Wie man als Führungskraft einen Konflikt zwischen zwei Personen klären kann — eine einfache, aber wirksame Moderationsstruktur

Kon­flik­te zwi­schen zwei Per­so­nen fol­gen fast immer einem Mus­ter: Am Anfang steht sel­ten ein gro­ßer Streit, eher beginnt es im Klei­nen: mit einer Bemer­kung, einem Ton­fall, einem „Spruch“, einer Ent­schei­dung, die als unfair emp­fun­den wird. Zunächst ver­su­chen die Betei­lig­ten viel­leicht noch, die Situa­ti­on zu ent­schär­fen — man rela­ti­viert viel­leicht etwas, geht einen Schritt zurück, ver­sucht, sich zu recht­fer­ti­gen. Doch wenn das nicht funk­tio­niert, bil­den sich Posi­tio­nen. Die Betei­lig­ten wie­der­ho­len ihre Sicht­wei­se — sie recht­fer­ti­gen sich immer wie­der oder „kri­ti­sie­ren zurück“. „Ja, aber…“ wird zur immer häu­fi­ger ver­wen­de­ten Flos­kel. Die Betei­lig­ten reden noch mit­ein­an­der – aber sie ver­ste­hen sich nicht mehr. Mit der Zeit ent­steht eine gewis­se Hilf­lo­sig­keit — man wird „mit­ein­an­der hilf­los“. Bei­de Sei­ten mer­ken, dass sie nicht wei­ter­kom­men. Der Kon­flikt fährt sich fest. An die­sem Punkt pas­siert etwas sehr Typi­sches: Eine der bei­den Per­so­nen geht zur Füh­rungs­kraft. Der Kon­flikt wird nun nicht mehr mit der betei­lig­ten Per­son bespro­chen, son­dern es wird über die betei­lig­te Per­son gespro­chen — oft genug wech­sel­sei­tig. Die Füh­rungs­kraft wird zur drit­ten Instanz. Sie soll klä­ren, ver­mit­teln oder ent­schei­den. Das wirkt zunächst nahe­lie­gend. In der Pra­xis ist es jedoch häu­fig der Moment, in dem Kon­flik­te „kon­ser­viert“ wer­den. Denn was jetzt pas­siert, ist — oft genug — fol­gen­des: Die Füh­rungs­kraft hört sich die Schil­de­rung an und geht anschlie­ßend zur ande­ren Per­son, um „die Sache zu klä­ren“. Das ist zwar ver­ständ­lich, denn es geschieht aus guter Absicht, aber es ist oft genug nicht hilf­reich, denn damit ent­steht eine Art Stell­ver­tre­ter­kom­mu­ni­ka­ti­on:

  • Per­son A spricht mit der Führungskraft.
  • Die Füh­rungs­kraft spricht mit Per­son B.
  • Die Betei­lig­ten spre­chen nicht mehr miteinander.
  • Die Füh­rungs­kraft ver­sucht zu ver­mit­teln, aber bei­de Sei­ten blei­ben bei ihren Posi­tio­nen und ihren damit ver­bun­de­nen Forderungen.

Manch­mal beru­higt sich der Kon­flikt dadurch zunächst. Aber die Ruhe ist trü­ge­risch: Der Kon­flikt wird dadurch nicht gelöst, son­dern ledig­lich ver­la­gert — und gleich­zei­tig „ver­fes­tigt“ bzw. „kon­ser­viert“. Die Füh­rungs­kraft soll­te des­halb genau das nicht tun. Die Auf­ga­be besteht nicht dar­in, den Betei­lig­ten den Kon­flikt „abzu­neh­men“, son­dern dar­in, eine direk­te Klä­rung zu ermög­li­chen. Die Füh­rungs­kraft soll­te kei­nes­wegs zwi­schen den Kon­flikt­par­tei­en „hin und her ren­nen“, son­dern bei­de Betei­lig­te zu einer Aus­spra­che bitten.

Man kann vor so einer Aus­spra­che Ein­zel­ge­sprä­che füh­ren. Das gewähr­leis­tet eine genaue Kennt­nis des Kon­flik­tes bzw. der Belan­ge der ein­zel­nen Betei­lig­ten und erhöht die Erfolgs­chan­cen. In so einem Ein­zel­ge­spräch kann man sich den Her­gang schil­dern las­sen und fra­gen, was die jeweils betei­lig­te Per­son möch­te, was sie von der jeweils ande­ren Per­son erwar­tet, ob sie einen ggf. „eige­nen Anteil“ sieht, ob die Per­son bereit wäre, auf die ande­re Sei­te zuzu­ge­hen — man kann fra­gen, was pas­siert, wenn sich nichts ändert, oder was die Per­son anstel­le der vor­ge­setz­ten Per­son tun wür­de. Ziel sol­cher Ein­zel­ge­sprä­che ist einer­seits ein bes­se­res Ver­ständ­nis von der Situa­ti­on, ande­rer­seits aber auch die Anre­gung einer gewis­sen Selbst­re­fle­xi­on („Wozu wären Sie ggf. bereit?“ oder: „Wenn Sie erwar­ten, dass sich die ande­re Sei­te ent­schul­digt — wozu wären ande­rer­seits ggf. Sie selbst bereit?“ oder: „Darf ich mal eine spit­ze Fra­ge stel­len? Wenn Sie sich ggf. an die sprich­wört­li­che ‚eige­ne Nase‘ fas­sen müss­ten, was wür­den Sie da sehen? Gibt es einen ‚eige­nen Anteil‘?“ oder: „Was wür­den Sie in die­ser Situa­ti­on an mei­ner Stel­le machen? Wie wür­den Sie mit der Situa­ti­on umgehen?“).

In die­sem Bei­trag geht es dar­um, mit wel­chen Fra­gen und in wel­cher Rei­hen­fol­ge der Fra­gen es mög­lich ist, einen Kon­flikt zwi­schen zwei Per­so­nen zu bearbeiten.

Der entscheidende erste Schritt

Der ers­te Schritt ist ein­fach: Die Füh­rungs­kraft lädt (ggf. nach Ein­zel­ge­sprä­chen, wie gesagt: vor­be­rei­ten­de Ein­zel­ge­sprä­che erhö­hen die Erfolgs­wahr­schein­lich­keit) bei­de Per­so­nen zu einem gemein­sa­men Gespräch ein. Es geht in so einem Gespräch zunächst nicht so sehr dar­um, den Kon­flikt zu ana­ly­sie­ren oder sofort nach Lösun­gen zu suchen. Zunächst geht es dar­um, eine Gesprächs­si­tua­ti­on zu schaf­fen, in der bei­de Sei­ten über­haupt wie­der mit­ein­an­der spre­chen kön­nen. Ein klei­nes Detail ist dabei oft erstaun­lich wich­tig: Die bei­den Per­so­nen soll­ten nicht gegen­über sit­zen, son­dern neben­ein­an­der. Der Grund dafür ist sim­pel: In Kon­flik­ten wird Blick­kon­takt schnell zum Eska­la­ti­ons­an­lass. Augen wer­den, wenn man sich gegen­über­sitzt, im Kon­flikt­fall zu „Waf­fen­kam­mern“. Kör­per­spra­che, Bli­cke und klei­ne Ges­ten kön­nen die Span­nung sofort wie­der erhö­hen. Wenn Men­schen neben­ein­an­der sit­zen, rich­tet sich ihr Blick in die­sel­be Rich­tung. Das redu­ziert die direk­te Kon­fron­ta­ti­on und schafft eine ruhi­ge­re Gesprächsatmosphäre.

Was ist eigentlich passiert?

Die Mode­ra­ti­on beginnt mit einer ein­fa­chen Fra­ge: „Was ist eigent­lich pas­siert?“ (Wenn man vor­her Ein­zel­ge­sprä­che geführt hat, kann man die­se Pha­se ggf. weg­las­sen.) Zunächst muss geklärt wer­den, wer beginnt. Das ist kein neben­säch­li­ches Detail — es soll­te nicht „ent­schie­den“, son­dern „ver­ein­bart“ wer­den. Zum Bei­spiel so: „Wäre es für Sie bei­de in Ord­nung, wenn Frau X beginnt?“ Erst wenn bei­de zustim­men, beginnt die Schil­de­rung. Die ers­te Per­son beschreibt dann ihre Sicht der Situa­ti­on. Wich­tig ist dabei: Die zwei­te Per­son darf zunächst nicht reagie­ren: kei­ne Recht­fer­ti­gung, kein Gegen­an­griff, kei­ne eige­ne Dar­stel­lung. Statt­des­sen folgt eine ande­re Fra­ge: „Was von dem, was Sie gehört haben, kön­nen Sie nach­voll­zie­hen?“ Die­se Fra­ge kann die Dyna­mik des Gesprächs ver­än­dern. Sie zwingt die zwei­te Per­son nicht zuzu­stim­men, aber die Fra­ge zwingt die zwei­te Per­son zuzu­hö­ren. Die Auf­ga­be besteht nicht dar­in, sich zu ver­tei­di­gen, son­dern zu zei­gen, was man ver­stan­den hat. Die zwei­te Per­son para­phra­siert also die Schil­de­rung der ers­ten. Danach wird gewech­selt. Jetzt schil­dert die zwei­te Per­son ihre Sicht der Situa­ti­on. Und wie­der folgt die­sel­be Fra­ge, dies­mal an die ers­te Per­son: „Was davon kön­nen Sie nach­voll­zie­hen?“ Die­se ers­te Pha­se dient aus­schließ­lich dazu, dass bei­de Sei­ten ihre jewei­li­ge Per­spek­ti­ve dar­stel­len — und erle­ben, dass sie zumin­dest gehört und ver­stan­den wer­den. Noch geht es nicht um Emo­tio­nen, noch geht es nicht um Lösun­gen. Es geht zunächst um ein (gewis­ses) Ver­ständ­nis der Situation.

Was hat Sie verletzt?

Kon­flik­te ent­ste­hen sel­ten nur aus Sach­fra­gen; Sach­fra­gen sind meis­tens nur ein Anlass. Es gibt in der Regel auch und vor allem eine emo­tio­na­le Ebe­ne. Des­halb folgt im zwei­ten Schritt eine ganz ande­re Fra­ge: „Was hat Sie ver­letzt?“ Hier beginnt nun die Per­son, die in der ers­ten Run­de nicht begon­nen hat. Der Ablauf an und für sich bleibt gleich: Eine Per­son beschreibt, was sie ver­letzt hat. Der ande­ren Per­son wird nun die glei­che Fra­ge gestellt wie zuerst der einen Per­son in der ers­ten Run­de: „Was davon kön­nen Sie nach­voll­zie­hen?“ Kei­ne Ver­tei­di­gung, kei­ne Gegen­ar­gu­men­te, nur das Bemü­hen zu zei­gen, was man ver­stan­den hat. Dann wird wie­der gewech­selt. Die zwei­te Per­son beschreibt ihre Ver­let­zung; im Anschluss sagt die ers­te Per­son, was sie ver­stan­den hat. Die­ser Schritt ist ent­schei­dend. Er bringt den Kon­flikt auf die Ebe­ne, auf der er tat­säch­lich ent­stan­den ist: die Ebe­ne von Krän­kun­gen oder Ent­täu­schun­gen. Man­che Kon­flik­te lösen sich bereits hier teil­wei­se auf, weil bei­de Sei­ten erst­mals mer­ken, was die Situa­ti­on für die ande­re Per­son bedeu­tet hat.

Was müsste jetzt passieren?

Erst danach folgt die Fra­ge nach der Zukunft: „Was müss­te pas­sie­ren, damit Sie wie­der gut mit­ein­an­der arbei­ten kön­nen?“ Die Ant­wort ent­hält meist Erwar­tun­gen an die ande­re Per­son. Zum Beispiel:

  • eine Ent­schul­di­gung,
  • eine ande­re Form der Kommunikation,
  • kla­re­re Abspra­chen oder bes­se­rer Infor­ma­ti­ons­fluss oder
  • mehr Rück­sicht oder Transparenz.

An die­ser Stel­le folgt eine zwei­te, sehr wich­ti­ge Fra­ge: „Was könn­ten Sie selbst dazu bei­tra­gen?“ Hier beginnt oft ein Moment der Selbst­re­fle­xi­on. Manch­mal erken­nen Men­schen plötz­lich, dass sie selbst eben­falls einen Schritt machen könn­ten. Wenn das pas­siert, kann die Mode­ra­ti­on noch einen Schritt wei­ter­ge­hen: „Wenn Sie sagen, dass Sie sich eben­falls ent­schul­di­gen könn­ten – wären Sie bereit, das jetzt zu tun?“ In man­chen Situa­tio­nen ist es genau dann sinn­voll, als Mode­ra­tor kurz den Raum zu ver­las­sen — denn die­ser Moment gehört, wenn die Bereit­schaft, so direkt zu han­deln, vor­han­den ist, den Betei­lig­ten. Wenn es gelingt, ist das der Moment, in dem der Kon­flikt tat­säch­lich wie­der in die Ver­ant­wor­tung der Betei­lig­ten zurückkehrt.

Warum diese Struktur oft funktioniert

Media­ti­on besteht nicht aus cle­ve­ren For­mu­lie­run­gen oder psy­cho­lo­gi­schen Tricks. Der ent­schei­den­de Punkt ist immer der­sel­be: Bei­de Sei­ten müs­sen einen Schritt auf­ein­an­der zuge­hen. Das geschieht meist nicht durch Argu­men­te. Es geschieht durch klei­ne Ges­ten — eine Ent­schul­di­gung, eine Aner­ken­nung, ein Ein­ge­ständ­nis, ein Ange­bot. Wenn sol­che Ges­ten statt­fin­den, ist der größ­te Teil der Kon­flikt­klä­rung „gemacht“ oder „erreicht“. Am Ende des Gesprächs geht es dar­um, die Ergeb­nis­se fest­zu­hal­ten. Die Fra­ge lau­tet dann: „Was wol­len wir jetzt kon­kret mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren?“ Dabei wer­den die zuvor genann­ten Erwar­tun­gen in kon­kre­te Abspra­chen über­setzt. Zum Beispiel:

  • wie man künf­tig mit­ein­an­der kommuniziert,
  • wel­che Infor­ma­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben wer­den müssen,
  • wel­che Ent­schei­dun­gen abge­stimmt wer­den sol­len oder/und
  • wie man mit neu­en Kon­flik­ten umge­hen will.

Die­se Ver­ein­ba­run­gen bil­den einen viel­leicht „klei­nen“, aber wich­ti­gen Rah­men für die zukünf­ti­ge Zusammenarbeit.

Die dar­ge­stell­te Mode­ra­ti­ons­struk­tur wirkt aus meh­re­ren Grün­den: Ers­tens ver­hin­dert sie Stell­ver­tre­ter­kon­flik­te. Die Füh­rungs­kraft über­nimmt nicht die Ver­ant­wor­tung für den Kon­flikt, son­dern bringt die Betei­lig­ten wie­der ins Gespräch. Zwei­tens zwingt sie bei­de Sei­ten zum Zuhö­ren. Die Fra­ge „Was kön­nen Sie nach­voll­zie­hen?“ ver­hin­dert, dass das Gespräch sofort wie­der in Recht­fer­ti­gun­gen oder Gegen­an­grif­fe kippt. Drit­tens ver­bin­det die­se Vor­ge­hens­wei­se die Sach- und Bezie­hungs­ebe­ne. Der Kon­flikt wird zunächst beschrie­ben, dann emo­tio­nal ein­ge­ord­net und erst danach auf die Zukunft gerich­tet. Vier­tens bleibt die Ver­ant­wor­tung dort, wo sie hin­ge­hört: bei den Betei­lig­ten selbst. Die Auf­ga­be der Füh­rungs­kraft besteht nicht dar­in, Kon­flik­te selbst zu lösen — ihre Auf­ga­be besteht dar­in, einen Rah­men zu schaf­fen, in dem Men­schen ihre Kon­flik­te selbst klä­ren kön­nen. Genau dafür ist die hier beschrie­be­ne Struk­tur gedacht.

Jörg Hei­dig

PS: Wer sich statt für Kon­flik­te zwi­schen Ein­zel­per­so­nen eher für den Umgang mit Grüpp­chen­bil­dung inter­es­siert, wird u.a. hier fün­dig. Das Bei­trags­bild wur­de mit Hil­fe einer künst­li­chen Intel­li­genz generiert. 

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.