Genuss vs. Leben. Keine Auflösung eines Widerspruchs.

Steht ein soge­nann­tes ver­ant­wor­tungs­vol­les Leben, ein Leben wel­ches als Geschenk ver­stan­den und ange­nom­men wird im Gegen­satz zu einem unge­zü­gel­ten, mög­li­cher­wei­se auch selbst­zer­stö­re­ri­schen Genuss? Unge­zü­gelt möch­te ich hier als per­so­na­li­siert ver­stan­den wis­sen. Für die from­me Hele­ne mag der Genuss einer zwei­ten Tas­se Melis­sen­tee bereits trieb­haft und sün­dig schei­nen. Har­ry Rowolth hat­te in die­ser Hin­sicht ein ande­res Maß und ver­ließ sei­ne legen­dä­ren Lesun­gen sel­ten unter einer Fla­sche Hoch­pro­zen­ti­gem. Immer­hin wur­de er dafür zum Ambassa­dor of Irish Whis­key ernannt.

In einem Essay der Süd­deut­schen Zei­tung vom 8. Juni wird die stein­al­te Fra­ge auf­ge­wärmt, was das gute Leben ist. Als „unge­heu­er­li­ches his­to­ri­sche Novum“ bezeich­net es der Autor Bernd Graff, dass unse­re Zeit dar­auf kei­ne ver­bin­den­de Ant­wort mehr hat.

Lei­der nur annä­hernd wis­sen­schaft­lich kor­rekt lei­tet er sei­ne The­se aus einer von ihm in sta­tis­ti­scher Rele­vanz wie­der­holt wahr­ge­nom­me­nen Wer­bung einer Bau­markt­ket­te ab. Zen­tra­le Aus­sa­ge des Rekla­me­film­chens: „Jeder hat sein ganz per­sön­li­ches gut. Gut hier­bei in Klein­schrei­bung, und damit ein groß­ar­ti­ges Stück Selbst­ver­ge­wis­se­rung des unbe­kann­ten Wer­be­tex­ters, den wir uns ver­mut­lich als links­sei­tig täto­wier­ten Gum­mers­ba­cher Ein­stiegships­ter vor­stel­len dür­fen.

Will die Bau­markt-Wer­bung an die von Prof. Mat­thi­as Schmidt, in des­sen Schat­ten ich mich ger­ne bewe­ge, oft bemüh­te cal­vi­nis­tisch-preu­ßi­sche Arbeits­ethik anknüp­fen, nach der flei­ßi­ges Boh­ren, Sägen, Schrau­ben und Häm­mern Bonus-Credits auf dem Weg zur Him­mel­pfor­te ver­schafft? Oder aber befreit nicht gera­de der Slo­gan „Jeder hat sein per­sön­li­ches gut“ aus der erdrü­cken­den Ver­bind­lich­keit eines Wer­te­ka­nons hin­ein in die indi­vi­du­el­le Ver­ant­wor­tung, die­ses „gut“ zu suchen?

Die Chris­ten­leh­re bie­tet ja einen rei­chen Kanon für vie­ler­lei Geschmä­cker. Dass Adam dazu ver­dammt wird, das Brot im Schwei­ße sei­nes Ange­sichts zu ver­zeh­ren taugt moder­nen wie anti­ken Skla­ven­hal­ten als gern zitier­te Scha­blo­ne für ihr Han­deln. Aber bei Mat­thä­us 6 fin­den wir eben­so das Hohe­lied des Nichts­tuns: „Sehet die Lili­en auf dem Fel­de, wie sie wach­sen, sie arbei­ten nicht, auch spin­nen sie nicht, und doch sage ich euch, dass Salo­mo in all sei­ner Pracht nicht herr­li­cher geklei­det war.“ Die­se Stel­le muss Paul Lafar­gue, der kuba­ni­sche Schwie­ger­sohn von Karl Marx über­se­hen haben, als er in sei­nem Buch „Das Recht auf Faul­heit“ kämp­fe­risch for­dert:

Damit ihm sei­ne Kraft bewusst wird, muss das Pro­le­ta­ri­at die Vor­ur­tei­le der christ­li­chen, öko­no­mi­schen und libe­ra­lis­ti­schen Moral über­win­den. Es muss zu sei­nen natür­li­chen Instink­ten zurück­keh­ren, muss die Faul­heits­rech­te aus­ru­fen, die tau­send­fach edler und hei­li­ger sind als die schwind­süch­ti­gen Men­schen­rech­te, die von den meta­phy­si­schen Advo­ka­ten der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on wie­der­ge­käut wer­den. Es muss sich zwin­gen, nicht mehr als drei Stun­den täg­lich zu arbei­ten, um den Rest des Tages und der Nacht müßig zu gehen und flott zu leben.“

Wer aber bestimmt den Wert mei­nes Lebens? Der besorg­te Arzt, der sich düs­ter Fach­vo­ka­beln mur­melnd über mei­ne Leber­wer­te beugt oder der Dea­ler des Ver­trau­ens mit sei­nen unfehl­ba­ren Tipps für einen auf Muschel­kalk­bo­den gezo­ge­nen Sau­vi­gnon blanc? Gäl­te es nicht mit ent­schlos­se­ner Hand die Ver­lo­gen­heit eines Auf­dru­ckes „Trin­ke mit Ver­stand“ zurück­zu­wei­sen, der die deut­sche Bier­fla­sche ziert. Ist nicht, wer mit Ver­stand trinkt, frisst und raucht gleich dop­pelt dumm? Wenn ihr nicht wer­det, wie die Kin­der heißt es im Bibel­vers. Die­se aber, an Ver­stand im Sin­ne der Bil­dungs­kul­tur, armen Wesen, ver­brin­gen doch den Groß­teil ihrer Zeit mit Trin­ken und Fres­sen und wach­sen dar­über zu wun­der­schö­nen Men­schen her­an.

Um im Leis­tungs­sys­tem unse­ren hüb­schen Kopf über Was­ser zu hal­ten, leh­ren uns seit Albert Camus und sei­nem „Sisy­phos im Glück“ gut bezahl­te Trai­ner die Tech­ni­ken der Resi­li­enz. Damit kann man fröh­lich wei­ter tan­zen, wenn das Leben einem ordent­lich in die Fres­se schlägt.

Gleich­zei­tig him­meln wir das neue gol­de­ne Kalb namens Nach­hal­tig­keit an und schi­cken uns an, mit dem Ver­zehr von fai­ren Bio­na­den die Welt nach unse­rem Bild bes­ser zu machen. Ist es mög­lich, dass das die Welt nicht will, die­se durch und durch arro­gan­te Form des Kul­tur­ko­lo­nia­lis­mus? Bei­des macht unser Leben nicht zwin­gend gut, dient aber immer­hin dem Sys­tem­er­halt. Und das Bewah­ren lie­ben wir ja sehr, spä­tes­tens seit Can­di­des vehe­ment ver­tei­dig­ter The­se, in der Bes­ten aller Wel­ten zu leben.

Muss, um ein gutes Leben zu ermög­li­chen, nicht erst das Böse zer­stört wer­den? Wer dem zustimmt, muss der dann nicht gleich den all­mäch­ti­gen Gott töten, der das Böse eben­so wie die Lie­be, Schmet­ter­lin­ge und Man­go­eis ermög­licht hat? Das ange­neh­me siche­re Leben für den ein­zel­nen erscheint uns als erstre­bens­wert. Bleibt dahin­ter der ethisch-mora­li­sche Aspekt zuneh­mend zurück? So zumin­dest wol­len es uns die Hedo­nis­ten-Bas­her glau­ben machen. Sie prak­ti­zie­ren ihren aus­ge­präg­ten Sado-Maso­chis­mus in der Aske­se und berich­ten mit hei­li­gem Ernst, dass die ers­te Dat­tel nach Son­nen­un­ter­gang die köst­lichs­te aller Früch­te ist.
Führt der ein schlech­te­res Leben, dem Ver­zicht kei­ne Freu­de ist? Und ist nicht die Freu­de am Ver­zicht vom Metahü­gel der rei­nen Leh­re aus betrach­tet wie­der­um eine Sün­de? Abso­lu­ti­on darf in die­ser Reli­gi­on natür­lich nur erhal­ten, wer kon­se­quent auch auf die Freu­de am Ver­zicht ver­zich­tet.

Die Psy­cho­lo­gie defi­niert Leis­tung als den Voll­zug und das Ergeb­nis von Tätig­kei­ten in den unter­schied­lichs­ten Hand­lungs­fel­dern. Dient die­ser Ansatz mög­li­cher­wei­se als tra­gen­des Fun­da­ment für die Brü­cke zwi­schen Aus­schwei­fung und Sinn­su­che? Wil­helm Hehl­mann schreibt dazu im Wör­ter­buch der Psy­cho­lo­gie:

Sozi­al­psy­cho­lo­gisch gilt die Leis­tung als unter­schei­den­des Merk­mal der ein­zel­nen im Auf­bau der Leis­tungs­ge­sell­schaft. Die Dia­gno­se der indi­vi­du­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit gibt sogleich den Ort der Per­son im sozia­len Gefü­ge an. Die Erzie­hung und Aus­bil­dung zie­len auf Leis­tungs­stei­ge­rung in den Gren­zen der Ver­an­la­gung. Doch ist die Leis­tung in hohem Gra­de auch vom Anspruchs­ni­veau abhän­gig.“

Dar­aus könn­te sich uns die Fra­ge stel­len, an wel­chem Ort wir in wel­chem sozia­len Gefü­ge ste­hen wol­len, um unse­re Wohl­be­fin­dens­ba­lan­ce zu erlan­gen. In die­ser Betrach­tung ist Genuss, auch unge­zü­gel­ter, rausch­haf­ter, nicht von Ver­nunft beschränk­ter Genuss durch­aus eine Leis­tung, in der selbst Stei­ge­rung durch dis­zi­pli­nier­tes Trai­ning erziel­bar ist. Auch ist die Ver­or­tung im sozia­len Gefü­ge in Form von Aner­ken­nung unter den gleich­falls trin­ken­den Freun­den nicht von der Hand zu wei­sen. Dani­el Gole­man spricht in sei­nem Werk über sozia­le Intel­li­genz vom „gesel­li­gen Gehirn“, ein Wort­spiel, wel­ches von wie­der­um von der Wer­be­in­dus­trie unter dem Slo­gan „Genuss ver­bin­det“ auf­ge­nom­men wird.

In ande­rem Kon­text wol­len wir gleich­zei­tig das har­te Brot der Erkennt­nis­su­che kau­en, wis­send, dass uns unser Umfeld für jede gestell­te Fra­ge, für jeden ange­brach­ten Zwei­fel ver­ach­ten wird, da wir am Gefü­ge krat­zen. Der Mensch, so heißt es bei Wil­helm Schmid, der die Schu­le der anti­ken Lebens­kunst über den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Michel Fou­cault mit sei­ner Auf­for­de­rung der „Sor­ge um sich“ in die Moder­ne wei­ter ent­wi­ckelt, „der Mensch ist kein iso­lier­tes Objekt. Mensch­li­ches Ver­hal­ten ist ein kom­ple­xes emo­tio­na­les Sys­tem in einer kom­ple­xen Umwelt. Die­ser ganz­heit­li­che Ansatz führt zu einem Begriff der Lebens­kunst, der den moder­nen Indi­vi­dua­lis­ten ein öko­lo­gisch abge­fe­der­tes Zeit­al­ter des Aus­gleichs ver­spricht.“

Dar­an genie­ßend zu arbei­ten scheint mir eine ange­neh­me Vor­stel­lung. Focault for­der­te dem Feh­len einer all­ge­mei­nen Moral die Suche einer neu­en Ästhe­tik der Exis­tenz ent­ge­gen zu set­zen.
Einen sol­chen Dis­kurs wünsch­te ich mir anstel­le der unsäg­li­chen Kul­tur wech­sel­sei­ti­ger Vor­hal­tun­gen. Es gibt kei­nen zurei­chen­den Grund dafür.

axel krü­ger




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