Das unersättliche Selbst

Vor­sicht. Zart besai­te­te Men­schen oder safe space see­kers soll­ten den fol­gen­den Text nicht lesen. Es geht im wei­tes­ten Sin­ne um „fal­sches Leben“, genau­er um eine Per­sön­lich­keits­prä­gung, die einen immer wie­der zu beson­de­ren Leis­tun­gen antreibt oder in per­ma­nen­ter Selbst­re­fle­xi­on gefan­gen hält.

Dar­ge­stellt wird das am Bei­spiel von Men­schen in Hel­fer­be­ru­fen. Nicht alle, die einen Hel­fer­be­ruf haben, sind davon betrof­fen, aber sehr vie­le, will ich mei­nen. Also nur weil Sie einen Hel­fer­be­ruf haben, müs­sen die unten ste­hen­den Zei­len nicht auf Sie zutref­fen. Ob es ggf. so sein könn­te, erken­nen Sie im Zwei­fels­fall selbst am besten.

Grö­ße­re Not (an Zuwen­dung, Akzep­tanz usw.) oder star­kes Lei­den (unter Gewalt oder/und mas­si­ver Her­ab­set­zung) kann übri­gens zu ähn­li­chen Phä­no­me­nen füh­ren wie ein „Über­fluss“, eine Ein­schrän­kung durch dras­ti­sche Über­be­hü­tung. Wenn Men­schen lei­den, wäh­rend sie jung sind, kann das ähn­li­che Wir­kun­gen haben, wie wenn Men­schen in ihrer Kind­heit über­mä­ßig behü­tet wer­den. Die Kon­se­quenz ist in bei­den Fäl­len eine Art „über­trie­be­nen Selbst­be­zugs“: Es geht zuerst um mich — ent­we­der weil ich die Dank­bar­keit ande­rer Men­schen „brau­che“, weil ich mir selbst „nicht genug“ bin, oder weil ich die gan­ze Zeit mit der Fra­ge beschäf­tigt bin, ob eine Situa­ti­on, Anfor­de­rung, Auf­ga­be, Erwar­tung usw. „ok“ oder „noch ok“ oder „nicht mehr ok“ für mich ist. Wir haben als Gesell­schaft wahr­schein­lich kei­nen Sinn für Gleich­ge­wich­te. Ein aus Not ent­stan­de­ner Nar­ziss­mus wech­selt sich ab mit einem aus Über­ver­sor­gung ent­stan­de­nen Nar­ziss­mus. Natür­lich betrifft das nicht alle Men­schen, sonst wür­de ja das Gemein­we­sen zusam­men­bre­chen, aber es betrifft eben immer­hin genug Men­schen, als dass es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen.

Es beginnt unbe­merkt: Ein Gefühl, das des­halb nicht als Gefühl wahr­ge­nom­men wird, weil es schon früh zu einem „Grund­rau­schen im Leben“ gewor­den ist. Es ist eine inne­re Span­nung, die sich in Gedan­ken klei­det wie: „Ich muss mehr tun.“ – „Ich soll­te bes­ser sein.“ – „Ich bin noch nicht genug.“

Für man­che Men­schen ist die­ses Gefühl ein Antrieb. Es bringt sie in Bewe­gung, lässt sie Her­aus­for­de­run­gen suchen, in denen sie sich bewei­sen können.

Einer der Wege, auf denen sich die­ses Gefühl aus­le­ben kann, ist der Hel­fer­be­ruf. Denn wo könn­te man bes­ser „genug sein“ als dort, wo man gebraucht wird? Wo könn­te man sich uner­setz­li­cher füh­len als in einem Beruf, in dem man ande­ren das gibt, was sie gera­de brauchen?

Die Ant­wort auf das Gefühl, nicht genug zu sein, liegt im Bedürf­nis, gebraucht zu wer­den. Psy­cho­ana­ly­ti­ker wür­den das viel­leicht „Sub­li­mie­rung“ nen­nen — ein eigent­lich vor­han­de­nes, aber in der Kind­heit ver­dräng­tes Bedürf­nis äußert sich in einer irgend­wie erwünsch­ten, „sozi­al mög­li­chen“ Gestalt: Ich kann vor mir selbst schlecht zuge­ben, dass ich nicht genug bin. Aber füh­len, dass ich gebraucht wer­de, das kann ich schon.

Das Pro­blem dabei: Die­ses Gefühl wird nie satt.

Aus dem „Ich bin nicht genug“ wird eine star­ke Moti­va­ti­on. Doch so groß mei­ne Leis­tun­gen auch sein mögen — nach kur­zer Zeit ist da wie­der das Gefühl, nicht genug zu sein. Es ist also „Antrei­ber“ und „Frus­tra­ti­ons­ur­sa­che“ glei­cher­ma­ßen — ein Hams­ter­rad, das sich von selbst dreht.

Das Hams­ter­rad dreht sich von selbst, weil ich das Hams­ter­rad bin und ich gleich­zei­tig in dem Hams­ter­rad ste­cke. Ich bin das Hams­ter­rad, ste­cke in dem Hams­ter­rad und ich sehe mich gleich­sam wie von außen in dem Hams­ter­rad. Denn so rede ich über mich: als wäre ich in einem Hams­ter­rad. Dass ich das Hams­ter­rad auch selbst bin, wird mir dabei im All­tag nicht klar. In reflek­tier­ten Momen­ten schon ein wenig, aber dann ruft jemand an, und ich wer­de wie­der gebraucht.

Das falsche Leben

Wer sich in sei­ner Kind­heit nicht ange­nom­men fühl­te, wer mas­siv abge­lehnt oder gar gewalt­tä­tig behan­delt wur­de — und gelernt hat, dass Zunei­gung nicht exis­tier­te oder an har­te Bedin­gun­gen geknüpft war, der ent­wi­ckelt ein „fal­sches“ Selbst­bild. Falsch nicht im Sin­ne von „falsch an und für sich“, son­dern im Sin­ne einer Anpas­sung. Die­ses Selbst­bild ist kein bewuss­tes Kon­strukt. Es ent­steht schlei­chend, mit jedem Moment, in dem ein Kind merkt: So, wie ich bin, ist es falsch. Ich muss mehr oder anders sein. Wer die­se Erfah­rung oft genug macht, die oder der beginnt, sich nicht mehr zu fra­gen, was er oder sie will, son­dern was erwar­tet wird — oder was wenigs­tens zur Abwe­sen­heit von Stra­fe, Gän­ge­lei oder Gewalt füh­ren wür­de. Man weiß im Prin­zip gar nicht so rich­tig, wer man selbst ist, son­dern man reagiert mit Anpas­sung und kre­iert ein erträg­li­che­res Ersatz­bild von sich selbst — und füllt es mit Ehr­geiz, mit Leis­tung, mit Ein­zig­ar­tig­keit, mit Hel­fer­mo­ti­va­ti­on o.ä. — und zwar nicht, weil man es will, son­dern weil man es muss. Wer unter hohem Druck auf­wächst, erfährt erst gar nicht, wer sie oder er ist, son­dern ent­wi­ckelt gleich eine Art Kom­pen­sa­ti­on, ein Selbst­bild, das den Erwar­tun­gen ent­spricht (und sich spä­ter selbst über­höht, weil es sich nicht spürt) — wenn das früh genug pas­siert, sitzt es so tief, dass es in jun­gen Jah­ren kaum und spä­ter nur mit Mühe oder durch Schmerz bewusst wird, wenn überhaupt.

Die­ses Selbst­bild ist nicht ein­fach eine Mas­ke, die man auf­setzt, wenn es nötig ist. Es ist eine Ersatz­iden­ti­tät, die sich so tief ins eige­ne Den­ken gräbt, dass sie einem nicht nur nor­mal, son­dern regel­recht selbst­ver­ständ­lich erscheint. Man sagt sich nicht: „Ich bin.“ Son­dern: „Ich bin, wenn ich…“

  • …etwas leis­te.
  • …für ande­re da bin.
  • …einen Unter­schied mache.

Wer so lebt, merkt lan­ge nicht, dass sie oder er sich von sich selbst ent­fernt hat — denn die Anpas­sung funk­tio­niert: Die Anpas­sung bringt Aner­ken­nung. Sie bringt Erfolg. Sie bringt das Gefühl, gebraucht zu werden.

Aber Anpas­sung macht nicht glück­lich. Sie sorgt nur dafür, dass man auf der „dunk­len Sei­te des Daseins“ etwas musi­ka­li­scher wird als der reins­te Durchschnittsmensch.

Der Hal­len­ser Psy­cho­ana­ly­ti­ker Hans-Joa­chim Maaz hat so deut­lich wie kaum ein ande­rer her­aus­ge­ar­bei­tet, wie Zwang und Druck zu über­mä­ßi­ger Anpas­sung füh­ren, und dass die­se Anpas­sung letzt­lich bedeu­tet, dass man gar nicht weiß, wer man selbst ist, son­dern statt­des­sen ein „fal­sches Leben“ lebt. 

Bevor sich jetzt alle gleich ganz auf­ge­regt auf die Suche nach ihren über­mä­ßi­gen Anpas­sun­gen bege­ben, sei auf eine Sache hingewiesen:

In Wel­ten, in denen hoher Kon­for­mi­täts­druck herrscht und die Abwei­chung von der Norm stark sank­tio­niert wird — bei­spiels­wei­se in kom­mu­nis­ti­schen oder isla­mis­ti­schen Dik­ta­tu­ren — erfor­dert es sehr viel Mut, abwei­chend zu han­deln. Eine gewis­se Fol­gen­lo­sig­keit der eige­nen indi­vi­du­el­len Lebens­äu­ße­rung wäre in so einer Welt sicher für vie­le genug, eine mehr oder min­der anony­me Tole­ranz wür­de vie­len Men­schen völ­lig ausreichen.

Ich schrei­be das so deut­lich, weil die heu­er in unse­rer Welt noch vor­han­de­nen Anpas­sungs­er­for­der­nis­se gern mit den Anpas­sungs­er­for­der­nis­sen in jenen Wel­ten ver­wech­selt oder gleich­ge­setzt wer­den. Die Anpas­sun­gen, die heu­te geleis­tet wer­den, sind in der Regel harm­lo­ser, sub­ti­ler. Heu­er geht es natür­lich auch noch um Anpas­sun­gen. Da sagen die Eltern viel­leicht auf der Ton­spur, dass es ja gar nicht dar­auf ankä­me, ob Gym­na­si­um oder Ober­schu­le, Haupt­sa­che, das Kind sei glück­lich. Aber auf der kör­per­sprach­li­chen Ebe­ne folgt womög­lich eine ande­re Bot­schaft, oder nach dem Gespräch sagt die Mama viel­leicht noch ganz bei­läu­fig: „Aber auf der Ober­schu­le, die­se Leu­te, da mache ich mir schon Sorgen.“

Der rohe Anpas­sungs­druck jener dik­ta­to­ri­schen Wel­ten exis­tiert hier nicht. An sei­ne Stel­le ist mehr Frei­heit getre­ten — und der Druck, der noch da ist, ist in vie­len Fäl­len sub­ti­ler gewor­den (das eben dar­ge­stell­te Bei­spiel mit „Ober­schu­le oder Gym­na­si­um“), und hat in ande­ren Fäl­len die Gestalt gewech­selt — ist bspw. zum Leis­tungs­druck geworden.

Wenn man das zuspitzt, könn­te man zu dem Schluss kom­men, dass heu­te zwar weit weni­ger Anpas­sung erwar­tet wird, aber auch und viel­mehr: Ein­zig­ar­tig­keit. Die heu­ti­ge Gefahr (neben dem sub­ti­le­ren Druck von den Eltern) lau­ert im Ver­gleich — in der Angst, nicht außer­ge­wöhn­lich genug zu sein. Nach dem Mot­to: Wer nicht beson­ders ist, geht unter. Wer sich nicht „selbst ver­wirk­licht“, ist geschei­tert.

Maaz sah fal­sche Iden­ti­tä­ten in der Unter­wer­fung unter das Kol­lek­tiv bzw. in der über­mä­ßi­gen Anpas­sung an elter­li­che und kol­lek­ti­ve Nor­men infol­ge Gewalt, Her­ab­set­zung usw. Heu­te ent­ste­hen fal­sche Iden­ti­tä­ten natür­lich auch noch durch Her­ab­set­zung, Gewalt und über­mä­ßi­gen Druck — aber immer häu­fi­ger eben auch durch die Unter­wer­fung unter ein gewis­ses, mit­un­ter sehr star­kes „Stre­ben nach Selbst­op­ti­mie­rung“ — und wie­der­um durch die Anpas­sung an elter­li­che, dies­mal aber indi­vi­dua­lis­ti­sche Nor­men. Damals muss­te man sich anpas­sen, um nicht auf­zu­fal­len. Heu­te muss man sich anpas­sen, um auf­zu­fal­len. Die Anpas­sung, die heu­te geschieht, kommt nicht mit Dro­hun­gen, son­dern mit Erwar­tun­gen, mit Idea­len, mit der stil­len, aber uner­bitt­li­chen Bot­schaft: Sei beson­ders. Sei indi­vi­du­ell. Sei ein­zig­ar­tig. 53 Pro­zent der deut­schen Kin­der sind heu­te Ein­zel­kin­der. Ein­zel­kin­der sind die in gewis­ser Wei­se „ein­zi­ge“ Ziel­per­son der Bemü­hun­gen von Eltern. So wer­den sie leicht — müs­sen nicht, aber wer­den es eben leicht — zum Pro­jekt.

Ver­ste­hen Sie mich nicht falsch: An dem Umstand, nur ein Kind zu haben, ist natür­lich nichts Ver­werf­li­ches. Dass die Ein-Kind-Part­ner­schaft der sta­tis­tisch häu­figs­te und die Kein-Kind-Part­ner­schaft der sta­tis­tisch zweit­häu­figs­te Fall ist, beruht auf Ent­schei­dun­gen der jewei­li­gen Part­ner. Hier kom­men wahr­schein­lich zwei Din­ge zusam­men: (a) der Umstand, dass man sich sehr genau über­legt, ob über­haupt, und wenn ja, wie vie­le Kin­der man haben möch­te, weil man eben indi­vi­dua­lis­ti­scher und selbst­be­stimm­ter und weni­ger an Tra­di­tio­nen gebun­den lebt, und (b) der Umstand, dass sich vie­le Men­schen nicht mehr als ein Kind leis­ten kön­nen, im Beson­de­ren in Metro­po­len. Die Fol­ge: Das ein­zel­ne Kind erhält in gewis­ser Wei­se, in den meis­ten Fäl­len eben­so unbe­ab­sich­tigt wie unbe­wusst, eine Haupt­rol­le im Leben sei­ner Eltern. Und es lernt, die­se Haupt­rol­le zu spie­len. Die­se Haupt­rol­le wird für das Kind selbst­ver­ständ­lich. Selbst­ver­ständ­lich bedeu­tet, dass das Kind die­se Haupt­rol­le nicht hin­ter­fra­gen kann. Das Kind ist ein­fach so.

Das Kind kommt spä­ter mit sei­nen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in ande­re Wel­ten — zum Bei­spiel sol­che Wel­ten, in denen man Noten bekommt. Wenn man eine gewis­se Haupt­rol­le hat und das selbst­ver­ständ­lich ist, man das aber gar nicht so recht von sich weiß, hin­ter­fragt man bspw. Noten eben­so selbst­ver­ständ­lich, wie man daheim über bestimm­te Din­ge zu dis­ku­tie­ren gelernt hat. Man ist weni­ger bereit, sich „ein­fach so“ Nor­men unter­zu­ord­nen, hin­ter­fragt sie usw.

Das Para­do­xe ist nun, dass bei­de Wege — die Unter­drü­ckung und der Umstand, unbe­wusst und unbe­ab­sich­tigt zum „Pro­jekt“ gewor­den zu sein — ähn­li­che Fol­gen haben kön­nen: Man zieht sich auf sich selbst zurück, betrach­tet alles zunächst von der eige­nen War­te aus.

Sowohl die Opfer­rol­le als auch der (über­trie­be­ne) „Pro­jekt-Sta­tus“ haben para­do­xer­wei­se ähn­li­che Kon­se­quen­zen, näm­lich einen gewis­sen „Nar­ziss­mus“, also eine Art „pri­mä­rer Selbst-Bezüg­lich­keit“ in der Iden­ti­täts­bil­dung und auch in der Inter­ak­ti­on mit anderen.

Das „fal­sche Selbst­bild“ kann sich also auf unter­schied­li­chen Wegen bil­den — in jedem Fall bleibt es ein „hung­ri­ges“ Kon­strukt. Es kriegt nie genug. Denn es kennt — in der älte­ren Vari­an­te — nur das „Ich bin genug, wenn…“, aber nie das „Ich bin jetzt und hier genug“. In der neue­ren Vari­an­te äußert sich das in etwa so: „Ich muss erst­mal sehen, ob ich das will und was es ggf. mit mir macht.“ Wenn ich mir genug bin, mer­ke ich ja nicht, dass ich über Gren­zen gehe, und wenn ich stän­dig damit beschäf­tigt bin zu über­le­gen, ob das jetzt „ok für mich“ ist, wer­de ich nie fer­tig, son­dern bin ich immer auch mit mir selbst beschäftigt.

Die Kompensation der eigenen Leere

Es gibt vie­le Wege, das „inne­re Loch“ zu fül­len. Kar­rie­re. Leis­tung. Sta­tus. Und eben auch: Hel­fen. Ein Hel­fer­be­ruf ist eine per­fek­te Tar­nung für das eige­ne Defi­zit. Denn hier geht es nicht um Ego­is­mus, nicht um Aner­ken­nung, nicht um Sta­tus – oder?

Die psy­cho­lo­gi­sche Rea­li­tät sieht anders aus. Vie­le Men­schen wäh­len einen sozia­len Beruf nicht nur aus Mit­ge­fühl, son­dern weil sie sich uner­setz­lich füh­len wol­len, weil sie einen Wert bewei­sen müs­sen, den sie inner­lich nie wirk­lich gespürt haben.

Die typi­sche Hel­fer-Moti­va­ti­on klingt so:

  • „Ich will für ande­re da sein.“
  • „Ich will einen Unter­schied machen.“
  • „Ich kann nicht anders, als zu helfen.“

Die ver­steck­te Wahr­heit aber könn­te so klingen:

  • „Ich muss für ande­re da sein, sonst bin ich nichts.“
  • „Ich muss etwas geben, damit ich etwas bekom­me — und weil ich es mir selbst nicht geben kann.“
  • „Ich kann nicht anders, weil ich nicht weiß, wer ich ohne das Hel­fen wäre.“

Die Arbeit mit Men­schen wird zum Ver­spre­chen auf „Erlö­sung“ von die­sem Fluch: Viel­leicht ist man irgend­wann genug, wenn man nur genug hilft. Doch das fal­sche Selbst­bild ist, wie gesagt, uner­sätt­lich. Ich bin nicht nur im Hams­ter­rad; ich bin das Hams­ter­rad. Ich bin gleich­zei­tig der Antrieb für mei­ne Hand­lun­gen als auch die Ursa­che für mei­ne (inne­re, oft unbe­wuss­te) Unzu­frie­den­heit mit mei­nen Hand­lun­gen. Jede Hil­fe, jede Aner­ken­nung, jedes geret­te­te Leben – es bringt kei­ne ech­te Sät­ti­gung. Denn das inne­re Defi­zit wird nicht durch die Erfol­ge genährt, son­dern bleibt unbe­rührt — Psy­cho­ana­ly­ti­ker wür­den viel­leicht sagen: unver­sorgt.

Und wäh­rend die­je­ni­gen im Hams­ter­rad unver­sorgt blei­ben, haben die­je­ni­gen mit dem „Pro­jekt­sta­tus“ stän­dig damit zu tun zu reflek­tie­ren, ob das, was gera­de ist, noch ok oder schon drü­ber ist.

Die Dyna­mik ist in bei­den Fäl­len ein Teu­fels­kreis: „nicht genug“ vs. „schon drü­ber“. Nicht umsonst ist die Belas­tungs­ein­tritts­schwel­le in den letz­ten Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich gesun­ken. Die nahe­lie­gen­den Ant­wor­ten wären: auf der einen Sei­te die Not hin­ter dem eige­nen Nar­ziss­mus zu erken­nen und dar­auf zu reagie­ren, und auf der ande­ren Sei­te die Deka­denz des eige­nen Nar­ziss­mus’ zu erken­nen und sich — län­ger als die eige­nen Frus­tra­ti­ons­gren­zen signa­li­sie­ren — auf Situa­tio­nen ein­zu­las­sen. Nar­ziss­tisch ist bei­des, das eine treibt einen zu Höchst­leis­tun­gen, das ande­re treibt einen zu per­ma­nen­ter Reflexion.

Das (selbst gebau­te) Hamsterrad:

  • Das Gefühl, nicht genug zu sein, erzeugt den Drang zu helfen.
  • Das Hel­fen führt zu Erfolg, Lob und Dankbarkeit.
  • Doch die Aner­ken­nung trifft nicht das eigent­li­che Selbst, son­dern nur das fal­sche Selbstbild.
  • Das Defi­zit bleibt, die Erfol­ge spürt man nur kurz und nicht wirklich.
  • Das Gefühl, nicht genug zu sein, bleibt bestehen – also hilft man wei­ter­hin bzw. „mehr“.

So ent­steht ein end­lo­ses Ren­nen gegen sich selbst. Ein Hel­fer kann, von außen betrach­tet, erfolg­reich, inner­lich aber leer sein. Denn solan­ge das Hel­fen eine Kom­pen­sa­ti­on für das eige­ne Defi­zit ist, kann es nie wirk­lich erfüllen.

Wie man aus dem Kreislauf ausbricht — oder eben auch nicht

Um aus dem Kreis­lauf aus­zu­bre­chen, müss­te man zunächst das fal­sche Selbst­bild erken­nen – und es dann los­las­sen. Aber haben Sie schon ein­mal sich selbst losgelassen?

Wer sich selbst sucht, fin­det nichts, lau­tet die bit­te­re Erkennt­nis. Man müss­te also auf­hö­ren, jemand anders sein zu wol­len. Wenn man aber gleich­zei­tig gar nicht weiß, wer man ist, und wenn man, da man sich selbst sucht, nichts fin­det, steckt man umso mehr in der Fal­le. Wir bestehen ja nur aus Erin­ne­run­gen und Gewohn­hei­ten — wenn die aber die „fal­schen“ sind, beißt sich die sprich­wört­li­che Kat­ze in den Schwanz.

Ich fürch­te, dass man nur ver­su­chen kann zu ler­nen, damit zu leben, oder bes­ser: den­noch zu leben — frei nach dem Spruch von Albert Camus: Wenn man erst­mal ver­stan­den hat, dass das Leben kei­nen Sinn hat, lohnt es sich trotz­dem, das Leben zu leben.

Ein Wider­spruch? Wahr­schein­lich. Aber die gan­ze mensch­li­che Exis­tenz ist ein Wider­spruch in sich, also nicht die Exis­tenz an und für sich, wohl aber führt unse­re Fähig­keit, uns zu uns selbst ins Ver­hält­nis set­zen und Sinn­fra­gen stel­len zu kön­nen, zu Widersprüchen.

All das bedeu­tet kei­nes­wegs, dass zu hel­fen irgend­wie „schlecht“ wäre. Aber ich muss mich fra­gen: War­um hel­fe ich? Ist es ein natür­li­cher Impuls oder eine Flucht vor mir selbst? Wahr­schein­lich ist es beides.

Ein paar zen­tra­le Fra­gen zur Reflexion:

  • Kann ich auch dann einen Wert in mir sehen, wenn ich nichts leiste?
  • Füh­le ich mich nur dann gut, wenn ande­re mich brauchen?
  • Spü­re ich wirk­lich Zufrie­den­heit nach mei­nen Erfol­gen – oder nur eine kur­ze Erleich­te­rung, bevor das „Nicht genug“-Gefühl wiederkommt?

Erst wenn man das inne­re Defi­zit aner­kennt, anstatt es durch end­lo­se Leis­tun­gen zu über­de­cken, kann ech­te Selbst­ak­zep­tanz entstehen.

Das klingt doch plau­si­bel, oder?

Zur Not haben wir die „Posi­ti­ve Psy­cho­lo­gie“, mit der wir all das irgend­wie „her­um­dre­hen“ und uns schön­re­den können.

Hat man erst­mal das Vaku­um, von dem hier die Rede ist, gese­hen, gefühlt und ver­stan­den, dann ist Hel­fen nicht mehr Zwang, son­dern Wahl, nicht mehr eine Ant­wort auf Selbst­ver­lust, son­dern Selbstausdruck.

Soweit die Theo­rie. Ist Ihnen das schon ein­mal gelun­gen? Mir ist es nur zeit­wei­se, vor­über­ge­hend gelungen.

Der „Hun­ger“ bleibt, so will ich ver­mu­ten, den­noch. Man wird mit dem Hun­ger wohl leben müs­sen. Denn am Ende kann man nicht genug hel­fen, um sich selbst zu ret­ten. Am Ende muss man akzep­tie­ren, was ist. Und es ist, wie es ist, es wird nicht anders.

Die ein­zi­ge posi­ti­ve Sei­te emo­tio­na­ler Insta­bi­li­tät ist Kreativität.

Je mehr Selbst­hil­fe­bü­cher erschei­nen und je mehr Selbst­op­ti­mie­rungs­ver­spre­chen for­mu­liert wer­den, des­to deut­li­cher wird, dass wir uns nicht bes­ser füh­len, je mehr wir uns damit befas­sen — im Gegenteil.

Die­ses Gefäng­nis betrifft die heu­te jun­gen Men­schen umso mehr, fürch­te ich, als dass sie eben im Fal­le des Zutref­fens der Umstän­de, die zu einem „hung­ri­gen“ (fal­schen) Selbst­bild geführt haben, UND des Umstands, in gewis­ser (eben­so unbe­ab­sich­tig­ter wie unbe­wuss­ter) Wei­se zum „Pro­jekt“ gewor­den zu sein, in einer Art „dop­pel­ter Fal­le“ ste­cken, in einer Art „nar­ziss­ti­schen Gefäng­nis­ses“ mit Spie­geln an bei­den Sei­ten der Zel­le. In so einem Fall haben weder die Suche noch die Refle­xi­on ein Ende.

Wie wäre es denn, ein­fach zu leben?

Aber genau das geht ja nicht.

Woll­te ich das Hams­ter­rad anhal­ten, müss­te ich mich anhal­ten. Ich kann wohl Pau­se machen, in den Wald gehen, mei­nen Gedan­ken zuhö­ren. Ler­nen, dem Wald zuzu­hö­ren. Oder irgend­et­was der­glei­chen. Ich soll mich nur nicht der Illu­si­on hin­ge­ben, dass es mit irgend­ei­nem Trick oder irgend­ei­nem Coa­ching oder irgend­ei­nem Buch oder irgend­ei­ner Hoff­nung weg­geht. Wenn es wirk­lich so ein­fach wäre, wüss­ten wir längst, wie das geht, dann wür­den wir nicht jeden Monat Hun­der­te von Büchern und Aber­tau­sen­de, wenn nicht Mil­lio­nen, Posts zu die­sem The­ma veröffentlichen.

Jörg Hei­dig

PS I: Tei­le der Erkennt­nis­se von Maaz, ins­be­son­de­re sein bekann­tes Buch aus der Zeit nach der Wen­de („Der Gefühls­stau“) sowie wie­der­um sei­ne spä­ten Bücher und Inter­views um 2020 her­um und spä­ter wei­sen einen star­ken Bezug zu Ost­deutsch­land auf. Wer nach ähn­li­chen Erkennt­nis­sen sucht, die nicht aus Ost­deutsch­land stam­men und auch gar nichts mit Ost­deutsch­land zu tun haben, wird im wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne bei­spiels­wei­se bei Edgar Schein („Coer­ci­ve Per­sua­si­on“) fün­dig. Und wer das ggf. in Anwen­dung auf die Sowjet­uni­on und indi­rekt auch das heu­ti­ge Russ­land ver­ste­hen will, fin­det im lite­ra­ri­schen Sin­ne Ant­wor­ten in dem Buch „Alles fließt“ von Was­si­li Gross­man.

PS II: Ein Nach­wort an all jene, die nach dem Lesen viel­leicht gedacht haben, dass der Text all­zu krass sei: Fra­gen Sie sich gege­be­nen­falls, war­um Sie hel­fen. Prü­fen Sie mög­li­cher­wei­se, war­um Sie das jetzt den­ken. Viel­leicht sind Sie ja ganz reflek­tiert und wis­sen das alles schon, wor­über ich hier schrei­be. Aber wenn die Refle­xi­on vor allem von Ihnen aus­geht, qua­si fast jeder Gedan­ke bei Ihnen beginnt — was ist dann? Ist dann viel­leicht etwas dran? 😉

PS III: Das Bei­trags­bild wur­de mit Hil­fe einer künst­li­chen Intel­li­genz erstellt.

Von Jörg Heidig

Dr. Jörg Heidig, Jahrgang 1974, ist Organisationspsychologe, spezialisiert vor allem auf Einsatzorganisationen (Feuerwehr: www.feuerwehrcoach.org, Rettungsdienst, Polizei) und weitere Organisationsformen, die unter 24-Stunden-Bedingungen funktionieren müssen (bspw. Krankenhäuser, Pflegeheime, viele Fabriken). Er war mehrere Jahre im Auslandseinsatz auf dem Balkan und hat Ende der 90er Jahre in Görlitz bei Herbert Bock (https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Bock) Kommunikationspsychologie studiert. Er schreibt regelmäßig über seine Arbeit (www.prozesspsychologen.de/blog/) und hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, darunter u.a. "Gesprächsführung im Jobcenter" oder "Die Kultur der Hinterfragung: Die Dekadenz unserer Kommunikation und ihre Folgen" (gemeinsam mit Dr. Benjamin Zips: www.kulturderhinterfragung.de). Dr. Heidig lebt in der Lausitz und begleitet den Strukturwandel in seiner Heimat gemeinsam mit Stefan Bischoff von MAS Partners mit dem Lausitz-Monitor, einer regelmäßig stattfindenden Bevölkerungsbefragung (www.lausitz-monitor.de). In jüngster Zeit hat Jörg Heidig gemeinsam mit Viktoria Klemm und ihrem Team im Landkreis Görlitz einen Jugendhilfe-Träger aufgebaut. Dr. Heidig spricht neben seiner Muttersprache fließend Englisch und Serbokroatisch sowie etwas Russisch. Er ist häufig an der Landesfeuerwehrschule des Freistaates Sachsen in Nardt tätig und hat viele Jahre Vorlesungen und Seminare an verschiedenen Universitäten und Hochschulen gehalten, darunter an der Hochschule der Sächsischen Polizei und an der Dresden International University. Sie erreichen Dr. Heidig unter der Rufnummer 0174 68 55 023 sowie per Mail unter heidig@prozesspsychologen.de.