Man kann Narzissmus relativ leicht moralisierend beschreiben. Das geschieht heuer inflationär. Es gibt Tausende von Social-Media-Accounts, auf denen Menschen erklären, was „toxische Beziehungen“ seien, wie „Manipulation“ funktioniere und woran man „Narzissten“ erkenne. „Der Narzisst“ erscheint dort meist als manipulativer Mensch, als Blender, als jemand, der andere Menschen benutzt, sich auf Kosten anderer größer macht, zu viel Aufmerksamkeit braucht und Beziehungen zerstört.
Das ist in vielen Fällen nicht falsch.
Die entsprechenden Beschreibungen sind jedoch häufig so allgemein formuliert, dass man am Ende beinahe jeden konflikthaften Beziehungsverlauf darunter fassen könnte. Vor allem erklären zu allgemein gehaltene, bisweilen regelrecht generalisierende Zuschreibungen kaum, warum bestimmte Persönlichkeitsmuster überhaupt entstehen und wieso sie oft gleichzeitig mit Leistung, Selbstüberforderung, innerer Spannung, Leere und instabilen Beziehungen verbunden sind. Ebenso unklar bleibt häufig die Frage, wie man alltägliche Formen menschlicher Selbstbezogenheit von tatsächlich schweren narzisstischen Dynamiken unterscheiden kann.
Ein gewisses Maß an Selbstbezogenheit gehört zum menschlichen Leben: Menschen wollen gesehen werden. Menschen wollen Bedeutung erleben. Menschen wollen Wirkung entfalten. Konkurrenz um Anerkennung, Eitelkeit und Kränkung sind keine Ausnahmezustände, sondern normale Bestandteile des Lebens. Wer so tut, als ließe sich die Menschheit sauber in „Narzissten“ und „Nicht-Narzissten“ aufteilen, beschreibt wahrscheinlich eher (moralische) Wunschvorstellungen als (psychologische) Realität.
Narzissmus ist schwer abzugrenzen. Das Phänomen „schillert“. Manche Menschen zeigen narzisstische Züge, ohne deshalb im eigentlichen Sinne narzisstisch zu handeln. Andere wirken lange Zeit vollkommen unauffällig, bis bestimmte Dynamiken — etwa in Beziehungskonflikten, in Krisen oder nach Trennungen — sichtbar werden.
Häufig tritt das Problem überhaupt erst retrospektiv hervor. Während einer laufenden und funktionierenden Beziehung erscheinen Begeisterung, Intensität oder Idealisierung zunächst als Ausdruck besonderer Nähe. Erst viel später, oft erst nach einer Trennung, entsteht bei manchen Beteiligten der Eindruck, die Beziehung habe von Anfang an eine eigentümliche Instabilität oder „Eskalationswahrscheinlichkeit“ in sich getragen.
Vielleicht liegt ein erster Fehler darin, Narzissmus als etwas grundsätzlich Fremdes zu betrachten. Viele der Elemente, die man heute „narzisstisch“ nennt, gehören in abgeschwächter Form zur normalen menschlichen Existenz: das Bedürfnis nach Resonanz, die Angst vor Bedeutungslosigkeit, die Sehnsucht nach Anerkennung, eine gewisse „Kränkbarkeit“ oder die Tendenz, sich selbst in günstigem Licht zu sehen — oder auch die Schwierigkeit, den eigenen Anteil an Konflikten vollständig zu erkennen.
Das „Problem“ ergibt sich weniger aus dem Vorhandensein solcher Dynamiken an und für sich, sondern aus ihrer Zuspitzung, aus ihrer Rastlosigkeit, aus ihrer jederzeit eskalationsbereiten Dynamik.
Nach allem, was ich aus der praktischen Arbeit mit narzisstischen Führungskräften gelernt habe, geht Narzissmus nicht weg. Man kann im besten Fall lernen, das Phänomen an sich selbst zu erkennen — und durch Selbstreflexion und Zurückhaltung „einzuhegen“.
Damit sage ich nicht, dass Therapie unmöglich wäre. Ich arbeite nicht als Therapeut, sondern als Organisationspsychologe. Meine Erfahrungen sagen nur, dass es schwer ist, an den eigentlichen Kern heranzukommen — man muss sehr klar kommunizieren, darf sich nicht verunsichern lassen, muss (bisweilen auf intellektuell hohem Niveau) direkt Kontra geben. Und es dauert lange, bis man an die eigentliche Sache herankommt. Am Ende der Gespräche steht m.E. nur selten eine tatsächliche Veränderung, eher eine gewisse Erkenntnis und in der Folge eine gewisse Zurückhaltung.
Aber Vorsicht: Es bleibt schwer, zwischen einer „durchschnittlichen Selbstbezogenheit“ und „tatsächlichem Narzissmus“ zu unterscheiden — zumal bspw. Ex-Partner ihren eigenen Anteil an einer Konfliktsituation oder Trennung oder an Kommunikationsproblemen mit einem Ex-Partner, bspw. in Bezug auf die gemeinsamen Kinder, häufig mit Hilfe einer energisch vorgetragenen Narzissmus-Unterstellung minimieren und sich so selbst entlasten. Das wirkt zwar „selbstwertstabilisierend“ — und mag deshalb „verständlich“ erscheinen —, ist aber deshalb noch lange nicht „richtig“.
Bei solchermaßen „schillernden“ Phänomenen bleibt oft nur der Weg einer „vorsichtigen Annäherung“. Dieser Text versucht deshalb, keine „klinische“ Definition zu liefern, sondern theoretische Überlegungen, Beobachtungen, Praxiserfahrungen, philosophische Gedanken und persönliche Reflexionen so miteinander zu verflechten, dass ein „Prototyp“ sichtbar wird, der einem im Führungsalltag begegnen kann — vielleicht nicht allzu oft, aber wenn, dann „signifikant“. Der Text erhebt keinen Anspruch auf „Wahrheit“. Der Text ist eher ein Versuch, die Konturen eines schwer greifbaren und oft verwirrenden Phänomens sichtbar zu machen — und zwar mit dem Ziel eines vertieften Verständnisses des Phänomens. Wenn Sie sich eher für Praxisempfehlungen für Führungskräfte im Umgang mit Menschen narzisstischen Persönlichkeitszügen interessieren, werden Sie in diesem Text fündig.
Vielleicht liegt gerade darin bereits ein Problem: Menschen neigen dazu, ihre inneren Konflikte in Geschichten zu verwandeln. Jede Reflexion enthält Deutung. Auch Selbstkritik kann wiederum der Stabilisierung eines Selbstbildes dienen. Vielleicht beginnt der eigentliche Narzissmus gerade dort, wo Menschen ihre eigenen inneren Konstruktionen nicht mehr als Konstruktionen erkennen.
Narzisstische Strukturen entstehen in vielen Fällen aus früher Abwertung, emotionaler Unsicherheit, Gewalt, Instabilität oder einem Milieu, in dem ein Kind nicht nur kritisiert, sondern in seinem Selbstwert beschädigt wird. Das bedeutet nicht, dass jeder Narzissmus zwangsläufig auf einem Trauma beruht — er kann, und das wird heuer immer häufiger, auch aus einer gewissen „Überbehütung“ resultieren. Der Prototyp wird hier jedoch anhand früher Traumata deutlich gemacht.
Menschen unterscheiden sich genetisch, bspw. hinsichtlich ihres Temperaments. Manche Menschen besitzen von Natur aus ein höheres Bedürfnis nach Aufmerksamkeit oder Durchsetzung. Andere genießen Macht schlicht deshalb, weil Macht Handlungsmöglichkeiten erweitert oder einem eine gewisse Distanz oder Ruhe verschafft. Nicht jede Form von Ehrgeiz ist Kompensation. Nicht jede Sehnsucht nach Grandiosität verbirgt Fragilität. Manche Menschen handeln egozentrisch, eitel oder rücksichtslos, ohne dass sich dahinter ein Abgrund verbirgt. Trotzdem spielen in vielen Fällen ausgeprägter narzisstischer Verhaltensweisen frühe Beziehungserfahrungen eine zentrale Rolle.
Kinder hören nicht einfach auf, ihre Eltern zu lieben. Selbst unter schwierigen Bedingungen suchen sie weiterhin Nähe, Anerkennung und Bindung. Wenn diese Bindung jedoch dauerhaft mit Abwertung, emotionaler Kälte, Instabilität oder Gewalt verbunden ist, entsteht häufig eine eigentümliche Spannung: Das Bedürfnis nach Nähe bleibt bestehen, gleichzeitig wird „Nähe“ aber auch mit „Gefahr“ verbunden.
Irgendwann beginnt eine Form inneren Rückzugs. Der Mensch zieht sich auf sich selbst zurück und versucht, Stabilität aus etwas zu gewinnen, das weniger verletzlich erscheint als zwischenmenschliche Bindung. Das kann Leistung sein — oder Kontrolle, Attraktivität, Intelligenz, Macht, Besonderheit, Erfolg, moralische Überlegenheit, ideologische Reinheit, spirituelle Tiefe. Auch eine zur Schau getragene Verletzlichkeit kann zur Projektionsfläche werden.
Der Mensch ist dann nicht mehr einfach nur er selbst, sondern entwickelt ein Ersatz-Bild seiner selbst, das tragfähig genug erscheinen soll, um die innere Fragilität zu stabilisieren. Der Betroffene wird der Erfolgreiche, der Einflussreiche, die Hilfreiche, die moralisch Überlegene, die Besonders-Kluge oder der Unersetzliche. Das Problem liegt dabei weniger in den jeweiligen Eigenschaften selbst als in ihrer stabilisierenden Funktion für das verletzte Ich. Das eigentlich narzisstische Muster beginnt wahrscheinlich dort, wo externe Resonanz zum Zwecke der eigenen Stabilisierung (= zur Bestätigung des Ersatz-Selbstbildes) wichtiger wird als die Sache selbst.
Der betroffene Mensch arbeitet dann nicht mehr nur, weil ihn eine Tätigkeit interessiert, sondern weil die Resonanz auf die jeweilige Tätigkeit seinen Selbstwert stabilisiert.
In Beziehungen: Der betroffene Mensch liebt nicht nur den anderen Menschen, sondern auch (in schweren Fällen: vor allem) das Bild seiner selbst in den Augen seines Gegenübers.
Er engagiert sich ggf. politisch oder ehrenamtlich oder — heuer populär — moralisch aufgeladen nicht etwa, weil ihm die betreffende Sache oder das Ziel wichtig wäre, sondern deshalb, weil ihm die damit verbundene Rolle Bedeutung verleiht.
Darin liegt einer der Gründe, warum narzisstische Dynamiken in der gegenwärtigen Gesellschaft so leicht gedeihen. Sichtbarkeit wird permanent belohnt. Aufmerksamkeit ist zu einer Währung geworden — war es wahrscheinlich immer, ist es aber heute umso mehr: Menschen präsentieren nicht mehr nur ihre Leistungen, sondern ihre Gefühle, ihre Verletzungen, ihre Traumata, ihre Authentizität und ihre Reflexionen. Selbst „Verletzlichkeit“ ist zu einer sozialen Ressource geworden. Verletzlichkeit kann heute ebenso identitätsstiftend wirken (und Likes generieren) wie früher Härte oder Status. Ein Teil unserer Kultur besteht aus einer permanenten öffentlichen Selbstdeutung — wo ich früher vielleicht „Coolness“ dargestellt habe, wähle ich heute „verletzlichere“ Codes.
Und: Ich fotografiere mein banales Alltagsleben, und seelenlose Algorithmen sorgen für einen Hype um meine „epische Durchschnittlichkeit“.
Das bedeutet nicht, dass alle Menschen narzisstisch seien oder dass jede Form von Sichtbarkeit pathologisch wäre. Aber unsere heutige Gesellschaft schafft Bedingungen, unter denen narzisstische Mechanismen besonders leicht aktiviert und (vorübergehend, immer wieder vorübergehend) stabilisiert werden können. Soziale Medien belohnen Vereinfachung, Sichtbarkeit, emotionale Verstärkung und moralisierende Selbstinszenierung. Aufmerksamkeit erzeugt soziale Rückkopplung. Rückkopplung stabilisiert Selbstbilder. Aus Selbstbildern entstehen wiederum Erwartungen an die eigene Identität. Irgendwann beginnt der Mensch, nicht mehr nur zu leben, sondern sich selbst beim Leben zuzusehen.
Das tun Narzissten mehr oder minder permanent, sie merken das nur nicht, weil ihnen eine gewisse Distanzierung von sich selbst ganz normal vorkommt. Genau diese „Distanzierung von sich selbst“ ist es jedoch, die durch zunehmende Individualisierung und die Wirkung sozialer Medien wahrscheinlicher bzw. häufiger wird.
Vielleicht erklärt das die eigentümliche Erschöpfung einer wachsenden Zahl heute lebender Menschen, gerade unter den Jüngeren. Wer ständig ein Bild seiner selbst verwalten muss — sei es beruflich, moralisch, politisch, ästhetisch oder psychologisch — lebt irgendwann nicht mehr nur, sondern „performt“ fortlaufend die eigene (bisweilen konstruierte, teilweise künstliche) Existenz.
Unser Unterbewusstsein kennt aber die Unterschiede zwischen einem „normalen Selbstbild“, einem „narzisstischen Ersatz-Selbstbild“ oder einer in sozialen Medien konstruierten „Performance-Existenz“ nicht.
Anerkennung wirkt für Narzissten wie ein kurzfristiges Schmerzmittel; für „Social Performers“ wirkt Anerkennung ebenso kurzfristig. „Social Performers“ mögen nicht so süchtig sein wie echte Narzissten, aber sie werden es, wenn die Performance eine Weile andauert. Damit steigt der „Narzissmus-Index“ der gesamten Gruppe, und zwar ohne dass es die Betroffenen merken.
Anerkennung beruhigt — aber nur vorübergehend. Menschen mit stark ausgeprägtem narzisstischen Hunger erleben häufig keine nachhaltige Stabilisierung durch Erfolg oder Bestätigung. Die Wirkung hält nur kurz an. Aus Anerkennung entsteht deshalb keine Ruhe, sondern häufig ein immer wieder erneuertes Bedürfnis: mehr Wirkung, mehr Bedeutung, mehr Resonanz, mehr Aufmerksamkeit.
Deshalb „pflügen“ manche Menschen regelrecht durch ihr Leben. Sie arbeiten exzessiv, lieben exzessiv, reflektieren exzessiv, analysieren exzessiv oder engagieren sich exzessiv. Nicht aus Größenwahn, sondern oft aus dem Versuch heraus, irgendwann doch noch ein stabiles Gefühl eigener Wertigkeit zu erreichen. Das „live fast, die young“-Motiv der Punkrock-Bewegung mag deshalb zwar „cool“ gewirkt haben, scheint aber eben auch eine Spielart eines gewissen Narzissmus’ gewesen zu sein.
Das Problem besteht darin, dass die „Stabilisierung durch exzessives Leben“ strukturell instabil bleibt. Der Hunger kehrt zurück — und treibt weiter an, zur nächsten Leistung, zum nächsten Exzess.
Vielleicht liegt darin tatsächlich eine der innersten narzisstischen Dynamiken: nicht in der weithin sichtbaren und deshalb oft kritisierten „offenen“ Grandiosität, sondern in der Unfähigkeit, innerlich zur Ruhe zu kommen.
Gleichzeitig wäre es ein Fehler, jede Form starker Leistungsmotivation oder jede Form von Ehrgeiz zu „psychologisieren“. Konkurrenz gehört zum sozialen Leben. Menschen wollen gestalten, Einfluss nehmen, Spuren hinterlassen. Manche Menschen besitzen schlicht mehr Motivation, mehr Kreativität und Schaffenskraft, mehr Dominanzstreben oder mehr „Lust an Wirkung“ als andere. Nicht hinter jedem Willen oder jedem „Willen zur Macht“ steht Verletzung. Manche Menschen genießen Kontrolle einfach deshalb, weil Kontrolle angenehm ist. Andere Menschen handeln egoistisch, eitel oder grausam, ohne dass sich dahinter ein existentieller Abgrund verbirgt.
Gerade reflektierte Menschen neigen manchmal dazu, gewöhnliche menschliche Eigenschaften zu tief erklären zu wollen. Nicht jede Grausamkeit ist kompensatorischer Ausdruck von aus tiefen Verletzungen resultierender Fragilität. Nicht jede Lüge entsteht aus unbewussten manipulativen Interessen. Nicht jede Untreue entsteht aus „sexualisiert-kompensatorischem Wiederholungszwang“. Menschen handeln aus sehr unterschiedlichen und oft auch banalen Gründen — jemand kann einfach „Lust“ gehabt und auf eine mehr oder minder zufällige Gelegenheit reagiert haben — das Drama entsteht erst durch die Folgen, und das „epische Drama“ entsteht erst durch den Versuch, das Ganze im Nachhinein vor sich selbst zu rechtfertigen.
Deshalb ist es oft besser, seinem Partner oder seiner Partnerin von einem Seitensprung nichts zu erzählen, sondern die Sache mit sich selbst auszumachen.
Jemand kann selbstbezogen oder opportunistisch gehandelt haben oder träge oder rücksichtslos gewesen sein — das sind alles Muster, die unser Unterbewusstsein bei entsprechenden Gelegenheiten durchaus wählen würde, mit denen unser Bewusstsein aber in der Folge so lange „kämpfen“ würde, bis das bertreffende Verhalten in der Nachbetrachtung „irgendwie zwangsläufig“ erscheint.
Tatsächlich narzisstische Handlungsmuster reichen über „normale Eitelkeit“ hinaus. Es entsteht häufig eine eigentümliche Spannung zwischen Sehnsucht nach Nähe und gleichzeitiger Unfähigkeit, echte Nähe dauerhaft auszuhalten. Besonders sichtbar wird das in Beziehungen.
Narzisstische Persönlichkeiten können in der Beziehungsanbahnung außerordentlich aufmerksam sein. Sie spiegeln ihr Gegenüber intensiv, hören aufmerksam zu, greifen Formulierungen auf, übernehmen Interessen, erzeugen Resonanz. Gegen ein solches Maß an Aufmerksamkeit kann man sich kaum wehren. Wenn dann noch eine gewisse „Idealisierung“ des Gegenübers, emotionale Intensität und das Gefühl besonderer Verbundenheit hinzukommen, entsteht leicht der Eindruck, endlich „dem einen“ Menschen begegnet zu sein, der einen „wirklich“ versteht.
Vieles davon gehört allerdings auch zum normalen Verliebtheitsprozess. Menschen idealisieren einander. Menschen spiegeln sich gegenseitig. Menschen erzeugen emotionale Verstärkung. Der Unterschied liegt vermutlich weniger im Prinzip selbst als in dem Kontrast zwischen der anfänglichen Intensität und der späteren Instabilität.
Normale Verliebtheit toleriert mit der Zeit Realität. Die narzisstische Variante scheitert mit der Zeit häufig an Realität.
Das eigentliche Problem beginnt oft erst dann, wenn es zu „Alltagsbelastungen“ kommt. Bleibt der Beziehungsalltag einigermaßen belastungsarm, hat man bspw. keine Kinder und gleichzeitig genug Geld, bspw. recht regelmäßig zu verreisen, bleibt auch das hier beschriebene „eigentliche Problem“ in der Regel unentdeckt. Geht es jedoch im Alltag um Verantwortung, Routinen, Erschöpfung, finanzielle Belastungen oder Dramatischeres, zerstört die empfundene Belastung zwangsläufig jene permanente emotionale Aufladung, die zu Beginn der Beziehung existierte. Die Beziehung verliert dadurch ihre Funktion als dauerhafte Quelle intensiver Selbstbestätigung. Dann folgt Enttäuschung, sehr wahrscheinlich auch Kränkung.
Der narzisstische Mensch erlebt nicht selten, unglaublich viel investiert zu haben und nun nicht genug zurückzubekommen. Das Problem besteht jedoch darin, dass er selbst zuvor jenen „Erwartungsraum“ geschaffen hat, der dauerhaft kaum aufrechterhalten werden konnte. Er hat „den Mond vom Himmel geholt“, einen „Traum erschaffen“, eine „Bühne der Besonderheit gebaut“ — und erlebt später den fast zwangsläufigen Zusammenbruch dieses Konstrukts so, als habe das Gegenüber ihn verursacht.
Darin liegt ein zentraler Kern narzisstischer Dynamik: Man erschafft selbst eine Struktur, aus der man später herausstürzt — man erlebt den Absturz jedoch als Folge der Handlungen des Gegenübers. Das Gegenüber trägt die Schuld, und man hat „gefühlt 1000 Beweise“ dafür. Dass man das „zusammenstürzende Kartenhaus“ selbst geschaffen hat, bleibt in den meisten Fällen unbewusst.
Die allermeisten Menschen kennen solche Mechanismen in abgeschwächter Form. Auch gewöhnliche Beziehungen scheitern an Alltag, Überforderung oder Enttäuschung. Der Unterschied liegt wahrscheinlich eher in der Intensität der (selbst verursachten) Kränkung und in der Unfähigkeit, den eigenen Anteil an der Dynamik wahrzunehmen.
Weil die Beziehung irgendwann nicht mehr genug Resonanz liefert, beginnt erneut die Suche nach Stabilisierung: Arbeit, Macht, Leistung, Affären, Aktivismus, Selbstoptimierung — oder eine neue Beziehung.
Manche Menschen bewegen sich deshalb tatsächlich „von Leben zu Leben“.
Vielleicht erklärt genau das auch die eigentümliche Rastlosigkeit vieler narzisstischer Persönlichkeiten. Sie suchen nicht bloß Unterhaltung oder Abwechslung, sondern ein Gefühl eigener Lebendigkeit — aber eben immer wieder.
Bei der Lektüre eines Romans von Bernhard Schlink stellte sich mir vor langer Zeit einmal die Frage, ob nicht gerade Geheimnisse vor sich selbst das sind, was viele Menschen — und Narzissten im Besonderen — leben lässt, sie stabilisiert. Später erschien mir derselbe Gedanke in veränderter Form: Vielleicht leben viele Menschen nicht nur trotz ihrer Selbsttäuschungen weiter, sondern gerade auch wegen ihnen.
Das ist kein Plädoyer dafür, sich selbst zu belügen. Das tun Menschen ohnehin. Wahrscheinlich könnte kein Mensch vollkommen ohne „psychische Konstruktionen“ leben. Menschen benötigen Geschichten über sich selbst. Identität besteht vermutlich immer zu Teilen aus selbstwert-dienlichen Interpretation und/oder eben auch „gewissen Lügen“ über sich selbst.
Vielleicht berührt Narzissmus deshalb auch etwas Allgemeineres. Vielleicht verweist er auf eine spezifische Grundspannung menschlicher Existenz überhaupt. Denn irgendwann ahnen viele Menschen, dass ihre Rollen, Selbstbilder und Lebensentwürfe fragiler sind, als sie lange glaubten. Leistung, Erfolg, Identität, Beziehungen oder Moral erscheinen dann nicht mehr selbstverständlich, sondern konstruiert. Spitz formuliert: Unter dem Firnis der Alltagserzählungen lauert plötzlich Fremdheit — oder taucht gar ein „Abgrund“ auf.
Wir sind uns unserer selbst bewusst — ohne jemals gefragt worden zu sein, ob wir überhaupt existieren wollen.
Manche Menschen reagieren auf diese Erfahrung kaum. Sie leben einfach weiter. Andere reagieren mit Aktivismus. Wieder andere mit Kontrolle, Leistung, Dauerbeschäftigung, Ironie oder Rückzug. Vielleicht bestehen viele Selbstbilder letztlich aus Versuchen, mit dieser existentiellen Spannung umzugehen.
Hier gilt es nun, vorsichtig zu werden: Nicht jede Sinnkrise ist Narzissmus. Nicht jede existenzielle Reflexion verweist auf frühe Verletzung. Menschen können auch ohne jegliche Traumatisierung an der Fremdheit oder auch „Absurdität“ des Lebens leiden. Der Fehler vieler psychologischer Modelle besteht darin, existenzielle Erfahrung mehr oder minder ausschließlich „biographisch-analytisch“ erklären zu wollen.
Gleichzeitig wäre es vermutlich ebenso falsch, existenzielle Fremdheit ausschließlich „systemisch“ oder „philosophisch“ zu verstehen. Menschen erleben das Leben nicht abstrakt, sondern konkret. Die großen Fragen des Daseins treten im Hörsaal nur theoretisch auf, in konkreten Situationen hingegen praktisch.
Nietzsche formulierte sinngemäß die Idee, man solle so leben, wie wenn man sein Leben noch einmal leben könnte. Manche Menschen würden die Antwort auf diese Frage vielleicht so formulieren: „Ich würde den ‚Zirkus‘ meiner Kindheit nicht noch einmal erleben wollen.“
Dieser Gedanke mag in vielen Biographien viel älter sein als seine sprachliche Formulierung (= Bewusstwerdung). Zunächst mag der Gedanke eher als „diffuse Bewegung“ existiert haben: als Wunsch, anders zu sein, als Wunsch nach Distanz, als Wunsch, bestimmte Erfahrungen nie gemacht zu haben. Erst viel später wurde daraus ein bewusster Gedanke.
Darin liegt der Kern psychoanalytischer Arbeit: unbewusste Bewegungen überhaupt erst zur Sprache zu bringen.
Die Psychoanalyse glaubt, dass Einsicht Veränderung ermöglicht. Das stimmt wahrscheinlich auch — aber nur zum Teil. In der Psychoanalyse gehen Menschen Beziehungen zum Therapeuten ein, wiederholen in der therapeutischen Beziehung alte Muster, erleben Grenzen, werden konfrontiert, erfahren neue Formen von Resonanz und entwickeln langsam andere Handlungsmöglichkeiten.
Gleichzeitig wäre es naiv zu glauben, tief eingeprägte Dynamiken verschwänden einfach durch therapeutische Reflexion oder überhaupt Reflexion.
Sprache existiert evolutionsgeschichtlich erst seit relativ kurzer Zeit. Die Mechanismen, die menschliches Verhalten steuern, sind wesentlich älter. Menschen handeln spätestens unter Druck unbewusst oder intuitiv — und erklären ihre Entscheidungen erst nachträglich rational, wenn überhaupt.
Das Denken liegt nur wie ein dünner sprachlicher Firnis über älteren, ebenso unbewussten wie intuitiven Prozessen. Unter Stress, Angst, Kränkung oder Machtstreben reagieren Menschen oft erstaunlich archaisch — und erst anschließend entstehen die Geschichten, mit denen sie sich ihre Entscheidungen erklären.
Menschen können ihre Mechanismen erkennen — und werden ihnen dennoch, trotz allen Erkennens und aller Aufarbeitung, mindestens unter Druck weiter folgen. Erkenntnis kann einen dazu bringen, andere Handlungsoptionen als die „Automatismen“ zu wählen, aber dann kommt die nächste, übernächste — oder irgendeine — Drucksituation… und dann gelingt genau das eben nicht (mehr).
Trotz — oder oft genug: gerade wegen — Therapie erreicht die „nachträgliche Selbstlegitimierung“ ein neues Level. Man hat ja sogar aufgearbeitet, und „es“ ist dennoch passiert. Aber „es“ darf ja gar nicht mehr passiert sein — Stunden später: „es“ kann ja gar nicht passiert sein, weil ich im Unterschied zu anderen Menschen meinen Kram ja aufgearbeitet habe — und mir der Therapeut ja gesagt hat, dass… und so weiter. Dann ist man flugs wieder bei der alten Mechanik, ohne es zu merken: Erst überzeuge ich mich selbst, und dann überzeuge ich die anderen, und wenn ich die Wirkung meiner Worte in den Augen der anderen gesehen habe, gelingt es mir umso besser, selbst daran zu glauben.
Auf diese Weise kann sogar Selbstreflexion wiederum narzisstisch funktionalisiert werden: Therapie kann dann (währenddessen oder im Nachhinein) zur Bühne werden. … Verletzlichkeit kann zur neuen Identität werden. … Trauma kann zum Teil der Selbstdefinition werden. … Verarbeitung kann zur moralischen Aufwertung des eigenen Leidens führen. … „Tiefe“ kann zur defensiv verwendeten „Ressource“ werden — und im Zweifelsfall zum Waffenarsenal für die Angriffe auf Menschen, mit denen man einen Konflikt auszutragen hat.
Gerade wenn man sich einen gewissen „therapeutischen Sprachgebrauch“ aneignet, der ebenso selbstreflektierend wie psychologisierend daherkommt, kann man solche Dynamiken gleichermaßen tarnen und verstärken. Die Sprache „psychologisierender Selbstreflexion“ hat sich längst weit über Therapieräume hinaus verbreitet. Menschen analysieren fortlaufend ihre „Trigger“, ihre „Bindungsmuster“, ihre „Traumata“ und ihre „toxischen“ Beziehungen. Was im (tatsächlichen) Bedarfsfall hilfreich sein kann, wächst sich in Teilen zu einer Routine permanenter Selbstbeobachtung und Selbsthinterfragung aus.
In sozialen Medien geteilt, in Bücher geschrieben oder eben wie eine Monstranz vor sich hergetragen, wird daraus aber auch eine Selbstbestätigung, eine weitere Stabilisierung der Bollwerke, die man um sich herum ohnehin schon errichtet hatte. So wird „Therapie“ nur zur Bollwerk-Schau: man inspiziert mit Hilfe einer Therapeutin die eigenen Mauern — und verstärkt sie anschließend in der vollen Überzeugung, dass man selbst — im Unterschied zu dem oder den anderen — seine „Hausaufgaben“ gemacht habe.
Nicht selten wird dabei die eigene Verletzung zum Zentrum der Identität. Menschen beginnen dann, ihre Biographie nicht mehr nur zu verstehen, sondern sie fortlaufend zu performen, weil das funktional ist — weil man aus einem Opferstatus Kapital schlagen kann, den eigenen Narzissmus verbergen kann, im Opferstatus TäterIn bleiben kann, ohne dass es jemand merkt — und so weiter. Verarbeitung verwandelt sich dann leicht in eine ästhetisierte Form der Selbstdeutung. Trauma wird zum Thema an und für sich, wenn auch verdeckt, und die an sich problematischen, ggf. sogar toxischen Wirkungen eines Traumas werden auf diese Weise legitimiert, wenn nicht sogar stilisiert.
Vielleicht liegt genau darin eine heute immer häufigere Variante narzisstischer Dynamik: die Verwandlung vermeintlich offener Selbstreflexion in soziale Bedeutung.
Viele therapeutische Prozesse stabilisieren vorhandene Selbstdeutungen eher, als dass sie sie infrage stellen. Therapie erfordert (auch) Konfrontation; viele „Therapien“ verdienen aber den Namen nicht, weil sie sich in Bestätigung erschöpfen. Wertschätzende Bestätigung ist für beide Seiten einfacher: Für die Klientenseite ist das angenehm bestärkend; für die Therapeutenseite ist es weniger anstrengend, und die Klienten sind umso dankbarer und empfinden das als sehr professionell, obwohl nur ein kleiner Teil dessen gemacht wird, was Therapie eigentlich professionell machen würde.
Tatsächliche Verarbeitung erzeugt wahrscheinlich oft etwas sehr viel Unangenehmeres als reine Wertschätzung: Zweifel an sich selbst.
Vielleicht erkennt man gelungene Aufarbeitung gerade daran, dass Menschen vorsichtiger und vor allem zurückhaltender werden. Weniger sicher. Weniger aggressiv. Weniger missionarisch.
Fortgesetzte Aggression spricht häufig eher gegen als für Verarbeitung. Wenn Menschen trotz Therapie dauerhaft andere abwerten müssen, um sich selbst zu stabilisieren, ist mindestens der narzisstische Anteil der Dynamik wahrscheinlich weiterhin aktiv — durch die Therapie nur eben besser getarnt, also besser vor sich selbst versteckt.
Menschen verstehen ihre Muster — und folgen ihnen (spätestens unter Druck) dennoch weiter. Ich erkenne bestimmte Dynamiken an mir selbst — und wiederhole sie teilweise trotzdem. Ich ziehe mich zurück und erkenne gleichzeitig, dass der Rückzug selbst bereits Teil jener Struktur sein könnte, die ich zwar problematisch finde, aber dennoch wiederhole. Ich versuche, weicher zu werden — und reagiere in bestimmten Situationen dennoch hart oder distanziert.
Vielleicht liegt genau darin eine unangenehme Wahrheit: Selbstreflexion oder Therapie beenden narzisstische Dynamiken nicht. Sie tragen vielleicht zu einer gewissen Reflexion und Zurückhaltung, sicher aber auch zu einer Verfeinerung bei.
Denn selbst die Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit kann wiederum Teil eines Selbstbildes werden. Menschen können sich gerade über ihre vermeintliche Ehrlichkeit, ihre Tiefe oder ihre Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst (und eben auch gegenüber anderen) als „besonders“ erleben.
Vielleicht besteht das menschliche Leben tatsächlich zu größeren Teilen daraus, eine Maske durch die nächste zu ersetzen. Und vielleicht liegt die eigentliche Schwierigkeit nicht darin, irgendwann vollständig wahrhaftig zu werden, sondern darin zu akzeptieren, dass selbst der Wunsch nach Entlarvung noch Teil derselben alten Dynamik sein kann: des Wunsches, sich selbst noch einmal als besonders zu erleben.
Genau deshalb werden wir das Problem wahrscheinlich nie ganz zu fassen kriegen. 😉
PS: Was ich in diesem Text gewissermaßen ausgelassen habe, und was der Vollständigkeit halber aber dazugesagt werden müsste, ist Folgendes: Von Narzissmus betroffene Menschen können, so sie denn mit jemandem zusammen gewesen sind, auf die oder den die hier geschilderten Kriterien mehr oder weniger zutreffen, sich selbst entlasten, indem sie narzisstische Tendenzen umso mehr im Gegenüber erkennen — und anprangern. Eine ganz platte Variante wäre, dem (durchaus tendentiell narzisstischen) Gegenüber einfach Projektion vorzuwerfen. Man tarnt quasi die eigene Projektion (man kritisiert am anderen im Besonderen das, was man an sich selbst nicht leiden kann) quasi durch die Unterstellung einer Projektion. Man lenkt also von Kritik am eigenen Anteil der Dynamik ab, indem man dem Gegenüber umso mehr Anteil an der Dynamik unterstellt. Projektion ersetzt Reflexion. 😉
