Wie man Leute zum Reden bekommt, wenn das notwendig ist, auch wenn sie „eigentlich“ nicht reden wollen – Ein Praxisbeispiel

In der Run­de ging es um eine Situa­ti­on, wie sie in vie­len Teams vor­kom­men kann: Man weiß, dass etwas im Raum steht — aber nie­mand will reden.

Der ers­te Schritt bestand nicht im Ver­such einer „Öff­nung“, son­dern zunächst in einem „Sicher­heits­si­gnal“: „Sie sagen bit­te nur, was Sie sagen wol­len. Wenn Sie etwas sagen, sei­en Sie bit­te ehrlich.“

Im Grun­de geht es um einen „guten Anfang“. Ich stel­le mich vor. Die ers­te Fra­ge ist nicht die nach den Erwar­tun­gen der Teil­neh­mer. Die ers­te Fra­ge lau­tet: „Was hal­ten Sie vom Ansin­nen die­ses Ter­mins?“ Wenn es Skep­sis gibt, hört man die­se Skep­sis jetzt. Wenn es Beden­ken oder gar Wider­stän­de gibt, hört man die auch. Nur nichts ent­ge­gen­set­zen, nicht dis­ku­tie­ren. Es ist ja nur zu ver­ständ­lich, dass man skep­tisch ist oder nur begrenz­te Bereit­schaft hat, wenn man in einem Ter­min sitzt, zu dem man mehr oder min­der „ver­don­nert“ wurde.

Auf mei­ne ers­ten Fra­gen sag­te nie­mand etwas.

Dass es in Ord­nung ist, nichts zu sagen, spre­che ich immer aus, manch­mal auch immer wie­der — kei­ne Bewer­tung, schon gar kei­ne „Nut­zen­ar­gu­men­ta­ti­on“ zuguns­ten des Ansin­nens der Aus­spra­che, kein Druck, kei­ne mora­li­sie­ren­de Erwartung.

Das ist auch nicht ver­wun­der­lich, denn in den meis­ten Fäl­len haben ja nicht die Team­mit­glie­der nach einer Aus­spra­che, Mode­ra­ti­on, Super­vi­si­on, Team­ent­wick­lung oder Media­ti­on — oder wie man die­se Din­ge auch immer nen­nen mag geru­fen. Son­dern eine Per­son aus dem Team hat das viel­leicht ange­regt, oder die Füh­rungs­kraft hat das organisiert.

Wei­te­re Nach­fra­gen — immer mit dem Signal: Sie müs­sen nicht reden. Kein Mensch wur­de gedrängt, nichts „Per­sön­li­ches“ wur­de erwar­tet oder gar „ver­langt“: „Sie müs­sen nicht reden, Sie müs­sen mir auch nicht sagen, ob an dem Ansin­nen die­ses Ter­mins etwas dran ist, aber wenn etwas dran wäre und Sie nur nicht reden wol­len, dann wür­de ich zumin­dest ger­ne wis­sen, was pas­siert, wenn heu­te nicht gere­det wird. Und wenn heu­te nicht gere­det wird, was pas­siert, wenn Sie noch wei­te­re Wochen oder Mona­te nicht reden.“

Wie­der nichts.

Das „Ansin­nen“ der Ver­an­stal­tung wur­de wie­der­holt — nicht im Sin­ne eines Appells an die Ver­pflich­tung, son­dern mit Fragen:

  • Wie war es, in den letz­ten Wochen hier zu arbei­ten? Was lief gut, was nicht?
  • Wie gern kom­men Sie aktu­ell auf Arbeit?
  • Was wün­schen Sie sich für die Zukunft?

Oft rei­chen die­se drei Fra­gen schon aus, um das Eis zu bre­chen. Manch­mal kommt es auf die rhe­to­ri­schen Küns­te an, die ers­ten 10–20 Min. mit eige­nen Wor­ten zu über­brü­cken, falls wirk­lich nie­mand reden will.

Nie­mand schweigt für immer, schon gar nicht, wenn ehr­li­ches Inter­es­se gezeigt wird.

Man kann alter­na­tiv auch eine Art „zwei­ter Linie“ klar­ma­chen: Es gibt Din­ge, zu denen wir ver­pflich­tet sind — sach­li­che Infor­ma­tio­nen, Erwar­tun­gen, Koor­di­na­ti­on. Per­sön­li­ches ist frei­wil­lig, Funk­tio­na­les nicht. Am Ende ist ein Arbeits­ver­hält­nis zwar irgend­wie eine frei­wil­li­ge Ver­an­stal­tung, aber eben auch eine Ver­pflich­tung. Qua Arbeits­ver­trag ver­pflich­tet man sich, auf den Zweck einer Orga­ni­sa­ti­on „ein­zu­zah­len“. Manch­mal muss man das Intro zu sol­chen Aus­spra­chen so lan­ge wie­der­ho­len, bis jemand redet. In mei­nem Fall klappt das in den aller­meis­ten Fäl­len. Man muss nur so lan­ge Inter­es­se zei­gen und ener­gisch den Zweck der Ver­an­stal­tung beto­nen und fra­gen, was die Kon­se­quen­zen sind, bis jemand redet. In beson­ders schwe­ren Fäl­len kann das schon­mal eine Stun­de dauern.

Es gibt eine Rei­he von „spit­ze­ren“ Fra­gen, die man stel­len kann und die oft eine gewis­se Bewe­gung in die Lage bringen: 

  • Was pas­siert, wenn Sie als Team so wei­ter­ma­chen, wie in den letz­ten Wochen?
  • Was soll­te Ihre Vor­ge­setz­te aus Ihrer Sicht ange­sichts der aktu­el­len Situa­ti­on tun?
  • Was wol­len Sie eigent­lich? Ver­set­zen Sie sich doch bit­te ein­mal rea­lis­tisch in die Zukunft, und fra­gen Sie sich, was heu­er pas­sie­ren müss­te, damit das Team in einem Jahr gut läuft? Wol­len Sie, dass es gut läuft, oder neh­men Sie Die Sache, wie sie kommt?

Wie gesagt: Nie­mand schweigt für immer.

Ein kur­zer Moment — ein Blitz: Jemand hat gespro­chen. Aber nie­mand woll­te wei­ter­spre­chen. Doch dann… spricht doch jemand wei­ter. Man muss nur war­ten, wei­ter nach­fra­gen: Was genau war gemeint?

Die Bereit­schaft zu spre­chen blieb erst ein­mal gering. Jemand frag­te, ob wir auf­hö­ren könn­ten. Es sei zu anstren­gend. Jemand anders sag­te, er habe Angst, dass danach alles noch kom­pli­zier­ter würde.

Noch ein ande­rer erin­ner­te mich an mei­ne Zusa­ge: nie­man­den bloß­zu­stel­len, nie­man­den in den Mit­tel­punkt zu zwin­gen, nichts Per­sön­li­ches zu erzwin­gen. Und stimm­te ein: Kön­nen wir nicht aufhören?

In sol­chen Situa­tio­nen gilt es, einer­seits Ver­ständ­nis zu zei­gen und ande­rer­seits wei­ter­zu­ma­chen. Es wird bspw. erneut klar­ge­stellt, wofür wir hier sind und wozu wir ver­pflich­tet sind. Ruhig, sach­lich. noch einmal.

Dann sag­te jemand: „Ok. Ich fan­ge an.“

Von da an begann Bewe­gung. Din­ge wur­den ange­spro­chen. Ande­re reagier­ten. Jemand weinte.

Dann eine Fra­ge in die Run­de: „Wer kann von sich sagen, was ihn oder sie ver­letzt hat? … Schau­en Sie sich im Raum um. Mit wie vie­len Per­so­nen hät­ten Sie — theo­re­tisch — eine ‚Kat­ze zu käm­men‘, also etwas anzu­spre­chen, was sie oder ihn ver­letzt hat?“

Die Ant­wor­ten lagen zwi­schen 0 und 3.

1 und 2 am häu­figs­ten, 0 als „neu­tra­le Frak­ti­on“, 3 selten.

Damit war die Lage sicht­bar, ohne jeman­den bloßzustellen.

Der nächs­te Schritt — bila­te­ra­le Spa­zier­gän­ge (20min pro Run­de) mit jeweils zwei Fragen:

  • Was hat mich verletzt?
  • Was wün­sche ich mir?

Kei­ne Büh­ne, kein Publi­kum, nur bila­te­ra­les Gespräch.

Man kann hier auch das „WWW-Prin­zip“ anwenden:

  • Was ist passiert?
  • Wie hat es auf mich gewirkt?
  • Was wün­sche ich mir?

So ent­ste­hen zunächst klei­ne Öff­nun­gen in geschlos­se­nen Sys­te­men — nicht durch Druck oder gar „Ent­lar­ven“, son­dern durch Geduld und Klar­heit sowie die Bereit­schaft, Unsi­cher­heit aus­zu­hal­ten, bis jemand beginnt zu sprechen.

Nicht dis­ku­tie­ren, Fra­gen stellen.

Skep­sis und „Wider­stand“ nichts ent­ge­gen­set­zen. 

Im Pro­zess immer zwei, drei Fra­gen „vor­aus“ sein.

Nie­man­den bloßstellen.

Nach­her haben die Leu­te gesagt, dass es die­se bila­te­ra­len 20-Minu­ten-Spa­zier­gän­ge waren, die sie als sehr hilf­reich emp­fan­den und die Bewe­gung in die Blo­cka­de­hal­tun­gen im Team brach­ten.

So ist das: Du baust den Pro­zess, den Con­tent lie­fern die Leu­te. Wenn alles klappt, fällt nach­her gar nicht auf, wie viel Du gear­bei­tet hast und wie anstren­gend das bis­wei­len war. 😉

Jörg Hei­dig

Anmer­kung zum bes­se­ren Ver­ständ­nis des Tex­tes: Die gera­de gesetz­ten Pas­sa­gen schil­dern in gro­ben Zügen den Ver­lauf einer kon­kre­ten Teamklärung/Supervision, in der die Teil­neh­me­rin­nen (aus sehr ver­ständ­li­chen Grün­den) nicht reden woll­ten, aber reden muss­ten, weil es sonst irgend­wann für die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on min­des­tens viru­lent, wenn nicht gefähr­lich gewor­den wäre. 

Die kur­siv gesetz­ten Pas­sa­gen sind mei­ne metho­di­schen Kom­men­ta­re dazu, also war­um ich das so mache, wie man es noch machen könn­te, was beson­ders wirk­sam ist usw. Wie gesagt: Wir hel­fen Orga­ni­sa­tio­nen dabei, bes­ser zu funk­tio­nie­ren. Alles, was wir tun, soll dabei hel­fen, auf den Zweck der Orga­ni­sa­ti­on einzuzahlen. 

PS: Das Bei­trags­bild wur­de mit Hil­fe einer künst­li­chen Intel­li­genz erstellt.

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.