Organisationen als Prozesse verstehen

Als han­deln­de Per­so­nen sind wir, woll­ten wir die­sen Zusam­men­hang etwas exis­ten­tia­lis­tisch for­mu­lie­ren, in den Fluss der Zeit „gewor­fen“. Aus dem Fluss der Zeit her­aus for­men wir unse­re – vor­über­ge­hen­de – Exis­tenz. Über die­ses „Sein in der Zeit“ lässt sich am Ehes­ten als Pro­zess nach­den­ken. Wol­len wir aber wirk­lich ver­ste­hen, was den Begriff „Pro­zess“ aus­macht, ist es weni­ger hilf­reich, über den „Fluss der Din­ge“ nach­zu­den­ken als viel­mehr über die „Din­ge des Flus­ses“. Zu die­sen „Din­gen des Flus­ses“ gehört auch der han­deln­de Mensch, der sich gezwun­gen sieht, die Welt um ihn her­um im Fluss der Zeit zu orga­ni­sie­ren. Als Men­schen kön­nen wir nicht ein­fach aus dem Fluss der Zeit her­aus­tre­ten und etwa ent­schei­den, wie wir die Din­ge oder ande­re Men­schen orga­ni­sie­ren, um dann wie­der in den Fluss zurück­zu­tre­ten. Ein solch idea­les Sze­na­rio wür­de unter­stel­len, dass wir die Zeit anhal­ten könn­ten. Pro­zess­den­ken bedeu­tet viel­mehr, die Bezie­hun­gen zwi­schen einem gege­be­nen Sach­stand einer­seits und den viel­fäl­ti­gen Ent­wick­lungs­we­gen, wel­che die gege­be­ne Lage ande­rer­seits neh­men könn­te, zu reflek­tie­ren. Eine grund­le­gen­de Annah­me des Den­kens in Pro­zes­sen ist, dass immer mehr da ist, als sich beob­ach­ten lässt. Phä­no­me­ne soll­ten des­halb im Lich­te der ihnen inne­woh­nen­den Offen­heit bezie­hungs­wei­se Nicht-Deter­mi­niert­heit betrach­tet wer­den. Dabei soll­te akzep­tiert wer­den, dass die betrach­te­ten Phä­no­me­ne jedoch als geschlos­sen und deter­mi­niert erschei­nen kön­nen. Phä­no­me­ne unter dem Pro­zess­fo­kus zu betrach­ten bedeu­tet des­halb gera­de nicht, aktu­el­le Zustän­de im Raum oder in der Zeit zu ver­glei­chen, son­dern zu reflek­tie­ren und ver­schie­de­ne Sicht­wei­sen zu inte­grie­ren. Vie­le der aktu­el­len Denk­mo­del­le über Orga­ni­sa­tio­nen sit­zen dem eben genann­ten Feh­ler auf und ver­su­chen, gleich­sam aus der Zeit her­aus­zu­tre­ten, indem sie Orga­ni­sa­tio­nen als sozia­le Sys­te­me begrei­fen, die sich von ande­ren sozia­len Sys­te­men unter­schei­den, etwa als for­ma­le Koor­di­na­ti­ons­sys­te­me im Unter­schied zu ande­ren Arten von Sys­te­men. Die Grund­an­nah­me, dass Orga­ni­sa­tio­nen eine Art von Sys­te­men sei­en, geht auf Kos­ten des Ver­ständ­nis­ses des Wesens von Orga­ni­sa­tio­nen als spe­zi­el­le Typen sozio-mate­ri­el­ler Anknüupfungs­pro­zes­se. Sol­che Anknüp­fungs­pro­zes­se füh­ren zur tem­po­rä­ren Bil­dung von Grup­pen, Unter­neh­men, Insti­tu­tio­nen und so wei­ter. Mit einem pro­zess­ori­en­tier­ten Ver­ständ­nis von Orga­ni­sa­tio­nen wird nach den gene­ri­schen Pro­zes­sen gefragt, die zur Ent­ste­hung, Sta­bi­li­sie­rung und Ver­än­de­rung von Orga­ni­sa­tio­nen füh­ren. Wenn man Orga­ni­sa­tio­nen als Anknüp­fungs­pro­zes­se – oder kon­kre­ter als Ergeb­nis­se von Inter­ak­ti­ons­pro­zes­sen zwi­schen Orga­ni­sa­ti­ons­mit­glie­dern – ver­steht, betrach­tet man nicht die Aus­wir­kun­gen von orga­ni­sa­tio­na­len Bedin­gun­gen oder Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pi­en auf bestimm­te Unter­su­chungs­ge­gen­stän­de, son­dern man unter­sucht viel­mehr, wie die mit dem Unter­su­chungs­ge­gen­stand ver­bun­de­nen Hand­lun­gen zu den spe­zi­fi­schen Anknüp­fungs­dy­na­mi­ken bzw. Inter­ak­ti­ons­pro­zes­sen bei­tra­gen, aus denen eine Orga­ni­sa­ti­on gewo­ben ist. Das Pro­blem vie­ler Orga­ni­sa­ti­ons­an­sät­ze ist, dass sie Orga­ni­sa­tio­nen als einen Kon­text für Den­ken und Han­deln ver­ste­hen und nicht etwa, dass Orga­ni­sa­tio­nen aus Hand­lun­gen bestehen. (Vgl. Her­nes 2014)

Die­se recht all­ge­mei­nen Dar­stel­lun­gen die­nen ledig­lich einer ers­ten Annä­he­rung an ein pro­zess­ori­en­tier­tes Ver­ständ­nis von Orga­ni­sa­tio­nen. Deut­li­cher wird die­se Art, über Orga­ni­sa­tio­nen nach­zu­den­ken, wenn man ver­steht, wie unse­re Fähig­keit zu kom­mu­ni­zie­ren ent­stan­den ist, und wie ver­mit­tels der Spra­che als Instru­ment zur Hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on Kul­tur ent­steht. Lesen Sie dazu die­sen Bei­trag.

Jörg Hei­dig




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