Über den Zusammenhang zwischen der Art und Weise der Erziehung und der Entstehung von Störungsbildern bei Kindern

Wer hat so ein Kind nicht schon ein­mal gese­hen: es wen­det sich alle paar Sekun­den etwas ande­rem zu, wobei es schwer ist, Kri­te­ri­en dafür zu erken­nen – mal sind es Geräu­sche, mal Din­ge, mit denen ande­re Kin­der spie­len, mal scheint es dar­um zu gehen, Auf­merk­sam­keit zu erre­gen, und mal sieht es danach aus, als müs­se schlicht über­schüs­si­ge Ener­gie abge­baut wer­den. Meist geht es laut, schnell und halb­wegs aggres­siv zu. Kaum wen­det man sich um, schreit ein ande­res Kind, weil es vom besag­ten Kan­di­da­ten was abge­kriegt hat. Spürt der Betref­fen­de dann die Sank­ti­on kom­men, flie­gen pro­phy­lak­tisch ein paar Sachen durch die Gegend. Kurz zusam­men­ge­fasst: aus­zu­ras­ten scheint nicht die Aus­nah­me, son­dern der Grund­mo­dus zu sein.

In der Regel ist der Weg vor­pro­gram­miert: Über­for­de­rung bei Eltern und Genervt­heit oder Hilf­lo­sig­keit bei Päd­ago­gen füh­ren zu Dia­gnos­tik – und die in der Fol­ge oft zu Erleich­te­rung, spä­ter aber zu Pas­si­vi­tät oder zu noch mehr Hilf­lo­sig­keit. Wenn es ein­mal soweit ist, sind guter Rat teu­er und Rita­lin nicht weit.

Die­ser Text will kei­ne gene­rel­len Ant­wor­ten lie­fern oder gar „die eine Alter­na­ti­ve“ auf­zei­gen. Wirk­li­che Ver­bes­se­run­gen ohne Dia­gnos­tik und Medi­ka­men­te sind in der Rea­li­tät nur lang­sam zu errei­chen und das Ergeb­nis lan­gen Beob­ach­tens, Nach­den­kens, Aus­pro­bie­rens, wie­der Beob­ach­tens, Nach­den­kens und so wei­ter. Wenn es ein­fach wäre, könn­te es jede und jeder. Dann müss­ten wir auch nicht dar­über reden.

Ers­tens ist es nicht ein­fach zu ver­ste­hen – wir wol­len also fra­gen, wie der­lei „Stö­rungs­bil­der“ ent­ste­hen kön­nen. Zwei­tens ist es nicht ein­fach, hilf­rei­che Schrit­te zu fin­den – hier­bei ste­hen uns zudem eini­ge Din­ge im Weg, bei­spiels­wei­se die weit­ge­hen­de Abwe­sen­heit von Intui­ti­on bei man­chen Eltern ein­schließ­lich des Pro­blems, dass manch hüb­sche Ideo­lo­gie den Rea­li­täts­sinn ersetzt.

Wir wol­len die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen umfas­send beant­wor­ten, wes­halb dies kein kur­zer Text mit ein paar „Dos & Don’ts“ wird. Wir begin­nen mit einer kur­zen Rei­se in die Geschich­te und klä­ren zunächst, war­um die Lehr­mei­nun­gen heu­te sind, wie sie sind. Danach stel­len wir das Spek­trum mög­li­cher Erzie­hungs­sti­le dar und machen an Bei­spie­len deut­lich, wie die­ser oder jener Erzie­hungs­stil in der Pra­xis aus­sieht und wel­che Fol­gen er hat. Dann wech­seln wir mit Absicht die Per­spek­ti­ve und klä­ren, wie unse­re Fähig­keit zu kom­mu­ni­zie­ren ent­stan­den ist, und wel­che Schluss­fol­ge­run­gen sich dar­aus für die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Eltern und Kin­dern erge­ben. Wie­der­um an Bei­spie­len machen wir deut­lich, wie aus der Eltern-Kind-Inter­ak­ti­on sol­che Dyna­mi­ken ent­ste­hen kön­nen, die wir gemein­hin als „Stö­run­gen“ bezeich­nen. Wenn die Ent­ste­hung klar ist, wer­den auch die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zur Gegen­steue­rung klar.

Eine kur­ze Geschich­te der Erziehungsstile
Um zu ver­ste­hen, was die meis­ten von uns heu­te für gut und rich­tig bei der Erzie­hung von Kin­dern hal­ten, ist es mei­nes Erach­tens erhel­lend, wenn wir uns ver­ge­gen­wär­ti­gen, aus wel­chen Wel­ten wir kom­men, und wie sich die ent­spre­chen­den Ideen in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten ent­wi­ckelt haben. Aus Grün­den der begrenz­ten Kapa­zi­tät eines Tex­tes wie die­sem möch­te ich dabei nicht in der Anti­ke begin­nen, son­dern bei einer unse­rem heu­ti­gen kol­lek­ti­ven Gedächt­nis noch recht zugäng­li­chen Zeit, näm­lich der wil­hel­mi­ni­schen. Man sehe mir nach, dass ich hier nur – grob ver­all­ge­mei­nernd und redu­zie­rend – die wesent­lichs­ten Lini­en nach­zeich­nen kann.

Man stel­le sich zunächst die wil­hel­mi­ni­sche Zeit vor – die Gesell­schaft war ver­gli­chen mit der heu­ti­gen Zeit stark struk­tu­riert, und die Erzie­hung war streng und „leib­feind­lich“. Man hat­te sich in Dis­zi­plin zu üben, Bedürf­nis­sen nach­zu­ge­ben war ver­pönt. Nicht von unge­fähr war die Hys­te­rie eine zeit­ge­mä­ße Krank­heit – wo soll­ten all die Impul­se hin, wenn die gesell­schaft­lich vor­ge­ge­be­ne Rol­le kei­nen Platz dafür ließ? Wer­ke wie „Der Unter­tan“ illus­trie­ren ein­dring­lich, wel­che Fol­gen die auf Rein­lich­keit und Dis­zi­plin aus­ge­rich­te­te stren­ge Erzie­hung jener Zeit hat­te – von Ent­fal­tung konn­te kei­ne Rede sein, Men­schen wur­den klein gehal­ten, muss­ten sich fügen, fan­den ihren Sinn im Funk­tio­nie­ren oder in der Auf­op­fe­rung für einen höhe­ren Zweck. Am deut­lichs­ten wird dies, wenn man sich einen von Klaus The­we­leit her­aus­ge­ar­bei­te­ten Zusam­men­hang ver­deut­licht: Den Kern der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bewe­gung bil­de­ten die zwi­schen 1900 und 1910 Gebo­re­nen. Die­se Men­schen sind in der Mehr­heit streng erzo­gen wor­den. Gleich­zei­tig haben sie den Ers­ten Welt­krieg nicht direkt, son­dern durch Geschich­ten und Pro­pa­gan­da­bil­der ver­mit­telt erlebt. Die­se Kom­bi­na­ti­on – die Erfah­rung der eige­nen Klein­heit ver­bun­den mit Hel­den­ge­schich­ten – bil­de­te den Nähr­bo­den für die „Eisen­phan­ta­sien“ von der eige­nen Unbe­sieg­bar­keit. „Im Feld sind wir unbe­siegt geblie­ben!“ wird als kom­pen­sa­to­ri­sche Phan­ta­sie einer gan­zen Genera­ti­on plau­si­bel, wenn man sich die züch­ti­gen­de, unter­drü­cken­de Auto­ri­tät der Erzie­hung jener Zeit ver­ge­gen­wär­tigt. Die „Män­ner aus Eisen“ sind ein Mythos, der geglaubt wur­de, weil er sowohl der eige­nen Gewalt­er­fah­rung wäh­rend der Kind­heit als auch der Nie­der­la­ge im Herbst 1918 einen – gleich­sam kom­pen­sa­to­ri­schen – Sinn ver­lieh. Wer die­se – zuge­ge­ben auf den ers­ten Blick nicht ganz ein­fach nach­voll­zieh­ba­ren – The­sen nach­le­sen will, wird bei Klaus The­we­leit oder – etwas kür­zer und ver­ständ­li­cher – Jona­than Lit­tell fündig.

Nun ist die Welt der Natio­nal­so­zia­lis­ten bekannt­lich zwi­schen dem Spät­herbst 1944 und Mai 1945 „zusam­men­ge­bro­chen“ oder „unter­ge­gan­gen“. Die Reak­ti­on der Bevöl­ke­rung war eine nach gro­ßen Kri­sen oder Zusam­men­brü­chen häu­fi­ge – man ver­drängt und besinnt sich auf das, was noch eini­ger­ma­ßen „hei­le“ geblie­ben ist – im Wes­ten waren das vor allem die christ­li­chen Wer­te, die man nun flei­ßig restau­rier­te. Her­aus kam die spä­ter von den Acht­und­sech­zi­gern als „spie­ßig“, „mie­fig“ und so wei­ter cha­rak­te­ri­sier­te Welt des Wirtschaftswunders.

Wir hal­ten heu­te sehr viel von Auf­ar­bei­tung, wir wol­len den Din­gen kri­tisch ins Auge bli­cken. Nur weni­ge machen dar­auf auf­merk­sam, dass die natür­li­che Reak­ti­on auf gro­ße Kata­stro­phen eben jene der Ver­drän­gung ist. Vie­le Ver­tre­ter der Erleb­nis­ge­nera­ti­on haben dem­entspre­chend von einem „Zusam­men­bruch“ gespro­chen und weni­ger von einer „Befrei­ung“. Anders als im Wes­ten hat man im Osten Deutsch­lands das eine tota­li­tä­re Sys­tem schlicht durch ein ande­res ersetzt – mit bis­wei­len erstaun­li­chen Par­al­le­len. Doch hier geht es zunächst nicht um die ehe­ma­li­ge Sowje­ti­sche Besat­zungs­zo­ne, son­dern um den Wes­ten: der Kern der 68er Bewe­gung waren wie­der­um Vier­zi­ger Jahr­gän­ge, also Men­schen, die in ihrer frü­hen Kind­heit zum Teil Angst und Ent­beh­rung erfah­ren hat­ten – ein Umstand, der die „Theo­rie­las­tig­keit“ bzw. „emo­tio­na­le Distanz“ der Revol­te gut erklä­ren kann. Man revol­tier­te vor allem gegen die Ver­drän­gung der Eltern­ge­nera­ti­on. Man warf der älte­ren Genera­ti­on vor, zunächst mit­ge­macht und dann geschwie­gen zu haben. Damit das nie wie­der pas­sie­re, woll­te man fort­an mün­di­ge Men­schen erzie­hen – Men­schen, die nicht ein­fach mit­mach­ten, son­dern frei genug sei­en, Nein zu sagen. Man woll­te kei­ne auto­ri­tär ver­form­ten, gestanz­ten Men­schen mehr, son­dern freie Indi­vi­du­en, die sich kri­tisch mit sich und der sie umge­ben­den Welt aus­ein­an­der­set­zen. Zuge­spitzt for­mu­liert: man woll­te Kin­der von blin­der Auto­ri­tät eman­zi­pie­ren. Es soll­te die Ver­for­mun­gen (oder: Anpas­sun­gen), die Angst, Gewalt und kol­lek­ti­ver Drill erzeu­gen, nie wie­der geben. Es soll­te kei­ne funk­tio­nie­ren­den Men­schen mehr geben, die auf Kom­man­do alles aus­füh­ren, was man ihnen befiehlt, um sich dann etwa am Funk­tio­nie­ren zu erfreuen.

Und wenn man heu­te genau hin­schaut: das hat man – zumin­dest zum Teil – geschafft. Heu­te jun­ge Men­schen sagen eher Nein. Sie machen nicht ein­fach so mit, nur weil es gefor­dert wird. Sie neh­men Auto­ri­tät nicht mehr für selbst­ver­ständ­lich. Dabei ist wich­tig, was „selbst­ver­ständ­lich“ bedeu­tet: wenn etwas durch sich selbst ver­ständ­lich wird, ist es nicht mehr hin­ter­frag­bar. Heu­te kann Auto­ri­tät nicht mehr selbst­ver­ständ­lich behaup­tet wer­den. Davon kön­nen vie­le Leh­rer, Aus­bil­der und Pro­fes­so­ren ein Lied sin­gen: Auto­ri­tät ist weni­ger gege­ben als frü­her, Auto­ri­tät muss sich mehr erar­bei­tet wer­den, muss aus­ge­han­delt wer­den. (Das war grund­sätz­lich auch frü­her so, nur war die Auto­ri­tät, wenn sie erst ein­mal da war, viel dau­er­haf­ter und selbst­ver­ständ­li­cher, und der Preis war oft ent­setz­lich, woll­te man bestehen­de Auto­ri­täts­ver­hält­nis­se ändern. Inso­fern leben wir heu­te in viel „flüs­si­ge­ren“ oder „offe­ne­ren“ Zeiten.)

„Zumin­dest zum Teil“ des­halb: Der Druck schleicht sich durch die Hin­ter­tür wie­der her­ein. Frei­lich geben vie­le Eltern ihren Kin­dern zu ver­ste­hen, dass sie sie lie­ben. Gleich­zei­tig machen sie ihre Kin­der – unter­schwel­lig und lei­se, aber des­halb nicht weni­ger wirk­sam – auf die Mecha­nis­men des all­ge­mein herr­schen­den Wett­be­werbs und die Not­wen­dig­keit des Errei­chens aufmerksam.

Doch zurück zu den Acht­und­sech­zi­gern: in lan­gen Bemü­hun­gen ist es ihnen und uns in der Nach­fol­ge in nun­mehr fünf­zig Jah­ren gelun­gen, die Welt zu ver­än­dern. Die Enkel leben ein biss­chen so, wie es den Groß­el­tern einst vor­ge­schwebt hat. Wenn es nur eine Eman­zi­pa­ti­on von blin­der Auto­ri­tät und gewalt­sa­mer Erzie­hung gewe­sen wäre, die erreicht wur­de, wür­de das nie­mand in Fra­ge stel­len. Ich argu­men­tie­re an kei­ner Stel­le für irgend­ei­ne Form von „zurück“ in die alte Welt, die in vie­ler­lei Hin­sicht käl­ter, fins­te­rer, aus­schlie­ßen­der, dis­kri­mi­nie­ren­der war als die heu­ti­ge. Die Fra­ge ist nur, ob wir es mitt­ler­wei­le nicht übertreiben.

Das gegen­wär­ti­ge Spek­trum der Erziehungsstile
Micha­el Win­ter­hoff lie­fert eine gute Ana­ly­se der gegen­wär­ti­gen Erzie­hungs­sti­le und zeigt die Gren­ze auf, über die vie­le der gegen­wär­ti­gen Eltern hin­weg­ge­hen, ohne es zu bemerken.

Unter­ord­nung der Kinder
In der „alten Schu­le“ ord­nen sich die Kin­der ihren Eltern unter. Die Belan­ge der Eltern haben Vor­rang, Kin­der „lau­fen mit“. Man wür­de nicht auf die Idee kom­men, sich in einer Unter­hal­tung unter Erwach­se­nen von Kin­dern unter­bre­chen zu las­sen. Es wird gemacht, was gesagt wird, die Eltern besit­zen eine selbst­ver­ständ­li­che Auto­ri­tät. Kin­der wer­den zurecht­ge­wie­sen – nicht um sie zu unter­drü­cken, son­dern um ihnen zu zei­gen, was rich­tig und falsch ist, ihnen etwa Höf­lich­keits­for­men und Wer­te zu vermitteln.

Augen­hö­he zwi­schen Eltern und Kindern
In der heu­te in west­li­chen Län­dern am häu­figs­ten vor­zu­fin­den­den Form der Erzie­hung wer­den Kin­der wie klei­ne Erwach­se­ne behan­delt – sie wer­den ernst genom­men, es wird mit ihnen dis­ku­tiert, man ver­sucht, Kin­der zu über­zeu­gen und dazu anzu­lei­ten, ihre Kon­flik­te selbst zu lösen. Eltern und Erzie­her wer­den zu Part­nern, Bera­tern, Freun­den, Kol­le­gen und so wei­ter. Vie­le der gegen­wär­tig vor­zu­fin­den­den Pro­gram­me in Kin­der­gär­ten und Grund­schu­len ent­spre­chen genau die­ser Vor­stel­lung von der part­ner­schaft­li­chen Erzie­hungs­be­glei­tung. Die Erfah­rung vie­ler: so funk­tio­niert das auch irgend­wie bes­ser, man kann Kin­der tat­säch­lich zu mehr Auto­no­mie und Selbst­steue­rung erzie­hen, selbst die Unter­richts­ge­stal­tung kann auf Selbst­steue­rung umge­stellt wer­den, sodass ein Leh­rer kein „Instruk­teur“ mehr ist, son­dern zum „Beglei­ter“ wird. Win­ter­hoff meint hier, dass die­se Sicht­wei­se den natür­li­chen Ent­wick­lungs­pha­sen von Kin­dern wider­spricht – klei­ne Kin­der kön­nen noch nicht selbst ent­schei­den, viel­mehr müss­ten sie genau dies erst ler­nen. Indem Kin­der zu früh selbst ent­schei­den könn­ten, wür­den wich­ti­ge Ent­wick­lungs­schrit­te aus­ge­las­sen. Für wei­ter­füh­ren­des Inter­es­se: Sie fin­den hier unse­re Zusam­men­fas­sung des Win­ter­hoff-Buches „War­um unse­re Kin­der Tyran­nen wer­den“ in Form einer Prä­sen­ta­ti­on im PDF-Format.

Unter­ord­nung der Eltern
Die part­ner­schaft­li­che Erzie­hung ist mitt­ler­wei­le in vie­len west­li­chen Län­dern so etwas wie der sta­tis­ti­sche Nor­mal­fall. Nie­mals in der Geschich­te haben Kin­der öfter zu hören bekom­men, dass sie geliebt wer­den und etwas ganz Beson­de­res sei­en. Das Pro­blem mit dem Begriff der Beson­der­heit ist, dass das Beson­de­re einer grö­ße­ren Enti­tät von etwas Nor­ma­lem oder Durch­schnitt­li­chen bedarf, sonst funk­tio­niert der Begriff nicht. Aber gut – ein Kind auf Augen­hö­he zu erzie­hen, es zu betei­li­gen, ihm etwas zu erklä­ren, es im Rah­men bestimm­ter Gren­zen Ent­schei­dun­gen zu über­las­sen – all das hat kei­ne gra­vie­ren­den Fol­gen außer selbst­be­wuss­te­ren Kin­dern. Wenn ein Jugend­li­cher bereits im Kin­der­gar­ten­al­ter gelernt hat, dass er dis­ku­tie­ren und sei­ne Mut­ter bis­wei­len über­zeu­gen kann, dann sind Aus­hand­lungs­pro­zes­se so selbst­ver­ständ­lich, dass sie nicht hin­ter­fragt wer­den kön­nen. Also wird die­ser jun­ge Mann mit sei­nem Aus­bil­der dis­ku­tie­ren, bis Ein­sicht ein­tritt – oder es zur Eska­la­ti­on kommt. Alle, die noch aus der „alten Schu­le“ stam­men und mit jun­gen Men­schen zu tun haben, wer­den ler­nen müs­sen, damit umzu­ge­hen. Zusam­men­ge­fasst: Augen­hö­he hat unge­wohn­te Fol­gen, aber ist nicht schlimm. Am Ende waren wir es selbst , die die jetzt jun­gen Leu­te groß­ge­zo­gen haben.

Schlimm ist nur die Über­trei­bung der ansich posi­ti­ven Inten­ti­on der Augen­hö­he, näm­lich die Unter­ord­nung unter das Kind. Es gibt Eltern, die ihre Kin­der in den Mit­tel­punkt ihres Lebens stel­len. Die betref­fen­den Kin­der wer­den zu Haupt­per­so­nen, noch bevor sie über­haupt wis­sen, dass sie Per­so­nen sind. Sol­che Eltern set­zen kei­ne Gren­zen. Die Kin­der haben qua Exis­tenz Recht. Sät­ze wie: „Für mein Kind tue ich alles.“ (vor dem Kind aus­ge­spro­chen) oder: „Wenn mein Kind sagt, dass es das nicht gemacht hat, dann hat es das auch nicht gemacht.“ spre­chen dafür, dass sich die betref­fen­den Eltern selbst auf­ge­ge­ben haben und nur noch für das Kind leben. Wenn eine Mut­ter etwa nur ein Kind hat und die­ses dann zum „Pro­jekt“ der eige­nen Selbst­ver­wirk­li­chung macht, dann „gestal­tet“ Mut­ti das Kind, und es kann ja nicht sein, dass bei der „Gestal­tung“ etwas schief gelau­fen ist, und das „Pro­jekt“ etwa einen Kind­kol­le­gen ver­hau­en hat. Eine ande­re Mut­ter mag sich auf­grund fort­dau­ern­der Miss­erfolgs­er­fah­run­gen gar nicht mehr vor­stel­len kön­nen, dass es mit ihr und einem Beruf und irgend­ei­ner stan­dard­mä­ßig erwar­te­ten Posi­ti­on in der Gesell­schaft etwas wird. Sie hat die Schu­le erst im drit­ten Anlauf geschafft und schmeißt nun die zwei­te Aus­bil­dung hin, um zu ver­mei­den, dass es wie­der nichts wird. Sie mel­det sich qua­si von der Gesell­schaft und ihren Erwar­tun­gen ab und bekommt Kin­der. Das ist etwas, das ihr Kon­trol­le und Sta­tus ver­leiht. Sie hat zwar kaum Kraft, ihre Kin­der zu erzie­hen, aber das Lächeln der Kin­der sagt ihr, dass sie wenigs­tens das rich­tig gemacht hat. Und damit die Kin­der lächeln, wer­den ihnen Wün­sche erfüllt. Ein so nicht erzo­ge­nes Kind hat kein Fun­da­ment. Es kennt nur sich und sei­nen Ver­fü­gungs­raum. Ande­re Men­schen sind Objek­te im Ver­fü­gungs­raum. Und wenn die nicht machen, was man will, wird eska­liert. Geschieht dies von früh an, ent­wi­ckeln die betref­fen­den Kin­der kei­ner­lei Not­wen­dig­keit, sich an irgend­et­was zu hal­ten. Sie rotie­ren um sich selbst – unfä­hig zur Bin­dung, weil sie gar nicht wis­sen, dass es ande­re Men­schen über­haupt gibt. Und was ist man, wenn man der ein­zi­ge Mensch auf der Welt ist? Man ist Haupt­per­son in einem Film, den man nicht gucken kann, weil man weder weiß, was etwas bedeu­tet, noch, wer man selbst ist. Die Fol­ge: man zap­pelt um sich selbst her­um, ohne Sinn und Ziel, man hat den Hun­ger der früh­kind­li­chen Pha­se, ohne die­se jemals ver­las­sen zu haben, man behan­delt alles und jeden wie Objek­te zur Bedürf­nis­be­frie­di­gung, ohne die eige­nen Bedürf­nis­se zu ken­nen. Man weiß nicht, was man will (das wech­selt im Sekun­den­takt, je nach dem, wohin das Kind blickt), aber wehe, man bekommt es nicht (dann eska­liert das Kind im Sekundentakt).

Was hilft nun in einem sol­chen Fall – etwa in dem ein­gangs beschrie­be­nen Fall durch­gän­gig gren­zen­lo­sen Ver­hal­tens? Die Ant­wort fällt vor­erst kurz aus – die spä­te­ren Abschnit­te erklä­ren, war­um die Ant­wort so und nicht anders lau­tet: Man muss „nach­so­zia­li­sie­ren“, und zwar genau so, wie man es mit Kin­dern machen wür­de, die so jung sind, wie die Betref­fen­den zumin­dest emo­tio­nal noch sind. Wenn ich in mei­ner Ent­wick­lung bestimm­te emo­tio­na­le Rei­fe­pro­zes­se nicht durch­lau­fe – genau­er gesagt: wenn ich nicht weiß, was eine Gren­ze ist – muss das nach­ge­holt wer­den. Das heißt, ein Kind soll­te mit sta­bi­len, kla­ren Reak­tio­nen kon­fron­tiert wer­den, und zwar so lan­ge, bis sich Lern- und Gewöh­nungs­ef­fek­te einstellen.

Exkurs: Der Ursprung der Kommunikation
Um zu begrei­fen, wo unse­re Fähig­keit zu kom­mu­ni­zie­ren her­kommt bzw. wie sie ent­stan­den ist, ist es hilf­reich, sich die Lebens­si­tua­ti­on der „Urhor­de“ vor­zu­stel­len – und zwar zunächst als eine Ansamm­lung von Pri­ma­ten, deren „Signa­le“ noch denen ande­rer Säu­ge­tie­re ent­spro­chen haben. Kenn­zei­chen von „Tier­spra­chen“ ist es, dass ein Signal immer eine bestimm­te Reak­ti­on zur Fol­ge hat. Eine Droh­gebähr­de führt zu einer wei­te­ren Droh­gebähr­de – so lan­ge, bis eines der betei­lig­ten Tie­re angreift oder flüch­tet. Tie­re „ver­ste­hen“ die Signa­le nicht – weder die ande­rer Tie­re noch die eige­nen. Sie reagie­ren direkt. Nun muss man sich vor­stel­len, dass eben jene Pri­ma­ten irgend­wann ange­fan­gen haben, sich im Ver­band zu ver­hal­ten, also bei­spiels­wei­se bestimm­te Rol­len bei der Jagd aus­zu­prä­gen. Durch die­se Rol­len­ver­tei­lung, also Anfän­ge von Koope­ra­ti­on, wur­de die Jagd effek­ti­ver. Durch die­se stei­gen­de Effek­ti­vi­tät ent­stan­den Frei­räu­me – viel­leicht hock­te man nun um das Feu­er her­um und hat­te so viel zusam­men­ge­jagt und ‑getra­gen, dass man ein wenig Zeit hat­te. Die Fähig­keit zum Pro­du­zie­ren von Signa­len gab es bereits – nur hat­te bis dato ein Signal eine direk­te Reak­ti­on zur Fol­ge. Man stel­le sich vor, einer der betei­lig­ten Pri­ma­ten zeigt auf ein Beu­te­stück und macht einen bestimm­ten Laut dazu – nicht als direk­tes Signal gedacht, son­dern viel­leicht als Bezeich­nung des­sel­ben, um dem Bezeich­ne­ten nach­her ein bestimm­tes Attri­but zu ver­lei­hen (etwa: beson­ders groß). Dies könn­te als eine „ers­te signi­fi­kan­te Ges­te“ ver­stan­den wer­den – kei­ne Ges­te mehr im direk­ten Ver­hal­tens­fluss, son­dern eine Ges­te, die etwas bezeich­net. Damit ver­hält sich der betref­fen­de Pri­mat nicht mehr nur auf Rei­ze oder Ges­ten hin, son­dern er benutzt eine Ges­te, um einem Objekt eine bestimm­te Bedeu­tung zu ver­lei­hen. Damit wird die Bedeu­tung dem betref­fen­den Pri­ma­ten bewusst. Ange­nom­men, er wie­der­holt sei­ne Zei­ge­hand­lung ein paar Mal, bis auch ande­re Pri­ma­ten ihn nach­ah­men – das ers­te geteil­te Sym­bol ist ent­stan­den. Damit ist die Vor­aus­set­zung geschaf­fen, dass auch ande­re Pri­ma­ten mit einem bestimm­ten Objekt eine bestimm­te Bedeu­tung ver­bin­den (zum Bei­spiel: X = groß). Von einer ers­ten Bedeu­tung ist es zu ande­ren Bedeu­tun­gen nicht weit, denn nun kön­nen Unter­schie­de gemacht wer­den (bei­spiels­wei­se: Y = nicht groß = klein). Nun haben wir das, was uns als Men­schen von ande­ren Säu­ge­tie­ren unter­schei­det: wir kön­nen Din­gen Bedeu­tung ver­lei­hen, was wir mit Hil­fe sprach­li­cher Sym­bo­le tun. Der Unter­schied zur tie­ri­schen Kör­per­spra­che ist, dass Tie­re nicht wis­sen, wel­che Bedeu­tung bestimm­te Ges­ten haben (son­dern direkt reagie­ren), Men­schen hin­ge­gen schon – weil wir wis­sen, was ein bestimm­tes Signal bedeu­tet, indem wir uns nicht direkt dazu ver­hal­ten (was bei kör­per­sprach­li­chen Signa­len trotz­dem oft genug pas­siert, etwa wenn wir ärger­lich sind), son­dern indem wir prin­zi­pi­ell dazu in der Lage sind, Bedeu­tun­gen zu ver­ste­hen, indem wir ihre Kon­se­quen­zen mit Hil­fe von Sym­bo­len simu­lie­ren kön­nen. Den­ken ist also nichts ande­res als eine Simu­la­ti­on von Ereig­nis- oder eben Hand­lungs­ket­ten mit Hil­fe von Sym­bo­len. Wir sind also nicht auf das Risi­ko des direk­ten Ver­hal­tens ange­wie­sen, son­dern kön­nen uns – den ent­spre­chen­den Abstand von hef­ti­gen Affek­ten vor­aus­ge­setzt – von der Ver­hal­tens­ver­ket­tung „lösen“, die mög­li­chen Kon­se­quen­zen anhand ent­spre­chen­der – sprach­li­cher – Sym­bo­le simu­lie­ren. Das erlöst uns von dem Zwang der direk­ten Reak­ti­on (Ver­hal­ten) und ermög­licht uns eine bewuss­te Wahl (also die Handlung).

Was hat das mit Erzie­hung zu tun?
Die Fra­ge ist ganz berech­tigt: was hat die­se eher all­ge­mei­ne Dar­stel­lung der Ent­ste­hung der Spra­che mit Erzie­hung zu tun? Nun, die Ver­bin­dung liegt nicht direkt auf der Hand, aber sie ist von aller­größ­ter Bedeu­tung für unse­re Fragen.

Beson­ders wich­tig ist die Erkennt­nis, dass es für das Erken­nen von Bedeu­tun­gen immer des ande­ren bedarf – ich könn­te allein nicht wis­sen, wel­che Bedeu­tung ein belie­bi­ges Ding in mei­ner Umge­bung hat. So, wie der eine Pri­mat auf etwas gezeigt und ein Sym­bol dazu geformt hat, war er ja erst ein­mal nur allei­ne. Damit die Bedeu­tung in die Welt kommt, bedarf es des ande­ren, der die­se Bedeu­tung teilt. Wenn wir also Sym­bo­le gemein­sam benut­zen, kön­nen wir uns ver­stän­di­gen. Wir müs­sen also immer­hin die Fähig­keit besit­zen, auf bestimm­te Sym­bo­le gleich – oder zumin­dest ähn­lich – zu reagie­ren. Wenn wir Sym­bo­le benut­zen, benö­ti­gen wir das Wis­sen dar­über, wie man (also der ande­re, vie­le ande­re, zu einem „gene­ra­li­sier­ten Ande­ren“ kon­den­sier­te Erfah­run­gen mit vie­len ande­ren) reagiert, damit wir wis­sen, was bei der Nut­zung eines bestimm­ten Sym­bols oder einer Hand­lung wahr­schein­lich herauskommt.

Für die Erzie­hung rele­vant ist nun die Fra­ge, wie die Bedeu­tun­gen in so einen klei­nen Men­schen kom­men, wie sich die­ser die Bedeu­tun­gen aneig­net oder wie die Erwach­se­nen ihr oder ihm die Bedeu­tun­gen bei­brin­gen. Hier wird die sozia­le Natur des Ler­nens beson­ders deut­lich. Kin­der kön­nen die Welt zwar ertas­ten, erbli­cken und auf vie­le Wei­sen erfah­ren. Was aber wel­che Bedeu­tung hat – also letzt­lich: wie man auf bestimm­te Sym­bo­le oder Objek­te reagie­ren soll – das lernt ein Kind durch die Inter­ak­ti­on mit Erwach­se­nen. Wir inter­agie­ren die Bedeu­tun­gen qua­si in unse­re Kin­der hinein.

Ein Bei­spiel: Wenn ein Kind hin­fällt, kann das mehr oder weni­ger oder kaum schmerz­haft sein. Zudem wird das Kind dabei mehr oder min­der erschre­cken. Wer ein­mal län­ger mit Kin­dern zu tun hat­te, wird fol­gen­den Ablauf ken­nen: das Kind fällt hin, fängt sich dabei mehr oder weni­ger auf, rap­pelt sich ein ganz klein wenig auf und blickt dann sei­ne am nächs­ten erreich­ba­re Bezugs­per­son an. Je nach dem, was die­se tut, rich­tet das Kind dann sei­ne wei­te­ren Reak­tio­nen aus: es bleibt lie­gen und weint oder es schluchzt ein wenig und steht auf. Die Eltern kön­nen sich also über­le­gen, ob sie zum Kind eilen, ihrer eige­nen Angst durch lau­te Aus­ru­fe Aus­druck ver­lei­hen, das Kind auf­he­ben, trös­ten und ihm damit bei­brin­gen, dass Wei­nen zu aller­größ­ter Auf­merk­sam­keit und Sor­ge führt. Beim nächs­ten Mal ver­sucht es das Kind gleich ein wenig direk­ter, lau­ter etc. Ein Mus­ter bahnt sich, bis das Kind womög­lich gar nicht mehr auf­steht, wenn es hin­ge­fal­len ist. Die Eltern kön­nen sich ande­rer­seits auch über­le­gen, erst­mal zu schau­en, wie schlimm es eigent­lich ist und sagen: „Das pas­siert. Steh auf und mach wei­ter.“ Und etwas spä­ter: „Alles gut? Tut etwas weh?“ Dann lernt das Kind, den Schmerz ein­zu­schät­zen. Frei­lich wird es wei­nen, wenn etwas sehr weh tut, aber es lernt nicht, Schmerz als Rol­len­spiel auf­zu­füh­ren. Auf die­se Wei­se brin­gen wir unse­ren Kin­dern qua­si die „rich­ti­gen“ Reak­tio­nen bei. So erler­nen Kin­der Bedeu­tun­gen (mehr, weni­ger oder kaum schmerz­haft beispielsweise).

Wie ent­wi­ckeln sich „siche­re“ Kinder?
So ent­schei­det sich auch, ob ein Kind ein siche­res oder ein unsi­che­res Selbst­bild ent­wi­ckelt. Indem wir kon­sis­tent und sicher – ein Stück weit auch gleich­mü­tig und gleich­blei­bend kon­se­quent – reagie­ren, lernt das Kind sei­ne Gren­zen ken­nen und lernt, was rich­tig und falsch ist. Damit ein Kind sich spä­ter bezüg­lich eige­ner Wer­te ent­schei­den kann, muss es erst ein­mal Wer­te ver­mit­telt bekom­men. Eltern brau­chen dafür ihre Intui­ti­on – ich kann in der Regel intui­tiv ent­schei­den, was rich­tig und falsch ist, und ich kann das auch sagen. Vie­le Eltern wei­sen ihre Kin­der aber nicht mehr zurecht, las­sen sich unter­bre­chen, stel­len ihre Kin­der in den Mit­tel­punkt. Sie dis­ku­tie­ren mit ihren Kin­dern; sie ver­su­chen, ihre Kin­der zu überzeugen.

Was dadurch in Bezug auf die psy­chi­sche Ent­wick­lung pas­siert, könn­te in etwa wie folgt beschrie­ben wer­den: Nor­ma­ler­wei­se wür­den sich durch die siche­ren, kon­sis­ten­ten Reak­tio­nen der Eltern beim Kind eine Rei­he eben­falls siche­rer Reak­ti­ons­mus­ter ent­wi­ckeln. Die­se bil­den qua­si das „siche­re Fun­da­ment“ der spä­ter immer eigen­stän­di­ge­ren Hand­lun­gen des Kin­des. Geschieht dies nicht, haben die Kin­der kein sol­ches Fun­da­ment und müs­sen qua­si selbst ent­schei­den oder her­aus­fin­den, was rich­tig oder falsch ist. Das kön­nen sie aber nicht, weil ihnen genau die­ses Fun­da­ment ja fehlt. Sie kön­nen daher nur sich selbst zum Maß­stab neh­men, und das sind – etwa bei Vier­jäh­ri­gen – vor allem die eige­nen Bedürf­nis­se. So han­deln­de Eltern zwin­gen ihre Kin­der gera­de­zu, sich um sich selbst zu drehen.

Aus dem Ver­such, der all­zu gewalt­sa­men und ver­for­men­den Erzie­hung frü­he­rer Zei­ten etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, sind zwar neue päd­ago­gi­sche For­ma­te erwach­sen, die auch funk­tio­nie­ren und alles in allem selbst­be­wuss­te­re (und damit ein­her­ge­hend auch: weni­ger beschei­de­ne) jun­ge Men­schen her­an­wach­sen las­sen. Aber in der Über­trei­bung die­ser Per­spek­ti­ve haben vie­le von uns auf­ge­hört, Kin­der als das zu behan­deln, was sie sind, näm­lich klei­ne Wesen, die erst ein­mal ein Fun­da­ment brau­chen, von dem aus sie sich die Welt erschlie­ßen kön­nen – eben auf der Grund­la­ge der siche­ren Reak­tio­nen sei­ner Eltern und Erzie­her. Hat ein Kind die­ses Fun­da­ment nicht, schwebt es qua­si in einem lee­ren Raum.

Ein Bei­spiel: Ein Kind von Crys­tal kon­su­mie­ren­den Eltern ist zuhau­se mit extrem wech­sel­haf­ten Hand­lungs- bzw. Reak­ti­ons­mus­tern kon­fron­tiert und zeigt des­halb auch selbst wenig sta­bi­le Reak­ti­ons­mus­ter bis hin zu stär­ke­ren Auf­fäl­lig­kei­ten. Damit das Kind sta­bi­le Bin­dun­gen ent­wi­ckeln kann und hin­sicht­lich eini­ger sprach­li­cher und kogni­ti­ver Defi­zi­te geför­dert wer­den kann, weist das Jugend­amt das betref­fen­de Kind einer spe­zi­el­len Betreu­ungs­stel­le zu. Dort gibt es aus­ge­bil­de­te Päd­ago­gen, die vie­le hilf­rei­che Metho­den ken­nen. Das Kind baut tat­säch­lich Bin­dun­gen auf, aber es kommt immer wie­der zu schwe­re­ren „Aus­ras­tern“. Die­se „Aus­ras­ter“ wer­den dann von den Päd­ago­gen mit dem Kind bespro­chen – mit dem Ziel und in der Hoff­nung, dass bei dem Kind die „Ein­sicht“ wach­se, dies oder jenes fort­an nicht mehr zu tun.

Ich mei­ne, dass die­se Vor­ge­hens­wei­se nicht beson­ders hilf­reich ist: was rich­tig oder falsch ist, lernt ein Kind im Kin­der­gar­ten­al­ter zunächst nicht durch nor­ma­ti­ve Ein­sicht, son­dern durch direk­te Reak­tio­nen. Das Kind lernt also anhand der direk­ten Reak­ti­on des Päd­ago­gen, ob es gera­de etwas falsch gemacht hat. Ich kann dazu etwas erklä­ren, aber die Erklä­rung hilft zunächst weni­ger als mei­ne ent­spre­chen­de Reak­ti­on vor­her. Ein Kind braucht zuerst ein auf sta­bi­len Bin­dungs- und Reak­ti­ons­mus­tern beru­hen­des eige­nes Reak­ti­ons­mus­ter, bevor die kogni­ti­ven Lern­pro­zes­se auf­set­zen kön­nen. Selbst­re­gu­la­ti­on ist zunächst ein höchst affek­ti­ves Geschäft – bekom­me ich Reak­ti­ons­mus­ter ver­mit­telt, die mir hel­fen, mei­ne direk­ten Impul­se in den Griff zu bekom­men – oder nicht.

Ein­wand der betref­fen­den Päd­ago­gen aus der oben beschrie­be­nen Betreu­ungs­stel­le: „Wir tun ja selbst nur das, wovon wir über­zeugt sind. Wir erwar­ten des­halb von den Kin­dern auch, dass sie nur tun, wovon sie auch über­zeugt sind. Unse­re abso­lu­te Grund­über­zeu­gung ist, dass Ler­nen selbst­ge­steu­ert passiert.“

Sol­cher­lei Grund­an­nah­me führt dazu, dass Kin­der wie klei­ne Erwach­se­ne behan­delt wer­den. Wenn ein Kind aber auf­grund chao­ti­scher Reak­ti­ons- und Bin­dungs­mus­ter bei den Eltern kein siche­res Fun­da­ment hat, wie kommt dann Sicher­heit in das Kind? Durch freund­li­che Erklä­run­gen? Durch Dis­kus­sio­nen? Nein. Durch siche­re Reak­tio­nen. Durch ein zuge­wand­tes, bin­dungs­ori­en­tier­tes Fun­da­ment in Ver­bin­dung mit kla­ren Ansa­gen (Haupt­sät­ze; kei­ne lan­gen Erklä­run­gen) und wohl­mei­nen­der Kon­se­quenz (wobei das Aus­blei­ben einer posi­ti­ven Kon­se­quenz bes­ser ist als eine Strafe).

Was bedeu­tet das praktisch?
Die Leit­fra­ge für Fäl­le wie den ein­gangs geschil­der­ten lau­tet: wie kom­men Gren­zen und Nor­men in die Welt? Ein Kind muss erst ein­mal Bedeu­tun­gen ken­nen, damit es spä­ter Bedeu­tun­gen aus­han­deln kann. Sonst bleibt das Kind im frei­en Raum der Rota­ti­on um sich selbst. Hyper­ak­ti­vi­tät oder Aggres­si­vi­tät sind dann nur ande­re Namen für das Problem.

Damit möch­te ich nicht behaup­ten, dass jeder Fall von Hyper­ak­ti­vi­tät aus den beschrie­be­nen Dyna­mi­ken ent­steht. Viel­mehr mei­ne ich, dass zu häu­fig mit Dia­gnos­tik auf ein Phä­no­men geant­wor­tet wird, das auch aus einer Mischung aus Inter­ak­ti­ons­dy­na­mik, Ernäh­rung und Medi­en­kon­sum ent­stan­den sein könn­te. Bevor man zulässt, dass einem Kind eine Dia­gno­se ver­passt wird, könn­te man im Fal­le des Ver­dachts etwa auf ADHS die fol­gen­den Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten anwenden:

  • Unbe­ding­te Wert­schät­zung als Grund­la­ge ver­bun­den mit weni­gen sehr kla­ren Regeln und gleich­blei­ben­der Konsequenz
  • Ruhe in der Aus­strah­lung und ruhi­ge, aber kla­re Ansa­gen; nicht dis­ku­tie­ren, son­dern nach der Ansa­ge weg­ge­hen; mit dem Aus­blei­ben posi­ti­ver Kon­se­quen­zen anstel­le von Stra­fen arbei­ten; trotz­dem genug Poten­ti­al für posi­ti­ve Kon­se­quen­zen schaffen
  • Ernäh­rungs­um­stel­lung in Rich­tung Reduk­ti­on von Kohlehydraten
  • Fern­seh­zei­ten mini­mie­ren und für viel Bewe­gung sorgen
  • Beob­ach­tung der Inter­ak­ti­on zwi­schen Kind und einem Eltern­teil; Feed­back durch das ande­re Eltern­teil; häu­fi­ge Wie­der­ho­lung die­ser Pro­ze­dur mit dem Ziel des Erken­nens von Mus­tern und des Aus­pro­bie­rens neu­er Inter­ak­ti­ons­mus­ter; wenn dies gelingt, wird es zu einem „kon­ti­nu­ier­li­chen Verbesserungsprozess“
  • Bera­tung durch die am Kind arbei­ten­den Päd­ago­gen (die wis­sen häu­fig mehr, als sie sich zu sagen trauen)

Dia­gnos­ti­zie­ren kann man im blei­ben­den Zwei­fels­fall immernoch.

Die „Gesund­heits­ver­mu­tung“ am Bei­spiel des Bettnässens
Bis­her habe ich vor allem Bei­spie­le aus den Berei­chen „Ver­dacht auf ADHS“ und „Aggres­si­vi­tät“ ver­wen­det. Das sind sehr popu­lä­re, viel bespro­che­ne Bei­spie­le. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber will ich noch ein weni­ger oft dis­ku­tier­tes, aber nicht min­der rele­van­tes Bei­spiel dar­stel­len, näm­lich das des so genann­ten Bett­näs­sens. Die Aus­gangs­si­tua­ti­on: ein eigent­lich schon lan­ge tro­cke­ner Jun­ge fängt im Alter von fünf Jah­ren an, nachts einzunässen.

Ein zunächst ganz ober­fläch­li­cher psy­cho­lo­gi­scher Ansatz wäre zu fra­gen, wozu das gezeig­te Ver­hal­ten nütz­lich sein könn­te, wel­ches Pro­blem oder wel­chen Kon­flikt es (vor­der­grün­dig) zu lösen scheint. Ange­nom­men, man frag­te tat­säch­lich nach dem Wozu der Sym­pto­me, dann wür­de man zwangs­läu­fig auch zu der Fra­ge kom­men, wann es denn anders war, und was da rings­her­um anders war, als es anders war. Sprich: Wann war der Klei­ne tro­cken, und was war da anders als jetzt? Dann wür­de man wei­ter­de­kli­nie­ren, wann es begon­nen hat, was sich rund­her­um ver­än­dert hat usw. Man wür­de eine „Ent­wick­lungs­ge­schich­te“ zeich­nen und ggf. schon Mus­ter entdecken.

Eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se wäre, die gan­ze Sache in psy­cho­ana­ly­ti­scher Wei­se als kind­li­chen Kon­flikt zu ver­ste­hen. Da ist ein klei­ner Jun­ge, der viel­leicht meh­re­re Jah­re die vol­le Auf­merk­sam­keit sei­ner Mut­ter genos­sen hat, und des­sen Vater sei­ner­zeit ver­gleichs­wei­se häu­fig zu Hau­se war. Dann bekam der Jun­ge aber eine klei­ne Schwes­ter (ers­ter Kon­flikt). Spä­ter merkt er, dass die Auf­merk­sam­keit sei­ner Eltern außer auf ihn und auf die Schwes­ter offen­sicht­lich auf noch mehr Din­ge ver­teilt wird (Haus, Beruf). Dann sind sei­ne Eltern nicht mehr in der Wei­se für ihn da, die er meh­re­re Jah­re gewohnt war (zwei­ter Kon­flikt). Nun braucht nur noch ein biß­chen kind­li­cher Ver­gleich mit der Auf­merk­sam­keit für das Schwes­ter­chen hin­zu­kom­men, und fer­tig ist die Bettnässerei.

Die Kind­heits­er­in­ne­run­gen man­cher Men­schen besa­gen, dass sie sich als Kin­der selbst Win­deln ange­legt haben, nach­dem klei­ne­re Geschwis­ter hin­zu­ka­men. Will sagen: offen­sicht­lich hat das Win­deln eine gewis­se Ver­sor­gungs- oder Auf­merk­sam­keits­funk­ti­on. Man könn­te die Bett­näs­se­rei also einst­wei­len als auf­merk­sam­keits­ori­en­tier­tes Ver­hal­ten deu­ten. Damit ist noch nie­mand krank und hat auch noch nie­mand irgend­was falsch gemacht. Von tief lie­gen­den – und lei­der nie klär­ba­ren und des­halb in der Kom­mu­ni­ka­ti­on dar­über hoch gefähr­li­chen – gene­ti­schen Ursa­chen ganz zu schweigen!

Was zunächst hel­fen könn­te, wären mei­nes Erach­tens die fol­gen­den Sachen:

  1. Das Kind beob­ach­ten: Wie inter­agiert das Kind, wann ist es ent­spannt, wann nicht, wie reagiert es auf sei­ne Mut­ter (und ja: die Mut­ter bleibt hier wichtiger/bedeutsamer als der Vater, es sei denn, es gibt nur Väter, aber das ist ja sel­ten der Fall)? Man beob­ach­te das Kind ein­fach mal ein paar Tage ohne gro­ßen Input und ohne gro­ße Ver­mu­tun­gen. Man mache auch Video­auf­nah­men (die vom ers­ten Tag sind nicht ver­wend­bar, aber ab dem zwei­ten sind die Kin­der dran gewöhnt). Als dann sehe man sich alles an und schaue in der Refle­xi­on, was man dar­aus ler­nen kann. Wich­tig: Intui­ti­on ist hier oft­mals hilf­rei­cher als psy­cho­lo­gi­sches Wis­sen. Beson­ders gefähr­lich ist päd­ago­gisch-psy­cho­lo­gi­sches Halb­wis­sen aus der Elternzeitung.
  2. Eine beson­ders wich­ti­ge Fra­ge bleibt: Wann tritt es auf, wann ggf. nicht? Was sind die jewei­li­gen Rah­men­be­din­gun­gen? Mit ein biß­chen Geduld fin­det man viel­leicht ein paar Muster.
  3. Bett­näs­ser sind in der Regel sen­si­ble Kin­der. Allein die­se Sen­si­bi­li­tät reicht nach mei­nem Dafür­hal­ten aus, auf beruf­li­che (und damit die Auf­merk­sam­keits­ka­pa­zi­tät pro Kind betref­fen­de) Ver­än­de­run­gen zu reagie­ren. Ob die­se „Gesund­heits­ver­mu­tung“ zutrifft, kann man leicht prü­fen: sich ein­fach zwei Wochen „kind­krank“ schrei­ben las­sen und sehen, was pas­siert. Falls es zutrifft, als dann dem jet­zi­gen Job Good Bye sagen und einen Job machen, der sich bes­ser mit der Fami­lie ver­ein­ba­ren lässt. Gera­de Jungs brau­chen Mama, zumin­dest wenn sie klein sind. Das steht bis­wei­len anders in den Zei­tun­gen, aber die Zei­tun­gen wer­den oft von ahnungs­lo­sen Hob­by­psy­cho­lo­gIN­NEN geschrie­ben, die lie­ber an ihre jewei­li­gen Lieb­lings­ideo­lo­gien glau­ben, als einen Blick in die Rea­li­tät zu werfen.
  4. Ein schö­ner Ver­such wäre auch, wenn Mama mit Kind für eine Woche weg­fährt. Nur die bei­den. Hypo­the­se: mit genug Auf­merk­sam­keit (von Mama, nicht von Oma, Papa, Schwes­ter etc.) ist die Geschich­te kurz- oder mit­tel­fris­tig eine ande­re. Viel­leicht muss man kla­re Ansa­gen dazu kom­bi­nie­ren: indem man unsi­cher nach Ursa­chen for­schend das Kind anblickt, wird es womög­lich nicht bes­ser; strahlt man dage­gen eine gewis­se Sicher­heit aus und macht eine ganz kla­re Ansa­ge (Haupt­sät­ze!), wirkt sich das auf die Sicht­wei­se des Kin­des aus. Zumin­dest kann man Kin­dern so eini­ge kri­ti­sche Din­ge bei­brin­gen: Schnul­ler weg, im Zim­mer blei­ben, bestimm­te Din­ge unter­las­sen, letzt­lich ja auch durch­schla­fen oder ver­schie­de­ne Dis­zi­plin­sa­chen wie das Hän­de­wa­schen oder das „bit­te“ Sagen.

Zusam­men­fas­sung
Das Kind zum Psy­cho­lo­gen oder gar zum Psych­ia­ter schi­cken – das kann man immer noch. Star­ten wür­de ich zunächst mit einer Gesund­heits­ver­mu­tung – erst ein­mal die Inter­ak­ti­on beob­ach­ten und viel­leicht an den Rah­men­be­din­gun­gen etwas ändern. Als dann ist die Fra­ge wich­tig: was haben die Eltern mög­li­cher­wei­se selbst dazu getan, dass es zum Pro­blem wer­den konn­te? (Stress gehabt, Kon­flik­te vor den Kin­dern aus­ge­tra­gen, lan­ge auf Arbeit geblie­ben, zu viel Oma enga­giert, ein Haus gebaut… ?) Erst ein­mal gilt es, sich sel­ber an die sprich­wört­li­che eige­ne Nase zu fas­sen und etwas zu ändern. Wenn das nicht hilft, kann man immer noch los­ge­hen und Psy­cho­lo­gen oder Psych­ia­ter fra­gen. Aber Vor­sicht: wenn man den Kol­le­gen Geld gibt, fin­den sie in der Regel auch etwas. Sie kön­nen ja nichts ande­res 😉

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.

2 Kommentare

  1. Span­nen­de Gedan­ken, mein Freund! 

    “Wir inter­agie­ren die Bedeu­tun­gen qua­si in unse­re Kin­der hin­ein.” – hat mich sehr gefreut! Mei­ne Erfah­rung mit mei­nen Kin­dern hat mich (schon sehr früh) gelehrt: Mei­ne Kin­der tun nicht (sel­ten), was ich sage – dafür tun sie umso mehr, das, was ich tue. Actions speak lou­der than words!
    “Sie dis­ku­tie­ren mit ihren Kin­dern; sie ver­su­chen, ihre Kin­der zu über­zeu­gen.” – kommt mir an die­ser Stel­le sehr vor­wurfs­voll daher. Glaubst du nicht, dass Kin­der zumin­dest den Ver­such einer Erklä­rung für eine Regel, eine Ansa­ge, eine Reak­ti­on ver­dient haben? Ich den­ke: Ein Älter (eine Älte­rin) soll­te so eine Erklä­rung parat haben – oder zumin­dest auf Anfor­de­rung pro­du­zie­ren kön­nen. Ob die immer vom Kind ver­stan­den wer­den (kön­nen)? Natür­lich nicht! Aber sie haben ein Recht, eine Erklä­rung (oder auch 2, 3, 5, in ver­schie­de­nen For­mu­lie­run­gen) zu hören. Sonst ist es m.E. etwas zuviel Auto­ri­tät und “Gehor­sam”, was wir unse­ren Kin­dern zumu­ten (und wir woll­ten doch Kin­der, die sich gera­de NICHT ein­fach so unter­ord­nen – zumin­dest nicht unter ande­re Men­schen. Natur­ge­set­ze sind eine ande­re Geschichte…).
    Dis­kus­si­on, Erklä­run­gen, etc.: Fin­de ich wich­tig. Erst, wenn das trotz red­li­cher Bemü­hun­gen nicht klappt, soll­te das gefürch­te­te: “Ich lege das jetzt so fest! – das kannst du noch nicht ver­ste­hen” kommen 🙂

    “(…)bekom­me ich Reak­ti­ons­mus­ter ver­mit­telt, die mir hel­fen, mei­ne direk­ten Impul­se in den Griff zu bekom­men – oder nicht.” Cheers! Auch Alltags-(Lebens-)Erfahrung genannt. Daher glau­be ich, dass auch die Älte­ren, mal zor­nig wer­den dür­fen. Und das auch ruhig zei­gen dürfen.

    “wobei das Aus­blei­ben einer posi­ti­ven Kon­se­quenz bes­ser ist als eine Stra­fe”. Liebes-(Aufmerksamkeits)entzug? Ich glau­be, ich ver­ste­he, was du meinst. Aber ist das etwas prin­zi­pi­ell unterschiedliches?
    (Und: Ich habe auch noch kei­nen Weg gefun­den, gänz­lich ohne “Stra­fe” (oder Aus­blei­ben einer posi­ti­ven Kon­se­quenz) auszukommen.)
    Die Höchststrafe(n) bei mir sind “kein Sand­männ­chen” heu­te abend, oder “Kin­der­abend” (= Ihr müsst allei­ne ins Bett gehen –> kei­ne Krau­lung, etc.), im Extrem­fall, die Andro­hung “eine Woche kein Sand­männ­chen”… und, dass das immer noch wirkt zeigt mir eigent­lich nur Eines: Es geht nicht um die ‘Här­te’ der Stra­fe. Es scheint (mir) so, dass es um das Fakt geht, dass es über­haupt eine Stra­fe ist = eine Bevor­mun­dung = ich mache von mei­ner Macht und Auto­ri­tät gebrauch, von mei­ner Fähig­keit Tat­sa­chen zu schaf­fen. Und Men­schen (auch klei­ne) mögen es nicht macht­los, unter­wor­fen zu sein. Aber genau da sind wir wie­der bei den Reak­ti­ons­mus­tern vom vor­he­ri­gen Punkt: Hand­lun­gen, Ver­hal­ten, haben Kon­se­quen­zen (irgend­wel­che!). Bes­ser, wenn man das früh lernt. Denn so ist die Welt nunmal.

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