Es handelt sich bei diesem Text um keinen irgendwie „diagnostischen“, sondern vielmehr um einen „kommunikationspsychologischen“ Versuch. Es geht darum, die Folgen von Traumatisierung für die Kommunikation zu beschreiben. Dabei gibt es wahrscheinlich zwei „Richtungen“, und zwar eine der Eskalation und eine der Zurückhaltung bzw. „Hemmung“. Alles, was hier gesagt wird, dient vor allem dem Verständnis und dem Umgang mit der „eskalationsorientierten“ Auswirkung von Traumata, denn das sind die m.E. für Führungskräfte schwieriger zu verstehenden und komplexeren Phänomene. Alles, was ich hier über Verständnis, Stabilisierung und Vertrauensaufbau schreibe, gilt auch für die zurückhaltenderen, leiseren Auswirkungen — der Umgang mit (wahrscheinlich) traumatisierten Personen erfordert in diesem Fall vor allem Rücksicht, Verständnis und eine entsprechend sensible Kommunikation. Im „eskalationsorientierten“ Fall liegt die Herausforderung aber ganz woanders — hier geht es natürlich auch um Verständnis und Vertrauensaufbau, aber eben auch eine „wohltemperierte“ Reaktion bis hin zum direkten Feedback, zur temporären Unterbrechung der Kommunikation und im Zweifelsfall auch bis zur direkten Konfrontation.
Traumatisierung ist keine Eigenschaft des Ereignisses
Traumatisiert worden zu sein bedeutet vor allem eines: die Handlungskontrolle in einer Situation verloren zu haben, in der Handlung eigentlich notwendig gewesen wäre, aber nicht möglich war. Ein Mensch wird nicht traumatisiert, weil etwas per se Schreckliches passiert. Er wird möglicherweise traumatisiert, wenn etwas passiert, wofür seine vorhandenen Reaktionsmöglichkeiten nicht ausreichen. Das auslösende Ereignis kann plötzlich und einmalig stattfinden oder sich über lange Zeit hinziehen: Ein schwerer Unfall. Gewalt. Missbrauch. Krieg. Aber auch lange anhaltendes Grauen. Massive Abwertung. Chronische Hilflosigkeit. Das Ergebnis ist im Falle einer Traumatisierung immer dasselbe: Die „inneren Werkzeuge“ reichen nicht (mehr) aus. An diesem Punkt zerbricht (zunächst) nicht der Mensch, sondern sein bisheriges Modell von Kontrolle.
Ein und dasselbe Ereignis kann bei zwei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Folgen haben. Was für den einen eine extreme Belastung sein kann, bleibt für den anderen möglicherweise integrierbar. Vielleicht, weil der andere stabiler ist, oder weil der andere über passende innere Blaupausen verfügt – und der eine nicht.
Trauma ist deshalb keine objektive Kategorie, sondern eine Dynamik zwischen Ereignis und innerer Struktur. Es geht weniger um „schlimm“ an und für sich. Es geht mehr um „nicht bewältigbar“.
Dieser Zusammenhang ist sehr wichtig, denn manche zeitgenössische Interpretationen des Trauma-Begriffes neigen zu einer Generalisierung des Traumatisierungspotentials. Wenn etwas Schlimmes passiert, heißt das ganz und gar nicht, dass alle Beteiligten traumatisiert werden.
Ein Beispiel:
Es kann passieren, dass jemand stirbt. Das mag traurig sein. Wenn jemand jung stirbt, ist das sehr traurig. Wenn es sich um die Mutter eines Kindes handelt, das noch in den Kindergarten geht, ist das etwas, das sehr selten vorkommt. Aber es kann vorkommen. Das Leben stellt uns vor Prüfungen, und manche Dinge sind sehr tragisch oder auch schrecklich.
Es hilft niemandem, wenn die Erzieherin, in deren Gruppe das Kind der sterbenden Mutter ist, gleichsam „hysterisch psychologisierend“ durch den Kindergarten läuft und ruft: „Davor muss man uns schützen, hier ist der Arbeitgeber in der Pflicht, wie soll ich denn damit umgehen, ich habe da sechzehn Kinder in der Gruppe, die werden ja alle traumatisiert und wir als Team gleich mit, ich kann das nicht, ich appelliere an die Leitung, dass sie hier was macht!“
Man kann überfordert sein. Aber das bedeutet nicht, dass man in diesem Ausmaß psychologisieren muss. Kinder kommen normalerweise ganz gut mit dem Tod klar — wenn sie stabile Erwachsene vor sich haben, die stabil reagieren.
Früher hat man tragische und belastende Ereignisse zu oft verdrängt. Klar kann Psychologie hilfreich sein, das ist ja ihr Zweck: weniger verdrängen, Dinge erzählbar machen, durcharbeiten, integrieren, damit klarkommen. Aber nicht: psychologisieren, übertreiben, wegen jedem Bißchen „zum Seelenklempner rennen“ und ein Drama draus zaubern.
Allzu problematisch nur, dass Teile der Zunft da fleißig mittun, denn es wird ja (a) bezahlt und (b) kann man, und hier handele ich mir regelmäßig Ärger ein, wenn ich so etwas sage, potentiell belastende Ereignisse gesprächsweise so dramatisieren und immer wieder aufleben lassen, dass sie überhaupt erst zur Belastung werden — anstatt an der Stabilisierung zu arbeiten.
Der größte Teil der von potentiell traumatisierenden Ereignissen betroffenen Menschen bekommt nämlich — gar nichts.
Aber wenn wir lange genug drüber reden, finden wir schon was. Manchmal sind weniger Psychologen besser als mehr Psychologen.
Es sei denn, die Kolleginnen und Kollegen können auseinanderhalten, wann sie hilfreich sind oder wann sie zur Dramatisierung beitragen und damit den Therapiebedarf erst „herbeizaubern“.
Bevor ich hier nur die KollegInnen kritisiere, die da mitmachen, muss ich natürlich zuerst die Abertausenden von Küchen- und HobbypsychologInnen aufs Korn nehmen, die bei Insta und anderswo mit Gemeinplätzen und zu Heilsversprechen aufgeblasenen Banalitäten um sich werfen und komplexe Zusammenhänge gefährlich simplifizieren.
Drei Reaktionsgruppen
Auf potenziell traumatische Ereignisse reagieren Menschen nicht einheitlich. Man kann – grob und ohne klinische Feinabstufung – drei Gruppen unterscheiden.
Die stabile Reaktion
Das ist mit Abstand die größte Gruppe. Diese Menschen geraten unter Stress, aber sie bleiben handlungsfähig. Sie verlieren sich nicht. Sie richten ihren Fokus auf das, was sie (noch) kontrollieren können:
- Was ist der nächste Schritt?
- Was ist beeinflussbar – was nicht?
- Welche Wahl habe ich (noch)?
Diese Haltung hat nichts mit übertriebenem Optimismus und auch nichts mit Verdrängung zu tun. Diese Haltung lässt sich vielmehr als „funktionale Nüchternheit“ beschreiben. Viktor Frankl hat diese Haltung beschrieben, und zwar nicht als „moralische Leistung“, sondern als Überlebensstrategie: Nicht fragen, wie schrecklich alles ist – sondern fragen, was jetzt getan werden kann.
Nur als Randbemerkung: Das ist, so fürchte ich, einer der Kardinalfehler unserer Zeit — wir moralisieren, was das Zeug hält, aber wir halten kaum mehr etwas aus.
Die kurzfristig Destabilisierten
Diese Gruppe von Menschen reagiert zunächst emotional. Die Menschen sind geschockt, überfordert, schlafen schlecht, ziehen sich zurück oder sind reizbar. Aber innerhalb weniger Tage – manchmal einer Woche – stellt sich die Selbstregulation wieder ein. Das Nervensystem findet zurück. Das Ereignis wird als belastend erinnert, aber es schwebt nicht dauerhaft über den Handlungen des betreffenden Menschen.
Die langfristig Destabilisierten
Den dritten Fall (die betroffene Gruppe ist sehr klein) muss man sich in etwa so vorstellen: Etwas passiert, das von der Person als so bedrohlich erlebt wird, dass die verfügbaren Handlungsmuster nicht ausreichen. Stattdessen kippt das Gehirn in eine Art „Notfallmodus“. Die Angst flutet die Handlungskontrolle, und dieser „Flutungszustand“ bleibt bestehen, wird gespeichert — nicht als Erinnerung, sondern als automatisches Reaktionsmuster in „solchen“, später „ähnlichen“ Situationen. Die unmittelbare Reaktion bleibt in gewisser Weise als „Potential“ erhalten und „schwebt“ fortan über den Handlungen des betroffenen Menschen. Angst hat allerdings die Eigenschaft, sich auszubreiten, Angst wird langsam und ganz automatisch „generalisiert“. Wenn mehrere Wochen vergangen sind und die Stressreaktionen nicht abklingen, spricht man von einer posttraumatischen Belastungsreaktion. Das „System der Handlungskontrolle“ findet nur oberflächlich zurück — in stressigen Situationen, unter Druck, in „Trigger-Situationen“ verfällt man in genau jene Handlungsmuster, in die man seinerzeit in der Reaktion auf das Ereignis verfallen ist — Rückzug (bspw. Distanz), Angriff (bspw. gleichsam „prophylaktische“ Eskalation in für andere scheinbar banalen Situationen), sich-tot-Stellen (also bspw. demonstrativ das Opfer spielen).
Das neuropsychologische Kernproblem
Im traumatisierenden Moment wird das Gehirn mit Angst geflutet. Der präfrontale Cortex – zuständig für Abwägung, Einordnung, Impulskontrolle – wird gehemmt. Das neuronale System schaltet auf Notbetrieb (= in einen beinahe reptilienhaften Modus). Zur Verfügung stehen dann nur noch archaische Muster:
- Flucht/Rückzug
- Angriff
- Erstarrung
Wenn dieser Zustand nicht rasch wieder verlassen wird, hinterlässt er Spuren — und zwar nicht als bewusste Erinnerung, sondern als „Reaktionsdisposition“. Das Gehirn lernt nicht: „Das geht vorbei.“ Sondern das Gehirn lernt: „So fühlt sich existentielle Bedrohung an, und wenn sie eintritt, reagiere ich genau so.“
Trigger sind keine Erinnerungen – sie sind konditionierte Abkürzungen
Ein „Trigger“ (= Auslösereiz) muss nicht bewusst erkannt werden. Es ist vielleicht ein Geruch, ein Tonfall, eine Situation. Durch die Generalisierungstendenz der Angst können sich die ohnehin kaum merklichen Auslöser auch auf andere Reize „ausbreiten“ oder übertragen. Es mag sich vielleicht nur um einen höchst subjektiven „Kontrollverlust im Kleinen“ handeln. Aber das Gehirn stellt keine Fragen. Es gleicht direkt ab. Und wenn der Abgleich passt, wird die alte Reaktion aktiviert – unabhängig davon, ob die Situation objektiv gefährlich ist. Das erklärt, warum traumatisierte Menschen in vergleichsweise harmlosen Situationen extrem reagieren können. Sie übertreiben — aus Sicht anderer, aber nicht aus ihrer eigenen Perspektive — zumal das, was wir hier beschreiben, ebenso schnell wie unbewusst abläuft. Sie reagieren so, weil ihr System keine fein abgestufte Reaktionsskala mehr besitzt.
Der Verlust der inneren Klaviatur
Das zentrale kommunikative Merkmal einer Traumatisierung ist der „Verlust der Kalibrierung“, also der Verlust der Angemessenheit von Reaktionen. Wo andere Menschen viele Zwischentöne haben, bleiben nur wenige Tasten:
- entspannt
- angespannt
- bedrohlich
Feine Unterschiede gehen verloren. Die Stress-Eintrittsschwelle bleibt dauerhaft verschoben. Unter Druck gibt es nur noch schwarz und weiß, nur noch gut (= idealisiert gut) und böse (= verdammungswürdig). Eine traumatisierte Person, die meint, gegen etwas zu kämpfen, kämpft mit allen Mitteln. Es ist dann quasi „immer Krieg“. Reaktionen eskalieren zumeist abrupt. Traumatisierte Menschen verhalten sich oft widersprüchlich: heute ruhig, morgen explosiv — und zwar ohne klaren Zusammenhang. Für das Umfeld erscheint das meist unlogisch oder grundlos oder zumindest überzogen; die Betroffenen selbst reagieren zunächst einfach nur — und erklären die Eskalation im Nachhinein mit Sachzwängen oder den Handlungen anderer Personen o.ä. In dem jeweiligen Moment der Eskalation können sie aus der Dynamik in der Regel nicht oder nur sehr schwer aussteigen.
Trauma wirft den Menschen auf sich selbst zurück
Hier beginnt der Teil, über den selten gesprochen wird, der aber wesentlich ist und der deshalb in diesem Text hervorgehoben werden soll: Das Wesen des Traumas ist nicht Angst oder Wut, auch nicht Erinnerung. Das Wesen des Traumas ist Ich-Zentrierung als Schutzreaktion. Die Ich-Zentrierung ist nicht „narzisstisch“ im moralischen oder psychologisch-diagnostischen Sinne, sondern „funktional“. Wer in einer potentiell traumatisierenden Situation erlebt hat, dass keine Hilfe kommt, keine Kontrolle besteht oder keine Wahl bleibt, der lernt etwas sehr Grundlegendes: „Ich bin auf mich allein gestellt.“ Das hat Folgen.
Wenn jeder Satz mit „Ich“ beginnt
Traumatisierte Menschen sprechen anders — nicht absichtlich, nicht bewusst manipulativ. Aber ihre Wahrnehmung ist auf Selbstschutz fokussiert: „Ich musste so reagieren. Ich konnte nicht anders. Ich bin getriggert worden.“
Das erscheint von außen manchmal wie eine Ausrede, ist es aber, von innen betrachtet, keineswegs. Es handelt sich um eine Art „innerer Logik“, die aus Kontrollverlust entstanden ist: Die Situation wird zum Auslöser. Das Ereignis wird quasi zum Täter. Die Verantwortung für die eigene Reaktion wird externalisiert – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus. „Ich musste so handeln!“ (Denn wenn ich mir eingestehen würde, dass die Reaktion aus mir selbst kommt, dann stünde ich quasi wieder vor derselben Ohnmacht wie damals.)
Trauma und Verantwortung
Nun kommen wir zu einem heiklen Punkt. Traumatisierung kann Verhalten erklären — aber Traumatisierung entbindet nicht von Verantwortung. Das Wissen um Traumatisierung kann Verhalten verständlich machen, aber entschuldigt grenzverletzendes oder kriminelles Verhalten keineswegs, schon gar nicht „automatisch“. Aber wer von anderen Verantwortung fordert, ohne quasi die innere Logik (= die Legitimation der eigenen Handlungen als zwangsläufige Reaktion = die eigene „Verantwortungslosigkeit“) zu verstehen, wird zur Provokation oder zur Herausforderung für andere und erzeugt Gegenwehr. Traumatisierte Menschen erleben Verantwortung schnell als erneute Überforderung, als Zumutung, ggf. als Gefahr — und zwar in der Regel nicht, weil sie sich „drücken“ wollen, sondern weil Verantwortung die Wahrnehmung eines Handlungsspielraums voraussetzt – aber genau diese Erkenntnis (oder: dieses Wissen) beschädigt ist, weil ja im betreffenden Moment alles mehr oder weniger unbewusst abläuft und eben nur wenige Tasten auf dem Klavier der möglichen Reaktionen übrig sind.
Trauma und die Dynamik zwischen Nähe und Eskalation
Viele traumatisierte Menschen suchen Nähe, manchmal sogar „symbiotische Nähe“. Sie tun das in der Regel nicht nur aus reiner Nähe-Bedürftigkeit, sondern auch aus einem gewissen Sicherheitsbedürfnis heraus. Gleichzeitig erscheint vielen traumatisierten Menschen Nähe als gefährlich, denn Nähe bedeutet: weniger Kontrolle, mehr Unvorhersehbarkeit — und damit mehr Triggerpotenzial. Deshalb eskalieren traumatisierte Personen am Ehesten oft dort, wo es eigentlich sicher sein sollte: in Partnerschaften, in Familien, in Teams — und zwar nicht so sehr, weil die Beziehungen belastet wären, sondern weil die Beziehungen relevant sind und dadurch im Zweifelsfall mit zu viel Nähe verbunden sind.
Trauma, Narzissmus und Kompensation
Trauma kann – muss aber nicht – in kompensatorische Muster münden. Wer sich als klein, ausgeliefert oder entwertet erlebt hat, kann später versuchen, sich seiner Größe zu versichern: durch Leistung, Status, Anerkennung, Erfolg, Bewunderung usw. Das ist zunächst kein Charakterfehler, sondern vor allem eine „Schutzarchitektur“. Aber es wird natürlich irgendwann zur Belastung für andere, weil das Bedürfnis nach Status o.ä. eben wegen des Traumas keine Grenzen kennt — und daraus ergibt sich dann das, was andere dann eben doch als „Charakterfehler“ beschreiben, weil sie es so erleben und sie in ihrem Erleben auch Recht haben, obwohl die traumatisierte Person dies nie beabsichtigt hat.
Das Problem bleibt: Das ursprüngliche verletzte Selbst bleibt hungrig. Die Schlagzahl steigt mit der Zeit. Die Abhängigkeit von äußerer Bestätigung nimmt zu — und mit ihr die Aggressivität, wenn diese Bestätigung ausbleibt. Trauma ersetzt Vertrauen durch Kontrolle, nicht bewusst oder geplant, aber systematisch: „Ich lasse dich nur so nah an mich heran, wie ich es steuern kann.“ oder: „Ich behalte die Eskalationsoption in der Hinterhand — und drohe im Zweifelsfall damit.“ Oder: „Ich sichere mein Selbstbild – notfalls mit Härte.“ Liebe ist dann schwierig, und zwar nicht, weil sie nicht gewollt ist, sondern weil sie als unkalkulierbar wahrgenommen wird.
Ist Trauma „heilbar“?
Das ist eigentlich eine Frage für Therapeuten und andere, die sich fachlich und beruflich mehr mit dieser Frage beschäftigen als ich. Deshalb möchte ich hier lediglich meine Erfahrungen im Hinblick auf die Folgen für die Kommunikation darstellen. Traumatische Muster können durch Bearbeitung, Therapie usw. an Einfluss auf die Kommunikation verlieren. Sie können bewusster und damit besser regulierbar werden. Aber sie verschwinden — spätestens unter Stress — selten ganz. Das hören viele sicher nicht gern, aber es stimmt meines Erachtens: Trauma kann an Dominanz verlieren — aber verschwinden werden die kommunikativen Muster nicht.
Das ist nicht als generalisierend pessimistische Aussage gemeint. Aber es grenzt an unseriöse Heilsversprechen, wenn man mit allzu generellen positiven Aussagen Hoffnungen weckt, die nicht realistisch sind — von denen es zum Beispiel auf der als besonders „kuschelig“ wahrgenommenen Variante sozialer Netzwerke jedoch Abertausende gibt. Ähnlich manchen Bestsellern, deren Autoren Traumata auf einfache Formeln reduzieren („inneres Kind“), sodass am Ende jeder Mensch, der so ein Buch liest, von sich meint, ein Trauma zu haben und nun endlich einmal lieb zu sich selbst sein zu müssen.
Ich spitze hier sicher stark zu, aber diese Logik hat uns nicht heiler gemacht, diese Logik hat vielmehr dazu beigetragen, dass der Anteil derer, die sich ausschließlich um sich selbst drehen, unter heute jungen Menschen stark gewachsen ist. Was vordergründig wie ein achtsamer Umgang mit sich selbst daherkommt, ist tief im Inneren nichts anderes als ein Turbo für einen „weichen“ Narzissmus. Die Menschen werden vordergründig immer achtsamer und narzissmus-kritischer, während im Hintergrund der Narzissmus-Index der gesamten Gruppe steigt.
Wer das nicht glaubt, beschäftige sich einmal mit Statistiken zum Thema Einsamkeit. Schauen Sie sich einmal den Aufwuchs des Anteils der Einsamen über die heute lebenden Generationen hinweg an. Diese neue Einsamkeit ist der Preis für den „weichen, achtsamen“ Anstieg des Narzissmus’. Wenn das zu abwegig klingt oder zu stark zugespitzt ist, um verständlich zu bleiben: Lesen Sie bitte diesen Text.
Handlungsoptionen
Traumata machen Menschen nicht schwach, sie machen Menschen angespannt (zumindest in dem hier in Rede stehenden Fall „eskalationsorientierter“ Folgen von Traumata für die Kommunikation). Traumata machen nicht per se egoistisch, aber zwingen quasi zur Ich-Fokussierung. Traumata machen Menschen nicht böse. Aber Traumata führen zu verzerrten Reaktionen — und haben dadurch Folgen in Bezug auf Verantwortung und Beziehungen.
Wer mit traumatisierten Menschen lebt oder arbeitet, sollte das verstehen, und zwar nicht, um alles zu entschuldigen, sondern um nicht ständig zu unnötigen Eskalationen beizutragen.
Handlungsoption 1: Vertrauen aufbauen, Sicherheit schaffen, Feedback geben
Idealerweise hat man Zeit, Vertrauen aufzubauen: Wenn man Interesse zeigt, Fragen stellt, auf die man die Antwort noch nicht weiß, tolerant ist (= etwas aushält, wiederholt etwas aushält, das eigene Interesse über einen gewissen Zeitraum „beweist“), öffnet sich das Gegenüber wahrscheinlich, und Vertrauen oder zumindest eine Art „Zutrauen, nicht in die Pfanne gehauen zu werden“ kann entstehen.
Man spricht das, was man ansprechen möchte, nicht gleich an, sondern wartet, bis Vertrauen entstanden ist. Dann aber spricht man es an, und zwar klar und sachlich.
Zum Beispiel könnte man einer Kollegin sagen, dass man sie manchmal als zu schroff empfindet und dass man sich mehr Zurückhaltung gegenüber Kollegen, Patienten, Klienten o.ä. wünscht. Wenn die Kollegin ruhig und offen ist, kommt die Kritik vielleicht an. Dann hat man sein Ziel erreicht.
Es kann natürlich auch sein (und das ist nicht unwahrscheinlich), dass die Kollegin erst einmal „dichtmacht“. Dann kommt es darauf an, was man am nächsten Tag macht. Vielleicht spricht man die Kollegin noch einmal an, sagt, dass es einem wichtig war, das zu sagen, dass man nicht beabsichtigt hat, sie zu verletzen, dass man vielleicht noch einmal reden möchte.
Handlungsoption 2: Eskalation unterbrechen
Manche Diskussionen sollte man im Eskalationsfall nicht zu Ende führen. Man kann abbrechen, eine Pause einlegen und am nächsten Tag weiterreden. Feedback sollte man aussprechen, wenn das Gegenüber ruhig ist.
In der Regel wissen traumatisierte Menschen, was mit ihnen los ist, geben es aber nicht zu (= können es in dem Moment nicht zugeben, sondern höchstens, wenn sie ruhig sind UND Vertrauen zu dem Feedback gebenden/konfrontierenden Gegenüber haben).
Es kann sein, dass die Situation trotz vorangegangenen Vertrauensaufbaus eskaliert. Die kritisierte Person verteidigt sich. Wenn man dann bei seiner Kritik bleibt (was zu empfehlen ist, denn als Führungskraft hat man ja etwas zu erreichen) fährt sich die Situation womöglich fest.
Nun darf man nicht in die „Diskussionsfalle“ tappen. Nicht diskutieren, sondern Fragen stellen. Wenn das nicht hilft, kann man das unmittelbare, eskalierende Gespräch abbrechen.
Man beginnt dann am nächsten Tag oder einige Tage später ein neues Gespräch. Man kann sich ggf. für den Ton entschuldigen und betonen, dass man über die Sache noch einmal sprechen wolle, und dann beschreibt man zum Beispiel, dass manche Kollegen Angst vor der betreffenden Kollegin haben.
Die Kollegin wehrt sich vielleicht, indem sie aggressiv fragt: „Wer hat denn hier Angst vor mir? Das sollen die mir mal schön selber sagen! Vor mir muss man keine Angst haben.“
„Hat man aber“, könnte man jetzt antworten, und dann sagen: „Wissen Sie, Sie sind hier eine wichtige Mitarbeiterin, Sie sind immer da, springen ein, machen alles. Manchmal denke ich, Sie haben hohe Erwartungen an sich selbst, und dass Sie diese Erwartungen auch auf andere übertragen. Aber die anderen hören von Ihnen keine Erwartungen, die Kollegen hören Kritik und Vorwürfe — oder sehen, dass Sie mit der Tür knallen und weggehen. Das ist kein Vorwurf, das ist eine Kritik, und Kritik ist immer mit einem Wunsch verbunden. Mein Wunsch ist: Halten Sie sich bitte etwas zurück.“
Das Gegenüber reagiert… und weint.
Handlungsoption 3: Die eigenen Emotionen aussprechen
Man kann auch, wenn man es schafft, selbst ruhig zu bleiben, ein direktes Feedback aussprechen, bspw. darstellen, wie hilflos man sich gerade fühlt. „Wissen Sie was? Ich würde gern einmal mit Ihnen reden. Darf ich Ihnen etwas sagen? Wahrscheinlich werden Sie meine Worte nicht mögen. Darf ich ehrlich sein?“ … „Ich erlebe Sie manchmal als bedrohlich. Gestern zum Beispiel waren Sie recht laut. Und ja, das macht etwas mit mir. Ich denke dann, dass ich lieber die Klappe halten sollte. Ich wünsche mir, dass ich direkt ansprechen kann, wenn mir etwas auffällt.“
Wenn das Gegenüber gelernt hat, Feedback ernst- und anzunehmen, kann man, ähnlich wie bei Handlungsoption 1, mit dieser Technik Erfolg haben. Oft genug bleibt es aber bei einer Konfrontation und in der Folge einer Eskalation. Dann hilft nur, die Eskalation zu unterbrechen und auf den Erfolg späteren Ansprechens zu hoffen (Handlungsoption 2). Man kann natürlich auch aufgeben — wobei aufzugeben in den allermeisten Fällen keine Option für Führungskräfte ist, weil dann der Zweck der Organisation — die Handlungen in einer Organisation sollen ja auf einen Zweck einzahlen — erst recht nicht erreicht wird, sondern „Bypässe“ um individuelle Befindlichkeiten oder Differenzen herum gebaut werden.
Man kann auch noch zu Handlungsoption 4 greifen. Diese Handlungsoption mag krass erscheinen, und sie ist auch eine Art „letzter Ausfahrt“ — wenn man diese Option gewählt hat, kann man in der Folge nicht mehr einfach auf „nett“ zurückschalten, aber diese Option ist öfter wirksam, als man denken mag. Es gibt jedoch ein „Restrisiko“, dass eine solche Intervention nicht gelingt, und dann ist im buchstäblichen Sinne „alles kaputt“. Man muss das also gut abwägen.
Handlungsoption 4: Die „Gegen-Eskalation“
Man kann — insbesondere im Fall narzisstischer Handlungsmuster beim Gegenüber — beweisen, dass man auch polterig, laut, drohend usw. sein kann. Man muss sich nur trauen, den „verbalen Betonpfosten“ im Zweifel auch (zurück) zu werfen. Für manche Menschen gilt: Die Wahrnehmungsschwelle ist aufgrund der Traumatisierung und der Festigkeit der Kompensationsmuster (Erfolg, Status usw.) so verschoben, dass Musik erst wahrgenommen wird, wenn es sich um Heavy Metal handelt. Für viele andere ist das schon keine Musik mehr — da beginnen aber manche erst mit der Wahrnehmung. 😉
In diesem Fall geht man in die direkte Konfrontation. Man zeigt kein Interesse, versucht auch nicht, Vertrauen aufzubauen und dann auf Einsicht zu hoffen, man arbeitet auch nicht mit der eigenen Betroffenheit und Feedback als Wunsch usw., sondern man „greift an“, wird selbst laut, nutzt die selben Instrumente wie das Gegenüber.
Manche traumatisierten Menschen (wie gesagt: insbesondere solche mit stark narzisstischen Zügen) nehmen nur diejenigen Personen ernst, die während der (prophylaktischen) Eskalationen stehen geblieben sind und „zurückgebellt“ oder „zurückgeschossen“ haben. Wie gesagt: Manche Wahrnehmungsschwelle ist so verschoben, dass „mein Gegenüber ernst nehmen“ erst bei Heavy Metal losgeht.
Hat man so etwas vor, ist es hilfreich, im Vorfeld eine Art „Konsequenzanalyse“ vorzunehmen. Es handelt sich in jedem Fall um eine Abwägung: Ist es die Sache wirklich wert? Würde ich guten Gewissens „gehen“ können, wenn es nicht gelingt? Was bremst mich? Ist, es nicht anzusprechen, ggf. riskant für die Organisation? Ziel der Abwägung ist es zu prüfen, ob die Intervention auf den Zweck der Organisation einzahlt, und ob ich als handelnde Person im Falle des Nichtgelingens die möglichen Konsequenzen tragen will und kann.
Wenn so eine Intervention begründbar auf den Zweck der Organisation einzahlt und ich ggf. mit den Konsequenzen leben kann — in neun von zehn Fällen gelingt so eine Intervention; im zehnten Fall aber eben nicht, und diese „Restwahrscheinlichkeit“ und ihr Preis müssen mir klar sein — gibt es keinen Grund, sich zurückzuhalten.
Es braucht jeden Tag etwas Mut. Los, los. 😉
Am nächsten Tag kann man sich entschuldigen, sollte es sogar. Für den Ton kann man sich entschuldigen, oder dafür, dass man mit Konsequenzen gedroht hat. Aber in der Sache will man noch einmal reden. Das Gegenüber müsste schon SEHR verärgert sein, wenn es auf eine solche Entschuldigung bei gleichzeitig konstruktiver Signalisierung des Interesses, weiter gemeinsam zu handeln, nicht konstruktiv reagiert.
Fazit
Die kommunikativen Folgen von Traumata sind in ihrer eskalationsorientierten Variante, und nur um die ging es hier, ein „Strukturproblem im Handlungsablauf“. Es kann zu im Zweifelsfall zunächst wenig nachvollziehbaren bis scheinbar grundlosen Eskalationen kommen. Es liegt nicht in der Verantwortung von Führungskräften, etwa alles zu verstehen oder zu tolerieren, es ist aber wohl ihre Verantwortung, für funktionierende Organisationen zu sorgen — und dabei braucht es auch die Kompetenz, mit Traumatisierungen umzugehen, wahlweise verständnisvoll und mit Interesse bzw. der Kompetenz zu erkennen, wann man ein Gespräch abbrechen und erst am nächsten Tag weiterführen sollte, oder wann direktes Feedback wirksam sein könnte oder wann eine ebenso frontale wie deutliche Konfrontation das letzte Mittel bleibt.
