Die Themen „Führung jüngerer Mitarbeiter“ und „Generationskonflikte“ gehören derzeit zu den gefragtesten in meinen Führungskräftetrainings, noch vor „Umgang mit Konflikten“, „Deeskalation“ oder „schwierige Gespräche“. Wie hilflos (oder auch fassungslos?) man diesbezüglich werden kann, zeigen gelegentliche Berichte über Unternehmen, die niemanden unterhalb einer bestimmten Altersgrenze mehr einstellen wollen.
Es ist in jedem Fall ein kontroverses Thema, das anzufassen nicht einfach ist, weil man sich allzu leicht zwischen Stereotypen verheddert — die junge Generation sei so oder so, und deshalb müsse man sich gar nicht wundern und so weiter.
Wer sich Umfragen anschaut, erblickt ein heterogenes Bild: Jüngere Frauen ticken eher progressiv, jüngere Männer eher konservativ; der Anteil einsamer Menschen ist unter den jungen Leuten krass angestiegen. In manchen europäischen Ländern steigen die Kircheneintritte bei den Menschen unter 30. Die heute junge Generation trinkt viel weniger, hat viel weniger Sex, hat deutlich mehr Zukunftsängste. Und so weiter.
Aber all das sagt wenig über die Mißverständnisse zwischen den Generationen im Kontext von Organisation und Arbeit aus. Wollten wir wirklich die bisweilen auftretenden generationsbedingten Kommunikationsstörungen verstehen, müssen wir uns meines Erachtens mit jenen Selbstverständlichkeiten beschäftigen, die sich aus sich über die Zeit verändernden Erziehungsmustern ergeben. Genau das versucht dieser Text.
Ziel des Textes ist die Skizzierung von praktischen kommunikativen Handlungsmöglichkeiten. Um praxisnahe Schlussfolgerungen ableiten zu können, muss die Lage und die Entwicklung der Lage ausführlich geschildert werden. Das tut der Text, allerdings nicht allzu umfassend. Wer sich für eine tiefer greifende Reflexion des Themas interessiert, wird ggf. hier fündig.
Erziehung besteht, wenn man sie ganz praktisch betrachtet, nicht aus großen Konzepten, sondern aus vielen kleinen Situationen — aus Momenten, die für sich genommen banal wirken, aber in ihrer Wiederholung etwas erzeugen, das später kaum noch hinterfragt wird. Man kann Erziehung nicht verstehen, wenn man nur über Theorien spricht. Man versteht sie, wenn man sich anschaut, was im Alltag passiert.
Eine typische Situation: Die Eltern sitzen am Tisch, sie essen, sie unterhalten sich. Das Kind kommt aus dem Kinderzimmer, tritt an den Tisch und möchte etwas. Es ist nichts Dringendes, es ist auch nichts Gefährliches passiert, es ist einfach ein Anliegen. Jetzt kommt es darauf an, was passiert.
Wird das Gespräch unterbrochen, wird das Essen stehen gelassen, richtet sich die Aufmerksamkeit sofort auf das Kind? Oder wird das Kind gebeten zu warten, wird ihm signalisiert, dass es Momente gibt, in denen es nicht im Zentrum steht?
Diese Situation ist unscheinbar, aber sie ist nicht belanglos — sie wiederholt sich. Und mit jeder Wiederholung wird etwas bestätigt oder begrenzt („frustriert“). Wenn ein Verhalten zum Erfolg führt, wird es wiederholt. Wenn es wiederholt wird und erfolgreich bleibt, wird es zur Gewohnheit. Und wenn es zur Gewohnheit wird, wird es irgendwann selbstverständlich.
Erziehung funktioniert über solche Verdichtungen. Die „Prägung“ eines Kindes ist quasi das „Echo“ oder das „Kondensat“ vieler Interaktionen.
Nebenbemerkung: Allein der Umstand, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der Kinder in Deutschland Einzelkinder sind, verändert den Umgang mit ihnen: Wenn ich nur noch ein Kind habe, wird das Kind allzu wahrscheinlich zum „Projekt“ und zum Teil der Selbstverwirklichung seiner Eltern. Wenn wir dann noch hinzunehmen, dass sich sehr viele Eltern heute trennen, während die Kinder noch minderjährig sind, dann lässt das in gewisser Weise „neue Probleme“ aufscheinen, die wir kaum bearbeiten können, weil sie struktureller Natur sind. Aber das haben wir kürzlich an anderer Stelle ausführlich diskutiert, weshalb es hier nur am Rande angemerkt werden soll.
Will man Generationskonflikte verstehen, muss man sich diese „Interaktionseffekte“ — also die „kondensierten“ Verhaltensmuster ansehen. Die verschiedenen Generationen, insofern es so etwas überhaupt gibt, ergeben sich aus unterschiedlichen Interaktionsmustern.
Wenn in einer Organisation ein Generationskonflikt auftritt, dann bringt der Konflikt kein Schild mit, auf dem „Generationskonflikt“ steht. So ein Konflikt beginnt langsam. Menschen gruppieren sich nach Sympathie, und Sympathie funktioniert vor allem über Ähnlichkeit. Wer ähnlich alt ist, ist sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sympathischer — oder kennt sich ohnehin schon.
Am Anfang ist da nur eine Irritation. Eine knappe Anweisung — die aus Sicht der Älteren „früher gereicht“ hätte, aus Sicht einiger Jüngerer aber „allzu schroff“ oder „allzu direkt“ daherkommt — führt zu Missverständnissen. Ein Ton, der für den einen normal ist, wirkt auf die andere bereits übergriffig. Ein Widerspruch, der früher als „Frechheit“ gegolten hätte, wird nun als legitimer Ausdruck von Selbstachtung vorgetragen.
Am Anfang sind das einzelne Irritationen. Noch kann man darüber hinweggehen. Noch sagen sich viele: Das wird schon wieder. Aber es wird eben oft nicht wieder. Es wird mehr. Denn was da aufeinanderprallt, sind nicht einfach Altersgruppen. Es sind verschiedene Selbstverständlichkeiten.
Und Selbstverständlichkeiten sind gefährlich, weil sie unsichtbar sind. Solange sie funktionieren, bemerkt man sie nicht. Erst wenn sie aneinandergeraten, werden sie sichtbar. Dann merkt man plötzlich, dass zwei Menschen in derselben Situation etwas völlig Verschiedenes für „normal“ halten. Der eine hält Unterordnung für den Anfang jeder Zusammenarbeit. Der andere hält es für selbstverständlich, zuerst ernst genommen und „abgeholt“ zu werden, damit Zusammenarbeit überhaupt möglich ist. Der eine erwartet, dass man sich einfügt — und später vielleicht auch reden kann. Der andere erwartet, dass ihm auf Augenhöhe und mit Respekt begegnet wird — und er dann entscheidet, ob er folgt.
Damit beginnt das, was in Organisationen oft fälschlich als „Charakterproblem“ behandelt wird, in Wahrheit aber häufig ein „Generationsproblem“ ist.
Wer als Führungskraft mit Generationskonflikten umgehen will, muss deshalb an einer unbequemen Stelle anfangen: nicht bei den anderen, sondern bei den eigenen Selbstverständlichkeiten. Man muss sich fragen, was man selbst für „normal“ hält — und ob das, was man selbst für „normal“ hält, für den anderen auch so selbstverständlich ist — oder eben nicht.
Wenn man die Entwicklung der Erziehung in den letzten Jahrzehnten betrachtet, dann lassen sich — ganz grob — drei Stile erkennen — nicht sauber getrennt, nicht wie mit dem Lineal gezogen, aber doch deutlich genug, um im Arbeitsalltag Spuren zu hinterlassen, also zu Missverständnissen, Kommunikationsstörungen, Grüppchenbildung und Konflikten zu führen.
Der erste Stil ist der ältere, autoritätsgebundene Erziehungstil: Das Kind ordnet sich unter, fügt sich ein. Die Eltern setzen den Rahmen. Nicht alles wird erklärt, nicht alles wird verhandelt. Es gibt Dinge, die gelten. Punkt.
Wer so aufgewachsen ist, lernt früh, dass er nicht das Zentrum der Welt ist. Er lernt, dass andere Vorrang haben können. Er lernt, dass es Reihenfolgen gibt, Hierarchien, Zuständigkeiten, Grenzen. Das kann hart sein. Es kann zu blinder Anpassung führen. Es kann Menschen hervorbringen, die zu lange schweigen und zu spät widersprechen. Aber es erzeugt auch etwas, das Organisationen brauchen: die Fähigkeit, sich in ein Gefüge einzuordnen, ohne bei jeder Zumutung gleich das eigene Selbst bedroht zu sehen.
Der zweite Stil ist als Gegenbewegung zu übertriebener Autorität entstanden. Der Impuls richtet sich gegen genau jene Form des „selbstverständlichen Funktionierens“, die durch zu viel und zu strenge Autorität hervorgebracht wird. Mit diesem Erziehungsstill will man erreichen, dass Menschen nicht (mehr) einfach nur „funktionieren“. Man will, dass sie verstehen, dass sie mitdenken, dass sie sich beteiligen — und dass sie im Zweifelsfall „aufmucken“. Das Kind wird nicht mehr bloß erzogen, sondern einbezogen, begleitet, beteiligt. Entscheidungen werden erklärt. Perspektiven werden berücksichtigt. Autorität verschwindet nicht, aber sie tritt anders auf. Sie begründet sich. Sie versucht nicht nur zu gelten, sondern verstanden zu werden. Diese Haltung versucht erst einmal Interesse zu zeigen, Vertrauen zu gewinnen, eine Beziehung aufzubauen. Erst kommt die Bindung, dann der Kompetenzbeweis, und dann akzeptiert das Gegenüber ggf. die Führung.
Menschen, die im Umstand der „respektierenden Augenhöhe“ aufgewachsen sind, treten anders in Organisationen ein als jene, die noch mit einer gewissen Autorität erzogen wurden. Sie erwarten nicht zuerst Ordnung, sondern Beziehung. Sie wollen nicht einfach nur „Anweisung und Ausführung“. Sie wollen wissen, warum etwas gilt. Sie wollen merken, dass sie gesehen werden. Sie wollen nicht von oben herab „behandelt“, sondern auf Augenhöhe „angesprochen“ und „abgeholt“ werden. Das ist keineswegs Schwäche. Es ist nur eine andere Voraussetzung für Mitarbeiterbindung.
Das „Folgen“ entsteht hier nicht zuerst. Es entsteht erst später — wenn Vertrauen entstanden ist, wenn Interesse, ehrliche Haltung und Kompetenz sichtbar geworden sind. Erst wenn man den Eindruck hat, dass die Führungskraft nicht bloß eine Rolle spielt, sondern weiß, was sie tut und warum, „folgt“ man der Führungskraft.
Und dann gibt es noch einen dritten Erziehungsstil, der durch die Unterwerfung mancher Eltern unter ihre Kinder gekennzeichnet ist. Er handelt sich hier nicht mehr um Augenhöhe, sondern um eine gewisse „Entgleisung der Augenhöhe“. Die Unterwerfung beginnt dort, wo Erziehung in der Familie nicht dialogisch bleibt, sondern regelrecht verschwindet. Wo Kinder nicht nur beteiligt, sondern regelrecht zum Maßstab gemacht werden. Wo nicht mehr die Eltern den Rahmen setzen und darin Spielräume eröffnen, sondern wo die Eltern sich an den Impulsen der Kinder ausrichten, bis am Ende kaum noch etwas übrig bleibt, das nicht verhandelbar wäre.
Auch das entsteht nicht durch ein einzelnes Ereignis. Es entsteht durch Wiederholung, durch tausende kleiner Situationen. Das Kind kommt ins Zimmer, unterbricht, will etwas, verlangt etwas, setzt sich durch — nicht einmal, nicht zweimal, sondern immer wieder. Und wenn das Kind immer wieder erlebt, dass seine Impulse die Situation ordnen, dann entsteht daraus eine Erfahrung, die später tief sitzt: Die Welt reagiert auf mich. Meine Bedürfnisse haben Vorrang. Begrenzung wird dann nicht mehr als Teil der Realität, sondern als Zumutung empfunden.
Das „eigentliche“ Problem beginnt oft erst später, nämlich dann, wenn diese Menschen auf Vorgaben treffen, vor denen ihre Eltern sie nicht mehr schützen können, also spätestens in den höheren Schuljahren und allerspätestens in der Ausbildung. Denn Unternehmen funktionieren nicht über permanente Aushandlung — also ganz langfristig betrachtet schon, aber keineswegs in alltäglichen konkreten Situationen. Unternehmen können nicht bei jeder Kleinigkeit erst eine „Sinnkonferenz“ einberufen — Hochschulen mitunter schon, und sie tun es auch, aber Unternehmen eher nicht. Unternehmen brauchen unter anderem Verlässlichkeit, Routinen und Standards. Sie brauchen in bestimmten Situationen ein schlichtes: Mach das jetzt.
Wer kaum gelernt hat, dass Begrenzung Teil der Realität ist, erlebt solche Momente nicht als normalen Bestandteil von Zusammenarbeit, sondern als Kränkung. Und genau dort entzünden sich viele der Konflikte, über die dann hilflos gesagt wird, die Generationen passen eben nicht mehr zusammen.
Vielleicht stimmen manche Leserinnen und Leser dieser Beschreibung der aktuellen Lage zu. Doch es ist einzuwenden, dass diese Beschreibung in vielen Fällen zu einfach bleibt, zu kurz greift. Denn erstens haben wir nur die jungen Leute, die wir haben, und zweitens sind es oft nur Missverständnisse, die sich aus unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten und daraus resultierenden Erwartungen ergeben.
Wenn es wirklich einmal gar nicht passt, soll man sich trennen. Gerade bei jungen Menschen, deren Eltern sich in der Erziehung unterworfen haben, wird das immer wieder vorkommen. Aber vorher sollte man zumindest das „vernünftig Mögliche“ versucht haben, ohne seine Organisationslogiken und Erwartungen allzu sehr „dem Zeitgeist hinterherzuwerfen“.
Die gegenseitigen Erwartungen stammen oft genug aus den jeweils eigenen Prägungen, aus den kaum hinterfragbaren Selbstverständlichkeiten. Unterschiedliche Selbstverständlichkeiten sind wahrscheinlich nicht ohne Übersetzungsleistung zusammenzubringen. Aber eben diese Übersetzungsleistung ist Führungs‑, Einarbeitungs‑, Ausbildungs- und Konfliktarbeit.
Eine Führungskraft, die selber noch stark autoritätsorientiert geprägt ist, läuft in solche Situationen mit Erwartungen hinein, die ihr nicht bewusst sind. Sie hält es für normal, dass ein jüngerer Mitarbeiter eine Anweisung annimmt, umsetzt und seine Fragen später stellt. Wenn das nicht passiert, deutet sie das schnell als Mangel an Respekt, Disziplin oder Charakter.
Die andere Seite erlebt dieselbe Situation oft völlig anders. Dort heißt die innere Überschrift nicht: Warum soll ich mich nicht einfügen? Sondern: Warum spricht der so mit mir? Warum erklärt er das nicht? Warum behandelt er mich, als wäre ich bloß irgendein sprichwörtlicher „Pampel“? Warum soll ich etwas tun, ohne den Sinn zu kennen?
So entsteht eine Kommunikationsstörung, die in Wahrheit tiefer liegt als bloß auf der Ebene der Gesprächsführung. Es handelt sich um einen Zusammenstoß unterschiedlicher Prägungen.
Nehmen wir eine einfache Situation. Im Rettungsdienst kommen drei Leute von einem Einsatz zurück. Zwei Retter, ein Azubi. Einer der Retter ist der Praxisanleiter des Auszubildenden. Das Fahrzeug wird abgestellt. Der Praxisanleiter steigt aus, der Azubi steigt aus, und der Praxisanleiter sagt: „Putz’ bitte mal die Scheibe.“ Der Satz ist kurz. Früher hätte er gereicht. Heute reicht er oft nicht mehr.
Der Azubi meint, seine Rechte zu kennen, und antwortet: „Ich bin doch nicht die Putze.“
In diesem Moment stehen nicht einfach zwei Personen auf dem Hof. In diesem Moment stehen dort zwei Welten.
Die erste Reaktionsmöglichkeit des Praxisanleiters wäre „kalte Autorität“: „Du putzt jetzt die Scheibe, sonst gehst du nicht nach Hause.“ Das wäre klar. Das wäre entschieden. Das wäre für manchen innerlich sogar befriedigend, weil es die Ordnung sofort wiederherstellt. Das Problem ist nur: Es stellt die Ordnung oft nicht her. Es ruft heuer oft Rückzug, Trotz, innere Kündigung oder offenen Gegendruck hervor. Vielleicht wird die Scheibe geputzt. Aber der Mensch ist (später) weg — oder beschwert sich am nächsten Tag in der Berufsschule.
Die zweite Möglichkeit ist eine Mischform. Man bleibt in der Führungsrolle, versucht aber zu erklären. Man macht deutlich, dass es nicht um Demütigung geht, sondern um einen Grund. Das ist besser als jene „rohe Härte“ aus den Zeiten autoritärer Prägung. Hier sagt der Praxisanleiter vielleicht: „Hör mal zu, falls Du davon ausgehst, dass ich denke, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind und ich Dich deshalb so behandle, dann sage ich Dir gern: Nein, das stimmt nicht. Ich sage Dir das aus einem bestimmten Grund. Und hier hast Du eine Aufgabe: Mache Dir mal bis morgen Gedanken, warum ich Dir das noch gesagt haben könnte. Es gibt dafür einen ganz bestimmten Grund. Gib mir morgen mal bitte eine Antwort. Die ‚Hinweisreize‘ könnten sein: Standardisierung und Redundanz. Wenn Dir einmal nicht passen sollte, wie ich etwas sage, lass es mich bitte wissen. Ich bin nicht perfekt, aber mein Ziel ist, dass Du hier etwas lernst. Also lass uns gerne reden. Und jetzt sage mir gern, was Du denkst… Und dann putze bitte die Scheibe.“ Das ist noch keine Augenhöhe, das ist immer noch in gewisser Weise „autoritär“, aber es traut dem Gegenüber etwas zu, vorausgesetzt, dass sich auch das Gegenüber etwas traut. Es macht Notwendigkeiten und Rollen deutlich, ohne im „alten Sinne“ direktiv zu sein. Aber oft bleibt es für das Gegenüber nur „halb offen“ — halb Beziehung, halb Ansage. Das kann funktionieren. Es kann aber auch nach pädagogisch getarnter Machtausübung klingen.
Die dritte Möglichkeit ist die anstrengendste und in vielen Fällen die klügste: Man nimmt die Irritation ernst, ohne die Führungsrolle aufzugeben.
Dann könnte man sagen: „Offen gesagt war das für mich gerade eine Störung. Darf ich fragen, wie Du eben zu Deiner Antwort gekommen bist? … Du musst mir nicht antworten, aber es interessiert mich. … Wenn ich rüberkomme wie ‚Lehrjahre sind keine Herrenjahre‘, dann sag mir das bitte. … Ich möchte dir auch erklären, warum ich dir das gesagt habe. Nicht, weil du der Azubi bist und ich hier Macht demonstrieren will. Sondern weil bestimmte Handlungen hier zur Routine gehören müssen, bevor sie überhaupt zur Diskussion stehen.“
Und dann erklärt man es. Nicht in Watte gepackt, sondern konkret.
Man erklärt, dass eine dreckige Scheibe im falschen Moment zum Sicherheitsproblem werden kann. Dass Standards nicht aus Schikane entstehen, sondern aus Erfahrung. Dass gute Arbeit in vielen Berufen daran hängt, dass bestimmte Handlungen so tief eingeübt sind, dass sie ohne Nachdenken geschehen. Nicht weil Denken unwichtig wäre. Sondern weil man nicht alles im entscheidenden Moment neu verhandeln kann.
Man erklärt, dass Organisationen von solchen Selbstverständlichkeiten leben. Dass Hygiene kein Hobby ist. Dass Routinen kein Ausdruck von Kleinlichkeit sind. Dass man nicht jedes Mal einen philosophischen Vortrag halten kann, wenn eine Handlung längst Teil professioneller Gewohnheit sein müsste.
Und zugleich macht man etwas Zweites, das mindestens ebenso wichtig ist: Man eröffnet dem anderen die Möglichkeit, die eigene Irritation auszusprechen, ohne dafür bestraft zu werden.
Man könnte also sagen: „Wenn du dich von meinem Ton gegängelt fühlst, dann sprich es an, dann will ich das wissen. Wenn ich dir etwas sage, dann geh bitte nicht automatisch davon aus, dass es nur Machtausübung ist. In der Regel gibt es einen Grund. Und den versuche ich dir zu erklären. Trotzdem bleibt es eine Anweisung.“
Genau dort beginnt saubere Führung — weder im Kuscheln, noch im Durchregieren. Sondern in der Verbindung von Klarheit und Übersetzung.
Viele Führungskräfte machen an dieser Stelle einen Fehler. Sie glauben, sie müssten sich zwischen Autorität und Beziehung entscheiden. Entweder konsequent oder menschlich. Entweder klar oder wertschätzend. Entweder Ansage oder Gespräch.
Das ist Unsinn.
Die eigentliche Kunst besteht darin, beides zusammenzubringen. Wer nur auf Beziehung setzt, wird irgendwann weich und unglaubwürdig. Wer nur auf Autorität setzt, wird irgendwann hart und wirkungslos. Führung braucht Form. Aber Form ohne Beziehung wird leer. Beziehung ohne Form wird beliebig.
Gerade im Umgang mit jüngeren Mitarbeitern reicht es oft nicht mehr, Recht zu haben. Man muss das Richtige so vermitteln, dass es anschlussfähig wird. Nicht weil die Realität sich nach Befindlichkeiten richten soll. Sondern weil Führung nur dann Wirkung entfaltet, wenn sie den anderen erreicht.
Das heißt nicht, dass jede Empfindlichkeit legitim ist. Nicht jede Irritation ist tiefgründig. Nicht jeder Widerspruch ist Ausdruck von Mündigkeit. Nicht jede Kritik ist klug. Es gibt einzelne junge Mitarbeiter, die jede Grenze sofort moralisch aufladen. Es gibt Auszubildende, die hinter jeder Vorgabe bereits einen Angriff auf ihre Würde vermuten. Es gibt auch einen Teil der heute jungen Generation, die man mit Erklärungen kaum noch erreicht, weil sie „notwendige Begrenzung als solche“ nicht mehr gelernt haben.
Das sollte man so deutlich sagen dürfen — ja, man muss es sogar, weil wir spätestens an Hochschulen sehr interessante Zustände zu beobachten haben, etwa, dass die Hinterfragungsbereitschaft derart zugenommen hat, dass die Hinterfragung allein ausreicht, um eine bessere Note zu bekommen. Selbst in Harvard (!) haben mittlerweile 60 (!) Prozent der Studierenden eine Abschlussnote mit dem Prädikat „sehr gut“.
Manchmal hilft kein feinfühliges Aushandeln mehr. Dann muss zuerst Handlung hergestellt werden. Nicht als Endzustand, sondern als Anfang. Nicht über Einsicht, sondern über Übung. Nicht über Diskussion, sondern über verlässliche Wiederholung. Manche lernen das Einfügen tatsächlich erst über die Praxis, durch Routinen, durch schlichtes, wiederholtes Tun. Und manche lernen es gar nicht. Auch das gehört zur Wahrheit. Nicht jedes Ausbildungsverhältnis ist zu retten. Nicht jede Person ist durch genug Wertschätzung plötzlich organisationsfähig. Und, auch das gehört zur Realität, der Anteil dieser Menschen wächst.
Das Problem vieler Führungskräfte liegt aber meines Erachtens nicht darin, dass sie zu wenig Führungs- oder Gesprächstechnik kennen. Ihr Problem ist, dass sie die Lage falsch deuten. Sie halten den Konflikt für eine Frage des Benehmens, obwohl es oft eine Frage der Prägung ist. Sie reagieren auf Widerstand mit persönlicher Kränkung, obwohl sie eigentlich eine Übersetzungsleistung erbringen müssten. Oder sie gehen ins Gegenteil und geben ihre Rolle auf, weil sie modern wirken und „alle mitnehmen“ wollen. Dann wird aus Führung zunächst Moderation, aus Moderation später Unsicherheit und aus Unsicherheit dann ein Betriebsklima, in dem jeder auf Stimmung reagiert und niemand mehr auf Maßstäbe.
Darum ist der erste Schritt für Führungskräfte im Umgang mit der Generationsfrage nicht die Methode, sondern die Diagnose.
Womit habe ich es hier zu tun?
- Mit jemandem, der grundsätzlich folgen kann, aber zuerst Beziehung braucht?
- Mit jemandem, der bei jeder Vorgabe sofort Abwertung wittert?
- Mit jemandem, der sich verweigert, weil mein Ton schlecht war?
- Oder mit jemandem, der sich verweigert, weil er nie gelernt hat, dass die Welt ihm Grenzen setzt?
Wer das nicht unterscheidet, führt in gewisser Weise „blind“.
Der zweite Schritt ist dann sprachliche Präzision. Führungskräfte reden oft zu viel, zu unklar, zu defensiv oder zu direkt. Gerade in konflikthaften Situationen ist die Versuchung groß, entweder zu scharf zu werden oder sich in Erklärungen zu verlieren. Beides hilft selten.
Besser ist eine Sprache, die drei Dinge zugleich leistet: Sie markiert den Rahmen. Sie erklärt den Sinn. Sie lässt Rückmeldung zu.
Also nicht: „Mach einfach, was ich sage.“
Aber auch nicht: „Wie fühlst du dich denn damit, dass wir vielleicht gemeinsam überlegen könnten, ob du eventuell die Scheibe putzen möchtest?“
Sondern eher: „Das gehört hier dazu. Ich erkläre dir auch gern, warum. Wenn dich mein Ton stört, sage mir das bitte. An der Aufgabe ändert das nichts.“
Das ist kein Trick. Das ist saubere Erwachsenenkommunikation.
Der dritte Schritt ist Konsequenz in der Wiederholung. Viele Führungskräfte erklären einmal und hoffen dann, das Thema sei erledigt. Das ist naiv. Selbstverständlichkeiten entstehen nicht durch eine gute Ansprache. Sie entstehen durch Wiederholung. Durch konsequente, berechenbare Wiederholung. Durch einen Rahmen, der nicht heute so und morgen anders ist. Auch jüngere Mitarbeiter, die zunächst stark auf Augenhöhe orientiert sind, reagieren oft erstaunlich gut auf Klarheit, wenn sie merken, dass Klarheit nicht Willkür ist.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Wie bekomme ich die jungen Leute dazu zu funktionieren?
Die Frage lautet: Wie stelle ich Führung so her, dass Menschen mit unterschiedlicher Prägung anschlussfähig werden, ohne dass die Organisation ihre Standards verliert?
Das ist schwerer. Aber es ist die bessere Frage.
Denn am Ende geht es nicht darum, ob die eine Generation besser ist als die andere. Die einen konnten sich oft besser einfügen, haben dafür aber zu lange geschwiegen. Die anderen können besser widersprechen, halten dafür aber manche Grenze schon für einen Übergriff.
Führung muss mit beidem umgehen.
Wer heute führt, führt deshalb nicht einfach Mitarbeiter. Er führt Biographien. Er führt Erziehungsfolgen. Er führt verschiedene Vorstellungen davon, was Respekt ist, was Autorität bedeutet, was unter „Beteiligung“ und „abgeholt werden“ verstanden wird, was man einem Menschen sagen darf — und was eine Zumutung ist.
All das macht die Sache nicht einfacher. Aber vielleicht machen diese Zeilen die Sache etwas klarer.
Vielleicht beginnt gute Führung genau dort: nicht mit der Illusion, man müsse nur „modern genug“ oder „nett genug“ oder andererseits „hart genug“ sein — sondern mit dem nüchternen Gedanken, dass andere Menschen aus anderen (inneren) Welten kommen. Dass sie nicht automatisch verstehen, was für einen selbst selbstverständlich ist. Dass man Interesse zeigen und Vertrauen aufbauen und ihnen den Weg in die Organisation erstmal ebnen und erklären muss, dass man sie „abholen“ muss. Nicht immer, und schon gar nicht endlos, aber eben an den entscheidenden Stellen. Und dass es Situationen gibt, in denen eine „Ansage“ eben nicht reicht. Früher mag das vielleicht einmal gereicht haben, heute tut es das nicht mehr. Heute muss man öfter zuerst kommunikative Brücken bauen. Die Zusammenarbeit basiert heute vor allem auf tragfähigen Beziehungen. Und tragfähige Beziehungen beruhen auf Vertrauen. Vertrauen entsteht durch das Interesse, das mir entgegengebracht wird. Man braucht also Menschen, die gern einarbeiten, sich für Menschen interessieren, Beziehungen aufbauen, für Mitarbeiterbindung sorgen — und dadurch bewirken, dass sich die neuen Leute wohl fühlen und in ihrem Umfeld positiv über das Unternehmen sprechen. Und dabei geht es nicht um das Wohlfühlen an und für sich — Organisationen haben auch und vor allem einen Zweck, der erfüllt werden muss, und ich arbeite nicht in der Organisation, damit ich mich wohlfühlen kann, sondern damit der Zweck der Organisation erfüllt wird. Aber wie die Arbeit abläuft — wie zufrieden mich die Arbeit macht, wie gern ich auf Arbeit gehe, wie das Miteinander dort ist, wie gebunden ich mich fühle — das bestimmt, wie ich darüber denke und spreche. Und das wiederum gibt den Ausschlag über das Image und die Attraktivität des Arbeitgebers für andere Menschen — und das ist in Zeiten des demographischen Wandels die wichtigste, weil begehrteste Währung.
PS: Um nicht falsch verstanden zu werden: Spätestens in Einsatzorganisationen und in allen anderen Organisationen, die unter 24h-Bedingungen operieren müssen, muss es im Einsatz oder eben in konkreten operativen Situationen klappen. Man kann nicht im Moment des Geschehens diskutieren. Was hier beschrieben wurde, ist nicht als Ermutigung von Diskussionen im operativen Geschehen zu verstehen — als Ermutigung der Bereitschaft zum „für die Organisation hilfreichen Aufmucken“ schon, schließlich geht es ja nicht darum, dass die Führungskräfte Recht behalten, sondern dass das Bestmögliche herauskommt. Aber damit es im operativen Moment klappt, muss man vorher für Beziehungen, Vertrauen usw. gesorgt haben — und man muss sich gut auf die Situationen vorbereiten und die Situationen gut nachbereiten, damit man als Team oder als Organisation generationsübergreifend etwas lernen kann.
PPS: Im Titel des Textes ist vom Umgang mit Generationskonflikten die Rede. Der Text selbst wirbt für ein besseres Verständnis der verschiedenen Selbstverständlichkeiten und Erwartungen, die sich aus unterschiedlichen Prägungen ergeben. Dieses Wissen trägt hoffentlich zu einem besseren Miteinander bei, indem Führungskräfte die eigentlichen Mechanismen hinter verschiedenen Erwartungen verstehen. Sollte man es tatsächlich einmal mit einer generationsbedingten Grüppchenbildung zu tun haben, hilft vor allem „forcierte Mischung“. Indem man es nicht den Leuten überlässt, sich selbst zu gruppieren, sondern indem man im Dienstplan, bei Übungen usw. eine Generationsmischung vorgibt, werden Vorurteile abgebaut und Beziehungen aufgebaut. Naturgemäß werden Menschen dann „maulen“, aber niemand meckert für immer. 😉
