Die Quintessenz der Moderation: Welche Haltungen und Techniken wirksam sind

Wir leben in „span­nen­den Zei­ten“: Gesell­schaft­li­cher Dia­log wird kom­ple­xer und oft auch kom­pli­zier­ter, Demo­kra­tie wird „irgend­wie anstren­gen­der“. Ähn­li­che Trends las­sen sich auch auf einer indi­vi­du­el­len Ebe­ne beob­ach­ten: Wir han­deln unab­hän­gi­ger und tref­fen Ent­schei­dun­gen immer weni­ger ent­lang kol­lek­tiv gül­ti­ger Kon­ven­tio­nen. Wir wer­den diver­ser, viel­fäl­ti­ger — und gleich­zei­tig wächst bei vie­len die Sehn­sucht nach „intel­lek­tu­el­lem Halt“, nach „Rich­tig“ und „Falsch“. „Diver­si­tät“ auf der einen Sei­te und „Rich­tig und Falsch“ auf der ande­ren Sei­te sind aber kaum in ein­fa­cher Wei­se zusam­men­zu­brin­gen. Die Begrif­fe schil­lern und wer­den selbst divers, indem sie von jeder und jedem bean­sprucht, inter­pre­tiert und im Zwei­fels­fall auch „dekon­stru­iert“ wer­den kön­nen. 

Kein Wun­der also, wenn es zuneh­mend pro­fes­sio­nel­ler Ver­mitt­lung zwi­schen unter­schied­li­chen und bis­wei­len recht gegen­sätz­li­chen Sicht­wei­sen bedarf. Eine in vie­len Berei­chen immer häu­fi­ger zu beob­ach­ten­de „Rol­le“ ist die der Mode­ra­ti­on oder Media­ti­on. Es geht dabei dar­um, Pro­zes­se so zu beglei­ten, dass dabei auch etwas her­aus­kommt und man sich nicht „fest­dis­ku­tiert“ und damit die oft ohne­hin schon pola­ri­sier­ten Posi­tio­nen wei­ter zementiert.

In die­sem Text geht es um Mode­ra­ti­ons­me­tho­den. Dabei wird vor allem auf die Per­son der Mode­ra­to­rin oder des Mode­ra­tors abge­stellt — auf die­je­ni­gen Hal­tun­gen und Tech­ni­ken, die eine Per­son bei der Steue­rung bzw. „hilf­rei­chen Beglei­tung“ einer Dis­kus­si­on ein­neh­men bzw. ver­wen­den kann. Damit beschrän­ken sich die Dar­stel­lun­gen hier auf den Hori­zont bzw. die Grup­pen­grö­ße, die eine Per­son — oder ein Mode­ra­to­ren­paar — beglei­ten kann. In der Regel liegt die­se Grö­ße zwi­schen sechs und etwa zwan­zig, im geüb­te­ren Höchst­fall bei etwa drei­ßig Per­so­nen. Alle ande­ren Grö­ßen wür­den neben der kon­kret mode­rie­ren­den Per­son (oder dem Paar) ein Mode­ra­to­ren­team und ent­spre­chen­de „Groß­grup­pen­for­ma­te“ erfor­dern — dar­um geht es hier nicht.

Den fol­gen­den Dar­stel­lun­gen soll hier in Anleh­nung an Edgar Scheins „Hum­ble Inqui­ry“ zunächst eine Rei­he von „ers­ten Sät­zen“ bzw. eine Art kur­zer Meta­theo­rie zugrun­de gelegt werden:

  1. Abläu­fe und Abstim­mun­gen wer­den komplexer.
  2. Wenn die Kom­ple­xi­tät zunimmt, wird „Erfolg“ immer abhän­gi­ger von gelin­gen­der Kommunikation.
  3. Gelin­gen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on beruht auf Bezie­hun­gen, ggf. einem Mini­mal­maß an gegen­sei­ti­ger Akzep­tanz, damit man als Orga­ni­sa­ti­on oder Gemein­we­sen hand­lungs­fä­hig bleibt. (Eine durch­aus inter­es­san­te Fra­ge ist, wo hier Gren­zen ver­lau­fen, aber die­se Fra­ge wird in die­sem Bei­trag aus­ge­blen­det, denn hier geht es ja „nur“ um den gelin­gen­den Fall.)
  4. Bezie­hun­gen basie­ren auf Vertrauen.
  5. Ver­trau­en beruht auf gegen­sei­ti­gem Interesse.

Bei der Mode­ra­ti­on geht es dar­um, Men­schen in einen — hof­fent­lich hilf­rei­chen oder wirk­sa­men — Dia­log mit­ein­an­der zu brin­gen. Als Mode­ra­to­rin oder Mode­ra­tor zeigt man — qua­si stell­ver­tre­tend — Inter­es­se. Das Ziel die­ses „stell­ver­tre­ten­den Inter­es­ses“ ist es, dass ein ent­spre­chen­der Aus­tausch entsteht.

Aus­tausch ist etwas völ­lig ande­res als Beleh­rung. Das wird in der Pra­xis gern und oft ver­wech­selt. Aus­tausch setzt vor­aus, dass ich mein Gegen­über und sei­ne Sicht­wei­sen akzep­tie­re, wie sie sind. Beleh­rung impli­ziert, dass mei­ne Sicht­wei­se ggf. „rich­ti­ger“ ist als die mei­nes Gegen­übers — was mein Gegen­über in der Regel als Her­ab­set­zung emp­fin­den wird.

Die wich­tigs­ten Mode­ra­ti­ons­tech­ni­ken sind Fragen

Die mei­nes Erach­tens hilf­reichs­te Fra­ge­ty­po­lo­gie (und gleich­zei­tig eine der ein­fachs­ten ihrer Art) stammt aus dem Buch „Hum­ble Inqui­ry“ von Edgar Schein:

Inter­es­sens­fra­gen: Im deut­schen Sprach­ge­brauch wird die­se Art von Fra­gen in der Regel als „offe­ne Fra­gen“ bezeich­net. Die ein­fachs­te Regel lau­tet: Alle Fra­gen, die mit W begin­nen, sind dazu geeig­net, Inter­es­se zu zei­gen. Vor­aus­set­zung ist, dass man Fra­gen stellt, auf die man die Ant­wort noch nicht kennt. Eine wirk­lich offen gestell­te Inter­es­sens­fra­ge über­lässt es dem Gegen­über, was er oder sie ant­wor­tet — und bewirkt, dass sich die ande­re Sei­te ggf. sogar ver­stan­den fühlt. Ein­zi­ge Aus­nah­me: So lan­ge noch kein Ver­trau­en vor­han­den ist, muss man mit der War­um-Fra­ge (äqui­va­lent: Wie­so… Wes­halb…) ein wenig vor­sich­tig sein, denn die War­um-Fra­ge kann das Gegen­über leicht in eine Situa­ti­on der Recht­fer­ti­gung brin­gen, was wie­der­um als „Drän­gen“ oder gar als „Her­ab­set­zung“ emp­fun­den wer­den kann.

Pro­zess­fra­gen: Pro­zess­fra­gen sind sol­che Fra­gen, die sich auf den Stand der Dis­kus­si­on oder auf den Sta­tus der Bezie­hung rich­ten. Sie sind ins­be­son­de­re dann hilf­reich, wenn eine Dis­kus­si­on gera­de stockt oder es ande­re Pro­ble­me im Gesprächs­fluss gibt. Eini­ge Varianten:

  • „Wo ste­hen wir gera­de?“ 
  • „Was ist gera­de pas­siert?“ 
  • „Wie sehen Sie unser bis­he­ri­ges Gespräch?“ 
  • „Was müss­te pas­sie­ren, damit die Dis­kus­si­on für Sie gut oder hilf­reich ist?“

All das sind Fra­gen, die zu einer Ver­stän­di­gung über das Gespräch bei­tra­gen und die im Pro­zess — qua­si auf einer Art Meta­ebe­ne — gestellt wer­den kön­nen, um 

  1. Infor­ma­tio­nen über den Gesprächs­pro­zess zu gewin­nen oder 
  2. die Dis­kus­si­on wie­der in ein „kon­struk­ti­ves Fahr­was­ser“ zurückzubringen.

Kon­fron­ta­ti­ve Fra­gen: Intui­tiv nei­gen wir (oder die meis­ten von uns) dazu, geschlos­se­ne Fra­gen zu stel­len. Und bei den geschlos­se­nen Fra­gen gibt es ins­be­son­de­re eine Art, die defi­ni­tiv nicht geeig­net ist, hilf­reich zu sein oder Ver­trau­en zu schaf­fen oder eine „Moti­va­ti­on für die Wei­ter­füh­rung eines Dia­logs“ zu schaf­fen — und zwar han­delt es sich dabei um so genann­te „kon­fron­ta­ti­ve Fra­gen“. Ins­be­son­de­re man­che Jour­na­lis­ten schei­nen die­se Art von Fra­gen zu mögen. Die Grund­form einer kon­fron­ta­ti­ven Fra­ge besteht im Test eige­ner Ver­mu­tun­gen — indem ich mein Gegen­über fra­ge, was ich selbst ver­mu­te („Ist das so, weil…?“ oder: „Sie haben aus die­sem oder jenem Grund so gehan­delt, oder?“), las­se ich ihr oder ihm nicht die Frei­heit, die eige­ne Sicht­wei­se zu schil­dern, son­dern zwin­ge mein Gegen­über qua­si dazu, mei­ne Ver­mu­tun­gen — oder im Stei­ge­rungs­fall vie­ler jour­na­lis­ti­scher Fra­gen: Unter­stel­lun­gen — zu bestä­ti­gen oder abzu­leh­nen. Eine Kon­fron­ta­ti­on sug­ge­riert „bes­se­res Wis­sen“ und wird des­halb im Fal­le feh­len­den Ver­trau­ens min­des­tens als „arro­gant“, wenn nicht sogar als „Angriff“ ver­stan­den — und ist des­halb kaum hilf­reich, wenn es um Dia­log geht.

Die Hal­tung ist wich­ti­ger als die Technik

Mein Gegen­über merkt, ob ich ein ech­tes Inter­es­se habe oder ob mein Inter­es­se eher „vor­ge­täuscht“ oder „geheu­chelt“ ist — oder ob ich es gar bes­ser zu wis­sen glau­be und mein Gegen­über ggf. beleh­ren möch­te. Wenn eine Mode­ra­ti­on wirk­lich erfolg­reich sein soll, kommt es natür­lich auch auf die Tech­ni­ken an, aber viel wich­ti­ger ist die Hal­tung. Die „Essenz“ einer guten — hilf­rei­chen… wirk­sa­men… — Hal­tung ist, selbst nichts zu wol­len. Man ist Faci­li­ta­tor oder Pro­zess­hel­fe­rin oder eben Mode­ra­tor — das impli­ziert, dass man all­par­tei­lich oder neu­tral ist und selbst kei­ne (inhalt­li­che) Mis­si­on hat. Tat­säch­li­che Neu­tra­li­tät gelingt am bes­ten, wenn man „sich in den Pro­zess kip­pen lässt“. Im Grun­de bedeu­tet das, der Dis­kus­si­on von der Hal­tung her zu fol­gen, im Pro­zess aber ein bis zwei Schrit­te vor­aus zu sein, das heißt, die nächs­ten bei­den mög­li­chen Fra­gen zu ken­nen, jeman­den im Auge zu haben, die noch nichts oder lan­ge nichts gesagt hat oder dar­auf ein­zu­ge­hen, wenn jemand kör­per­sprach­lich eher stark zu reagie­ren scheint, von sich aus aber nichts sagen wür­de usw. Als Mode­ra­tor bin ich für den Pro­zess zustän­dig, nicht für die Inhalte.

Wei­te­re Techniken

Neben den Fra­gen, denen hier beson­de­res Augen­merk gewid­met wur­de, sind noch eine Rei­he wei­te­rer Tech­ni­ken hilfreich:

  1. Rück­for­mu­lie­ren: Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer füh­len sich ver­stan­den, wenn Mode­ra­to­ren mit kur­zen Wor­ten wie­der­ge­ben, was soeben gesagt wur­de. Die­se Tech­nik hat — gera­de bei län­ge­ren Wort­mel­dun­gen — auch eine den Dis­kus­si­ons­pro­zess fokus­sie­ren­de Wir­kung. Indem die Haupt­punk­te einer Wort­mel­dung noch ein­mal wie­der­holt wer­den, kann man leich­ter zu den nächs­ten Wort­mel­dun­gen über­lei­ten und ist es für Fol­ge­red­ner ein­fa­cher, an bereits Gesag­tes anzu­schlie­ßen. Man soll­te die­se Tech­nik nicht skla­visch nach jeder Äuße­rung anwen­den, son­dern nur dann, wenn sie im Pro­zess för­der­lich sein kann, man also bei­spiels­wei­se das Wort von einer Sicht­wei­se zu einer ande­ren Posi­ti­on wei­ter­ge­ben möchte.
  2. Zusam­men­fas­sen: Die viel­leicht wich­tigs­te Tech­nik neben den Fra­gen ist die Zusam­men­fas­sung — man kann die­ses Instru­ment ruhig etwas öfter nut­zen, als es die eige­ne Intui­ti­on ggf. nahe­legt. Regel­mä­ßi­ge Zusam­men­fas­sun­gen fokus­sie­ren den Dis­kus­si­ons­pro­zess und die­nen der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Stands einer Dis­kus­si­on — und kön­nen hel­fen, etwa eine „Sack­gas­se“ (also bspw. eine fest­ge­fah­re­ne Dis­kus­si­on zwi­schen zwei betei­lig­ten Sei­ten) wie­der zu verlassen.
  3. Visua­li­sie­ren: Eine Dis­kus­si­on soll­te in geeig­ne­ter Wei­se visua­li­siert wer­den, wobei man dar­auf ach­ten soll­te, dass man nicht zum „Too­li­gan“ wird, also zum Skla­ven bestimm­ter Mode­ra­ti­ons­tech­ni­ken wie der Kar­ten­ab­fra­ge. Mode­ra­to­ren sind nach mei­nem Dafür­hal­ten kei­ne „Kar­ten-DJs“, son­dern „Pro­zess­ge­stal­ter“. Die Fra­ge ist also, wel­che Visua­li­sie­rungs­tech­ni­ken für den Anlass, das The­ma und die Grup­pen­grö­ße hilf­reich sind. Oft ist ein Flip­chart völ­lig aus­rei­chend. Das ist nicht als gene­rel­les Argu­ment gegen Tech­ni­ken wie die Kar­ten­ab­fra­ge zu ver­ste­hen. Es gibt genug Gele­gen­hei­ten, bei denen eine Kar­ten­ab­fra­ge die rich­ti­ge Metho­de ist. Es geht mir eher dar­um, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass oft „weni­ger Tools“ und „mehr Aus­tausch“ bzw. „mehr Pro­zess“ wirk­sa­mer sind.

Kör­per­sprach­li­che Moderationstechniken

Neben der Hal­tung und der rei­nen Gesprächs­tech­nik gibt es noch eine drit­te Wir­kungs­di­men­si­on, wenn es um erfolg­rei­che Mode­ra­ti­on geht, näm­lich die eige­ne Prä­senz im Raum und die Ver­wen­dung der eige­nen Ges­tik als Mode­ra­ti­ons­tech­nik: 

  1. Prä­senz im Raum und Kör­per­hal­tung: Eine auf­rech­te, halb­wegs gera­de Hal­tung, ein ruhi­ger Atem und eine eben­so lang­sa­me wie ange­mes­sen lau­te Sprech­wei­se sind hier hilf­reich. Wenn der Dress­code eben­so pas­send zu den eige­nen Vor­lie­ben (Sie müs­sen sich in Ihrer Klei­dung wohl­füh­len!) wie „ziel­grup­pen­an­ge­mes­sen“ ist, beför­dert das die eige­ne Wir­kung. Wenn man auf­ge­regt ist, hel­fen Atem­tech­ni­ken, um sich wie­der zu fokussieren.
  2. Zugäng­lich­keit der Teil­neh­mer­po­si­tio­nen und Ges­tik: Ach­ten Sie dar­auf, dass Sie — gera­de bei kon­tro­ver­sen Dis­kus­sio­nen — die Teil­neh­mer phy­sisch errei­chen kön­nen. Manch­mal muss man sich regel­recht „dazwi­schen­stel­len“, um eine hei­ße Dis­kus­si­on wirk­sam zu mode­rie­ren. Ein offe­nes U als Rauman­ord­nung ist also bspw. rat­sam. Wenn Sie kön­nen, beein­flus­sen Sie ggf. auch die Sitz­po­si­ti­on ein­zel­ner Per­so­nen, sodass sich poten­ti­el­le Geg­ner nicht gegen­über­sit­zen. Wenn poten­ti­el­le Geg­ner über Eck sit­zen oder sogar neben­ein­an­der (und damit in die glei­che Rich­tung schau­en), ver­lau­fen Dis­kus­sio­nen etwas ruhi­ger. Mit der eige­nen Ges­tik „gibt“ oder „nimmt“ man das Wort. Ach­ten Sie dar­auf, einer­seits in einem guten und zuge­wand­ten Augen­kon­takt zu sein, ande­rer­seits aber eben mit Ihrer Ges­tik das Recht zu spre­chen geben oder neh­men. Eine nicht mode­rier­te Gesprächs­dy­na­mik soll­te m.E. unter­bun­den wer­den — wenn man zu oft „lau­fen lässt“ führt das zu dem Ein­druck, die mode­rie­ren­de Per­son hät­te den Pro­zess nicht mehr im Griff.

Umgang mit Widerständen

Der pro­fes­sio­nel­le Umgang mit Wider­stän­den ist eine Grat­wan­de­rung. Einer­seits gilt: Stö­run­gen haben Vor­rang. Wenn ich als Mode­ra­tor nicht auf Stö­run­gen ein­ge­he, hän­gen die­se ggf. unaus­ge­spro­che­nen Din­ge spä­ter wie eine Wol­ke über dem wei­te­ren Gesche­hen und kön­nen dazu füh­ren, dass der Pro­zess nicht gelingt. Ande­rer­seits kann eine Arti­ku­la­ti­on von Stö­run­gen auch zu Grund­satz­de­bat­ten füh­ren, die letzt­lich bewir­ken, dass sich die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer in ihren Posi­tio­nen „ein­gra­ben“. Der Trick liegt dar­in, die Stö­run­gen einer­seits zu the­ma­ti­sie­ren und ande­rer­seits „ziel­ori­en­tiert zu ver­wan­deln“, also bspw. danach zu fra­gen, was die Beden­ken oder Zwei­fel für den wei­te­ren Dis­kus­si­ons­pro­zess bedeu­ten. Fol­gen­de Hal­tun­gen und Tech­ni­ken sind dabei hilfreich:

  1. Wider­stand nicht als „Wider­stand“, son­dern als legi­ti­me Reak­ti­on ver­ste­hen und auch so behandeln
  2. nach­fra­gen, was genau gemeint ist und was das ggf. prak­tisch bedeu­tet oder mit wel­chen Erwar­tun­gen das ver­bun­den ist
  3. ein „Bünd­nis“ mit dem Wider­stand schlie­ßen, bspw. durch fol­gen­des Hand­lungs­mus­ter: „Wenn ich Sie rich­tig ver­stan­den habe, dann sagen Sie… Rich­tig? … „Wenn das so ist, dann erlau­ben Sie mir die Fra­ge, was das für unse­re Dis­kus­si­on bedeu­tet. Unter wel­chen Umstän­den oder Bedin­gun­gen wären Sie bereit, wei­ter an der Dis­kus­si­on teil­zu­neh­men? Was müss­te pas­sie­ren, damit sich die Dis­kus­si­on aus Ihrer Sicht lohnt?“

Eine der wirk­sams­ten Metho­den zum Umgang mit Wider­stän­den stammt aus dem Werk­zeug­kas­ten der Media­ti­on. Es geht dar­um, die Inter­es­sen hin­ter den Posi­tio­nen zu ergrün­den bzw. die vor­ge­tra­ge­nen Posi­tio­nen in Inter­es­sen zu verwandeln.

Die wirk­sams­ten Fra­gen über­haupt sind nach mei­ner Erfah­rung des­halb Vari­an­ten der fol­gen­den Fra­gen: 

  • „Was wol­len Sie? …sagen? …bewir­ken?“ 
  • „Was ist Ihnen wichtig?“
  • „Wor­um geht es Ihnen?“ 

Neh­men Sie also „Wider­stän­de“ nicht per­sön­lich und reagie­ren Sie nicht emo­tio­nal (was in der Regel zu Beleh­run­gen führt oder zu Dis­kus­sio­nen zwi­schen Teil­neh­mern und Mode­ra­to­ren), son­dern neh­men Sie die ent­spre­chen­den Reak­tio­nen als Anlass, Fra­gen zu stel­len und die Inter­es­sen hin­ter den vor­ge­tra­ge­nen Posi­tio­nen (Zwei­feln, Angrif­fen…) zu ergrün­den. Es ist ja nicht „Ihre“ Dis­kus­si­on, son­dern nur Ihr Pro­zess. Die Dis­kus­si­on gehört den Teil­neh­me­rin­nen und Teilnehmern.

Lesen Sie zum Umgang mit Wider­stän­den ver­tie­fend auch zwei wei­te­re Metho­den-Tex­te auf die­ser Website:

Wie reagiert man pro­fes­sio­nell auf Ver­su­che, die Mode­ra­to­ren­rol­le zu demontieren?

Gera­de in kon­tro­ver­sen Dis­kus­sio­nen kann es zu Ver­su­chen kom­men, die Mode­ra­to­ren­rol­le zu dis­kre­di­tie­ren oder regel­recht zu demon­tie­ren. Gän­gi­ge Vari­an­ten sind Zwei­fel an der Kom­pe­tenz oder Ein­schüch­te­rungs­ver­su­che. Will man sol­cher­lei Zwei­feln oder Angrif­fen pro­fes­sio­nell begeg­nen, gilt es vor allem, in der eige­nen Rol­le zu blei­ben und nicht den „emo­tio­na­len Trig­gern“ nach­zu­ge­ben. 

Aber wie geht das? Indem man „all­par­tei­lich“ und den Zie­len der Mode­ra­ti­on ver­bun­den bleibt. Im Grun­de ent­steht durch die Teil­nah­me an einer Dis­kus­si­on eine Art „Ver­trag“ zwi­schen Mode­ra­tor und Teil­neh­mern — und die­ser Ver­trag besteht aus gegen­sei­ti­gen Erwar­tun­gen. Die Erwar­tun­gen wer­den in der Regel am Anfang der Mode­ra­ti­on geklärt oder sind durch die Zie­le der Ver­an­stal­tung vor­ge­ge­ben. Nun muss nicht jede Teil­neh­me­rin die Zie­le einer Ver­an­stal­tung tei­len — die Zie­le kön­nen unklar sein oder man nimmt, gera­de bei Ver­an­stal­tun­gen mit vor­ge­ge­be­nen Zie­len, zwar an der Ver­an­stal­tung teil, ver­folgt aber abwei­chen­de oder inkom­pa­ti­ble Zie­le. Wich­tig ist zunächst ein­mal anzu­er­ken­nen, dass das pas­sie­ren kann — und darf. Erkennt man das an und lässt sich im oben beschrie­be­nen Sin­ne „in den Pro­zess kip­pen“, kann man eine ein­fa­che Tech­nik anwenden:

Die­se besteht im Prin­zip in einer kon­se­quen­ten Anwen­dung der eige­nen Grund­hal­tung (neu­tra­les Inter­es­se) und der oben beschrie­be­nen Fra­ge­tech­nik der Pro­zess­fra­gen. Wenn etwas stört, haben die Stö­run­gen zunächst Vor­rang. Prak­tisch bedeu­tet das, dass ich zunächst fra­ge, was los ist, ggf. danach fra­ge, wo wir ste­hen und was eigent­lich her­aus­kom­men soll. Im Prin­zip nut­ze ich eine neu­er­li­che Erwar­tungs­ab­fra­ge als Kor­rek­tur­mög­lich­keit für den Pro­zess: 

  • „Wo ste­hen wir gera­de?“ 
  • „Was möch­ten Sie? …errei­chen? …bewir­ken?“ 
  • „Was ist Ihr/unser Ziel?“ 
  • „Ist das, was gera­de pas­siert, hilf­reich, das Ziel zu errei­chen?“ 
  • „Darf ich noch ein­mal nach Ihren Erwar­tun­gen fra­gen?“ 
  • „Was müss­te pas­sie­ren, damit unser Gespräch die Zie­le erreicht? …hilf­reich ist? …wirk­sam ist?“ 

Wenn man der­art auf einer Meta­ebe­ne fragt, bewirkt man im Prin­zip Fol­gen­des: Ähn­lich wie bei einem bekann­ten Brett­spiel nutzt man die Chan­ce einer neu­en Run­de, geht über „LOS“ und sam­melt Start­ka­pi­tal ein. Das „Start­ka­pi­tal“ in unse­rem Fall ist die neu­er­li­che Erwar­tungs­ab­fra­ge. Wich­tig ist nur, dass man neu­tral bleibt und sich nicht von den Emo­tio­nen mit­neh­men lässt. In der Regel ver­las­sen Mode­ra­to­rin­nen oder Mode­ra­to­ren dann ihre Rol­le, wenn sie sich ange­grif­fen füh­len und emo­tio­nal reagie­ren. Statt sich zu recht­fer­ti­gen ist es bes­ser, im Pro­zess zu blei­ben und zu fra­gen, was ggf. die (durch das „stö­ren­de“ Ereig­nis ver­än­der­ten?) Zie­le sind und was pas­sie­ren müss­te, damit die Zie­le erreicht wer­den bzw. wie die (ggf. zu kor­ri­gie­ren­den) Erwar­tun­gen der Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer lau­ten. 

Abbil­dung: Die bes­te Tech­nik, mit Stö­run­gen umzu­ge­hen, ist, kon­kre­ti­sie­rend nach­zu­fra­gen. Nach Erwar­tun­gen zu fra­gen ist wie in einem bekann­ten Spiel über „Los“ zu gehen: Man bekommt das „Start­ka­pi­tal“ für eine neue Runde.

Die Fra­ge ist immer, wem die Dis­kus­si­on „gehört“. Einer Mode­ra­to­rin „gehö­ren“ nicht die Inhal­te, son­dern ihr gehört der Pro­zess — wenn sie dort bleibt, kann ihr nicht viel pas­sie­ren, außer dass die Kom­pe­tenz­zwei­fel so laut wer­den, dass eine Mode­ra­ti­on nicht mehr mög­lich ist. Aber auch das ist legi­tim und auch danach kann man fra­gen — und sich dann ent­spre­chend ver­hal­ten. Aber Sie wer­den sehen — bleibt man kon­se­quent bei sei­ner Rol­le und fragt beharr­lich-kon­kre­ti­sie­rend nach, ohne sich zu recht­fer­ti­gen, zu dis­ku­tie­ren oder zu vie­le Emo­tio­nen zu zei­gen, wer­den die Zwei­fel von allei­ne wie­der lei­ser. Im Extrem­fall kann man noch „die Grup­pe akti­vie­ren“, das heißt, auch ande­re in die Kurs­kor­rek­tur ver­mit­tels der Pro­zess­fra­gen ein­be­zie­hen — und dann wer­den sich auch eini­ge auf Ihre Sei­te stel­len. Aber Vor­sicht, das soll­te eines der letz­ten Mit­tel blei­ben, denn sol­che Vor­gän­ge kön­nen die Grup­pe ggf. spalten.

Mode­ra­to­ren sind dafür zustän­dig, dass die Dis­kus­si­on funk­tio­niert. Fol­gen Mode­ra­to­ren zu sehr ihren Emo­tio­nen, gera­ten sie in die Gefahr, aus die­ser Rol­le zu fal­len. Man kann hin und wie­der Emo­tio­nen „für den Pro­zess“ zei­gen — bei­spiels­wei­se ener­gisch dar­auf hin­wei­sen, was eigent­lich das Ziel ist o.ä. Aber man muss üben, sich durch Kom­pe­tenz­hin­ter­fra­gun­gen oder Angrif­fe nicht ver­lei­ten zu las­sen, die eige­ne Rol­le zu ver­las­sen und sich zu recht­fer­ti­gen. Man kann, wenn es gewünscht wird, den eige­nen Ansatz erläu­tern und ggf. nach Hin­wei­sen zur Kurs­kor­rek­tur fra­gen. Aber man soll sich nicht recht­fer­ti­gen, denn das führt in der Regel nur zu einer Wie­der­ho­lung der Kri­tik. Am Ende einer Eska­la­ti­on aus Kri­tik und Recht­fer­ti­gung ist man in der Tat nicht mehr hilf­reich — im Zwei­fels­fall führt die Kri­tik also dazu, dass sie stimmt. 

Die hilf­reichs­te Tech­nik lau­tet wie gesagt, immer wie­der nach Erwar­tun­gen zu fra­gen: Wo ste­hen wir? Was erwar­ten Sie? Und wenn sich die Sicht­wei­sen oder Erwar­tun­gen gegen die Mode­ra­ti­on rich­ten, dann ist auch das legi­tim. Das kann pas­sie­ren. Jemand kann der Mei­nung sein, ich sei als Mode­ra­tor nicht hilf­reich. Auch dann führt das zu einer Frage:

  1. „Ver­ste­he ich das rich­tig, dass Sie die Art und Wei­se, wie ich das hier mache, nicht gut fin­den? Was mei­nen Sie genau?“
  2. Mein Gegen­über antwortet.
  3. „Ok. Und darf ich fra­gen, was das aus Ihrer Sicht für die Dis­kus­si­on bedeutet?“
  4. Mein Gegen­über ant­wor­tet wieder.
  5. „Und darf ich die ande­ren ein­mal fra­gen, wie Sie das sehen?“
  6. Ande­re Teil­neh­mer antworten.
  7. „Wor­auf wol­len Sie sich jetzt eini­gen? Inwie­fern soll die — zuge­ge­ben nicht ein­fa­che — Dis­kus­si­on wei­ter­ge­hen oder an die­ser Stel­le enden? Oder was kann ich tun, damit sie gut weitergeht?“

In der Regel erfährt man so, was man ggf. tun kann, um eine Dis­kus­si­on zu „ret­ten“. Man soll­te aber immer im Kopf haben, dass man weder per­fekt ist noch alles kann und dass es Dis­kus­sio­nen gibt, die schlicht kaum zu steu­ern und schon gar nicht zu „ret­ten“ sind. Der bes­te Trick ist wie gesagt, selbst nichts zu wol­len.

Text, Titel­fo­to und Zeich­nung: Jörg Hei­dig

PS: Der Text fasst die Inhal­te mei­nes Mode­ra­ti­ons­t­uto­ri­ums beim Mas­ter­stu­di­en­gang Human Com­mu­ni­ca­ti­on an der Dres­den Inter­na­tio­nal Uni­ver­si­ty zusam­men und dient gleich­zei­tig als Grund­la­ge für Trai­nings zum The­ma Mode­ra­ti­on, u.a. an der Säch­si­schen Lan­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung im Auf­trag der Akti­on Zivil­cou­ra­ge.

Von Jörg Heidig

Jörg Heidig, Jahrgang 1974, nach Abitur und Berufsausbildung in der Arbeit mit Flüchtlingen zunächst in Deutschland und anschließend für mehrere Jahre in Bosnien-Herzegowina tätig, danach Studium der Kommunikationspsychologie, anschließend Projektleiter bei der Internationalen Bauausstellung in Großräschen, seither als beratender Organisationspsychologe, Coach und Supervisor für pädagogische Einrichtungen, soziale Organisationen, Behörden und mittelständische Unternehmen tätig. 2010 Gründung des Beraternetzwerkes Prozesspsychologen; seit 2016 Leitung des Görlitzer KIB-Instituts. Lehraufträge an der Hochschule der Sächsischen Polizei, der Dresden International University, der TU Dresden sowie der Hochschule Zittau/Görlitz.