Verhandlungsoptionen für festgefahrene Konflikte, Teil 1: Vier Gesprächsphasen, mit denen sich verhärtete Konflikte wieder in Bewegung bringen lassen

Wenn man sich in Deutsch­land mit Ver­hand­lungs­füh­rung beschäf­tigt oder mit der Psy­cho­lo­gie hin­ter sol­chen Gesprä­chen, dann kommt man an dem Namen Schran­ner kaum vor­bei. Es han­delt sich um einen ehe­ma­li­gen Poli­zis­ten, der ein Trai­nings­in­sti­tut für Ver­hand­lungs­füh­rung betreibt und mit die­sem The­ma sehr bekannt gewor­den ist.

Vor eini­ger Zeit tauch­te sein Name in einer Rei­he von Arti­keln über das Ende des Wider­stands gegen den Abriss des Dor­fes Lüt­zer­ath auf. Sie erin­nern sich viel­leicht: Es ging um den Abbau der Koh­le unter dem Dorf; die Geneh­mi­gun­gen lagen vor, aber es gab Wider­stand. Es kam zu Räu­mun­gen, doch die bei­den letz­ten Pro­test­ler konn­te man nicht ein­fach „räu­men“. Sie saßen in einem sechs Meter tie­fen Loch unter der Erde und nann­ten sich „Pin­ky“ und „Brain“.

RWE bestell­te schließ­lich Schran­ner. Schran­ner kam – und kur­ze Zeit spä­ter waren „Pin­ky“ und „Brain“ aus ihrem Loch her­aus. So etwas steht nicht groß in den Medi­en, aber immer­hin gab es ein paar Arti­kel dar­über, dar­un­ter einen von Schran­ner per­sön­lich.

Wenn man allein die Ver­hand­lungs­leis­tung betrach­tet, dann war das ein Erfolg.

Man kann die­se Geschich­te frei­lich auch aus der Per­spek­ti­ve der Akti­vis­ten betrach­ten, dann wür­de man viel­leicht zu einem ande­ren Urteil kom­men. Aber dar­um soll es hier nicht gehen.

Es geht in die­sem Bei­trag — und in den bei­den wei­te­ren Tei­len der Serie — um die Fra­ge, wie sol­che Gesprä­che prak­tisch ver­lau­fen kön­nen. Weder weiß ich, was Schran­ner dort genau gemacht hat, noch weiß ich, wor­auf genau „Pin­ky“ und „Brain“ letzt­lich reagiert haben. Ich weiß auch nicht, wie viel RWE für die­sen Ein­satz bezahlt hat. Ich weiß nur aus der Pres­se, dass es den Vor­gang gege­ben hat. Schran­ner wird den Teu­fel tun und sei­ne Rezep­te genau ver­ra­ten. Er schreibt Bücher über sol­che Gesprä­che – aber die­se Bücher sind im bes­ten Sin­ne Annä­he­run­gen.

Ich habe, von der Auf­ga­be her betrach­tet, manch­mal ganz ähn­li­che Auf­trä­ge, wenn auch auf einer ande­ren Ebe­ne — und sicher auch ganz anders bezahlt. Immer geht es dar­um, eine gewis­se Ver­hand­lung zu führen.

Es ist das eine, eine ergeb­nisoffe­ne Ver­hand­lung zu füh­ren. Etwas völ­lig ande­res ist es, wenn der Auf­trag­ge­ber ein ganz bestimm­tes Ergeb­nis haben möch­te, und zwar im Zwei­fels­fall pron­to. Wenn die Ver­hand­lungs­grup­pen der Lan­des­kri­mi­nal­äm­ter tätig wer­den, wis­sen alle Betei­lig­ten eines sehr genau: Das sind die net­ten Leu­te, die für eine gewis­se Frist zwi­schen dem Gei­sel­neh­mer und dem Spe­zi­al­ein­satz­kom­man­do stehen.

Aber in mei­nen Fäl­len — und auch im Fal­le von „Pin­ky“ und „Brain“ — gibt es kein SEK. Die Ver­hand­lung gelingt, oder die Ver­hand­lung gelingt nicht.

Viel mehr kann kom­mu­ni­ka­tiv nicht zusam­men­kom­men: Kei­ne Ergeb­nis­of­fen­heit, Zeit­druck, poten­ti­ell Stress bei allen Betei­lig­ten. Trotz­dem soll etwas herauskommen.

Als Faust­re­gel gilt: Je mehr Druck auf dem Kes­sel ist, des­to weni­ger Druck darfst Du machen. Wenn Du auch nur ein ganz klei­nes Biß­chen zu viel Druck machst, kann ganz schnell Schluss sein.

Ich gebe in die­ser drei­tei­li­gen Serie kürz­lich geführ­te Gesprä­che wie­der. Die Anläs­se und die jewei­li­gen Kon­tex­te ver­schwei­ge ich frei­lich. Es geht nur dar­um, die ver­wen­de­ten Gesprächs­tech­ni­ken sicht­bar zu machen.

Neh­men wir ein­mal an, bei dem Kon­flikt han­delt es sich um eine Sache zwi­schen einem Mit­ar­bei­ter und sei­nem Chef, die sich fest­ge­fah­ren hat. Bei­de Sei­ten haben vor lan­ger Zeit mit­ein­an­der dis­ku­tiert, bei­de Sei­ten mei­nen, mit ent­spre­chen­den Ange­bo­ten auf­ein­an­der zuge­kom­men zu sein — was die jeweils ande­re Sei­te immer abge­lehnt habe usw. Jetzt ist die Sache schon älter, die Blo­cka­de­hal­tun­gen haben sich soweit ver­fes­tigt, als dass es schon län­ger kei­ne Bewe­gung mehr gibt.

Phase 1 – Kontakt herstellen und Interesse zeigen

Sol­che Ver­hand­lun­gen führt man am bes­ten als Ein­zel­ge­spräch — wenn es geht. Wenn es nicht geht, kann man die Gesprä­che auch mit einer Grup­pe füh­ren. Aber im Ein­zel­ge­spräch ist es ein­fa­cher. In der Grup­pe dau­ert alles länger.

Das Ziel der ers­ten Pha­se besteht dar­in, über­haupt einen Kon­takt her­zu­stel­len. Man beginnt nie mit For­de­run­gen. Man beginnt mit Fra­gen, und zwar so offen wie möglich.

Zum Bei­spiel: Was hal­ten Sie von dem Ansin­nen die­ses Gesprächs? Oder: Gibt es etwas, was in die­sem Gespräch pas­sie­ren könn­te, das Ihnen ent­ge­gen­kom­men würde?

Damit beginnt man, die Per­spek­ti­ve der Per­son zu erkunden.

Dann kann man weiterfragen:

  • Wie ist es für Sie, hier zu arbeiten?
  • Wie ger­ne kom­men Sie zur Arbeit?
  • Wie hat sich das für Sie in den letz­ten Jah­ren entwickelt?
  • Wie ist die Situa­ti­on momentan?
  • Wie soll es aus Ihrer Sicht weitergehen?
  • Wie gut geht es Ihnen hier?

Man kann auch fra­gen: Haben Sie Wün­sche an Ihren Arbeit­ge­ber? … Und wenn ja, wel­che genau?

Wich­tig ist, dass man offen beginnt, Inter­es­se zeigt, sich her­an­tas­tet. Man kommt erst sehr lang­sam zum Anlass des Gesprächs, oft indem man sich „vor und wie­der zurück“ bewegt:

„In letz­ter Zeit gab es ja Din­ge, aus denen der Anlass die­ses Gesprächs ent­stan­den ist. Schil­dern Sie bit­te Ihre Sicht des Her­gangs.“ … „Ich fra­ge noch ein­mal: Was hal­ten Sie eigent­lich davon, dass wir die­ses Gespräch füh­ren? Und was wäre für Sie ein gutes Ergebnis?“

Es geht dar­um, erst ein­mal eine Gesprächs­ba­sis zu schaf­fen. Von „Ver­trau­en“ wür­de ich nicht spre­chen, aber von „Zutrau­en, dass sich das Gegen­über wirk­lich für mei­ne Belan­ge inter­es­siert“. So etwas wie die­ses „Zutrau­en“ wäre das Ziel von Pha­se 1.

Phase 2 – Verstehen, wie es dazu kam

Wenn man merkt, dass sich eine gewis­se Bezie­hung auf­ge­baut hat, kann man begin­nen, nach der Ent­ste­hung der Situa­ti­on zu fra­gen: „Wie kam es denn eigent­lich zu die­ser Situa­ti­on? Wie ist die Situa­ti­on entstanden?“

Dann schil­dert die Per­son meist eine Kon­flikt­dy­na­mik. Am Anfang stand oft eine (gering­fü­gi­ge) Zuspit­zung: Eine Bemer­kung, eine Ent­schei­dung. Dar­aus ent­stand ein Konflikt.

Bei­de Sei­ten began­nen, ihre Posi­tio­nen zu ver­tei­di­gen. Mit der Zeit ver­här­te­ten sich die­se Posi­tio­nen. Häu­fig bil­de­te sich um die betei­lig­ten Per­so­nen ein klei­nes Umfeld von Unter­stüt­zern. Men­schen, die viel­leicht nicht jedes Detail der Posi­ti­on teil­ten, aber doch zu der Per­son hiel­ten. Dann begann sich das Gan­ze festzufahren.

Viel­leicht hat die Arbeit­ge­ber­sei­te schon ein­mal ver­sucht, auf die Per­so­nen zuzu­ge­hen. Viel­leicht wur­den Ange­bo­te gemacht. Viel­leicht hat man gefragt: Unter die­sen Umstän­den – wie wür­den Sie das finden?

Viel­leicht hat die Mit­ar­bei­ter­sei­te wei­ter blo­ckiert, weil sie irgend­wann vor dem Ange­bot „ange­brüllt“ wur­de und sich des­halb mit ihrer For­de­rung „im Recht“ wähnt.

Dann hat der Arbeit­ge­ber mög­li­cher­wei­se wei­te­re Zuge­ständ­nis­se gemacht. Viel­leicht hat die Mit­ar­bei­ter­sei­te (aus ihrer Sicht) ein Stück weit nach­ge­ge­ben – und gleich­zei­tig ein Ulti­ma­tum gestellt.

Dann ließ die Gegen­sei­te die­ses Ulti­ma­tum ver­strei­chen: „Seit wann las­se ich mich denn von Mit­ar­bei­tern erpres­sen? Wenn hier jemand Fris­ten setzt, dann doch ich!?!“

So oder ähn­lich ver­lau­fen vie­le Konfliktdynamiken.

In die­ser Pha­se geht es zunächst dar­um, den Ver­lauf zu ver­ste­hen – nicht dar­um, ihn zu bewer­ten. Man signa­li­siert Ver­ständ­nis. Man hört zu. Man ver­steht die jewei­li­gen Sicht­wei­sen, kann die Geschich­te des Kon­flikts nachvollziehen.

Erst nach dem Ver­ständ­nis des Her­gangs beginnt die nächs­te Phase.

Phase 3 – Reflexion auslösen

Wenn eine gewis­se Gesprächs­ba­sis ent­stan­den ist und man den Her­gang ver­stan­den hat, kann man begin­nen, vor­sich­tig eine Refle­xi­on anzustoßen.

Hier hel­fen eini­ge eher direk­te Fra­gen, zum Beispiel:

  • Was genau wird denn pas­sie­ren, wenn das so wei­ter­geht wie jetzt?
  • Was glau­ben Sie, wer­den Sie tun?
  • Was glau­ben Sie, wird die Chef­eta­ge tun?
  • Und wie wahr­schein­lich ist es, dass das für Sie gut ausgeht?

Irgend­wann erreicht man eine Stel­le, an der man merkt, dass sich die Per­son über die lang­fris­ti­gen Kon­se­quen­zen noch gar nicht so vie­le Gedan­ken gemacht hat.

Dann kann man weiterfragen:

  • Darf ich noch ein­mal nach der Ursa­che und dem Her­gang fragen?
  • Was, glau­ben Sie, pas­siert, wenn nie­mand einlenkt?
  • Was wür­den Sie an der Stel­le Ihres Vor­ge­setz­ten tun?

Viel­leicht stellt sich her­aus, dass sich die Situa­ti­on am Ende zu einer Art „Ego-Film“ ent­wi­ckelt hat – eine Dyna­mik, in der bei­de Sei­ten ihre Posi­ti­on verteidigen.

Dann kann man eine ande­re Fra­ge stel­len: „Was wol­len Sie eigent­lich? Sie müs­sen mir nicht ant­wor­ten, aber wenn Sie ant­wor­ten, dann bit­te ehrlich.“

„Wie soll­te die Zukunft für Sie aussehen?“

„Wol­len Sie wei­ter hier arbeiten?“

„Was wären rea­lis­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen dafür?“

Oder (noch ein­mal) anders gefragt:

  • Was pas­siert denn, wenn sich nichts ändert?
  • Was wür­de Ihr Chef dann tun?

Oder:

  • Was wür­den Sie Ihrem Chef raten?
  • Was glau­ben Sie, was Ihr Chef jetzt machen wird?
  • Und wenn Sie sich ein­mal in die Chef­eta­ge hin­ein­ver­set­zen – was glau­ben Sie, was dort gera­de gedacht wird?
  • Wie wahr­schein­lich ist es, dass die Chef­eta­ge noch ein­mal auf Sie zukommt?
  • Und was pas­siert, wenn Sie wei­ter blockieren?
  • Was wären dann die rea­lis­ti­schen Konsequenzen?

Und noch eine (Vor­sicht: kon­fron­ta­ti­ve) Fra­ge: „Wie lan­ge hal­ten Sie das eigent­lich noch durch?“

Und noch ein­mal: „Was wol­len Sie eigentlich?“

Phase 4 – Eine Entscheidung vorbereiten

Wenn die Per­son sagt: „Ich möch­te eigent­lich wei­ter hier arbei­ten“, dann kommt ein ent­schei­den­der Punkt.

Dann könn­te man sagen: „Wenn ich das rich­tig sehe, haben Sie im Grun­de zwei Optionen.“

Damit wird das Gespräch etwas konfrontativer.

Man könn­te fragen:

  • Wel­che Optio­nen sehen Sie selbst?
  • Was macht die­ses Gespräch bis­her mit Ihnen?
  • Zu wel­chem Schluss kom­men Sie gerade?
  • Wel­che Optio­nen haben Sie?

„Wenn ich das rich­tig sehe, blei­ben im Grun­de zwei Mög­lich­kei­ten. Die ers­te Mög­lich­keit wäre: Sie gehen einen Schritt auf die ande­re Sei­te zu. Kön­nen Sie sich das vorstellen?“

„Viel­leicht ent­schul­di­gen Sie sich. Viel­leicht fra­gen Sie Ihren Chef, wie man aus die­ser Situa­ti­on wie­der her­aus­kom­men kann. Viel­leicht über­le­gen Sie vor­her, zu wel­chen Zuge­ständ­nis­sen Sie bereit wären. Eine Ent­schul­di­gung? Eine Fra­ge? Viel­leicht ein Angebot?“

„Die zwei­te Mög­lich­keit wäre: Sie zie­hen Ihren Weg durch. Dann müss­ten Sie aller­dings auch mit den Kon­se­quen­zen leben. Denn es ist eher unwahr­schein­lich, dass die Chef­eta­ge von sich aus noch ein­mal deut­lich auf Sie zugeht. Viel­leicht macht sie Ihnen noch ein­mal ein Ange­bot – aber ohne eine signi­fi­kan­te Ges­te von Ihrer Sei­te wird das schwie­rig. Des­halb wür­de ich fra­gen: Wären Sie grund­sätz­lich bereit, sich noch ein­mal ein Ange­bot der Chef­eta­ge anzu­hö­ren? Und was wären Sie gege­be­nen­falls bereit, Ihrer­seits anzubieten?“

„Schlie­ßen Sie die ers­te Opti­on – also ein Ent­ge­gen­kom­men – kom­plett aus? Oder schlie­ßen Sie sie nicht aus? Und wenn Sie die­se Opti­on nicht aus­schlie­ßen: Was müss­te pas­sie­ren, damit Sie einlenken?“

Und noch ein­mal, nur zur Sicher­heit: „Was pas­siert, wenn Sie bei Ihrer Mei­nung blei­ben und ein­fach durchhalten?“

„Irgend­wann wird die Chef­eta­ge eine Ent­schei­dung tref­fen. Rea­lis­tisch betrach­tet könn­te das sogar beim Arbeits­ge­richt lan­den. Im Moment hal­ten Sie das Gan­ze in einem Schwe­be­zu­stand. Sie wol­len hier wei­ter arbei­ten – aber Sie erfül­len nicht, was die Chef­eta­ge von Ihnen erwar­tet. Die­ser Schwe­be­zu­stand ist für alle Sei­ten frus­trie­rend. Und er wird nicht ewig anhal­ten. Irgend­wann wird eine Ent­schei­dung fallen.“

„Ent­we­der Sie blei­ben bei Ihrer Posi­ti­on und tra­gen die Kon­se­quen­zen. Oder Sie gehen auf Ihre Chef­eta­ge zu, ent­schul­di­gen sich viel­leicht und machen ein Ange­bot. Dann wird Ihre Chef­eta­ge mög­li­cher­wei­se auch ein Ange­bot machen.“

„Aber dass die Chef­eta­ge noch ein­mal von sich aus kommt – nach­dem das ‚drölf­zigs­te‘ Ulti­ma­tum ver­stri­chen ist – das hal­te ich für eher unrea­lis­tisch. … Des­halb wür­de ich Ihnen emp­feh­len, ein­mal von der Zukunft her zu den­ken: Wo und wie wol­len Sie arbeiten?“

„Gefällt es Ihnen hier? Passt die Work-Life-Balan­ce? Mögen Sie die Auf­ga­be? Mögen Sie die Kol­le­gen? Mögen Sie den Vor­ge­setz­ten – oder kön­nen Sie ihn wenigs­tens ertragen?“

„Oder ist es so, dass Sie eigent­lich lie­ber woan­ders arbei­ten möchten?“

Und dann die ent­schei­den­de Fra­ge: „Wie hoch ist eigent­lich der Preis der Wei­ge­rung – lang­fris­tig – im Ver­gleich zu dem Preis, den Sie jetzt ‚zah­len‘ müss­ten, wenn Sie auf die ande­re Sei­te zuge­hen, sich ent­schul­di­gen und ein Ange­bot machen?“

Am Ende die­ses Gesprächs sag­te die Per­son, dass sie dar­über noch ein­mal nach­den­ken wol­le. Sie ten­die­re zum Ein­len­ken – aber nicht sofort. Sie wol­le, dass ich zuerst gehe — und sie danach allein zu ihrem Chef gehe.

Also sag­te ich: „Gut. Dann gehe ich jetzt.“

So unge­fähr ist die­ses Gespräch verlaufen.

Das Ergeb­nis war, dass die Per­son zu ihrem Chef gegan­gen ist und sich ent­schul­digt hat — und gemacht hat, was von ihr erwar­tet wurde.

Warum solche Gespräche — nicht immer, aber oft genug — funktionieren

Inter­es­sant an sol­chen Gesprä­chen ist, dass sie in der Regel nicht oder nur sehr sel­ten durch beson­ders klu­ge Argu­men­te ent­schie­den werden.

Oft ent­steht Bewe­gung erst dann, wenn jemand beginnt, den Kon­flikt nicht mehr aus der Gegen­wart her­aus zu betrach­ten, son­dern aus der Zukunft.

Solan­ge ein Kon­flikt im Modus der Recht­fer­ti­gung geführt wird – „Ich habe recht“ gegen „Du hast recht“ – bleibt er stehen.

Erst wenn jemand beginnt zu fra­gen: „Was pas­siert eigent­lich als Nächs­tes?“ und: „Wie wahr­schein­lich ist das?“ und „Was will ich eigent­lich?“ ver­än­dert sich die Perspektive.

Plötz­lich geht es nicht mehr nur um Recht oder Unrecht, son­dern um Kon­se­quen­zen: „Bin ich bereit, den Preis, den mei­ne Posi­ti­on lang­fris­tig bedeu­tet, zu bezahlen?“

Und noch etwas spielt eine Rol­le: Vie­le Kon­flik­te ver­här­ten sich des­halb, weil bei­de Sei­ten hof­fen, dass die jeweils ande­re Sei­te irgend­wann nachgibt.

Wenn man die­se Hoff­nung lei­se infra­ge stellt – ohne Dro­hung, ohne Druck – ent­steht oft zum ers­ten Mal ein rea­lis­ti­scher Blick auf die Situa­ti­on: Man sti­mu­liert Selbst­re­fle­xi­on und ggf. Ein­sicht.

Oft genug reicht genau die­ser Moment, damit sich etwas bewegt.

Jörg Hei­dig

PS: Das Bei­trags­bild wur­de mit Hil­fe einer künst­li­chen Intel­li­genz erstellt.

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.