Woraus unsere Welt gemacht ist, wonach wir streben und warum es besser ist, zunächst nichts zu wollen

Wenn wir ver­ste­hen wol­len, was uns antreibt, ist es hilf­reich, an den Anfang zurück­zu­ge­hen

Vor weni­gen zehn­tau­send Jah­ren waren wir Säu­ge­tie­re wie vie­le ande­re. Irgend­wann haben wir begon­nen, uns zu „erken­nen“, bspw. indem wir uns gegen­sei­tig Schmuck umge­han­gen oder Namen gege­ben haben. Wir waren dann nicht mehr nur ein­zel­ne Exem­pla­re einer Tier­art. Die­se „Erkennt­nis“ ist unmit­tel­bar an die Ent­ste­hung der Spra­che gebun­den. Im Unter­schied zu tie­ri­schen Spra­chen kön­nen wir Sym­bo­le (also bspw. Lau­te oder Laut­fol­gen) auch benut­zen, wenn der ent­spre­chen­de Reiz nicht in der Nähe ist. Ein Tier benutzt bspw. einen Warn­ruf nur, wenn die ent­spre­chen­de Bedro­hung auf­tritt. Tie­ri­sche Laut­spra­chen bestehen zudem aus rela­tiv klei­nen Grup­pen fest­ge­leg­ter Sym­bo­le. Tie­re kön­nen sich in die­sem Sin­ne nichts „aus­den­ken“, Men­schen hin­ge­gen schon. 

Wie ist es dazu gekom­men? Die Ent­ste­hung des Bewusst­seins

Tie­ri­sche Lau­te die­nen der Ver­hal­tens­ko­or­di­na­ti­on. Wenn ein Warn­ruf erschallt, gilt es weg­zu­ren­nen, auf Bäu­me zu klet­tern o.ä. Die Ver­bin­dun­gen zwi­schen einem Reiz (bspw. einer Bedro­hung), einer Reak­ti­on dar­auf (bspw. dem Warn­ruf) und wei­te­ren Reak­tio­nen wie­der­um dar­auf (bspw. der Flucht) sind direkt. Irgend­wann haben unse­re Vor­fah­ren begon­nen, Sym­bo­le aber nicht nur in Anwe­sen­heit der Rei­ze zu benut­zen, son­dern in deren Abwe­sen­heit. Was genau die Ursa­che dafür war, weiß die heu­ti­ge Wis­sen­schaft noch nicht genau. Es liegt nahe, dass es sich um eine Wech­sel­wir­kung zwi­schen gering­fü­gi­gen Muta­tio­nen und einer Ver­bes­se­rung der kol­lek­ti­ven Hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on und der sich wie­der­um dadurch ver­bes­sern­den Daseins­vor­sor­ge han­delt. Jeden­falls began­nen unse­re Vor­fah­ren, Sym­bo­le nicht mehr nur in einem kon­kre­ten Ver­hal­tens­ab­lauf zu benut­zen, son­dern auch vor oder nach einer kon­kre­ten Situa­ti­on. Sie began­nen also, zu ler­nen und zu pla­nen. Sie kamen in die Lage, durch die Benut­zung der ent­spre­chen­den Laut­kom­bi­na­tio­nen einen Ver­hal­tens­ab­lauf im Nach­hin­ein noch ein­mal nach­zu­voll­zie­hen und mög­li­che Ver­hal­tens­ab­läu­fe vor­weg­zu­neh­men. Durch die­se raum­zeit­li­che „Ent­set­zung“ von einem kon­kre­ten Ver­hal­tens­ab­lauf wur­den Ver­hal­tens­ab­läu­fe qua­si „bewusst“. Der Ver­hal­tens­ab­lauf geschieht nun nicht mehr nur „ein­fach so“, son­dern ich kann mir durch nach­voll­zie­hen­des Erin­nern und vor­weg­neh­men­de Pro­be­ab­läu­fe „etwas ein­fal­len las­sen“. Bewusst­sein ist also nichts ande­res als die Fähig­keit, sich räum­lich und zeit­lich zu einem kon­kre­ten Ver­hal­tens­zu­sam­men­hang in ein Ver­hält­nis zu set­zen. Und Den­ken ist dem­entspre­chend nichts ande­res als Pro­be­han­deln. Indem ich mich zu mei­nem Ver­hal­ten ins Ver­hält­nis set­zen kann, ver­hal­te ich mich nicht nur, son­dern bin in der Lage zu han­deln. Bei der Ent­wick­lung der Spra­che und der Bil­dung des Bewusst­seins han­delt es sich um einen im bes­ten Sin­ne des Wor­tes sozia­len Pro­zess. Ein Indi­vi­du­um allein könn­te sich sei­ner selbst nicht bewusst wer­den, son­dern die Bewusst­heit besteht in der Vor­weg­nah­me der Reak­tio­nen ande­rer. So, wie ein Tier einen Warn­ruf als direk­te Reak­ti­on auf die Anwe­sen­heit einer Bedro­hung aus­stößt, liegt der Sinn des Warn­rufs in der Reak­ti­on ande­rer. So ist es auch mit unse­rer Spra­che und unse­ren Hand­lun­gen. Der Sinn von Hand­lun­gen liegt in der Reak­ti­on ande­rer, und Den­ken besteht in der Simu­la­ti­on bzw. Vor­weg­nah­me der Reak­ti­on ande­rer. Wenn ich das so und so mache, und der ande­re das dann so und so macht, könn­te das und das her­aus­kom­men.

Was uns selbst­ver­ständ­lich ist: Kul­tur als Besitz einer Grup­pe

Damit war der direk­te Reiz-Reak­ti­ons-Zusam­men­hang ein für alle­mal durch­bro­chen. Der Rest der Geschich­te der Men­schen ist Kul­tur: Wir haben soeben gese­hen, wie es kommt, dass wir uns etwas ein­fal­len las­sen kön­nen. Am Anfang von Hand­lun­gen steht also eine Idee. Einem Indi­vi­du­um fällt etwas ein, indem er Hand­lungs­ver­läu­fe vor­weg­nimmt und dabei leicht vari­iert, die­se mög­li­chen Varia­tio­nen mit ande­ren bespricht und man gemein­sam etwas aus­pro­biert. War die Idee erfolg­reich, wird sie in ähn­li­chen Situa­tio­nen wie­der­holt oder sogar auf ande­re Anwen­dungs­be­rei­che über­tra­gen. Mit der Zeit gewöhnt man sich dar­an, bestimm­te Din­ge auf die­se Wei­se zu tun. Aus einer erfolg­rei­chen Idee wird so lang­sam eine Gewohn­heit. Die ent­spre­chen­den Hand­lungs­ver­läu­fe wer­den so zum Besitz der Grup­pe. Bei län­ge­rem Bestehen der Grup­pe wer­den die­se Din­ge dann wei­ter­ge­ge­ben, und zwar weit über die Zeit der ers­ten Ide­en hin­aus. Hand­lungs­ab­läu­fe wer­den also „tra­diert“. Mit der Zeit wer­den die Hand­lungs­ver­läu­fe kom­ple­xer oder ver­än­dern sich, indem Ange­hö­ri­ge spä­te­rer Genera­tio­nen immer wie­der auf das vor­han­de­ne Wis­sen zurück­grei­fen, leich­te Varia­tio­nen vor­neh­men, sich also etwas ein­fal­len las­sen, etwas aus­pro­bie­ren, damit ggf. Erfolg haben, die ent­spre­chen­den Hand­lungs­ver­läu­fe wie­der­um wei­ter­ge­ben usw. So wur­de die mensch­li­che Pra­xis immer kom­ple­xer, konn­ten Men­schen immer mehr „Tech­ni­ken“ anwen­den, wur­den aus den ers­ten Bear­bei­tern von Fel­len lang­sam die Ger­ber und aus den Ger­bern die Che­mi­ker usw. Hier sehen wir auch die Ursa­che für eine Form von Kon­flik­ten, die es gibt, seit dem es Men­schen gibt: Wenn irgend­wann ein­mal etwas zum Besitz der Grup­pe gewor­den ist, ist es selbst­ver­ständ­lich und wird nicht mehr hin­ter­fragt. Man macht das dann so. Es gibt dann jede Form von Besitz­stands­wah­rung, die man sich vor­stel­len kann — vor der Ohr­fei­ge für den Lehr­ling, der sich traut, die umständ­li­chen Vor­ge­hens­wei­sen sei­nes Meis­ters zu hin­ter­fra­gen und eine bes­se­re Idee zu haben über den Mord an For­schern und Erfin­dern bis hin zum Krieg zwi­schen Pro­tes­tan­ten und Katho­li­ken. Mit Inno­va­tio­nen ist es also alles ande­re als ein­fach. Gleich­zei­tig kön­nen wir uns nicht gene­rell nichts ein­fal­len las­sen. Wäh­rend man­che von uns beson­ders gut dar­in sein mögen, sich nichts ein­fal­len zu las­sen, fällt ande­ren dau­ernd etwas ein. Die end­lo­se Aus­ein­an­der­set­zung der­je­ni­gen, die sich etwas ein­fal­len las­sen, mit dem „Besitz der Grup­pe“ bzw. des­sen Besitz­stands­wah­rern ist die Geschich­te unse­rer Kul­tu­ren.

Was vie­le von uns stre­ben lässt: Die Ent­ste­hung von Hier­ar­chie und Sta­tus

Mit dem Wis­sen um die­se grund­le­gen­den anthro­po­lo­gi­schen Zusam­men­hän­ge las­sen sich nun all jene Din­ge, die Men­schen für wich­tig hal­ten kön­nen, jeweils in ihrer Ent­ste­hung erklä­ren. Man braucht sich dazu nur die ent­spre­chen­den Ent­ste­hungs­zu­sam­men­hän­ge, die Gewohn­heits­bil­dun­gen bis hin zum Besitz der Grup­pe und die vie­len sich dar­auf auf­bau­en­den Kon­flik­te vor­stel­len. Indem Men­schen sich ver­stän­di­gen konn­ten, lern­ten sie. Das Wis­sen wur­de von Genera­ti­on zu Genera­ti­on wei­ter­ge­ge­ben und immer kom­ple­xer bzw. ange­pass­ter. Dadurch wur­de die Daseins­vor­sor­ge bes­ser, wodurch wie­der­um die Grup­pen grö­ßer wur­den. In Grup­pen von 25 oder 30 Indi­vi­du­en kennt jeder jeden, und die Koope­ra­ti­on mag noch ver­gleichs­wei­se hier­ar­chie­frei mög­lich sein. Spä­tes­tens mit der durch den begin­nen­den Acker­bau ent­ste­hen­den Teil­sess­haf­tig­keit wuch­sen die mensch­li­chen Grup­pen auf 100 Indi­vi­du­en und dar­über an. Da die Hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on unter 100 oder mehr Per­so­nen kaum mehr direkt erfol­gen kann, ent­stand mit dem Häupt­lings­tum die ers­te Hier­ar­chie­form. Die aus meh­re­ren Teil­sip­pen bestehen­den Noma­den­grup­pen wähl­ten das Ober­haupt einer der Teil­grup­pen zum Häupt­ling, der fort­an für die Schlich­tung von Kon­flik­ten, die Ver­tei­lung von Res­sour­cen usw. ver­ant­wort­lich war. Das war die ers­te wesent­li­che Stu­fe der Hier­ar­chie­bil­dung. Spä­tes­tens ab die­sem Punkt spie­len der sozia­le Sta­tus bzw. sozia­le Unter­schie­de eine wesent­li­che Rol­le.

Was uns glau­ben lässt: Die Siche­rungs­me­cha­nis­men der Hier­ar­chie

Durch den Acker­bau ver­bes­ser­te sich die Ver­sor­gungs­la­ge für den ein­zel­nen Men­schen nicht unbe­dingt, weil eine getrei­de­ba­sier­te Ernäh­rung weni­ger gesund ist, aber die Ver­sor­gung grö­ße­rer Grup­pen wur­de ein­fa­cher — wodurch die ohne­hin schon grö­ße­ren Grup­pen wei­ter wuch­sen. Die Über­schüs­se ermög­lich­ten eine zuneh­men­de Funk­ti­ons­tei­lung inner­halb der Grup­pen, was die Hand­lungs­ko­or­di­na­ti­on — und damit auch die Kul­tur — kom­ple­xer mach­te und die Hier­ar­chie ver­stärk­te. Die Herr­scher der immer grö­ßer wer­den­den Sied­lun­gen wur­den nun unter­stützt von diver­sen „funk­tio­na­len Stell­ver­tre­tern“ (den Vor­läu­fern unse­rer heu­ti­gen Ver­wal­tungs­struk­tu­ren) und erfan­den Mecha­nis­men zur Siche­rung der Herr­schaft, etwa klei­nen Grup­pen von Men­schen, die für die Durch­set­zung ihrer Ent­schei­dun­gen zustän­dig waren (die Vor­läu­fer unse­rer heu­ti­gen Poli­zei oder auch des Mili­tärs). Die sozia­le Kom­ple­xi­tät — und damit ver­bun­den die Viel­falt der sozia­len Schich­ten bzw. der sozia­len Unter­schie­de — nahm wei­ter zu. Dann erfan­den die Herr­scher etwas, das ihre Herr­schaft noch stär­ker sicher­te als die Vor­läu­fer der Ver­wal­tung und des Mili­tärs, näm­lich die Reli­gi­on. Waren die Ahnen der jewei­li­gen Grup­pen in den klei­ne­ren Gemein­schaf­ten noch gleich, wur­den nun Unter­schie­de zwi­schen den Ahnen der Herr­scher und den Ahnen der ande­ren gemacht. Weil die Ahnen der Herr­scher beson­ders waren (die Stadt grün­de­ten, die „Väter“ des jewei­li­gen Vol­kes waren o.ä.), legi­ti­mier­ten sie qua­si die Herr­schaft ihrer Nach­kom­men, soll­ten ihre Geis­ter beson­ders ver­ehrt wer­den usw. Damit wur­den sozia­le Unter­schie­de zemen­tiert, und es wur­den Gewohn­hei­ten bzw. Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten (qua­si retro­spek­tiv) geschaf­fen, die den Sta­tus quo „für alle Zei­ten“ zemen­tie­ren soll­ten. Ent­fal­te­te ein sol­cher „Ein­fall“ erst ein­mal Wir­kung und wur­den die dar­aus sich erge­ben­den Unter­schie­de erst ein­mal über eini­ge Genera­tio­nen hin­weg wei­ter­ge­ge­ben, waren sie so selbst­ver­ständ­lich, dass sie „uni­ver­sel­le Gül­tig­keit“ besa­ßen. So erklärt sich auch, war­um jede der grö­ße­ren Städ­te Meso­po­ta­mi­ens ihre eige­ne Viel­falt an Göt­tern hat­te. Aus „glei­chen Vor­fah­ren“ wur­den „beson­de­re Vor­fah­ren“, aus „beson­de­ren Vor­fah­ren“ wur­den die „Väter“ oder „Müt­ter“ des Vol­kes, wur­den Göt­tin­nen und Göt­ter, die man ver­ehr­te, und die in einer jeweils grup­pen- oder kul­tur­spe­zi­fi­schen „grau­en Vor­zeit“ ein­mal ver­fügt hat­ten, wie die Din­ge zu sein hat­ten. Spä­tes­tens jetzt waren Hier­ar­chie, sozia­ler Sta­tus und Reli­gi­on so fest in den Kul­tu­ren ver­an­kert, dass sie selbst­ver­ständ­lich und damit nicht hin­ter­frag­bar waren.

Das Sta­tus­stre­ben als „selbst­ver­ständ­li­che Prio­ri­tät“ 

Aus die­ser Zeit stammt das mensch­li­che Stre­ben nach Sta­tus und Domi­nanz bzw. ent­spre­chen­den Sym­bo­len, die den Sta­tus ver­kör­pern. Je grö­ßer das Haus, je glän­zen­der der Schmuck, je grö­ßer die Zahl der Skla­ven, je höher der Turm, je grö­ßer die Her­den und so wei­ter und so wei­ter. Vie­le Men­schen suchen ihr Glück dem­entspre­chend in äuße­ren Din­gen (Sta­tus, Macht, Geld usw.), wobei die­se äuße­ren Anrei­ze so selbst­ver­ständ­lich sind, dass sie kaum hin­ter­fragt wer­den. Macht und Sta­tus sind nicht ein­fach irgend­wann „erfun­den“ wor­den, son­dern haben sich an vie­len ver­schie­de­nen Orten durch vie­le „klei­ne Ein­fäl­le“ ent­wi­ckelt, genau­so wie Reli­gio­nen nicht ein­fach irgend­wann „behaup­tet“ oder „geschaf­fen“ oder „gestif­tet“ wur­den. Aber zu einer Idee kommt die nächs­te, man­ches wird wei­ter­ge­ge­ben, fes­tigt sich, ver­liert irgend­wann den Bezug zum Ent­ste­hungs­kon­text, wird zum Mythos — bleibt aber Macht­in­stru­ment und wird in die­sem Zusam­men­hang ab und an „umge­schrie­ben“ oder „abge­schafft“. Aber selbst wenn sich der Inhalt ändert — der Mecha­nis­mus selbst bleibt in der Welt. Aber Macht und Sta­tus kom­men sel­ten so blank daher, wie sie hier beschrie­ben wer­den. Es gab und gibt auch immer Gegen­be­we­gun­gen, die das Gegen­teil behaup­ten, also die Gleich­heit der Men­schen (vor Gott) oder den Zusam­men­halt oder die Lie­be beto­nen. Der „Käl­te“ des Stre­bens nach Sta­tus oder Macht wird gern die „Wär­me“ der Lie­be oder des Zusam­men­halts ent­ge­gen­ge­setzt. Da sol­che Ide­en eine gewis­se Anzie­hungs­kraft besit­zen, fin­det man nicht sel­ten Kom­bi­na­tio­nen bei­der Bestre­bun­gen. Wäh­rend äußer­lich die Nächs­ten­lie­be (im Chris­ten­tum) oder die Gleich­heit (im Kom­mu­nis­mus) betont wird, bewir­ken die Orga­ni­sa­tio­nen an und für sich (oft eben­so unbe­ab­sich­tigt wie unbe­merkt für ihre Mit­glie­der) den Erhalt von Macht und Sta­tus.

Der ver­meint­li­che Gegen­ent­wurf: Lie­be, Hin­ga­be und das Selbst

Wie auch immer die „Gegen­stre­bung“ ent­stan­den ist und wozu sie im Lau­fe der Geschich­te ggf. „miss­braucht“ wur­de — irgend­wann sind Men­schen auf die Idee gekom­men, dass sie sich weni­ger „außen“ ori­en­tie­ren, als den Sinn viel lie­ber „innen“ suchen soll­ten. Die Ursa­che mag dar­in lie­gen, dass vie­le Men­schen immer wie­der ver­stan­den haben, dass jene äuße­ren Din­ge vor dem Hin­ter­grund tief grei­fen­der Gedan­ken oder vor dem Hori­zont eines gan­zen Lebens nichts bedeu­ten, nach dem Mot­to: „Wir neh­men nichts mit. Wir wer­den als Ein­zel­ne gebo­ren und ster­ben als Ein­zel­ne.“ Die­se Men­schen haben viel­leicht nicht ein­fach hin­ge­nom­men, was ist bzw. wie es eben funk­tio­niert, son­dern sie haben viel­leicht einen „Sinn“ gesucht — und gemeint, ihn ent­we­der in der Abkehr von Macht und Sta­tus („Revo­lu­ti­on!“) oder „innen“ zu fin­den — in der Hin­ga­be (zu Gott), in der Lie­be (zu ande­ren), in Gefüh­len (ande­ren oder uns selbst gegen­über), in der Tran­szen­denz und so wei­ter. Vie­len Men­schen sind heu­te bei­spiels­wei­se Gedan­ken geläu­fig, dass etwa jedem Men­schen ein unver­wech­sel­ba­rer Kern inne­wohnt, der sich ent­fal­ten möch­te, auf den man mit­tels Acht­sam­keit auf­pas­sen müs­se und so wei­ter. Die­se Bestre­bung führt zwar weg von der Fokus­sie­rung auf äuße­re Din­ge, aber sie setzt dem nur ein neu­es Stre­ben ent­ge­gen. Indem sich der Fokus auf die Innen­sicht ver­la­gert, kon­zen­trie­ren sich Men­schen auf ihre Gefüh­le. Man kann grö­ße­re Tei­le der Psy­cho­lo­gie als eine „Ver­wis­sen­schaft­li­chung“ die­ses Gegen­ent­wurfs lesen. Waren bspw. die Tay­lo­ris­ten und die Beha­vio­ris­ten eher auf „Ver­hal­tens­steue­rung“ durch äuße­re Anrei­ze aus, haben die Huma­nis­ten die­ser „kal­ten“ Sicht­wei­se das Selbst und sei­ne Ver­wirk­li­chung ent­ge­gen­ge­setzt. Einer „kal­ten“ ver­na­tur­wis­sen­schaft­lich­ten Sicht auf den Men­schen wird seit­her gern eine irgend­wie „wär­me­re“ oder „mensch­li­che­re“ Geis­tes­wis­sen­schaft ent­ge­gen­ge­hal­ten. Wenn man nur „bei sich“ sei, „acht­sam“ sei, wür­de man sei­nen Kern schon fin­den. Im Zuge sei­ner Ent­wick­lung wür­den einem alle mög­li­chen Prä­gun­gen und Nar­ben zuge­fügt, die letzt­lich zu Anpas­sun­gen (Abwehr­me­cha­nis­men, Ver­krüm­mun­gen, „fal­sche“ Selbst­bil­der) und damit weg vom „eigent­li­chen“ Selbst führ­ten. Aber auch die­se Suche führt in eine Art Getrie­ben­sein, die jenem nach Sta­tus oder Macht gar nicht so unähn­lich ist. Gefüh­le ver­än­dern sich und schwan­ken bis­wei­len. Frei­lich waren gesell­schaft­li­che (oder reli­giö­se, staat­li­che, von einer Auto­ri­tät aus­ge­hen­de usw.) Kon­ven­tio­nen „hart“, aber sie bestimm­ten den Rah­men, in denen Gefüh­le aus­zu­drü­cken und aus­zu­le­ben mög­lich war. Freud kam auf sei­ne Ide­en nicht zuletzt durch die inten­si­ve Unter­su­chung der Hys­te­rie — einem Phä­no­men, das sich als Reak­ti­on auf all­zu star­ke Ein­schrän­kung bei gleich­zei­ti­ger Ahnung des Poten­ti­als der Ent­fal­tung ver­ste­hen lässt. Heu­te haben wir uns eine Welt geschaf­fen, in der man sich ent­fal­ten kann (zumin­dest in den west­li­chen Gesell­schaf­ten). Gleich­zei­tig führt die Mög­lich­keit der Ent­fal­tung, fürch­te ich, nur zu einer Ver­stär­kung der Such­be­we­gun­gen. Man ach­tet mehr auf sei­ne Gefüh­le, geht eher weg, wenn man etwas nicht erträgt. Man hat mehr Hand­lungs­mög­lich­kei­ten und ist wei­test­ge­hend frei von Zwang.

Aber was pas­siert? Wir bemer­ken eher, dass wir unglück­lich sind. Wir tren­nen uns öfter. Wir kün­di­gen öfter. Wir tun mehr von dem, was wir eigent­lich wol­len. Aber bekom­men wir mehr von dem, was wir damit bezwe­cken? Pus­te­ku­chen! Anstatt glück­li­cher zu wer­den, gera­ten wir in einen Wett­be­werb der Selbst­ro­ta­ti­on. Wir wer­den nar­ziss­ti­scher, sonst nichts. Dem frü­he­ren: „Wir suchen Sta­tus und wer­den abhän­gig von der Jagd nach äuße­ren Din­gen.“ set­zen wir nur ein: „Wir suchen uns selbst und wer­den nar­ziss­tisch, gleich­sam zum Spiel­ball unse­rer selbst.“ ent­ge­gen. (Viel­leicht waren die Exis­ten­tia­lis­ten nur eine Zwi­schen­form auf dem Weg von der Ablö­sung von den Reli­gio­nen, Kon­ven­tio­nen usw. über das Selbst hin zu der Ein­sicht, dass auch jene inne­ren Din­ge kei­nen Sinn an sich haben und kei­nen Halt bie­ten.) Die Kon­ven­tio­nen waren kon­den­sier­te Gewohn­hei­ten, und als sol­che haben sie immer­hin Halt gege­ben — wenn auch nur als Stre­ben nach Sta­tus in Ver­bin­dung mit Gedan­ken­lo­sig­keit, denn die eine Ein­sicht stimmt ja: Wir neh­men nichts mit. Was wäre, wenn es all das gar nicht gibt? Wenn sowohl die Jagd nach äuße­ren als auch die Suche nach inne­ren Din­gen nur in eine hoh­le Rota­ti­ons­be­we­gung führt — spi­ral­för­mig viel­leicht, weil ja man­che im Jagen oder Suchen bes­ser sind als ande­re, aber eben gera­de dar­um sich immer wei­ter beschleu­ni­gend?

Was wür­de pas­sie­ren, wenn wir uns von all dem frei mach­ten? 

Spon­tan mag den Leser oder die Lese­rin der Gedan­ke erei­len: Wenn man nichts will, dann ist alles irgend­wie sinn­los. Viel­leicht stimmt das ja. Viel­leicht ist alles irgend­wie sinn­los. Der Natur und dem Uni­ver­sum ist es jeden­falls egal, ob es uns gibt oder nicht. Wir machen den Unter­schied für uns selbst — und für die Men­schen in unse­rer Umge­bung und für die Umwelt, für die wir ver­ant­wort­lich sein wol­len. Sonst nichts. Frü­her kam die Auto­ri­tät von den Herr­schern und den Reli­gio­nen. Auch das sind Arte­fak­te wie ein Ham­mer oder ein Auto. Das haben sehr lan­ge jedoch nur weni­ge von uns ver­stan­den. Die Ein­sicht besteht mög­li­cher­wei­se dar­in, sich von allem frei zu machen — von den äuße­ren wie von den inne­ren Din­gen — und ein­zu­se­hen, dass bei­de Kate­go­ri­en kei­nen Sinn an und für sich haben, son­dern unse­re Illu­sio­nen sind — und dass wir immer Illu­sio­nen brau­chen, weil Illu­sio­nen gewohnt und damit ein­fa­cher sind. Die wirk­li­che Frei­heit bestün­de dann dari, zunächst nichts zu wol­len — und uns dann zu fra­gen, was wir wol­len. Denn es gibt nichts ande­res als das, wor­auf wir uns eini­gen — in der Lie­be, in der Gesell­schaft und letzt­lich auch in Bezug auf unse­ren Pla­ne­ten. Das ist alles. Wenn man so will, sind wir Gott, denn was aus uns und die­sem Pla­ne­ten wird, liegt letzt­lich an uns, zumin­dest, wenn wir Teil der Natur blei­ben wol­len.

Jörg Hei­dig