Warum es manchmal besser ist, den Psychologen selbst zu bezahlen — oder gar nicht erst hinzugehen

Ein Kind macht eine schwe­re Zeit durch, es hat eine see­li­sche Ver­let­zung erlit­ten. Vie­le von uns den­ken: Wir müs­sen mit dem Kind zur Psy­cho­lo­gin, das Kind braucht Hil­fe. Doch das ist — erst­mal und eigent­lich — nur ein Ver­dacht… wird aber in vie­len Fäl­len eben nicht nur als Ver­dacht behan­delt, son­dern als Anlass, sich Hil­fe zu holen. Und weil wir in den meis­ten Fäl­len nur noch ein Kind haben — etwa 53 Pro­zent der deut­schen Min­der­jäh­ri­gen sind, Stand heu­te, Ein­zel­kin­der — wird alles Mög­li­che zum Anlass: Wir wol­len sicher­ge­hen. Wir ver­las­sen uns kei­nes­wegs auf Intui­ti­on. Intui­ti­on ist unge­nau. Das ist ver­ständ­lich, ver­ur­sacht aber min­des­tens „Kol­la­te­ral­schä­den“.

Wer kann denn eigent­lich ein­schät­zen, ob das Kind nicht viel­leicht doch wider­stands­fä­hig ist und womög­lich gar kei­ne Hil­fe braucht? Der Psy­cho­lo­ge, den man auf­sucht? Nun, wenn der den Ter­min abrech­nen will, muss er etwas in sei­ne Soft­ware ein­tra­gen, damit er über­haupt etwas abrech­nen kann. Die Ver­wal­tungs­soft­ware ver­langt eine Dia­gno­se. Aber was ist, wenn es weder eine Trau­ma­ti­sie­rungs- noch eine Belas­tungs­wahr­schein­lich­keit gibt? In der Soft­ware steht nichts von „Es wur­de nur der Nor­mal­fall fest­ge­stellt“ oder „Es gibt Schlim­me­res“. In der Regel gilt: Wenn man zur Psy­cho­lo­gin geht, fin­det sie etwas. Sie kann ja erst­mal gar nicht anders. Denn eine Psy­cho­lo­gin, die über die Kran­ken­kas­se abrech­net, ist – ob sie will oder nicht – Gefan­ge­ne eines Sys­tems, das ohne Dia­gno­se nicht funktioniert.

Gleich­zei­tig gibt es kei­ne gene­rel­le Trau­ma­ti­sie­rungs- oder Belas­tungs­wahr­schein­lich­keit. Vie­le Men­schen ste­cken selbst star­ke Belas­tun­gen rela­tiv ein­fach weg, blei­ben sta­bil. Aber wenn wir mehr oder min­der gene­rell davon aus­ge­hen, dass es „für alle Fäl­le“ bes­ser sei, Hil­fe zu orga­ni­sie­ren, dann kön­nen wir gar nicht mer­ken, dass die Per­son ggf. gar kei­ne Hil­fe braucht, weil die Hel­fer in der Regel ja gar kei­ne Mög­lich­keit haben fest­zu­stel­len, dass kei­ne oder nur ein biss­chen Hil­fe benö­tigt wird.

Das „Pro­blem“ ist dabei weni­ger die Soft­ware des The­ra­peu­ten, also dass die Soft­ware eine Dia­gno­se ver­langt. Das „Pro­blem“ ergibt sich ggf. erst aus dem Ein­trag bei der Kran­ken­kas­se. Ein­mal ein­ge­tra­gen, bleibt die­ser Ein­trag. Er beglei­tet das Kind in eine Zukunft, von der die Eltern noch nicht wis­sen, wel­che Tore sich durch die Dia­gno­se in der Zukunft ggf. ein­mal schlie­ßen kön­nen: Spä­tes­tens bei Eig­nungs­fest­stel­lun­gen oder Sicher­heits­über­prü­fun­gen für bestimm­te Beru­fe, bei der Risi­ko­ab­schät­zung für bestimm­te Ver­si­che­run­gen — oder bei „Zugangs­kon­trol­len“, die sich zukünf­ti­ge Regie­run­gen noch aus­den­ken könn­ten — bleibt es eine wich­ti­ge Fra­ge, ob ich Hil­fe über die bestehen­den Hel­fer­sys­te­me orga­ni­sie­re, oder ob ich ggf. not­wen­di­ge Leis­tun­gen selbst bezah­le oder gar nicht erst in Erwä­gung ziehe.

Wem die „‚Zugangs­kon­trol­len‘, die sich zukünf­ti­ge Regie­run­gen noch aus­den­ken könn­ten“ viel­leicht als zu „hef­tig“ oder „unan­ge­mes­sen“ for­mu­liert erschei­nen — hier ein viel­leicht unwahr­schein­li­ches, viel­leicht all­zu dys­to­pi­sches Bei­spiel: Was wäre, wenn man das Ren­ten­ein­tritts­al­ter an die Lebens­er­war­tung kop­peln wür­de (wie es heu­er schon vor­ge­schla­gen wur­de) — und zwar nicht nur durch­schnitt­lich bzw. sta­tis­tisch, son­dern indi­vi­du­ell? Mög­lich wäre das bereits. Wir scan­nen bestimm­te Gen-Mar­ker, fra­gen nach Gewohn­hei­ten, che­cken den All­ge­mein­zu­stand — und her­aus kommt eine indi­vi­du­el­le Lebens­er­war­tung. Wer gesund lebt und gesund bleibt, müss­te län­ger arbei­ten, wer Pech hat und eher krank wird oder es „kra­chen“ lässt, kann (oder muss) eher raus.

So wäre das Sys­tem aber nicht gemeint, oder? 😉 Soli­da­ri­tät für jene, die „eher raus“ müs­sen — was heißt hier müs­sen, was heißt hier Soli­da­ri­tät? Wer es „kra­chen lässt“, müss­te doch län­ger arbei­ten, oder? Genau: Die sprich­wört­li­che Kat­ze beißt sich, wie so oft die­ser Tage, in den sprich­wört­li­chen Schwanz. 😉

Es sein ein­mal sehr deut­lich gesagt: Was nicht über die offi­zi­el­len Mecha­nis­men gezo­gen wur­de, steht in kei­ner Akte. Das kann spä­ter ggf. ein­mal wich­tig sein.

Und dann kommt noch die Wir­kung der Metho­de selbst hin­zu: „Willst Du mir erzäh­len, was los war? Wol­len wir gemein­sam noch ein­mal zu dem Moment zurückgehen?“

Manch­mal schafft sol­che „Ver­tie­fung“ über­haupt erst eine „Ver­ge­gen­wär­ti­gung der Pro­blem­wahr­neh­mung“ und eine ent­spre­chen­de „Kate­go­ri­sie­rung“ des Ereig­nis­ses. Oder anders: Manch­mal ent­steht die Zuschrei­bung „Pro­blem“ erst durch die Ver­tie­fung, durch eine gewis­se „Aus­he­be­lung“ der natür­li­chen, intui­ti­ven Mechanismen.

Wie man durch psy­cho­lo­gi­sche Gesprächs­tech­nik bspw. Kin­der zu Aus­sa­gen über Ereig­nis­se bewegt, die so nie statt­ge­fun­den haben, lesen Sie in dem Buch „Nichts als die Wahr­heit“ von Max Stel­ler.

Böse Rand­be­mer­kung:
Wir reden seit ca. 20 Jah­ren viel über Resi­li­enz. Was wir mit die­ser The­ma­ti­sie­rung m.E. aber geschaf­fen haben, ist nicht etwa mehr Wider­stands­kraft oder Sta­bi­li­tät, son­dern eine Absen­kung der durch­schnitt­li­chen Belas­tungs­ein­tritts­schwel­le bei heu­te jün­ge­ren Menschen.

Sie glau­ben das nicht?

Der durch­schnitt­li­che Kran­ken­stand steigt seit eini­gen Jah­ren, und die emp­fun­de­ne Arbeits­be­las­tung ist zum Kün­di­gungs­grund Nr. 1 gewor­den. Noch vor weni­gen Jah­ren war der Kün­di­gungs­grund Nr. 1 das Ver­hal­ten der vor­ge­setz­ten Person.

Nun gibt es hier zwei mög­li­che Interpretationen.

Vari­an­te 1: Die Men­schen gehen seit Coro­na nicht mehr so oft krank auf Arbeit. Sie blei­ben eher zuhau­se, wenn sie krank sind.

Vari­an­te 2: Die seit Coro­na höhe­re Akzep­tanz von Krank­schrei­bun­gen und der gerin­ge­re Auf­wand haben eine Gele­gen­heit geschaf­fen, die vie­le nutzen.

Es ist schwer her­aus­zu­fin­den, was nun stimmt. Am Ende bleibt es Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che. Fakt ist: Der Kran­ken­stand hat sich seit Coro­na rund ver­an­dert­halb­facht. Und: Jün­ge­re las­sen sich seit­her häu­fi­ger krank­schrei­ben als Älte­re. Hin­zu kommt: Deutsch­land liegt im Welt­maß­stab ver­gleichs­wei­se vorn. Ist es der „ehr­li­che­re Umgang“ mit Belas­tun­gen — oder ist es die Gele­gen­heit, die „Die­be“ macht? Fin­den Sie Ihre eige­ne Ant­wort.
(Rand­be­mer­kung Ende)

Der natür­li­che Impuls des Men­schen rich­tet sich auf Verdrängung.

War­um ist das so?

Das Unter­be­wusst­sein exis­tiert viel län­ger (Mil­lio­nen Jah­re) als das an der Sprach­funk­ti­on des Gehirns hän­gen­de Bewusst­sein (viel­leicht 70.000, viel­leicht 100.000 Jah­re). Das Unter­be­wusst­sein steu­ert uns recht zuver­läs­sig — und hält unse­re Sta­bi­li­tät auf­recht. Wenn wir die­se sehr alten Mecha­nis­men durch per­ma­nen­te The­ma­ti­sie­rung poten­ti­el­ler Belas­tun­gen hin­ter­fra­gen, machen wir uns damit nicht sta­bi­ler. Im Gegen­teil: Wir blei­ben vor allem dank unse­res Unter­be­wusst­seins stabil.

Also gilt es in den meis­ten Fäl­len, die Mecha­nis­men des Unter­be­wusst­seins — und also Ver­drän­gung — zu unter­stüt­zen. Ein Ret­tungs­dienst­mit­ar­bei­ter bleibt län­ger gesund und sta­bil, wenn man nach belas­ten­den Ereig­nis­sen sei­ne intui­ti­ven Ver­drän­gungs­me­cha­nis­men unter­stützt — und nicht etwa durch ver­tie­fen­de Erör­te­rung destabilisiert.

Das gilt, wie gesagt, für die meis­ten Fäl­le. Es gilt aller­dings nicht für tat­säch­lich signi­fi­kan­te, poten­ti­ell trau­ma­ti­sie­ren­de Situa­tio­nen. Wie man den Unter­schied erkennt? Das ist eine schwe­re Auf­ga­be, die wir an ande­rer Stel­le aus­führ­lich beant­wor­tet haben. 

Kurz zusam­men­ge­fasst: Man muss, spä­tes­tens als Füh­rungs­kraft, die Kom­pe­tenz ent­wi­ckeln, zwi­schen „nor­ma­len“ belas­ten­den Situa­tio­nen und „poten­ti­ell trau­ma­ti­sie­ren­den“ Situa­tio­nen zu unter­schei­den. Das Unter­schei­dungs­merk­mal liegt aber nicht so sehr in der Situa­ti­on, son­dern in der indi­vi­du­el­len Reak­ti­on auf die poten­ti­ell belas­ten­de Situa­ti­on. Man muss sich als Füh­rungs­kraft also die Leu­te anschau­en, genau­er: wie sie reagie­ren. Kom­men die Leu­te klar, sta­bi­li­sie­ren sie sich nach einer Wei­le von selbst? Oder hat die Angst die Hand­lungs­kon­trol­le „geflu­tet“? In letz­te­rem Fall ist eine kurz­fris­ti­ge Inter­ven­ti­on not­wen­dig, idea­ler­wei­se im Zeit­fens­ter von sechs Stun­den. Lesen Sie die­se bei­den Bei­trä­ge, um das genau­er zu differenzieren.

Als The­ra­pie ent­stan­den ist, rich­te­te sie sich auf eher schwe­re Fäl­le — und muss­te den Weg über die Bewusst­wer­dung, die so genann­te „Ver­ar­bei­tung“ neh­men (Psy­cho­ana­ly­se). Wenn wir aber heu­er jede Klei­nig­keit, jeden poten­ti­el­len Anlass mit Metho­den der Bewusst­wer­dung behel­li­gen, machen wir mög­li­cher­wei­se Din­ge, die unser Unter­be­wusst­sein sehr wohl bear­bei­ten kann, zum Gegen­stand der Auf- oder Durch­ar­bei­tung. Und oft genug machen wir an und für sich unschö­ne — aber eben in vie­len Fäl­len: eigent­lich unbe­wusst bear­beit­ba­re oder gar belang­lo­se — Din­ge erst durch die Metho­de selbst zum Dra­ma. Was ein­mal hilf­reich sein soll­te — und zwar in extre­men Fäl­len — wird heu­te oft zum Mecha­nis­mus, der das Pro­blem nicht bear­bei­tet, son­dern erst schafft, weil er die intui­ti­ven Selbst­sta­bi­li­sie­rungs­kräf­te durch (zu viel) Psy­cho­lo­gi­sie­rung außer Kraft setzt.

Wir kom­men aus einem „Zeit­al­ter des Ver­drän­gens“. Die Älte­ren unter uns erin­nern sich noch: „Reiß Dich zusam­men“ als Ant­wort auf wirk­lich schwer zu bewäl­ti­gen­de Situa­tio­nen. Dann der Trend in Rich­tung Auf­ar­bei­tung. Psy­cho­lo­gi­sche Inter­ven­tio­nen als hilf­rei­che Metho­de. Doch wir haben als Gesell­schaft wahr­schein­lich kei­nen Sinn für Gleich­ge­wich­te. Heu­te schaf­fen wir Kin­der und Erwach­se­ne bereits wegen Anläs­sen, die frü­her als „Klei­nig­kei­ten“ abge­tan wor­den wären, zum See­len­klemp­ner. Kaum einer sagt mehr: „Es gibt Schlimmeres.“

Des­halb: Wer sei­ne Kin­der wirk­lich schüt­zen will, muss ein­schät­zen, ob es sich wirk­lich um eine „see­len­klemp­ner-rele­van­te“ Situa­ti­on han­delt, oder um etwas, das man mit intui­ti­ven Mit­teln bear­bei­ten kann. Der Vor­rang liegt m.E. in den meis­ten Fäl­len erst ein­mal bei der Intui­ti­on — weil wir es mit der „Hil­fe“ deut­lich über­trei­ben. Wir psy­cho­lo­gi­sie­ren, anstatt zu hel­fen. Wir dra­ma­ti­sie­ren, anstatt zu sagen: „Das wird schon.“ Natür­lich wird es nicht immer, aber indem wir psy­cho­lo­gi­sie­ren­de Ver­tie­fung in ansons­ten bewäl­tig­ba­re Situa­tio­nen brin­gen, machen wir die Sache in vie­len Fäl­len über­haupt erst zum „Pro­blem“.

Und selbst wenn es sich um eine „see­len­klemp­ner-rele­van­te“ Situa­ti­on han­delt, soll­te man immer noch über­le­gen, ob man die Hil­fe, so sie denn nötig ist, lie­ber aus eige­ner Tasche bezahlt, um sein Kind ggf. vor Spät­fol­gen des Ein­trags in Akten zu schützen.

Das mag befremd­lich klin­gen. Es mag in den Augen man­cher viel­leicht sogar wie ein „Akt des Wider­stands“ wir­ken. Nen­nen wir es „vor­sor­gen­de Dis­kre­ti­on“ oder „elter­li­che Sou­ve­rä­ni­tät“ oder schlicht „Schutz der Biografie“.

Was hier bis­her am Bei­spiel von Kin­dern dar­ge­stellt wur­de, gilt unter Umstän­den auch für Erwach­se­ne — und zwar spä­tes­tens für jene Berufs­grup­pen, deren Tätig­keit von einer gewis­sen see­li­schen Wider­stands­kraft lebt und deren Berech­ti­gun­gen – etwa zum Füh­ren einer Waf­fe – an Nach­wei­se psy­chi­scher Unbe­denk­lich­keit gekop­pelt sind. Ein Ein­trag in der Akte, eine Rou­ti­ne­ab­fra­ge – und plötz­lich steht mehr auf dem Spiel als nur das eige­ne Befinden.

Auch hier kann es klü­ger sein, Psy­cho­lo­gen zu mei­den — oder außer­halb der offi­zi­el­len Ver­fah­rens­we­ge selbst zu suchen und zu bezahlen.

Wün­schens­wert wären m.E. mehr Psy­cho­lo­gen, die das berück­sich­ti­gen und die­se Dif­fe­ren­zie­rung anbieten.

Doch der ent­schei­den­de, der eigent­lich schmerz­haf­te Punkt liegt tie­fer: Wir bli­cken zurück auf eine Zeit, in der es unter Sol­da­ten, Poli­zis­ten, Feu­er­wehr­leu­ten, Ret­tern, Ärz­ten und ande­ren, die berufs­be­dingt öfter mit dem „Abgrund“ zu tun haben, eine Kul­tur des Ver­drän­gens gab: Man sprach nicht dar­über. Die Füh­rungs­kraft sag­te viel­leicht: „Das war hart, aber das wird schon wie­der.“ Und oft ging es tat­säch­lich wie­der — nicht immer, nicht bei jedem, aber in vie­len Fäl­len län­ger und sta­bi­ler, als es heu­te der Fall zu sein scheint.

Die­se Kul­tur des Ver­drän­gens hat­te ihre eige­ne — aus all­zu heu­ti­ger Per­spek­ti­ve viel­leicht: raue — Weis­heit. Der Mensch ist, wie gesagt, von Natur aus eher dar­auf ange­legt, zu ver­drän­gen als zu ver­tie­fen. Und gera­de bei denen, die viel aus­hal­ten müs­sen, scheint es so zu sein, dass zu viel Auf­ar­bei­tung die Sta­bi­li­tät nicht mehrt, son­dern min­dert. Es gibt jedoch Aus­nah­men: jene sel­te­nen, poten­zi­ell trau­ma­ti­sie­ren­den Momen­te, in denen die Hand­lungs­kon­trol­le zu kip­pen droht, die Angst das gesam­te Erle­ben über­flu­tet und der prä­fron­ta­le Kor­tex gleich­sam gelähmt wird. In die­sen Fäl­len – und nur in die­sen – kann eine rasche kogni­ti­ve Sta­bi­li­sie­rung inner­halb der ers­ten Stun­den hel­fen: ein­fa­che Auf­ga­ben, kla­re Fra­gen — kon­kre­te Akti­vi­tä­ten, wel­che die Angst­flut zurück­drän­gen und die Hand­lungs­fä­hig­keit wie­der­her­zu­stel­len hel­fen. Das senkt die Wahr­schein­lich­keit spä­te­rer post­trau­ma­ti­scher Belas­tun­gen. Lesen Sie hier Genaue­res zur prak­ti­schen Vor­ge­hens­wei­se in sol­chen Fällen.

Alles ande­re jedoch – die vie­len belas­ten­den, aber eben nicht kata­stro­pha­len Ein­sät­ze, viel­leicht auch die täg­li­chen Häss­lich­kei­ten des Berufs – soll­te man mög­lichst nicht zu sehr „bear­bei­ten“. Man soll­te das nicht in die Spra­che der The­ra­pie „zwin­gen“. Denn genau dar­in liegt die Mons­tro­si­tät der gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lung: Wir haben die alte Welt des Ver­drän­gens ver­las­sen und sind in eine „Ära der Psy­cho­lo­gi­sie­rung“ ein­ge­tre­ten. Und die­se Psy­cho­lo­gi­sie­rung bewirkt häu­fig das Gegen­teil des­sen, was sie verspricht.

Wo frü­her das Ereig­nis mit der Zeit ver­blass­te, weil man es nicht stän­dig neu erzähl­te, wird es heu­te durch die fort­ge­setz­te Bear­bei­tung, durch das Ver­tie­fen, durch das end­lo­se Krei­sen um den „emo­tio­na­len Zusam­men­hang“ erst rich­tig groß gemacht. Man­che Wun­de heilt nicht, weil man sie stän­dig auf­kratzt. Man­che Belas­tung wird erst zum Trau­ma, weil man sie zum „Pro­jekt“ der eige­nen Selbst­re­fle­xi­on macht. Anstatt zu sagen: „Dir ist etwas Schlim­mes wider­fah­ren. Es ist gut, dass du noch lebst. Es gibt Schlim­me­res. Nun tu, was dir gut­tut, arbei­te, mach wei­ter“ – begibt man sich in eine „nächs­te Sit­zung“ und danach wie­der­um in eine nächs­te — und ver­tieft, ver­tieft, ver­tieft, bis das Ereig­nis Dimen­sio­nen annimmt, die es ursprüng­lich viel­leicht gar nicht hatte.

Das Merk­wür­di­ge ist: Je mehr Psy­cho­lo­gie, je mehr Bera­tung, je mehr Trau­ma­the­ra­pie in die Gesell­schaft sickert, des­to weni­ger resi­li­ent scheint die­se Gesell­schaft zu wer­den. Das stän­di­ge Reden über Resi­li­enz senkt, wie gesagt und para­do­xer­wei­se, die Stress­ein­tritts­schwel­le. Die natür­li­chen Abwehr­me­cha­nis­men – das Schwei­gen, das Wei­ter­ma­chen, das Ver­ges­sen-Kön­nen – wer­den zurück­ge­drängt. Statt­des­sen wächst eine sen­si­bi­li­sier­te, sym­ptom­las­ti­ge, stän­dig auf ihre eige­ne Befind­lich­keit hor­chen­de Hal­tung. Men­schen wer­den nicht robus­ter, sie wer­den zerbrechlicher.

Des­halb ist es manch­mal – und in man­chen Berufs­grup­pen: sogar oft – bes­ser, nichts davon mit Psy­cho­lo­gen zu bespre­chen. Nicht weil man leug­net, dass es belas­tend war, son­dern weil es bes­ser ist, die eige­nen intui­ti­ven Ver­ar­bei­tungs­me­cha­nis­men zu stär­ken, statt sie durch pro­fes­sio­nel­le Ver­tie­fung zu schwächen.

Nur dort, wo jemand in der Kind­heit bereits so sehr sei­ner natür­li­chen Abwehr beraubt wur­de, dass er qua­si kei­ne mehr hat, mag The­ra­pie tat­säch­lich auf­bau­en müs­sen, was fehlt. In den aller­meis­ten ande­ren Fäl­len jedoch beob­ach­te ich etwas ande­res: Die The­ra­pier­ten wer­den nicht sta­bi­ler, son­dern sen­si­bler. Nicht abwehr­stär­ker, son­dern symptomlastiger.

Das alles ist kein gene­rel­les Argu­ment gegen The­ra­pie. The­ra­pie kann hilf­reich sein — aber nur dort, wo sie wirk­lich hingehört.

Ein­schrän­kend sei hin­zu­ge­fügt, dass es sich bei The­ra­pie oft genug nicht um The­ra­pie im eigent­li­chen Sin­ne han­delt, son­dern um eine Bestä­ti­gung der eige­nen Sicht­wei­se (und also eine Ver­stär­kung des Selbst­schut­zes bzw. der eige­nen Abwehr­me­cha­nis­men), wodurch zwar Sta­bi­li­sie­rung erreicht wird — aber eben nicht jene Ergeb­nis­se, die tat­säch­li­che The­ra­pie haben wür­de. Wer sich mit den Resul­ta­ten aus­kennt, weiß, dass die zu bear­bei­ten­den Phä­no­me­ne durch The­ra­pie kaum voll­stän­dig ver­schwin­den, son­dern man oft genug nur lernt, damit zu leben, bes­ser damit umzu­ge­hen und dadurch Leid zu redu­zie­ren. Wenn The­ra­pie gelingt, führt das zu mehr Selbst­re­fle­xi­on, zu einem Erken­nen, zu einem Erler­nen eines gewis­sen Umgangs damit, also bspw. trotz­dem zu leben — und das führt zu einer gewis­sen Zurück­hal­tung und kei­nes­wegs zu einer Ver­stär­kung von Aggres­si­on, Schuld­zu­schrei­bung oder Pro­jek­ti­on. Und so kommt es, dass vie­le „The­ra­pier­te“ im Voll­be­wusst­sein ihrer „Selbst­ver­stär­kungs­er­fah­rung“ (gefühlt) über­all The­ra­pie­be­darf ent­de­cken. Wer nur einen Ham­mer hat, für den ist die Welt vol­ler Nägel. Im „vul­gär-psy­cho­lo­gi­schen“ Fall hau­en wir mit unse­rem auf Ins­ta zurecht­ge­bil­de­ten Küchen­psy­cho­lo­gie-Ham­mer mal auf alles Mög­li­che drauf und schau­en, was pas­siert. Sol­che Hand­lun­gen sind selbst­wert­stei­gernd, haben aber nichts mit The­ra­pie­er­folg zu tun, im Gegenteil.

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.