Die Sorbische Perspektive im Lausitz-Monitor

Wenn man vor 100 Jah­ren durch die Lau­sitz gereist wäre, hät­te man Land­stri­che gefun­den, in denen man mit der deut­schen Spra­che nicht all­zu weit gekom­men wäre. Man hät­te die sor­bi­sche Spra­che vie­ler­orts als All­tags­spra­che gehört. Heu­te gilt das nur noch für ver­gleichs­wei­se weni­ge Orte oder Land­stri­che. Den­noch ist das Sor­bi­sche ein zen­tra­ler Bestand­teil der Regi­on. Will man dies erhe­ben, darf man sich nicht nur auf die Spra­che kon­zen­trie­ren, son­dern muss man auch die Spu­ren, die „Nähe zum Sor­bi­schen“ erfas­sen. Das bedeu­tet, dass man auch fra­gen muss, ob die Eltern oder Groß­el­tern Sor­bisch gespro­chen haben, und ob man sor­bi­sche Tra­di­tio­nen oder Bräu­che pflegt.

Die sor­bi­sche Spra­che mag in den letz­ten Jahr­zehn­ten auf dem Rück­zug gewe­sen sein — die bei­den Sozia­lis­men des 20. Jahr­hun­derts haben da eben­so ihre Spu­ren hin­ter­las­sen wie die braun­koh­le­ba­sier­te Indus­tria­li­sie­rung — aber der „sor­bi­sche Hin­ter­grund“ oder die „Nähe zum Sor­bi­schen“ sind nach wie vor vor­han­den — und sie machen einen signi­fi­kan­ten Unter­schied beim Blick auf die Regi­on und bei der Ver­bun­den­heit mit der Regi­on, wie die hier dar­ge­stell­ten Ergeb­nis­se aus dem 2025er Lau­sitz-Moni­tor zeigen.

Der vor­lie­gen­de Text han­delt von die­sem Unter­schied, und zwar zum Einen als rei­ne Beschrei­bung, zum Ende des Tex­tes aber auch als „Annä­he­rung an eine Mög­lich­keit“, indem es dort um die Poten­tia­le der Mehr­spra­chig­keit der Regi­on geht.

Nicht zuletzt die Wali­ser haben es vor­ge­macht: Die wali­si­sche Spra­che war stark auf dem Rück­zug, es gab nur noch weni­ge Spre­cher, als man beschloss, die Spra­che zu revi­ta­li­sie­ren. Man stel­le sich das ein­mal für die Lau­sitz vor: Im Jahr 2100 spre­chen 15 Pro­zent der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung Sor­bisch, das Sor­bi­sche ist Teil der All­tags­kul­tur, und selbst Nicht-Spre­cher ver­ste­hen Grü­ße auf Sor­bisch und sagen Bit­te und Dan­ke auf Sor­bisch, wenn sie in einem Geschäft einkaufen.

An der Küs­te sagt man nicht nur „Hal­lo“, son­dern auch „Moin“, im Süden sagt man unter ande­rem „Ser­vus“ — also haben wir die Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zer gefragt, ob sie es begrü­ßen wür­den, wenn man in der Regi­on das sor­bi­sche „Witaj“ eben­so selbst­ver­ständ­lich wie „Hal­lo“ ver­wen­den wür­de. Ein klei­ner „Spoi­ler“ vor­weg: Die Zustim­mung war höher, als wir erwar­tet hatten.

Was ist der Lausitz-Monitor?

Die Lau­sitz ist ein Sied­lungs­raum, der sich über zwei Bun­des­län­der erstreckt, Sach­sen und Bran­den­burg. Zur Lau­sitz gehö­ren die fol­gen­den Gebiets­kör­per­schaf­ten: die Land­krei­se Görlitz/Zhorjelc und Bautzen/Budyšin in Sach­sen (Oberlausitz/Hornja Łuži­ca) und die Land­krei­se Spree-Nei­ße/Sprje­wja-Nysa, Ober­spree­wald-Lau­sit­z/­Gór­ne Bło­ta-Łužy­ca, Elbe-Els­ter/Ł­ob­jo-Halš­ter und Dah­me-Spree­wal­d/­Dub­ja-Bło­ta sowie die Stadt Cottbus/Chóśebuz in Brandenburg.

Der­zeit leben etwa 1,1 Mil­lio­nen Men­schen in der Lau­sitz-Łužy­ca-Łuži­ca, davon sind grob eine Mil­li­on 16 Jah­re oder älter. Die „Grund­ge­samt­heit“ des Lau­sitz-Moni­tors sind genau die­je­ni­gen Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zer, die 16 Jah­re oder älter sind. Beim Lau­sitz-Moni­tor han­delt es sich um eine reprä­sen­ta­ti­ve Bevöl­ke­rungs­be­fra­gung. Die Stich­pro­be beträgt jähr­lich etwa 1000 Per­so­nen, wobei es sich nicht jeweils um die glei­chen 1000 Per­so­nen han­delt, son­dern jeweils um ande­re 1000 Per­so­nen. Die jeweils befrag­ten 1000 Per­so­nen ent­spre­chen nach den Kri­te­ri­en Bil­dung, Wohn­ort, Alter und Geschlecht der Zusam­men­set­zung der Lau­sit­zer Bevölkerung.

Wie wurde die „Nähe zum Sorbischen“ im Lausitz-Monitor gemessen?

Die Fra­ge, ob die eige­nen Eltern oder Groß­el­tern Sor­bisch gespro­chen haben, beant­wor­ten sie­ben Pro­zent der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung mit „Ja“. Fragt man hin­ge­gen, wer selbst Sor­bisch spricht, ant­wor­ten in unse­rer Befra­gung seit Jah­ren zwi­schen einem und drei Pro­zent der Befrag­ten mit „Ja“. (Bei so klei­nen Grup­pen gibt es bei 1000 Befrag­ten natür­lich eine gewis­se Schwan­kungs­brei­te.) Fragt man, wer sich als Sor­be oder Wen­de fühlt, erhält man nur von einem Pro­zent der Befrag­ten eine posi­ti­ve Ant­wort. Fragt man hin­ge­gen, wer sor­bi­sche Tra­di­tio­nen pflegt, stim­men zehn Pro­zent der Befrag­ten zu. Kom­bi­niert man alle Anga­ben — hat man also min­des­tens eins die­ser vier Kri­te­ri­en bejaht (Eltern oder Groß­el­tern haben Sor­bisch gespro­chen; man spricht selbst Sor­bisch; man iden­ti­fi­ziert sich selbst als Sor­be; man pflegt sor­bi­sche Tra­di­tio­nen) — kommt man auf 14 Pro­zent der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung, die das auf­wei­sen, was wir hier etwas ver­all­ge­mei­nernd als „Nähe zum Sor­bi­schen“ bezeich­nen wol­len. Mit die­ser Nähe kann Spra­che, Iden­ti­tät, Kul­tur oder Brauch­tums­pfle­ge gemeint sein.

Wohl wis­send, dass die­ser Begriff unscharf ist, set­zen wir uns damit mög­li­cher­wei­se einer gewis­sen Kri­tik aus. Hier­zu möch­ten wir zwei Din­ge anmer­ken:
Wir sind kei­nes­wegs die Ers­ten, die auf die­se oder ähn­li­che Wei­se in der Lau­sitz Befra­gun­gen umge­setzt haben. Bereits in der DDR hat man, wenn es um die Befra­gung von Men­schen mit sor­bi­scher Her­kunft ging, gefragt, ob die Eltern oder Groß­el­tern Sor­bisch gespro­chen haben. Jedes „har­te“ Kri­te­ri­um engt die Ziel­grup­pe zu stark ein und wür­de der Rea­li­tät wahr­schein­lich nicht gerecht.

Abbil­dung 1: Fra­gen zur Erhe­bung der „Nähe zum Sor­bi­schen“ im Lausitz-Monitor

Das zwei­te Argu­ment, das wir anfüh­ren möch­ten, ergibt sich aus unse­ren Zah­len selbst. Wir ver­glei­chen in den fol­gen­den Ergeb­nis­dar­stel­lun­gen immer wie­der die Sicht­wei­sen der besag­ten 14 Pro­zent mit den Sicht­wei­sen der Lau­sit­zer ohne Bezug zum Sor­bi­schen. Die Unter­schie­de spre­chen für sich. Sie sind nicht „rie­sig“ — aber immer­hin so stark, und zwar im posi­ti­ven Sin­ne, dass man davon aus­ge­hen kann, dass das, was wir hier als die „Nähe zum Sor­bi­schen“ bezeich­nen, einen Unter­schied macht beim Blick auf die Regi­on und bei der Bin­dung an die Region.

Wenn wir also über die Zukunft der Regi­on nach­den­ken, dann kön­nen (viel­leicht: soll­ten) wir die Zwei­spra­chig­keit als tat­säch­lich wirk­sa­mes Gestal­tungs­kri­te­ri­um in Betracht zie­hen. Zah­len sind erst ein­mal nur Zah­len, und wie Sie die Zah­len nach dem Lesen der Ergeb­nis­se inter­pre­tie­ren, ist natür­lich Ihre Sache. Viel­leicht kann ich Sie ein­la­den, sich nach der Lek­tü­re ein­mal die fol­gen­de Fra­ge zu stel­len: Wel­ches „sons­ti­ge“ Kri­te­ri­um, das man auf die Lau­sitz anwen­den kann (Schön­heit der Land­schaft, Struk­tur­wan­del­gel­der, Infra­struk­tur­maß­nah­men usw.) wäre in der Lage, „ein­fach so“ sol­che Unter­schie­de in der Betrach­tung der Regi­on zu ver­ur­sa­chen? Eine ICE-Stre­cke? Eine Ansied­lung? Kei­ne Maß­nah­me kann den einen gro­ßen Unter­schied machen — aber eine signi­fi­kan­te För­de­rung der Mehr­spra­chig­keit könn­te wie ein Kata­ly­sa­tor für die Wir­kung der ande­ren Maß­nah­men wir­ken, weil es das Sor­bi­sche und die damit ver­bun­de­ne Bin­dung an Spra­che, Regi­on und Kul­tur so nur hier gibt. Wenn man die „ande­ren Maß­nah­men“ stär­ker mit dem ein­zi­gen tat­säch­li­chen Allein­stel­lungs­merk­mal der Regi­on ver­bin­den wür­de, könn­te man lang­fris­tig einen stär­ke­ren Unter­schied machen.

Ergebnisse

Verbundenheit mit der Region

Der Unter­schied zeigt sich zum Bei­spiel deut­lich bei der Fra­ge, ob einem die Regi­on am Her­zen liegt: 83 Pro­zent der Men­schen mit einem sor­bi­schen Hin­ter­grund sagen von sich, dass ihnen die Regi­on am Her­zen liegt — gegen­über 62 Pro­zent der­je­ni­gen Lau­sit­zer, die kei­nen sor­bi­schen Hin­ter­grund haben. Wie gesagt: die Unter­schie­de sind nicht „rie­sig“, aber „sehr deut­lich“, was spä­tes­tens bei der Bin­dung an die Regi­on deut­lich wird.

Abbil­dung 2: Ergeb­nis­se zu den Fra­gen nach der Bin­dung an die Region

Die Nähe zum Sorbischen ist mit einem positiveren Bild von der Region verbunden

71 Pro­zent der Men­schen mit sor­bi­schem Hin­ter­grund bzw. mit der von uns beschrie­be­nen Nähe zum Sor­bi­schen hal­ten die Lau­sitz für eine ins­ge­samt attrak­ti­ve Regi­on. Unter den­je­ni­gen Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zern, die kei­nen Bezug zum Sor­bi­schen haben, sind es 15 Pro­zent weni­ger (56 Pro­zent). Ähn­li­che Unter­schie­de zei­gen sich auch bei der Betrach­tung ein­zel­ner Aspek­te der Regi­on. So ist der Anteil der­je­ni­gen, die die Lau­sitz für einen attrak­ti­ven Wirt­schafts­stand­ort hal­ten, unter Men­schen mit sor­bi­schem Hin­ter­grund mit 36 Pro­zent um 10 Pro­zent­punk­te höher als unter den Men­schen ohne Bezug zum Sor­bi­schen (26 Pro­zent). Aller­dings muss hier ergän­zend ange­merkt wer­den, dass die­ser Anteil seit 2022 gene­rell nach unten gegan­gen ist. 2022 hat­ten noch knapp die Hälf­te der Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zer mit sor­bi­schem Hin­ter­grund (46 Pro­zent) die Lau­sitz für einen attrak­ti­ven Wirt­schafts­stand­ort gehalten.

Abbil­dung 3: Mei­nungs­bild zu den Stand­ort­qua­li­tä­ten der Lausitz

Unterschiede bei der Überzeugung, dass die Situation in der Region besser geworden ist

Im Jahr 2022 waren ins­ge­samt 36 Pro­zent der in der Lau­sitz leben­den Men­schen der Mei­nung, dass die Situa­ti­on in der Regi­on in den letz­ten fünf Jah­ren bes­ser gewor­den sei. Unter den­je­ni­gen mit einem sor­bi­schen Hin­ter­grund lag die­ser Anteil sei­ner­zeit bei 52 Pro­zent, unter den­je­ni­gen ohne Bezug zum Sor­bi­schen lag der Anteil damals nur bei 33 Pro­zent. Der Anteil ist zwi­schen 2022 und 2025 ins­ge­samt zurück­ge­gan­gen (von 36 auf 27 Pro­zent), aller­dings ist der Anteil im Jahr 2025 unter den Men­schen mit einem Bezug zum Sor­bi­schen nach wie vor höher (35 Pro­zent) als unter Men­schen ohne die­sen Hin­ter­grund (26 Prozent).

Abbil­dung 4: Anteil der posi­ti­ven Ant­wor­ten auf die Fra­ge, ob die Situa­ti­on in der Regi­on in den vor­an­ge­gan­ge­nen fünf Jah­ren bes­ser gewor­den sei (2022 bis 2025)

Stärkere Verwurzelung in der Region und höherer Rückkehreranteil

Die ein­gangs bereits erwähn­te stär­ke­re Ver­bun­den­heit mit der Regi­on ist ein eher „wei­ches“ Kri­te­ri­um, weil es um eine „emo­tio­na­le“ Aus­sa­ge geht („liegt mir am Her­zen“). Die Nähe zum Sor­bi­schen macht aber nicht nur bei den „wei­chen“ Fak­to­ren einen Unter­schied, son­dern auch bei „har­ten“ Ver­hal­tens­da­ten: So ist der Anteil der­je­ni­gen, die in der Regi­on ver­wur­zelt (hier gebo­ren, auf­ge­wach­sen und geblie­ben) sind, unter den Lau­sit­zern mit sor­bi­schem Hin­ter­grund höher (> 50 Pro­zent) als unter Men­schen ohne Bezug zum Sor­bi­schen (< 50 Pro­zent). Je nach Jahr schwan­ken die Pro­zent­an­ga­ben etwas, was bei ver­gleichs­wei­se klei­nen Befrag­ten­grup­pen durch­aus mög­lich ist. Der Anteil der in der Regi­on Geblie­be­nen liegt unter den Men­schen mit sor­bi­schem Hin­ter­grund ca. zwi­schen 55 und 65 Pro­zent; der Anteil der Geblie­be­nen liegt unter den Men­schen ohne Bezug zum Sor­bi­schen etwa zwi­schen 45 und 50 Pro­zent. Bei den Rück­keh­rer­zah­len ist die Ten­denz ähn­lich. Auch hier wei­sen die Men­schen mit Bezug zum Sor­bi­schen eine höhe­re Bin­dung an die Regi­on auf. Der Anteil der Rück­keh­rer liegt unter den Men­schen mit sor­bi­schem Hin­ter­grund zwi­schen 25 und 33 Pro­zent, wäh­rend die­ser Anteil bei den Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zern ohne Bezug zum Sor­bi­schen bei ca. zwi­schen 10 und 20 Pro­zent bleibt.

Die sorbische Kultur wird als wesentlicher Bestandteil der Lausitz wahrgenommen

42 Pro­zent aller Lau­sit­zer sehen eine „star­ke“, wei­te­re 38 Pro­zent eine „mitt­le­re“ Ver­bun­den­heit zwi­schen der sor­bi­schen Kul­tur und der Lau­sitz. Eine gerin­ge (11 Pro­zent) oder gar kei­ne (2 Pro­zent) Ver­bin­dung sehen nur weni­ge Men­schen; 6 Pro­zent wis­sen es nicht. Betrach­tet man ein­zel­ne Ziel­grup­pen genau­er, so fällt auf, dass deut­lich mehr jün­ge­re Frau­en hier eine Ver­bin­dung sehen als jün­ge­re Män­ner. Bei den Frau­en unter 40 beträgt der Anteil, der eine mitt­le­re oder star­ke Ver­bin­dung sieht, 88 Pro­zent; bei den Her­ren der glei­chen Alters­grup­pe liegt die­ser Anteil nur bei 60 Prozent.

Abbil­dung 5: Ein­schät­zung der Stär­ke der Ver­bun­den­heit der sor­bi­schen Kul­tur mit der Lausitz

83 Pro­zent der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung stim­men der Aus­sa­ge zu, dass die sor­bi­sche Kul­tur ein „wesent­li­cher Bestand­teil“ der Lau­sitz ist. Zwei Drit­tel der Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zer (68 Pro­zent) sehen in der sor­bi­schen Kul­tur einen Attrak­ti­vi­täts­fak­tor für Tou­ris­ten und fast eben­so vie­le (64 Pro­zent) mei­nen, dass ent­spre­chen­de tou­ris­ti­sche Ange­bo­te der sor­bi­schen Kul­tur wei­ter aus­ge­baut wer­den soll­ten. Etwas mehr als die Hälf­te der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung (54 Pro­zent) stimmt der Aus­sa­ge zu, dass die sor­bi­sche Kul­tur in Zukunft stär­ker sicht­bar und erleb­bar wer­den sollte.

Abbil­dung 6: Zustim­mung und Ableh­nung in Bezug auf Aus­sa­gen zur sor­bi­schen Kultur

Eigenschaften der sorbischen Kultur im Vergleich

Wir haben den Befrag­ten eine Lis­te mit Adjek­ti­ven vor­ge­legt mit der Bit­te anzu­ge­ben, ob und inwie­fern die­se Eigen­schaf­ten auf die sor­bi­sche Kul­tur und Spra­che zutref­fen. Die von der Lau­sit­zer Gesamt­be­völ­ke­rung am häu­figs­ten mit der sor­bi­schen Kul­tur in Ver­bin­dung gebrach­ten Eigen­schaf­ten sind „tra­di­ti­ons­ori­en­tiert“ und „hei­mat­ver­bun­den“ (87 bzw. 86 Pro­zent). Die am wenigs­ten mit der sor­bi­schen Kul­tur in Ver­bin­dung gebrach­ten Eigen­schaf­ten sind „unbe­deu­tend“ (20 Pro­zent) und „aus­schlie­ßend“ (17 Prozent).

Die Ergeb­nis­se zu den Eigen­schaf­ten wer­den noch etwas inter­es­san­ter, wenn man sich genau anschaut, wo es Unter­schie­de zwi­schen den Sicht­wei­sen der Men­schen mit sor­bi­schem Hin­ter­grund und der Men­schen ohne Bezug zum Sor­bi­schen gibt. Beson­ders auf­fäl­lig: Bei „offen“ beträgt der Unter­schied fast 30 Pro­zent. 79 Pro­zent der Lau­sit­zer mit sor­bi­schem Hin­ter­grund hal­ten die sor­bi­sche Kul­tur für offen, wäh­rend das nur die Hälf­te der Men­schen ohne Bezug zum Sor­bi­schen so sieht. Ten­den­ti­ell ähn­li­che Unter­schie­de, wenn auch schwä­cher, zei­gen sich bspw. bei den Eigen­schaf­ten „inter­es­sant“, „gesel­lig“, „ange­se­hen“ oder „zukunfts­ori­en­tiert“.

Abbil­dung 7: Der sor­bi­schen Kul­tur zuge­schrie­be­ne Eigen­schaf­ten im Perspektivenvergleich

Einstellungen zur Mehrsprachigkeit

Wie bereits in Bezug auf die sor­bi­sche Kul­tur, ist auch die Zustim­mung zu der Aus­sa­ge, dass es sich bei der Zwei­spra­chig­keit (Sorbisch/Deutsch) um einen wesent­li­chen Bestand­teil der Lau­sitz han­delt, recht hoch. Fast drei Vier­tel (72 Pro­zent) der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung tei­len die­se Sicht­wei­se. Zwei Drit­tel (67 Pro­zent) sehen in der Zwei­spra­chig­keit ein rele­van­tes Allein­stel­lungs­merk­mal der Regi­on. Die­sen bei­den Aus­sa­gen wider­spricht etwa nur jeder sechs­te Ein­woh­ner der Lau­sitz (jeweils 17 Prozent).

Rund die Hälf­te (49 Pro­zent) der Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zer kann sich vor­stel­len, dass der sor­bi­sche Gruß „Witaj“ in der Lau­sitz im All­tag ähn­lich selbst­ver­ständ­lich genutzt wird wie „Moin“ im Nor­den oder „Ser­vus“ im Süden. Zwar ist der ableh­nen­de Anteil in der Bevöl­ke­rung mit etwa einem Drit­tel (32 Pro­zent) höher als bei den ers­ten bei­den Fra­gen, aber die Zustim­mung liegt, wie bereits in der Ein­lei­tung ange­merkt, höher als wir das erwar­tet hät­ten, als wir die Fra­ge in einem Work­shop mit Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­tern von der Domo­wi­na — Bund Lau­sit­zer Sor­ben ent­wi­ckelt haben.

Etwa vier von zehn Lau­sit­zern spre­chen sich dafür aus, dass die Zwei­spra­chig­keit im öffent­li­chen Raum wei­ter aus­ge­baut wer­den soll­te (42 Pro­zent), und dass das Ver­ste­hen und Spre­chen der sor­bi­schen Spra­che in der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung geför­dert wer­den soll­te (44 Prozent).

Nur jeder fünf­te Lau­sit­zer fühlt sich gestört, wenn in sei­ner Gegen­wart Sor­bisch gespro­chen wird. Drei von fünf Befrag­ten (61 Pro­zent) wider­spre­chen die­ser Aussage.

Abbil­dung 8: Zustim­mung und Ableh­nung in Bezug auf Aus­sa­gen zur Mehrsprachigkeit

Das Poten­ti­al der Zwei­spra­chig­keit wird beson­ders an den bei­den in Abbil­dung 9 dar­ge­stell­ten Fra­gen deut­lich. Jeder fünf­te Lau­sit­zer (19 Pro­zent) kann sich vor­stel­len, Sor­bisch zu ler­nen, wenn die Rah­men­be­din­gun­gen pas­sen. Und sogar knapp ein Drit­tel (30 Pro­zent) kann sich vor­stel­len, dass die eige­nen Kin­der oder Enkel Sor­bisch ler­nen und sprechen.

Abbil­dung 9: Poten­zi­al zum Sprach­er­werb in der Zukunft

Die Pflege und Bekanntheit sorbischer Traditionen

Man­che Lau­sit­ze­rin­nen und Lau­sit­zer wis­sen viel­leicht gar nicht, wie vie­le regio­na­le Tra­di­tio­nen und Bräu­che sor­bi­schen Ursprungs sind. Wir haben die Lau­sit­zer gefragt, wel­che sor­bi­schen Tra­di­tio­nen sie in der eige­nen Fami­lie pfle­gen, wel­che sie bspw. bei Ver­an­stal­tun­gen besu­chen, wel­che sie nur dem Namen nach ken­nen und wel­che ihnen unbe­kannt sind.

  • Beim Ver­zie­ren von Oster­ei­ern han­delt es sich um die mit Abstand am häu­figs­ten in der eige­nen Fami­lie gepfleg­te Tra­di­ti­on. Etwas mehr als ein Vier­tel der Lau­sit­zer Bevöl­ke­rung (27 Pro­zent) gibt an, in der eige­nen Fami­lie Oster­ei­er zu ver­zie­ren. Auf den wei­te­ren Plät­zen folgen:
  • Hexen­bren­nen (14 Prozent)
  • Oster­feu­er (13 Prozent)
  • Christ­kind (11 Prozent)
  • Vogel­hoch­zeit (10 Prozent)
  • Mai­baum (9 Prozent)
  • Zam­pern (8 Prozent)

Bei der Fra­ge, wel­che Tra­di­tio­nen oder Bräu­che man ggf. schon gese­hen oder auf Ver­an­stal­tun­gen besucht hat, sind Oster­feu­er, Mai­baum, Hexen­bren­nen und Oster­rei­ten die am häu­figs­ten genann­ten. Ein Blick auf die unten ste­hen­de Abbil­dung zeigt zudem, dass der Anteil der Men­schen, die Tra­di­tio­nen und Bräu­che auf besuch­ten Ver­an­stal­tun­gen sehen, bei den meis­ten Bräu­chen viel höher ist als die akti­ve Pfle­ge. Zumal wird deut­lich, dass man­che Tra­di­tio­nen sehr bekannt sind, obwohl nur ein sehr klei­ner Teil der Bevöl­ke­rung die betref­fen­de Tra­di­ti­on aktiv pflegt. Das bes­te Bei­spiel hier­für sind die Trach­ten: Zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung ken­nen sor­bi­sche Trach­ten, aber nur zwei Pro­zent der Bevöl­ke­rung pfle­gen die­se Tra­di­ti­on aktiv.

Abbil­dung 10: Sor­bi­sche Tra­di­tio­nen und Bräu­che, dar­ge­stellt nach akti­ver Pfle­ge, Besuch bspw. auf Ver­an­stal­tun­gen und Bekanntheit

Jörg Hei­dig

Dank­sa­gung: Ich möch­te mich, stell­ver­tre­tend auch für mei­nen Kol­le­gen Ste­fan Bisch­off von MAS Part­ners, für die gute Zusam­men­ar­beit mit der Domo­wi­na, dem Bund Lau­sit­zer Sorben/Zwězk Łužys­kich Serbow/Zwjazk Łužis­kich Ser­bow, und der Säch­si­schen Agen­tur für Struk­tur­ent­wick­lung bei der Rea­li­sie­rung des 2025er Lau­sitz-Moni­tors bedan­ken. Ohne die­se Zusam­men­ar­beit wäre der 2025er Lau­sitz-Moni­tor nicht in die­ser Qua­li­tät und in die­sem Umfang mög­lich gewesen.

PS: Das Bei­trags­bild wur­de mit­hil­fe einer künst­li­chen Intel­li­genz erstellt.

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.