Wie Führungskräfte mit Generationskonflikten umgehen können

Die The­men „Füh­rung jün­ge­rer Mit­ar­bei­ter“ und „Gene­ra­ti­ons­kon­flik­te“ gehö­ren der­zeit zu den gefrag­tes­ten in mei­nen Füh­rungs­kräf­te­trai­nings, noch vor „Umgang mit Kon­flik­ten“, „Dees­ka­la­ti­on“ oder „schwie­ri­ge Gesprä­che“. Wie hilf­los (oder auch fas­sungs­los?) man dies­be­züg­lich wer­den kann, zei­gen gele­gent­li­che Berich­te über Unter­neh­men, die nie­man­den unter­halb einer bestimm­ten Alters­gren­ze mehr ein­stel­len wollen.

Es ist in jedem Fall ein kon­tro­ver­ses The­ma, das anzu­fas­sen nicht ein­fach ist, weil man sich all­zu leicht zwi­schen Ste­reo­ty­pen ver­hed­dert — die jun­ge Gene­ra­ti­on sei so oder so, und des­halb müs­se man sich gar nicht wun­dern und so weiter.

Wer sich Umfra­gen anschaut, erblickt ein hete­ro­ge­nes Bild: Jün­ge­re Frau­en ticken eher pro­gres­siv, jün­ge­re Män­ner eher kon­ser­va­tiv; der Anteil ein­sa­mer Men­schen ist unter den jun­gen Leu­ten krass ange­stie­gen. In man­chen euro­päi­schen Län­dern stei­gen die Kir­chen­ein­trit­te bei den Men­schen unter 30. Die heu­te jun­ge Gene­ra­ti­on trinkt viel weni­ger, hat viel weni­ger Sex, hat deut­lich mehr Zukunfts­ängs­te. Und so weiter.

Aber all das sagt wenig über die Miß­ver­ständ­nis­se zwi­schen den Gene­ra­tio­nen im Kon­text von Orga­ni­sa­ti­on und Arbeit aus. Woll­ten wir wirk­lich die bis­wei­len auf­tre­ten­den gene­ra­ti­ons­be­ding­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­run­gen ver­ste­hen, müs­sen wir uns mei­nes Erach­tens mit jenen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten beschäf­ti­gen, die sich aus sich über die Zeit ver­än­dern­den Erzie­hungs­mus­tern erge­ben. Genau das ver­sucht die­ser Text.

Ziel des Tex­tes ist die Skiz­zie­rung von prak­ti­schen kom­mu­ni­ka­ti­ven Hand­lungs­mög­lich­kei­ten. Um pra­xis­na­he Schluss­fol­ge­run­gen ablei­ten zu kön­nen, muss die Lage und die Ent­wick­lung der Lage aus­führ­lich geschil­dert wer­den. Das tut der Text, aller­dings nicht all­zu umfas­send. Wer sich für eine tie­fer grei­fen­de Refle­xi­on des The­mas inter­es­siert, wird ggf. hier fündig.

Erzie­hung besteht, wenn man sie ganz prak­tisch betrach­tet, nicht aus gro­ßen Kon­zep­ten, son­dern aus vie­len klei­nen Situa­tio­nen — aus Momen­ten, die für sich genom­men banal wir­ken, aber in ihrer Wie­der­ho­lung etwas erzeu­gen, das spä­ter kaum noch hin­ter­fragt wird. Man kann Erzie­hung nicht ver­ste­hen, wenn man nur über Theo­rien spricht. Man ver­steht sie, wenn man sich anschaut, was im All­tag passiert.

Eine typi­sche Situa­ti­on: Die Eltern sit­zen am Tisch, sie essen, sie unter­hal­ten sich. Das Kind kommt aus dem Kin­der­zim­mer, tritt an den Tisch und möch­te etwas. Es ist nichts Drin­gen­des, es ist auch nichts Gefähr­li­ches pas­siert, es ist ein­fach ein Anlie­gen. Jetzt kommt es dar­auf an, was passiert.

Wird das Gespräch unter­bro­chen, wird das Essen ste­hen gelas­sen, rich­tet sich die Auf­merk­sam­keit sofort auf das Kind? Oder wird das Kind gebe­ten zu war­ten, wird ihm signa­li­siert, dass es Momen­te gibt, in denen es nicht im Zen­trum steht?

Die­se Situa­ti­on ist unschein­bar, aber sie ist nicht belang­los — sie wie­der­holt sich. Und mit jeder Wie­der­ho­lung wird etwas bestä­tigt oder begrenzt („frus­triert“). Wenn ein Ver­hal­ten zum Erfolg führt, wird es wie­der­holt. Wenn es wie­der­holt wird und erfolg­reich bleibt, wird es zur Gewohn­heit. Und wenn es zur Gewohn­heit wird, wird es irgend­wann selbstverständlich.

Erzie­hung funk­tio­niert über sol­che Ver­dich­tun­gen. Die „Prä­gung“ eines Kin­des ist qua­si das „Echo“ oder das „Kon­den­sat“ vie­ler Interaktionen.

Neben­be­mer­kung: Allein der Umstand, dass mitt­ler­wei­le mehr als die Hälf­te der Kin­der in Deutsch­land Ein­zel­kin­der sind, ver­än­dert den Umgang mit ihnen: Wenn ich nur noch ein Kind habe, wird das Kind all­zu wahr­schein­lich zum „Pro­jekt“ und zum Teil der Selbst­ver­wirk­li­chung sei­ner Eltern. Wenn wir dann noch hin­zu­neh­men, dass sich sehr vie­le Eltern heu­te tren­nen, wäh­rend die Kin­der noch min­der­jäh­rig sind, dann lässt das in gewis­ser Wei­se „neue Pro­ble­me“ auf­schei­nen, die wir kaum bear­bei­ten kön­nen, weil sie struk­tu­rel­ler Natur sind. Aber das haben wir kürz­lich an ande­rer Stel­le aus­führ­lich dis­ku­tiert, wes­halb es hier nur am Ran­de ange­merkt wer­den soll. 

Will man Gene­ra­ti­ons­kon­flik­te ver­ste­hen, muss man sich die­se „Inter­ak­ti­ons­ef­fek­te“ — also die „kon­den­sier­ten“ Ver­hal­tens­mus­ter anse­hen. Die ver­schie­de­nen Gene­ra­tio­nen, inso­fern es so etwas über­haupt gibt, erge­ben sich aus unter­schied­li­chen Interaktionsmustern.

Wenn in einer Orga­ni­sa­ti­on ein Gene­ra­ti­ons­kon­flikt auf­tritt, dann bringt der Kon­flikt kein Schild mit, auf dem „Gene­ra­ti­ons­kon­flikt“ steht. So ein Kon­flikt beginnt lang­sam. Men­schen grup­pie­ren sich nach Sym­pa­thie, und Sym­pa­thie funk­tio­niert vor allem über Ähn­lich­keit. Wer ähn­lich alt ist, ist sich mit einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit sym­pa­thi­scher — oder kennt sich ohne­hin schon.

Am Anfang ist da nur eine Irri­ta­ti­on. Eine knap­pe Anwei­sung — die aus Sicht der Älte­ren „frü­her gereicht“ hät­te, aus Sicht eini­ger Jün­ge­rer aber „all­zu schroff“ oder „all­zu direkt“ daher­kommt — führt zu Miss­ver­ständ­nis­sen. Ein Ton, der für den einen nor­mal ist, wirkt auf die ande­re bereits über­grif­fig. Ein Wider­spruch, der frü­her als „Frech­heit“ gegol­ten hät­te, wird nun als legi­ti­mer Aus­druck von Selbst­ach­tung vorgetragen.

Am Anfang sind das ein­zel­ne Irri­ta­tio­nen. Noch kann man dar­über hin­weg­ge­hen. Noch sagen sich vie­le: Das wird schon wie­der. Aber es wird eben oft nicht wie­der. Es wird mehr. Denn was da auf­ein­an­der­prallt, sind nicht ein­fach Alters­grup­pen. Es sind ver­schie­de­ne Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten.

Und Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten sind gefähr­lich, weil sie unsicht­bar sind. Solan­ge sie funk­tio­nie­ren, bemerkt man sie nicht. Erst wenn sie anein­an­der­ge­ra­ten, wer­den sie sicht­bar. Dann merkt man plötz­lich, dass zwei Men­schen in der­sel­ben Situa­ti­on etwas völ­lig Ver­schie­de­nes für „nor­mal“ hal­ten. Der eine hält Unter­ord­nung für den Anfang jeder Zusam­men­ar­beit. Der ande­re hält es für selbst­ver­ständ­lich, zuerst ernst genom­men und „abge­holt“ zu wer­den, damit Zusam­men­ar­beit über­haupt mög­lich ist. Der eine erwar­tet, dass man sich ein­fügt — und spä­ter viel­leicht auch reden kann. Der ande­re erwar­tet, dass ihm auf Augen­hö­he und mit Respekt begeg­net wird — und er dann ent­schei­det, ob er folgt.

Damit beginnt das, was in Orga­ni­sa­tio­nen oft fälsch­lich als „Cha­rak­t­er­pro­blem“ behan­delt wird, in Wahr­heit aber häu­fig ein „Gene­ra­ti­ons­pro­blem“ ist.

Wer als Füh­rungs­kraft mit Gene­ra­ti­ons­kon­flik­ten umge­hen will, muss des­halb an einer unbe­que­men Stel­le anfan­gen: nicht bei den ande­ren, son­dern bei den eige­nen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Man muss sich fra­gen, was man selbst für „nor­mal“ hält — und ob das, was man selbst für „nor­mal“ hält, für den ande­ren auch so selbst­ver­ständ­lich ist — oder eben nicht.

Wenn man die Ent­wick­lung der Erzie­hung in den letz­ten Jahr­zehn­ten betrach­tet, dann las­sen sich — ganz grob — drei Sti­le erken­nen — nicht sau­ber getrennt, nicht wie mit dem Line­al gezo­gen, aber doch deut­lich genug, um im Arbeits­all­tag Spu­ren zu hin­ter­las­sen, also zu Miss­ver­ständ­nis­sen, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­run­gen, Grüpp­chen­bil­dung und Kon­flik­ten zu führen.

Der ers­te Stil ist der älte­re, auto­ri­täts­ge­bun­de­ne Erzie­hung­s­til: Das Kind ord­net sich unter, fügt sich ein. Die Eltern set­zen den Rah­men. Nicht alles wird erklärt, nicht alles wird ver­han­delt. Es gibt Din­ge, die gel­ten. Punkt.

Wer so auf­ge­wach­sen ist, lernt früh, dass er nicht das Zen­trum der Welt ist. Er lernt, dass ande­re Vor­rang haben kön­nen. Er lernt, dass es Rei­hen­fol­gen gibt, Hier­ar­chien, Zustän­dig­kei­ten, Gren­zen. Das kann hart sein. Es kann zu blin­der Anpas­sung füh­ren. Es kann Men­schen her­vor­brin­gen, die zu lan­ge schwei­gen und zu spät wider­spre­chen. Aber es erzeugt auch etwas, das Orga­ni­sa­tio­nen brau­chen: die Fähig­keit, sich in ein Gefü­ge ein­zu­ord­nen, ohne bei jeder Zumu­tung gleich das eige­ne Selbst bedroht zu sehen.

Der zwei­te Stil ist als Gegen­be­we­gung zu über­trie­be­ner Auto­ri­tät ent­stan­den. Der Impuls rich­tet sich gegen genau jene Form des „selbst­ver­ständ­li­chen Funk­tio­nie­rens“, die durch zu viel und zu stren­ge Auto­ri­tät her­vor­ge­bracht wird. Mit die­sem Erzie­hungs­still will man errei­chen, dass Men­schen nicht (mehr) ein­fach nur „funk­tio­nie­ren“. Man will, dass sie ver­ste­hen, dass sie mit­den­ken, dass sie sich betei­li­gen — und dass sie im Zwei­fels­fall „auf­mu­cken“. Das Kind wird nicht mehr bloß erzo­gen, son­dern ein­be­zo­gen, beglei­tet, betei­ligt. Ent­schei­dun­gen wer­den erklärt. Per­spek­ti­ven wer­den berück­sich­tigt. Auto­ri­tät ver­schwin­det nicht, aber sie tritt anders auf. Sie begrün­det sich. Sie ver­sucht nicht nur zu gel­ten, son­dern ver­stan­den zu wer­den. Die­se Hal­tung ver­sucht erst ein­mal Inter­es­se zu zei­gen, Ver­trau­en zu gewin­nen, eine Bezie­hung auf­zu­bau­en. Erst kommt die Bin­dung, dann der Kom­pe­tenz­be­weis, und dann akzep­tiert das Gegen­über ggf. die Führung.

Men­schen, die im Umstand der „respek­tie­ren­den Augen­hö­he“ auf­ge­wach­sen sind, tre­ten anders in Orga­ni­sa­tio­nen ein als jene, die noch mit einer gewis­sen Auto­ri­tät erzo­gen wur­den. Sie erwar­ten nicht zuerst Ord­nung, son­dern Bezie­hung. Sie wol­len nicht ein­fach nur „Anwei­sung und Aus­füh­rung“. Sie wol­len wis­sen, war­um etwas gilt. Sie wol­len mer­ken, dass sie gese­hen wer­den. Sie wol­len nicht von oben her­ab „behan­delt“, son­dern auf Augen­hö­he „ange­spro­chen“ und „abge­holt“ wer­den. Das ist kei­nes­wegs Schwä­che. Es ist nur eine ande­re Vor­aus­set­zung für Mitarbeiterbindung.

Das „Fol­gen“ ent­steht hier nicht zuerst. Es ent­steht erst spä­ter — wenn Ver­trau­en ent­stan­den ist, wenn Inter­es­se, ehr­li­che Hal­tung und Kom­pe­tenz sicht­bar gewor­den sind. Erst wenn man den Ein­druck hat, dass die Füh­rungs­kraft nicht bloß eine Rol­le spielt, son­dern weiß, was sie tut und war­um, „folgt“ man der Führungskraft.

Und dann gibt es noch einen drit­ten Erzie­hungs­stil, der durch die Unter­wer­fung man­cher Eltern unter ihre Kin­der gekenn­zeich­net ist. Er han­delt sich hier nicht mehr um Augen­hö­he, son­dern um eine gewis­se „Ent­glei­sung der Augen­hö­he“. Die Unter­wer­fung beginnt dort, wo Erzie­hung in der Fami­lie nicht dia­lo­gisch bleibt, son­dern regel­recht ver­schwin­det. Wo Kin­der nicht nur betei­ligt, son­dern regel­recht zum Maß­stab gemacht wer­den. Wo nicht mehr die Eltern den Rah­men set­zen und dar­in Spiel­räu­me eröff­nen, son­dern wo die Eltern sich an den Impul­sen der Kin­der aus­rich­ten, bis am Ende kaum noch etwas übrig bleibt, das nicht ver­han­del­bar wäre.

Auch das ent­steht nicht durch ein ein­zel­nes Ereig­nis. Es ent­steht durch Wie­der­ho­lung, durch tau­sen­de klei­ner Situa­tio­nen. Das Kind kommt ins Zim­mer, unter­bricht, will etwas, ver­langt etwas, setzt sich durch — nicht ein­mal, nicht zwei­mal, son­dern immer wie­der. Und wenn das Kind immer wie­der erlebt, dass sei­ne Impul­se die Situa­ti­on ord­nen, dann ent­steht dar­aus eine Erfah­rung, die spä­ter tief sitzt: Die Welt reagiert auf mich. Mei­ne Bedürf­nis­se haben Vor­rang. Begren­zung wird dann nicht mehr als Teil der Rea­li­tät, son­dern als Zumu­tung empfunden.

Das „eigent­li­che“ Pro­blem beginnt oft erst spä­ter, näm­lich dann, wenn die­se Men­schen auf Vor­ga­ben tref­fen, vor denen ihre Eltern sie nicht mehr schüt­zen kön­nen, also spä­tes­tens in den höhe­ren Schul­jah­ren und aller­spä­tes­tens in der Aus­bil­dung. Denn Unter­neh­men funk­tio­nie­ren nicht über per­ma­nen­te Aus­hand­lung — also ganz lang­fris­tig betrach­tet schon, aber kei­nes­wegs in all­täg­li­chen kon­kre­ten Situa­tio­nen. Unter­neh­men kön­nen nicht bei jeder Klei­nig­keit erst eine „Sinn­kon­fe­renz“ ein­be­ru­fen — Hoch­schu­len mit­un­ter schon, und sie tun es auch, aber Unter­neh­men eher nicht. Unter­neh­men brau­chen unter ande­rem Ver­läss­lich­keit, Rou­ti­nen und Stan­dards. Sie brau­chen in bestimm­ten Situa­tio­nen ein schlich­tes: Mach das jetzt.

Wer kaum gelernt hat, dass Begren­zung Teil der Rea­li­tät ist, erlebt sol­che Momen­te nicht als nor­ma­len Bestand­teil von Zusam­men­ar­beit, son­dern als Krän­kung. Und genau dort ent­zün­den sich vie­le der Kon­flik­te, über die dann hilf­los gesagt wird, die Gene­ra­tio­nen pas­sen eben nicht mehr zusammen.

Viel­leicht stim­men man­che Lese­rin­nen und Leser die­ser Beschrei­bung der aktu­el­len Lage zu. Doch es ist ein­zu­wen­den, dass die­se Beschrei­bung in vie­len Fäl­len zu ein­fach bleibt, zu kurz greift. Denn ers­tens haben wir nur die jun­gen Leu­te, die wir haben, und zwei­tens sind es oft nur Miss­ver­ständ­nis­se, die sich aus unter­schied­li­chen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten und dar­aus resul­tie­ren­den Erwar­tun­gen ergeben.

Wenn es wirk­lich ein­mal gar nicht passt, soll man sich tren­nen. Gera­de bei jun­gen Men­schen, deren Eltern sich in der Erzie­hung unter­wor­fen haben, wird das immer wie­der vor­kom­men. Aber vor­her soll­te man zumin­dest das „ver­nünf­tig Mög­li­che“ ver­sucht haben, ohne sei­ne Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gi­ken und Erwar­tun­gen all­zu sehr „dem Zeit­geist hinterherzuwerfen“.

Die gegen­sei­ti­gen Erwar­tun­gen stam­men oft genug aus den jeweils eige­nen Prä­gun­gen, aus den kaum hin­ter­frag­ba­ren Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten. Unter­schied­li­che Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten sind wahr­schein­lich nicht ohne Über­set­zungs­leis­tung zusam­men­zu­brin­gen. Aber eben die­se Über­set­zungs­leis­tung ist Führungs‑, Einarbeitungs‑, Aus­bil­dungs- und Konfliktarbeit.

Eine Füh­rungs­kraft, die sel­ber noch stark auto­ri­täts­ori­en­tiert geprägt ist, läuft in sol­che Situa­tio­nen mit Erwar­tun­gen hin­ein, die ihr nicht bewusst sind. Sie hält es für nor­mal, dass ein jün­ge­rer Mit­ar­bei­ter eine Anwei­sung annimmt, umsetzt und sei­ne Fra­gen spä­ter stellt. Wenn das nicht pas­siert, deu­tet sie das schnell als Man­gel an Respekt, Dis­zi­plin oder Charakter.

Die ande­re Sei­te erlebt die­sel­be Situa­ti­on oft völ­lig anders. Dort heißt die inne­re Über­schrift nicht: War­um soll ich mich nicht ein­fü­gen? Son­dern: War­um spricht der so mit mir? War­um erklärt er das nicht? War­um behan­delt er mich, als wäre ich bloß irgend­ein sprich­wört­li­cher „Pam­pel“? War­um soll ich etwas tun, ohne den Sinn zu kennen?

So ent­steht eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­rung, die in Wahr­heit tie­fer liegt als bloß auf der Ebe­ne der Gesprächs­füh­rung. Es han­delt sich um einen Zusam­men­stoß unter­schied­li­cher Prägungen.

Neh­men wir eine ein­fa­che Situa­ti­on. Im Ret­tungs­dienst kom­men drei Leu­te von einem Ein­satz zurück. Zwei Ret­ter, ein Azu­bi. Einer der Ret­ter ist der Pra­xis­an­lei­ter des Aus­zu­bil­den­den. Das Fahr­zeug wird abge­stellt. Der Pra­xis­an­lei­ter steigt aus, der Azu­bi steigt aus, und der Pra­xis­an­lei­ter sagt: „Putz’ bit­te mal die Schei­be.“ Der Satz ist kurz. Frü­her hät­te er gereicht. Heu­te reicht er oft nicht mehr.

Der Azu­bi meint, sei­ne Rech­te zu ken­nen, und ant­wor­tet: „Ich bin doch nicht die Putze.“

In die­sem Moment ste­hen nicht ein­fach zwei Per­so­nen auf dem Hof. In die­sem Moment ste­hen dort zwei Welten.

Die ers­te Reak­ti­ons­mög­lich­keit des Pra­xis­an­lei­ters wäre „kal­te Auto­ri­tät“: „Du putzt jetzt die Schei­be, sonst gehst du nicht nach Hau­se.“ Das wäre klar. Das wäre ent­schie­den. Das wäre für man­chen inner­lich sogar befrie­di­gend, weil es die Ord­nung sofort wie­der­her­stellt. Das Pro­blem ist nur: Es stellt die Ord­nung oft nicht her. Es ruft heu­er oft Rück­zug, Trotz, inne­re Kün­di­gung oder offe­nen Gegen­druck her­vor. Viel­leicht wird die Schei­be geputzt. Aber der Mensch ist (spä­ter) weg — oder beschwert sich am nächs­ten Tag in der Berufsschule.

Die zwei­te Mög­lich­keit ist eine Misch­form. Man bleibt in der Füh­rungs­rol­le, ver­sucht aber zu erklä­ren. Man macht deut­lich, dass es nicht um Demü­ti­gung geht, son­dern um einen Grund. Das ist bes­ser als jene „rohe Här­te“ aus den Zei­ten auto­ri­tä­rer Prä­gung. Hier sagt der Pra­xis­an­lei­ter viel­leicht: „Hör mal zu, falls Du davon aus­gehst, dass ich den­ke, dass Lehr­jah­re kei­ne Her­ren­jah­re sind und ich Dich des­halb so behand­le, dann sage ich Dir gern: Nein, das stimmt nicht. Ich sage Dir das aus einem bestimm­ten Grund. Und hier hast Du eine Auf­ga­be: Mache Dir mal bis mor­gen Gedan­ken, war­um ich Dir das noch gesagt haben könn­te. Es gibt dafür einen ganz bestimm­ten Grund. Gib mir mor­gen mal bit­te eine Ant­wort. Die ‚Hin­weis­rei­ze‘ könn­ten sein: Stan­dar­di­sie­rung und Red­un­danz. Wenn Dir ein­mal nicht pas­sen soll­te, wie ich etwas sage, lass es mich bit­te wis­sen. Ich bin nicht per­fekt, aber mein Ziel ist, dass Du hier etwas lernst. Also lass uns ger­ne reden. Und jetzt sage mir gern, was Du denkst… Und dann put­ze bit­te die Schei­be.“ Das ist noch kei­ne Augen­hö­he, das ist immer noch in gewis­ser Wei­se „auto­ri­tär“, aber es traut dem Gegen­über etwas zu, vor­aus­ge­setzt, dass sich auch das Gegen­über etwas traut. Es macht Not­wen­dig­kei­ten und Rol­len deut­lich, ohne im „alten Sin­ne“ direk­tiv zu sein. Aber oft bleibt es für das Gegen­über nur „halb offen“ — halb Bezie­hung, halb Ansa­ge. Das kann funk­tio­nie­ren. Es kann aber auch nach päd­ago­gisch getarn­ter Macht­aus­übung klingen.

Die drit­te Mög­lich­keit ist die anstren­gends­te und in vie­len Fäl­len die klügs­te: Man nimmt die Irri­ta­ti­on ernst, ohne die Füh­rungs­rol­le aufzugeben.

Dann könn­te man sagen: „Offen gesagt war das für mich gera­de eine Stö­rung. Darf ich fra­gen, wie Du eben zu Dei­ner Ant­wort gekom­men bist? … Du musst mir nicht ant­wor­ten, aber es inter­es­siert mich. … Wenn ich rüber­kom­me wie ‚Lehr­jah­re sind kei­ne Her­ren­jah­re‘, dann sag mir das bit­te. … Ich möch­te dir auch erklä­ren, war­um ich dir das gesagt habe. Nicht, weil du der Azu­bi bist und ich hier Macht demons­trie­ren will. Son­dern weil bestimm­te Hand­lun­gen hier zur Rou­ti­ne gehö­ren müs­sen, bevor sie über­haupt zur Dis­kus­si­on stehen.“

Und dann erklärt man es. Nicht in Wat­te gepackt, son­dern konkret.

Man erklärt, dass eine dre­cki­ge Schei­be im fal­schen Moment zum Sicher­heits­pro­blem wer­den kann. Dass Stan­dards nicht aus Schi­ka­ne ent­ste­hen, son­dern aus Erfah­rung. Dass gute Arbeit in vie­len Beru­fen dar­an hängt, dass bestimm­te Hand­lun­gen so tief ein­ge­übt sind, dass sie ohne Nach­den­ken gesche­hen. Nicht weil Den­ken unwich­tig wäre. Son­dern weil man nicht alles im ent­schei­den­den Moment neu ver­han­deln kann.

Man erklärt, dass Orga­ni­sa­tio­nen von sol­chen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten leben. Dass Hygie­ne kein Hob­by ist. Dass Rou­ti­nen kein Aus­druck von Klein­lich­keit sind. Dass man nicht jedes Mal einen phi­lo­so­phi­schen Vor­trag hal­ten kann, wenn eine Hand­lung längst Teil pro­fes­sio­nel­ler Gewohn­heit sein müsste.

Und zugleich macht man etwas Zwei­tes, das min­des­tens eben­so wich­tig ist: Man eröff­net dem ande­ren die Mög­lich­keit, die eige­ne Irri­ta­ti­on aus­zu­spre­chen, ohne dafür bestraft zu werden.

Man könn­te also sagen: „Wenn du dich von mei­nem Ton gegän­gelt fühlst, dann sprich es an, dann will ich das wis­sen. Wenn ich dir etwas sage, dann geh bit­te nicht auto­ma­tisch davon aus, dass es nur Macht­aus­übung ist. In der Regel gibt es einen Grund. Und den ver­su­che ich dir zu erklä­ren. Trotz­dem bleibt es eine Anweisung.“

Genau dort beginnt sau­be­re Füh­rung — weder im Kuscheln, noch im Durch­re­gie­ren. Son­dern in der Ver­bin­dung von Klar­heit und Übersetzung.

Vie­le Füh­rungs­kräf­te machen an die­ser Stel­le einen Feh­ler. Sie glau­ben, sie müss­ten sich zwi­schen Auto­ri­tät und Bezie­hung ent­schei­den. Ent­we­der kon­se­quent oder mensch­lich. Ent­we­der klar oder wert­schät­zend. Ent­we­der Ansa­ge oder Gespräch.

Das ist Unsinn.

Die eigent­li­che Kunst besteht dar­in, bei­des zusam­men­zu­brin­gen. Wer nur auf Bezie­hung setzt, wird irgend­wann weich und unglaub­wür­dig. Wer nur auf Auto­ri­tät setzt, wird irgend­wann hart und wir­kungs­los. Füh­rung braucht Form. Aber Form ohne Bezie­hung wird leer. Bezie­hung ohne Form wird beliebig.

Gera­de im Umgang mit jün­ge­ren Mit­ar­bei­tern reicht es oft nicht mehr, Recht zu haben. Man muss das Rich­ti­ge so ver­mit­teln, dass es anschluss­fä­hig wird. Nicht weil die Rea­li­tät sich nach Befind­lich­kei­ten rich­ten soll. Son­dern weil Füh­rung nur dann Wir­kung ent­fal­tet, wenn sie den ande­ren erreicht.

Das heißt nicht, dass jede Emp­find­lich­keit legi­tim ist. Nicht jede Irri­ta­ti­on ist tief­grün­dig. Nicht jeder Wider­spruch ist Aus­druck von Mün­dig­keit. Nicht jede Kri­tik ist klug. Es gibt ein­zel­ne jun­ge Mit­ar­bei­ter, die jede Gren­ze sofort mora­lisch auf­la­den. Es gibt Aus­zu­bil­den­de, die hin­ter jeder Vor­ga­be bereits einen Angriff auf ihre Wür­de ver­mu­ten. Es gibt auch einen Teil der heu­te jun­gen Gene­ra­ti­on, die man mit Erklä­run­gen kaum noch erreicht, weil sie „not­wen­di­ge Begren­zung als sol­che“ nicht mehr gelernt haben.

Das soll­te man so deut­lich sagen dür­fen — ja, man muss es sogar, weil wir spä­tes­tens an Hoch­schu­len sehr inter­es­san­te Zustän­de zu beob­ach­ten haben, etwa, dass die Hin­ter­fra­gungs­be­reit­schaft der­art zuge­nom­men hat, dass die Hin­ter­fra­gung allein aus­reicht, um eine bes­se­re Note zu bekom­men. Selbst in Har­vard (!) haben mitt­ler­wei­le 60 (!) Pro­zent der Stu­die­ren­den eine Abschluss­no­te mit dem Prä­di­kat „sehr gut“.

Manch­mal hilft kein fein­füh­li­ges Aus­han­deln mehr. Dann muss zuerst Hand­lung her­ge­stellt wer­den. Nicht als End­zu­stand, son­dern als Anfang. Nicht über Ein­sicht, son­dern über Übung. Nicht über Dis­kus­si­on, son­dern über ver­läss­li­che Wie­der­ho­lung. Man­che ler­nen das Ein­fü­gen tat­säch­lich erst über die Pra­xis, durch Rou­ti­nen, durch schlich­tes, wie­der­hol­tes Tun. Und man­che ler­nen es gar nicht. Auch das gehört zur Wahr­heit. Nicht jedes Aus­bil­dungs­ver­hält­nis ist zu ret­ten. Nicht jede Per­son ist durch genug Wert­schät­zung plötz­lich orga­ni­sa­ti­ons­fä­hig. Und, auch das gehört zur Rea­li­tät, der Anteil die­ser Men­schen wächst.

Das Pro­blem vie­ler Füh­rungs­kräf­te liegt aber mei­nes Erach­tens nicht dar­in, dass sie zu wenig Füh­rungs- oder Gesprächs­tech­nik ken­nen. Ihr Pro­blem ist, dass sie die Lage falsch deu­ten. Sie hal­ten den Kon­flikt für eine Fra­ge des Beneh­mens, obwohl es oft eine Fra­ge der Prä­gung ist. Sie reagie­ren auf Wider­stand mit per­sön­li­cher Krän­kung, obwohl sie eigent­lich eine Über­set­zungs­leis­tung erbrin­gen müss­ten. Oder sie gehen ins Gegen­teil und geben ihre Rol­le auf, weil sie modern wir­ken und „alle mit­neh­men“ wol­len. Dann wird aus Füh­rung zunächst Mode­ra­ti­on, aus Mode­ra­ti­on spä­ter Unsi­cher­heit und aus Unsi­cher­heit dann ein Betriebs­kli­ma, in dem jeder auf Stim­mung reagiert und nie­mand mehr auf Maßstäbe.

Dar­um ist der ers­te Schritt für Füh­rungs­kräf­te im Umgang mit der Gene­ra­ti­ons­fra­ge nicht die Metho­de, son­dern die Diagnose.

Womit habe ich es hier zu tun?

  • Mit jeman­dem, der grund­sätz­lich fol­gen kann, aber zuerst Bezie­hung braucht?
  • Mit jeman­dem, der bei jeder Vor­ga­be sofort Abwer­tung wittert?
  • Mit jeman­dem, der sich ver­wei­gert, weil mein Ton schlecht war?
  • Oder mit jeman­dem, der sich ver­wei­gert, weil er nie gelernt hat, dass die Welt ihm Gren­zen setzt?

Wer das nicht unter­schei­det, führt in gewis­ser Wei­se „blind“.

Der zwei­te Schritt ist dann sprach­li­che Prä­zi­si­on. Füh­rungs­kräf­te reden oft zu viel, zu unklar, zu defen­siv oder zu direkt. Gera­de in kon­flikt­haf­ten Situa­tio­nen ist die Ver­su­chung groß, ent­we­der zu scharf zu wer­den oder sich in Erklä­run­gen zu ver­lie­ren. Bei­des hilft selten.

Bes­ser ist eine Spra­che, die drei Din­ge zugleich leis­tet: Sie mar­kiert den Rah­men. Sie erklärt den Sinn. Sie lässt Rück­mel­dung zu.

Also nicht: „Mach ein­fach, was ich sage.“
Aber auch nicht: „Wie fühlst du dich denn damit, dass wir viel­leicht gemein­sam über­le­gen könn­ten, ob du even­tu­ell die Schei­be put­zen möchtest?“

Son­dern eher: „Das gehört hier dazu. Ich erklä­re dir auch gern, war­um. Wenn dich mein Ton stört, sage mir das bit­te. An der Auf­ga­be ändert das nichts.“

Das ist kein Trick. Das ist sau­be­re Erwachsenenkommunikation.

Der drit­te Schritt ist Kon­se­quenz in der Wie­der­ho­lung. Vie­le Füh­rungs­kräf­te erklä­ren ein­mal und hof­fen dann, das The­ma sei erle­digt. Das ist naiv. Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ent­ste­hen nicht durch eine gute Anspra­che. Sie ent­ste­hen durch Wie­der­ho­lung. Durch kon­se­quen­te, bere­chen­ba­re Wie­der­ho­lung. Durch einen Rah­men, der nicht heu­te so und mor­gen anders ist. Auch jün­ge­re Mit­ar­bei­ter, die zunächst stark auf Augen­hö­he ori­en­tiert sind, reagie­ren oft erstaun­lich gut auf Klar­heit, wenn sie mer­ken, dass Klar­heit nicht Will­kür ist.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet also nicht: Wie bekom­me ich die jun­gen Leu­te dazu zu funktionieren?

Die Fra­ge lau­tet: Wie stel­le ich Füh­rung so her, dass Men­schen mit unter­schied­li­cher Prä­gung anschluss­fä­hig wer­den, ohne dass die Orga­ni­sa­ti­on ihre Stan­dards verliert?

Das ist schwe­rer. Aber es ist die bes­se­re Frage.

Denn am Ende geht es nicht dar­um, ob die eine Gene­ra­ti­on bes­ser ist als die ande­re. Die einen konn­ten sich oft bes­ser ein­fü­gen, haben dafür aber zu lan­ge geschwie­gen. Die ande­ren kön­nen bes­ser wider­spre­chen, hal­ten dafür aber man­che Gren­ze schon für einen Übergriff.

Füh­rung muss mit bei­dem umgehen.

Wer heu­te führt, führt des­halb nicht ein­fach Mit­ar­bei­ter. Er führt Bio­gra­phien. Er führt Erzie­hungs­fol­gen. Er führt ver­schie­de­ne Vor­stel­lun­gen davon, was Respekt ist, was Auto­ri­tät bedeu­tet, was unter „Betei­li­gung“ und „abge­holt wer­den“ ver­stan­den wird, was man einem Men­schen sagen darf — und was eine Zumu­tung ist.

All das macht die Sache nicht ein­fa­cher. Aber viel­leicht machen die­se Zei­len die Sache etwas kla­rer.

Viel­leicht beginnt gute Füh­rung genau dort: nicht mit der Illu­si­on, man müs­se nur „modern genug“ oder „nett genug“ oder ande­rer­seits „hart genug“ sein — son­dern mit dem nüch­ter­nen Gedan­ken, dass ande­re Men­schen aus ande­ren (inne­ren) Wel­ten kom­men. Dass sie nicht auto­ma­tisch ver­ste­hen, was für einen selbst selbst­ver­ständ­lich ist. Dass man Inter­es­se zei­gen und Ver­trau­en auf­bau­en und ihnen den Weg in die Orga­ni­sa­ti­on erst­mal ebnen und erklä­ren muss, dass man sie „abho­len“ muss. Nicht immer, und schon gar nicht end­los, aber eben an den ent­schei­den­den Stel­len. Und dass es Situa­tio­nen gibt, in denen eine „Ansa­ge“ eben nicht reicht. Frü­her mag das viel­leicht ein­mal gereicht haben, heu­te tut es das nicht mehr. Heu­te muss man öfter zuerst kom­mu­ni­ka­ti­ve Brü­cken bau­en. Die Zusam­men­ar­beit basiert heu­te vor allem auf trag­fä­hi­gen Bezie­hun­gen. Und trag­fä­hi­ge Bezie­hun­gen beru­hen auf Ver­trau­en. Ver­trau­en ent­steht durch das Inter­es­se, das mir ent­ge­gen­ge­bracht wird. Man braucht also Men­schen, die gern ein­ar­bei­ten, sich für Men­schen inter­es­sie­ren, Bezie­hun­gen auf­bau­en, für Mit­ar­bei­ter­bin­dung sor­gen — und dadurch bewir­ken, dass sich die neu­en Leu­te wohl füh­len und in ihrem Umfeld posi­tiv über das Unter­neh­men spre­chen. Und dabei geht es nicht um das Wohl­füh­len an und für sich — Orga­ni­sa­tio­nen haben auch und vor allem einen Zweck, der erfüllt wer­den muss, und ich arbei­te nicht in der Orga­ni­sa­ti­on, damit ich mich wohl­füh­len kann, son­dern damit der Zweck der Orga­ni­sa­ti­on erfüllt wird. Aber wie die Arbeit abläuft — wie zufrie­den mich die Arbeit macht, wie gern ich auf Arbeit gehe, wie das Mit­ein­an­der dort ist, wie gebun­den ich mich füh­le — das bestimmt, wie ich dar­über den­ke und spre­che. Und das wie­der­um gibt den Aus­schlag über das Image und die Attrak­ti­vi­tät des Arbeit­ge­bers für ande­re Men­schen — und das ist in Zei­ten des demo­gra­phi­schen Wan­dels die wich­tigs­te, weil begehr­tes­te Währung.

Jörg Hei­dig

PS: Um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den: Spä­tes­tens in Ein­satz­or­ga­ni­sa­tio­nen und in allen ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen, die unter 24h-Bedin­gun­gen ope­rie­ren müs­sen, muss es im Ein­satz oder eben in kon­kre­ten ope­ra­ti­ven Situa­tio­nen klap­pen. Man kann nicht im Moment des Gesche­hens dis­ku­tie­ren. Was hier beschrie­ben wur­de, ist nicht als Ermu­ti­gung von Dis­kus­sio­nen im ope­ra­ti­ven Gesche­hen zu ver­ste­hen — als Ermu­ti­gung der Bereit­schaft zum „für die Orga­ni­sa­ti­on hilf­rei­chen Auf­mu­cken“ schon, schließ­lich geht es ja nicht dar­um, dass die Füh­rungs­kräf­te Recht behal­ten, son­dern dass das Best­mög­li­che her­aus­kommt. Aber damit es im ope­ra­ti­ven Moment klappt, muss man vor­her für Bezie­hun­gen, Ver­trau­en usw. gesorgt haben — und man muss sich gut auf die Situa­tio­nen vor­be­rei­ten und die Situa­tio­nen gut nach­be­rei­ten, damit man als Team oder als Orga­ni­sa­ti­on gene­ra­ti­ons­über­grei­fend etwas ler­nen kann.

PPS: Im Titel des Tex­tes ist vom Umgang mit Gene­ra­ti­ons­kon­flik­ten die Rede. Der Text selbst wirbt für ein bes­se­res Ver­ständ­nis der ver­schie­de­nen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten und Erwar­tun­gen, die sich aus unter­schied­li­chen Prä­gun­gen erge­ben. Die­ses Wis­sen trägt hof­fent­lich zu einem bes­se­ren Mit­ein­an­der bei, indem Füh­rungs­kräf­te die eigent­li­chen Mecha­nis­men hin­ter ver­schie­de­nen Erwar­tun­gen ver­ste­hen. Soll­te man es tat­säch­lich ein­mal mit einer gene­ra­ti­ons­be­ding­ten Grüpp­chen­bil­dung zu tun haben, hilft vor allem „for­cier­te Mischung“. Indem man es nicht den Leu­ten über­lässt, sich selbst zu grup­pie­ren, son­dern indem man im Dienst­plan, bei Übun­gen usw. eine Gene­ra­ti­ons­mi­schung vor­gibt, wer­den Vor­ur­tei­le abge­baut und Bezie­hun­gen auf­ge­baut. Natur­ge­mäß wer­den Men­schen dann „mau­len“, aber nie­mand meckert für immer. 😉

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.