Über die Folgen von Traumata für die Kommunikation

Es han­delt sich bei die­sem Text um kei­nen irgend­wie „dia­gnos­ti­schen“, son­dern viel­mehr um einen „kom­mu­ni­ka­ti­ons­psy­cho­lo­gi­schen“ Ver­such. Es geht dar­um, die Fol­gen von Trau­ma­ti­sie­rung für die Kom­mu­ni­ka­ti­on zu beschrei­ben. Dabei gibt es wahr­schein­lich zwei „Rich­tun­gen“, und zwar eine der Eska­la­ti­on und eine der Zurück­hal­tung bzw. „Hem­mung“. Alles, was hier gesagt wird, dient vor allem dem Ver­ständ­nis und dem Umgang mit der „eska­la­ti­ons­ori­en­tier­ten“ Aus­wir­kung von Trau­ma­ta, denn das sind die m.E. für Füh­rungs­kräf­te schwie­ri­ger zu ver­ste­hen­den und kom­ple­xe­ren Phä­no­me­ne. Alles, was ich hier über Ver­ständ­nis, Sta­bi­li­sie­rung und Ver­trau­ens­auf­bau schrei­be, gilt auch für die zurück­hal­ten­de­ren, lei­se­ren Aus­wir­kun­gen — der Umgang mit (wahr­schein­lich) trau­ma­ti­sier­ten Per­so­nen erfor­dert in die­sem Fall vor allem Rück­sicht, Ver­ständ­nis und eine ent­spre­chend sen­si­ble Kom­mu­ni­ka­ti­on. Im „eska­la­ti­ons­ori­en­tier­ten“ Fall liegt die Her­aus­for­de­rung aber ganz woan­ders — hier geht es natür­lich auch um Ver­ständ­nis und Ver­trau­ens­auf­bau, aber eben auch eine „wohl­tem­pe­rier­te“ Reak­ti­on bis hin zum direk­ten Feed­back, zur tem­po­rä­ren Unter­bre­chung der Kom­mu­ni­ka­ti­on und im Zwei­fels­fall auch bis zur direk­ten Konfrontation.

Traumatisierung ist keine Eigenschaft des Ereignisses

Trau­ma­ti­siert wor­den zu sein bedeu­tet vor allem eines: die Hand­lungs­kon­trol­le in einer Situa­ti­on ver­lo­ren zu haben, in der Hand­lung eigent­lich not­wen­dig gewe­sen wäre, aber nicht mög­lich war. Ein Mensch wird nicht trau­ma­ti­siert, weil etwas per se Schreck­li­ches pas­siert. Er wird mög­li­cher­wei­se trau­ma­ti­siert, wenn etwas pas­siert, wofür sei­ne vor­han­de­nen Reak­ti­ons­mög­lich­kei­ten nicht aus­rei­chen. Das aus­lö­sen­de Ereig­nis kann plötz­lich und ein­ma­lig statt­fin­den oder sich über lan­ge Zeit hin­zie­hen: Ein schwe­rer Unfall. Gewalt. Miss­brauch. Krieg. Aber auch lan­ge anhal­ten­des Grau­en. Mas­si­ve Abwer­tung. Chro­ni­sche Hilf­lo­sig­keit. Das Ergeb­nis ist im Fal­le einer Trau­ma­ti­sie­rung immer das­sel­be: Die „inne­ren Werk­zeu­ge“ rei­chen nicht (mehr) aus. An die­sem Punkt zer­bricht (zunächst) nicht der Mensch, son­dern sein bis­he­ri­ges Modell von Kontrolle.

Ein und das­sel­be Ereig­nis kann bei zwei ver­schie­de­nen Men­schen völ­lig unter­schied­li­che Fol­gen haben. Was für den einen eine extre­me Belas­tung sein kann, bleibt für den ande­ren mög­li­cher­wei­se inte­grier­bar. Viel­leicht, weil der ande­re sta­bi­ler ist, oder weil der ande­re über pas­sen­de inne­re Blau­pau­sen ver­fügt – und der eine nicht.

Trau­ma ist des­halb kei­ne objek­ti­ve Kate­go­rie, son­dern eine Dyna­mik zwi­schen Ereig­nis und inne­rer Struk­tur. Es geht weni­ger um „schlimm“ an und für sich. Es geht mehr um „nicht bewältigbar“.

Die­ser Zusam­men­hang ist sehr wich­tig, denn man­che zeit­ge­nös­si­sche Inter­pre­ta­tio­nen des Trau­ma-Begrif­fes nei­gen zu einer Gene­ra­li­sie­rung des Trau­ma­ti­sie­rungs­po­ten­ti­als. Wenn etwas Schlim­mes pas­siert, heißt das ganz und gar nicht, dass alle Betei­lig­ten trau­ma­ti­siert werden.

Ein Bei­spiel:

Es kann pas­sie­ren, dass jemand stirbt. Das mag trau­rig sein. Wenn jemand jung stirbt, ist das sehr trau­rig. Wenn es sich um die Mut­ter eines Kin­des han­delt, das noch in den Kin­der­gar­ten geht, ist das etwas, das sehr sel­ten vor­kommt. Aber es kann vor­kom­men. Das Leben stellt uns vor Prü­fun­gen, und man­che Din­ge sind sehr tra­gisch oder auch schreck­lich.

Es hilft nie­man­dem, wenn die Erzie­he­rin, in deren Grup­pe das Kind der ster­ben­den Mut­ter ist, gleich­sam „hys­te­risch psy­cho­lo­gi­sie­rend“ durch den Kin­der­gar­ten läuft und ruft: „Davor muss man uns schüt­zen, hier ist der Arbeit­ge­ber in der Pflicht, wie soll ich denn damit umge­hen, ich habe da sech­zehn Kin­der in der Grup­pe, die wer­den ja alle trau­ma­ti­siert und wir als Team gleich mit, ich kann das nicht, ich appel­lie­re an die Lei­tung, dass sie hier was macht!“

Man kann über­for­dert sein. Aber das bedeu­tet nicht, dass man in die­sem Aus­maß psy­cho­lo­gi­sie­ren muss. Kin­der kom­men nor­ma­ler­wei­se ganz gut mit dem Tod klar — wenn sie sta­bi­le Erwach­se­ne vor sich haben, die sta­bil reagieren.

Frü­her hat man tra­gi­sche und belas­ten­de Ereig­nis­se zu oft ver­drängt. Klar kann Psy­cho­lo­gie hilf­reich sein, das ist ja ihr Zweck: weni­ger ver­drän­gen, Din­ge erzähl­bar machen, durch­ar­bei­ten, inte­grie­ren, damit klar­kom­men. Aber nicht: psy­cho­lo­gi­sie­ren, über­trei­ben, wegen jedem Biß­chen „zum See­len­klemp­ner ren­nen“ und ein Dra­ma draus zaubern.

All­zu pro­ble­ma­tisch nur, dass Tei­le der Zunft da flei­ßig mit­tun, denn es wird ja (a) bezahlt und (b) kann man, und hier han­de­le ich mir regel­mä­ßig Ärger ein, wenn ich so etwas sage, poten­ti­ell belas­ten­de Ereig­nis­se gesprächs­wei­se so dra­ma­ti­sie­ren und immer wie­der auf­le­ben las­sen, dass sie über­haupt erst zur Belas­tung wer­den — anstatt an der Sta­bi­li­sie­rung zu arbeiten.

Der größ­te Teil der von poten­ti­ell trau­ma­ti­sie­ren­den Ereig­nis­sen betrof­fe­nen Men­schen bekommt näm­lich — gar nichts.

Aber wenn wir lan­ge genug drü­ber reden, fin­den wir schon was. Manch­mal sind weni­ger Psy­cho­lo­gen bes­ser als mehr Psychologen.

Es sei denn, die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen kön­nen aus­ein­an­der­hal­ten, wann sie hilf­reich sind oder wann sie zur Dra­ma­ti­sie­rung bei­tra­gen und damit den The­ra­pie­be­darf erst „her­bei­zau­bern“.

Bevor ich hier nur die Kol­legInnen kri­ti­sie­re, die da mit­ma­chen, muss ich natür­lich zuerst die Aber­tau­sen­den von Küchen- und Hob­by­psy­cho­logInnen aufs Korn neh­men, die bei Ins­ta und anders­wo mit Gemein­plät­zen und zu Heils­ver­spre­chen auf­ge­bla­se­nen Bana­li­tä­ten um sich wer­fen und kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge gefähr­lich simplifizieren.

Drei Reaktionsgruppen

Auf poten­zi­ell trau­ma­ti­sche Ereig­nis­se reagie­ren Men­schen nicht ein­heit­lich. Man kann – grob und ohne kli­ni­sche Fein­ab­stu­fung – drei Grup­pen unterscheiden.

Die stabile Reaktion

Das ist mit Abstand die größ­te Grup­pe. Die­se Men­schen gera­ten unter Stress, aber sie blei­ben hand­lungs­fä­hig. Sie ver­lie­ren sich nicht. Sie rich­ten ihren Fokus auf das, was sie (noch) kon­trol­lie­ren können:

  • Was ist der nächs­te Schritt?
  • Was ist beein­fluss­bar – was nicht?
  • Wel­che Wahl habe ich (noch)?

Die­se Hal­tung hat nichts mit über­trie­be­nem Opti­mis­mus und auch nichts mit Ver­drän­gung zu tun. Die­se Hal­tung lässt sich viel­mehr als „funk­tio­na­le Nüch­tern­heit“ beschrei­ben. Vik­tor Frankl hat die­se Hal­tung beschrie­ben, und zwar nicht als „mora­li­sche Leis­tung“, son­dern als Über­le­bens­stra­te­gie: Nicht fra­gen, wie schreck­lich alles ist – son­dern fra­gen, was jetzt getan wer­den kann. 

Nur als Rand­be­mer­kung: Das ist, so fürch­te ich, einer der Kar­di­nal­feh­ler unse­rer Zeit — wir mora­li­sie­ren, was das Zeug hält, aber wir hal­ten kaum mehr etwas aus.

Die kurzfristig Destabilisierten

Die­se Grup­pe von Men­schen reagiert zunächst emo­tio­nal. Die Men­schen sind geschockt, über­for­dert, schla­fen schlecht, zie­hen sich zurück oder sind reiz­bar. Aber inner­halb weni­ger Tage – manch­mal einer Woche – stellt sich die Selbst­re­gu­la­ti­on wie­der ein. Das Ner­ven­sys­tem fin­det zurück. Das Ereig­nis wird als belas­tend erin­nert, aber es schwebt nicht dau­er­haft über den Hand­lun­gen des betref­fen­den Menschen.

Die langfristig Destabilisierten

Den drit­ten Fall (die betrof­fe­ne Grup­pe ist sehr klein) muss man sich in etwa so vor­stel­len: Etwas pas­siert, das von der Per­son als so bedroh­lich erlebt wird, dass die ver­füg­ba­ren Hand­lungs­mus­ter nicht aus­rei­chen. Statt­des­sen kippt das Gehirn in eine Art „Not­fall­mo­dus“. Die Angst flu­tet die Hand­lungs­kon­trol­le, und die­ser „Flu­tungs­zu­stand“ bleibt bestehen, wird gespei­chert — nicht als Erin­ne­rung, son­dern als auto­ma­ti­sches Reak­ti­ons­mus­ter in „sol­chen“, spä­ter „ähn­li­chen“ Situa­tio­nen. Die unmit­tel­ba­re Reak­ti­on bleibt in gewis­ser Wei­se als „Poten­ti­al“ erhal­ten und „schwebt“ fort­an über den Hand­lun­gen des betrof­fe­nen Men­schen. Angst hat aller­dings die Eigen­schaft, sich aus­zu­brei­ten, Angst wird lang­sam und ganz auto­ma­tisch „gene­ra­li­siert“. Wenn meh­re­re Wochen ver­gan­gen sind und die Stress­re­ak­tio­nen nicht abklin­gen, spricht man von einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­re­ak­ti­on. Das „Sys­tem der Hand­lungs­kon­trol­le“ fin­det nur ober­fläch­lich zurück — in stres­si­gen Situa­tio­nen, unter Druck, in „Trig­ger-Situa­tio­nen“ ver­fällt man in genau jene Hand­lungs­mus­ter, in die man sei­ner­zeit in der Reak­ti­on auf das Ereig­nis ver­fal­len ist — Rück­zug (bspw. Distanz), Angriff (bspw. gleich­sam „pro­phy­lak­ti­sche“ Eska­la­ti­on in für ande­re schein­bar bana­len Situa­tio­nen), sich-tot-Stel­len (also bspw. demons­tra­tiv das Opfer spielen).

Das neuropsychologische Kernproblem

Im trau­ma­ti­sie­ren­den Moment wird das Gehirn mit Angst geflu­tet. Der prä­fron­ta­le Cor­tex – zustän­dig für Abwä­gung, Ein­ord­nung, Impuls­kon­trol­le – wird gehemmt. Das neu­ro­na­le Sys­tem schal­tet auf Not­be­trieb (= in einen bei­na­he rep­ti­li­en­haf­ten Modus). Zur Ver­fü­gung ste­hen dann nur noch archai­sche Muster:

  • Flucht/Rückzug
  • Angriff
  • Erstar­rung

Wenn die­ser Zustand nicht rasch wie­der ver­las­sen wird, hin­ter­lässt er Spu­ren — und zwar nicht als bewuss­te Erin­ne­rung, son­dern als „Reak­ti­ons­dis­po­si­ti­on“. Das Gehirn lernt nicht: „Das geht vor­bei.“ Son­dern das Gehirn lernt: „So fühlt sich exis­ten­ti­el­le Bedro­hung an, und wenn sie ein­tritt, reagie­re ich genau so.“

Trigger sind keine Erinnerungen – sie sind konditionierte Abkürzungen

Ein „Trig­ger“ (= Aus­lö­se­reiz) muss nicht bewusst erkannt wer­den. Es ist viel­leicht ein Geruch, ein Ton­fall, eine Situa­ti­on. Durch die Gene­ra­li­sie­rungs­ten­denz der Angst kön­nen sich die ohne­hin kaum merk­li­chen Aus­lö­ser auch auf ande­re Rei­ze „aus­brei­ten“ oder über­tra­gen. Es mag sich viel­leicht nur um einen höchst sub­jek­ti­ven „Kon­troll­ver­lust im Klei­nen“ han­deln. Aber das Gehirn stellt kei­ne Fra­gen. Es gleicht direkt ab. Und wenn der Abgleich passt, wird die alte Reak­ti­on akti­viert – unab­hän­gig davon, ob die Situa­ti­on objek­tiv gefähr­lich ist. Das erklärt, war­um trau­ma­ti­sier­te Men­schen in ver­gleichs­wei­se harm­lo­sen Situa­tio­nen extrem reagie­ren kön­nen. Sie über­trei­ben — aus Sicht ande­rer, aber nicht aus ihrer eige­nen Per­spek­ti­ve — zumal das, was wir hier beschrei­ben, eben­so schnell wie unbe­wusst abläuft. Sie reagie­ren so, weil ihr Sys­tem kei­ne fein abge­stuf­te Reak­ti­ons­ska­la mehr besitzt.

Der Verlust der inneren Klaviatur

Das zen­tra­le kom­mu­ni­ka­ti­ve Merk­mal einer Trau­ma­ti­sie­rung ist der „Ver­lust der Kali­brie­rung“, also der Ver­lust der Ange­mes­sen­heit von Reak­tio­nen. Wo ande­re Men­schen vie­le Zwi­schen­tö­ne haben, blei­ben nur weni­ge Tasten:

  • ent­spannt
  • ange­spannt
  • bedroh­lich

Fei­ne Unter­schie­de gehen ver­lo­ren. Die Stress-Ein­tritts­schwel­le bleibt dau­er­haft ver­scho­ben. Unter Druck gibt es nur noch schwarz und weiß, nur noch gut (= idea­li­siert gut) und böse (= ver­dam­mungs­wür­dig). Eine trau­ma­ti­sier­te Per­son, die meint, gegen etwas zu kämp­fen, kämpft mit allen Mit­teln. Es ist dann qua­si „immer Krieg“. Reak­tio­nen eska­lie­ren zumeist abrupt. Trau­ma­ti­sier­te Men­schen ver­hal­ten sich oft wider­sprüch­lich: heu­te ruhig, mor­gen explo­siv — und zwar ohne kla­ren Zusam­men­hang. Für das Umfeld erscheint das meist unlo­gisch oder grund­los oder zumin­dest über­zo­gen; die Betrof­fe­nen selbst reagie­ren zunächst ein­fach nur — und erklä­ren die Eska­la­ti­on im Nach­hin­ein mit Sach­zwän­gen oder den Hand­lun­gen ande­rer Per­so­nen o.ä. In dem jewei­li­gen Moment der Eska­la­ti­on kön­nen sie aus der Dyna­mik in der Regel nicht oder nur sehr schwer aussteigen.

Trauma wirft den Menschen auf sich selbst zurück

Hier beginnt der Teil, über den sel­ten gespro­chen wird, der aber wesent­lich ist und der des­halb in die­sem Text her­vor­ge­ho­ben wer­den soll: Das Wesen des Trau­mas ist nicht Angst oder Wut, auch nicht Erin­ne­rung. Das Wesen des Trau­mas ist Ich-Zen­trie­rung als Schutz­re­ak­ti­on. Die Ich-Zen­trie­rung ist nicht „nar­ziss­tisch“ im mora­li­schen oder psy­cho­lo­gisch-dia­gnos­ti­schen Sin­ne, son­dern „funk­tio­nal“. Wer in einer poten­ti­ell trau­ma­ti­sie­ren­den Situa­ti­on erlebt hat, dass kei­ne Hil­fe kommt, kei­ne Kon­trol­le besteht oder kei­ne Wahl bleibt, der lernt etwas sehr Grund­le­gen­des: „Ich bin auf mich allein gestellt.“ Das hat Folgen.

Wenn jeder Satz mit „Ich“ beginnt

Trau­ma­ti­sier­te Men­schen spre­chen anders — nicht absicht­lich, nicht bewusst mani­pu­la­tiv. Aber ihre Wahr­neh­mung ist auf Selbst­schutz fokus­siert: „Ich muss­te so reagie­ren. Ich konn­te nicht anders. Ich bin getrig­gert worden.“

Das erscheint von außen manch­mal wie eine Aus­re­de, ist es aber, von innen betrach­tet, kei­nes­wegs. Es han­delt sich um eine Art „inne­rer Logik“, die aus Kon­troll­ver­lust ent­stan­den ist: Die Situa­ti­on wird zum Aus­lö­ser. Das Ereig­nis wird qua­si zum Täter. Die Ver­ant­wor­tung für die eige­ne Reak­ti­on wird exter­na­li­siert – nicht aus Bös­wil­lig­keit, son­dern aus einer inne­ren Not­wen­dig­keit her­aus. „Ich muss­te so han­deln!“ (Denn wenn ich mir ein­ge­ste­hen wür­de, dass die Reak­ti­on aus mir selbst kommt, dann stün­de ich qua­si wie­der vor der­sel­ben Ohn­macht wie damals.)

Trauma und Verantwortung

Nun kom­men wir zu einem heik­len Punkt. Trau­ma­ti­sie­rung kann Ver­hal­ten erklä­ren — aber Trau­ma­ti­sie­rung ent­bin­det nicht von Ver­ant­wor­tung. Das Wis­sen um Trau­ma­ti­sie­rung kann Ver­hal­ten ver­ständ­lich machen, aber ent­schul­digt grenz­ver­let­zen­des oder kri­mi­nel­les Ver­hal­ten kei­nes­wegs, schon gar nicht „auto­ma­tisch“. Aber wer von ande­ren Ver­ant­wor­tung for­dert, ohne qua­si die inne­re Logik (= die Legi­ti­ma­ti­on der eige­nen Hand­lun­gen als zwangs­läu­fi­ge Reak­ti­on = die eige­ne „Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“) zu ver­ste­hen, wird zur Pro­vo­ka­ti­on oder zur Her­aus­for­de­rung für ande­re und erzeugt Gegen­wehr. Trau­ma­ti­sier­te Men­schen erle­ben Ver­ant­wor­tung schnell als erneu­te Über­for­de­rung, als Zumu­tung, ggf. als Gefahr — und zwar in der Regel nicht, weil sie sich „drü­cken“ wol­len, son­dern weil Ver­ant­wor­tung die Wahr­neh­mung eines Hand­lungs­spiel­raums vor­aus­setzt – aber genau die­se Erkennt­nis (oder: die­ses Wis­sen) beschä­digt ist, weil ja im betref­fen­den Moment alles mehr oder weni­ger unbe­wusst abläuft und eben nur weni­ge Tas­ten auf dem Kla­vier der mög­li­chen Reak­tio­nen übrig sind.

Trauma und die Dynamik zwischen Nähe und Eskalation

Vie­le trau­ma­ti­sier­te Men­schen suchen Nähe, manch­mal sogar „sym­bio­ti­sche Nähe“. Sie tun das in der Regel nicht nur aus rei­ner Nähe-Bedürf­tig­keit, son­dern auch aus einem gewis­sen Sicher­heits­be­dürf­nis her­aus. Gleich­zei­tig erscheint vie­len trau­ma­ti­sier­ten Men­schen Nähe als gefähr­lich, denn Nähe bedeu­tet: weni­ger Kon­trol­le, mehr Unvor­her­seh­bar­keit — und damit mehr Trig­ger­po­ten­zi­al. Des­halb eska­lie­ren trau­ma­ti­sier­te Per­so­nen am Ehes­ten oft dort, wo es eigent­lich sicher sein soll­te: in Part­ner­schaf­ten, in Fami­li­en, in Teams — und zwar nicht so sehr, weil die Bezie­hun­gen belas­tet wären, son­dern weil die Bezie­hun­gen rele­vant sind und dadurch im Zwei­fels­fall mit zu viel Nähe ver­bun­den sind.

Trauma, Narzissmus und Kompensation

Trau­ma kann – muss aber nicht – in kom­pen­sa­to­ri­sche Mus­ter mün­den. Wer sich als klein, aus­ge­lie­fert oder ent­wer­tet erlebt hat, kann spä­ter ver­su­chen, sich sei­ner Grö­ße zu ver­si­chern: durch Leis­tung, Sta­tus, Aner­ken­nung, Erfolg, Bewun­de­rung usw. Das ist zunächst kein Cha­rak­ter­feh­ler, son­dern vor allem eine „Schutz­ar­chi­tek­tur“. Aber es wird natür­lich irgend­wann zur Belas­tung für ande­re, weil das Bedürf­nis nach Sta­tus o.ä. eben wegen des Trau­mas kei­ne Gren­zen kennt — und dar­aus ergibt sich dann das, was ande­re dann eben doch als „Cha­rak­ter­feh­ler“ beschrei­ben, weil sie es so erle­ben und sie in ihrem Erle­ben auch Recht haben, obwohl die trau­ma­ti­sier­te Per­son dies nie beab­sich­tigt hat.

Das Pro­blem bleibt: Das ursprüng­li­che ver­letz­te Selbst bleibt hung­rig. Die Schlag­zahl steigt mit der Zeit. Die Abhän­gig­keit von äuße­rer Bestä­ti­gung nimmt zu — und mit ihr die Aggres­si­vi­tät, wenn die­se Bestä­ti­gung aus­bleibt. Trau­ma ersetzt Ver­trau­en durch Kon­trol­le, nicht bewusst oder geplant, aber sys­te­ma­tisch: „Ich las­se dich nur so nah an mich her­an, wie ich es steu­ern kann.“ oder: „Ich behal­te die Eska­la­ti­ons­op­ti­on in der Hin­ter­hand — und dro­he im Zwei­fels­fall damit.“ Oder: „Ich siche­re mein Selbst­bild – not­falls mit Här­te.“ Lie­be ist dann schwie­rig, und zwar nicht, weil sie nicht gewollt ist, son­dern weil sie als unkal­ku­lier­bar wahr­ge­nom­men wird.

Ist Trauma „heilbar“?

Das ist eigent­lich eine Fra­ge für The­ra­peu­ten und ande­re, die sich fach­lich und beruf­lich mehr mit die­ser Fra­ge beschäf­ti­gen als ich. Des­halb möch­te ich hier ledig­lich mei­ne Erfah­run­gen im Hin­blick auf die Fol­gen für die Kom­mu­ni­ka­ti­on dar­stel­len. Trau­ma­ti­sche Mus­ter kön­nen durch Bear­bei­tung, The­ra­pie usw. an Ein­fluss auf die Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­lie­ren. Sie kön­nen bewuss­ter und damit bes­ser regu­lier­bar wer­den. Aber sie ver­schwin­den — spä­tes­tens unter Stress — sel­ten ganz. Das hören vie­le sicher nicht gern, aber es stimmt mei­nes Erach­tens: Trau­ma kann an Domi­nanz ver­lie­ren — aber ver­schwin­den wer­den die kom­mu­ni­ka­ti­ven Mus­ter nicht.

Das ist nicht als gene­ra­li­sie­rend pes­si­mis­ti­sche Aus­sa­ge gemeint. Aber es grenzt an unse­riö­se Heils­ver­spre­chen, wenn man mit all­zu gene­rel­len posi­ti­ven Aus­sa­gen Hoff­nun­gen weckt, die nicht rea­lis­tisch sind — von denen es zum Bei­spiel auf der als beson­ders „kusche­lig“ wahr­ge­nom­me­nen Vari­an­te sozia­ler Netz­wer­ke jedoch Aber­tau­sen­de gibt. Ähn­lich man­chen Best­sel­lern, deren Autoren Trau­ma­ta auf ein­fa­che For­meln redu­zie­ren („inne­res Kind“), sodass am Ende jeder Mensch, der so ein Buch liest, von sich meint, ein Trau­ma zu haben und nun end­lich ein­mal lieb zu sich selbst sein zu müssen.

Ich spit­ze hier sicher stark zu, aber die­se Logik hat uns nicht hei­ler gemacht, die­se Logik hat viel­mehr dazu bei­getra­gen, dass der Anteil derer, die sich aus­schließ­lich um sich selbst dre­hen, unter heu­te jun­gen Men­schen stark gewach­sen ist. Was vor­der­grün­dig wie ein acht­sa­mer Umgang mit sich selbst daher­kommt, ist tief im Inne­ren nichts ande­res als ein Tur­bo für einen „wei­chen“ Nar­ziss­mus. Die Men­schen wer­den vor­der­grün­dig immer acht­sa­mer und nar­ziss­mus-kri­ti­scher, wäh­rend im Hin­ter­grund der Nar­ziss­mus-Index der gesam­ten Grup­pe steigt.

Wer das nicht glaubt, beschäf­ti­ge sich ein­mal mit Sta­tis­ti­ken zum The­ma Ein­sam­keit. Schau­en Sie sich ein­mal den Auf­wuchs des Anteils der Ein­sa­men über die heu­te leben­den Gene­ra­tio­nen hin­weg an. Die­se neue Ein­sam­keit ist der Preis für den „wei­chen, acht­sa­men“ Anstieg des Nar­ziss­mus’. Wenn das zu abwe­gig klingt oder zu stark zuge­spitzt ist, um ver­ständ­lich zu blei­ben: Lesen Sie bit­te die­sen Text.

Handlungsoptionen

Trau­ma­ta machen Men­schen nicht schwach, sie machen Men­schen ange­spannt (zumin­dest in dem hier in Rede ste­hen­den Fall „eska­la­ti­ons­ori­en­tier­ter“ Fol­gen von Trau­ma­ta für die Kom­mu­ni­ka­ti­on). Trau­ma­ta machen nicht per se ego­is­tisch, aber zwin­gen qua­si zur Ich-Fokus­sie­rung. Trau­ma­ta machen Men­schen nicht böse. Aber Trau­ma­ta füh­ren zu ver­zerr­ten Reak­tio­nen — und haben dadurch Fol­gen in Bezug auf Ver­ant­wor­tung und Beziehungen.

Wer mit trau­ma­ti­sier­ten Men­schen lebt oder arbei­tet, soll­te das ver­ste­hen, und zwar nicht, um alles zu ent­schul­di­gen, son­dern um nicht stän­dig zu unnö­ti­gen Eska­la­tio­nen beizutragen.

Handlungsoption 1: Vertrauen aufbauen, Sicherheit schaffen, Feedback geben

Idea­ler­wei­se hat man Zeit, Ver­trau­en auf­zu­bau­en: Wenn man Inter­es­se zeigt, Fra­gen stellt, auf die man die Ant­wort noch nicht weiß, tole­rant ist (= etwas aus­hält, wie­der­holt etwas aus­hält, das eige­ne Inter­es­se über einen gewis­sen Zeit­raum „beweist“), öff­net sich das Gegen­über wahr­schein­lich, und Ver­trau­en oder zumin­dest eine Art „Zutrau­en, nicht in die Pfan­ne gehau­en zu wer­den“ kann entstehen.

Man spricht das, was man anspre­chen möch­te, nicht gleich an, son­dern war­tet, bis Ver­trau­en ent­stan­den ist. Dann aber spricht man es an, und zwar klar und sachlich.

Zum Bei­spiel könn­te man einer Kol­le­gin sagen, dass man sie manch­mal als zu schroff emp­fin­det und dass man sich mehr Zurück­hal­tung gegen­über Kol­le­gen, Pati­en­ten, Kli­en­ten o.ä. wünscht. Wenn die Kol­le­gin ruhig und offen ist, kommt die Kri­tik viel­leicht an. Dann hat man sein Ziel erreicht.

Es kann natür­lich auch sein (und das ist nicht unwahr­schein­lich), dass die Kol­le­gin erst ein­mal „dicht­macht“. Dann kommt es dar­auf an, was man am nächs­ten Tag macht. Viel­leicht spricht man die Kol­le­gin noch ein­mal an, sagt, dass es einem wich­tig war, das zu sagen, dass man nicht beab­sich­tigt hat, sie zu ver­let­zen, dass man viel­leicht noch ein­mal reden möchte.

Handlungsoption 2: Eskalation unterbrechen

Man­che Dis­kus­sio­nen soll­te man im Eska­la­ti­ons­fall nicht zu Ende füh­ren. Man kann abbre­chen, eine Pau­se ein­le­gen und am nächs­ten Tag wei­ter­re­den. Feed­back soll­te man aus­spre­chen, wenn das Gegen­über ruhig ist.

In der Regel wis­sen trau­ma­ti­sier­te Men­schen, was mit ihnen los ist, geben es aber nicht zu (= kön­nen es in dem Moment nicht zuge­ben, son­dern höchs­tens, wenn sie ruhig sind UND Ver­trau­en zu dem Feed­back gebenden/konfrontierenden Gegen­über haben).

Es kann sein, dass die Situa­ti­on trotz vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­trau­ens­auf­baus eska­liert. Die kri­ti­sier­te Per­son ver­tei­digt sich. Wenn man dann bei sei­ner Kri­tik bleibt (was zu emp­feh­len ist, denn als Füh­rungs­kraft hat man ja etwas zu errei­chen) fährt sich die Situa­ti­on womög­lich fest.

Nun darf man nicht in die „Dis­kus­si­ons­fal­le“ tap­pen. Nicht dis­ku­tie­ren, son­dern Fra­gen stel­len. Wenn das nicht hilft, kann man das unmit­tel­ba­re, eska­lie­ren­de Gespräch abbrechen.

Man beginnt dann am nächs­ten Tag oder eini­ge Tage spä­ter ein neu­es Gespräch. Man kann sich ggf. für den Ton ent­schul­di­gen und beto­nen, dass man über die Sache noch ein­mal spre­chen wol­le, und dann beschreibt man zum Bei­spiel, dass man­che Kol­le­gen Angst vor der betref­fen­den Kol­le­gin haben.

Die Kol­le­gin wehrt sich viel­leicht, indem sie aggres­siv fragt: „Wer hat denn hier Angst vor mir? Das sol­len die mir mal schön sel­ber sagen! Vor mir muss man kei­ne Angst haben.“

„Hat man aber“, könn­te man jetzt ant­wor­ten, und dann sagen: „Wis­sen Sie, Sie sind hier eine wich­ti­ge Mit­ar­bei­te­rin, Sie sind immer da, sprin­gen ein, machen alles. Manch­mal den­ke ich, Sie haben hohe Erwar­tun­gen an sich selbst, und dass Sie die­se Erwar­tun­gen auch auf ande­re über­tra­gen. Aber die ande­ren hören von Ihnen kei­ne Erwar­tun­gen, die Kol­le­gen hören Kri­tik und Vor­wür­fe — oder sehen, dass Sie mit der Tür knal­len und weg­ge­hen. Das ist kein Vor­wurf, das ist eine Kri­tik, und Kri­tik ist immer mit einem Wunsch ver­bun­den. Mein Wunsch ist: Hal­ten Sie sich bit­te etwas zurück.“

Das Gegen­über reagiert… und weint.

Handlungsoption 3: Die eigenen Emotionen aussprechen

Man kann auch, wenn man es schafft, selbst ruhig zu blei­ben, ein direk­tes Feed­back aus­spre­chen, bspw. dar­stel­len, wie hilf­los man sich gera­de fühlt. „Wis­sen Sie was? Ich wür­de gern ein­mal mit Ihnen reden. Darf ich Ihnen etwas sagen? Wahr­schein­lich wer­den Sie mei­ne Wor­te nicht mögen. Darf ich ehr­lich sein?“ … „Ich erle­be Sie manch­mal als bedroh­lich. Ges­tern zum Bei­spiel waren Sie recht laut. Und ja, das macht etwas mit mir. Ich den­ke dann, dass ich lie­ber die Klap­pe hal­ten soll­te. Ich wün­sche mir, dass ich direkt anspre­chen kann, wenn mir etwas auffällt.“

Wenn das Gegen­über gelernt hat, Feed­back ernst- und anzu­neh­men, kann man, ähn­lich wie bei Hand­lungs­op­ti­on 1, mit die­ser Tech­nik Erfolg haben. Oft genug bleibt es aber bei einer Kon­fron­ta­ti­on und in der Fol­ge einer Eska­la­ti­on. Dann hilft nur, die Eska­la­ti­on zu unter­bre­chen und auf den Erfolg spä­te­ren Anspre­chens zu hof­fen (Hand­lungs­op­ti­on 2). Man kann natür­lich auch auf­ge­ben — wobei auf­zu­ge­ben in den aller­meis­ten Fäl­len kei­ne Opti­on für Füh­rungs­kräf­te ist, weil dann der Zweck der Orga­ni­sa­ti­on — die Hand­lun­gen in einer Orga­ni­sa­ti­on sol­len ja auf einen Zweck ein­zah­len — erst recht nicht erreicht wird, son­dern „Bypäs­se“ um indi­vi­du­el­le Befind­lich­kei­ten oder Dif­fe­ren­zen her­um gebaut werden.

Man kann auch noch zu Hand­lungs­op­ti­on 4 grei­fen. Die­se Hand­lungs­op­ti­on mag krass erschei­nen, und sie ist auch eine Art „letz­ter Aus­fahrt“ — wenn man die­se Opti­on gewählt hat, kann man in der Fol­ge nicht mehr ein­fach auf „nett“ zurück­schal­ten, aber die­se Opti­on ist öfter wirk­sam, als man den­ken mag. Es gibt jedoch ein „Rest­ri­si­ko“, dass eine sol­che Inter­ven­ti­on nicht gelingt, und dann ist im buch­stäb­li­chen Sin­ne „alles kaputt“. Man muss das also gut abwägen.

Handlungsoption 4: Die „Gegen-Eskalation“

Man kann — ins­be­son­de­re im Fall nar­ziss­ti­scher Hand­lungs­mus­ter beim Gegen­über — bewei­sen, dass man auch pol­te­rig, laut, dro­hend usw. sein kann. Man muss sich nur trau­en, den „ver­ba­len Beton­pfos­ten“ im Zwei­fel auch (zurück) zu wer­fen. Für man­che Men­schen gilt: Die Wahr­neh­mungs­schwel­le ist auf­grund der Trau­ma­ti­sie­rung und der Fes­tig­keit der Kom­pen­sa­ti­ons­mus­ter (Erfolg, Sta­tus usw.) so ver­scho­ben, dass Musik erst wahr­ge­nom­men wird, wenn es sich um Hea­vy Metal han­delt. Für vie­le ande­re ist das schon kei­ne Musik mehr — da begin­nen aber man­che erst mit der Wahrnehmung. 😉

In die­sem Fall geht man in die direk­te Kon­fron­ta­ti­on. Man zeigt kein Inter­es­se, ver­sucht auch nicht, Ver­trau­en auf­zu­bau­en und dann auf Ein­sicht zu hof­fen, man arbei­tet auch nicht mit der eige­nen Betrof­fen­heit und Feed­back als Wunsch usw., son­dern man „greift an“, wird selbst laut, nutzt die sel­ben Instru­men­te wie das Gegenüber.

Man­che trau­ma­ti­sier­ten Men­schen (wie gesagt: ins­be­son­de­re sol­che mit stark nar­ziss­ti­schen Zügen) neh­men nur die­je­ni­gen Per­so­nen ernst, die wäh­rend der (pro­phy­lak­ti­schen) Eska­la­tio­nen ste­hen geblie­ben sind und „zurück­ge­bellt“ oder „zurück­ge­schos­sen“ haben. Wie gesagt: Man­che Wahr­neh­mungs­schwel­le ist so ver­scho­ben, dass „mein Gegen­über ernst neh­men“ erst bei Hea­vy Metal losgeht.

Hat man so etwas vor, ist es hilf­reich, im Vor­feld eine Art „Kon­se­quenz­ana­ly­se“ vor­zu­neh­men. Es han­delt sich in jedem Fall um eine Abwä­gung: Ist es die Sache wirk­lich wert? Wür­de ich guten Gewis­sens „gehen“ kön­nen, wenn es nicht gelingt? Was bremst mich? Ist, es nicht anzu­spre­chen, ggf. ris­kant für die Orga­ni­sa­ti­on? Ziel der Abwä­gung ist es zu prü­fen, ob die Inter­ven­ti­on auf den Zweck der Orga­ni­sa­ti­on ein­zahlt, und ob ich als han­deln­de Per­son im Fal­le des Nicht­ge­lin­gens die mög­li­chen Kon­se­quen­zen tra­gen will und kann.

Wenn so eine Inter­ven­ti­on begründ­bar auf den Zweck der Orga­ni­sa­ti­on ein­zahlt und ich ggf. mit den Kon­se­quen­zen leben kann — in neun von zehn Fäl­len gelingt so eine Inter­ven­ti­on; im zehn­ten Fall aber eben nicht, und die­se „Rest­wahr­schein­lich­keit“ und ihr Preis müs­sen mir klar sein — gibt es kei­nen Grund, sich zurückzuhalten.

Es braucht jeden Tag etwas Mut. Los, los. 😉

Am nächs­ten Tag kann man sich ent­schul­di­gen, soll­te es sogar. Für den Ton kann man sich ent­schul­di­gen, oder dafür, dass man mit Kon­se­quen­zen gedroht hat. Aber in der Sache will man noch ein­mal reden. Das Gegen­über müss­te schon SEHR ver­är­gert sein, wenn es auf eine sol­che Ent­schul­di­gung bei gleich­zei­tig kon­struk­ti­ver Signa­li­sie­rung des Inter­es­ses, wei­ter gemein­sam zu han­deln, nicht kon­struk­tiv reagiert.

Fazit

Die kom­mu­ni­ka­ti­ven Fol­gen von Trau­ma­ta sind in ihrer eska­la­ti­ons­ori­en­tier­ten Vari­an­te, und nur um die ging es hier, ein „Struk­tur­pro­blem im Hand­lungs­ab­lauf“. Es kann zu im Zwei­fels­fall zunächst wenig nach­voll­zieh­ba­ren bis schein­bar grund­lo­sen Eska­la­tio­nen kom­men. Es liegt nicht in der Ver­ant­wor­tung von Füh­rungs­kräf­ten, etwa alles zu ver­ste­hen oder zu tole­rie­ren, es ist aber wohl ihre Ver­ant­wor­tung, für funk­tio­nie­ren­de Orga­ni­sa­tio­nen zu sor­gen — und dabei braucht es auch die Kom­pe­tenz, mit Trau­ma­ti­sie­run­gen umzu­ge­hen, wahl­wei­se ver­ständ­nis­voll und mit Inter­es­se bzw. der Kom­pe­tenz zu erken­nen, wann man ein Gespräch abbre­chen und erst am nächs­ten Tag wei­ter­füh­ren soll­te, oder wann direk­tes Feed­back wirk­sam sein könn­te oder wann eine eben­so fron­ta­le wie deut­li­che Kon­fron­ta­ti­on das letz­te Mit­tel bleibt.

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.