Das Problem mit dem Begriff der Nachhaltigkeit

In der klas­si­schen Begriffs­de­fi­ni­ti­on von Nach­hal­tig­keit geht es dar­um, dass man nicht mehr Holz schla­gen soll als nach­wächst. Der Sinn des Begriffs hat dabei weni­ger mit den Wald­be­stän­den an und für sich zu tun, als viel­mehr mit der lang­fris­ti­gen Siche­rung der Nutz­bar­keit eben die­ser Wald­be­stän­de und damit der Siche­rung eines wich­ti­gen Teils der Wirt­schafts- und Lebens­grund­la­ge des Men­schen. Als von Car­lo­witz den Begriff der Nach­hal­tig­keit erst­mals ver­wen­de­te, war es bei­spiels­wei­se der Berg­bau, in dem Unmen­gen Hol­zes gebraucht wur­den, und der nicht auf Dau­er wei­ter­zu­füh­ren gewe­sen wäre, wenn man län­ger­fris­tig mehr Holz ver­braucht hät­te als in erreich­ba­rer Ent­fer­nung im glei­chen Zeit­raum nach­wach­sen konn­te. So schil­dert etwa Jared Dia­mond anschau­lich, was mit Kul­tu­ren geschah, die auf Dau­er mehr ver­brauch­ten, als in erreich­ba­rer Nähe nach­wach­sen konn­te: sie fra­ßen alles kahl, dehn­ten ihre Beschaf­fungs­we­ge aus, über­dehn­ten sie, kol­la­bier­ten und gin­gen unter. Das Phä­no­men der sich von Genera­ti­on zu Genera­ti­on neu eichen­den Grund­li­ni­en des Den­kens (shif­ting base­li­ne syn­dro­me) sorgt beglei­tend dafür, dass die Men­schen das in der Regel noch nicht ein­mal bewusst mit­be­kom­men. Ein eben­so gut geschrie­be­nes wie trau­ri­ges Buch dazu ist Jef­frey Bols­ters „The Mor­tal Sea“, in dem er das Phä­no­men der shif­ting base­li­nes am Bei­spiel der Fische­rei­ge­schich­te schildert.

Das Pro­blem mit dem Begriff der Nach­hal­tig­keit ist, dass er aus Zei­ten stammt, in denen wir mehr oder weni­ger nur das ver­braucht haben, was die Son­ne über Jah­res­frist in die Erde hin­ein­ge­strahlt hat (Fried­helm Hengs­bach). Es gab zwar schon immer eine gewis­se Ten­denz zur Über­trei­bung – so sind eben man­che Kul­tu­ren unter­ge­gan­gen, weil sie kahl­ge­fres­sen haben, was erreich­bar war – aber mit dem Begriff der Nach­hal­tig­keit wur­de für dama­li­ge Ver­hält­nis­se etwas defi­niert, ein Maß fest­ge­legt – zum Bei­spiel: „Nimm nicht mehr, als sich in Jah­res­frist rege­ne­riert.“ Nun ver­brau­chen wir aber seit etwa 200 Jah­ren deut­lich mehr Ener­gie, als die Son­ne im Lau­fe eines Jah­res in die Erde hin­ein­strah­len kann (noch ein­mal Fried­helm Hengs­bach). Mit die­ser Ener­gie ver­ar­bei­ten und trans­por­tie­ren wir Din­ge viel, viel schnel­ler. Was wir nun nicht mehr haben, ist das Gleich­ge­wicht eines Kreis­laufs aus Wachs­tum und Ver­brauch als Maß. Des­halb ist es so schwie­rig, den Begriff der Nach­hal­tig­keit für die heu­ti­ge Wirt­schaft zu ope­ra­tio­na­li­sie­ren (also ein brauch­ba­res Maß dafür zu fin­den). Wir wis­sen zwar, dass wir spa­ren sol­len, und wir tun das auch (oder wol­len es zumin­dest), aber so genann­te Rebound-Effek­te fres­sen das alles mehr oder min­der gleich wie­der auf, sprich, die gewon­ne­nen Ein­spar­ef­fek­te wer­den durch ein grö­ße­res Wachs­tum wie­der zunich­te gemacht. Das Wachs­tum wird nur ein wenig effi­zi­en­ter, das heißt, wir pro­du­zie­ren mehr Stück mit weni­ger Ener­gie und Mate­ri­al­ein­satz pro Stück. Aber es blei­ben eben immer noch mehr Stück als im Vor­jahr, das heißt, das Pro­blem an sich besteht wei­ter. Wir betrach­ten und mes­sen also immer nur ein Stück des Kreislaufs.

Ein Licht­blick war jüngst die Mel­dung, dass Deutsch­land im Jahr 2014 bei mode­ra­tem Wirt­schafts­wachs­tum von 1,5 Pro­zent weni­ger Ener­gie ver­braucht hat als im Vor­jahr. Den­noch blei­ben Wachs­tum und Effi­zi­enz die das Han­deln lei­ten­den Meta­phern. Bei Ent­schei­dungs­kon­flik­ten zwi­schen öko­lo­gi­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Belan­gen, ent­schei­den sich Füh­rungs­kräf­te in der Regel für die wirt­schaft­li­chen Belan­ge. Alles ande­re wäre ja auch dumm, gefähr­de es doch den Fort­be­stand des Unter­neh­mens – zumin­dest auf den ers­ten Blick. Doch was pas­siert, wenn man genau­er hin­sieht? Wenn man sich mit den lang­fris­ti­gen Fol­gen sol­cher Ent­schei­dun­gen aus­ein­an­der­setzt? Dann kann man, wenn man möch­te, bemer­ken, dass unse­re Begrif­fe dafür nicht aus­rei­chen, dass wir gar nicht wis­sen, wie wir das nen­nen, geschwei­ge denn mes­sen sol­len. Wir nen­nen es Nach­hal­tig­keit, aber wir haben die­sen Begriff so lan­ge durch die Welt getra­gen, dass mitt­ler­wei­le alles Mög­li­che an ihm kle­ben bleibt. Und wir haben kein ver­nünf­ti­ges Maß. Wir müß­ten weni­ger ver­brau­chen, ja. Wir müß­ten spa­ren, ja. Aber wie will man das alles beur­tei­len? Wie will man ein Maß fin­den? Und das auch noch international?

Was unser Han­deln lei­tet, ist der Begriff der Effi­zi­enz. Effi­zi­enz bedeu­tet, ein gewünsch­tes Ergeb­nis in Rela­ti­on zu den ein­ge­setz­ten Mit­teln zu betrach­ten. Effi­zi­enz­stei­ge­rung heißt, ein glei­ches oder bes­se­res Ergeb­nis mit weni­ger Mit­teln zu errei­chen. Dar­auf kön­nen wir uns gut eini­gen, oder? Weni­ger Mit­tel­ein­satz klingt doch auch nach­hal­tig. Das Pro­blem ist hier aber das Wachs­tum, das in der Regel grö­ßer ist als die Effi­zi­enz­stei­ge­rung (die bereits genann­ten Rebound-Effek­te). Der Begriff der Effi­zi­enz hilft also nichts, im Gegen­teil: wenn man sich ver­ge­gen­wär­tigt, woher er stammt, wird sei­ne Untaug­lich­keit noch deut­li­cher. Der Effi­zi­enz­be­griff wur­de im preu­ßi­schen Gene­ral­stab geprägt (Mar­tin van Creveld). Man brach­te mit einem Wort die ein­ge­setz­ten mili­tä­ri­schen Mit­tel in dem Zusam­men­hang mit der gewünsch­ten Wir­kung. Beson­ders effi­zi­ent waren die Mit­tel dann ein­ge­setzt, wenn die gewünsch­te Wir­kung mit mög­lichst wenig Mit­teln erreicht wer­den konn­te. In die Welt der Wirt­schaft über­tra­gen könn­te man mei­nen, dass Füh­rungs­kräf­te im Grun­de wie Feld­her­ren han­deln – der Unter­neh­mens­zweck ist wich­ti­ger als alles ande­re. Pri­mat hat der wirt­schaft­li­che Erfolg. Genau­so wie der Feld­herr denkt eine Füh­rungs­kraft selbst­ver­ständ­lich – und wenn etwas aus sich selbst her­aus ver­ständ­lich ist, dann ist es nicht hin­ter­frag­bar – nicht über den Sinn der Exis­tenz des Unter­neh­mens nach und zieht die Opti­on der Nicht­exis­tenz in Betracht. Der Feld­herr im Gefecht denkt an den mög­li­chen Sieg – und sucht sei­ne Mit­tel ent­spre­chend effi­zi­ent ein­zu­set­zen. Selbst bei einer dro­hen­den Nie­der­la­ge wird er ver­su­chen, Ver­lus­te zu mini­mie­ren – auch hier ist der Effi­zi­enz­be­griff hilfreich.

Inso­fern ist der Begriff des wirt­schaft­li­chen Erfolgs dem des mili­tä­ri­schen Siegs äquivalent.

Ange­nom­men, da wäre etwas dran – was hie­ße das für die Zukunft?

Vor allem zwei Dinge:

  1. Wenn es klap­pen soll, müss­ten wir ler­nen, weni­ger zu ver­brau­chen. Ansich ist das kei­ne gro­ße Weis­heit, aber die Fol­gen wären alles ande­re als tri­vi­al. Unse­re Wirt­schaft hat uns einen nie da gewe­se­nen Lebens­stan­dard ermög­licht. In gewis­ser Wei­se leben wir in einer Art „Lebens­stan­dard-Bla­se“. Das Pro­blem ist dabei, dass wir Tei­le die­ses Lebens­stan­dards wie etwa den Umfang der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung für so selbst­ver­ständ­lich hal­ten, dass eine ande­re Welt kaum mehr vor­stell­bar ist.
  2. Wir müss­ten des Wei­te­ren den Begriff der Effi­zi­enz erwei­tern oder durch einen ande­ren Begriff gän­zen, der den „gro­ßen Kreis­lauf“ stär­ker in den Blick nimmt – weg von der „klei­nen“ Ergeb­nis-Mit­tel-Rela­ti­on hin zu einer Ergeb­nis-Mit­tel-Fol­gen-Kon­text-Rela­ti­on. Der Begriff der Nach­hal­tig­keit konn­te dies sei­ner­zeit für die „klei­nen“ bzw. loka­len Kreis­läu­fe leis­ten. Aber für den gro­ßen Rah­men feh­len uns womög­lich die Worte.

Was bleibt, ist die Hoff­nung, dass Schrit­te wie das Ver­trags­werk, das ges­tern in Paris ver­ab­schie­det wur­de, tat­säch­lich in die rich­ti­ge Rich­tung füh­ren. Und: man könn­te natür­lich auch sel­ber anfan­gen – Zug fah­ren anstatt zu flie­gen, weni­ger Auto fah­ren, man­chen Müll ver­mei­den, indem man auf bestimm­te Weih­nachts­ge­schen­ke ver­zich­tet et cete­ra. Aber das geht nicht. Zumin­dest nicht jetzt im Moment. Und war­um schon wie­der ich?

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.