Über die Kartierung der „Grenzen“ in Helferberufen

Oppor­tu­nis­ten sind Men­schen, die Mög­lich­kei­ten nut­zen. Gemein­hin wird der Begriff ver­wen­det, um strom­li­ni­en­för­mi­ge Poli­ti­ker, Wen­de­häl­se oder ande­re „Künst­ler der schnel­len Ver­än­de­rung“, wie der Wen­de­hals in der eng­li­schen Über­tra­gung wört­lich heißt (quick chan­ge artist), zu bezeich­nen. Kurz­um, der Begriff des Oppor­tu­nis­ten ist nicht beson­ders posi­tiv besetzt.

Ent­le­digt man den Begriff jedoch ein­mal der beschrie­be­nen Bedeu­tung, und über­trägt ihn „leih­wei­se“ in die Welt der sozia­len Beru­fe, kann der Begriff dabei hel­fen, ziem­lich genau zu bestim­men, wo die viel zitier­ten „Gren­zen“ ver­lau­fen, auf die man im Hel­fer­be­ruf ach­ten soll­te, damit man „nichts mit nach Hau­se nimmt“ oder gar krank wird.

Edgar Schein sagt in sei­nen „Prin­zi­pi­en der Pro­zess­be­ra­tung“, man sol­le Kon­fron­ta­tio­nen „kon­struk­tiv oppor­tu­nis­tisch“ ein­set­zen. Damit Hil­fe über­haupt funk­tio­nie­ren kann, bedarf es zunächst einer ver­trau­ens­vol­len, hel­fen­den Bezie­hung. Kon­fron­ta­tio­nen sind zum Auf­bau einer sol­chen Bezie­hung nicht hilf­reich, weil sie – zu früh oder zu direkt/heftig ein­ge­setzt – das Gegen­über nur „klein“ machen, anstatt zu hel­fen. Hel­fen kön­nen Kon­fron­ta­tio­nen nur, wenn die Bezie­hung soweit gewach­sen ist, dass Ver­trau­en herrscht – ins­be­son­de­re das Ver­trau­en der hil­fe­su­chen­den Sei­te, dass die hel­fen­de Sei­te auf die mit Ver­trau­en und Offen­heit ver­bun­de­ne Ver­letz­lich­keit Rück­sicht nimmt. Gera­de des­halb kön­nen Kon­fron­ta­tio­nen – an der fal­schen Stel­le plat­ziert und womög­lich abwer­tend for­mu­liert – destruk­tiv wir­ken. Bera­ter und ande­re Ange­hö­ri­ge von Hel­fer­be­ru­fen soll­ten also mit Kon­fron­ta­tio­nen vor­sich­tig sein.

Aber wann und wie hel­fen Kon­fron­ta­tio­nen?

Ange­nom­men, eine Bera­te­rin hat das Gefühl, ihr Gesprächs­part­ner macht sich etwas vor. Sie könn­te ihn direkt damit kon­fron­tie­ren. Haben die bei­den aber kei­ne ent­spre­chen­de Bezie­hung, „darf“ die Bera­te­rin gar nicht kon­fron­tie­ren. „Darf nicht“ ist hier im Sin­ne von „kei­ne Erlaub­nis haben“ gemeint, denn es gibt in Bezie­hun­gen tat­säch­lich eine – oft unaus­ge­spro­che­ne – Erlaub­nis, kon­fron­tie­ren zu dür­fen – oder eben nicht. Es ist schon nicht all­täg­lich und erfor­dert einen gewis­sen Mut, wenn ein Mensch selbst Schwä­chen zugibt oder von Feh­lern erzählt. Wird man von jeman­dem anders dar­auf ange­spro­chen, wird dies in der Regel als ver­let­zend oder her­ab­set­zend erlebt. Es sei den, man hat es der betref­fen­den ande­ren Per­son erlaubt („Du darfst sowas zu mir sagen. Das dürf­te kaum jemand anders.“). Wenn man sich als Bera­ter nicht sicher ist, ob man bereits kon­fron­tie­ren darf, kann man direkt danach fra­gen: „Darf ich offen spre­chen, auch wenn das jetzt viel­leicht nicht beson­ders ange­nehm wird für Sie?“ In der Regel wird es dann erlaubt.

Aber wie gesagt, die­se Erlaub­nis muss erst gege­ben wer­den, und die unmit­tel­ba­re Vor­aus­set­zung dafür ist das ent­spre­chen­de Ver­trau­en, das in der Regel lang­sam wach­sen muss. Inter­es­san­ter­wei­se wird die ent­spre­chen­de Erlaub­nis Hel­fern oft­mals eher gege­ben als Mit­glie­dern der eige­nen Fami­lie. Viel­leicht haben Sie ja schon ein­mal den fol­gen­den Satz gehört: „Das darf ich über mich selbst sagen. Aber Du darfst das nicht über mich sagen.“

Kon­fron­ta­tio­nen (in der Regel in der Gestalt von Ver­mu­tun­gen über die ande­re Per­son geäu­ßert) kön­nen also als „über­grif­fig“ oder „anma­ßend“ erlebt wer­den. Letzt­lich han­delt es sich ja bei Kon­fron­ta­tio­nen um – gut gemein­te, aber des­halb oft nicht weni­ger ver­let­zen­de – Unter­stel­lun­gen.

Des­halb soll mit Kon­fron­ta­tio­nen „kon­struk­tiv oppor­tu­nis­tisch“ umge­gan­gen wer­den.

Kom­men wir nun zur Kar­tie­rung der Gren­zen: Ange­nom­men, wir wür­den als Bera­ter „ganz beim Kli­en­ten“ blei­ben, etwa wie dies Rogers, Schein oder diver­se Ver­tre­ter non­di­rek­ti­ver Ansät­ze vor­schla­gen, dann wür­den wir kei­ne eige­ne Agen­da ver­fol­gen (was ja die meis­ten Bera­tungs­an­sät­ze aus­schlie­ßen, hier wird aber beson­ders deut­lich, war­um), son­dern unse­ren Kli­en­ten Schritt für Schritt im Pro­zess fol­gen. Frei­lich sind wir gleich­zei­tig einen Schritt im Pro­zess vor­aus – wir stel­len ja Fra­gen. Man kann sich das wie eine Art Taschen­lam­pe vor­stel­len. Wir lau­fen qua­si dem Kli­en­ten hin­ter­her, leuch­ten aber manch­mal mit der Taschen­lam­pe an ihm vor­bei und rich­ten damit des­sen Auf­merk­sam­keit auf womög­lich „blin­de Fle­cken“ oder „unbe­kann­tes Ter­rain“ auf dem Weg vor ihm. Indem wir nun „hin­ter“ dem Kli­en­ten blei­ben, bege­hen wir nicht den Feh­ler, dem Kli­en­ten vor­aus­zu­ei­len und ihn in die von uns für rich­tig erach­te­te Rich­tung zu „zie­hen“. Das ist die womög­lich schwie­rigs­te Auf­ga­be im Hel­fer­be­ruf: selbst nichts zu wol­len, son­dern „nur“ hilf­reich zu sein. Frei­lich kann man auch mal einen Vor­schlag machen, aber nur, wenn man qua­si expli­zit dar­um gebe­ten wird, und wenn klar ist, was das Pro­blem ist, und wenn man als Hel­fe­rin tat­säch­lich für genau die­ses Pro­blem eine spe­zi­fi­sche Lösung zu lie­fern hat (der „Spe­zia­lis­ten­mo­dus“ der Hil­fe; genaue­re Beschrei­bung in die­sem Bei­trag). In der Regel ist das Pro­blem aber nicht so klar – und die Lösung ist es noch viel weni­ger. Dann ist Bera­tung wohl eher eine Art gemein­sa­mer Suche (der „Pro­zess­mo­dus“ der Hil­fe; genaue­re Beschrei­bung in die­sem Bei­trag).

Beratung bedeutet, Klienten zu folgen, im Prozess aber einen Schritt voraus zu sein. Abbildung: Heidig et al. (2015): Gesprächsführung im Jobcenter. EHP. Zeichnung: Juliane Wedlich
Bera­tung bedeu­tet, Kli­en­ten zu fol­gen, im Pro­zess aber einen Schritt vor­aus zu sein. Abbil­dung: Hei­dig et al. (2015): Gesprächs­füh­rung im Job­cen­ter. EHP. Zeich­nung: Julia­ne Wed­lich

Wenn ich es bei die­ser Suche nun schaf­fe, die Ange­le­gen­heit und mei­nen Kli­en­ten nicht zu bewer­ten, son­dern mich Mensch und The­ma eini­ger­ma­ßen vor­ur­teils­frei und „affekt­arm“ zu nähern, dann besteht eine gewis­se Mög­lich­keit, dass ich hilf­reich sein kann. Gleich­zei­tig habe ich kei­ne eige­nen Zie­le im Spiel (außer hilf­reich zu sein). Und wenn ich es wei­ter schaf­fe, dass ich mei­ne Gedan­ken weni­ger in Hypo­the­sen, son­dern zunächst in offe­ne Fra­gen umzu­wan­deln, wächst Ver­trau­en. Kon­fron­tie­ren kann ich immer noch, aber eben nicht als Test eige­ner Ver­mu­tun­gen oder gar als Fol­ge eige­ner Gefüh­le und Bewer­tun­gen, was bei­des zum „Zie­hen“ oder „Schub­sen“ des Kli­en­ten führt, son­dern qua­si als For­mu­lie­ren von wahr­ge­nom­me­nen Unge­reimt­hei­ten (nach ent­spre­chen­der Erlaub­nis und ggf. sogar als Fra­ge for­mu­liert). Dann „schub­se“ ich nicht, son­dern „fol­ge“, indem ich fra­ge. Dann kon­fron­tie­re ich nicht im Inter­es­se einer bestimm­ten Rich­tung, die ich für rich­tig erach­te („zie­hen“ oder „schub­sen“), son­dern kon­fron­tie­re im Hin­blick auf Unge­reimt­hei­ten unter den Din­gen, die bereits aus­ge­spro­chen wur­den. Ich unter­stel­le nicht, um zu kon­fron­tie­ren, son­dern ich beob­ach­te sorg­fäl­tig und fra­ge. Ich nut­ze also ent­spre­chen­de Gele­gen­hei­ten, wenn sie sich aus den bereits bekann­ten Infor­ma­tio­nen erge­ben. Ich schaf­fe kei­ne sol­che Gele­gen­hei­ten durch Ver­mu­tun­gen und ent­spre­chen­de Unter­stel­lun­gen. Damit bin ich ein „hilf­rei­cher Oppor­tu­nist“, und als sol­cher begren­ze ich mich selbst, indem ich beob­ach­te und inter­pre­tie­re, was sich dar­bie­tet, um dar­aus Fra­gen zu machen. Ich set­ze aber nicht mei­ne Gefüh­le oder mei­ne Welt­sicht gegen die Welt­sicht des Kli­en­ten und kon­fron­tie­re ihn so mit Unter­stel­lun­gen, die auf „mei­nem Mist“ gewach­sen sind. Eine sol­che Vor­ge­hens­wei­se gewähr­leis­tet mit hoher Sicher­heit, dass ich „dies­seits der Gren­ze“ und gesund blei­be.

Jörg Hei­dig




Schreibe einen Kommentar