Was sind Emotionen, und wie gehen Polizisten mit Emotionen um?

Der fol­gen­de Text gehört zu mei­ner Vor­le­sung zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­lo­gie an der Hoch­schu­le der Säch­si­schen Poli­zei in Rothen­burg. Soll­ten Sie sich für alle Bei­trä­ge zu die­ser Vor­le­sung inter­es­sie­ren, wer­den Sie hier fün­dig. Sind Sie an ande­ren The­men inter­es­siert, nut­zen Sie bit­te die The­men­lis­te rechts unten. Auf Smart­pho­nes wird die The­men­lis­te ganz unten angezeigt.

Begriff­li­che Klärungen

Emo­tio­nen sind kom­ple­xe phy­sio­lo­gi­sche Reak­ti­ons­mus­ter auf Situa­tio­nen, die vom jewei­li­gen Indi­vi­du­um als bedeut­sam wahr­ge­nom­men wer­den. Sie umfas­sen phy­sio­lo­gi­sche Erre­gung, kogni­ti­ve Pro­zes­se und Ver­hal­tens­re­ak­tio­nen. Emo­tio­nen kön­nen, etwas umgangs­sprach­lich for­mu­liert, als „Situa­ti­ons­be­wer­tun­gen“ eines Orga­nis­mus ver­stan­den wer­den. Oder um es mit Dar­win zu sagen: Emo­tio­nen sind spe­zia­li­sier­te men­ta­le Zustän­de, die den Zweck haben, mit einer bestimm­ten Klas­se wie­der­keh­ren­der Situa­tio­nen in der Welt umzu­ge­hen. Sie die­nen der Orga­ni­sa­ti­on des Ver­hal­tens, indem eine jewei­li­ge Situa­ti­on vor dem Hin­ter­grund der Motiv­la­ge des Indi­vi­du­ums (bspw. Sicherheits‑, Zuge­hö­rig­keits- oder Sta­tus­be­dürf­nis) bewer­tet wird und damit klar wird, wel­che Reak­tio­nen für das Indi­vi­du­um ange­mes­sen sind.

Emo­tio­nen sind also zunächst ein­mal phy­sio­lo­gi­sche Reak­tio­nen. Durch unse­re Fähig­keit, uns ver­mit­tels der Spra­che bzw. des an die Spra­che geknüpf­ten Den­kens uns zu uns selbst „ins Ver­hält­nis zu set­zen“, also uns bewusst zu machen, was um uns her­um und in uns geschieht, kön­nen wir unse­rer Emo­tio­nen gewahr wer­den. Da die phy­sio­lo­gi­schen Reak­tio­nen in der Regel schnel­ler ablau­fen, als wir uns ihrer bewusst wer­den kön­nen, bemer­ken wir unse­re Emo­tio­nen erst, wenn sie bereits da sind. Im Prin­zip bil­det unser Bewusst­sein eine Art Abbild unse­rer Emo­tio­nen. Die­sen bewusst­seins­fä­hi­gen Teil unse­rer emo­tio­na­len Reak­tio­nen nen­nen wir Gefüh­le.

Stim­mun­gen sind über län­ge­re Zeit­räu­me anhal­ten­de Gefühls­fär­bun­gen, also eine Art „Vor­zei­chen“ für die emo­tio­na­le Ver­ar­bei­tung über einen gewis­sen Zeit­raum hin­weg. Die­se emo­tio­na­len Tönun­gen haben in der Regel kei­nen kla­ren Bezug zu einem bestimm­ba­ren Aus­lö­ser, beein­flus­sen aber die Art und Wei­se, wie wir Situa­tio­nen bewerten.

Unter Affek­ten ver­ste­hen wir hin­ge­gen ver­gleichs­wei­se hef­ti­ge und eher kurz­zei­tig auf­tre­ten­de Emo­tio­nen, die einen des­or­ga­ni­sie­ren­den Effekt auf das Erle­ben und Ver­hal­ten eines Indi­vi­du­ums haben kön­nen. Bei­spie­le sind etwa der „Freu­den­tau­mel“ oder ein „Wut­aus­bruch“.

Mit dem Begriff der emo­tio­na­len Intel­li­genz ist eine Fähig­keit gemeint, die sich dar­auf bezieht, Emo­tio­nen in ange­mes­se­ner Wei­se zu erken­nen, ein­zu­schät­zen und aus­zu­drü­cken. Emo­tio­nal intel­li­gen­te Men­schen kön­nen Emo­tio­nen gut in ihr Den­ken ein­be­zie­hen und emo­tio­na­les Wis­sen effek­tiv nut­zen. Gleich­zei­tig kön­nen sie ihre eige­nen Emo­tio­nen so kon­trol­lie­ren, dass sie ange­mes­sen reagie­ren können.

Unter Basis­emo­tio­nen ver­ste­hen wir nach Paul Ekman emo­tio­na­le Aus­drü­cke, die uni­ver­sell für die mensch­li­che Spe­zi­es sind (= kul­tur­inva­ri­ant) und dem­entspre­chend eine allen Men­schen glei­che gene­ti­sche Grund­la­ge haben. Die­se Basis­emo­tio­nen sind: Freu­de, Wut, Ekel, Furcht/Angst, Ver­ach­tung, Trau­er, Überraschung.

Les­bar­keit von Gesichtern

Eine für vie­le Men­schen sehr inter­es­san­te Fra­ge im Zusam­men­hang mit Emo­tio­nen ist die nach der „Les­bar­keit“ von Emo­tio­nen in der Mimik. Die Fähig­keit zur Deu­tung von Mimik wird erlernt. Man­che kön­nen mimi­sche Signa­le bes­ser deu­ten als ande­re. So haben etwa Men­schen, die in ihrer Kind­heit stark ver­nach­läs­sigt oder schwer miss­han­delt wur­den, Defi­zi­te beim Lesen von Gesich­tern. Der mimi­sche Aus­druck lässt sich zwar mehr oder weni­ger gut erken­nen, aber er beweist nichts, son­dern kann nur Hin­wei­se auf den emo­tio­na­len Zustand einer Per­son lie­fern. Da emo­tio­na­le Aus­drü­cke mehr oder weni­ger stark sein kön­nen und recht kom­ple­xe mimi­sche Bewe­gungs­mus­ter umfas­sen, ist eine exak­te Zuord­nung schwer. Die Fähig­keit zum Erken­nen kann zwar trai­niert wer­den (machen Sie bei Talk­shows ein­mal den Ton aus), aber mimi­sche Aus­drü­cke dür­fen nicht als „Bewei­se“ ver­stan­den wer­den. Sie wei­sen auf emo­tio­na­le Zustän­de hin. Ein mimi­scher Aus­druck kann schwä­cher oder stär­ker sein und tref­fen­der oder weni­ger zutref­fend erkannt wer­den. Aber es gibt kei­nen Zusam­men­hang zwi­schen mimi­schen Aus­drü­cken und even­tu­el­len „Tat­be­stän­den“ wie bspw. Lügen. Hin­zu kommt, dass der mimi­sche Aus­druck wil­lent­lich beein­flusst wer­den kann, was die Ange­le­gen­heit noch kom­pli­zier­ter macht. An ande­rer Stel­le auf die­sem Blog lesen Sie, inwie­fern kör­per­sprach­li­che Signa­le und die Art und Wei­se des sprach­li­chen Aus­drucks als Hin­wei­se für Lügen auf­ge­fasst wer­den kön­nen. Grob zusam­men­ge­fasst lässt sich sagen, dass (a) die Abwe­sen­heit von Mus­kel­be­we­gun­gen (bspw. feh­len­de oder zu gerin­ge Fal­ten­bil­dung um die Augen beim Lachen) und (b) Unstim­mig­kei­ten zwi­schen dem zeit­li­chen Ablauf des Gesichts­aus­drucks und dem jewei­li­gen Kon­text (bspw. ver­spä­te­te Reak­tio­nen im Gesicht oder „Kon­troll­blick“ vor oder nach dem Dar­stel­len der Emo­ti­on) Hin­wei­se auf vor­ge­täusch­te Emo­tio­nen sein können.

7–38-55-Regel

Von dem ame­ri­ka­ni­schen For­scher Albert Mehrabi­an stammt die The­se, dass, wenn es um den Ein­druck geht, den wir auf ande­re Men­schen machen, das, was gesagt wird (Inhalt), nur einen gerin­gen Anteil der Wir­kung aus­macht, näm­lich sie­ben Pro­zent. In ungleich grö­ße­rem Maße wer­de die Wir­kung von den stimm­li­chen (38 Pro­zent) und mimi­schen (55 Pro­zent) Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­tei­len bestimmt.

Wie gehen Poli­zis­ten mit Emo­tio­nen um?

Es gibt Orga­ni­sa­tio­nen, die 24 Stun­den am Tag funk­tio­nie­ren müs­sen. Poli­zei­dienst­stel­len gehö­ren eben­so dazu wie Ret­tungs­wa­chen, Berufs­feu­er­weh­ren oder Kran­ken­häu­ser. Men­schen, die in sol­chen Orga­ni­sa­tio­nen arbei­ten, kön­nen sich in der Regel nicht aus­su­chen, ob sie eine bestimm­te Auf­ga­be erle­di­gen wol­len oder nicht und ob sie die ggf. damit ver­bun­de­nen Erleb­nis­se haben wol­len oder nicht. Im Ver­gleich zur „Nor­mal­be­völ­ke­rung“ erle­ben Men­schen, die in sol­chen Orga­ni­sa­tio­nen arbei­ten, ver­gleichs­wei­se häu­fig Din­ge, die als emo­tio­nal belas­tend emp­fun­den wer­den kön­nen. Peg­gy Szy­men­der­ski hat die­sen Zusam­men­hang mit Blick auf die Poli­zei als „büro­kra­ti­sches Tri­lem­ma“ bezeich­net und anhand einer Rei­he von Inter­views erforscht, wie Poli­zis­ten mit Emo­tio­nen umgehen.

Das büro­kra­ti­sche Tri­lem­ma lässt sich in etwa wie folgt beschreiben:

  1. Poli­zis­ten müs­sen Regeln befol­gen, mit­un­ter auch sol­che, die sie selbst so nicht set­zen würden.
  2. Poli­zis­ten sind mit­un­ter mit exis­ten­ti­el­len Pro­ble­men kon­fron­tiert, teil­wei­se unter den Augen der Öffentlichkeit.
  3. Poli­zis­ten haben eige­ne Inter­es­sen, Ansich­ten und Ansprüche.

Alle drei Dimen­sio­nen sind bis­wei­len schwer unter einen Hut zu bekom­men. Es kön­nen sich Kon­flik­te zwi­schen die­sen drei Berei­chen erge­ben, die sich dann in einer Art „emo­tio­na­ler Distanz“ äußert (Dis­kre­panz zwi­schen der – ratio­na­len oder/und dienst­li­chen – Logik poli­zei­li­chen Han­delns und dem eige­nen Erle­ben bzw. den eige­nen Bewer­tun­gen). Grund­sätz­lich gibt es zwei Wege, mit sol­chen Span­nun­gen umzugehen:

  1. Ich kann mei­ne Gefüh­le ver­än­dern, sodass sie zu den Nor­men passen.
  2. Ich kann mein Ver­hal­ten ändern, sodass es zu den Gefüh­len passt.

Der Umgang mit den eige­nen Emo­tio­nen wird als „Gefüh­las­ar­beit“ bezeichnet.

Die Ergeb­nis­se ihrer Inter­views hat die For­sche­rin zu fol­gen­den „Typen“ des Umgangs mit Emo­tio­nen zusammengefasst:

  1. „Ver­la­ge­rer“ blen­den im Ein­satz eige­ne und die Gefüh­le ande­rer aus und befas­sen sich damit nach­träg­lich. Hier­bei spielt die Fami­lie eine wich­ti­ge Rol­le, aller­dings bleibt die Über­tra­gung des dienst­li­chen Erle­bens ins Pri­va­te nicht unproblematisch.
  2. „Abweh­r­er“ ver­su­chen, Gefüh­le an sich abpral­len zu las­sen und distan­zie­ren sich von den dienst­li­chen Ereig­nis­sen, indem sie sie abwer­ten, ver­harm­lo­sen oder ratio­na­li­sie­ren (Ent­wick­lung eines „dicken Fells“). Das funk­tio­niert an und für sich recht lan­ge, kann aber ins­be­son­de­re im Pri­vat­le­ben pro­ble­ma­tisch wer­den (bspw. bei Beam­ten, die in Berei­chen mit hoher emo­tio­na­ler Belas­tung arbeiten).
  3. „Oszil­lie­rer“ möch­ten es allen recht machen und reagie­ren weder zu distan­ziert, noch iden­ti­fi­zie­ren sie sich zu stark mit ihrem poli­zei­li­chen Gegen­über. Oszil­lie­rer ver­su­chen, einen Aus­gleich zwi­schen dem per­sön­li­chen Wohl­be­fin­den und den beruf­li­chen Anfor­de­run­gen zu schaf­fen durch die rich­ti­ge Mischung aus emo­tio­na­ler Anteil­nah­me und pro­fes­sio­nel­ler Distanz. Aus­gleich schaf­fen sie vor allem durch posi­ti­ve Erleb­nis­se im Privatleben.
  4. „Stoi­ker“ sehen belas­ten­de Emo­tio­nen als Berufs­ri­si­ko, wes­halb Wider­stands­fä­hig­keit und Här­te aus ihrer Sicht wich­ti­ge Eigen­schaf­ten von Poli­zis­ten sind, um mit belas­ten­den Erleb­nis­sen gut umge­hen zu kön­nen. Eine bei tat­säch­lich belas­ten­den Erleb­nis­sen auf Dau­er feh­len­de Aus­ein­an­der­set­zung mit den ent­spre­chen­den Emo­tio­nen kann zu Miss­trau­en, zu star­ker Distanz und Zynis­mus führen.
  5. „Dif­fus Reagie­ren­de“ berich­ten zwar von vie­len ver­schie­de­nen Stra­te­gien zum Umgang mit Emo­tio­nen, fin­den aber letzt­lich kei­ne für sie tat­säch­lich geeig­ne­te Form für den Umgang mit Belastungen.

Hier fin­den Sie einen aus­führ­li­che­ren Text der For­sche­rin zu die­sem Thema.

Jörg Hei­dig

Veröffentlicht am
Kategorisiert in Psychologie

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.