Masken der Selbstrettung: Über Narzissmus und die Fremdheit des eigenen Lebens

Man kann Nar­ziss­mus rela­tiv leicht mora­li­sie­rend beschrei­ben. Das geschieht heu­er infla­tio­när. Es gibt Tau­sen­de von Social-Media-Accounts, auf denen Men­schen erklä­ren, was „toxi­sche Bezie­hun­gen“ sei­en, wie „Mani­pu­la­ti­on“ funk­tio­nie­re und wor­an man „Nar­ziss­ten“ erken­ne. „Der Nar­zisst“ erscheint dort meist als mani­pu­la­ti­ver Mensch, als Blen­der, als jemand, der ande­re Men­schen benutzt, sich auf Kos­ten ande­rer grö­ßer macht, zu viel Auf­merk­sam­keit braucht und Bezie­hun­gen zerstört.

Das ist in vie­len Fäl­len nicht falsch.

Die ent­spre­chen­den Beschrei­bun­gen sind jedoch häu­fig so all­ge­mein for­mu­liert, dass man am Ende bei­na­he jeden kon­flikt­haf­ten Bezie­hungs­ver­lauf dar­un­ter fas­sen könn­te. Vor allem erklä­ren zu all­ge­mein gehal­te­ne, bis­wei­len regel­recht gene­ra­li­sie­ren­de Zuschrei­bun­gen kaum, war­um bestimm­te Per­sön­lich­keits­mus­ter über­haupt ent­ste­hen und wie­so sie oft gleich­zei­tig mit Leis­tung, Selbst­über­for­de­rung, inne­rer Span­nung, Lee­re und insta­bi­len Bezie­hun­gen ver­bun­den sind. Eben­so unklar bleibt häu­fig die Fra­ge, wie man all­täg­li­che For­men mensch­li­cher Selbst­be­zo­gen­heit von tat­säch­lich schwe­ren nar­ziss­ti­schen Dyna­mi­ken unter­schei­den kann.

Ein gewis­ses Maß an Selbst­be­zo­gen­heit gehört zum mensch­li­chen Leben: Men­schen wol­len gese­hen wer­den. Men­schen wol­len Bedeu­tung erle­ben. Men­schen wol­len Wir­kung ent­fal­ten. Kon­kur­renz um Aner­ken­nung, Eitel­keit und Krän­kung sind kei­ne Aus­nah­me­zu­stän­de, son­dern nor­ma­le Bestand­tei­le des Lebens. Wer so tut, als lie­ße sich die Mensch­heit sau­ber in „Nar­ziss­ten“ und „Nicht-Nar­ziss­ten“ auf­tei­len, beschreibt wahr­schein­lich eher (mora­li­sche) Wunsch­vor­stel­lun­gen als (psy­cho­lo­gi­sche) Realität.

Nar­ziss­mus ist schwer abzu­gren­zen. Das Phä­no­men „schil­lert“. Man­che Men­schen zei­gen nar­ziss­ti­sche Züge, ohne des­halb im eigent­li­chen Sin­ne nar­ziss­tisch zu han­deln. Ande­re wir­ken lan­ge Zeit voll­kom­men unauf­fäl­lig, bis bestimm­te Dyna­mi­ken — etwa in Bezie­hungs­kon­flik­ten, in Kri­sen oder nach Tren­nun­gen — sicht­bar werden.

Häu­fig tritt das Pro­blem über­haupt erst retro­spek­tiv her­vor. Wäh­rend einer lau­fen­den und funk­tio­nie­ren­den Bezie­hung erschei­nen Begeis­te­rung, Inten­si­tät oder Idea­li­sie­rung zunächst als Aus­druck beson­de­rer Nähe. Erst viel spä­ter, oft erst nach einer Tren­nung, ent­steht bei man­chen Betei­lig­ten der Ein­druck, die Bezie­hung habe von Anfang an eine eigen­tüm­li­che Insta­bi­li­tät oder „Eska­la­ti­ons­wahr­schein­lich­keit“ in sich getragen.

Viel­leicht liegt ein ers­ter Feh­ler dar­in, Nar­ziss­mus als etwas grund­sätz­lich Frem­des zu betrach­ten. Vie­le der Ele­men­te, die man heu­te „nar­ziss­tisch“ nennt, gehö­ren in abge­schwäch­ter Form zur nor­ma­len mensch­li­chen Exis­tenz: das Bedürf­nis nach Reso­nanz, die Angst vor Bedeu­tungs­lo­sig­keit, die Sehn­sucht nach Aner­ken­nung, eine gewis­se „Kränk­bar­keit“ oder die Ten­denz, sich selbst in güns­ti­gem Licht zu sehen — oder auch die Schwie­rig­keit, den eige­nen Anteil an Kon­flik­ten voll­stän­dig zu erkennen.

Das „Pro­blem“ ergibt sich weni­ger aus dem Vor­han­den­sein sol­cher Dyna­mi­ken an und für sich, son­dern aus ihrer Zuspit­zung, aus ihrer Rast­lo­sig­keit, aus ihrer jeder­zeit eska­la­ti­ons­be­rei­ten Dynamik.

Nach allem, was ich aus der prak­ti­schen Arbeit mit nar­ziss­ti­schen Füh­rungs­kräf­ten gelernt habe, geht Nar­ziss­mus nicht weg. Man kann im bes­ten Fall ler­nen, das Phä­no­men an sich selbst zu erken­nen — und durch Selbst­re­fle­xi­on und Zurück­hal­tung „ein­zu­he­gen“.

Damit sage ich nicht, dass The­ra­pie unmög­lich wäre. Ich arbei­te nicht als The­ra­peut, son­dern als Orga­ni­sa­ti­ons­psy­cho­lo­ge. Mei­ne Erfah­run­gen sagen nur, dass es schwer ist, an den eigent­li­chen Kern her­an­zu­kom­men — man muss sehr klar kom­mu­ni­zie­ren, darf sich nicht ver­un­si­chern las­sen, muss (bis­wei­len auf intel­lek­tu­ell hohem Niveau) direkt Kon­tra geben. Und es dau­ert lan­ge, bis man an die eigent­li­che Sache her­an­kommt. Am Ende der Gesprä­che steht m.E. nur sel­ten eine tat­säch­li­che Ver­än­de­rung, eher eine gewis­se Erkennt­nis und in der Fol­ge eine gewis­se Zurück­hal­tung.

Aber Vor­sicht: Es bleibt schwer, zwi­schen einer „durch­schnitt­li­chen Selbst­be­zo­gen­heit“ und „tat­säch­li­chem Nar­ziss­mus“ zu unter­schei­den — zumal bspw. Ex-Part­ner ihren eige­nen Anteil an einer Kon­flikt­si­tua­ti­on oder Tren­nung oder an Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men mit einem Ex-Part­ner, bspw. in Bezug auf die gemein­sa­men Kin­der, häu­fig mit Hil­fe einer ener­gisch vor­ge­tra­ge­nen Nar­ziss­mus-Unter­stel­lung mini­mie­ren und sich so selbst ent­las­ten. Das wirkt zwar „selbst­wert­sta­bi­li­sie­rend“ — und mag des­halb „ver­ständ­lich“ erschei­nen —, ist aber des­halb noch lan­ge nicht „rich­tig“.

Bei sol­cher­ma­ßen „schil­lern­den“ Phä­no­me­nen bleibt oft nur der Weg einer „vor­sich­ti­gen Annä­he­rung“. Die­ser Text ver­sucht des­halb, kei­ne „kli­ni­sche“ Defi­ni­ti­on zu lie­fern, son­dern theo­re­ti­sche Über­le­gun­gen, Beob­ach­tun­gen, Pra­xis­er­fah­run­gen, phi­lo­so­phi­sche Gedan­ken und per­sön­li­che Refle­xio­nen so mit­ein­an­der zu ver­flech­ten, dass ein „Pro­to­typ“ sicht­bar wird, der einem im Füh­rungs­all­tag begeg­nen kann — viel­leicht nicht all­zu oft, aber wenn, dann „signi­fi­kant“. Der Text erhebt kei­nen Anspruch auf „Wahr­heit“. Der Text ist eher ein Ver­such, die Kon­tu­ren eines schwer greif­ba­ren und oft ver­wir­ren­den Phä­no­mens sicht­bar zu machen — und zwar mit dem Ziel eines ver­tief­ten Ver­ständ­nis­ses des Phä­no­mens. Wenn Sie sich eher für Pra­xis­emp­feh­lun­gen für Füh­rungs­kräf­te im Umgang mit Men­schen nar­ziss­ti­schen Per­sön­lich­keits­zü­gen inter­es­sie­ren, wer­den Sie in die­sem Text fündig.

Viel­leicht liegt gera­de dar­in bereits ein Pro­blem: Men­schen nei­gen dazu, ihre inne­ren Kon­flik­te in Geschich­ten zu ver­wan­deln. Jede Refle­xi­on ent­hält Deu­tung. Auch Selbst­kri­tik kann wie­der­um der Sta­bi­li­sie­rung eines Selbst­bil­des die­nen. Viel­leicht beginnt der eigent­li­che Nar­ziss­mus gera­de dort, wo Men­schen ihre eige­nen inne­ren Kon­struk­tio­nen nicht mehr als Kon­struk­tio­nen erkennen.

Nar­ziss­ti­sche Struk­tu­ren ent­ste­hen in vie­len Fäl­len aus frü­her Abwer­tung, emo­tio­na­ler Unsi­cher­heit, Gewalt, Insta­bi­li­tät oder einem Milieu, in dem ein Kind nicht nur kri­ti­siert, son­dern in sei­nem Selbst­wert beschä­digt wird. Das bedeu­tet nicht, dass jeder Nar­ziss­mus zwangs­läu­fig auf einem Trau­ma beruht — er kann, und das wird heu­er immer häu­fi­ger, auch aus einer gewis­sen „Über­be­hü­tung“ resul­tie­ren. Der Pro­to­typ wird hier jedoch anhand frü­her Trau­ma­ta deut­lich gemacht.

Men­schen unter­schei­den sich gene­tisch, bspw. hin­sicht­lich ihres Tem­pe­ra­ments. Man­che Men­schen besit­zen von Natur aus ein höhe­res Bedürf­nis nach Auf­merk­sam­keit oder Durch­set­zung. Ande­re genie­ßen Macht schlicht des­halb, weil Macht Hand­lungs­mög­lich­kei­ten erwei­tert oder einem eine gewis­se Distanz oder Ruhe ver­schafft. Nicht jede Form von Ehr­geiz ist Kom­pen­sa­ti­on. Nicht jede Sehn­sucht nach Gran­dio­si­tät ver­birgt Fra­gi­li­tät. Man­che Men­schen han­deln ego­zen­trisch, eitel oder rück­sichts­los, ohne dass sich dahin­ter ein Abgrund ver­birgt. Trotz­dem spie­len in vie­len Fäl­len aus­ge­präg­ter nar­ziss­ti­scher Ver­hal­tens­wei­sen frü­he Bezie­hungs­er­fah­run­gen eine zen­tra­le Rolle.

Kin­der hören nicht ein­fach auf, ihre Eltern zu lie­ben. Selbst unter schwie­ri­gen Bedin­gun­gen suchen sie wei­ter­hin Nähe, Aner­ken­nung und Bin­dung. Wenn die­se Bin­dung jedoch dau­er­haft mit Abwer­tung, emo­tio­na­ler Käl­te, Insta­bi­li­tät oder Gewalt ver­bun­den ist, ent­steht häu­fig eine eigen­tüm­li­che Span­nung: Das Bedürf­nis nach Nähe bleibt bestehen, gleich­zei­tig wird „Nähe“ aber auch mit „Gefahr“ verbunden.

Irgend­wann beginnt eine Form inne­ren Rück­zugs. Der Mensch zieht sich auf sich selbst zurück und ver­sucht, Sta­bi­li­tät aus etwas zu gewin­nen, das weni­ger ver­letz­lich erscheint als zwi­schen­mensch­li­che Bin­dung. Das kann Leis­tung sein — oder Kon­trol­le, Attrak­ti­vi­tät, Intel­li­genz, Macht, Beson­der­heit, Erfolg, mora­li­sche Über­le­gen­heit, ideo­lo­gi­sche Rein­heit, spi­ri­tu­el­le Tie­fe. Auch eine zur Schau getra­ge­ne Ver­letz­lich­keit kann zur Pro­jek­ti­ons­flä­che werden.

Der Mensch ist dann nicht mehr ein­fach nur er selbst, son­dern ent­wi­ckelt ein Ersatz-Bild sei­ner selbst, das trag­fä­hig genug erschei­nen soll, um die inne­re Fra­gi­li­tät zu sta­bi­li­sie­ren. Der Betrof­fe­ne wird der Erfolg­rei­che, der Ein­fluss­rei­che, die Hilf­rei­che, die mora­lisch Über­le­ge­ne, die Beson­ders-Klu­ge oder der Uner­setz­li­che. Das Pro­blem liegt dabei weni­ger in den jewei­li­gen Eigen­schaf­ten selbst als in ihrer sta­bi­li­sie­ren­den Funk­ti­on für das ver­letz­te Ich. Das eigent­lich nar­ziss­ti­sche Mus­ter beginnt wahr­schein­lich dort, wo exter­ne Reso­nanz zum Zwe­cke der eige­nen Sta­bi­li­sie­rung (= zur Bestä­ti­gung des Ersatz-Selbst­bil­des) wich­ti­ger wird als die Sache selbst.

Der betrof­fe­ne Mensch arbei­tet dann nicht mehr nur, weil ihn eine Tätig­keit inter­es­siert, son­dern weil die Reso­nanz auf die jewei­li­ge Tätig­keit sei­nen Selbst­wert stabilisiert.

In Bezie­hun­gen: Der betrof­fe­ne Mensch liebt nicht nur den ande­ren Men­schen, son­dern auch (in schwe­ren Fäl­len: vor allem) das Bild sei­ner selbst in den Augen sei­nes Gegenübers.

Er enga­giert sich ggf. poli­tisch oder ehren­amt­lich oder — heu­er popu­lär — mora­lisch auf­ge­la­den nicht etwa, weil ihm die betref­fen­de Sache oder das Ziel wich­tig wäre, son­dern des­halb, weil ihm die damit ver­bun­de­ne Rol­le Bedeu­tung verleiht.

Dar­in liegt einer der Grün­de, war­um nar­ziss­ti­sche Dyna­mi­ken in der gegen­wär­ti­gen Gesell­schaft so leicht gedei­hen. Sicht­bar­keit wird per­ma­nent belohnt. Auf­merk­sam­keit ist zu einer Wäh­rung gewor­den — war es wahr­schein­lich immer, ist es aber heu­te umso mehr: Men­schen prä­sen­tie­ren nicht mehr nur ihre Leis­tun­gen, son­dern ihre Gefüh­le, ihre Ver­let­zun­gen, ihre Trau­ma­ta, ihre Authen­ti­zi­tät und ihre Refle­xio­nen. Selbst „Ver­letz­lich­keit“ ist zu einer sozia­len Res­sour­ce gewor­den. Ver­letz­lich­keit kann heu­te eben­so iden­ti­täts­stif­tend wir­ken (und Likes gene­rie­ren) wie frü­her Här­te oder Sta­tus. Ein Teil unse­rer Kul­tur besteht aus einer per­ma­nen­ten öffent­li­chen Selbst­deu­tung — wo ich frü­her viel­leicht „Cool­ness“ dar­ge­stellt habe, wäh­le ich heu­te „ver­letz­li­che­re“ Codes.

Und: Ich foto­gra­fie­re mein bana­les All­tags­le­ben, und see­len­lo­se Algo­rith­men sor­gen für einen Hype um mei­ne „epi­sche Durchschnittlichkeit“.

Das bedeu­tet nicht, dass alle Men­schen nar­ziss­tisch sei­en oder dass jede Form von Sicht­bar­keit patho­lo­gisch wäre. Aber unse­re heu­ti­ge Gesell­schaft schafft Bedin­gun­gen, unter denen nar­ziss­ti­sche Mecha­nis­men beson­ders leicht akti­viert und (vor­über­ge­hend, immer wie­der vor­über­ge­hend) sta­bi­li­siert wer­den kön­nen. Sozia­le Medi­en beloh­nen Ver­ein­fa­chung, Sicht­bar­keit, emo­tio­na­le Ver­stär­kung und mora­li­sie­ren­de Selbst­in­sze­nie­rung. Auf­merk­sam­keit erzeugt sozia­le Rück­kopp­lung. Rück­kopp­lung sta­bi­li­siert Selbst­bil­der. Aus Selbst­bil­dern ent­ste­hen wie­der­um Erwar­tun­gen an die eige­ne Iden­ti­tät. Irgend­wann beginnt der Mensch, nicht mehr nur zu leben, son­dern sich selbst beim Leben zuzusehen.

Das tun Nar­ziss­ten mehr oder min­der per­ma­nent, sie mer­ken das nur nicht, weil ihnen eine gewis­se Distan­zie­rung von sich selbst ganz nor­mal vor­kommt. Genau die­se „Distan­zie­rung von sich selbst“ ist es jedoch, die durch zuneh­men­de Indi­vi­dua­li­sie­rung und die Wir­kung sozia­ler Medi­en wahr­schein­li­cher bzw. häu­fi­ger wird.

Viel­leicht erklärt das die eigen­tüm­li­che Erschöp­fung einer wach­sen­den Zahl heu­te leben­der Men­schen, gera­de unter den Jün­ge­ren. Wer stän­dig ein Bild sei­ner selbst ver­wal­ten muss — sei es beruf­lich, mora­lisch, poli­tisch, ästhe­tisch oder psy­cho­lo­gisch — lebt irgend­wann nicht mehr nur, son­dern „per­formt“ fort­lau­fend die eige­ne (bis­wei­len kon­stru­ier­te, teil­wei­se künst­li­che) Existenz.

Unser Unter­be­wusst­sein kennt aber die Unter­schie­de zwi­schen einem „nor­ma­len Selbst­bild“, einem „nar­ziss­ti­schen Ersatz-Selbst­bild“ oder einer in sozia­len Medi­en kon­stru­ier­ten „Per­for­mance-Exis­tenz“ nicht.

Aner­ken­nung wirkt für Nar­ziss­ten wie ein kurz­fris­ti­ges Schmerz­mit­tel; für „Social Per­for­mers“ wirkt Aner­ken­nung eben­so kurz­fris­tig. „Social Per­for­mers“ mögen nicht so süch­tig sein wie ech­te Nar­ziss­ten, aber sie wer­den es, wenn die Per­for­mance eine Wei­le andau­ert. Damit steigt der „Nar­ziss­mus-Index“ der gesam­ten Grup­pe, und zwar ohne dass es die Betrof­fe­nen merken.

Aner­ken­nung beru­higt — aber nur vor­über­ge­hend. Men­schen mit stark aus­ge­präg­tem nar­ziss­ti­schen Hun­ger erle­ben häu­fig kei­ne nach­hal­ti­ge Sta­bi­li­sie­rung durch Erfolg oder Bestä­ti­gung. Die Wir­kung hält nur kurz an. Aus Aner­ken­nung ent­steht des­halb kei­ne Ruhe, son­dern häu­fig ein immer wie­der erneu­er­tes Bedürf­nis: mehr Wir­kung, mehr Bedeu­tung, mehr Reso­nanz, mehr Aufmerksamkeit.

Des­halb „pflü­gen“ man­che Men­schen regel­recht durch ihr Leben. Sie arbei­ten exzes­siv, lie­ben exzes­siv, reflek­tie­ren exzes­siv, ana­ly­sie­ren exzes­siv oder enga­gie­ren sich exzes­siv. Nicht aus Grö­ßen­wahn, son­dern oft aus dem Ver­such her­aus, irgend­wann doch noch ein sta­bi­les Gefühl eige­ner Wer­tig­keit zu errei­chen. Das „live fast, die young“-Motiv der Punk­rock-Bewe­gung mag des­halb zwar „cool“ gewirkt haben, scheint aber eben auch eine Spiel­art eines gewis­sen Nar­ziss­mus’ gewe­sen zu sein.

Das Pro­blem besteht dar­in, dass die „Sta­bi­li­sie­rung durch exzes­si­ves Leben“ struk­tu­rell insta­bil bleibt. Der Hun­ger kehrt zurück — und treibt wei­ter an, zur nächs­ten Leis­tung, zum nächs­ten Exzess.

Viel­leicht liegt dar­in tat­säch­lich eine der inners­ten nar­ziss­ti­schen Dyna­mi­ken: nicht in der weit­hin sicht­ba­ren und des­halb oft kri­ti­sier­ten „offe­nen“ Gran­dio­si­tät, son­dern in der Unfä­hig­keit, inner­lich zur Ruhe zu kommen.

Gleich­zei­tig wäre es ein Feh­ler, jede Form star­ker Leis­tungs­mo­ti­va­ti­on oder jede Form von Ehr­geiz zu „psy­cho­lo­gi­sie­ren“. Kon­kur­renz gehört zum sozia­len Leben. Men­schen wol­len gestal­ten, Ein­fluss neh­men, Spu­ren hin­ter­las­sen. Man­che Men­schen besit­zen schlicht mehr Moti­va­ti­on, mehr Krea­ti­vi­tät und Schaf­fens­kraft, mehr Domi­nanz­stre­ben oder mehr „Lust an Wir­kung“ als ande­re. Nicht hin­ter jedem Wil­len oder jedem „Wil­len zur Macht“ steht Ver­let­zung. Man­che Men­schen genie­ßen Kon­trol­le ein­fach des­halb, weil Kon­trol­le ange­nehm ist. Ande­re Men­schen han­deln ego­is­tisch, eitel oder grau­sam, ohne dass sich dahin­ter ein exis­ten­ti­el­ler Abgrund verbirgt.

Gera­de reflek­tier­te Men­schen nei­gen manch­mal dazu, gewöhn­li­che mensch­li­che Eigen­schaf­ten zu tief erklä­ren zu wol­len. Nicht jede Grau­sam­keit ist kom­pen­sa­to­ri­scher Aus­druck von aus tie­fen Ver­let­zun­gen resul­tie­ren­der Fra­gi­li­tät. Nicht jede Lüge ent­steht aus unbe­wuss­ten mani­pu­la­ti­ven Inter­es­sen. Nicht jede Untreue ent­steht aus „sexua­li­siert-kom­pen­sa­to­ri­schem Wie­der­ho­lungs­zwang“. Men­schen han­deln aus sehr unter­schied­li­chen und oft auch bana­len Grün­den — jemand kann ein­fach „Lust“ gehabt und auf eine mehr oder min­der zufäl­li­ge Gele­gen­heit reagiert haben — das Dra­ma ent­steht erst durch die Fol­gen, und das „epi­sche Dra­ma“ ent­steht erst durch den Ver­such, das Gan­ze im Nach­hin­ein vor sich selbst zu rechtfertigen.

Des­halb ist es oft bes­ser, sei­nem Part­ner oder sei­ner Part­ne­rin von einem Sei­ten­sprung nichts zu erzäh­len, son­dern die Sache mit sich selbst auszumachen.

Jemand kann selbst­be­zo­gen oder oppor­tu­nis­tisch gehan­delt haben oder trä­ge oder rück­sichts­los gewe­sen sein — das sind alles Mus­ter, die unser Unter­be­wusst­sein bei ent­spre­chen­den Gele­gen­hei­ten durch­aus wäh­len wür­de, mit denen unser Bewusst­sein aber in der Fol­ge so lan­ge „kämp­fen“ wür­de, bis das bertref­fen­de Ver­hal­ten in der Nach­be­trach­tung „irgend­wie zwangs­läu­fig“ erscheint.

Tat­säch­lich nar­ziss­ti­sche Hand­lungs­mus­ter rei­chen über „nor­ma­le Eitel­keit“ hin­aus. Es ent­steht häu­fig eine eigen­tüm­li­che Span­nung zwi­schen Sehn­sucht nach Nähe und gleich­zei­ti­ger Unfä­hig­keit, ech­te Nähe dau­er­haft aus­zu­hal­ten. Beson­ders sicht­bar wird das in Beziehungen.

Nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten kön­nen in der Bezie­hungs­an­bah­nung außer­or­dent­lich auf­merk­sam sein. Sie spie­geln ihr Gegen­über inten­siv, hören auf­merk­sam zu, grei­fen For­mu­lie­run­gen auf, über­neh­men Inter­es­sen, erzeu­gen Reso­nanz. Gegen ein sol­ches Maß an Auf­merk­sam­keit kann man sich kaum weh­ren. Wenn dann noch eine gewis­se „Idea­li­sie­rung“ des Gegen­übers, emo­tio­na­le Inten­si­tät und das Gefühl beson­de­rer Ver­bun­den­heit hin­zu­kom­men, ent­steht leicht der Ein­druck, end­lich „dem einen“ Men­schen begeg­net zu sein, der einen „wirk­lich“ versteht.

Vie­les davon gehört aller­dings auch zum nor­ma­len Ver­liebt­heits­pro­zess. Men­schen idea­li­sie­ren ein­an­der. Men­schen spie­geln sich gegen­sei­tig. Men­schen erzeu­gen emo­tio­na­le Ver­stär­kung. Der Unter­schied liegt ver­mut­lich weni­ger im Prin­zip selbst als in dem Kon­trast zwi­schen der anfäng­li­chen Inten­si­tät und der spä­te­ren Instabilität.

Nor­ma­le Ver­liebt­heit tole­riert mit der Zeit Rea­li­tät. Die nar­ziss­ti­sche Vari­an­te schei­tert mit der Zeit häu­fig an Realität.

Das eigent­li­che Pro­blem beginnt oft erst dann, wenn es zu „All­tags­be­las­tun­gen“ kommt. Bleibt der Bezie­hungs­all­tag eini­ger­ma­ßen belas­tungs­arm, hat man bspw. kei­ne Kin­der und gleich­zei­tig genug Geld, bspw. recht regel­mä­ßig zu ver­rei­sen, bleibt auch das hier beschrie­be­ne „eigent­li­che Pro­blem“ in der Regel unent­deckt. Geht es jedoch im All­tag um Ver­ant­wor­tung, Rou­ti­nen, Erschöp­fung, finan­zi­el­le Belas­tun­gen oder Dra­ma­ti­sche­res, zer­stört die emp­fun­de­ne Belas­tung zwangs­läu­fig jene per­ma­nen­te emo­tio­na­le Auf­la­dung, die zu Beginn der Bezie­hung exis­tier­te. Die Bezie­hung ver­liert dadurch ihre Funk­ti­on als dau­er­haf­te Quel­le inten­si­ver Selbst­be­stä­ti­gung. Dann folgt Ent­täu­schung, sehr wahr­schein­lich auch Kränkung.

Der nar­ziss­ti­sche Mensch erlebt nicht sel­ten, unglaub­lich viel inves­tiert zu haben und nun nicht genug zurück­zu­be­kom­men. Das Pro­blem besteht jedoch dar­in, dass er selbst zuvor jenen „Erwar­tungs­raum“ geschaf­fen hat, der dau­er­haft kaum auf­recht­erhal­ten wer­den konn­te. Er hat „den Mond vom Him­mel geholt“, einen „Traum erschaf­fen“, eine „Büh­ne der Beson­der­heit gebaut“ — und erlebt spä­ter den fast zwangs­läu­fi­gen Zusam­men­bruch die­ses Kon­strukts so, als habe das Gegen­über ihn verursacht.

Dar­in liegt ein zen­tra­ler Kern nar­ziss­ti­scher Dyna­mik: Man erschafft selbst eine Struk­tur, aus der man spä­ter her­aus­stürzt — man erlebt den Absturz jedoch als Fol­ge der Hand­lun­gen des Gegen­übers. Das Gegen­über trägt die Schuld, und man hat „gefühlt 1000 Bewei­se“ dafür. Dass man das „zusam­men­stür­zen­de Kar­ten­haus“ selbst geschaf­fen hat, bleibt in den meis­ten Fäl­len unbewusst.

Die aller­meis­ten Men­schen ken­nen sol­che Mecha­nis­men in abge­schwäch­ter Form. Auch gewöhn­li­che Bezie­hun­gen schei­tern an All­tag, Über­for­de­rung oder Ent­täu­schung. Der Unter­schied liegt wahr­schein­lich eher in der Inten­si­tät der (selbst ver­ur­sach­ten) Krän­kung und in der Unfä­hig­keit, den eige­nen Anteil an der Dyna­mik wahrzunehmen.

Weil die Bezie­hung irgend­wann nicht mehr genug Reso­nanz lie­fert, beginnt erneut die Suche nach Sta­bi­li­sie­rung: Arbeit, Macht, Leis­tung, Affä­ren, Akti­vis­mus, Selbst­op­ti­mie­rung — oder eine neue Beziehung.

Man­che Men­schen bewe­gen sich des­halb tat­säch­lich „von Leben zu Leben“.

Viel­leicht erklärt genau das auch die eigen­tüm­li­che Rast­lo­sig­keit vie­ler nar­ziss­ti­scher Per­sön­lich­kei­ten. Sie suchen nicht bloß Unter­hal­tung oder Abwechs­lung, son­dern ein Gefühl eige­ner Leben­dig­keit — aber eben immer wie­der.

Bei der Lek­tü­re eines Romans von Bern­hard Schlink stell­te sich mir vor lan­ger Zeit ein­mal die Fra­ge, ob nicht gera­de Geheim­nis­se vor sich selbst das sind, was vie­le Men­schen — und Nar­ziss­ten im Beson­de­ren — leben lässt, sie sta­bi­li­siert. Spä­ter erschien mir der­sel­be Gedan­ke in ver­än­der­ter Form: Viel­leicht leben vie­le Men­schen nicht nur trotz ihrer Selbst­täu­schun­gen wei­ter, son­dern gera­de auch wegen ihnen.

Das ist kein Plä­doy­er dafür, sich selbst zu belü­gen. Das tun Men­schen ohne­hin. Wahr­schein­lich könn­te kein Mensch voll­kom­men ohne „psy­chi­sche Kon­struk­tio­nen“ leben. Men­schen benö­ti­gen Geschich­ten über sich selbst. Iden­ti­tät besteht ver­mut­lich immer zu Tei­len aus selbst­wert-dien­li­chen Inter­pre­ta­ti­on und/oder eben auch „gewis­sen Lügen“ über sich selbst.

Viel­leicht berührt Nar­ziss­mus des­halb auch etwas All­ge­mei­ne­res. Viel­leicht ver­weist er auf eine spe­zi­fi­sche Grund­span­nung mensch­li­cher Exis­tenz über­haupt. Denn irgend­wann ahnen vie­le Men­schen, dass ihre Rol­len, Selbst­bil­der und Lebens­ent­wür­fe fra­gi­ler sind, als sie lan­ge glaub­ten. Leis­tung, Erfolg, Iden­ti­tät, Bezie­hun­gen oder Moral erschei­nen dann nicht mehr selbst­ver­ständ­lich, son­dern kon­stru­iert. Spitz for­mu­liert: Unter dem Fir­nis der All­tags­er­zäh­lun­gen lau­ert plötz­lich Fremd­heit — oder taucht gar ein „Abgrund“ auf.

Wir sind uns unse­rer selbst bewusst — ohne jemals gefragt wor­den zu sein, ob wir über­haupt exis­tie­ren wol­len.

Man­che Men­schen reagie­ren auf die­se Erfah­rung kaum. Sie leben ein­fach wei­ter. Ande­re reagie­ren mit Akti­vis­mus. Wie­der ande­re mit Kon­trol­le, Leis­tung, Dau­er­be­schäf­ti­gung, Iro­nie oder Rück­zug. Viel­leicht bestehen vie­le Selbst­bil­der letzt­lich aus Ver­su­chen, mit die­ser exis­ten­ti­el­len Span­nung umzugehen.

Hier gilt es nun, vor­sich­tig zu wer­den: Nicht jede Sinn­kri­se ist Nar­ziss­mus. Nicht jede exis­ten­zi­el­le Refle­xi­on ver­weist auf frü­he Ver­let­zung. Men­schen kön­nen auch ohne jeg­li­che Trau­ma­ti­sie­rung an der Fremd­heit oder auch „Absur­di­tät“ des Lebens lei­den. Der Feh­ler vie­ler psy­cho­lo­gi­scher Model­le besteht dar­in, exis­ten­zi­el­le Erfah­rung mehr oder min­der aus­schließ­lich „bio­gra­phisch-ana­ly­tisch“ erklä­ren zu wollen.

Gleich­zei­tig wäre es ver­mut­lich eben­so falsch, exis­ten­zi­el­le Fremd­heit aus­schließ­lich „sys­te­misch“ oder „phi­lo­so­phisch“ zu ver­ste­hen. Men­schen erle­ben das Leben nicht abs­trakt, son­dern kon­kret. Die gro­ßen Fra­gen des Daseins tre­ten im Hör­saal nur theo­re­tisch auf, in kon­kre­ten Situa­tio­nen hin­ge­gen praktisch.

Nietz­sche for­mu­lier­te sinn­ge­mäß die Idee, man sol­le so leben, wie wenn man sein Leben noch ein­mal leben könn­te. Man­che Men­schen wür­den die Ant­wort auf die­se Fra­ge viel­leicht so for­mu­lie­ren: „Ich wür­de den ‚Zir­kus‘ mei­ner Kind­heit nicht noch ein­mal erle­ben wollen.“

Die­ser Gedan­ke mag in vie­len Bio­gra­phien viel älter sein als sei­ne sprach­li­che For­mu­lie­rung (= Bewusst­wer­dung). Zunächst mag der Gedan­ke eher als „dif­fu­se Bewe­gung“ exis­tiert haben: als Wunsch, anders zu sein, als Wunsch nach Distanz, als Wunsch, bestimm­te Erfah­run­gen nie gemacht zu haben. Erst viel spä­ter wur­de dar­aus ein bewuss­ter Gedanke.

Dar­in liegt der Kern psy­cho­ana­ly­ti­scher Arbeit: unbe­wuss­te Bewe­gun­gen über­haupt erst zur Spra­che zu bringen.

Die Psy­cho­ana­ly­se glaubt, dass Ein­sicht Ver­än­de­rung ermög­licht. Das stimmt wahr­schein­lich auch — aber nur zum Teil. In der Psy­cho­ana­ly­se gehen Men­schen Bezie­hun­gen zum The­ra­peu­ten ein, wie­der­ho­len in der the­ra­peu­ti­schen Bezie­hung alte Mus­ter, erle­ben Gren­zen, wer­den kon­fron­tiert, erfah­ren neue For­men von Reso­nanz und ent­wi­ckeln lang­sam ande­re Handlungsmöglichkeiten.

Gleich­zei­tig wäre es naiv zu glau­ben, tief ein­ge­präg­te Dyna­mi­ken ver­schwän­den ein­fach durch the­ra­peu­ti­sche Refle­xi­on oder über­haupt Reflexion.

Spra­che exis­tiert evo­lu­ti­ons­ge­schicht­lich erst seit rela­tiv kur­zer Zeit. Die Mecha­nis­men, die mensch­li­ches Ver­hal­ten steu­ern, sind wesent­lich älter. Men­schen han­deln spä­tes­tens unter Druck unbe­wusst oder intui­tiv — und erklä­ren ihre Ent­schei­dun­gen erst nach­träg­lich ratio­nal, wenn überhaupt.

Das Den­ken liegt nur wie ein dün­ner sprach­li­cher Fir­nis über älte­ren, eben­so unbe­wuss­ten wie intui­ti­ven Pro­zes­sen. Unter Stress, Angst, Krän­kung oder Macht­stre­ben reagie­ren Men­schen oft erstaun­lich archa­isch — und erst anschlie­ßend ent­ste­hen die Geschich­ten, mit denen sie sich ihre Ent­schei­dun­gen erklären.

Men­schen kön­nen ihre Mecha­nis­men erken­nen — und wer­den ihnen den­noch, trotz allen Erken­nens und aller Auf­ar­bei­tung, min­des­tens unter Druck wei­ter fol­gen. Erkennt­nis kann einen dazu brin­gen, ande­re Hand­lungs­op­tio­nen als die „Auto­ma­tis­men“ zu wäh­len, aber dann kommt die nächs­te, über­nächs­te — oder irgend­ei­ne — Druck­si­tua­ti­on… und dann gelingt genau das eben nicht (mehr).

Trotz — oder oft genug: gera­de wegen — The­ra­pie erreicht die „nach­träg­li­che Selbst­le­gi­ti­mie­rung“ ein neu­es Level. Man hat ja sogar auf­ge­ar­bei­tet, und „es“ ist den­noch pas­siert. Aber „es“ darf ja gar nicht mehr pas­siert sein — Stun­den spä­ter: „es“ kann ja gar nicht pas­siert sein, weil ich im Unter­schied zu ande­ren Men­schen mei­nen Kram ja auf­ge­ar­bei­tet habe — und mir der The­ra­peut ja gesagt hat, dass… und so wei­ter. Dann ist man flugs wie­der bei der alten Mecha­nik, ohne es zu mer­ken: Erst über­zeu­ge ich mich selbst, und dann über­zeu­ge ich die ande­ren, und wenn ich die Wir­kung mei­ner Wor­te in den Augen der ande­ren gese­hen habe, gelingt es mir umso bes­ser, selbst dar­an zu glauben.

Auf die­se Wei­se kann sogar Selbst­re­fle­xi­on wie­der­um nar­ziss­tisch funk­tio­na­li­siert wer­den: The­ra­pie kann dann (wäh­rend­des­sen oder im Nach­hin­ein) zur Büh­ne wer­den. … Ver­letz­lich­keit kann zur neu­en Iden­ti­tät wer­den. … Trau­ma kann zum Teil der Selbst­de­fi­ni­ti­on wer­den. … Ver­ar­bei­tung kann zur mora­li­schen Auf­wer­tung des eige­nen Lei­dens füh­ren. … „Tie­fe“ kann zur defen­siv ver­wen­de­ten „Res­sour­ce“ wer­den — und im Zwei­fels­fall zum Waf­fen­ar­se­nal für die Angrif­fe auf Men­schen, mit denen man einen Kon­flikt aus­zu­tra­gen hat.

Gera­de wenn man sich einen gewis­sen „the­ra­peu­ti­schen Sprach­ge­brauch“ aneig­net, der eben­so selbst­re­flek­tie­rend wie psy­cho­lo­gi­sie­rend daher­kommt, kann man sol­che Dyna­mi­ken glei­cher­ma­ßen tar­nen und ver­stär­ken. Die Spra­che „psy­cho­lo­gi­sie­ren­der Selbst­re­fle­xi­on“ hat sich längst weit über The­ra­pie­räu­me hin­aus ver­brei­tet. Men­schen ana­ly­sie­ren fort­lau­fend ihre „Trig­ger“, ihre „Bin­dungs­mus­ter“, ihre „Trau­ma­ta“ und ihre „toxi­schen“ Bezie­hun­gen. Was im (tat­säch­li­chen) Bedarfs­fall hilf­reich sein kann, wächst sich in Tei­len zu einer Rou­ti­ne per­ma­nen­ter Selbst­be­ob­ach­tung und Selbst­hin­ter­fra­gung aus.

In sozia­len Medi­en geteilt, in Bücher geschrie­ben oder eben wie eine Mons­tranz vor sich her­ge­tra­gen, wird dar­aus aber auch eine Selbst­be­stä­ti­gung, eine wei­te­re Sta­bi­li­sie­rung der Boll­wer­ke, die man um sich her­um ohne­hin schon errich­tet hat­te. So wird „The­ra­pie“ nur zur Boll­werk-Schau: man inspi­ziert mit Hil­fe einer The­ra­peu­tin die eige­nen Mau­ern — und ver­stärkt sie anschlie­ßend in der vol­len Über­zeu­gung, dass man selbst — im Unter­schied zu dem oder den ande­ren — sei­ne „Haus­auf­ga­ben“ gemacht habe.

Nicht sel­ten wird dabei die eige­ne Ver­let­zung zum Zen­trum der Iden­ti­tät. Men­schen begin­nen dann, ihre Bio­gra­phie nicht mehr nur zu ver­ste­hen, son­dern sie fort­lau­fend zu per­for­men, weil das funk­tio­nal ist — weil man aus einem Opfer­sta­tus Kapi­tal schla­gen kann, den eige­nen Nar­ziss­mus ver­ber­gen kann, im Opfer­sta­tus TäterIn blei­ben kann, ohne dass es jemand merkt — und so wei­ter. Ver­ar­bei­tung ver­wan­delt sich dann leicht in eine ästhe­ti­sier­te Form der Selbst­deu­tung. Trau­ma wird zum The­ma an und für sich, wenn auch ver­deckt, und die an sich pro­ble­ma­ti­schen, ggf. sogar toxi­schen Wir­kun­gen eines Trau­mas wer­den auf die­se Wei­se legi­ti­miert, wenn nicht sogar stilisiert.

Viel­leicht liegt genau dar­in eine heu­te immer häu­fi­ge­re Vari­an­te nar­ziss­ti­scher Dyna­mik: die Ver­wand­lung ver­meint­lich offe­ner Selbst­re­fle­xi­on in sozia­le Bedeutung.

Vie­le the­ra­peu­ti­sche Pro­zes­se sta­bi­li­sie­ren vor­han­de­ne Selbst­deu­tun­gen eher, als dass sie sie infra­ge stel­len. The­ra­pie erfor­dert (auch) Kon­fron­ta­ti­on; vie­le „The­ra­pien“ ver­die­nen aber den Namen nicht, weil sie sich in Bestä­ti­gung erschöp­fen. Wert­schät­zen­de Bestä­ti­gung ist für bei­de Sei­ten ein­fa­cher: Für die Kli­en­ten­sei­te ist das ange­nehm bestär­kend; für die The­ra­peu­ten­sei­te ist es weni­ger anstren­gend, und die Kli­en­ten sind umso dank­ba­rer und emp­fin­den das als sehr pro­fes­sio­nell, obwohl nur ein klei­ner Teil des­sen gemacht wird, was The­ra­pie eigent­lich pro­fes­sio­nell machen würde.

Tat­säch­li­che Ver­ar­bei­tung erzeugt wahr­schein­lich oft etwas sehr viel Unan­ge­neh­me­res als rei­ne Wert­schät­zung: Zwei­fel an sich selbst.

Viel­leicht erkennt man gelun­ge­ne Auf­ar­bei­tung gera­de dar­an, dass Men­schen vor­sich­ti­ger und vor allem zurück­hal­ten­der wer­den. Weni­ger sicher. Weni­ger aggres­siv. Weni­ger missionarisch.

Fort­ge­setz­te Aggres­si­on spricht häu­fig eher gegen als für Ver­ar­bei­tung. Wenn Men­schen trotz The­ra­pie dau­er­haft ande­re abwer­ten müs­sen, um sich selbst zu sta­bi­li­sie­ren, ist min­des­tens der nar­ziss­ti­sche Anteil der Dyna­mik wahr­schein­lich wei­ter­hin aktiv — durch die The­ra­pie nur eben bes­ser getarnt, also bes­ser vor sich selbst versteckt.

Men­schen ver­ste­hen ihre Mus­ter — und fol­gen ihnen (spä­tes­tens unter Druck) den­noch wei­ter. Ich erken­ne bestimm­te Dyna­mi­ken an mir selbst — und wie­der­ho­le sie teil­wei­se trotz­dem. Ich zie­he mich zurück und erken­ne gleich­zei­tig, dass der Rück­zug selbst bereits Teil jener Struk­tur sein könn­te, die ich zwar pro­ble­ma­tisch fin­de, aber den­noch wie­der­ho­le. Ich ver­su­che, wei­cher zu wer­den — und reagie­re in bestimm­ten Situa­tio­nen den­noch hart oder distanziert.

Viel­leicht liegt genau dar­in eine unan­ge­neh­me Wahr­heit: Selbst­re­fle­xi­on oder The­ra­pie been­den nar­ziss­ti­sche Dyna­mi­ken nicht. Sie tra­gen viel­leicht zu einer gewis­sen Refle­xi­on und Zurück­hal­tung, sicher aber auch zu einer Ver­fei­ne­rung bei.

Denn selbst die Sehn­sucht nach Wahr­haf­tig­keit kann wie­der­um Teil eines Selbst­bil­des wer­den. Men­schen kön­nen sich gera­de über ihre ver­meint­li­che Ehr­lich­keit, ihre Tie­fe oder ihre Scho­nungs­lo­sig­keit gegen­über sich selbst (und eben auch gegen­über ande­ren) als „beson­ders“ erleben.

Viel­leicht besteht das mensch­li­che Leben tat­säch­lich zu grö­ße­ren Tei­len dar­aus, eine Mas­ke durch die nächs­te zu erset­zen. Und viel­leicht liegt die eigent­li­che Schwie­rig­keit nicht dar­in, irgend­wann voll­stän­dig wahr­haf­tig zu wer­den, son­dern dar­in zu akzep­tie­ren, dass selbst der Wunsch nach Ent­lar­vung noch Teil der­sel­ben alten Dyna­mik sein kann: des Wun­sches, sich selbst noch ein­mal als beson­ders zu erleben.

Genau des­halb wer­den wir das Pro­blem wahr­schein­lich nie ganz zu fas­sen kriegen. 😉

Jörg Hei­dig

PS: Was ich in die­sem Text gewis­ser­ma­ßen aus­ge­las­sen habe, und was der Voll­stän­dig­keit hal­ber aber dazu­ge­sagt wer­den müss­te, ist Fol­gen­des: Von Nar­ziss­mus betrof­fe­ne Men­schen kön­nen, so sie denn mit jeman­dem zusam­men gewe­sen sind, auf die oder den die hier geschil­der­ten Kri­te­ri­en mehr oder weni­ger zutref­fen, sich selbst ent­las­ten, indem sie nar­ziss­ti­sche Ten­den­zen umso mehr im Gegen­über erken­nen — und anpran­gern. Eine ganz plat­te Vari­an­te wäre, dem (durch­aus ten­den­ti­ell nar­ziss­ti­schen) Gegen­über ein­fach Pro­jek­ti­on vor­zu­wer­fen. Man tarnt qua­si die eige­ne Pro­jek­ti­on (man kri­ti­siert am ande­ren im Beson­de­ren das, was man an sich selbst nicht lei­den kann) qua­si durch die Unter­stel­lung einer Pro­jek­ti­on. Man lenkt also von Kri­tik am eige­nen Anteil der Dyna­mik ab, indem man dem Gegen­über umso mehr Anteil an der Dyna­mik unter­stellt. Pro­jek­ti­on ersetzt Reflexion. 😉

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.