Das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen und die Lebenskrise um die 50: welche Fragen helfen

Ein inter­es­san­ter Blick­win­kel auf das Leben bie­tet sich, wenn man es als Mus­ter aus „Geben“ und „Neh­men“ betrach­tet. Stark ver­ein­fa­chend könn­te man sagen, dass man als Kind und in der Jugend vor allem nimmt und weni­ger gibt. Auch wäh­rend man aus­ge­bil­det wird, stu­diert, aus­pro­biert o.ä. ist man eher beim Neh­men als beim Geben.

Das mögen Betrof­fe­ne anders sehen, indem sie etwa ihre Abitur­zeit oder ihre Aus­bil­dung als Quä­le­rei emp­fin­den. Aller­dings deu­tet das mei­nes Erach­tens weni­ger auf Quä­le­rei, son­dern eher auf die Fra­ge nach dem Sinn hin. Wer sei­ne Aus­bil­dung oder sein Stu­di­um als müh­se­lig erlebt, hat für die Mühen kei­ne gute Erklä­rung. Sobald die Bemü­hun­gen einen Sinn haben, kön­nen sie qua­si instru­men­tell ver­stan­den wer­den. Es reicht also in der Regel aus, sich den Sinn sei­ner momen­ta­nen Bemü­hun­gen zu ver­deut­li­chen und sich selbst oder durch ande­re zum Durch­hal­ten auf­zu­for­dern. Nicht umsonst zei­gen so genann­te Selbst­imp­fungs­trai­nings eini­ge Wir­kung. Erschwe­rend kommt aller­dings hin­zu, dass ein nicht zu ver­ach­ten­der Teil der heu­ti­gen Eltern ihre Kin­der erzieht, als sei­en alle etwas Beson­de­res. Ist dies der Fall, kann das Pro­blem zwei Gestal­ten anneh­men. Ent­we­der die Eltern rau­ben ihrem Kind die Anstren­gungs­be­reit­schaft, indem immer alles als „super“ bewer­tet wird, was das Kind tut. Wenn dann noch eine gewis­se „Heli­ko­pter­men­ta­li­tät“ – also über­wa­chen­der und all­um­sor­gen­der Schutz in allen Lebens­la­gen, vor allem auch bei der Aus­tra­gung kind­li­cher Kon­flik­te und bei (an und für sich ja oft not­wen­di­gen) Grenz­set­zun­gen oder Maß­re­ge­lun­gen durch Leh­rer – hin­zu­kommt, geben die betrof­fe­nen Kin­der schnell auf, wenn es wirk­lich mal anstren­gend wird. Oder die Eltern set­zen ihre Kin­der unter einen sub­ti­len Leis­tungs­druck. Die davon betrof­fe­nen Kin­der wer­den meist sehr geliebt und wach­sen auch in die­sem Bewusst­sein auf, aller­dings bekom­men sie auch – meist gut gemeint und unter­schwel­lig – ein­ge­impft, dass sie bes­ser sein müs­sen als ande­re, um in unse­rer Gesell­schaft zu bestehen. Die Lie­be wird qua­si unbe­wusst auf Leis­tung und Ver­dienst kon­di­tio­niert (sie­he dazu „Love and Merit“ von David Brooks). Grund­sätz­lich ist Leis­tungs­ori­en­tie­rung nichts Schlech­tes, gehört sie doch zu den mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis­sen, aber unter den heu­te jun­gen Men­schen gibt es nicht weni­ge, die mit (häu­fig nur emp­fun­de­nen, nicht ein­mal tat­säch­li­chen) Min­der­leis­tun­gen schlecht umge­hen kön­nen, bspw. hef­tig wei­nen, wenn sie kei­ne Eins bekom­men. Die Kom­pe­tenz, mit Nie­der­la­gen oder auch nur der eige­nen Durch­schnitt­lich­keit umge­hen zu kön­nen, ist bei die­sen Men­schen nicht oder nur gering aus­ge­prägt. Der Begriff des Beson­de­ren funk­tio­niert nur, wenn es eine jeweils grö­ße­re Mas­se des Nor­ma­len oder Durch­schnitt­li­chen gibt. Das soll­ten Eltern beach­ten, wenn sie ihrem Nach­wuchs wie­der ein­mal sagen, sie oder er sei etwas ganz, ganz Beson­de­res. Natür­lich sagen Eltern so etwas, und sie sol­len auch nicht ganz damit auf­hö­ren, die Fra­ge ist nur, wie oft und in wel­chen Situa­tio­nen sie das sagen. Wie so oft macht hier die Dosis das Gift.

Zurück zum Geben und Neh­men: Es gibt Pha­sen im Leben, in denen man nimmt. Die Kind­heit und Jugend gehö­ren zu die­sen Pha­sen. Viel­leicht ist das ein Grund für die häu­fi­ge Beschrei­bung der Kind­heit als „unbe­schwer­te Zeit“. Es gibt ande­rer­seits Pha­sen, in denen man gibt. War die stu­den­ti­sche Zeit – zumin­dest, wenn man nicht drei Jobs hat­te, um sich kom­plett selbst zu finan­zie­ren – auch eine jener „unbe­schwer­ten Pha­sen“, tritt danach meist der „Ernst des Lebens“ auf die Büh­ne. Man wird Teil einer Orga­ni­sa­ti­on, ist mit Erwar­tun­gen kon­fron­tiert, will sich bewäh­ren, viel­leicht sogar Kar­rie­re machen. Man kann sich plötz­lich vor­stel­len, Kin­der zu bekom­men, denkt über das Hei­ra­ten nach, reno­viert eine Woh­nung oder sogar ein Haus. Man macht viel­leicht Schul­den. Und dann fin­det man sich plötz­lich in einem ande­ren Leben wie­der. Frei nach dem Kier­ke­gaar­d­schen Spruch, nach dem das Leben vor­wärts gelebt und rück­wärts ver­stan­den wer­den müs­se, merkt man das auch nicht gleich, son­dern schiebt irgend­wann zwi­schen dem drei­ßigs­ten und vier­zigs­ten Geburts­tag an einem ganz schnö­den Abend mit­ten in der Woche den Ein­kaufs­korb durch den Super­markt und merkt, dass man in der Pha­se des Gebens ange­kom­men ist. Übri­gens hat nie­mand die­se Situa­ti­on mit dem Wagen im Super­markt und der damit ver­bun­de­nen Emp­fin­dung der Sinn­ent­lee­rung und dem sich dar­aus erge­ben­den Ärger, der sich vor allem auf ande­re rich­tet, aber das eige­ne Leben meint, bes­ser beschrie­ben als David Fos­ter Wal­lace in sei­nem unüber­trof­fe­nen Text „Das hier ist Was­ser“.

Man­chen mag die­se Erkennt­nis tref­fen wie ein Schlag. Aber die Ver­pflich­tun­gen und die Ver­drän­gung tun das ihre: man macht wei­ter – Haus bau­en, Kin­der in die Schu­le brin­gen, den Job halb­wegs gut machen, sich um sein Team küm­mern, die Freun­din oder den Kum­pel trös­ten, weil dort gera­de die Bezie­hung in die Brü­che geht, hof­fen, dass einem das erspart bleibt – oder gera­de nicht? Aber dann muss man wie­der auf­ste­hen, zack­zack, ab ins Auto, nur nichts ver­ges­sen, wo ist der Ein­kaufs­zet­tel, schnauz mich nicht so an, nein, ich kom­me heu­te erst spä­ter nach Hau­se, mach Du bit­te die Kin­der und nein, ich will jetzt nicht schon wie­der dis­ku­tie­ren. Und so wei­ter. Wenn die­se Rou­ti­nen unter­bro­chen wer­den, weil man Urlaub hat oder zur Kur ist oder weil man beim Arzt sitzt und der einen fragt, ob man Stress hat, oder wenn jemand aus dem nähe­ren Umfeld krank wird oder sogar stirbt, dann sind das jene Momen­te, in denen man das merkt: wie sehr man am Geben ist und wie wenig am Nehmen.

Das sei doch aber nichts Beson­de­res, könn­te man ein­wen­den, das Leben habe nun ein­mal Pha­sen des Gebens und des Neh­mens, und man sol­le doch froh sein, dass es immer­noch Men­schen gebe, die ger­ne gäben, weil der Anteil der Hedo­nis­ten ja stei­ge, und man sol­le sich ein­mal das Schick­sal vie­ler Ver­ei­ne anse­hen und den gan­zen demo­gra­phi­schen Wan­del. Auch wenn man den einen oder ande­ren Teil die­ses Ein­wands für über­trie­ben hält – im Kern stimmt er: Pha­sen des Gebens und des Neh­mens wech­seln sich ab, und mit zuneh­men­der Indi­vi­dua­li­sie­rung ist die im Wes­ten so wich­ti­ge Selbst­ver­wirk­li­chung in vie­len Fäl­len zur Selbst­ro­ta­ti­on gewor­den. Es stimmt auch nicht ganz, dass in der Jugend nur genom­men wird und in der Hoch­leis­tungs­pha­se des Lebens, also in der Regel zwi­schen dem drei­ßigs­ten und dem fünf­zigs­ten Geburts­tag, nur gege­ben wird. Das wur­de hier so dar­ge­stellt, weil Ver­ein­fa­chun­gen oder Über­trei­bun­gen dazu geeig­net sind, sol­che Din­ge ver­ständ­li­cher zu machen.

Also doch kein Pro­blem? Nun, gewiss nicht in jedem Fall. Ich beob­ach­te nur, dass vie­le Men­schen gera­de am – vom Zeit­punkt her höchst rela­ti­ven – Ende der Hoch­leis­tungs­pha­se, also im wei­tes­ten Sin­ne ein paar Jah­re um den fünf­zigs­ten Geburts­tag her­um, ein mit­un­ter mas­si­ves Pro­blem mit ihrem Leben bekom­men. Das ist grund­sätz­lich nichts Neu­es. Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gen, allen vor­an Erik­son, haben ver­schie­de­ne Pha­sen des Lebens erforscht und her­aus­ge­fun­den, dass jede Pha­se ihre spe­zi­fi­schen Kon­flik­te hat, mit denen sich ein Mensch kon­fron­tiert sieht und die er für sich löst – oder nicht. In Bezug auf das eige­ne Leben opti­mis­tisch zu blei­ben und nicht zu ver­bit­tern, hat – auch und gera­de in unse­ren eher gott­lo­sen Zei­ten – im Grun­de mit der Art und Wei­se der Bewäl­ti­gung die­ser Kon­flik­te zu tun. Es soll hier also kei­nes­wegs ver­sucht wer­den, die­sen Model­len ein wei­te­res hin­zu­zu­fü­gen. Viel­mehr soll das bereits Bekann­te (dass es eine Kri­se um das fünf­zigs­te Lebens­jahr her­um gibt) aus einem beson­de­ren Blick­win­kel (dem des Gebens und Neh­mens) betrach­tet wer­den, um jenen, die mit Betrof­fe­nen beruf­lich zu tun haben (v. a. Füh­rungs­kräf­te) oder ihnen hel­fen (Coa­ches, Bera­ter, u. U. auch Trai­ner) ein bes­se­res Ver­ständ­nis der Kri­se und gleich­zei­tig ein Hand­werks­zeug zur Bear­bei­tung die­ser Kri­se an die Hand zu geben. Denn wenn man weiß, war­um die Kri­se exis­tiert, kommt man auch auf die rich­ti­gen Fra­gen, die in die­ser Kri­se hel­fen. Kurz gefasst lau­tet die Ant­wort: es geht in die­ser Kri­se dar­um, bzgl. des bis­he­ri­gen (Berufs-)Lebens Bilanz zu zie­hen und sich zu fra­gen, was noch kom­men soll und was man dafür braucht. Ganz redu­ziert lau­tet die Fra­ge: was willst Du eigent­lich? Was willst Du eigent­lich – für ande­re und für Dich selbst?

Doch lang­sam: schau­en wir uns die Kri­se erst ein­mal etwas genau­er an, bevor wir zu den Fra­gen kom­men. Fol­gen­de Ursa­chen und „Zuspit­zun­gen“ las­sen sich beob­ach­ten: nach lan­gen Jah­ren enga­gier­ter Arbeit mer­ken Men­schen um die Fünf­zig, dass ihnen die Din­ge nicht mehr so leicht von der Hand gehen. Die Kar­rie­re, so vor­han­den, hat sich ver­lang­samt oder sta­gniert seit eini­ger Zeit. War für vie­le die Arbeit lan­ge der wich­tigs­te Aspekt im Leben, stel­len sie ihre Wer­te­hier­ar­chie zuneh­mend in Fra­ge. Nicht weni­ge mer­ken, dass sie kaum mehr etwas für sich selbst tun, son­dern das meis­te für ande­re (die Fir­ma, die Fami­lie, den Ver­ein usw.). Es fällt ihnen schwer, das bis­he­ri­ge Level zu hal­ten, und schwe­rer wiegt noch: sie sehen immer weni­ger Sinn dar­in, so wei­ter­zu­ma­chen. Sie stel­len sich die Fra­ge: soll das jetzt immer so wei­ter­ge­hen? Ande­re bekom­men erns­te­re gesund­heit­li­che Pro­ble­me und mer­ken, dass es nicht gesund wäre, so wei­ter­zu­ma­chen. Der über­wie­gen­de Teil die­ser Men­schen macht (zunächst) trotz­dem so wei­ter. Ich habe Füh­rungs­kräf­te erlebt, die erst nach dem drit­ten Herz­in­farkt und dem Ver­dacht, dem vier­ten um Haa­res­brei­te ent­kom­men zu sein, ein Ein­se­hen hat­ten und die beruf­li­che Rol­le gewech­selt haben. Oft ist es in sol­chen Fäl­len auch hilf­reich, die Bran­che zu wech­seln, also bspw. aus der Wirt­schaft kom­mend im öffent­li­chen Dienst weiterzumachen.

Im Wesent­li­chen las­sen sich zwei Reak­tio­nen in der Kri­se beobachten:

  1. Die gesund­heit­li­chen Anzei­chen und/oder die eige­nen Zwei­fel wer­den ernst genom­men. Man stellt sich den Fra­gen und zieht Bilanz. Man fragt sich, was man bis­her erreicht hat. Man fragt sich, was man eigent­lich will. Irgend­wann ver­schwin­det das „eigent­lich“. Man fängt an, die neu­en Din­ge zu tun. Alte Freun­de anzu­ru­fen, sich ein neu­es Hob­by zu suchen, sich Zeit zu neh­men, Sport zu machen. Indem man die­se Din­ge tut, gewinnt man einen ande­ren Blick auf das Leben. Was zunächst kaum zu beant­wor­ten scheint (Was willst Du eigent­lich?), wird nun immer leich­ter zu beant­wor­ten. In sport­li­chen Begrif­fen: man läuft sei­nem alten Leben davon und fängt vor Erschöp­fung an zu lächeln. So lernt man, das Leben anders zu sehen. Die­ser Pro­zess dau­ert lan­ge, aber er funk­tio­niert. Die nicht auf die sons­ti­ge Arbeit oder die im All­tag zu erbrin­gen­de Leis­tung gerich­te­ten Akti­vi­tä­ten brin­gen dem Kör­per bei, dass es auch anders geht. Der Ver­stand folgt irgend­wann. Viel spä­ter fragt man sich, was man in den nächs­ten Jah­ren will, wo man beruf­lich hin will und wel­che Qua­li­fi­ka­tio­nen, Ver­tie­fun­gen etc. dafür not­wen­dig sind. Oft füh­ren die­se Schrit­te zu jener tie­fen Pro­fes­sio­na­li­tät, die man schwer erklä­ren kann, und die in man­chen Model­len als „Stu­fe der unbe­wuss­ten Kom­pe­tenz“ beschrie­ben wird. In vie­len Fäl­len führt die Kri­se hier nicht zu einem „neu­en“ Leben, wohl aber zu einem „tie­fe­ren“ und gewis­ser­ma­ßen auch „lang­sa­me­ren“ Leben, indem man einer­seits wie­der mehr für sich tut und das Leben mehr genießt (also im Sin­ne des „Neh­mens“), dafür aber auch mehr wei­ter­ge­ben kann, etwa als Men­tor oder rei­fe­re Führungskraft.
  2. Die Anzei­chen wer­den igno­riert, und es wird wei­ter­ge­lebt wie bis­her. Man muss lei­der sagen: oft in der unbe­wuss­ten Aner­kennt­nis des eige­nen, ggf. frü­he­ren Todes. Sät­ze wie: „Wenn es mich erwischt, dann ist es eben so.“ sind in die­sen Fäl­len nicht sel­ten. Es ist durch­aus legi­tim, so zu han­deln, und oft erfüllt mich ein tie­fer Respekt vor die­sen Men­schen, die ihre Auf­ga­be über sich selbst stel­len, manch­mal erschre­cke ich aber auch vor sol­chen Sät­zen. Ich will erklä­ren, war­um. Es gibt näm­lich einen Unter­schied zwi­schen „Hand­lungs­fä­hig­keit auch im Ange­sicht der Gefahr“ und „Opfe­rung der eige­nen Per­son aus psy­cho­lo­gi­schen Gründen“:

Hand­lungs­fä­hig­keit auch im Ange­sicht der Gefahr: Es gibt Beru­fe, die vol­len Ein­satz erfor­dern, und bei deren Aus­übung der vol­le Ein­satz manch­mal die Über­schrei­tung der eige­nen Belas­tungs­gren­zen erfor­dert, in Extrem­fäl­len bis zum eige­nen Tod. Das kann Sol­da­ten betref­fen, aber auch man­che Ärz­te, Poli­zis­ten oder Ret­tungs­kräf­te. Auch Men­schen, die auf ICE-Stre­cken Ober­lei­tun­gen repa­rie­ren, Wald­brän­de in den Griff bekom­men oder ande­re schwe­re und lebens­ge­fähr­li­che Tätig­kei­ten aus­üben, sind davon nicht aus­ge­nom­men. In Zei­ten, da unse­re ste­reo­ty­pe Vor­stel­lung von Arbeit zuneh­mend die eines Büro­ar­beits­plat­zes wird, gerät uns das Ver­ständ­nis für gefähr­li­che und vol­le Iden­ti­fi­zie­rung und Invol­viert­heit erfor­dern­de Beru­fe zuneh­mend aus dem Blick. Wir sind auf Gesund­heit bedacht, ach­ten auf Gren­zen usw. Aber was wären wir ohne jene Feu­er­wehr­leu­te, Poli­zis­ten oder Ret­ter, die da sind und in vol­les Risi­ko gehen, wenn es brenz­lig wird?

Opfe­rung der eige­nen Per­son aus psy­cho­lo­gi­schen Grün­den: Es gibt eine gan­ze Rei­he von Grün­den, war­um ein Mensch Geheim­nis­se vor sich hat, und manch­mal ist der Schutz die­ser Geheim­nis­se wich­ti­ger als die eige­ne Gesund­heit. Das erklärt, war­um sich man­che Men­schen in Lebens­kri­sen oder bei dro­hen­den Krank­hei­ten schein­bar dazu ent­schlie­ßen, nichts zu ändern. Sie machen wei­ter, manch­mal regel­recht, bis sie umfallen.

Haben jeman­dem bspw. die eige­nen Eltern bei­gebracht, sich selbst zu has­sen, dann kann es sein, dass er sich einen Beruf gesucht hat, der ihm Aner­ken­nung bringt. Er hat sich so ein „kom­pen­sa­to­ri­sches Selbst­bild“ auf­ge­baut. Die beruf­li­che Rol­le ist eine Art „Ersatz-Ich“, das gemocht wird, Dank­bar­keit oder Aner­ken­nung erhält o. ä. Das funk­tio­niert, ist aber anstren­gend, weil die Befrie­di­gung nur tem­po­rär ist und das künst­li­che Selbst­bild stän­dig neu­es Fut­ter braucht, damit es exis­tie­ren kann. Das bedeu­tet ein per­ma­nen­tes Grund­rau­schen an Stress. Ein ande­rer Fall wäre, dass man bestimm­te Antei­le des eige­nen Selbst nicht wahr­ha­ben möch­te, bspw. dass man manch­mal eben nicht die tole­ran­te, enga­gier­te, für­sorg­li­che usw. Per­son ist, son­dern Hass emp­fin­det und am liebs­ten Gewalt aus­üben wür­de, und in der Fol­ge alles dafür tut, dass die Umwelt die­se Antei­le nicht wahr­nimmt. Man enga­giert sich dann etwa gegen Ras­sis­mus oder für Flücht­lin­ge, ent­wi­ckelt dabei aber eine Ener­gie und Radi­ka­li­tät, die sich in Här­te und Kon­se­quenz ganz und gar nicht von jener unter­schei­det, die man bekämp­fen möch­te, ja in man­chen Fäl­len sogar noch into­le­ran­ter und aus­schlie­ßen­der daher­kommt. Wer ein sol­ches Selbst­bild ent­wi­ckelt hat, ver­fügt – in der extrems­ten Aus­prä­gung – über gute Grün­de, für sein Enga­ge­ment zu ster­ben. Im Grun­de las­sen die­se Men­schen das eige­ne Ich ster­ben, um das kom­pen­sa­to­ri­sche Ich bis zum Ende auf­recht zu erhal­ten. Woll­te man die­se Sicht­wei­se zuspit­zen, müss­te man von „Selbst­be­trug bis zum Tod“ spre­chen oder mit Bert­rand Rus­sell schlicht sagen: „Man­che Men­schen ster­ben lie­ber als nach­zu­den­ken. Und in der Tat: sie tun es.“

Es gibt sicher Grau­zo­nen zwi­schen der „Hand­lungs­fä­hig­keit im Ange­sicht der Gefahr“ und der „Opfe­rung der eige­nen Per­son aus psy­cho­lo­gi­schen Grün­den“. Jedoch sind die Extrem­for­men, die letz­te­re gebiert, in der Welt der ers­te­ren nicht mög­lich. Letz­te­re neh­men Lügen und im Extrem­fall mit­un­ter schwe­re Straf­ta­ten in Kauf, nur um an dem kom­pen­sa­to­ri­schen Selbst­bild fest­zu­hal­ten, wel­ches das eige­ne Selbst­bild, einem Bal­sam für die als geschun­den emp­fun­de­ne See­le gleich, auf so sanf­te und ver­füh­re­ri­sche Wei­se ersetzt. Nur dass der Bal­sam ein Gift zum (eige­nen) Tode ist, was oft eben­falls sehend in Kauf genom­men wird.

Mit letz­te­ren Dar­stel­lun­gen wird die Gna­den­lo­sig­keit gegen­über dem eige­nen Kör­per, dem eige­nen Schick­sal und in gewis­ser Wei­se auch der eige­nen Fami­lie ver­ständ­lich, die man­che Men­schen an den Tag legen, wenn es dar­um geht, eine bestimm­te Kri­se nicht zu bewäl­ti­gen bzw. sich bestimm­te Fra­gen nicht zu stel­len. Man kann dann lei­der nichts machen außer zu ver­su­chen, die Bezie­hung auf­recht­zu­er­hal­ten und in den dafür geeig­ne­ten Momen­ten die rich­ti­gen Fra­gen zu stel­len. Man kann aber nie­man­den vor sich selbst beschüt­zen. In den genann­ten Aus­nah­me­fäl­len schwe­rer Straf­ta­ten hilft das frei­lich nicht. Dann muss man Anzei­ge erstatten.

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.