Psychohygiene für Helferberufe, Teil 1: Gesprächsmethoden

Im Rah­men eines kürz­lich an einer Mit­tel­schu­le durch­ge­führ­ten Päd­ago­gi­schen Tages ging es um zwei Fra­gen: Was kön­nen Leh­rer

  1. über die bis­he­ri­gen Anstren­gun­gen hin­aus mit beson­ders schwie­ri­gen Situa­tio­nen und
  2. für ihre mit­un­ter unter den hohen Anfor­de­run­gen des päd­ago­gi­schen All­tags lei­den­de (psy­chi­sche) Gesund­heit tun?

Die­se Fra­gen haben in die­sem Fall zwar Leh­rer gestellt, aber es sind nach mei­nen Erfah­run­gen die bei­den gegen­wär­tig häu­figs­ten Fra­gen, die Ange­hö­ri­ge von Hel­fer­be­ru­fen in Wei­ter­bil­dun­gen und Trai­nings stel­len.

Die Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen begin­nen, und das mag zunächst regel­recht pro­fan klin­gen, bei der Bezie­hung zwi­schen der Per­son, die Hil­fe gibt, und jener Per­son, die Hil­fe emp­fängt. Die hel­fen­de Bezie­hung ist dabei von einem Über- bzw. Unter­ord­nungs­ver­hält­nis gekenn­zeich­net. Es geht bei Hil­fe immer zunächst um den Sta­tus der betei­lig­ten Per­so­nen – Men­schen ist in sozia­len Inter­ak­tio­nen sehr wich­tig, ihren (Beziehungs-)Status zumin­dest gleich­ran­gig zu hal­ten oder sogar zu erhö­hen. Vie­le Stö­run­gen in Gesprä­chen erge­ben sich aus dem Umstand, dass der Sta­tus der betei­lig­ten Per­so­nen nicht berück­sich­tigt bzw. gewertschätzt wird. Kommt bei­spiels­wei­se eine Per­son, die Hartz-IV-Leis­tun­gen bezieht, ins Job­cen­ter zu einem Gespräch mit ihrer betreu­en­den Per­son, so ist von vorn­her­ein ein gewis­ses Über- und Unter­ord­nungs­ver­hält­nis gege­ben. Da es nun aber in die­sen Gesprä­chen häu­fig um mög­li­che Ver­än­de­run­gen in der Lebens­füh­rung der betreu­ten Per­son geht, betref­fen die Gesprä­che den sozia­len Sta­tus der Per­son unmit­tel­bar. Wird nun sei­tens der betreu­en­den Per­son Druck ange­wen­det, so ver­rin­gert sich der (oft ohne­hin schon sehr nied­ri­ge) Sta­tus der betreu­ten Per­son noch wei­ter, wor­auf­hin die­se in der Regel mit Selbst­schutz bzw. Wider­stand reagiert. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on ist auf die­se Wei­se oft von vorn­her­ein gestört. Über die Zeit mani­fes­tie­ren sich so regel­rech­te Abwehr­hal­tun­gen und Kon­flik­te.

Bie­te ich also jeman­dem Hil­fe an, so bedeu­tet das für mein Gegen­über, dass sie oder er sich im Fal­le der Annah­me der Hil­fe eine Ebe­ne “nach unten” begibt. Hil­fe anzu­neh­men heißt, sei­nen eige­nen Sta­tus für eine Wei­le unter den der hel­fen­den Per­son zu ord­nen. Damit dies über­haupt mög­lich wird, muss sich zunächst eine trag­fä­hi­ge Bezie­hung zwi­schen den Betei­lig­ten ent­wi­ckeln. Dar­aus folgt, dass eine Bezie­hung zunächst eine wert­schät­zen­de, auf Akzep­tanz der ande­ren Per­son beru­hen­de Grund­la­ge braucht. Hilf­reich sind dar­über hin­aus Wis­sen über die Welt der ande­ren Per­son und die Kennt­nis ihrer per­sön­li­chen Zie­le (die auch dar­in bestehen kön­nen, das Gespräch mög­lichst anstren­gungs- oder ergeb­nis­los zu been­den). Prak­tisch bedeu­tet dies, dass Bezie­hun­gen mit akti­vem Zuhö­ren und vie­len offe­nen Fra­gen begin­nen, um über­haupt erst ein­mal gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis und Respekt her­zu­stel­len. Wird die Bezie­hung fes­ter, wächst die “psy­chi­sche Sicher­heit” auf bei­den Sei­ten, und es wird mög­lich, über “sta­tus­re­le­van­te Din­ge”, also per­sön­li­che Infor­ma­tio­nen, Kon­flik­te oder Pro­ble­me bei der Lebens­füh­rung zu spre­chen. Ohne die beschrie­be­ne Bezie­hungs­grund­la­ge führt eine The­ma­ti­sie­rung der per­sön­li­chen Situa­ti­on zwangs­läu­fig zu Wider­stand, also zum sym­bo­li­schen Schutz der eige­nen Per­son bzw. des Sta­tus quo.

Zur Illus­tra­ti­on sei noch ein ande­rer psy­cho­lo­gi­scher Zusam­men­hang erwähnt: Men­schen erler­nen bereits in ihrer frü­hen Kind­heit eine Rei­he von Reak­tio­nen, die dem Schutz der eige­nen Per­son vor Angst und Gesichts­ver­lust die­nen. Die Psy­cho­ana­ly­se hat die­se Reak­tio­nen “Abwehr­me­cha­nis­men” genannt, ande­re For­schungs­rich­tun­gen nen­nen sol­che Hand­lun­gen etwa “defen­si­ve Rou­ti­nen”. Die Abwehr­re­ak­tio­nen wer­den so früh gelernt und habitu­iert, dass sie spä­ter auto­ma­tisch und kaum mehr bewusst ange­wen­det wer­den. Die in Gesprä­chen zwi­schen Leh­rern und Schü­lern oder zwi­schen Job­cen­ter-Mit­ar­bei­tern und Hartz-IV-Emp­fän­gern häu­fig zu beob­ach­ten­den Wider­stän­de sind nichts ande­res als sol­che Abwehr- bzw. Schutz­re­ak­tio­nen. Pro­ble­ma­tisch ist, dass die­se Wider­stän­de so auto­ma­ti­siert sind, dass die ggf. im Zuge von Klä­rungs­ver­su­chen ange­ge­be­nen Grün­de für die jewei­li­gen Hand­lun­gen ledig­lich ober­fläch­lich die vor­aus­ge­gan­ge­nen Hand­lun­gen der ande­ren Per­son als Ursa­che ange­ben. Auto­ma­ti­sche Abwehr­re­ak­tio­nen wer­den vor allem dann gezeigt, wenn die han­deln­de Per­son unter Druck steht bzw. nega­ti­ve Emo­tio­nen zeigt. Bewuss­te Hand­lun­gen, also etwa die Refle­xi­on der eige­nen Hand­lungs­wei­sen oder das Ler­nen aus Feh­lern, sind hin­ge­gen nur mög­lich, wenn die betref­fen­de Per­son frei von nega­ti­ven Emo­tio­nen ist oder gelernt hat, Unsi­cher­heit zu ertra­gen. Kurz zusam­men­ge­fasst bedeu­tet dies für die erwähn­ten Gesprä­che zwi­schen Leh­rern und Schü­lern bzw. Fall­ma­na­gern und Kun­den, dass Druck zwangs­läu­fig zu Wider­stän­den führt, und dass eine bewuss­te Aus­ein­an­der­set­zung mit Feh­lern, Kon­flik­ten oder ande­ren Pro­ble­men unter Druck nicht mög­lich ist. Damit sich eine Per­son öff­net, bedarf es einer wert­schät­zen­den Gesprächs­grund­la­ge (“hel­fen­de Bezie­hung”), gegen­sei­ti­gen Respekts und Ver­trau­ens. Alle ande­ren Gesprä­che errei­chen zwangs­läu­fig nicht ihr Ziel und enden für die Betei­lig­ten frus­trie­rend. Die mani­fes­ten Wider­stands­hal­tun­gen vie­ler Schü­ler und Lang­zeit­ar­beits­lo­ser einer­seits und das bis­wei­len dra­ma­ti­sche Aus­maß psy­cho­so­ma­ti­scher Beschwer­den sowie der mit­un­ter aus­ge­präg­te Zynis­mus unter Leh­rern und Fall­ma­na­gern ande­rer­seits kön­nen als lang­fris­ti­ge Fol­gen des geschil­der­ten, bei­de Sei­ten frus­trie­ren­den Gesprächs­mus­ters ange­se­hen wer­den.

Wie gelingt es, die­sen Teu­fels­kreis zu durch­bre­chen und für “gesun­de” Bezie­hun­gen und Gesprä­che zu sor­gen?

Ein häu­fig ver­wen­de­ter Satz aus der Welt des Kampf­sports besagt, man sol­le der Wucht des geg­ne­ri­schen Schlags aus dem Wege gehen bzw. sei­ne Kraft für die eige­nen Zwe­cke nut­zen. Wie das im Zwei­kampf funk­tio­niert, ist mir per­sön­lich unbe­kannt geblie­ben, aber was das in Bezug auf Gesprä­che zwi­schen Hel­fern und ihren Kli­en­ten bedeu­tet, lässt sich in etwa wie folgt beschrei­ben:

Das Leben und die Geschich­te eines Kli­en­ten sind kom­plex. Ich wer­de, so sehr ich es auch ver­su­che, kei­ne Mög­lich­keit haben, sie voll­stän­dig zu ver­ste­hen. Des­halb blei­ben jede Mei­nung und jeder auch noch so gut gemein­te Rat­schlag nur Anma­ßun­gen – ers­tens, weil ich nur ein unvoll­stän­di­ges Bild habe, und zwei­tens, weil mein direk­tes Hilfs­an­ge­bot die ande­re Per­son in ihrem Sta­tus ernied­rigt und in ihrer Selbst­kon­trol­le ein­schränkt. Was ich hin­ge­gen tun kann, ist Inter­es­se zu zei­gen und Fra­gen zu stel­len. Wenn ich Wider­stän­de umfas­send akzep­tie­re (Ich kann mir gut vor­stel­len, dass es frus­trie­rend ist, immer hier­her kom­men zu müs­sen.) und sich ankün­di­gen­den Eska­la­tio­nen nichts ent­ge­gen­set­ze außer Ver­ständ­nis, stel­le ich mich gleich­sam “neben” die Rich­tung des Wider­stands. Der Wider­stand rich­tet sich dann nicht gegen mich, son­dern ich “ver­brü­de­re” mich qua Ver­ständ­nis sogar mit dem Wider­stand. Indem ich der Kli­en­tin dann hel­fe, ihre gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on zu erkun­den (Was ist gut dar­an, wie es ist? Was gefällt Ihnen nicht? Darf ich fra­gen, wie Sie zu die­ser Ent­schei­dung gekom­men sind?) und spä­ter mög­li­che Zukünf­te “abzu­klop­fen” (Was pas­siert, wenn gar nichts pas­siert? Was wäre anders, wenn Sie…? Wel­che Optio­nen gehen Ihnen durch den Kopf? Haben Sie das schon­mal jeman­dem erzählt, und wenn ja, was haben die­se Per­so­nen gesagt?), las­se ich ihr ihren Sta­tus und ihre Selbst­kon­trol­le und schaue ihr bei der Selbst­er­kun­dung zu.

Das klingt kurz und ein­fach. In der Pra­xis erfor­dert es – zumin­dest am Anfang – eine star­ke Umstel­lung: Je wich­ti­ger es für eine Per­son in einer Hel­fer­rol­le ist, ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen (Lehr­plan­vor­ga­ben; Kenn­zah­len im Job­cen­ter), des­to weni­ger Druck gilt es aus­zu­üben. Ich habe einen ehe­ma­li­gen säch­si­schen Wirt­schafts­mi­nis­ter mal sagen hören, dass Moti­va­ti­on manch­mal von innen kommt, aber nie von außen. Demo­ti­va­ti­on erscheint in die­sem Zusam­men­hang als eine Fol­ge lang­an­hal­ten­der Frus­tra­ti­on. Druck, wel­cher Art auch immer, ver­stärkt den Frust auf bei­den Sei­ten. Akzep­tiert man hin­ge­gen die Ist-Situa­ti­on eines Kli­en­tin und zeigt ehr­li­che Wert­schät­zung für das, was es wert­zu­schät­zen gibt, ändert sich die Bezie­hung, und offe­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on wird mög­lich. Im Job­cen­ter kann das bedeu­ten, dass eine Kun­din ihre Selbst­zwei­fel offen­legt oder ein Kun­de die Grün­de nennt, war­um er mit der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on ganz zufrie­den ist. Das gilt es dann, zunächst zu akzep­tie­ren. Die lang­fris­ti­ge Wir­kung offe­ner, erkun­den­der Fra­gen ist, dass Men­schen nach einer Wei­le begin­nen, die­se Fra­gen sich selbst und ande­ren zu stel­len. Dann gelingt auch nach­hal­ti­ge Akti­vie­rung.

Es sei noch ein Wort über Sank­tio­nen gesagt: Es gibt Fäl­le, in denen es neben der wert­schät­zen­den Grund­hal­tung, der Akzep­tanz und der Erkun­dung der Lebens­si­tua­ti­on zunächst auch dar­um geht, Gren­zen zu set­zen, die­se auf­zu­zei­gen und damit eine gewis­se Sta­bi­li­tät bzw. Kon­se­quenz zu signa­li­sie­ren. Inso­fern kön­nen auch Sank­tio­nen eine gewis­se hilf­rei­che Wir­kung ent­fal­ten, aber nur, wenn es auch eine Bezie­hung gibt, auf deren Grund­la­ge die wei­te­re Ent­wick­lung the­ma­ti­siert wer­den kann. Zur Sank­ti­on gehört also auch eine wohl­mei­nen­de Ein­la­dung, gemein­sam dar­über zu spre­chen. Die Grund­la­ge bleibt also – sowohl für den posi­ti­ven Fall eines gelin­gen­den Bera­tungs­ge­sprächs als auch für den nega­ti­ven Fall einer kon­se­quen­ten Sank­ti­on – eine trag­fä­hi­ge und ver­bind­li­che Bezie­hung. Wenn Frust der Grund­mo­dus ist, füh­ren Sank­tio­nen nur zu noch mehr Frust.

Wer sich für die Quel­len der bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen bzw. für eine ver­tie­fen­de Lek­tü­re inter­es­siert, fin­det in den fol­gen­den Büchern vie­le prak­ti­sche Model­le und Bei­spie­le: Das nach mei­nem Dafür­hal­ten hilf­reichs­ten Bücher zur Psy­cho­lo­gie des Hel­fens und zur Rol­le des Fra­gens beim Hel­fen hat Edgar Schein geschrie­ben. Die Titel lau­ten “Pro­zess und Phi­lo­so­phie des Hel­fens” und “Hum­ble Inqui­ry”. Das Letz­te­re erscheint zwar erst kom­men­den Okto­ber, aber ich hat­te vor Kur­zem die Gele­gen­heit, Edgar Schein per­sön­lich zu tref­fen und einen Ein­druck von sei­nem neu­en Buch zu gewin­nen. Ed Schein hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sein bereits in frü­he­ren Büchern ver­wen­de­tes und von mir in unse­rem Buch “Pro­zess­psy­cho­lo­gie” auf­ge­grif­fe­nes Kon­zept der “hum­ble inqui­ry” (etwa: nai­ve Befra­gung) wei­ter­ent­wi­ckelt und meint, dass Fra­gen das wich­tigs­te Instru­ment sind, um ande­ren Men­schen oder auch Grup­pen und Orga­ni­sa­tio­nen zu hel­fen. Wir leben, so Schein, in einer “Kul­tur des Mit­tei­lens”, was dazu führt, dass wir vor allem ande­re mit Infor­ma­tio­nen ver­sor­gen, anstel­le uns tat­säch­lich auf die ande­ren Sicht­wei­sen ein­zu­las­sen. Das ist auf den ers­ten Blick nicht schwer zu ver­ste­hen. Aber die Schluss­fol­ge­run­gen sind frap­pie­rend, wenn man die­se Sicht­wei­se ein­mal kon­se­quent auf die eige­nen Bera­tungs­ge­sprä­che anwen­det. Ich erzäh­le dann wohl immer noch zu viel und fra­ge zu wenig… Ein wei­te­res hilf­rei­ches und vor allem höchst prak­ti­sches Buch ist “Moti­vie­ren­de Gesprächs­füh­rung” von Mil­ler & Roll­nick. Im Ori­gi­nal­ti­tel heißt es “Chan­ge Talk”, was den Inhalt bes­ser cha­rak­te­ri­siert. Es geht um eine Gesprächs­hal­tung und um kon­kre­te Gesprächs­tech­ni­ken, die Kli­en­ten dazu moti­vie­ren, ihre eige­ne Situa­ti­on zu erfor­schen, und die es auf der ande­ren Sei­te der helfenden/beratenden Per­son auf exzel­len­te Wei­se ermög­li­chen, gesund zu blei­ben.