Hat es mit den Generationen X, Y, Z und Alpha überhaupt etwas auf sich?

Bei die­sen Gene­ra­ti­ons­be­schrei­bun­gen macht man im Grun­de nichts ande­res, als Men­schen, die ähn­li­che Sozia­li­sa­ti­ons­er­fah­run­gen gemacht haben, nach­träg­lich in einen Sack zu ste­cken. Das Leben wird vor­wärts gelebt und rück­wärts ver­stan­den. Natür­lich gibt es Gemein­sam­kei­ten und Unter­schie­de. Aber im Umgang mit­ein­an­der nutzt einem die­se Erkennt­nis zunächst wenig. Ent­schei­dend ist, was hin­ter die­sen Beschrei­bun­gen steckt. Es geht dar­um zu ver­ste­hen, war­um das so ist, was zu die­sen Unter­schie­den führt.

Kurz zusam­men­ge­fasst: Aus unter­schied­li­chen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten erge­ben sich unter­schied­li­che Erwar­tun­gen (an die Orga­ni­sa­ti­on, an die Arbeit, an Kol­le­gen und Füh­rungs­kräf­te usw.). Die­se ver­schie­de­nen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ent­ste­hen vor allem durch unter­schied­li­che Erzie­hungs­sti­le. Wie ein Mensch erzo­gen wird, prägt, was der Mensch spä­ter für selbst­ver­ständ­lich hal­ten wird.

Dabei han­delt es sich nicht ein­mal aus­schließ­lich um ein Gene­ra­ti­ons­phä­no­men. Gene­rell steigt die Bereit­schaft der Men­schen, ihre eige­nen Belan­ge auf Augen­hö­he mit Orga­ni­sa­tio­nen zu ver­han­deln. Fra­gen Sie mal einen Schul­lei­ter, wie viel Post er inzwi­schen von Anwäl­ten bekommt, weil Eltern die Zen­su­ren ihrer Kin­der hin­ter­fra­gen. Die Bereit­schaft, Din­ge zu hin­ter­fra­gen, steigt. Und jun­ge Men­schen brin­gen ande­re Erwar­tun­gen und eine ande­re „Hin­ter­fra­gungs­be­reit­schaft“ mit, weil sie anders erzo­gen wor­den sind.

Mei­ne Gene­ra­ti­on, also die heu­te über Fünf­zig­jäh­ri­gen, wur­de noch ver­gleichs­wei­se häu­fig auto­ri­tär erzo­gen. Heu­te ist die Erzie­hung auf Augen­hö­he ver­brei­tet. Und inzwi­schen gibt es noch einen drit­ten Erzie­hungs­stil, bei dem man eigent­lich nicht mehr von „Erzie­hung“ im eigent­li­chen Sin­ne spre­chen kann: die Unter­wer­fung der Eltern unter ihre Kin­der. Die drei Sti­le brin­gen jeweils Men­schen her­vor, die mit sehr unter­schied­li­chen Erwar­tun­gen in Orga­ni­sa­tio­nen eintreten.

Mein Lehr­meis­ter sag­te am ers­ten Tag der prak­ti­schen Aus­bil­dung: „In drei Mona­ten sind drei von euch nicht mehr da.“ Anschlie­ßend erläu­ter­te er das Recht auf Kün­di­gung ohne Anga­be von Grün­den wäh­rend der Pro­be­zeit. Das war kurz nach der Wen­de. Wer so in eine Orga­ni­sa­ti­on „hin­ein­so­zia­li­siert“ wur­de, neigt dazu, sich unter­zu­ord­nen und zu funk­tio­nie­ren. Nach einem Jahr war man viel­leicht dank­bar, wenn einen die Kol­le­gen mit dem Vor­na­men ansprachen.

Wer dage­gen auf Augen­hö­he erzo­gen wur­de, hat ande­re Erfah­run­gen gemacht. Die Eltern haben ihre Erwar­tun­gen oder Ansa­gen meis­tens begrün­det. Vie­les wur­de aus­dis­ku­tiert, es wur­de über (fast) alles gespro­chen. Ent­spre­chend hoch sind die Erwar­tun­gen dar­an, dass auch in Orga­ni­sa­tio­nen kom­mu­ni­ziert und begrün­det wird. Wenn sich ein jun­ger Kol­le­ge wei­gert, eine bestimm­te Auf­ga­be zu über­neh­men, weil er meint, nicht für irgend­wel­che „Gän­gel­ar­bei­ten“ ein­ge­stellt wor­den zu sein, kann ich natür­lich von ganz oben kom­men: „Du bist hier zum Arbei­ten, mein Freund. Und wenn ich dir etwas sage, dann machst du das.“ Dann zie­hen sich auf Augen­hö­he erzo­ge­ne Men­schen oft zurück; im Extrem­fall kün­di­gen sie möglicherweise.

Der „jun­ge Mensch von heu­te“ kommt, ich spit­ze stark zu, in die Orga­ni­sa­ti­on, formt mit den Hän­den ein Herz vor dem Bauch, bleibt ste­hen, lächelt, guckt einen erwar­tungs­voll an und möch­te „abge­holt“ werden. 😉

Das erfor­dert eine Men­ge Kommunikation.

Die meis­ten Gene­ra­ti­ons­kon­flik­te in Orga­ni­sa­tio­nen ver­lau­fen ent­lang zwei­er gro­ßer Lini­en. Die ers­te Kon­flikt­li­nie betrifft die Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on: Arbeits­zei­ten, Fle­xi­bi­li­tät, die Bereit­schaft ein­zu­sprin­gen und die Fra­ge, wie weit eine Orga­ni­sa­ti­on den indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­sen ihrer Mit­ar­bei­ter ent­ge­gen­kom­men kann. Die zwei­te betrifft die Fra­ge, wie Füh­ren und Fol­gen über­haupt entstehen.

Begin­nen wir mit der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on: Natür­lich kann und soll­te man jun­gen Men­schen ent­ge­gen­kom­men. Gleich­zei­tig kann man sei­ne Orga­ni­sa­ti­on nicht ein­fach dem Zeit­geist hin­ter­her­wer­fen. Irgend­wo hat das Ent­ge­gen­kom­men Gren­zen. Wenn ein Pati­ent in die Not­auf­nah­me gescho­ben wird, kann sich eine jun­ge Ärz­tin nicht erst über­le­gen, was das jetzt mit ihrer Work-Life-Balan­ce macht. Dann muss sie arbeiten.

Und wenn ein Mit­ar­bei­ter zu mir kommt und sagt: „Ich habe ges­tern in der Team­be­spre­chung ver­ges­sen, das anzu­spre­chen. Ich brau­che mor­gen frei. Ich habe mein Kind jetzt end­lich wie­der im Wech­sel­mo­dell, und ich habe ihm etwas ver­spro­chen. Unser Haus­tier hat mor­gen Geburts­tag, und wir wol­len den Geburts­tag fei­ern. Das Ver­spre­chen kann ich nicht bre­chen. Und wenn Sie mich jetzt so spar­sam angu­cken, nur weil das Haus­tier ein Hams­ter ist, muss ich mir wirk­lich über­le­gen, ob Sie der rich­ti­ge Arbeit­ge­ber für mich sind“, dann haben wir ein Problem.

Man muss schau­en, wo „Ent­ge­gen­kom­men“ auf­hört und wo „Hams­ter­ge­burts­tag“ anfängt.

Das ist nicht nur eine Fra­ge des Betriebs­kli­mas, son­dern zuneh­mend auch eine wirt­schaft­li­che Fra­ge. In der Ober­lau­sitz ist die Zahl der arbei­ten­den Köp­fe gegen­über 2015 prak­tisch gleich geblie­ben. Gleich­zei­tig wer­den aber fast sie­ben Pro­zent weni­ger Arbeits­stun­den geleis­tet. Von 100 Arbeits­stun­den, die 2015 geleis­tet wur­den, sind heu­te noch unge­fähr 93 übrig — bei prak­tisch glei­cher Beschäftigtenzahl.

Dafür sind vor allem zwei Ent­wick­lun­gen ver­ant­wort­lich: Der Anteil der Über-60-Jäh­ri­gen unter den Beschäf­tig­ten hat sich ver­dop­pelt, von sie­ben auf vier­zehn Pro­zent. Gleich­zei­tig kom­men jun­ge Men­schen nach, die ande­re Gren­zen hin­sicht­lich ihrer Arbeits­zeit set­zen, weni­ger an ihre Unter­neh­men gebun­den sind und häu­fig schlicht nicht mehr so viel arbei­ten wollen.

Bei der zwei­ten Kon­flikt­li­nie, der Fra­ge, wie Füh­ren und Fol­gen ent­ste­hen, wird es noch interessanter.

Wer am ers­ten Aus­bil­dungs­tag hört, dass in drei Mona­ten drei sei­ner Kol­le­gen nicht mehr da sein wer­den, ist zunächst ein­mal dank­bar, über­haupt einen Arbeits­platz zu haben. Man ord­net sich ein, fühlt sich ver­pflich­tet und ver­sucht, die­sem Pflicht­ge­fühl durch Leis­tung Aus­druck zu verleihen.

Heu­te funk­tio­niert das anders­her­um. Mit­ar­bei­ter­bin­dung beginnt nicht mehr mit einem Pflicht­ge­fühl, son­dern mit einer Emo­ti­on. Jun­ge Men­schen reagie­ren zunächst auf die Men­schen, denen sie zuerst begeg­nen. Die wich­tigs­ten Per­so­nen sind dabei die unmit­tel­ba­ren Füh­rungs­kräf­te — die Team­lei­ter, Aus­bil­der, Pra­xis­an­lei­ter und die­je­ni­gen, die neue Mit­ar­bei­ter einarbeiten.

Zunächst muss eine Bezie­hung ent­ste­hen. Der jun­ge Mensch möch­te wahr­ge­nom­men wer­den, möch­te Inter­es­se und Respekt erfah­ren. Dar­aus ent­steht eine emo­tio­na­le Bin­dung. Danach kommt der Kom­pe­tenz­be­weis. Der jun­ge Mensch erlebt, dass sein Gegen­über nicht nur Inter­es­se an ihm hat, son­dern auch etwas kann. Dass da jemand ist, von dem er oder sie etwas ler­nen kann. Aus die­ser Erfah­rung ent­steht Respekt. Und aus die­sem Respekt die Bereit­schaft, zu folgen.

Frü­her folg­te man, weil man sich ver­pflich­tet fühl­te. Heu­te folgt man, weil man eine Bezie­hung auf­ge­baut hat und die Kom­pe­tenz des ande­ren aner­kennt. Füh­ren und Fol­gen ent­ste­hen also durch­aus noch, nur auf einem ande­ren Weg.

Damit bekom­men die unmit­tel­ba­ren Füh­rungs­kräf­te und die­je­ni­gen, die neue Mit­ar­bei­ter ein­ar­bei­ten, eine ganz ande­re Bedeu­tung. Drei Fähig­kei­ten sind ent­schei­dend: (1) Inter­es­se an Men­schen, (2) Fach­kom­pe­tenz und (3) die Fähig­keit, sich selbst nicht all­zu ernst zu nehmen.

Die­se Rei­hen­fol­ge ist nicht zufäl­lig. Fach­kom­pe­tenz allein reicht nicht. Und wer stän­dig mit bit­te­rem Ernst erklärt, was jun­ge Men­schen gefäl­ligst zu tun haben und was selbst­ver­ständ­lich zu sein hat, wird mit die­sen Situa­tio­nen nicht beson­ders gut zurecht­kom­men. Wer jeden Kon­flikt als Angriff auf sei­ne Auto­ri­tät ver­steht, macht die Sache nicht besser.

Damit sind wir bei der Fra­ge, wie man die­se Kon­flik­te bear­bei­tet. Und hier hal­te ich von den übli­chen Wohl­fühl­ver­an­stal­tun­gen herz­lich wenig. Es nutzt nichts, Pla­ka­te über die Türen zu hän­gen, auf denen steht, dass wir alle wun­der­bar mit­ein­an­der aus­kom­men, Viel­falt schät­zen und uns gegen­sei­tig respek­tie­ren. Kon­flik­te bear­bei­tet man an kon­kre­ten Schnitt­stel­len und anhand kon­kre­ter Fra­gen. Und dafür braucht es manch­mal auch ein biss­chen wohl­tem­pe­rier­te Grausamkeit.

Men­schen grup­pie­ren sich, wenn sie die Wahl haben, nach Sym­pa­thie. Und Sym­pa­thie ent­steht häu­fig durch Ähn­lich­keit. Also gehen die Jun­gen zu den Jun­gen und die Älte­ren zu den Älte­ren. Dann kann ich lan­ge dar­über reden, wie schön gene­ra­ti­ons­über­grei­fen­de Zusam­men­ar­beit wäre. Solan­ge ich nicht die Orga­ni­sa­ti­on ver­än­de­re, wird sich wenig ändern. Wenn ich will, dass Jun­ge und Alte mit­ein­an­der arbei­ten, muss ich sie eben dazu brin­gen. Dann mische ich die Grup­pen, auch gegen deren ursprüng­li­che Nei­gun­gen. Das ist eine orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­me und kei­ne Fra­ge der Gesinnung.

Ein gutes Bei­spiel sind Ein­satz­nach­be­spre­chun­gen bei der Feu­er­wehr. Oder Bespre­chun­gen an betrieb­li­chen Schnitt­stel­len, an denen Infor­ma­tio­nen aus­ge­tauscht, Ent­schei­dun­gen vor­be­rei­tet und Arbeits­ab­läu­fe koor­di­niert wer­den müs­sen. Dort hat die Füh­rungs­kraft dafür zu sor­gen, dass jeder alles sagen und jeder jeden alles fra­gen kann.

Natür­lich kön­nen die Leu­te ihre Sprü­che machen. Natür­lich kön­nen die Älte­ren über die Jun­gen läs­tern und die Jun­gen über die Älte­ren. Aber bit­te nicht dort, wo die gemein­sa­me Arbeit bespro­chen, koor­di­niert und aus­ge­wer­tet wer­den muss.

Wenn ein jun­ger Mit­ar­bei­ter in einer Ein­satz­nach­be­spre­chung eine Fra­ge stellt, hat ein älte­rer Sprü­che­klop­fer nicht dazwi­schen­zu­quat­schen und ihn lächer­lich zu machen. Der älte­re Kol­le­ge kann sei­ne Sprü­che spä­ter klop­fen. In der Bespre­chung hat er sei­ne Klap­pe zu hal­ten. Und der jun­ge Mit­ar­bei­ter muss aus­drück­lich ermu­tigt wer­den, sei­ne Fra­gen zu stel­len und sei­ne Beob­ach­tun­gen mit­zu­tei­len. Dafür ist die Füh­rungs­kraft ver­ant­wort­lich. Sie hat das zu mode­rie­ren, und zwar kon­kret in der Situa­ti­on, nicht irgend­wann hin­ter­her in einem Work­shop über Wertschätzung.

Denn die Orga­ni­sa­ti­on muss ler­nen kön­nen. Sie muss mer­ken, wenn etwas nicht funk­tio­niert hat, wenn ein Vor­gang anders ver­lau­fen ist als beab­sich­tigt — oder wenn etwas zum ers­ten Mal funk­tio­niert hat. Dafür braucht es Infor­ma­tio­nen. Und die bekommt man nur, wenn alle Betei­lig­ten sagen kön­nen, was sie wahr­ge­nom­men haben. Wenn die Älte­ren den Jun­gen das Wort abschnei­den und die Jun­gen sich nicht mehr trau­en, etwas zu fra­gen, wird die Orga­ni­sa­ti­on düm­mer. Ganz unab­hän­gig davon, wie vie­le Pla­ka­te über gute Kom­mu­ni­ka­ti­on oder gute Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur über den Türen hängen.

Inter­es­san­ter­wei­se müs­sen dabei die Vor­ur­tei­le gar nicht ver­schwin­den. Der jun­ge Mit­ar­bei­ter fin­det die Alten viel­leicht wei­ter­hin furcht­bar. Aber der Hans, mit dem man zusam­men­ge­ar­bei­tet hat, der ist in Ord­nung. Den kennt er, mit dem hat er etwas erlebt, auf den kann er sich verlassen.

Und Hans hält die Jun­gen womög­lich wei­ter­hin für eine Ansamm­lung merk­wür­di­ger Gestal­ten, die stän­dig auf ihre Han­dys gucken und kei­ne Ahnung haben. Aber der Flo­ri­an, der ist in Ord­nung. Der hat etwas auf dem Kas­ten. Der kann was.

So ent­ste­hen trag­fä­hi­ge Bezie­hun­gen. Nicht dadurch, dass man den Leu­ten ihre Vor­ur­tei­le aus­re­det — son­dern dadurch, dass sie mit­ein­an­der Erfah­run­gen machen. Und manch­mal muss man die­se Erfah­run­gen durch „wohl­tem­pe­riert for­cier­te“ Koope­ra­ti­on ermöglichen.

Manch­mal muss man als Füh­rungs­kraft Kon­flik­te schaf­fen, damit es etwas zu bear­bei­ten gibt.

Wenn alle ein­an­der aus­wei­chen, sich Grup­pen abschot­ten und die Kon­flik­te gar nicht erst sicht­bar wer­den, lernt nie­mand etwas.

Ohne Rei­bung gibt es kei­nen Fort­schritt. Kon­flik­te sind im Prin­zip etwas Gutes, weil durch ihre Bear­bei­tung Ent­wick­lung mög­lich wird. Das Pro­blem ist nicht der Kon­flikt. Der Kon­flikt wird erst zum Pro­blem, wenn er ein­friert.

Das gilt auch für inter­kul­tu­rel­le Kon­flik­te. Die ver­schwin­den nicht durch Beleh­rung. Man kann „Wir schaf­fen das“ über die Tür schrei­ben, Besin­nungs­sprü­che an die Wand hän­gen oder Fah­nen auf­stel­len. Das Irri­ta­ti­ons­po­ten­zi­al ver­schwin­det dadurch nicht.

Ich habe eini­ge Jah­re im Aus­lands­ein­satz gear­bei­tet. Selbst wenn man eine frem­de Spra­che ver­flixt gut spricht, wird man etwas falsch ver­ste­hen oder wird man falsch ver­stan­den — und gerät anein­an­der. Unter­schied­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ver­schwin­den nicht dadurch, dass man sich ihrer bewusst wird.

Gemein­sam­kei­ten ent­ste­hen durch gemein­sa­me Erfah­run­gen — vor allem durch die Erfah­rung, Kon­flik­te mit­ein­an­der klä­ren zu kön­nen. Wenn mich jemand irri­tiert, muss die­se Irri­ta­ti­on bear­bei­tet wer­den. Wenn wir anein­an­der­ge­ra­ten, müs­sen wir einen Weg fin­den, den Kon­flikt aus­zu­tra­gen. Wenn das gelingt, sind die Bezie­hun­gen hin­ter­her trag­fä­hi­ger als vorher.

Die Ver­hält­nis­se wer­den nicht durch gute Absich­ten bes­ser. Sie wer­den durch Erfah­run­gen gut.

Neh­men wir einen inter­kul­tu­rel­len Kon­flikt, bei dem ein jun­ger Mit­ar­bei­ter aus irgend­ei­nem wun­der­schö­nen Aus­land sei­nem Vor­ge­setz­ten nicht die Hand gibt. Der Vor­ge­setz­te ist mit einem Mann ver­hei­ra­tet und ver­mu­tet sofort, der jun­ge Mit­ar­bei­ter habe ihm des­halb die Hand ver­wei­gert. Die Sache lan­det bei der Chef­eta­ge. Die fragt den jun­gen Mann, ob sein Ver­hal­ten etwas mit sei­ner Her­kunft oder Reli­gi­on zu tun habe. Wor­auf­hin der jun­ge Mann der Chef­eta­ge Ras­sis­mus vorwirft.

Der Kon­flikt wan­dert wei­ter bis vor eine kon­zern­in­ter­ne Schieds­stel­le. Dort kommt es zur Aus­spra­che. Die Geschäfts­lei­tung ent­schul­digt sich für den Ras­sis­mus und zeigt im sel­ben Atem­zug den jun­gen Mit­ar­bei­ter wegen Homo­pho­bie bei der­sel­ben kon­zern­in­ter­nen Schieds­stel­le an.

Und nun?

Da hilft kein Pla­kat über Tole­ranz. Man kann nicht erklä­ren, dass wir uns alle ver­tra­gen und tole­rant mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren sollen.

Es ist ja bereits pas­siert. Und jetzt muss geklärt wer­den, was über­haupt gesche­hen ist und wie die Betei­lig­ten künf­tig mit­ein­an­der umge­hen kön­nen. Dafür gibt es Metho­den. Und Füh­rungs­kräf­te kön­nen ler­nen, sol­che Klä­run­gen zu moderieren.

Natür­lich gibt es Kon­flik­te, die sich nicht mehr klä­ren las­sen. Dann müs­sen sie durch orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men been­det wer­den. Aber sie dür­fen nicht ein­frie­ren. Denn ein­ge­fro­re­ne Kon­flik­te sor­gen dafür, dass Men­schen nicht mehr mit­ein­an­der zusam­men­ar­bei­ten kön­nen. Sie blo­ckie­ren die Orga­ni­sa­ti­on, wäh­rend alle Betei­lig­ten ihre Posi­tio­nen ver­tei­di­gen und ein­an­der die Schuld zuschieben.

Eine Orga­ni­sa­ti­on hat nun ein­mal einen Zweck. Was in ihr geschieht, soll auf die­sen Zweck einzahlen.

Ent­schei­dend ist des­halb nicht, ob es Kon­flik­te gibt, son­dern wie sie bear­bei­tet wer­den. Dazu braucht es geeig­ne­te Ver­fah­ren, kla­re Mode­ra­ti­on und gege­be­nen­falls orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­grif­fe. Metho­den wie das Reflec­ting Team oder das Lager­feu­er von Edgar Schein kön­nen dabei hilf­reich sein.

Was man dage­gen nicht braucht, sind noch mehr wohl­mei­nen­de Absichts­er­klä­run­gen. Man muss Men­schen nicht stän­dig dar­über beleh­ren, wie sie mit­ein­an­der umge­hen sol­len. Man muss sie dazu brin­gen, mit­ein­an­der zu arbei­ten, ihre Kon­flik­te aus­zu­tra­gen und die Erfah­rung zu machen, dass Zusam­men­ar­beit auch dann mög­lich ist, wenn man sich zunächst über­haupt nicht ver­steht. Manch­mal muss man die Kon­flik­te dafür erst schaffen.

Und manch­mal muss man eben auch Gren­zen set­zen — also bspw. erklä­ren, dass ein Hams­ter­ge­burts­tag kein Grund ist, die Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on über den Hau­fen zu wer­fen, oder dass man die Ein­hal­tung hier gel­ten­der Min­dest­stan­dards wie den Hand­schlag bei einer Begrü­ßung schlicht erwar­tet — Kon­se­quen­zen inklu­si­ve, wenn es nicht klappt.

Jörg Hei­dig

PS: Die­ser Text gibt mei­ne State­ments auf einem Unter­neh­mer­tref­fen der Ost­säch­si­schen Spar­kas­se am 08.10.26 in Rade­berg wie­der. Ich war in Ver­tre­tung von Dr. Ste­pha­nie Roh­ac zu Gast auf dem Podi­um. Nor­ma­ler­wei­se suche ich sol­che „gro­ßen Büh­nen“ nicht. Aber es hat Spaß gemacht. Es ging um das The­ma Gene­ra­tio­nen, um die Unter­schie­de zwi­schen Jung und Alt im Unter­neh­mens­ge­sche­hen, um die Kon­flik­te, die dar­aus ent­ste­hen kön­nen — und dar­um, wie man mit sol­chen Kon­flik­ten prak­tisch umge­hen kann. Vie­len Dank an Lars Wät­zold für die Mode­ra­ti­on. Es hat mich sehr gefreut. 😉

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.