Vorsicht. Zart besaitete Menschen oder safe space seekers sollten den folgenden Text nicht lesen. Es geht im weitesten Sinne um „falsches Leben“, genauer um eine Persönlichkeitsprägung, die einen immer wieder zu besonderen Leistungen antreibt oder in permanenter Selbstreflexion gefangen hält.
Dargestellt wird das am Beispiel von Menschen in Helferberufen. Nicht alle, die einen Helferberuf haben, sind davon betroffen, aber sehr viele, will ich meinen. Also nur weil Sie einen Helferberuf haben, müssen die unten stehenden Zeilen nicht auf Sie zutreffen. Ob es ggf. so sein könnte, erkennen Sie im Zweifelsfall selbst am besten.
Größere Not (an Zuwendung, Akzeptanz usw.) oder starkes Leiden (unter Gewalt oder/und massiver Herabsetzung) kann übrigens zu ähnlichen Phänomenen führen wie ein „Überfluss“, eine Einschränkung durch drastische Überbehütung. Wenn Menschen leiden, während sie jung sind, kann das ähnliche Wirkungen haben, wie wenn Menschen in ihrer Kindheit übermäßig behütet werden. Die Konsequenz ist in beiden Fällen eine Art „übertriebenen Selbstbezugs“: Es geht zuerst um mich — entweder weil ich die Dankbarkeit anderer Menschen „brauche“, weil ich mir selbst „nicht genug“ bin, oder weil ich die ganze Zeit mit der Frage beschäftigt bin, ob eine Situation, Anforderung, Aufgabe, Erwartung usw. „ok“ oder „noch ok“ oder „nicht mehr ok“ für mich ist. Wir haben als Gesellschaft wahrscheinlich keinen Sinn für Gleichgewichte. Ein aus Not entstandener Narzissmus wechselt sich ab mit einem aus Überversorgung entstandenen Narzissmus. Natürlich betrifft das nicht alle Menschen, sonst würde ja das Gemeinwesen zusammenbrechen, aber es betrifft eben immerhin genug Menschen, als dass es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen.
Es beginnt unbemerkt: Ein Gefühl, das deshalb nicht als Gefühl wahrgenommen wird, weil es schon früh zu einem „Grundrauschen im Leben“ geworden ist. Es ist eine innere Spannung, die sich in Gedanken kleidet wie: „Ich muss mehr tun.“ – „Ich sollte besser sein.“ – „Ich bin noch nicht genug.“
Für manche Menschen ist dieses Gefühl ein Antrieb. Es bringt sie in Bewegung, lässt sie Herausforderungen suchen, in denen sie sich beweisen können.
Einer der Wege, auf denen sich dieses Gefühl ausleben kann, ist der Helferberuf. Denn wo könnte man besser „genug sein“ als dort, wo man gebraucht wird? Wo könnte man sich unersetzlicher fühlen als in einem Beruf, in dem man anderen das gibt, was sie gerade brauchen?
Die Antwort auf das Gefühl, nicht genug zu sein, liegt im Bedürfnis, gebraucht zu werden. Psychoanalytiker würden das vielleicht „Sublimierung“ nennen — ein eigentlich vorhandenes, aber in der Kindheit verdrängtes Bedürfnis äußert sich in einer irgendwie erwünschten, „sozial möglichen“ Gestalt: Ich kann vor mir selbst schlecht zugeben, dass ich nicht genug bin. Aber fühlen, dass ich gebraucht werde, das kann ich schon.
Das Problem dabei: Dieses Gefühl wird nie satt.
Aus dem „Ich bin nicht genug“ wird eine starke Motivation. Doch so groß meine Leistungen auch sein mögen — nach kurzer Zeit ist da wieder das Gefühl, nicht genug zu sein. Es ist also „Antreiber“ und „Frustrationsursache“ gleichermaßen — ein Hamsterrad, das sich von selbst dreht.
Das Hamsterrad dreht sich von selbst, weil ich das Hamsterrad bin und ich gleichzeitig in dem Hamsterrad stecke. Ich bin das Hamsterrad, stecke in dem Hamsterrad und ich sehe mich gleichsam wie von außen in dem Hamsterrad. Denn so rede ich über mich: als wäre ich in einem Hamsterrad. Dass ich das Hamsterrad auch selbst bin, wird mir dabei im Alltag nicht klar. In reflektierten Momenten schon ein wenig, aber dann ruft jemand an, und ich werde wieder gebraucht.
Das falsche Leben
Wer sich in seiner Kindheit nicht angenommen fühlte, wer massiv abgelehnt oder gar gewalttätig behandelt wurde — und gelernt hat, dass Zuneigung nicht existierte oder an harte Bedingungen geknüpft war, der entwickelt ein „falsches“ Selbstbild. Falsch nicht im Sinne von „falsch an und für sich“, sondern im Sinne einer Anpassung. Dieses Selbstbild ist kein bewusstes Konstrukt. Es entsteht schleichend, mit jedem Moment, in dem ein Kind merkt: So, wie ich bin, ist es falsch. Ich muss mehr oder anders sein. Wer diese Erfahrung oft genug macht, die oder der beginnt, sich nicht mehr zu fragen, was er oder sie will, sondern was erwartet wird — oder was wenigstens zur Abwesenheit von Strafe, Gängelei oder Gewalt führen würde. Man weiß im Prinzip gar nicht so richtig, wer man selbst ist, sondern man reagiert mit Anpassung und kreiert ein erträglicheres Ersatzbild von sich selbst — und füllt es mit Ehrgeiz, mit Leistung, mit Einzigartigkeit, mit Helfermotivation o.ä. — und zwar nicht, weil man es will, sondern weil man es muss. Wer unter hohem Druck aufwächst, erfährt erst gar nicht, wer sie oder er ist, sondern entwickelt gleich eine Art Kompensation, ein Selbstbild, das den Erwartungen entspricht (und sich später selbst überhöht, weil es sich nicht spürt) — wenn das früh genug passiert, sitzt es so tief, dass es in jungen Jahren kaum und später nur mit Mühe oder durch Schmerz bewusst wird, wenn überhaupt.
Dieses Selbstbild ist nicht einfach eine Maske, die man aufsetzt, wenn es nötig ist. Es ist eine Ersatzidentität, die sich so tief ins eigene Denken gräbt, dass sie einem nicht nur normal, sondern regelrecht selbstverständlich erscheint. Man sagt sich nicht: „Ich bin.“ Sondern: „Ich bin, wenn ich…“
- …etwas leiste.
- …für andere da bin.
- …einen Unterschied mache.
Wer so lebt, merkt lange nicht, dass sie oder er sich von sich selbst entfernt hat — denn die Anpassung funktioniert: Die Anpassung bringt Anerkennung. Sie bringt Erfolg. Sie bringt das Gefühl, gebraucht zu werden.
Aber Anpassung macht nicht glücklich. Sie sorgt nur dafür, dass man auf der „dunklen Seite des Daseins“ etwas musikalischer wird als der reinste Durchschnittsmensch.
Der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz hat so deutlich wie kaum ein anderer herausgearbeitet, wie Zwang und Druck zu übermäßiger Anpassung führen, und dass diese Anpassung letztlich bedeutet, dass man gar nicht weiß, wer man selbst ist, sondern stattdessen ein „falsches Leben“ lebt.
Bevor sich jetzt alle gleich ganz aufgeregt auf die Suche nach ihren übermäßigen Anpassungen begeben, sei auf eine Sache hingewiesen:
In Welten, in denen hoher Konformitätsdruck herrscht und die Abweichung von der Norm stark sanktioniert wird — beispielsweise in kommunistischen oder islamistischen Diktaturen — erfordert es sehr viel Mut, abweichend zu handeln. Eine gewisse Folgenlosigkeit der eigenen individuellen Lebensäußerung wäre in so einer Welt sicher für viele genug, eine mehr oder minder anonyme Toleranz würde vielen Menschen völlig ausreichen.
Ich schreibe das so deutlich, weil die heuer in unserer Welt noch vorhandenen Anpassungserfordernisse gern mit den Anpassungserfordernissen in jenen Welten verwechselt oder gleichgesetzt werden. Die Anpassungen, die heute geleistet werden, sind in der Regel harmloser, subtiler. Heuer geht es natürlich auch noch um Anpassungen. Da sagen die Eltern vielleicht auf der Tonspur, dass es ja gar nicht darauf ankäme, ob Gymnasium oder Oberschule, Hauptsache, das Kind sei glücklich. Aber auf der körpersprachlichen Ebene folgt womöglich eine andere Botschaft, oder nach dem Gespräch sagt die Mama vielleicht noch ganz beiläufig: „Aber auf der Oberschule, diese Leute, da mache ich mir schon Sorgen.“
Der rohe Anpassungsdruck jener diktatorischen Welten existiert hier nicht. An seine Stelle ist mehr Freiheit getreten — und der Druck, der noch da ist, ist in vielen Fällen subtiler geworden (das eben dargestellte Beispiel mit „Oberschule oder Gymnasium“), und hat in anderen Fällen die Gestalt gewechselt — ist bspw. zum Leistungsdruck geworden.
Wenn man das zuspitzt, könnte man zu dem Schluss kommen, dass heute zwar weit weniger Anpassung erwartet wird, aber auch und vielmehr: Einzigartigkeit. Die heutige Gefahr (neben dem subtileren Druck von den Eltern) lauert im Vergleich — in der Angst, nicht außergewöhnlich genug zu sein. Nach dem Motto: Wer nicht besonders ist, geht unter. Wer sich nicht „selbst verwirklicht“, ist gescheitert.
Maaz sah falsche Identitäten in der Unterwerfung unter das Kollektiv bzw. in der übermäßigen Anpassung an elterliche und kollektive Normen infolge Gewalt, Herabsetzung usw. Heute entstehen falsche Identitäten natürlich auch noch durch Herabsetzung, Gewalt und übermäßigen Druck — aber immer häufiger eben auch durch die Unterwerfung unter ein gewisses, mitunter sehr starkes „Streben nach Selbstoptimierung“ — und wiederum durch die Anpassung an elterliche, diesmal aber individualistische Normen. Damals musste man sich anpassen, um nicht aufzufallen. Heute muss man sich anpassen, um aufzufallen. Die Anpassung, die heute geschieht, kommt nicht mit Drohungen, sondern mit Erwartungen, mit Idealen, mit der stillen, aber unerbittlichen Botschaft: Sei besonders. Sei individuell. Sei einzigartig. 53 Prozent der deutschen Kinder sind heute Einzelkinder. Einzelkinder sind die in gewisser Weise „einzige“ Zielperson der Bemühungen von Eltern. So werden sie leicht — müssen nicht, aber werden es eben leicht — zum Projekt.
Verstehen Sie mich nicht falsch: An dem Umstand, nur ein Kind zu haben, ist natürlich nichts Verwerfliches. Dass die Ein-Kind-Partnerschaft der statistisch häufigste und die Kein-Kind-Partnerschaft der statistisch zweithäufigste Fall ist, beruht auf Entscheidungen der jeweiligen Partner. Hier kommen wahrscheinlich zwei Dinge zusammen: (a) der Umstand, dass man sich sehr genau überlegt, ob überhaupt, und wenn ja, wie viele Kinder man haben möchte, weil man eben individualistischer und selbstbestimmter und weniger an Traditionen gebunden lebt, und (b) der Umstand, dass sich viele Menschen nicht mehr als ein Kind leisten können, im Besonderen in Metropolen. Die Folge: Das einzelne Kind erhält in gewisser Weise, in den meisten Fällen ebenso unbeabsichtigt wie unbewusst, eine Hauptrolle im Leben seiner Eltern. Und es lernt, diese Hauptrolle zu spielen. Diese Hauptrolle wird für das Kind selbstverständlich. Selbstverständlich bedeutet, dass das Kind diese Hauptrolle nicht hinterfragen kann. Das Kind ist einfach so.
Das Kind kommt später mit seinen Selbstverständlichkeiten in andere Welten — zum Beispiel solche Welten, in denen man Noten bekommt. Wenn man eine gewisse Hauptrolle hat und das selbstverständlich ist, man das aber gar nicht so recht von sich weiß, hinterfragt man bspw. Noten ebenso selbstverständlich, wie man daheim über bestimmte Dinge zu diskutieren gelernt hat. Man ist weniger bereit, sich „einfach so“ Normen unterzuordnen, hinterfragt sie usw.
Das Paradoxe ist nun, dass beide Wege — die Unterdrückung und der Umstand, unbewusst und unbeabsichtigt zum „Projekt“ geworden zu sein — ähnliche Folgen haben können: Man zieht sich auf sich selbst zurück, betrachtet alles zunächst von der eigenen Warte aus.
Sowohl die Opferrolle als auch der (übertriebene) „Projekt-Status“ haben paradoxerweise ähnliche Konsequenzen, nämlich einen gewissen „Narzissmus“, also eine Art „primärer Selbst-Bezüglichkeit“ in der Identitätsbildung und auch in der Interaktion mit anderen.
Das „falsche Selbstbild“ kann sich also auf unterschiedlichen Wegen bilden — in jedem Fall bleibt es ein „hungriges“ Konstrukt. Es kriegt nie genug. Denn es kennt — in der älteren Variante — nur das „Ich bin genug, wenn…“, aber nie das „Ich bin jetzt und hier genug“. In der neueren Variante äußert sich das in etwa so: „Ich muss erstmal sehen, ob ich das will und was es ggf. mit mir macht.“ Wenn ich mir genug bin, merke ich ja nicht, dass ich über Grenzen gehe, und wenn ich ständig damit beschäftigt bin zu überlegen, ob das jetzt „ok für mich“ ist, werde ich nie fertig, sondern bin ich immer auch mit mir selbst beschäftigt.
Die Kompensation der eigenen Leere
Es gibt viele Wege, das „innere Loch“ zu füllen. Karriere. Leistung. Status. Und eben auch: Helfen. Ein Helferberuf ist eine perfekte Tarnung für das eigene Defizit. Denn hier geht es nicht um Egoismus, nicht um Anerkennung, nicht um Status – oder?
Die psychologische Realität sieht anders aus. Viele Menschen wählen einen sozialen Beruf nicht nur aus Mitgefühl, sondern weil sie sich unersetzlich fühlen wollen, weil sie einen Wert beweisen müssen, den sie innerlich nie wirklich gespürt haben.
Die typische Helfer-Motivation klingt so:
- „Ich will für andere da sein.“
- „Ich will einen Unterschied machen.“
- „Ich kann nicht anders, als zu helfen.“
Die versteckte Wahrheit aber könnte so klingen:
- „Ich muss für andere da sein, sonst bin ich nichts.“
- „Ich muss etwas geben, damit ich etwas bekomme — und weil ich es mir selbst nicht geben kann.“
- „Ich kann nicht anders, weil ich nicht weiß, wer ich ohne das Helfen wäre.“
Die Arbeit mit Menschen wird zum Versprechen auf „Erlösung“ von diesem Fluch: Vielleicht ist man irgendwann genug, wenn man nur genug hilft. Doch das falsche Selbstbild ist, wie gesagt, unersättlich. Ich bin nicht nur im Hamsterrad; ich bin das Hamsterrad. Ich bin gleichzeitig der Antrieb für meine Handlungen als auch die Ursache für meine (innere, oft unbewusste) Unzufriedenheit mit meinen Handlungen. Jede Hilfe, jede Anerkennung, jedes gerettete Leben – es bringt keine echte Sättigung. Denn das innere Defizit wird nicht durch die Erfolge genährt, sondern bleibt unberührt — Psychoanalytiker würden vielleicht sagen: unversorgt.
Und während diejenigen im Hamsterrad unversorgt bleiben, haben diejenigen mit dem „Projektstatus“ ständig damit zu tun zu reflektieren, ob das, was gerade ist, noch ok oder schon drüber ist.
Die Dynamik ist in beiden Fällen ein Teufelskreis: „nicht genug“ vs. „schon drüber“. Nicht umsonst ist die Belastungseintrittsschwelle in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Die naheliegenden Antworten wären: auf der einen Seite die Not hinter dem eigenen Narzissmus zu erkennen und darauf zu reagieren, und auf der anderen Seite die Dekadenz des eigenen Narzissmus’ zu erkennen und sich — länger als die eigenen Frustrationsgrenzen signalisieren — auf Situationen einzulassen. Narzisstisch ist beides, das eine treibt einen zu Höchstleistungen, das andere treibt einen zu permanenter Reflexion.
Das (selbst gebaute) Hamsterrad:
- Das Gefühl, nicht genug zu sein, erzeugt den Drang zu helfen.
- Das Helfen führt zu Erfolg, Lob und Dankbarkeit.
- Doch die Anerkennung trifft nicht das eigentliche Selbst, sondern nur das falsche Selbstbild.
- Das Defizit bleibt, die Erfolge spürt man nur kurz und nicht wirklich.
- Das Gefühl, nicht genug zu sein, bleibt bestehen – also hilft man weiterhin bzw. „mehr“.
So entsteht ein endloses Rennen gegen sich selbst. Ein Helfer kann, von außen betrachtet, erfolgreich, innerlich aber leer sein. Denn solange das Helfen eine Kompensation für das eigene Defizit ist, kann es nie wirklich erfüllen.
Wie man aus dem Kreislauf ausbricht — oder eben auch nicht
Um aus dem Kreislauf auszubrechen, müsste man zunächst das falsche Selbstbild erkennen – und es dann loslassen. Aber haben Sie schon einmal sich selbst losgelassen?
Wer sich selbst sucht, findet nichts, lautet die bittere Erkenntnis. Man müsste also aufhören, jemand anders sein zu wollen. Wenn man aber gleichzeitig gar nicht weiß, wer man ist, und wenn man, da man sich selbst sucht, nichts findet, steckt man umso mehr in der Falle. Wir bestehen ja nur aus Erinnerungen und Gewohnheiten — wenn die aber die „falschen“ sind, beißt sich die sprichwörtliche Katze in den Schwanz.
Ich fürchte, dass man nur versuchen kann zu lernen, damit zu leben, oder besser: dennoch zu leben — frei nach dem Spruch von Albert Camus: Wenn man erstmal verstanden hat, dass das Leben keinen Sinn hat, lohnt es sich trotzdem, das Leben zu leben.
Ein Widerspruch? Wahrscheinlich. Aber die ganze menschliche Existenz ist ein Widerspruch in sich, also nicht die Existenz an und für sich, wohl aber führt unsere Fähigkeit, uns zu uns selbst ins Verhältnis setzen und Sinnfragen stellen zu können, zu Widersprüchen.
All das bedeutet keineswegs, dass zu helfen irgendwie „schlecht“ wäre. Aber ich muss mich fragen: Warum helfe ich? Ist es ein natürlicher Impuls oder eine Flucht vor mir selbst? Wahrscheinlich ist es beides.
Ein paar zentrale Fragen zur Reflexion:
- Kann ich auch dann einen Wert in mir sehen, wenn ich nichts leiste?
- Fühle ich mich nur dann gut, wenn andere mich brauchen?
- Spüre ich wirklich Zufriedenheit nach meinen Erfolgen – oder nur eine kurze Erleichterung, bevor das „Nicht genug“-Gefühl wiederkommt?
Erst wenn man das innere Defizit anerkennt, anstatt es durch endlose Leistungen zu überdecken, kann echte Selbstakzeptanz entstehen.
Das klingt doch plausibel, oder?
Zur Not haben wir die „Positive Psychologie“, mit der wir all das irgendwie „herumdrehen“ und uns schönreden können.
Hat man erstmal das Vakuum, von dem hier die Rede ist, gesehen, gefühlt und verstanden, dann ist Helfen nicht mehr Zwang, sondern Wahl, nicht mehr eine Antwort auf Selbstverlust, sondern Selbstausdruck.
Soweit die Theorie. Ist Ihnen das schon einmal gelungen? Mir ist es nur zeitweise, vorübergehend gelungen.
Der „Hunger“ bleibt, so will ich vermuten, dennoch. Man wird mit dem Hunger wohl leben müssen. Denn am Ende kann man nicht genug helfen, um sich selbst zu retten. Am Ende muss man akzeptieren, was ist. Und es ist, wie es ist, es wird nicht anders.
Die einzige positive Seite emotionaler Instabilität ist Kreativität.
Je mehr Selbsthilfebücher erscheinen und je mehr Selbstoptimierungsversprechen formuliert werden, desto deutlicher wird, dass wir uns nicht besser fühlen, je mehr wir uns damit befassen — im Gegenteil.
Dieses Gefängnis betrifft die heute jungen Menschen umso mehr, fürchte ich, als dass sie eben im Falle des Zutreffens der Umstände, die zu einem „hungrigen“ (falschen) Selbstbild geführt haben, UND des Umstands, in gewisser (ebenso unbeabsichtigter wie unbewusster) Weise zum „Projekt“ geworden zu sein, in einer Art „doppelter Falle“ stecken, in einer Art „narzisstischen Gefängnisses“ mit Spiegeln an beiden Seiten der Zelle. In so einem Fall haben weder die Suche noch die Reflexion ein Ende.
Wie wäre es denn, einfach zu leben?
Aber genau das geht ja nicht.
Wollte ich das Hamsterrad anhalten, müsste ich mich anhalten. Ich kann wohl Pause machen, in den Wald gehen, meinen Gedanken zuhören. Lernen, dem Wald zuzuhören. Oder irgendetwas dergleichen. Ich soll mich nur nicht der Illusion hingeben, dass es mit irgendeinem Trick oder irgendeinem Coaching oder irgendeinem Buch oder irgendeiner Hoffnung weggeht. Wenn es wirklich so einfach wäre, wüssten wir längst, wie das geht, dann würden wir nicht jeden Monat Hunderte von Büchern und Abertausende, wenn nicht Millionen, Posts zu diesem Thema veröffentlichen.
PS I: Teile der Erkenntnisse von Maaz, insbesondere sein bekanntes Buch aus der Zeit nach der Wende („Der Gefühlsstau“) sowie wiederum seine späten Bücher und Interviews um 2020 herum und später weisen einen starken Bezug zu Ostdeutschland auf. Wer nach ähnlichen Erkenntnissen sucht, die nicht aus Ostdeutschland stammen und auch gar nichts mit Ostdeutschland zu tun haben, wird im wissenschaftlichen Sinne beispielsweise bei Edgar Schein („Coercive Persuasion“) fündig. Und wer das ggf. in Anwendung auf die Sowjetunion und indirekt auch das heutige Russland verstehen will, findet im literarischen Sinne Antworten in dem Buch „Alles fließt“ von Wassili Grossman.
PS II: Ein Nachwort an all jene, die nach dem Lesen vielleicht gedacht haben, dass der Text allzu krass sei: Fragen Sie sich gegebenenfalls, warum Sie helfen. Prüfen Sie möglicherweise, warum Sie das jetzt denken. Vielleicht sind Sie ja ganz reflektiert und wissen das alles schon, worüber ich hier schreibe. Aber wenn die Reflexion vor allem von Ihnen ausgeht, quasi fast jeder Gedanke bei Ihnen beginnt — was ist dann? Ist dann vielleicht etwas dran? 😉
PS III: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt.
