Der Unterschied zwischen Selbstreflexion und Selbstrotation

Hat ein unsi­che­rer Mensch den Mut, der (erlern­ten) Welt irgend­wann sei­ne eige­ne Deu­tung ent­ge­gen­zu­set­zen? Das macht den Unter­schied zwi­schen Selbst­re­fle­xi­on und Selbst­ro­ta­ti­on. Wer unsi­cher bleibt und nicht wagt, wird wei­ter um sich selbst rotie­ren, in den Äuße­run­gen der ande­ren krampf­haft nach Signa­len des Ver­ständ­nis­ses und der Akzep­tanz suchen, die dann in ein (simu­lier­tes, kaum ech­tes) Selbst-Ver­ständ­nis und eine simu­lier­te Selbst-Akzep­tanz umge­wan­delt wer­den. Mit der Fol­ge, dass der Ver­dacht, man könn­te nicht echt sein, immer stär­ker wird.

Anders for­mu­liert: Gera­de in Hel­fer­be­ru­fen sind unsi­che­re Men­schen über­durch­schnitt­lich häu­fig ver­tre­ten. Für vie­le ist die Rol­le des Hel­fers oder der Hel­fe­rin so etwas wie ein „kom­pen­sa­to­ri­sches Selbst­bild“. Sie sind sich im rea­len Leben selbst nicht genug, mögen sich nicht, wie sie sind. Oder sie sind in sozia­len Situa­tio­nen unsi­cher, wis­sen bspw. in vie­len Situa­tio­nen nicht, wie sie han­deln sol­len. Erle­ben sie dann, wie es ist, ande­ren Men­schen zu hel­fen, wer­den sie plötz­lich ruhi­ger: Nun sind sie wer, haben eine Rol­le, spü­ren Dank­bar­keit. Die­je­ni­gen Inha­ber von Hel­fer­be­ru­fen, auf die das zutrifft, soll­ten genug Selbst­re­fle­xi­on betrie­ben haben, um dies nicht nur zu wis­sen, son­dern im Griff zu haben.

Nicht umsonst gehört eine tüch­ti­ge Por­ti­on Selbst­er­fah­rung zu jeder guten psy­cho­lo­gi­schen oder sozi­al­päd­ago­gi­schen Aus­bil­dung – scha­de, dass das in den letz­ten bei­den Jahr­zehn­ten zuguns­ten der rei­nen Wis­sens- und Metho­den­ver­mitt­lung immer weni­ger gewor­den ist.

Mei­ne Befürch­tung ist, dass vie­le nur so tun, als sei­en sie reflek­tiert – die beschäf­ti­gen sich mit sich selbst mit dem Ziel der Selbst­be­stä­ti­gung, nicht der Selbst­er­kennt­nis. Da liegt der Unter­schied.

Jörg Hei­dig