Warum geht es bei Kommunikation nicht nur um die Sache an sich, sondern auch und vor allem um Selbstschutz?

Um zu ver­ste­hen, war­um Selbst­schutz eines der grund­le­gen­den Merk­ma­le mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on ist, gestat­ten Sie uns eini­ge klei­ne Aus­flü­ge.

Über­all, wo Men­schen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, gibt es spe­zi­fi­sche „Ver­tei­di­gungs­me­cha­nis­men“, die in der Regel zu Pro­ble­men in der Kom­mu­ni­ka­ti­on und – nach viel­fa­chen frus­trie­ren­den Erfah­run­gen – fast zwin­gend zu stra­te­gi­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on füh­ren. Die stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on soll hier nicht dis­kre­di­tiert wer­den, wird sie jedoch von der „mani­pu­lier­ten“ Sei­te bemerkt, führt dies gege­be­nen­falls zu noch mehr Ablen­kungs­ma­nö­vern und noch mehr ver­deck­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on auf der Gegen­sei­te und damit wie­der­um auch auf unse­rer Sei­te. Dar­aus kann schnell ein eska­lie­ren­der Teu­fels­kreis wer­den. Doch dazu spä­ter noch ein­mal aus­führ­li­cher. Wie gesagt: Gestat­ten Sie uns hier zunächst eini­ge klei­ne Aus­flü­ge, die kla­re Sicht am Ende lohnt sich.

Am Anfang ist der Mensch, was er bekommt (Win­ter­hoff 2008). Am Anfang sind also nur Bedürf­nis­se, und der Mensch ver­fügt zunächst über kei­ner­lei „Gewahr-Sein“ sei­ner selbst oder gar ande­rer Per­so­nen im Sin­ne des­sen, was als Bewusst­sein bezeich­net wird. Wenn dies zutrifft, dann wird deut­lich, war­um die ers­ten – voll­stän­dig vor­sprach­li­chen und des­halb ratio­nal über­haupt nicht zugäng­li­chen – Erfah­run­gen so prä­gend sind. Wenn der Mensch sein Bedürf­nis ist, dann sind sein gan­zes Sein und sei­ne gesam­ten Erfah­run­gen zunächst von der Befrie­di­gung sei­ner Bedürf­nis­se abhän­gig. Bei Nicht­be­frie­di­gung hin­ge­gen ent­ste­hen Ängs­te von exis­ten­ti­el­lem Aus­maß. Es kann wohl als eine der Urfor­men von Angst ange­se­hen wer­den, wenn ein Säug­ling Hun­ger hat und nichts bekommt. Dies ist eine Erfah­rung, gegen die Kin­der noch kei­ne Schutz­me­cha­nis­men haben. Die­sen ursprüng­li­chen Zustand hat Mela­nie Klein den para­no­id-schi­zoi­den Modus genannt. Die­se Bezeich­nung ist hier nicht mit den gleich­na­mi­gen Stö­rungs­be­grif­fen zu ver­wech­seln. Viel­mehr meint Klein damit die Ver­letz­bar­keit der see­li­schen Ent­wick­lung durch zu weni­ge posi­ti­ve bzw. zu vie­le nega­ti­ve Erfah­run­gen. Alle Erfah­rung in die­ser Pha­se ist vor­sprach­lich, und das Kind ver­fügt noch über kei­ner­lei Kon­zept davon, dass die Mut­ter eine ande­re Per­son ist. Das Kind ist „allein auf der Welt“, das heißt, das Bedürf­nis des Kin­des bzw. des­sen Befrie­di­gung oder Nicht-Befrie­di­gung ent­spricht der Welt des Kin­des. Das Kind ist also psy­chisch in gewis­ser Wei­se auf sich allei­ne gestellt, ist sich des­sen aller­dings nicht gewahr, denn es hat noch kei­ne kogni­ti­ve Instanz, die all dies regeln könn­te. Das Kind erfährt die Welt auf einem Spek­trum zwi­schen der Befrie­di­gung von Bedürf­nis­sen und exis­ten­ti­el­len Bedro­hun­gen. Durch den Kon­takt mit der als bedroh­lich erleb­ten Welt tre­ten ers­te psy­chi­sche Dif­fe­ren­zie­run­gen auf. Indem die Psy­che ver­sucht, mit den Bedro­hun­gen umzu­ge­hen bzw. sie zu kon­trol­lie­ren, ent­wi­ckelt sich aus einem Teil des Es eine zwei­te Instanz. Das Ich tritt fort­an als Mitt­ler zwi­schen den Bedürf­nis­sen des Kin­des und der Umwelt auf. Die Her­aus­bil­dung des Ichs bil­det auch die Vor­aus­set­zung für die Kon­zep­tua­li­sie­rung des Selbst und des Ande­ren, also die Erfah­rung, dass die Mut­ter eine ande­re Per­son ist als das Kind selbst, und dass sie die Bedürf­nis­se des Kin­des manch­mal befrie­digt und manch­mal nicht.

Wenn (a) sich die Instanz des Ichs lang­sam vom Es dif­fe­ren­ziert und das Kind die Grund­la­gen des Ver­ständ­nis­ses ver­schie­de­ner Per­so­nen ent­wi­ckelt, und wenn (b) wäh­rend der ers­ten Pha­se (para­no­id-schi­zoi­der Grund­mo­dus) genü­gend posi­ti­ve Erfah­run­gen gesam­melt wur­den, dann besteht die Chan­ce für einen wei­te­ren wich­ti­gen Ent­wick­lungs­schritt. Die­ser Schritt besteht dar­in, die Ambi­va­lenz der Erfah­run­gen mit der Mut­ter zu bewäl­ti­gen. Mal ist die Mut­ter anwe­send und damit die Quel­le von Nähe und Bedürf­nis­be­frie­di­gung. Mal ist sie abwe­send und dadurch furcht­ein­flö­ßen­de Aus­lö­se­rin exis­ten­ti­el­ler Bedro­hun­gen. Bei­de Erfah­run­gen müs­sen in ein und der­sel­ben Per­son ver­or­tet wer­den. Wenn die­se Her­aus­for­de­rung gelingt, ist der Grund­stein für das gelegt, was als Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz bezeich­net wird – eine der zen­tra­len Funk­tio­nen des Ichs als der psy­chi­schen Instanz, die zwi­schen den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen und der Außen­welt ver­mit­telt. Mela­nie Klein hat die­se Ent­wick­lungs­stu­fe den depres­si­ven Modus genannt und damit die Fähig­keit zur Inte­gra­ti­on äußerst ambi­va­len­ter Erfah­run­gen (sowohl posi­ti­ver als auch nega­ti­ver Erleb­nis­se) in das­sel­be Kon­zept (die Per­son der Mut­ter) bezeich­net. Das Adjek­tiv „depres­siv“ hat hier wie­der­um nichts mit dem gleich­na­mi­gen Stö­rungs­bild zu tun.

Das psy­chi­sche Gesche­hen wäh­rend des ers­ten und zum Teil auch des zwei­ten Lebens­jah­res ver­läuft voll­stän­dig vor­sprach­lich. Gesche­hen in die­ser Zeit psy­chi­sche Ver­let­zun­gen, so wie­gen die­se beson­ders schwer, denn sie betref­fen die psy­chi­sche Ent­wick­lung in ihrer grund­le­gen­den Pha­se und sind spä­ter mit sprach­li­chen Mit­teln kaum bear­beit­bar.

Aus den bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen wird deut­lich, wie wich­tig aus­rei­chend posi­ti­ve Erfah­run­gen eines Kin­des wäh­rend der ers­ten Lebens­jah­re sind. Aller­dings – und dies wird oft weni­ger betont – ist die Erfah­rung der eige­nen Gren­zen eben­falls von ele­men­ta­rer Bedeu­tung für die Ent­wick­lung. Die Welt des Kin­des ent­spricht, wie wir gese­hen haben, am Anfang mehr oder min­der sei­nen Bedürf­nis­sen – das Kind ist, was es bekommt. In die­ser Zeit wer­den die ers­ten Grund­la­gen für eine psy­chi­sche Dif­fe­ren­zie­rung gelegt, die in die Her­aus­bil­dung des Ichs als zwei­te psy­chi­sche Instanz neben dem Es mün­det. Ein ande­rer psy­cho­ana­ly­ti­scher Begriff für die Selbst­be­zo­gen­heit ins­be­son­de­re des ers­ten Lebens­jah­res ist der des pri­mä­ren Nar­ziss­mus‘. Der pri­mä­re Nar­ziss­mus bezeich­net die zwangs­läu­fi­ge Auf-sich-selbst-Gewor­fen­heit des Kin­des in den frü­hen Ent­wick­lungs­sta­di­en – das Kind ist gleich­sam sei­ne Welt, weil es noch über kei­ne psy­chi­schen Dif­fe­ren­zie­run­gen ver­fügt, die zwi­schen sich und ande­ren bzw. der äuße­ren Welt unter­schei­den könn­ten. Wenn nun aus­rei­chend posi­ti­ve Erfah­run­gen mög­lich sind, ver­läuft die Ent­wick­lung ohne Beein­träch­ti­gun­gen, möch­te man mei­nen. Doch dem ist nicht immer so, wie Micha­el Win­ter­hoff (2008) ein­drucks­voll dar­stellt. Über die posi­ti­ven Grund­er­fah­run­gen hin­aus sind auch Grenz­erfah­run­gen für eine gelin­gen­de psy­chi­sche Ent­wick­lung not­wen­dig. Wer­den die­se Grenz­erfah­run­gen im Sin­ne all­ge­mein gül­ti­ger Regeln bzw. des­sen, was ein Kind nicht darf, nicht gemacht, ver­bleibt das Kind im Zustand des pri­mä­ren Nar­ziss­mus. Dies äußert sich, indem ande­re Men­schen nicht als eigen­stän­di­ge Wesen, son­dern als Teil der eige­nen Welt betrach­tet wer­den. Ursa­che dafür ist der feh­len­de Ent­wick­lungs­schritt, über die Inte­gra­ti­on von ambi­va­len­ten Erfah­run­gen – zunächst mit der Mut­ter und dann mit ande­ren Men­schen – Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz zu erler­nen. Wer­den dem Kind kei­ne Gren­zen gesetzt, kann es kei­ne oder zu weni­ge der besag­ten ambi­va­len­ten Erfah­run­gen machen, und die Inte­gra­ti­on der Ambi­va­lenz in ein Kon­zept („Die Mut­ter ist manch­mal da, dann ist alles gut. Aber manch­mal ist sie auch nicht da, das ist zwar nicht gut, aber es ist trotz­dem die­sel­be Per­son, die mich liebt und die ich lie­be.“) kann nicht erreicht wer­den. Nach Win­ter­hoff (2008) kann sol­che eine fehl­ge­hen­de Ent­wick­lung in die Unfä­hig­keit, ande­re Men­schen als selbst­stän­di­ge, gleich­be­rech­tig­te Wesen zu behan­deln, mün­den. Ande­re Per­so­nen wer­den dann behan­delt, als sei­en sie Teil der eige­nen Welt. Eine Ten­denz zur Unfä­hig­keit sich unter­zu­ord­nen und ein gering aus­ge­präg­tes Durch­hal­te­ver­mö­gen auf­grund feh­len­der Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz sind dann ent­spre­chen­de Fol­gen.

Das Bei­spiel des Ver­blei­bens im pri­mä­ren Nar­ziss­mus ver­weist auf einen wei­te­ren wich­ti­gen psy­chi­schen Ent­wick­lungs­schritt. Der zuneh­men­de Kon­takt mit der Umwelt führt immer wie­der zu Kon­flik­ten zwi­schen den Impul­sen des Es und dem, was die Umwelt erlaubt. Die Erfah­run­gen mit die­sen Kon­flik­ten füh­ren mit der Zeit (etwa zwi­schen dem zwei­ten und drit­ten Lebens­jahr) zu einer wei­te­ren Dif­fe­ren­zie­rung des psy­chi­schen Appa­rats. Das Über-Ich geht als die Instanz der Regeln und Ver­bo­te, der Moral und der gesell­schaft­li­chen Nor­men aus dem Ich her­vor. Nach der Vor­stel­lung Freuds übt das Über-Ich dau­ernd Druck auf das Ich aus, um das Es unter Kon­trol­le zu hal­ten.

Das Es löst nach der psy­cho­ana­ly­ti­schen Vor­stel­lung mehr oder min­der dau­ernd Kon­flik­te aus, und zwar in zwei­er­lei Hin­sicht. Zunächst rich­ten sich die Impul­se auf die Umwelt, und das Ich hat als Anpas­sungs­in­stanz die Auf­ga­be, zwi­schen den Impul­sen des Es und der – ggf. bedroh­li­chen – Umwelt zu „ver­mit­teln“. Dabei bringt das Ich zunächst eine wei­te­re psy­chi­sche Instanz her­vor, die dem Ich bei der Anpas­sungs­leis­tung mit Regeln und Nor­men behilf­lich ist: Im Über-Ich wer­den die nor­mie­ren­den Ein­flüs­se von Eltern, Erzie­hern und Gesell­schaft wirk­sam. Dem Ich obliegt nun die immense Auf­ga­be, die Bedro­hun­gen der Umwelt, die Impul­se des Es und den Druck des Über-Ichs zu inte­grie­ren. Zum Umgang mit die­sen in ihrem Aus­maß angst­aus­lö­sen­den Impul­sen bzw. zur Reduk­ti­on des durch die Gegen­sätz­lich­keit der Anfor­de­run­gen ent­ste­hen­den Drucks ent­wi­ckelt das Ich Abwehr­me­cha­nis­men, die ver­hin­dern, dass das gan­ze ambi­va­len­te Aus­maß der Impul­se bewusst wird. Abwehr­me­cha­nis­men sind dem­nach im posi­ti­ven Sin­ne als Anpas­sun­gen an die Rea­li­tät zu ver­ste­hen. So macht ein Kind bspw. mehr­fach die Erfah­rung der Ableh­nung und wird dar­auf­hin schritt­wei­se Mecha­nis­men ent­wi­ckeln, sich fort­an anders zu ver­hal­ten. Der wohl bekann­tes­te Abwehr­me­cha­nis­mus ist die Ver­drän­gung – „was zu gro­ße Angst aus­löst, fin­det fort­an nicht mehr statt“, zumin­dest nicht bewusst. Das bezieht sich sowohl auf furcht­erre­gen­de Fak­to­ren der Rea­li­tät, indem angst­aus­lö­sen­de Ele­men­te gleich­sam aus dem bewuss­ten Abbild der Wirk­lich­keit ent­fernt und ins Unbe­wuss­te ver­drängt wer­den, als auch auf die­je­ni­gen Impul­se des Es, die zu star­ken Kon­flik­ten füh­ren – etwa indem das Ich lernt, den Impuls zu ver­drän­gen, die Mut­ter zu has­sen, um wie­der Zunei­gung zu erfah­ren.

Ver­drän­gung: Auf der Grund­la­ge unan­ge­neh­mer oder sogar schmerz­haf­ter Erfah­run­gen lernt ein Mensch, Vor­stel­lun­gen, die ent­we­der mit einem bestimm­ten, in der betref­fen­den Situa­ti­on nicht aus­leb­ba­ren Bedürf­nis ver­bun­den sind oder die mit mora­li­schen Maß­ga­ben in Kon­flikt ste­hen, ins Unbe­wuss­te zu ver­drän­gen. Da die Vor­stel­lun­gen und Impul­se dadurch jedoch nicht ein­fach ver­schwin­den, ist immer ein gewis­ser Auf­wand an psy­chi­scher Ener­gie not­wen­dig, die Ver­drän­gung auf­recht zu erhal­ten.

Pro­jek­ti­on: Der Abwehr­me­cha­nis­mus der Pro­jek­ti­on bewirkt, dass eine Per­son Emp­fin­dun­gen und Wün­sche, die sie an sich selbst uner­träg­lich fin­det, zunächst leug­net. Bis hier­her ähnelt der Vor­gang der Ver­drän­gung. Das Spe­zi­fi­sche an der Pro­jek­ti­on ist, dass die (im Unbe­wuss­ten wirk­sam blei­ben­den) Gefüh­le und Impul­se unbe­wusst einer ande­ren Per­son zuge­schrie­ben wer­den. Bei­na­he klas­si­sche Bei­spie­le sind beson­ders domi­nan­te Men­schen, die ihre eige­ne Aggres­si­vi­tät leug­nen und dafür ande­re Men­schen als beson­ders domi­nant und aggres­siv kri­ti­sie­ren. Den Mecha­nis­mus der Pro­jek­ti­on gibt es auch in umge­kehr­ter Rich­tung (Intro­jek­ti­on), indem sich eine Per­son, um bestimm­te Situa­tio­nen zu bewäl­ti­gen, Gefüh­le und Ver­hal­tens­wei­sen ande­rer Per­so­nen in sich hin­ein­pro­ji­ziert und so emp­fin­det und han­delt, wie die ande­re Per­son ver­meint­lich emp­fun­den und gehan­delt hät­te.

Sub­li­mie­rung: Man­che Impul­se kön­nen aus mora­li­schen (ethi­sche Ver­bo­te, gesell­schaft­li­che Nor­men oder Tra­di­tio­nen) oder sozia­len (bspw. wenn Ableh­nung oder gar Aus­schluss dro­hen) Grün­den nicht aus­ge­lebt wer­den. Gibt man die­sen Impul­sen hin­ge­gen ein sozi­al akzep­tier­tes Ziel, wird es mög­lich, die­sen Wün­schen den­noch nach­zu­ge­ben – bspw. in dem man sie mit einer beruf­li­chen Rol­le „umhüllt“. Die klas­si­sche Vari­an­te: Sadis­mus „läßt sich zum Bei­spiel in Beru­fen wie Metz­ger, Chir­urg oder Poli­zist abre­agie­ren“ (Muc­chiel­li 1980, S. 14).

Ver­schie­bung: Man­che Impul­se kön­nen gegen­über bestimm­ten „Objek­ten“ – zumeist Per­so­nen, es kann sich aber auch um Insti­tu­tio­nen oder Grup­pen oder Objek­te aus ande­ren Kate­go­ri­en han­deln – nicht rea­li­siert wer­den – ggf. weil dies nach­tei­li­ge Kon­se­quen­zen für die betref­fen­de Per­son hät­te. Die mit dem betref­fen­den Objekt ver­bun­de­nen Affek­te und Hand­lungs­im­pul­se wer­den von die­sem Objekt gelöst und auf ein ande­res über­tra­gen. So kann es bspw. sein, dass ein Mit­ar­bei­ter wütend über einen Kol­le­gen ist. Der betref­fen­de Kol­le­ge wird aber vom Team sehr geschätzt. Ihn anzu­grei­fen hät­te also ggf. nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Stand des Mit­ar­bei­ters. Die­ser nun „ver­schiebt“ sei­ne Wut auf einen ande­ren Kol­le­gen, den zu beschul­di­gen im Kreis der Kol­le­gen ohne Gefahr für den eige­nen Sta­tus mög­lich ist. Die­se Per­son dient nun als Sün­den­bock. Der Abwehr­me­cha­nis­mus der Ver­schie­bung funk­tio­niert nicht nur mit aggres­si­ven Affek­ten, son­dern auch mit Angst, etwa indem die Angst vor einem Vor­ge­setz­ten auf eine ande­re Per­son oder die Angst vor einem Fami­li­en­mit­glied auf eine bestimm­te Klas­se von Objek­ten (bspw. alle Tie­re, die ein Fell haben) über­tra­gen wird. Ist die Angst­über­tra­gung beson­ders mani­fest, spricht man auch von „pho­bi­scher Fixie­rung“.

Von erfolg­rei­cher Pro­blem­lö­sung zu unbe­wuss­ten Hand­lungs­mus­tern

Im Lau­fe ihrer Ent­wick­lung – wäh­rend der Kind­heit und des Her­an­wach­sens und wäh­rend der ers­ten beruf­li­chen Lern­pro­zes­se – sind Men­schen mit einer Viel­zahl von Pro­ble­men kon­fron­tiert, die sie lösen müs­sen. Aus den ers­ten Ver­su­chen der Pro­blem­lö­sung bil­den sich lang­sam Mus­ter her­aus, wie ein Mensch an die ihm gestell­ten Auf­ga­ben her­an­geht. Die erfolg­rei­chen Mus­ter – zu denen auch Abwehr­me­cha­nis­men gehö­ren – fes­ti­gen sich mit der Zeit und geben der betref­fen­den Per­son ein Gefühl von Sicher­heit in Bezug auf kom­men­de Her­aus­for­de­run­gen. Es liegt in der Natur des Men­schen, nicht an jede neue beruf­li­che Situa­ti­on oder jede neue Bezie­hung – sei es Freund­schaft oder Lie­be – auch neu her­an­zu­ge­hen. Viel­mehr greift man auf das bereits erlern­te Reper­toire an Hand­lungs­stra­te­gi­en zurück. Vie­les in die­sem Reper­toire fes­tigt sich mit den Jah­ren soweit, dass es nicht mehr in Fra­ge gestellt wird. Aus erfolg­rei­chen Hand­lungs­stra­te­gi­en wer­den habitu­ier­te (= zur Gewohn­heit gewor­de­ne und damit weni­ger bewuss­te) Hand­lungs­stra­te­gi­en. Kommt es nun zu einer Situa­ti­on des Wan­dels und damit zu neu­en Her­aus­for­de­run­gen, so wer­den Men­schen zunächst auf ihre geläu­fi­gen Hand­lungs­wei­sen zurück­grei­fen und die­je­ni­gen Aspek­te der Her­aus­for­de­rung, die tat­säch­lich neu sind, aus­blen­den bzw. ver­mei­den. Der Anreiz für ein der­ar­ti­ges Ver­mei­dungs­ver­hal­ten liegt in der Redu­zie­rung von Angst, die durch neue Situa­tio­nen zwangs­läu­fig aus­ge­löst wird. Wider­stän­de bei Ver­än­de­run­gen haben also eine Schutz­funk­ti­on – indem man die ver­meint­li­chen Risi­ken der Ver­än­de­rung aus­blen­det, lebt man angst­frei­er.