­pen statt: Das Den­ken des Ein­zel­nen tritt hin­ter das genorm­te Den­ken der „Grup­pe als Gan­zes“ zurück. Dabei ist die Akzep­tanz der Grup­pen­men­ta­li­tät durch das Indi­vi­du­um impli­zi­ter Natur – man trägt ja anonym und groß­teils unbe­wusst zur Grup­pen­men­ta­li­tät bei. Expli­zit danach gefragt, wer­den Men­schen meist behaup­ten, die Grup­pe habe kei­nen oder allen­falls einen sehr gerin­gen Ein­fluss auf ihr Den­ken. (Vgl. Bion 2001, S. 31ff.; Lazar 2004, S. 48ff.)
Grup­pen kön­nen als mensch­heits­ge­schicht­lich sehr alte For­men der Daseins­vor­sor­ge ver­stan­den wer­den. Kom­men Men­schen zu einer Grup­pe oder einem Team zusam­men, bil­den sich sehr schnell (oft unaus­ge­spro­che­ne) Grup­pen­re­geln. Die Belan­ge der Grup­pe wer­den wich­ti­ger als die des ein­zel­nen Grup­pen­mit­glieds. Prak­tisch bedeu­tet das, dass Grup­pen die Akti­vi­tä­ten Ein­zel­ner nur dann beloh­nen, wenn sie der Grup­pe als Gan­zer nut­zen. Die Bedürf­nis­se nach Wert­schät­zung und Sta­tus der ein­zel­nen Grup­pen­mit­glie­der wer­den also nur dann befrie­digt, wenn die­se sich der Grup­pen­men­ta­li­tät fügen, was auf Dau­er zu einer – psy­cho­lo­gisch gespro­chen – Ver­en­gung des Fokus der Grup­pe füh­ren kann. Prak­tisch heißt das, dass in Grup­pen nicht mehr alles sag­bar ist, son­dern sich eine unbe­wuss­te Selbst­zen­sur der Grup­pen­mit­glie­der ent­wi­ckelt. Damit sind eine Rei­he von die Viel­falt der ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen und zum Aus­druck gebrach­ten Mei­nun­gen ein­schrän­ken­den Effek­ten ver­bun­den, deren bekann­tes­ter das so genann­te „Grup­pen­den­ken“ ist.
Falls Sie ein Team über­neh­men, dass Ihnen, aus wel­chen Grün­den auch immer, zunächst feind­lich gegen­über­steht, wer­den Sie die­sen Grup­pen­druck zunächst als Wider­stand zu spü­ren bekom­men. Mit Wider­stand kön­nen Sie dann nicht anders umge­hen, als ihn zu akzep­tie­ren. Ober­hand­tech­ni­ken oder Dro­hun­gen wür­den das Pro­blem nur ver­schär­fen. Die betref­fen­den Men­schen sind dann durch Fra­gen und Dia­log lang­sam in einen Ver­än­de­rungs- und Erkennt­nis­pro­zess zu zie­hen. Das kann zunächst dau­ern. Ande­rer­seits führt es in der Regel zu einer Ver­stär­kung der Ableh­nung, wenn man ver­sucht, dem Wider­stand mit eige­nen Argu­men­ten ent­ge­gen­zu­tre­ten (etwa: „Was Sie da sagen, ist ein Gerücht. Das stimmt nicht. Es ist so und so.“; bes­ser funk­tio­niert: „Ich ver­ste­he Ihre Beden­ken, und auch wenn nicht alles ganz genau stim­men mag, was Sie gesagt haben, möch­te ich Sie ein­la­den, sich selbst ein Bild zu machen.“). Die bes­te Stra­te­gie, die star­re Homo­ge­ni­tät von Grup­pen­mei­nun­gen zu ver­än­dern, ist das geziel­te Erfra­gen und För­dern von Min­der­hei­ten­mei­nun­gen. Wenn Sie Beob­ach­tun­gen anstel­len und fra­gen, wer­den Sie bemer­ken, dass die Land­schaft in einem kei­nes­wegs so homo­gen ist, wie es Ihnen zunächst vor­ge­kom­men sein mag. Ein Rat an Team­lei­ter: Küm­mern Sie sich um Min­der­hei­ten! Sie sichern die Mei­nungs­viel­falt – auch wenn die Min­der­hei­ten­mei­nung in der Sache sogar „falsch“ sein soll­te. Psy­cho­lo­gi­sche Expe­ri­men­te haben ein­drucks­voll gezeigt, dass die aller­meis­ten Men­schen – wir reden von rund 90 Pro­zent – vor anony­mem Grup­pen­druck kapi­tu­lie­ren. Gibt es aber bereits eine Min­der­heit, steigt die Wahr­schein­lich­keit enorm, dass Ein­zel­ne eine von der Grup­pen­mei­nung abwei­chen­de Sicht vor­tra­gen. Wich­tig dabei ist nur die Exis­tenz einer Min­der­heit, unab­hän­gig davon, wie objek­tiv kom­pe­tent oder inkom­pe­tent (bis hin zu offen­sicht­lich falsch) der Stand­punkt der Min­der­heit ist. Schlie­ßen Sie also Bünd­nis­se mit den­je­ni­gen, die offen für Ver­än­de­run­gen sind, aber auch mit allen ande­ren, die nach „Min­der­heit“ aus­se­hen. Das hilft Ihnen, im Bedarfs­fall den Lern­pro­zess schnel­ler vor­an­zu­brin­gen. Ein gro­ßer Teil der prak­ti­schen Arbeit in Teament­wick­lun­gen besteht im (Wieder-)Herstellen von Mei­nungs­viel­falt und im Ermu­ti­gen von Min­der­hei­ten. Für die betrof­fe­nen Akteu­re ist es eine har­te Erfah­rung – für die Per­so­nen mit abwei­chen­den Mei­nun­gen ist es alles ande­re als ein­fach, ange­fein­det zu wer­den, und für die Grup­pen­mit­glie­der ist es schmerz­haft, die Erfah­rung zu machen, dass sie die Anony­mi­tät und Sicher­heit der Grup­pe einer wirk­lich offe­nen Suche nach Lösun­gen vor­zie­hen. Schaf­fen die Betei­lig­ten die­se Hür­de, fin­den sie fort­an zu bes­se­ren Ent­schei­dun­gen und kön­nen aus Erfah­run­gen ler­nen.

Jörg Hei­dig




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