Die Quintessenz des Helferberufs: Über Enttäuschungen und Grenzen — eine Reihe von hoffentlich hilfreichen Fragen für Selbstreflexion, Fallanalyse und Supervision in der Familienhilfe

Teil 1: Enttäuschungen

Manch­mal fra­ge ich mich, ob ich nicht mehr von den Men­schen ler­ne, mit denen ich arbei­te, als die­se aus der Zusam­men­ar­beit mit mir. Kürz­lich gab es eine Super­vi­si­ons­sit­zung, nach der die­se Fra­ge wie­der ein­mal sehr deut­lich vor mir stand. Es war die aller­ers­te Super­vi­si­on mit einem Fami­li­en­hel­fer­team, und ein Team­mit­glied for­mu­lier­te die Fra­ge, wie man als Hel­fe­rin oder Hel­fer mit Ent­täu­schun­gen umge­hen könne.

Eine ers­te Ant­wort auf die Fra­ge nach dem ganz prak­ti­schen Umgang mit Ent­täu­schun­gen ver­birgt sich in einem Wort­spiel: Eine Ent­täu­schung ist immer auch eine Ent-Täuschung.

Wo eine Ent­täu­schung pas­siert, muss es vor­her eine Täu­schung gege­ben haben

Eine Täu­schung wie­der­um kann von ande­ren oder durch die ent-täusch­te Per­son selbst ver­ur­sacht wor­den sein. Im Hel­fer­be­ruf kön­nen sich min­des­tens fol­gen­de Täu­schun­gen ergeben:

Ers­tens kön­nen mich mei­ne Kli­en­ten täu­schen, indem sie bspw. einen Hil­fe­be­darf benen­nen, die­sen aber unbe­wusst nicht ernst mei­nen. Unbe­wusst wäre eine Täu­schung dann, wenn Kli­en­ten etwa unter einer Pro­blem­la­ge lei­den, auf eine para­do­xe Wei­se aber den­noch einen Gewinn aus der Lage zie­hen („Sym­ptom­ge­winn“).

So wird man sich, wenn man hel­fend tätig ist, immer wie­der fra­gen, war­um Men­schen in bestimm­ten Lagen ver­har­ren, ohne die­se zu ver­än­dern, obwohl damit Leid ver­bun­den ist: „Ich will mich tren­nen. Ich lei­de unter mei­ner Ehe. Hel­fen Sie mir bit­te“, mag eine nicht unty­pi­sche For­mu­lie­rung lau­ten. Doch so viel man auch dar­über spre­chen und dar­an arbei­ten mag — in man­chen Fäl­len ändert sich nichts.

Hier ist die Fra­ge zu stel­len, wel­che Moti­ve oder Umstän­de dafür spre­chen, sich trotz des arti­ku­lier­ten Lei­dens und trotz des zum Aus­druck gebrach­ten Wun­sches NICHT zu tren­nen. Oft reagie­ren Kli­en­ten auf die­se Fra­ge ver­wirrt oder gar ange­grif­fen: Man wol­le sich ja tren­nen, aber jetzt noch nicht oder unter die­sen Umstän­den nicht oder erst, wenn… Und so weiter.

Wenn es mög­lich ist, die dahin­ter lie­gen­den Per­sön­lich­keits­merk­ma­le, Erfah­run­gen, Mus­ter, Moti­ve usw. zu erkun­den, nähert man sich der Ursa­che für die Täu­schung. Jeder — in die­sem Fall unbe­wuss­ten bzw. unbe­ab­sich­tig­ten — Täu­schung geht auch immer eine Selbst-Täu­schung vor­aus. Es gilt hier her­aus­zu­fin­den, an wel­cher Stel­le und war­um sich Kli­en­ten selbst belü­gen.

Zwei­tens kön­nen mich mei­ne Kli­en­ten ganz bewusst täu­schen, indem sie den Hil­fe­be­darf zwar benen­nen, aber nicht wirk­lich etwas ändern wol­len oder — viel wahr­schein­li­cher — indem sie damit einen bestimm­ten Nut­zen ver­bin­den. Es ist in vie­len Fäl­len durch­aus nütz­lich, sich zu fra­gen, wozu Kli­en­ten in ein Hilfs­an­ge­bot ein­wil­li­gen — bei­spiels­wei­se weil sie von Gerich­ten oder Behör­den dazu ange­hal­ten wur­den (was oft als Zwang oder Gän­ge­lei emp­fun­den und damit ten­den­zi­ell abge­lehnt wird).

Liegt ein sol­cher (emp­fun­de­ner) „Zwangs­kon­text“ — oder eine in der Rea­li­tät oft vor­kom­men­de „Grau­zo­ne“ zwi­schen for­ma­ler Anord­nung und Ein­sicht — vor, sind die Ver­ein­ba­run­gen, auf denen die Hil­fe beruht, nicht sel­ten „fra­gil“ („Ja, Sie sol­len uns hel­fen, aber…“) oder „grau“, also „vie­les gleich­zei­tig“ — ent­spre­chend schwan­ken­de Ver­läu­fe der Hil­fe eingeschlossen.

Drit­tens kann ich mich selbst täu­schen, indem ich einen Nut­zen aus der Hil­fe zie­he, der mir nicht oder nicht ganz bewusst ist — etwa indem ich als Hel­fer „gebraucht wer­de“. Jen­seits der gesell­schaft­li­chen Legi­ti­ma­ti­on des Hel­fer­be­rufs gibt es oft auch eine ganz per­sön­li­che „Hel­fer­ge­schich­te“, die in vie­len Fäl­len etwas mit Aner­ken­nung oder Dank­bar­keit zu tun hat. Ein unre­flek­tier­tes Bedürf­nis nach Aner­ken­nung führt dann ggf. dazu, das Pro­blem nicht auf der Kli­en­ten­sei­te zu belas­sen, son­dern sich selbst an den Erfolg oder die Wir­kung der Hil­fe zu bin­den. Bleibt die beab­sich­tig­te Wir­kung der Hil­fe aus, begin­ne ich unter Umstän­den, mich zu ärgern. Die­ser Ärger ist in der Regel ein ziem­lich siche­res Zei­chen dafür, dass ich selbst Zie­le hat­te und bestimm­te Wir­kun­gen erzie­len woll­te — mich also qua­si zu sehr mit den Zie­len der Hil­fe iden­ti­fi­ziert habe und selbst zu viel „woll­te“. (Um die Ursa­chen für die­ses „zu viel Wol­len“ und die sich dar­aus mög­li­cher­wei­se erge­ben­den Pro­ble­me geht es ganz am Ende die­ses Tex­tes noch ein­mal ausführlicher.)

Um her­aus­zu­fin­den, ob eine auf einer Täu­schung beru­hen­de Ent-Täu­schung vor­liegt, kann ich mir ganz prak­tisch die fol­gen­den Fra­gen stellen:

Was hat die Ent­täu­schung ggf. mit mir zu tun?

  • Habe ich mir ggf. einen „eige­nen Auf­trag“ gegeben?
  • Bin ich vor dem Hin­ter­grund mei­ner eige­nen Erwar­tun­gen enttäuscht?
  • Was war der eigent­li­che Auf­trag? Vom Jugend­amt… von Kli­en­ten­sei­te… von mir an mich selbst?
  • Bin ich an irgend­ei­ner Stel­le ggf. mir selbst bzw. mei­nen Ide­al­vor­stel­lun­gen von Hil­fe oder mei­nen eige­nen (teil­wei­se wenig bewuss­ten) Bedürf­nis­sen nach Aner­ken­nung auf den Leim gegangen?

Was hat die Ent­täu­schung ggf. mit der Auf­trag­ge­ber-Sei­te zu tun?

  • Haben Kli­en­ten ihre Zie­le benannt, und was haben sie dafür getan, die­se zu erreichen?
  • Ins­be­son­de­re wenn zur Ent­täu­schung noch Ärger hin­zu­kommt: Was genau waren die Zie­le und was haben Kli­en­ten getan und nicht getan?
  • Wie habe ich reagiert, als ggf. ver­ein­bar­te Handlungen/Schritte aus­ge­blie­ben sind?
  • Habe ich die Ver­ant­wor­tung bei den Kli­en­ten gelas­sen und bin in mei­ner Rol­le geblie­ben? Wie vie­le „Run­den über Los“ haben wir schon gedreht? Wie weit reicht mei­ne Geduld noch? Kann ich noch hilf­reich sein?

Der zuletzt dar­ge­stell­te Fra­ge­block gehört eigent­lich schon wie­der zur ers­ten Grup­pe von Fra­gen (Was hat die Ent­täu­schung ggf. mit mir zu tun?). Es ist ein wenig wie mit einem Kreis­lauf: Die „eigent­li­che Fra­ge“ kommt durch die Hin­ter­tür wie­der her­ein. Oder: Am Ende lan­det man immer wie­der bei sich selbst.

Zuge­spitzt for­mu­liert könn­te man behaup­ten, dass man eigent­lich gar nicht hel­fen kann. In einem Hör­buch von Axel Gru­be über das Leben von Han­nah Arendt hört man eine Ver­wand­te Arendts sinn­ge­mäß sagen: „Selbst wenn Du jeman­den liebst, kannst Du ihm doch nicht hel­fen.“ Was könn­te damit gemeint sein?

Mir per­sön­lich hilft hier eine begriff­li­che Unter­schei­dung: Man kann nicht direkt hel­fen, etwa im Sin­ne eines „Aus­bü­gelns“ oder „unge­sche­hen Machens“. Aber man kann hilf­reich sein.

Wenn ein Hel­fer sei­nen Kli­en­ten einen Weih­nachts­baum bezahlt, weil die sich kei­nen leis­ten kön­nen, dann „hilft“ das den Kli­en­ten nicht — es kon­ser­viert aller­höchs­tens deren Pro­ble­me ein biss­chen. Oder anders for­mu­liert: Frei­lich „hilft“ das in der kon­kre­ten Situa­ti­on, bei einem kon­kre­ten Weih­nachts­fest. Aber es bewirkt nichts.

Wenn ein Unglück gesche­hen ist, wird die Unmög­lich­keit direk­ter Hil­fe viel­leicht am deut­lichs­ten. Man kann mit­füh­len (was nicht gleich­be­deu­tend mit mit­lei­den ist), man kann da sein, man kann unter­stüt­zen, man kann behilf­lich sein, die nächs­ten Schrit­te zu gehen. Aber man kann nichts tun im Sin­ne eines unge­sche­hen Machens oder Erleich­terns der Trau­er usw. Das alles kann man nicht.

Also muss Hil­fe immer etwas bewir­ken? Muss Hil­fe immer Hil­fe zur Selbst­hil­fe sein? In dem hier beschrie­be­nen bera­te­ri­schen oder beglei­ten­den Sin­ne irgend­wie schon.

Anders ist es jedoch, wenn ich um direk­te Hil­fe gebe­ten wer­de. Dann geht es etwa um ein kom­pli­zier­tes For­mu­lar, das aus­ge­füllt wer­den muss. Man bit­tet mich um direk­te Hil­fe, weil man meint, dass ich kann, was man erfragt.

Es gibt offen­sicht­lich Fäl­le, in denen direk­te Hil­fe (zumin­dest kurz­fris­tig) sinn­voll zu sein scheint (das For­mu­lar). Aber es gibt auch Fäl­le, in denen direk­te Hil­fe (zumin­dest lang­fris­tig) ganz und gar nicht sinn­voll erscheint (der Weih­nachts­baum). Und es gibt Grau­zo­nen — wenn ich bezüg­lich des For­mu­lars näm­lich immer wie­der gefragt wer­de, wer­de ich mich irgend­wann ärgern. Und es gibt Fäl­le, in denen man nichts direkt „machen“ kann, bei Unglü­cken bei­spiels­wei­se; hier hilft das rei­ne Da-Sein, das Mit-Tei­len von Emo­tio­nen, das prak­ti­sche Gehen der nächs­ten Schrit­te (das „macht“ man dann schon, aber man kann nichts unge­sche­hen machen oder irgend­wie direkt hel­fen), das Hin­ein­brin­gen von Struk­tur in eine zusam­men­ge­bro­che­ne Welt.

Ich muss mich bei Hil­fe also immer fra­gen, wer was wozu beauf­tragt hat — und was ich davon ver­stan­den habe.

Neben der sach­li­chen gibt es dabei auch eine emo­tio­na­le Ebe­ne. Zunächst kommt es dar­auf an, ob Ver­trau­en ent­steht, und mit der Zeit kommt es dar­auf an, ob die Hil­fe hin­rei­chend gut funk­tio­niert, damit sich kein Ärger ein­stellt. Und drit­tens gibt es noch die unbe­wuss­te Ebe­ne. Es kön­nen Zwangs­la­gen oder „stra­te­gi­sche“ Inter­es­sen auf Kli­en­ten­sei­te oder/und unbe­wuss­te Moti­ve auf der bera­ten­den Sei­te vorliegen.

Wenn alle die­se Ebe­nen und Fra­gen ansprech­bar und klär­bar sind, hat man eine Chan­ce fest­zu­stel­len, was der Auf­trag ist und wie man ggf. hilf­reich sein kann. Man kann dann auch ent­schei­den, wel­che Form von Hil­fe ange­mes­sen ist:

  1. direk­te Hilfe,
  2. Hil­fe zur Selbst­hil­fe oder
  3. ein Klä­rungs­pro­zess, was eigent­lich das Pro­blem ist und ob über­haupt Hil­fe infra­ge kommt bzw. ob das Hilfs­an­ge­bot über­haupt passt, ange­nom­men wer­den kann usw.

(Die hier genann­ten Vari­an­ten a, b und c ähneln im Prin­zip Edgar Scheins drei Modi der Hil­fe, nach­zu­le­sen in sei­nen Büchern Pro­zess und Phi­lo­so­phie des Hel­fens oder Pro­zess­be­ra­tung.)

Im Grun­de könn­te man zu Zwe­cken der bera­te­ri­schen Selbst­klä­rung, zur Fall­re­fle­xi­on oder Super­vi­si­on die bis­he­ri­gen Dar­stel­lun­gen zu einer Art Fra­ge-Modell zusammenfassen:

Ein Fra­ge-Clus­ter bil­det sich ent­lang der beschrie­be­nen Ebenen:

  • Sach­li­che Ebe­ne: Was ist der Auf­trag — und zwar jeweils von den ver­schie­de­nen betei­lig­ten Sei­ten? In der Fami­li­en­hil­fe wären dies klas­si­scher­wei­se das Jugend­amt, das Kli­en­ten-Sys­tem und die helfende/intervenierende Sei­te. Manch­mal kom­men wei­te­re Per­so­nen und Instan­zen hin­zu (Vor­mund­schaft, Gerich­te, Ver­wand­te, ande­re Hel­fer, Kitas oder Schu­len usw.).
  • Emo­tio­na­le Ebe­ne: Besteht genü­gend Ver­trau­en für eine hilf­rei­che Zusam­men­ar­beit? Wie haben sich die Emo­tio­nen ent­wi­ckelt? Gibt es bereits ers­te Ärger­nis­se oder Ent­täu­schun­gen? Wie wur­de bis­her und wie wird momen­tan damit umgegangen?
  • Bewusst/unbewusst: Wel­che „stra­te­gi­schen“ Inter­es­sen gibt es ggf. auf Kli­en­ten­sei­te? Wel­che infor­mel­len, also kaum aus­ge­spro­che­nen Erwar­tun­gen gibt es ggf. von Amts­sei­te? (Bei­spiel: Wie hoch ist ggf. der Druck von Amts­sei­te, den „Fuß in der Tür“ zu hal­ten, um ggf. Schlim­me­res zu ver­hin­dern?) Und last but not at all least: Was sind ggf. mei­ne Selbst-Täu­schun­gen? Wie hoch sind die Erwar­tun­gen an mich selbst als Hel­fe­rin oder Hel­fer? Wo habe ich ggf. mehr oder min­der bewusst mei­nen Kli­en­ten ihre Ver­ant­wor­tung genom­men und mir damit die Zie­le zu sehr ange­eig­net bzw. die zu errei­chen­de Wir­kung zu sehr zu „mei­nem“ Pro­jekt gemacht?

Ein wei­te­res Fra­ge-Clus­ter bil­det sich anhand der beschrie­be­nen Arten von Hilfe:

  1. Wel­che Form Hil­fe ist eigent­lich die ange­mes­se­ne? Soll ich hier tat­säch­lich direkt hel­fen, oder errei­che ich damit ggf. genau das Gegenteil?
  2. Oder ist Hil­fe zur Selbst­hil­fe ange­ra­ten? Oder han­delt es sich um einen Fall, bei dem ich erst ein wenig direkt hel­fen muss, damit Hil­fe zur Selbst­hil­fe mög­lich wird?
  3. Oder bedarf es über­haupt erst ein­mal eines Klä­rungs­pro­zes­ses, wer hier ggf. wel­che Erwar­tun­gen hat. Manch­mal muss man auf einer sehr all­ge­mei­nen Ebe­ne begin­nen und über­haupt erst­mal Ver­trau­en auf­bau­en, ohne schon über Hil­fe zu reden. Dann beginnt man qua­si nicht direkt auf „Los“, also bei der Fra­ge nach Erwar­tun­gen, Zie­len usw., son­dern man beginnt bei einer Situa­ti­ons­ana­ly­se: Wie geht es Ihnen? Wie sehen Sie Ihre Situa­ti­on? Was hal­ten Sie über­haupt von dem Ansin­nen, dass wir hier mit­ein­an­der reden sol­len? Wie ist Ihr Ver­hält­nis zum Jugend­amt? Wie kam es aus Ihrer Sicht dazu, dass wir hier mit­ein­an­der reden? Wel­che Beden­ken haben Sie ggf.? Wel­che Erwar­tun­gen hät­ten Sie an eine Hil­fe? Wie könn­te ich ggf. hilf­reich sein? Wenn man sich behut­sam auf die­se Wei­se nähert und zunächst nur Inter­es­se zeigt und noch kei­ne „Ange­bo­te“ for­mu­liert, kom­men ggf. vor­han­de­ne Beden­ken oder skep­ti­sche Reak­tio­nen zur Spra­che — ganz im Sin­ne des bera­te­ri­schen Grund­sat­zes „Stö­run­gen haben Vorrang“.

Nach die­ser Dar­stel­lung mög­li­cher Ana­ly­se- und Refle­xi­ons­fra­gen soll der Blick noch ein­mal kurz auf die Aus­gangs­fra­ge nach dem prak­ti­schen Umgang mit Ent­täu­schun­gen gerich­tet wer­den: Im Grun­de kann ich ent­we­der mei­ne Gefüh­le an die Rea­li­tät anpas­sen oder die Rea­li­tät an mei­ne Gefühle. 

Wenn ich mei­ne Gefüh­le an die Rea­li­tät anpas­se, fra­ge ich mich, wo ich mich ggf. getäuscht habe bzw. zu viel erwar­tet habe. Ggf. geht die Kli­en­ten­sei­te bestimm­te Schrit­te lang­sa­mer, als ich das erwar­tet habe, oder an man­chen Stel­len wur­de, aus wel­chen Grün­den auch immer, stra­te­gisch kom­mu­ni­ziert, also mir zum Bei­spiel aus gleich­sam „poli­ti­schen Grün­den“ (Wohl­ver­hal­ten gegen­über dem Jugend­amt) ein Hil­fe­be­darf bezüg­lich einer Situa­ti­on geschil­dert, wel­che die betref­fen­de Fami­lie in der Rea­li­tät aber eigent­lich gar nicht ver­än­dern möch­te. Oder ich habe mich eben selbst getäuscht, indem ich mich zu sehr mit den Zie­len der Hil­fe iden­ti­fi­ziert und selbst zu viel gewollt habe.

Ganz gleich, um wel­che die­ser Vari­an­ten es sich han­delt — wenn ich mei­ne Gefüh­le an die Rea­li­tät anpas­se, akzep­tie­re ich die Rea­li­tät und zie­he Kon­se­quen­zen dar­aus. Ich redu­zie­re mei­ne Erwar­tun­gen, kon­fron­tie­re mein Gegen­über ggf. mit mei­nem Ein­druck der „stra­te­gi­schen“ Kom­mu­ni­ka­ti­on oder rede mit dem Jugend­amt dar­über. Ich reflek­tie­re mich selbst und mei­ne ggf. zu hohen Erwar­tun­gen — und ich tren­ne mich ggf. von eige­nen Wir­kungs­wün­schen oder Zie­len in Bezug auf den Fall. (Lesen Sie hier einen Text, in dem ich der Fra­ge nach­ge­he, war­um es ggf. bes­ser sein könn­te, (zunächst) nichts zu wollen.)

 

Teil 2: Grenzen

Zurück zu der ein­gangs erwähn­ten Super­vi­si­ons­sit­zung mit dem Fami­li­en­hel­fer-Team: Nach­dem die Fra­ge nach dem Umgang mit Ent­täu­schun­gen in der hier aus­führ­lich dar­ge­stell­ten Wei­se erör­tert war, ergab sich aus der Refle­xi­on eine wei­te­re Fra­ge, näm­lich die nach den „Gren­zen“ bei der Tätig­keit als Hel­fe­rin oder Helfer.

Die ers­te Gren­ze: Wie viel Bezie­hungs­ar­beit ist not­wen­dig, damit sich mein Gegen­über öff­net und mir zutraut, ihr oder ihm hel­fen zu können?

Zunächst ist da die Gren­ze der Hil­fe selbst, also eine Gren­ze auf der oben bereits beschrie­be­nen sach­li­chen Ebe­ne: Aus dem Auf­trag ergibt sich qua­si eine sach­li­che Begren­zung. Was als Erwar­tung, Ziel oder Wir­kung beschrie­ben wur­de, bil­det gleich­zei­tig die Gren­ze des Auf­trags. Ist das Ziel erreicht, endet der Auf­trag, ist qua­si eine „Gren­ze“ erreicht.

Aber so ein­fach ist es in der Pra­xis sel­ten. Zu oft erge­ben sich Hin­de­rungs­grün­de. So kann zum Bei­spiel kei­ne hin­rei­chen­de „Bezie­hungs­grund­la­ge“ ent­ste­hen. Man­che Inter­ven­tio­nis­ten mei­nen zu Recht, dass das, was bei Hil­fe wirk­sam ist, weni­ger eine Fra­ge der ver­wen­de­ten Metho­den, als viel­mehr eine Fra­ge der Bezie­hung sei. Wenn Hil­fe eine Form gelin­gen­der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit einem bestimm­ten Wir­kungs- oder Ent­wick­lungs­ziel ist, dann muss man sich fra­gen, was die Grund­la­ge gelin­gen­der Kom­mu­ni­ka­ti­on ist. Hier lan­det man schnell bei dem, was man eine trag­fä­hi­ge Bezie­hung nennt. Und wenn man sich fragt, wor­auf eine trag­fä­hi­ge (Arbeits-)Beziehung beruht, lan­det man schnell bei Ver­trau­en. Ver­trau­en beinhal­tet die Bereit­schaft, sich öff­nen zu kön­nen ohne die Angst, ver­ra­ten zu wer­den. Ver­trau­en bedarf also eines gewis­sen Sicher­heits­ge­fühls. Zudem bedeu­tet Ver­trau­en im Hel­fer­kon­text auch ein gewis­ses Zutrau­en in die Kom­pe­tenz des Hel­fers oder der Hel­fe­rin. Ver­trau­en besteht also, recht ein­fach defi­niert, aus einem Sicher­heits­ge­fühl ver­bun­den mit der Bereit­schaft, sich zu öff­nen, und einem Gefühl des Zutrau­ens in die Kom­pe­tenz der hel­fen­den Seite.

Eine ers­te Gren­ze ergibt sich also aus der schlich­ten Fra­ge, ob Ver­trau­en ent­ste­hen kann oder nicht bzw. ent­stan­den ist oder nicht.

Ich erin­ne­re mich noch an die Tage am Anfang mei­ner Berufs­tä­tig­keit als bera­ten­der Psy­cho­lo­ge, da ich es bei­na­he per­sön­lich genom­men habe, wenn jemand kein Ver­trau­en zu mir auf­bau­en konn­te. Heu­te sehe ich das ent­spann­ter. Es hat einer­seits viel und ande­rer­seits wenig mit mei­ner Per­son zu tun, ob sich jemand mir gegen­über öff­nen kann/will oder nicht. Ich kann hilf­reich sein — oder nicht. In der Mehr­zahl der Fäl­le passt das auch. Aber es kann auch nicht pas­sen. Ob es passt oder nicht, ist aber weni­ger von mir abhän­gig, son­dern ist eher eine Ent­schei­dung mei­nes Gegenübers.

Die­se „Ent­schei­dung des Gegen­übers“ ist eines der wesent­li­chen — und mei­nes Erach­tens gleich­zei­tig eines der am wenigs­ten beach­te­ten — Merk­ma­le von Hilfe.

Wir bil­den uns gern ein, dass Hil­fe etwas auf Augen­hö­he sei. Aber dem ist nicht so. Nach Watz­la­wick kön­nen Bezie­hun­gen ent­we­der sym­me­trisch (auf Augen­hö­he) oder kom­ple­men­tär sein. Und irgend­wie mei­nen vie­le Inha­be­rin­nen und Inha­ber von Hel­fer­be­ru­fen, dass es sym­me­trisch, also mit glei­cher Macht­ver­tei­lung ein­her­gin­ge. Aber Kli­en­ten haben nicht die glei­che Macht wie Hel­fer, im Gegen­teil: sie sind viel ver­letz­ba­rer. Wer Hil­fe sucht, gibt zu, dass er Hil­fe braucht. Im stra­te­gi­schen Fall gibt er oder sie es zumin­dest noch vor. Wenn ich aber zuge­be, Hil­fe zu brau­chen, bege­be ich mich, was mei­ne „sozia­le Flug­hö­he“ betrifft, „unter“ die­je­ni­gen, die ich um Hil­fe bit­te. Edgar Schein hat die­sen Umstand ein­mal als „one-down-ness of help“ bezeichnet.

Die oben erwähn­te „ers­te Gren­ze“ ergibt sich also aus der Fra­ge, wie viel Bezie­hungs­ar­beit nötig ist, damit sich die besag­te „ein­sei­ti­ge Unter­ord­nung von Hil­fe“ ergibt. Oder ein­fa­cher for­mu­liert: Wie viel Bezie­hungs­ar­beit ist not­wen­dig, damit sich mein Gegen­über öff­net und mir zutraut, ihr oder ihm hel­fen zu können?

Als Hel­fer habe ich hier zunächst die Auf­ga­be, eine vor­ur­teils­freie und pro­fes­sio­nel­le Hal­tung ein­zu­neh­men, Inter­es­se zu zei­gen und eine Bezie­hung auf­zu­bau­en sowie trans­pa­rent in Bezug auf mei­ne Hal­tun­gen, Metho­den und Tech­ni­ken zu sein — kurz­um die Situa­ti­on so zu gestal­ten, dass sich mein Gegen­über öff­nen und ggf. auch ein gewis­ses Zutrau­en in mei­ne Kom­pe­tenz ent­wi­ckeln kann. Aber ob sich mein Gegen­über öff­net und ob die­ses Zutrau­en ent­steht, ist ganz allein sei­ne oder ihre Entscheidung.

Ich kann pro­fes­sio­nell han­deln, aber ob es gelingt, ist vom Gegen­über abhän­gig. Gelingt es nicht, kann ich ggf. bestimm­te Hand­lun­gen wie­der­ho­len, das The­ma ggf. behut­sam oder auch direkt anspre­chen, aber ich kann nichts „machen“ im Sin­ne von „beein­flus­sen“ oder „über­zeu­gen“. Men­schen öff­nen sich oder nicht — und wenn sie es nicht tun, ist eine wesent­li­che Grund­la­ge von Hil­fe nicht gege­ben und damit eine Gren­ze erreicht.

Die zwei­te Gren­ze: Was pas­siert, wenn die Kli­en­ten­sei­te nichts oder zu wenig will?

Ange­nom­men, die Kli­en­ten­sei­te nimmt das Ange­bot des Jugend­am­tes an und es ent­wi­ckelt sich eine ver­trau­ens­vol­le Bezie­hung zwi­schen einer Fami­lie und den vom Jugend­amt beauf­trag­ten Fami­li­en­hel­fern. Und ange­nom­men, es han­delt sich zwar um eine tat­säch­li­che und kei­ne stra­te­gisch-abweh­rend for­mu­lier­te Annah­me des Hilfs­an­ge­bots, aber die Zusam­men­ar­beit trägt mit­tel­fris­tig kaum Früch­te. Die Bezie­hung funk­tio­niert, und die Zusam­men­ar­beit funk­tio­niert „gefühlt“ auch, aber die Zie­le wer­den nicht erreicht. Man hat viel­leicht zunächst Geduld, spä­ter the­ma­ti­siert man das Aus­blei­ben der Wir­kung mit der Fami­lie, man trifft neue Ver­ein­ba­run­gen, noch spä­ter invol­viert man das Jugend­amt, und auch dann trifft man wie­der­um Vereinbarungen.

Eine inter­es­san­te Fra­ge ist hier, wie lan­ge es dau­ert, bis die Hel­fer oder die Ver­tre­ter des Jugend­am­tes unge­dul­dig wer­den — oder sich gar ein gewis­ser Ärger ein­stellt. Noch sagt man sich viel­leicht, dass die Hil­fe zwar „irgend­wie“ funk­tio­niert, aber eben dau­ert. Man kriegt das Mit­ein­an­der ganz gut hin (was ja oft schon als Erfolg zu wer­ten ist) und den­noch pas­siert — nichts? — oder zu wenig? Oder geht es nur dem Hel­fer­herz zu langsam?

Die zen­tra­le Fra­ge an die­ser Stel­le lau­tet, wann Helfer

  • per­sön­lich (Unge­duld, Ärger, begin­nen­de Abwer­tung der Klientenseite),
  • metho­disch (Metho­den­re­per­toire aus­ge­schöpft, in der Super­vi­si­on ange­spro­chen, ggf. Hel­fer­wech­sel erfolg­los geblie­ben) oder
  • for­mal (Hand­lungs­rah­men recht­lich ausgeschöpft)

an Gren­zen gera­ten, wenn das Kli­en­ten­sys­tem „zu wenig will“ bzw. die Wir­kung ausbleibt.

Selbst wenn das Kli­en­ten­sys­tem zu wenig oder nichts will, muss das noch nicht hei­ßen, dass Hel­fer auf­ge­ben soll­ten. Manch­mal ist anfäng­lich ein gewis­ses Maß direk­ter und selbst-legi­ti­mier­ter Hil­fe sogar not­wen­dig, damit etwas ins Rol­len kommt — oder wie wei­ter oben for­mu­liert: Manch­mal muss ich zunächst direkt hel­fen, damit spä­ter Hil­fe zur Selbst­hil­fe mög­lich wird. Und manch­mal braucht man viel Kraft und Geduld auch über den for­mal mög­li­chen Rah­men hin­aus. Spä­tes­tens am Bei­spiel der Migra­ti­ons­be­ra­tung wird deut­lich, dass man manch­mal sein Bera­ter­man­dat deut­lich in Rich­tung direk­ter Hil­fe über­schrei­ten muss, damit über­haupt die Vor­aus­set­zun­gen für Hil­fe zur Selbst­hil­fe ent­ste­hen können.

Aber selbst bei viel gutem Wil­len und Geduld sind irgend­wann Gren­zen erreicht, wenn die Wir­kung der Hil­fe aus­bleibt — und Hel­fer soll­ten dies reflek­tie­ren und ihre Schlüs­se zie­hen, bevor sie sich ärgern. Ansons­ten ent­ste­hen auf Dau­er die gera­de in Behör­den mit Mit­ar­bei­tern, die bei ihrer Tätig­keit recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen mit einer Hel­fer­rol­le ver­bin­den müs­sen (bspw. Jugend­äm­ter, Job­cen­ter), oft beob­acht­ba­ren Ver­bit­te­rungs­ef­fek­te, die wie­der­um lang­fris­tig nega­ti­ve Fol­gen für die Gesund­heit haben können.

Die drit­te Gren­ze: Wie viel Selbst-Legi­ti­ma­ti­on ist (noch) hilf­reich bzw. wann füh­ren eige­ne Erwar­tun­gen zu Ent­täu­schun­gen oder gar zur Selbstausbeutung?

An die­ser Stel­le schließt sich der Kreis die­ses Tex­tes. Wir sind wie­der beim The­ma „Ent-Täu­schung“ angekommen.

Eine der womög­lich unter Ange­hö­ri­gen von (bera­ten­den) Hel­fer­be­ru­fen am hei­ßes­ten dis­ku­tier­ten Fra­gen ist die nach der Mög­lich­keit oder Unmög­lich­keit von Rat­schlä­gen bzw. direk­ter Hil­fe. Wenn ich mei­nem Gegen­über einen Rat­schlag gebe, mache ich ihn damit klein, berau­be ich ihn sei­ner Ver­ant­wor­tung; Rat­schlä­ge sind auch Schlä­ge; wenn mir als Bera­ter eine mög­li­che Lösung ein­fällt, soll ich mich in die Ecke set­zen und war­ten, bis der Anfall wie­der vor­bei ist — so oder so ähn­lich lau­ten die Leit­sät­ze, die man im Stu­di­um oder in der Aus­bil­dung ver­mit­telt bekommt.

Fakt ist, dass man Hil­fe nicht „über­hel­fen“ soll­te. Und wenn man jeman­den ein­fach so mit direk­ter Hil­fe kon­fron­tiert, dann ist das ein Über­griff — ein zwar gut gemein­ter, aber des­halb vom Gegen­über den­noch ggf. als Her­ab­set­zung emp­fun­de­ner Übergriff.

Hil­fe wird in der Regel von der Hil­fe suchen­den Sei­te hergestellt.

Und auch wenn man — wie das in der Fami­li­en­hil­fe oft vor­kommt — von Behör­den oder Gerich­ten dazu „ange­hal­ten“ (gefühlt oft: „ver­don­nert“) wird, kommt es immer auf die Bezie­hungs­ent­wick­lung an, ob es Hil­fe wird oder „über­grif­fi­ge Gän­ge­lei“ oder „als Hil­fe getarn­te Beleh­rung“ bleibt.

Wenn aber die „one-down-ness of help“ ein­mal ent­stan­den ist, kommt es bei der Fra­ge, was genau hilf­reich ist, auf die Situa­ti­on der Kli­en­ten und die Erwar­tun­gen an die Hil­fe an. Klar kann auch direk­te Hil­fe sinn­voll sein (oft nur kurz­fris­tig). Klar gehe ich zu einem Spe­zia­lis­ten, wenn ich einen ganz bestimm­ten Rat­schlag brau­che, den der betref­fen­de Spe­zia­list für mich hat. Und klar las­se ich mich auf einen Klä­rungs­pro­zess ein, wenn mir zwar klar ist, dass ich ein Pro­blem habe, aber kei­ne gute Idee, wer oder was mir hel­fen könn­te, wie ich an das Pro­blem her­an­ge­hen kann o.ä.

Es liegt also weni­ger gene­rell am Rat­schlag als viel­mehr an der Art des Pro­blems bzw. den Erwar­tun­gen an die Hilfe.

Den­noch gibt es immer wie­der Pro­ble­me mit dem, was hier als „Über­hel­fen“ bezeich­net wur­de, und zwar nicht nur aus dem Umstand her­aus, dass Behör­den oder Gerich­te bestimm­te Hil­fen nahe­le­gen oder anord­nen, son­dern auch aus der Moti­va­ti­on bzw. der Hal­tung von Hel­fern heraus.

Wie in die­sem Text schon mehr­fach ange­deu­tet wur­de, gibt es bei Ange­hö­ri­gen von Hel­fer­be­ru­fen oft (nicht immer, aber eben oft) auch eine gewis­se „per­sön­li­che Motiv­la­ge“ oder eine „bio­gra­phi­sche Dimen­si­on“, die bei der Berufs­wahl eine Rol­le gespielt haben kann und die bei der beruf­li­chen Tätig­keit „mit­schwingt“.

In der prak­ti­schen Arbeit äußert sich die­se Motiv­la­ge in der Regel als eine Art Selbst-Legi­ti­ma­ti­on. Man war­tet qua­si nicht nur, bis man um Hil­fe gebe­ten wird, son­dern man erkennt Hil­fe­be­darf und for­mu­liert ein Hilfs­an­ge­bot. Wird die­se Hal­tung völ­lig unre­flek­tiert aus­ge­lebt, dann kann es qua­si auch zu direk­ten Hilfs­hand­lun­gen kom­men, ohne dass dar­um gebe­ten wur­de. Wenn die­se (nicht erbe­te­ne) Hil­fe im Nach­hin­ein abge­lehnt oder kri­ti­siert wird, reagie­ren die betrof­fe­nen Hel­fer mit­un­ter belei­digt: „Ich habe es ja nur gut gemeint.“

Spä­tes­tens an die­ser Stel­le wird klar, dass etwas zwar gut gemeint, aber den­noch schlicht „Mist“ sein kann. 😉 Und so ist das manch­mal mit über­trie­be­nen Selbst­be­auf­tra­gun­gen — sie sind nach außen gut gemeint, sind aber im Kern „ego­is­ti­sche“ Hand­lun­gen und des­halb ganz und gar nicht hilfreich.

Eine inter­es­san­te Fra­ge wäre, war­um das so ist, war­um man­che Hel­fer zur Selbst-Legi­ti­ma­ti­on bzw. Selbst-Beauf­tra­gung nei­gen. Es soll hier nicht um eine umfas­sen­de Schil­de­rung der Ent­wick­lung und Psy­cho­dy­na­mik von Hel­fer­per­sön­lich­kei­ten gehen. Das wür­de den für einen Blog­text ohne­hin schon zu umfang­rei­chen Rah­men die­ses Tex­tes spren­gen. Aber für eine ent­spre­chen­de Zusam­men­fas­sung im Tele­gramm­stil sei Zeit:

  1. Wäh­rend der Kind­heit ent­wi­ckeln wir ein Selbst­bild. Ein Selbst­bild setzt sich aus dem zusam­men, was wir von ande­ren über uns erfah­ren haben. Wur­den wir geliebt und bestärkt, ent­steht ein ande­res Selbst­bild, als wenn wir abge­lehnt und infra­ge gestellt wurden.
  2. Im Fal­le eines nega­ti­ven Selbst­bil­des ent­wi­ckeln wir den Wunsch, anders zu sein — und kre­ieren uns ein alter­na­ti­ves oder „kom­pen­sa­to­ri­sches“ Selbst­bild. Die­ses Selbst­bild zei­gen wir dann — und bekom­men auch posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen dafür. Aber die­se Rück­mel­dun­gen kom­men nie so recht an, wer­den nie so recht gefühlt, da das eige­ne, ech­te Selbst­bild im Hin­ter­grund hung­rig bleibt. Kom­pen­sa­to­ri­sche Selbst­bil­der haben meist erfolg­rei­che, freund­li­che, irgend­wie attrak­ti­ve Gesich­ter: beruf­li­cher Erfolg oder Kar­rie­re, gesell­schaft­li­cher Sta­tus oder öffent­li­ches Anse­hen, Reich­tum oder beson­ders attrak­ti­ve oder star­ke Kör­per usw. Man kann mit so einem hung­ri­gen Her­zen auch Hel­fe­rin oder Hel­fer wer­den — man leis­tet dann viel für ande­re, und weil man ja eigent­lich tief drin­nen „nicht genug“ ist, leis­tet man noch mehr.
  3. Dar­aus kann unter Umstän­den eine Art Teu­fels­kreis wer­den: Ich leis­te schon viel, hel­fe ande­ren, bekom­me Aner­ken­nung dafür, habe aber trotz­dem das Gefühl, noch mehr leis­ten zu müs­sen. Egal, wie viel ich schaf­fe, hel­fe usw.: Ich bin trotz­dem nie genug und muss immer noch mehr machen. Und weil ich damit erfolg­reich bin, mache ich noch mehr, bie­te es immer von Neu­em an, bin manch­mal ent­täuscht oder regel­recht ärger­lich, wenn mei­ne Hil­fe kei­ne Wir­kung zeigt, und wenn das so bleibt oder sich häuft, fan­ge ich an zu for­dern und zu „schub­sen“. Am Ende die­ser Spi­ra­le steht oft eine ver­bit­ter­te Abwer­tung der Klientenseite.

Lesen Sie bei wei­ter­füh­ren­dem Inter­es­se auch die­se Tex­te zum The­ma Selbst­bil­der und Lebens­lü­gen bzw. zum The­ma Psy­cho­dy­na­mik und ‑hygie­ne im Helferberuf.

Ganz gleich, ob und wie stark eine Hel­fe­rin oder ein Hel­fer von der soeben beschrie­be­nen „kom­pen­sa­to­ri­schen Leis­tungs­ori­en­tie­rung“ bzw. Hel­fer­mo­ti­va­ti­on betrof­fen sein mag — ein wenig Selbst-Legi­ti­ma­ti­on ist oft ein guter Motor, um den Job über­haupt machen zu wol­len. Man darf nur eben nicht dem Gegen­über die Ver­ant­wor­tung abneh­men. Man muss gut unter­schei­den kön­nen, ob man ein For­mu­lar aus­zu­fül­len hilft, weil es jetzt gera­de dran, also not­wen­dig und hilf­reich ist, oder ob man das For­mu­lar aus­füllt, weil sich jemand dar­an gewöhnt hat, mich zu bit­ten, es aber mitt­ler­wei­le auch selbst könn­te. Ein For­mu­lar ist sicher ein bana­les Bei­spiel, aber es geht hier nur um die Ver­deut­li­chung des Musters.

Eine gewis­se Selbst-Legi­ti­ma­ti­on kann auch hel­fen, bestimm­te Din­ge anzu­schie­ben. Man­che Sachen muss man viel­leicht wirk­lich regel­recht „vor­ma­chen“, und spä­tes­tens in der Migra­ti­ons­be­ra­tung wird man man­che Erfol­ge erst mit einem gehö­ri­gen Maß an Selbst-Legi­ti­ma­ti­on erzie­len können.

Die Gren­ze ist spä­tes­tens dann erreicht, wenn man zur Selbst­aus­beu­tung neigt, also im sprich­wört­li­chen Sin­ne nicht mehr genug bekommt, sich selbst beauf­tragt, gleich­zei­tig aber bei nicht erwar­tungs­kon­for­men Kli­en­ten­re­ak­tio­nen oder Miss­erfol­gen star­ke Emo­tio­nen ent­wi­ckelt: „Wozu mache ich das hier eigent­lich? Da rei­ße ich mir den A**** auf, und die lie­gen der­weil in der Son­ne.“ Sol­che Sät­ze sind ein Zei­chen, dass man bereits über die Gren­ze gegan­gen ist.

Aber so ist das mit Gren­zen: Man bemerkt sie zumeist erst, wenn man dran oder drü­ber ist. 😉

Jörg Hei­dig

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.