Ein jedes hat seine Zeit: Methoden für die (Neu-)Bestimmung der so genannten Work-Life-Balance

Der fol­gen­de Text fasst die wich­tigs­ten Inhal­te eines Vor­trags zusam­men, den ich auf dem Sym­po­si­um „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ am 10. Juli 2015 an der Dres­den Inter­na­tio­nal Uni­ver­si­ty gehal­ten habe. Das Sym­po­si­um hat anläss­lich des zehn­jäh­ri­gen Bestehens des Mas­ter­stu­di­en­gangs Human Com­mu­ni­ca­ti­on (Kom­mu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­lo­gie) statt­ge­fun­den. Zum Sym­po­si­um ist auch unser neu­es Buch „Gesprächs­füh­rung im Job­cen­ter“ in der Edi­ti­on Huma­nis­ti­sche Psy­cho­lo­gie erschienen.

Wir leben in Zei­ten, die uns zu Recht so vor­kom­men, als wür­de (fast) alles schnel­ler und gleich­zei­tig kom­ple­xer wer­den. Vie­le aktu­el­le Tex­te begin­nen mit einer Vari­an­te die­ser Fest­stel­lung. Für arbei­ten­de Men­schen bedeu­ten unse­re aktu­el­len Mög­lich­kei­ten, Arbeit zu orga­ni­sie­ren, dass man mehr in kür­ze­rer Zeit schafft. Die zuneh­men­de Kom­ple­xi­tät – man neh­me etwa als Bei­spiel nur die Ent­wick­lung eines belie­bi­gen tech­ni­schen Geräts und ver­glei­che die tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on oder allein das Ver­trags­werk für ein zuge­lie­fer­tes Ele­ment des betref­fen­den Geräts mit den ent­spre­chen­den Doku­men­ten vor drei­ßig Jah­ren – sorgt dafür, dass man dabei immer enge­re und inten­si­ve­re Abstim­mungs­pro­zes­se gestal­ten muss. Ein Mana­ger etwa kann viel­leicht einen Pro­zess ins­ge­samt über­schau­en, um Ent­schei­dun­gen bezüg­lich der Lösung für ein auf­tre­ten­des Pro­blem zu tref­fen, reicht sein Wis­sen aber in der Regel nicht mehr aus. Viel­mehr braucht er die Fähig­keit, Wis­sens­trä­ger schnell zusam­men­zu­brin­gen und arbeits­fä­hig zu machen. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on über Fach­gren­zen hin­weg ist sicher nicht ein­fach, aber genau dar­auf kommt es zukünf­tig an. Das mei­nes Erach­tens gegen­wär­tig hilf­reichs­te Buch dazu stammt von Amy Edmond­son und trägt den Titel „Tea­ming“.

Ange­sichts die­ser Beschleu­ni­gung bei gleich­zei­ti­ger Zunah­me von Kom­ple­xi­tät und Inter­ak­ti­ons­dich­te ver­wun­dert es nicht, dass die emp­fun­de­ne Arbeits­be­las­tung zunimmt. Zumin­dest für Men­schen über 40 stimmt in der Regel die Aus­sa­ge, dass unse­re Gewohn­hei­ten noch aus einer „alten“, lang­sa­me­ren Zeit stam­men. Eine Wei­le waren die neu­en Tools gut: Smart­pho­nes, ver­netz­te Kalen­der, Pro­jekt­ma­nage­ment-Tools oder Doku­men­ta­ti­ons­werk­zeu­ge mit Echt­zeit-Aktua­li­sie­rung sind sehr hilf­reich. Aber wenn man erst ein­mal ein paar Jah­re sein Han­dy nicht aus­ge­macht hat, oft oder immer erreich­bar war und so wei­ter, dann kann es pas­sie­ren, dass der Kör­per irgend­wann nicht mehr mit­macht. Und Schlaf­lo­sig­keit ist da nur ein eher leich­tes Sym­ptom. Schlimm wird es, wenn Men­schen irgend­wann plötz­lich stark depres­siv wer­den und nicht mehr den­ken können.

Die Fra­ge, wie viel Arbeit wir brau­chen, und wo wir viel­leicht Gren­zen zie­hen, ist also durch­aus eine sinn­vol­le. Vor dem Hin­ter­grund der Fra­ge „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ habe ich eine Rei­he von Metho­den zusam­men­ge­tra­gen, die im Coa­ching, aber auch ganz indi­vi­du­ell in der Selbst­klä­rung dabei hel­fen kön­nen, die eige­nen Prio­ri­tä­ten zu hin­ter­fra­gen und neu zu justieren.

Vor­ab sei jedoch zur Vor­sicht gera­ten: Eini­ge der Metho­den kön­nen recht inten­si­ve Wir­kun­gen haben. Wenn man sie zur Selbst­klä­rung anwen­det, kann man selbst ent­schei­den, wie weit man geht. Wer­den sie im Coa­ching oder in Bera­tungs­set­tings, etwa in der Arbeit mit Lang­zeit­ar­beits­lo­sen ein­ge­setzt, sind Vor­sicht und ein hohes Maß an Empa­thie und Bera­tungs­kom­pe­tenz gefragt. Metho­den sind nie­mals nur dar­um ein­zu­set­zen, weil sie wir­ken, oder weil man sie gera­de span­nend fin­det, oder weil sie gera­de irgend­wie pas­sen könn­ten. Der Ein­satz von Metho­den folgt immer der Bezie­hungs­dy­na­mik zwi­schen bera­ten­der und bera­te­ner Per­son. Die­se Bezie­hung muss erst zu einer hel­fen­den Bezie­hung wer­den, sprich, die hil­fe­su­chen­de Sei­te muss sich erst sicher genug füh­len, sich zu öff­nen. Doch auch dann sind the­ma­tisch geeig­ne­te Tools noch kein Garant, dass auch erreicht wird, was inten­diert wird. Viel­mehr kommt es auf die Grund­hal­tung an: Habe ich die Rogers­schen Grund­hal­tun­gen Empa­thie, Echt­heit und Wert­schät­zung wirk­lich „drauf“ – auch in der jewei­li­gen, gera­de aktu­el­len Bera­tungs­si­tua­ti­on mit die­ser indi­vi­du­el­len Kli­en­tin? Kann ich meine/n Gesprächspartner/in respek­tie­ren, akzep­tie­ren, ernst neh­men, so wie er oder sie gera­de ist? Kann ich ihr oder ihm „demü­tig fra­gend“ fol­gen, oder schub­se ich ihn oder sie vor mir her – in eine von mir für rich­tig erach­te­ten Rich­tung? All das sind wich­ti­ge Fra­gen, wenn es um den Ein­satz von Metho­den geht. So gut und wir­kungs­voll man­che der nach­fol­gend dar­ge­stell­ten Metho­den also sein mögen – prü­fen Sie bit­te lan­ge und sorg­sam, ob und wann sich ein Ein­satz lohnt. Fra­gen Sie lie­ber zehn Mal mehr, hören Sie lie­ber drei Stun­den län­ger zu, bevor Sie inter­ve­nie­ren. Too­li­gans gibt es näm­lich schon genug 😉

„Lebe so, wie wenn Du noch ein­mal leben könn­test!“ (Fried­rich Nietzsche)

Als ich die­sen Satz vor eini­gen Jah­ren las, frag­te ich mich zunächst, was Nietz­sche damit gemeint haben könn­te. Als ich den Satz zur Fra­ge umfor­mu­lier­te, wur­de mir die Bedeu­tung schlag­ar­tig klar: „Was wür­dest Du an Dei­nem Leben ändern (nicht mehr tun, statt­des­sen tun), wenn Du noch ein­mal leben könn­test?“ Die Anwor­ten auf die­se Fra­ge kön­nen sehr schmerz­haft sein. Aber beant­wor­tet man die Fra­ge ehr­lich, führt dies – trotz viel­leicht allen Schmer­zes – zu dem spe­zi­el­len Gefühl von Erleich­te­rung, das mit Klar­heit ein­her­geht. Nietz­sche selbst hat sei­ner­zeit viel vom Über­men­schen schwa­dro­niert, der, habe er sich ein­mal „ins Eis“ gewagt, klar sieht. Lässt man die Schwüls­tig­keit sol­cher Meta­phern ein­mal weg, wird klar, was er damit (auch) mein­te: Die­je­ni­gen Men­schen sehen kla­rer, die in der Lage sind, sich jen­seits der „Fall­stri­cke der eige­nen Exis­tenz“ – also jen­seits aller Ver­drän­gun­gen, aller „Lie­ber lasst es so schön!“-(Und redet nicht darüber!)-Einladungen, aller Lebens­lü­gen – dem zu stel­len, was sie tat­säch­lich betrifft. Dann ist das Leben zwar kein Schla­ger­lied, aber Schla­ger sind ja ohne­hin nur eine Vari­an­te der eben gemein­ten kon­tra­pho­bi­schen Selbst­be­trü­ge­rei­en 😉

Aber auch hier Vor­sicht: Stel­len Sie die­se Fra­ge zunächst ein­mal sich selbst, fin­den Sie Ant­wor­ten und han­deln Sie gege­be­nen­falls danach. Erst dann kön­nen Sie die Kon­se­quen­zen erfas­sen, die Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge haben kön­nen. Dann wis­sen Sie auch, wann die­se Fra­ge viel­leicht geeig­net ist, und wann Sie die Fra­ge bes­ser nicht stel­len. Es gibt weit mehr als tau­send gute Grün­de, sich Wahr­hei­ten, Lebens­lü­gen et cete­ra nicht ein­zu­ge­ste­hen. Und oft genug soll­te man sei­ne Kli­en­ten auch dort, wo sie sich ein­ge­rich­tet haben, leben las­sen. Kurz: Die Fra­ge kann viel zu exis­ten­zi­ell sein.

Was wür­den Sie bereu­en, wenn Ihr Leben mor­gen enden würde?

Auch die­se Fra­ge ist in ganz ähn­li­cher Wei­se geeig­net, die Prio­ri­tä­ten „zurecht­zu­rü­cken“. Hin­ter­grund: Bron­nie Ware hat Ster­ben­de dazu befragt, was sie bereu­en, und fand her­aus, dass es sich bei den meis­ten Ant­wor­ten auf die­se Fra­ge um Vari­an­ten von ledig­lich fünf Sät­zen han­delt. Wie die­se Fra­ge als Metho­de ange­wen­det wer­den kann, haben wir hier aus­führ­li­cher dar­ge­stellt. Schluss­fol­ge­rung aus der Metho­de: Unser Bedürf­nis nach Bin­dung scheint am Ende des Lebens das wich­tigs­te, blei­bends­te zu sein. Ein­ge­klemmt zwi­schen Nähe­be­dürf­nis, Sta­tus­stre­ben, Selbst­ver­wirk­li­chung und oft genug auch dem Ziel, ande­ren vor­zu­ma­chen, man sei jemand, der man gar nicht ist (nur damit man selbst glau­ben kann, man sei jemand anders als das unge­lieb­te Selbst), ver­bringt man sein Leben zwi­schen (emp­fun­de­nen) Ver­pflich­tun­gen. Die Metho­de kann hel­fen her­aus­zu­fin­den, wo man selbst gera­de steht, was wirk­lich wich­tig ist und was (oder auch: wen) man bes­ser las­sen sollte.

Die „Wip­pe“

Eine hilf­rei­che Metho­de, die Dyna­mik der inne­ren Kon­flik­te zwi­schen dem, was eine Per­son an Rol­len im Leben gelernt hat und den „ursprüng­li­chen“ bezie­hungs­wei­se ganz urei­ge­nen, ganz per­sön­li­chen Impul­sen zu klä­ren, ist, die jewei­li­gen Impul­se als „Wip­pe“ zu visua­li­sie­ren. Ich bit­te mei­ne Kli­en­ten, ein­mal die ver­ant­wor­tungs­be­zo­ge­nen inne­ren Stim­men zu benen­nen. Häu­fig wer­den dann „Trei­ber“ benannt wie „Leis­te!“ und „Mache, was ande­re wol­len!“. Auf der ande­ren Sei­te wer­den dann die auf die eige­ne Per­son gerich­te­ten Impul­se posi­tio­niert. In der Regel wer­den die Ver­ant­wor­tungs­im­pul­se bezüg­lich der inne­ren Trei­ber und der Erwar­tun­gen ande­rer Men­schen viel grö­ßer oder „schwe­rer“ dar­ge­stellt als die Impul­se der Selbst­sor­ge und der eige­nen Prio­ri­tä­ten. Durch die „Wip­pe“ kommt das – oft vor­zu­fin­den­de – Ungleich­ge­wicht zwi­schen den Erwar­tun­gen ande­rer Men­schen (häu­figs­te Nen­nun­gen: Fami­li­en­mit­glie­der, Vor­ge­setz­te) und den ganz per­sön­li­chen Din­gen (das kommt am ehes­ten dem nahe, was oft als das „inne­re Kind“ bezeich­net wird) zum Vor­schein. Den betref­fen­den Per­so­nen wird dann klar, unter wel­chem Erwar­tungs­druck sie eigent­lich ste­hen. Ins­be­son­de­re wenn es um psy­cho­so­ma­ti­sche Beschwer­den geht, wer­den die­se mit Hil­fe der Metho­de kogni­tiv zugäng­lich. In einem Fall war die „Ver­ant­wor­tungs­rol­le“, also ein Hand­lungs­mus­ter, in den aller­meis­ten Situa­tio­nen „groß“ und „stark“ und „erwach­sen“ sein zu müs­sen und für bei­na­he alles (in der eige­nen Fami­lie, für die eige­nen Eltern, im eige­nen Team, gegen­über dem Chef) ver­ant­wort­lich zu sein, so stark, dass die betref­fen­de Per­son in Anbe­tracht der Wip­pe sag­te: „Um die Klei­ne da muss ich mich mal küm­mern.“ Doch das ist falsch. Man kann sich um das inne­re Kind nicht „küm­mern“. Wenn man Mit­leid mit ihm hat, hilft das nichts. Man muss viel­mehr „in das Kind hin­ein­ge­hen“, etwas tun, was das Kind tun wür­de, das Kind sein, dem Kind Raum geben. Bei­spiels­wei­se könn­te die Per­son sagen: „Es geht mir beson­ders gut, wenn ich über freie Fel­der wan­de­re.“ Oder: „Als Kind war ich viel drau­ßen und habe Tie­re beob­ach­tet.“ Dann sind es Wan­de­run­gen über freie Fel­der und Tier­be­ob­ach­tun­gen, die hel­fen, nicht aber Mit­leid für das inne­re Kind oder Well­ness oder „etwas für sich tun“, was sich die Per­son in der „Ver­ant­wor­tungs­rol­le“ aus­ge­dacht hat.

In einem Fall mit star­ken psy­cho­so­ma­ti­schen Beschwer­den wur­de klar, dass die betref­fen­de Per­son außer gele­gent­li­chen Wan­de­run­gen gar nichts mehr nur aus sich her­aus tat. Sie las kei­ne Bücher mehr, hat­te kei­ne unstruk­tu­rier­te Zeit mehr mit der Fami­lie, stand auch bei ihrer Arbeit unter wach­sen­dem Druck. Alle Reser­va­te waren der Ver­ant­wor­tung zum Opfer gefal­len. In der Fir­ma gab es Umstruk­tu­rie­run­gen, zuhau­se muss­ten die eige­nen Eltern gepflegt wer­den, die Kin­der brauch­ten finan­zi­el­le Unter­stüt­zung. Nach einem Zusam­men­bruch merk­te die Per­son wäh­rend der Wie­der­einar­bei­tung, dass nichts mehr so flott und unpro­ble­ma­tisch ging wie vor­her. Nun war die Angst da, dass sie wie­der zusam­men­bre­chen könn­te. Auf der Wip­pe stan­den links drei gro­ße Figu­ren: die Erwar­tun­gen des Chefs, die eige­nen Trei­ber aus der Kind­heit („Mach! Streng Dich an!“) und die Erwar­tun­gen der Fami­lie. Rechts stand ein klei­ner Zwerg, der Sport machen und lesen woll­te, aber zu erschöpft war und kei­ne Zeit dafür fand. Die Lösung lag dar­in, der eige­nen Fami­lie mit­zu­tei­len, dass die Per­son nach dem Zusam­men­bruch jemand anders war als vor­her und dass sie nicht mehr allen Erwar­tun­gen ent­spre­chen konn­te. Die Fami­lie reagier­te mit Erwar­tungs­druck, mit Trä­nen und so wei­ter. Die Reak­ti­on war wie­der­um ein hef­ti­ges schlech­tes Gewis­sen mit sehr deut­li­chen Erin­ne­run­gen an Ereig­nis­se aus der Kind­heit, in denen es dar­um ging, den Erwar­tun­gen der Eltern nicht ent­spro­chen zu haben. Die Erleich­te­rung, aus­ge­spro­chen zu haben, dass man jemand ande­res sei, war das ein­zi­ge, was half, das schlech­te Gewis­sen zu ertragen.

Die Lini­en-Metho­de

Linienmethode_1

Von Irvin Yalom stammt die fol­gen­de, eben­falls recht „exis­ten­zia­lis­ti­sche“ Metho­de: Man zeich­ne einen Strich und mar­kie­re mit je einem Sym­bol die Geburt am Anfang und den Tod am Ende der Linie. Dann mar­kie­re man mit Hil­fe eines Kreu­zes die­je­ni­ge Posi­ti­on auf der Linie, von der man glaubt, dass sie etwa dem gegen­wär­ti­gen Lebens­al­ter ent­spricht (bei­spiels­wei­se: „Halb­zeit“). Dann schrei­be man unter die Linie die fünf, sechs Din­ge, die einem im Leben am wich­tigs­ten sind. Das Wich­tigs­te am Anfang, die weni­ger wich­ti­gen Din­ge dann je nach ein­ge­schätz­ter Rele­vanz auf den ent­spre­chen­den Posi­tio­nen. Nun kommt der wich­tigs­te Schritt: Strei­chen Sie nun die ers­te Posi­ti­on durch. Stel­len Sie sich dann Ihr Leben vor, wie es ohne das, was Ihnen am wich­tigs­ten ist, wäre. Neh­men Sie sich Zeit, ver­set­zen Sie sich hin­ein. Was macht das mit Ihnen? Wel­che Gefüh­le oder Gedan­ken gehen Ihnen durch den Kopf? Betrach­ten Sie dann noch ein­mal Ihr Leben, wie es gera­de ist. Hat sich die Per­spek­ti­ve geän­dert? Wel­che Schluss­fol­ge­run­gen zie­hen Sie?

Linienmethode_2

In Ergän­zung der Übung kann es hilf­reich sein, das fol­gen­de Dalai-Lama-Zitat zu reflek­tie­ren: „Es ist bes­ser zu wol­len, was man hat, als zu haben, was man will.“ Die Übung eig­net sich auch, in Wei­ter­bil­dun­gen mit Men­schen, die in Hel­fer­be­ru­fen arbei­ten, das The­ma Empa­thie zu bear­bei­ten. In Hel­fer­be­ru­fen, bei­spiels­wei­se in Fami­li­en­hel­fer­teams oder im Job­cen­ter, hat man es oft mit Men­schen zu tun, denen das Wich­tigs­te im Leben ent­we­der sehr schwie­rig vor­kommt (bei­spiels­wei­se die Fami­lie) oder ganz abhan­den gekom­men ist (bei­spiels­wei­se eine Arbeit als pri­mä­re Quel­le für Sta­tus und Sin­nerle­ben). Wenn man lan­ge mit Men­schen in schwie­ri­gen Lebens­la­gen arbei­tet, kann es pas­sie­ren, dass man beginnt, die Lebens­füh­rung die­ser Men­schen zu bewer­ten. Dann hilft die­se Übung, sich gege­be­nen­falls wie­der bes­ser in Kli­en­tin­nen und Kli­en­ten hineinzuversetzen.

Linienmethode_3

Ver­än­de­re Dei­ne Fragen!

Eine der für mich per­sön­lich wich­tigs­ten Metho­den über­haupt habe ich in einem klu­gen Buch mit dem Titel „Chan­ge your ques­ti­ons!“ gefun­den. Kurz gesagt kann man sich in jeder Situa­ti­on ent­schei­den, ob man die Situa­ti­on bewer­ten möch­te, oder ob man etwas dar­aus ler­nen möch­te. Emo­tio­nen kön­nen als „hand­lungs­vor­be­rei­ten­de Situa­ti­ons­be­wer­tun­gen“ ver­stan­den wer­den. Und in der Regel machen wir uns über unse­re Bewer­tun­gen kei­nen Kopf: wir neh­men etwas wahr und haben eine Emo­ti­on dazu – in all­täg­li­chen Situa­tio­nen bekom­men wir das nicht mit. Emo­tio­na­le Reak­tio­nen sind so nor­mal und auto­ma­ti­siert, dass wir sie nicht steu­ern kön­nen. Wir kön­nen uns höchs­tens beob­ach­ten und uns fra­gen: „Was war das, was ich den­ke, bevor ich es gedacht habe?“ Ganz im Sin­ne von: „Was war das für eine Emo­ti­on, bevor das ein Gedan­ke wur­de?“ Denn: In der Regel wird aus einer Emo­ti­on eine recht direk­te Reak­ti­on und wir machen uns – qua­si im Nach­hin­ein – einen Reim dar­auf. Des­halb weh­ren wir alle mög­li­chen Din­ge, die uns gesagt wer­den, ein­fach ab. „Hast Du mein… gese­hen?“ – „Nee, ich habe es nicht ver­steckt. Was soll ich denn damit?“ Das ist kein Gespräch, son­dern rei­ne Abwehr. Ich habe nicht die Fra­ge ver­stan­den, son­dern sofort reagiert, und zwar mit Selbst­schutz. Wenn mein Gegen­über nun sagt: „Ich woll­te nicht wis­sen, ob Du… genom­men oder ver­steckt hast, ich woll­te wis­sen, ob Du es gese­hen hast, weil ich es suche.“ ant­wor­te ich: „Naja, ich woll­te nur sagen, dass ich es nicht war, weil ich es ja sonst immer bin.“ Sie sehen: es schau­kelt sich hoch, nun haben wir sogar noch das Wort „immer“ ein­ge­baut. Der Tag kann also noch span­nend werden 😉

Die­ses denk­bar belang­lo­se Bei­spiel soll nur die Natur des oben dar­ge­stell­ten Pro­zes­ses ver­deut­li­chen – wir reagie­ren emo­tio­nal. Die Emo­ti­on an sich – also das, was wirk­lich pas­siert, wird dabei kaum zum Gedan­ken. Was hin­ge­gen zum Gedan­ken – und damit über­haupt kom­mu­ni­zier­bar – wird, sind die Din­ge, die wir uns dazu – immer uns selbst schüt­zend – zurecht­le­gen. Aber genau das führt in die Sack­gas­se aus einem Wech­sel­spiel gegen­sei­ti­ger Bewer­tun­gen – natür­lich unbe­wusst bezie­hungs­wei­se auto­ma­tisch. Wenn ich jeman­den nicht über­zeu­gen kann, fra­ge ich mich, was ich falsch gemacht habe. Oder war­um der so blöd ist, das nicht zu ver­ste­hen. Ich ver­las­se aber kei­nes­falls mei­ne Position.

Wenn ich mich nun statt­des­sen fra­ge, was mein Gegen­über eigent­lich will, wel­che Infor­ma­tio­nen ich habe und wel­che viel­leicht noch nicht, wel­che Optio­nen ich habe et cete­ra, dann wird das Gespräch ein völ­lig anderes.

Sie können sich entscheiden, ob Sie eine Situation bewerten möchten oder ob Sie etwas aus einer Situation lernen möchten.
Sie kön­nen sich ent­schei­den, ob Sie eine Situa­ti­on bewer­ten möch­ten oder ob Sie etwas aus einer Situa­ti­on ler­nen möchten.

In pro­ble­ma­ti­schen Situa­tio­nen pas­siert die Eska­la­ti­on sowie­so. Kon­flik­te sind nicht aus der Welt zu schaf­fen – sie pas­sie­ren ein­fach. Die Fra­ge ist, was ich nach einer Eska­la­ti­on mache. Ver­letz­ter Stolz? Gesichts­wah­ren­des Schwei­gen? Die meis­ten erwar­ten, dass die ande­re Sei­te ein­lenkt. Man selbst hät­te ja schon dies oder das… Pus­te­ku­chen. Die ein­zi­gen Men­schen, an deren Hand­lun­gen wir etwas ändern kön­nen, sind wir selbst. Indem wir uns ande­re Fra­gen stel­len. Auf ande­re Gedan­ken kom­men. Indem wir unse­re Emo­tio­nen (die sowie­so pas­sie­ren), in wich­ti­gen Fäl­len im Nach­hin­ein „umden­ken“. Den­ken ist Pro­be­han­deln. Ich kann mir im Kon­flikt (wenn ich das über­haupt schaf­fe, unter Druck ist das Den­ken fast unmög­lich) oder bes­ser danach Fra­gen stel­len, wie sie auf der nach­fol­gend dar­ge­stell­ten Kar­te ver­zeich­net sind. Ich kann mich also immer ent­schei­den, ob ich eine Abkür­zung hin­über auf den „Pfad des Ler­nens“ suche und den „Pfad des Bewer­tens“ verlasse.

Die Landkarte der Wahlmöglichkeiten nach Marilee Adams (2009); Zeichnung: Juliane Wedlich

Pre­sen­cing

Der Begriff des Pre­sen­cings geht auf Otto Schar­mer zurück und meint im Wesent­li­chen eine Ver­bin­dung aus „Hier und Jetzt“ und „nach­spü­ren“. Frü­her, als mir sol­che Din­ge nicht geläu­fig waren, habe ich auf sol­che „qua­si-eso­te­ri­schen“ Metho­den mit etwas reagiert, das man bei gutem Wil­len „boden­stän­di­ge Skep­sis“ nen­nen könn­te. Aber die Erfah­rung lehrt: es ist, wenn es um das eige­ne Stres­ser­le­ben geht oder – all­ge­mei­ner noch – um das eige­ne „Sein in der Welt“, dann kann man tat­säch­lich viel ler­nen, wenn man auf sei­nen eige­nen Atem hört, sich auf sich selbst im „Hier und Jetzt“ kon­zen­triert, lernt, nichts (haben) zu wol­len, son­dern zu sein und so wei­ter. Eine schö­ne Metho­de, sich auf die­sen Weg zu bege­ben und sich selbst auf ande­re, ganz­heit­li­che­re und auch nach­hal­ti­ge­re (bei Schar­mer heißt das „Ego to Eco“) Wei­se ken­nen­zu­ler­nen, bie­tet die fol­gen­de Übung. Ich habe die Übung hier in Anleh­nung an einen Arti­kel von Patrick Kinz­ler in der Zeit­schrift Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung dar­ge­stellt (vgl. Kinz­ler, P. (2014): «Stim­mi­ge» Selbst­ent­wick­lung mit der Theo­rie U. In: Zeit­schrift Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung, Nr. 1/2014. S. 16–17). Eine Dar­stel­lung des all­ge­mei­nen Prin­zips, das hin­ter der Übung liegt, fin­den Sie hier. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber sei gesagt, dass ich nach wie vor ger­ne „boden­stän­dig skep­tisch“ bin, wenn es um sol­cher­lei Übun­gen und Ver­an­stal­tun­gen geht, wie man hier nach­le­sen kann. Doch nun zur Übung:

  1. Down­loading: Spre­chen Sie Ihren Namen laut aus, und zwar so, wie Sie ihn aus­spre­chen, wenn Sie sich jeman­dem vorstellen.
  2. See­ing: Nun atmen Sie tief ein und wie­der aus und sagen ledig­lich Ihren Vor­na­men. Was spü­ren Sie? Wenn Sie wol­len, schnei­den Sie die Übung mit. Hören Sie sich die Auf­nah­me bis hier­her noch ein­mal an. Spü­ren Sie nach, was Sie emp­fin­den. Wel­che posi­ti­ven Emp­fin­dun­gen haben Sie? Gibt es Din­ge, die Ihnen auf­fal­len? Wenn ja, welche?
  3. Sen­sing: Atmen Sie noch ein­mal durch und spre­chen Sie Ihren Vor­na­men zunächst laut­los im Kopf vor sich hin. Danach spre­chen Sie Ihren Vor­na­men bit­te in Ver­bin­dung mit dem Aus­at­men laut aus. Was neh­men Sie wahr? Gibt es viel­leicht Aspekte/Details, die noch nicht stim­mig sind? Wie klingt Ihr Name? Wel­che „alten Din­ge“ (Sachen, die Sie viel­leicht schon hin­ter sich gelas­sen haben) hören Sie viel­leicht noch?
  4. Pre­sen­cing: Nun wie­der­ho­len Sie den letz­ten Schritt (durch­at­men, im Kopf vor­sa­gen), nur dass Sie dies­mal war­ten, bis in Ihnen ein Impuls ent­steht, Ihren Namen zu sagen. Neh­men Sie sich Zeit dafür. Spre­chen Sie erst, wenn der Impuls da ist. Sagen Sie Ihren Namen, wäh­rend Sie aus­at­men. Nun lau­tet die Fra­ge anders: Wel­che Poten­tia­le schwin­gen mit, wenn Sie Ihren Namen sagen? Wel­che Aspek­te wol­len sich da gege­be­nen­falls ent­fal­ten? Was kön­nen Sie in Zukunft stär­ker in Ihr Han­deln inte­grie­ren? Wel­che Kraft schwingt mit, die Sie noch nicht in Gän­ze ken­nen? Oder der Sie viel­leicht bis­her zu wenig Auf­merk­sam­keit geschenkt haben? Schrei­ben Sie Ihre Gedan­ken auf!
  5. Cris­tal­li­zing: Lesen Sie sich Ihre Noti­zen bit­te durch: Wel­che Gedan­ken oder Ideen lösen in Ihnen Reso­nanz aus? Wo ist die­se Reso­nanz am stärks­ten? Was bedeu­tet das für Ihre Zukunft?
  6. Pro­to­typ­ing: Kom­men Sie nun zurück zu Ihrem Namen. Spre­chen Sie die­sen nun mehr­fach laut aus und ver­su­chen Sie, die neu­en Ideen und Poten­tia­le zu inte­grie­ren. Bewe­gen Sie sich gern dabei, wie­der­ho­len Sie die Übung so lan­ge, bis Sie lächeln. Dann über­le­gen Sie, was Sie tun wol­len, um die­se gewon­ne­nen Ideen und Ein­sich­ten in Ihr Leben zu integrieren.
  7. Per­forming: Atmen Sie noch ein­mal tief durch und sagen Sie dann noch ein­mal Ihren Namen, und zwar so, wie Sie sich in Zukunft ande­ren Men­schen gern vor­stel­len wür­den. (Vgl. Kinz­ler 2014)

Bei unge­üb­ten Teil­neh­mern oder am Anfang von Trai­nings soll­te die Übung in klei­nen Grup­pen durch­ge­führt wer­den, damit sich die Teil­neh­mer gegen­sei­tig Rück­mel­dun­gen geben kön­nen (ebd.).

Nun der Voll­stän­dig­keit hal­ber noch zwei Metho­den, die ich zwar erwähnt, aber nicht näher beschrie­ben habe: Edgar Schein hat vor vie­len Jah­ren einen Test ent­wi­ckelt, der Men­schen dabei hel­fen kann, sehr bewusst Kar­rie­re-Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Der Test (Online-Ver­si­on hier) basiert auf einer typen­bil­den­den Explo­ra­ti­on der Kar­rie­ren von Fach- und Füh­rungs­kräf­ten. Es wer­den neun kar­rie­re­be­zo­ge­ne Mus­ter unter­schie­den, so genann­te Kar­rie­re-Anker. Eine wei­te­re, sehr hilf­rei­che Selbst­klä­rungs­me­tho­de ist das arche­ty­pen­ba­sier­te Modell von Eri­ca Ari­el Fox, das wir bereits an ande­rer Stel­le auf die­sem Blog beschrie­ben haben.

Zum Schluss ein Wort zur „so genann­ten“ Work-Life-Balance

Der Begriff unter­stellt, dass Arbeit etwas ande­res wäre als Leben. Oder anders­her­um. Das ist mei­nes Erach­tens Quatsch. Sinn­vol­le Tätig­keit (und des­halb – wenn schon nicht in jedem Fall, dann hof­fent­lich oft genug – auch Arbeit) ist ein Teil des Lebens wie Schlaf auch. Sonst wäre die Bilanz ja gru­se­lig: ein Drit­tel des Lebens wird ver­pennt, ein Drit­tel in die Schu­le gerannt, gear­bei­tet und so wei­ter. Bleibt ein wei­te­res Drit­tel, in dem man dann neben Kin­der­er­zie­hung, Wege zur und von der Arbeit, Gar­ten­ar­beit und so wei­ter noch „leben“ soll. Die­se Per­spek­ti­ve ist nicht hilf­reich. Arbeit soll­te viel­mehr etwas sein, in dem man einen Sinn sieht. Men­schen, die sich ganz auf ihre Arbeit kon­zen­trie­ren, denen es um die Arbeit selbst geht und nicht etwa dar­um, was man mit der Arbeit alles errei­chen kann (Kar­rie­re, Sta­tus, Geld, die Welt ret­ten etc.), haben am ehes­ten die Chan­ce, glück­lich zu sein. Wobei es dann nicht mehr um Glück im heu­te ver­stan­de­nen Sin­ne geht, son­dern um Sinn:

  1. Kon­zen­trie­re Dich auf das, was vor Dir ist, was Du gestal­ten kannst. Fin­de eine Berufung.
  2. Höre auf, jemand oder etwas in den Augen ande­rer sein zu wollen.
  3. Damit hast Du genug zu tun. Die Balan­ce kommt dann von ganz allei­ne, weil es die Fra­ge nach der Work-Life-Balan­ce dann gar nicht mehr gibt 😉

Und schluss­end­lich, weil ich es nicht las­sen kann, ein wun­der­schö­nes Buch dazu: „The Road to Cha­rac­ter“ by David Brooks

Jörg Hei­dig

PS: Ich bedan­ke mich bei allen, die das Sym­po­si­um „Wie viel Arbeit braucht der Mensch?“ zu einer gelun­ge­nen Ver­an­stal­tung haben wer­den las­sen – bei unse­ren Gäs­ten, mit denen wir sehr anre­gen­de und inter­es­san­te Dis­kus­sio­nen füh­ren durf­ten, und bei allen, die orga­ni­siert und Vor­trä­ge oder Work­shops gehal­ten haben: Her­bert BockGer­mai­ne Haa­seIna JäkelAxel Krü­ger, Tan­ja Mat­thes, Lars OttoMat­thi­as Schmidt, Fabi­an Sta­ros­ta, Mar­kus Will, San­dra Wolf und Ben­ja­min Zips. Herz­li­chen Dank!

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.